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Der Mond ist nicht genugDer Mond ist nicht genug

Der Mond ist nicht genug

Roman

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Der Mond ist nicht genug — Inhalt

Einmal das Universum bitte – geschüttelt, nicht gerührt!

Dianas Pechsträhne scheint endlich ein Ende zu haben, als ihr nach Monaten ohne Wohnung das perfekte Apartment angeboten wird. Gut, vielleicht hätte sie der etwas merkwürdige Vermieter und die noch merkwürdigeren Verhaltensregeln, die er ihr mit auf den Weg gab, abschrecken sollen. Aber eine Jukebox mit all ihren Lieblingssongs ist ohne Zweifel ein schlagendes Argument! Man könnte also sagen, Diana ist selbst schuld, dass sie nun mit Vom zusammenleben muss, einem Monster, das sie fressen wird, sobald sie den Wandschrank öffnet (bitte nicht persönlich nehmen!). Doch eigentlich ist Dianas neue, monströse Welt gar nicht so schlecht – dumm nur, dass nicht nur der Mond, sondern das gesamte Universum bereits auf der Speisekarte eines ihrer neuen Freunde steht … Eine herrlich skurrile Horrorkomödie aus der Feder des amerikanischen Kultautors.

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 14.05.2013
Übersetzt von: Karen Gerwig
400 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-26882-0
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 14.05.2013
Übersetzt von: Karen Gerwig
398 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96257-5

Leseprobe zu »Der Mond ist nicht genug«

Eins


»Du tust es schon wieder«, sagte Sharon.

»Ach?«

Der Mond rief Calvin. Nach all der Zeit hätte er eigentlich daran gewöhnt sein müssen, aber es lenkte ihn trotzdem immer noch ab. Vor allem an Neumond, wenn der silberne Himmelskörper in der Dunkelheit verschwand.

Fenris, dieses grässliche Wesen, kroch hinter dem Mond her. Der Mondgott wirkte in solchen Nächten wie ein Feuerball.

Heute war es allerdings nur ein Halbmond, und in gewisser Weise machte es das noch schlimmer. Bei Vollmond war die Stimme kaum ein Flüstern, und das schreckliche Ding, das [...]

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Eins


»Du tust es schon wieder«, sagte Sharon.

»Ach?«

Der Mond rief Calvin. Nach all der Zeit hätte er eigentlich daran gewöhnt sein müssen, aber es lenkte ihn trotzdem immer noch ab. Vor allem an Neumond, wenn der silberne Himmelskörper in der Dunkelheit verschwand.

Fenris, dieses grässliche Wesen, kroch hinter dem Mond her. Der Mondgott wirkte in solchen Nächten wie ein Feuerball.

Heute war es allerdings nur ein Halbmond, und in gewisser Weise machte es das noch schlimmer. Bei Vollmond war die Stimme kaum ein Flüstern, und das schreckliche Ding, das ihm nachjagte, färbte sich fleckig dunkelgrün, sodass es fast verschwand. Bei Neumond war die Stimme dann so laut, dass er beinahe hören konnte, was sie sagte. Und er fand Trost in dieser fremden Stimme. Nur bei Halbmond war die Balance zwischen seinem eigenen Geist und dem grässlichen Ding da oben gerade so, dass es nach seiner Seele greifen und kratzen konnte. Das war keine Absicht. Fenris war nur von seiner Lage verwirrt und verängstigt und suchte Zuflucht in seinem Geist, während er gegen den endlos tobenden Sturm des Wahnsinns ankämpfte.

Sharon drehte Calvin sanft vom Fenster weg und half ihm mit seiner Krawatte. »Ich weiß nicht, warum du den Knoten nie richtig hinbekommst.«

»Und ich weiß nicht, warum das überhaupt wichtig sein soll«, antwortete er. »Niemand schert sich um die Krawatte.«

»Ach, sei ruhig.« Sie legte ihm eine Hand an die Lippen. »Es wird dich schon nicht umbringen, dich ab und zu ein bisschen gut anzuziehen.«

Sharon war groß, ungefähr elf Kilo schwerer, als Hollywood es Nichtcharakterdarstellerinnen zugestand, und besaß ein Lächeln, das ihn immer wieder auf die Erde zurückbrachte.

»Ich sehe nur nicht ein, warum …«

»Du musst es nicht einsehen, Calvin, mein Schatz. Manchmal tun wir Dinge einfach nur, weil wir sie tun. Das ist Tradition.«

Er gluckste. Traditionen bedeuteten ihm wenig. Wahrscheinlich, weil er Tausende davon hatte kommen und gehen sehen.

»Wie sehe ich aus?«, fragte sie.

»Hübsch«, antwortete er automatisch, ohne sich die Zeit zu nehmen, sie anzusehen.

Sie war nicht beleidigt; sie war seine Stimmungen gewohnt. Sie legte ihm nur die Hand an die Wange und drehte sein Gesicht vom Nachthimmel weg. »Fertig?«

Abwesend nickte er. »Ich denke schon. Aber könntest du nicht dieses eine Mal ohne mich hingehen?«

Sharon runzelte die Stirn. »So läuft das nicht. Das weißt du doch.«

»Könnten wir es nicht um ein oder zwei Tage verschieben?«

»Wir haben einen sehr genauen Zeitplan«, antwortete sie. »Greg sagt, heute ist der Abend der Abende und dass die Ordnung der Himmel genau …«

»Tja, wenn Greg das sagt.«

»Sei nicht so!« Es klang beinahe, als schelte sie einen Dreijährigen.

»Ich kann den Kerl einfach nicht leiden«, sagte Calvin.

»Das geht allen so.«

Sie wusste einfach immer, was sie sagen musste.

In Wirklichkeit wurde Greg von vielen Leuten gemocht. Er war ein so liebenswürdiger Mensch, fast schon pathologisch. Greg wollte nicht nur, dass man ihn mochte. Er brauchte es. Calvin fand dieses Bedürfnis widerlich.

»Ist es wirklich so schlimm, wenn wir es diesmal ausfallen lassen?«, fragte er.

»Eine Menge Leute freuen sich auf heute Abend. Du willst doch nicht dafür verantwortlich sein, wenn es den Bach runtergeht, oder?«

»Wohl kaum.«

»Gut. Und jetzt zieh dir die Schuhe an. Der Fahrservice müsste jeden Moment hier sein.«

Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Wange und ließ ihm Zeit, sich fertig anzukleiden. Er besaß mehr Schuhe als jeder nichtmetrosexuelle Hetero-Mann haben sollte. Sharon kaufte sie ständig. Sie sagte, an den Schuhen könne man eine Menge über jemanden ablesen.

Er selbst konnte nur erkennen, dass er zu viele Schuhe besaß.

Er griff nach einem Paar weißer Turnschuhe.

»Ach, Calvin!«, rief Sharon aus dem Nebenzimmer. »Wenn du unbedingt Schuhe tragen willst, die nicht zu dem Anlass passen, könntest du dann wenigstens die schwarzen nehmen?«

Er schnappte sich die schwarzen Turnschuhe und zog den rechten an. Etwas, das dort nicht hingehörte, zappelte zwischen seinen Zehen. Entnervt zog er den Schuh wieder aus und drehte ihn um. Gelbe schleimige Pampe tropfte auf den Teppich.

»Ach, Scheiße!«

Dem Schleim wuchsen dicke braune Haare. Ein einzelnes Auge öffnete sich und blinzelte ihn an.

»Sharon, ich habe es schon wieder getan!«

Er griff nach dem Schleim, was aber nur zur Folge hatte, dass er unters Bett wieselte.

»Verdammt!« Er ließ sich auf den Boden fallen und tastete in der Dunkelheit herum. »Sharon!«

»Ach Mensch, Calvin!«, sagte sie. »Wir haben keine Zeit für so etwas!«

»Sag das nicht mir«, erwiderte er. »Sag es dem da!«

Seine Hand schloss sich um das feuchte haarige Wesen, doch es wand sich aus seinen Fingern.

»Verdammt«, sagte er. »Komm her, du kleiner Scheißer!«

Das Bett wankte, als das Wesen knurrte und zischte. Fauchend biss es Calvin die Hand ab. Er zog einen blutigen Stumpf zurück, nur dass das Blut schwarz war und zäh wie Teer.

»Ach, Mist!«

Das Monster warf das Bett auf die Seite. Der haarige Klumpen wandte sich zum Fenster und heulte den Mond an. Dann warf er sich durch die Scheibe und stürzte in die Tiefe; sein langes, erschrockenes Gurgeln verstummte erst, als es auf dem Straßenbelag aufschlug. Keines dieser Klumpenviecher kapierte je das Prinzip der Schwerkraft. Meistens führte das in ihr Verderben.

Eine neue Hand blubberte aus dem Stumpf. Die Haut war gräulich, die Adern bildeten ein grellrotes Netz. In ein paar Minuten würde sie normal aussehen.

Sharon kam herein und schüttelte den Kopf über das zerbrochene Fenster.

»Ehrlich, Calvin. Manchmal glaube ich, du machst das mit Absicht.«

Er zuckte die Achseln. »Tut mir leid.«

»Schon gut. Zieh einfach deine Schuhe an.«

Das Bett fiel an seinen Platz zurück. Das Fenster setzte sich wieder zusammen. Eine unsichtbare Hand versuchte, Calvin aus dem Gewebe der Realität zu pflücken. Doch sie scheiterte – wie immer. Er war ein Widerhaken in der Haut des Universums, ein ungebetener Eindringling, der nicht zu entfernen war. Die unsichtbare Hand kratzte an ihm, wie ein Hund an einem Floh kratzt. Es tat zwar nicht weh, aber es nervte.

Der Mondgott heulte.

Das würde wieder eine dieser Nächte werden.

Sie gingen nach unten zu einer schwarzen Limousine, die dort wartete. Schweigend lehnten sie sich in die Sitze zurück. Dem Fahrer mussten sie nicht sagen, wo es hingehen sollte, und auch sonst gab es nichts zu besprechen. Die Routine war immer dieselbe. Sharon las ein People Magazine, während Calvin aus dem Fenster starrte und die Stadt vorbeiziehen sah. Sie fuhren in die wohlhabenden Vororte, in denen sich die Häuser hinter Steinmauern und Eisengattern versteckten. Der Wagen bog auf ein Anwesen ein und fuhr die gewundene Auffahrt entlang. Formschnitthecken und Pflaster machten Kies und ungepflegten Büschen Platz. Der Kies wurde zu Erde und die Büsche zu einem Wald. Calvin wusste nicht genau, wie groß das Anwesen sein mochte, aber es dauerte mindestens fünf Minuten, um vom Tor zum Haus zu fahren, das in seinem Zentrum stand. Der gepflegte Rasen verschwand – verschlungen von einer pervertierten Wildnis.

Das Herrenhaus markierte ein merkwürdiges Stück Zivilisation an einem absichtlich unzivilisierten Ort. Elektrisches Licht erleuchtete ein paar Fenster, ansonsten erhellten hauptsächlich Feuer in Kohlenbecken oder Fackeln den Weg. Sechsunddreißig Wagen waren auf dem Erdboden der Lichtung gleich neben der Veranda geparkt. Zwei mehr als letzte Woche, bemerkte Calvin.

Eine ältere Frau in einem roten Kleid und ihr junger Vorzeigemann im Smoking folgten den Fackeln hinters Haus. Er hatte sie früher schon einmal gesehen, sich aber nie die Mühe gemacht, ihre Namen zu lernen.

Als Calvin aus dem Wagen stieg, wandte ein bärtiger Mann im Rollkragenpullover den Blick ab und verneigte sich leicht, bevor er in schlecht verhohlener Panik davoneilte. Calvin blickte finster drein.

»Warum tun sie das immer?«, fragte er.

»Sei nett!«, sagte Sharon.

»Es ist einfach verdammt nervtötend, das ist alles. Du machst diesen Ehrenbezeugungs-Blödsinn doch auch nicht.«

»Und das ist auch gut so. Irgendwer muss ja dafür sorgen, dass du deine Termine einhältst.«

Sie gingen außen herum zur hinteren Veranda, einem ausgedehnten Prunkerker aus Steinsäulen, in die verzerrte unmenschliche Figuren gehauen waren. Die meisten dieser Gestalten waren von kriechendem Moos überwuchert. Man hatte sich gerade genug Mühe gegeben, um die wuchernde Wildnis in Schach zu halten. Ein kleiner Versammlungsort war freigelegt worden, groß genug, dass sich die Gäste um einen Tisch mit Käse, Wein und Kaviar scharen konnten.

Es war eine vielgestaltige Gruppe. Die Auserwählten unterschieden nicht zwischen Alter, Rasse und Geschlecht. Gregs Bedürfnis, gemocht zu werden, kannte keine Vorurteile oder Präferenzen.

Die Auserwählten vermieden es geflissentlich, Calvin anzusehen. Er überlegte, sich etwas zu trinken zu besorgen, aber sobald er hinüberginge, würden sie katzbuckeln und herumscharwenzeln und ihm den Hintern küssen.

Er war es so leid.

Sharon las seine Gedanken. »Ich hole dir ein Glas. Wie wär’s, wenn du dich hinsetzt?«

»Danke. Was täte ich nur ohne dich?«

Er ging zu dem Marmorthron am Kopf der Treppe hinüber. Das Ding war hart und unbequem, aber daran hatte er sich inzwischen gewöhnt. Greg, ein grinsender, kriecherischer Dummkopf, angetan mit seiner lächerlichen lavendelfarbenen Robe, stand neben dem Thron. Calvin sah sich über die Schulter hilfesuchend nach Sharon um, doch sie war schon mit einem anderen Gast in ein Gespräch vertieft.

»Dann bringe ich es eben hinter mich«, brummelte Calvin vor sich hin und zwang sich zu einem Lächeln, als er näher herantrat.

»Es ist so gütig von dir, dich zu uns zu gesellen, Herr der Wildnis«, sagte Greg. »Wir sind deiner Anwesenheit nicht würdig, ganz zu schweigen von deinen Gaben.«

»Ja. Ich nehme nicht an, wir können das ein bisschen beschleunigen?«, fragte Calvin. »Mir ist heute nicht so recht danach.«

Greg lächelte. Sein Lächeln war – entweder von Natur aus oder aus Unfähigkeit – eine schmierige, kontraproduktive Leistung. Vielleicht war es aber auch nur Calvin, der es so sah. Greg litt nie unter Mangel an Freunden.

Irgendwie war es immer die gleiche Art von Arschloch, mit der Calvin zu tun hatte. Manchmal fragte er sich, was das über ihn aussagen mochte.

Greg sah in den Nachthimmel. Die Bauart des Alkovens und die eigenartige Magie des Anwesens ließen jeden Stern näher und heller erscheinen. Der Halbmond glänzte wie ein polierter Nickel.

»Die Sterne stehen schon beinahe perfekt«, sagte er. »Lass sie die Verderbtheit der Zivilisation aus diesen zerbrechlichen sterblichen Hüllen hinwegfegen.«

»Mmm-hmm.« Calvin setzte sich auf den Thron. Eine elektrische Entladung kitzelte seine Ellbogen, und der Mond und sein ihn verfolgender Gott flüsterten ihre Geheimnisse. Wenn er sie nur deutlicher hätte hören können …

Sharon erschien mit einem Teller Käse und zwei Gläsern Wein. »Hallo, Greg. Schöner Abend, nicht wahr?«

Greg nickte auf seine vertraute einstudierte, versonnene Art. Es sollte weise und nachdenklich wirken, doch es kam eher als schwerfällig und begriffsstutzig rüber. Als wäre sein Gehirn ein rostiges Getriebe, das gleichzeitig die Frage verarbeiten und seinen Hals krümmen musste.

»Ich glaube, die McKinneys haben dich gesucht«, sagte sie. »Irgendetwas mit einer erneuten Spende für den Tempel, glaube ich.«

Mit einer hastigen Verabschiedung eilte Greg davon; immer auf der Suche nach noch mehr von dem materiellen Wohlstand, den er schon einen Großteil seines Lebens gleichzeitig anhäufte und missbilligte.

»Danke«, sagte Calvin. »Du bist meine Lebensretterin.«

»Ich tu, was ich kann.«

Sie stießen mit ihren Weingläsern an und warteten darauf, dass die Sterne günstig standen. Als der Moment schließlich kam, räumten die Catering-Angestellten den Tisch weg, und die Gäste – alle bis auf Calvin auf seinem Thron und die Angestellten, die sich hinter verschlossenen Türen versteckten – stellten sich nackt in den Alkoven. Sie bildeten einen Halbkreis, fielen auf die Knie und warfen sich vor Calvin, ihrem Herrn und Meister, nieder.

Greg, sonnengebräunt und mit einer Haut, die vom Lasern und von obsessivem Waxing geglättet war – ein Paradoxon zwischen der natürlichen Welt und der Besessenheit der Menschheit, ihre Verbindungen dazu vergessen zu machen, begann zu predigen. Calvin hörte nicht zu. Das Wesentliche kannte er. Die neue Welt würde kommen. Die Zivilisation würde fallen, ersetzt durch etwas Reineres, Würdigeres. Die Starken würden regieren. Die Schwachen würden untergehen. Ruhm und Ehre, irgendetwas von der Schönheit des Chaos, bla, bla, bla, bla.

Die Menge zuckte und wiegte sich im Rhythmus von Gregs Worten. Gegen Ende der Zeremonie gab es immer diesen Moment, wo Calvin daran dachte, einfach aufzustehen und zu gehen. Aber sie hätten ihn ganz einfach wieder aufgespürt. Das taten sie immer. Oder irgendwelche anderen, die genauso waren.

Ein Strahl silbernen Mondlichts schien auf den Thron herab. Calvin spürte das Knistern übernatürlicher Mächte durch sich hindurchfließen, als wäre er ein Prisma. Es filterte in die Menge und löste damit die Verwandlung aus.

Greg war der Erste. Sein Körper krümmte sich vornüber, während ihm Flecken brauner und schwarzer Haare sprossen. Ein zweites Paar Arme wuchs ihm aus den Schultern. Die Beine bogen und verdrehten sich. Und der Kopf wurde zu einem riesigen Kiefer voller makelloser weißer Reißzähne. Die Bestie scharrte mit den Tatzen auf dem Marmorboden, hob den Kopf und heulte.

Sie drehte sich und kam auf Calvin zu, während die anderen Gäste ihre Verwandlung vollendeten. Mit geblähten Nüstern und wachsamen gelben Augen musterte die Kreatur Calvin. Der erwiderte den Blick unverwandt mit finsterem Ausdruck, bis sich das Monster vor ihm duckte.

»Verpiss dich, Greg!«

Die jaulende Bestie zog sich zurück und gesellte sich zur Meute. Schnappend und knurrend rannten die wilden Kreaturen in den dunklen Wald. Erst am nächsten Morgen würden sie zurück sein, wenn sie als erschöpfte nackte Menschen mit Blut an den Lippen zum Herrenhaus zurückschlichen.

Irgendwo in der Dunkelheit bellte ein unmenschliches Monster den Mond an.

Calvin ging in das kleine Gästehaus. Ein Tier wartete auf dem Sofa zusammengerollt auf ihn. Es hob den Kopf und wedelte mit dem Schwanz.

»Hallo, Sharon.«

Er kraulte sie hinter den Ohren, und sie zerfetzte vor Vergnügen den Sofabezug mit ihren Krallen. Dann senkte sie den Kopf.

Er lächelte. »Ist nicht schlimm. Es ist nicht mein Sofa.«

Er setzte sich neben sie. Sie legte ihm den Kopf in den Schoß. Er schaltete den Fernseher an. Es lief Der Wolfsmensch.

Seufzend schaltete er um und wartete auf den Tagesanbruch.

 

 

Zwei


»Dritte Regel: Nicht den Hund streicheln«, sagte Mr West.

Ein Welpe saß mit traurigen Augen vor einer der drei Türen im Flur. Er war weiß mit schwarzen und braunen Flecken und großen Schlappohren, und er jaulte, als sie vorbeigingen.

»Beißt er?«, fragte Diana.

»Nein.«

»Wem gehört er?«

»Er gehört zu Nummer Zwei«, sagte West, »aber der hat vor ungefähr einem Jahr die Kontrolle über ihn verloren. Jetzt hat er Glück, wenn der Hund ihn am Wochenende rauslässt, um einkaufen zu gehen.«

Er wandte sich um und starrte sie mit schmalen Augen an. So schmal, dass sie sich nicht einmal sicher war, ob sie überhaupt offen waren.

»Merk dir meine Worte, Nummer Fünf: Demjenigen, der die Regeln nicht befolgt, passieren schlimme Dinge.«

Sein langer Schnurrbart zuckte, und er kratzte sich in seinem ungepflegten Bart, dann wandte er sich wieder um und ging die sechs Stufen zu Apartment Nummer fünf hinauf. Dort hantierte er mit einem übervollen Schlüsselring herum. Soweit Diana sehen konnte, gab es nur sieben Apartments in diesem kleinen Gebäude, aber er hatte bestimmt mindestens drei Dutzend Schlüssel an diesem Ring.

»Das wäre dann deiner«, sagte er.

Sie war sich nicht so sicher. Die Miete hier war bemerkenswert niedrig, aber wenn ein grusliger Vermieter dazugehörte, musste sie noch mal darüber nachdenken.

Lange hatte sie dafür keine Zeit.

Die kleine Wohnung war vollständig möbliert. Es gab ein brandneues Sofa, einen Fernseher, eine altmodische Jukebox, wie sie sie immer gewollt hatte. In der Jukebox fanden sich sogar all ihre Lieblingssongs.

»Funktioniert die?«, fragte sie.

West zuckte die Achseln und brummte etwas vor sich hin.

Die Kochnische war bis auf ein bisschen Besteck in einer Schublade leer, aber sie kochte sowieso nicht. Allerdings gab es im Kühlschrank ein paar Flaschen Mr Fizz.

»Ich wusste gar nicht, dass diese Marke noch hergestellt wird«, sagte sie. »Das ist meine Lieblingslimo.«

»Bedien dich.«

»Wirklich? Sind Sie sicher, dass das in Ordnung ist? Was ist mit dem Vormieter?«

»Er ist weg.«

»Aber kommt er nicht seine Sachen holen?«

»Das bezweifle ich.«

Sie zögerte, beschloss dann aber, dass eine Limo nicht schaden konnte. Sie schmeckte genauso gut wie in ihrer Erinnerung. Besser.

Er zeigte ihr das Schlafzimmer. Superman-Poster schmückten die Wände, außerdem Kunstdrucke und ein riesiges Schwarz-Weiß-Foto vom Arc de Triomphe und eines vom Eiffelturm. Es war merkwürdig. Sie wusste, sie hatte einen vielseitigen Geschmack, und sie hätte nie erwartet, dass noch jemand denselben besäße.

»Diese Sachen würde doch keiner zurücklassen!«, sagte sie.

»Es sind nicht seine Sachen«, erwiderte er. »Sie gehören dir. Wenn du willst.«

Die Miete war halb so hoch wie sie erwartet hatte, und die Ausstattung bedeutete, dass sie einfach ihre drei Koffer aus dem Auto holen und innerhalb von einer Stunde eingerichtet sein konnte. Es war zu schön, um wahr zu sein.

»Wo ist der Haken?«, fragte sie.

Über A. Lee Martinez

Biografie

A. Lee Martinez wurde mit seinen fantastischen Romanen zum Star der humorvollen Fantasy. Er lebt in Dallas, Texas, wo er schreibt, jongliert, Videospiele spielt und Zeitreisen unternimmt. Vielleicht ist er ein Geheimzauberer (das wäre allerdings geheim), und es könnte sein, dass er Gartenarbeit...

Pressestimmen

webcritics.de

»Ein hervorragendes Leseerlebnis, dass Lust auf mehr macht!«

Wilhelmshavener Zeitung

»Vorsicht: hoher Suchtfaktor.«

janetts-meinung.de

»Eine abstruse und gleichzeitig spannende Handlung wird durch witzige Charaktere und eine unterhaltsame Ausgangssituation ergänzt. Alles zusammen ergibt einen rasanten und amüsanten Mix (...).«

Literatopia

»Ein skurriles Abenteuer, angefüllt mit ungewöhnlichen Charakteren, witzigen Anekdoten und erstaunlich feinsinnigen zwischenmenschlichen Beobachtungen.«

Ruhr Nachrichten

»Ein typischer Martinez: Was er anfasst, ist spannend und unterhaltsam.«

Phantastik-News

»Mit seiner beachtlichen Imagination setzt uns der Autor gar seltsame, so noch nicht gelesene Monster vor die Nase.«

Geisterspiegel.de

»Hirnrissig gute Ideen und schräger Humor.«

Phantastik-Couch

»Der Kultautor der humorvollen Fantasy ist zurück - mit einer skurrilen Horrorkomödie der besonderen Art.«

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