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Der Mann, der vor Lachen weinte

Frédéric Beigbeder
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Roman

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Der Mann, der vor Lachen weinte — Inhalt

Eine Satire auf die Diktatur des Lachens

„Ein exzellentes Buch. Dieser Beigbeder ist ein Diamant.“ Paris Match


Octave Parango ist Frankreichs meistgehörter Radiokolumnist. Jeden Donnerstagmorgen kommentiert er die Lage der Nation – blitzgescheit und amüsant, überdreht und bissig. Doch in Wahrheit ist Octave das Lachen vergangen: Die Neonwesten stecken die Republik in Brand, und selbst die besten Drogen täuschen ihn nicht mehr darüber hinweg, dass seine Tage als Don Juan gezählt sind. Octave Parango setzt an zu seinem letzten Schlag.

Dies ist das Buch einer Selbstvernichtung. In ihm verwandelt sich Octave Parango in einen Don Quichotte – und ruft das Ende seiner Zeit lieber gleich selbst aus. Eine hinreißende Satire auf die Diktatur des Lachens, der Frédéric Beigbeder mit einer unerhörten Aufrichtigkeit begegnet.

„Brutal und irre lustig, mal geistreich, mal verzweifelt.“ Le Figaro Magazine

€ 22,00 [D], € 22,70 [A]
Erschienen am 01.07.2021
Übersetzt von: Claudia Marquardt
320 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-492-07067-6
Download Cover
€ 18,99 [D], € 18,99 [A]
Erschienen am 01.07.2021
Übersetzt von: Claudia Marquardt
320 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-99921-2
Download Cover
„Das alles ist hübsch zu lesen, voller Anspielungen auf ehemalige und gegenwärtige Mandarins von Paris, ein dichtes Gewebe, ein großes Verwirrspiel mit Fiktionen, Autofiktionen und den Metaebenen dazwischen. Alles super gemacht.“
Die Welt

Leseprobe zu „Der Mann, der vor Lachen weinte“

Ich heiße Octave Parango, und in zwanzig Jahren bin ich vierundsiebzig.

Die Umfragewerte liegen frisch auf dem Tisch: Ich arbeite für das meistgehörte Morgenmagazin Frankreichs. Médiamétrie hat die Zahl der Hörer von France Publique ermittelt, es sind 3,9 Millionen. Stolz sagt der Moderator der Sendung 7/9 heute jeden einzelnen Beteiligten an. „Und jetzt zum meistgehörten Wetterbericht Frankreichs“, „wir schalten nun den meistgehörten Wirtschaftsexperten Frankreichs hinzu“, „an meiner Seite sitzt die meistgehörte Interviewerin Frankreichs“, und als ich [...]

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Ich heiße Octave Parango, und in zwanzig Jahren bin ich vierundsiebzig.

Die Umfragewerte liegen frisch auf dem Tisch: Ich arbeite für das meistgehörte Morgenmagazin Frankreichs. Médiamétrie hat die Zahl der Hörer von France Publique ermittelt, es sind 3,9 Millionen. Stolz sagt der Moderator der Sendung 7/9 heute jeden einzelnen Beteiligten an. „Und jetzt zum meistgehörten Wetterbericht Frankreichs“, „wir schalten nun den meistgehörten Wirtschaftsexperten Frankreichs hinzu“, „an meiner Seite sitzt die meistgehörte Interviewerin Frankreichs“, und als ich an der Reihe bin, verkündet er mit dem gleichen Schwung: „Und es geht weiter mit der Kolumne von Octave Parango, Frankreichs meistgehörtem Humoristen“, dazu ein verschmitztes Augenzwinkern. Ich hätte auf der Hut sein müssen: Normalerweise geht der Moderator sehr sparsam mit dem jovialen Schließen seiner Augendeckel um. Diese unerwartete Vertraulichkeit ist verräterisch … Es herrscht eine aufgeräumte Stimmung, die Ko-Moderatorin lächelt, alle scheinen zufrieden zu sein. Warum muss ich der Spaßverderber sein? Was hat mich geritten? Dieses Buch ist der Bericht einer Selbstversenkung, aber nicht nur meiner eigenen, es handelt sich eher um ein Kollektivopfer.

Mein Untergang beginnt musikalisch begleitet von indischer Folklore, mit unverwechselbarer, hypnotischer Anmut lässt Ravi Shankar seine schmachtende Sitar erklingen. Die flirrende Musik ist wie geschaffen dafür, eine stressige Sendung zu entspannen. Es handelt sich um einen Ausschnitt des Konzerts für Bangladesch, organisiert von George Harrison im Madison Square Garden 1971 – das erste Benefizkonzert in der Geschichte der Popmusik. Mitten in der Neonwestenkrise soll der Hippiesound eine Botschaft der Hoffnung vermitteln. Nach einem kurzen Moment allgemeinen Schweigens spreche ich stockend in das Mikro, das vor meinem trockenen Mund in Position gebogen ist.

»Oh, ich weiß, was ihr jetzt denkt: Octave will Zeit gewinnen. Octave hat nichts vorbereitet, Octave ist spät ins Bett gekommen. Octave hat wenig geschlafen. Also, äh … ja, das ist heute eine etwas spezielle Situation. Ich hatte wirklich eine superbrillante Kolumne über die Neonwesten parat, echt interessant, aber ich habe sie verloren. Ich hatte sie auf einen Zettel geschrieben, der mir abhandengekommen ist, so gegen drei Uhr morgens … in einem neuen Club namens Medellín … Kein Witz, der heißt wirklich so: Medellín, in der Avenue Marceau.«

Mir gegenüber bricht Sylvia Villerde, Medienexpertin des Senders, in ein nervöses Lachen aus. Sie vergräbt ihr Gesicht in den Händen, reibt sich die Augen und fährt sich mit gespreizten Fingern durchs Haar; es ist ihre Art, mit Angst umzugehen. Ihr flattern die Nerven, meinetwegen, denn sie weiß, es stimmt, was ich sage: Entgegen meiner Gewohnheit lese ich nicht vom Blatt ab. Rechts neben mir rollt Antonin Tarpenac mit seinem Drehstuhl zur Seite, er will nicht mit mir zusammen auf den Videos zu sehen sein. Er reißt seine blauen Augen auf, sein wohlwollender Blick ist einem What the fuck gewichen. Dominique Gombrowski (Nickelbrille, breites Lächeln, XL-T-Shirt, er gibt wie immer den Intellektuellen, dem es vollkommen schnuppe ist, ob er im Schlafanzug im Büro aufschlägt) wedelt mit den Armen, wie jeden Morgen, wenn er den Pressespiegel fertig hat, und gesellt sich dann fröhlich zu uns. Er ist ein großer Fan meiner Blödeleien. Er glaubt, dass ich nur so tue, als hätte ich nichts vorbereitet, und dass die Pointe noch kommt. Lieber Dominique, es tut mir leid, dass ich dich enttäuscht habe.

»Aber … äh … wir können ganz zufrieden sein, oder? Wir machen das beste Morgenmagazin Frankreichs, bravo, Glückwunsch an alle!«

Laura Salomé, Ko-Moderatorin und Sciences-Po-Absolventin wie ich (nur ist es bei ihr noch nicht so lange her), denkt sich, dass sie jetzt besser zu Hause bei ihrem Baby wäre, als ihre kostbare Lebenszeit mit solchen Idioten zu vergeuden. Sie schneidet mir das Wort ab: „Halten Sie das volle drei Minuten durch?“

Ich spüre, wie sich Schweißperlen auf meiner Stirn sammeln. Es gibt ein Problem, alle merken es, außer mir, ich bin immer noch überzeugt, einen genialen Auftritt hinzulegen.

»Wieso, läuft doch. Dominique hat inzwischen alle Zeitungen gelesen, damit wir das nicht mehr machen müssen …«

„So ist es“, sagt der Moderator mit tonloser Stimme.

Es ist Nathan Dechardonne, er beginnt, unruhig auf seinem Stuhl hin und her zu rutschen. Ein Unsympath auf ganzer Linie. Eine so wichtige Schnittstelle vertraut man niemandem an, der Verständnis für irgendwas hat. Ich bewundere seine absolute Kaltschnäuzigkeit. Er hat seine Gefühle in jeder Lebenslage unter Kontrolle, wie damals, als er den Sozialplan bei Libération durchzog. Er verliert nie die Nerven, wenn er unter Druck steht. Und was mir am meisten imponiert, ist, dass er sich auch nach Sendeschluss treu bleibt: nie ein freundliches Wort, nie die geringste Aufmerksamkeit, Nathan legt seine Rüstung niemals ab; er ist ein Bulldozer. Das fehlende Kettenglied zwischen Mensch und Maschine. Sollte man die Moderation des Morgenmagazins nach seinem Abgang einem Algorithmus überlassen, werden die Hörer den Unterschied nicht bemerken.

Ich verfolge hartnäckig meinen Kurs.

»Nathan und Laura, die Sendung ist fast zu Ende, wie schön, die Arbeit ist geschafft, keine Interviews mehr …«

„Aber Ruhe hat man trotzdem keine, nicht mal um diese Uhrzeit“, seufzt Nathan.

„Wir machen uns Sorgen um Sie und vor allem um unsere Hörer: An die muss man ja auch denken“, fügt Laura hinzu.

„Und an die Hörer der Sendung danach“, plustert Antonin sich auf.

Antonin soll in zehn Minuten die Chansonsängerin interviewen, die auf dem Cover der Télérama so verbissen guckt, mir fällt gerade ihr Name nicht ein.

„Also, wir kriegen hier allmählich Muffensausen“, fährt Nathan fort.

„Die Leute haben bereits umgeschaltet, sie hören jetzt Culture Publique anstatt Tarpenac!“, kräht Laura und gibt ihre größte Sorge zu erkennen: Sie will Marktführer in der Morgenschicht bleiben, um jeden Preis.

Ich versuche, den Beschuss abzuwehren.

„Ihr macht euch alle viel zu viel Stress. Ihr könnt euch doch nach der Sendung ausruhen, oder? Ein bisschen schlafen?“

„Nein, wir haben schließlich noch andere Verpflichtungen“, erwidert Laura.

Ich weiß ganz genau, dass ich auf ein Unheil zusteuere. Jedem in diesem Studio ist klar, dass die Sache aus dem Ruder läuft. Ein großartiges und zugleich beklemmendes Gefühl. Das Unbehagen ist greifbar; meine Schläfen glühen, während es mir kalt den Rücken hinunterläuft. Jede Sekunde dehnt sich zu einer Ewigkeit. Zu einer solchen Situation kann es an einem solchen Ort eigentlich niemals kommen. Vielleicht haben wir alle zusammen ein Mittel gefunden, um die Zeit anzuhalten. Oder ich bin doch nur ein fauler Hund, der dem triumphalen Erfolg einer Radiosendung in diesem Moment live die Luft abdreht.

„Medellín, wie das Kartell?“, fragt Dominique. »Und was kriegt man da so …?«

„Ja, ganz seltsam“, sage ich, „da stand ›Bei Pablo‹ über dem Eingang.“

„O nein!“, stöhnt Laura schon wieder.

Es ist ziemlich ungewöhnlich, zur Hauptsendezeit ein Loblied auf die kolumbianische Mafia zu singen. Ich halte das für einen subversiven Schachzug meinerseits und gerate immer tiefer in den Treibsand meiner albernen Stegreifnummer.

„Jedenfalls sind die Einzigen, die hier gleich noch ranmüssen, Sylvia und Antonin. Wann seid ihr denn aufgestanden?“

„Gegen fünf, halb sechs“, meldet Antonin müde.

„Und Sylvia, du?“

„Viertel vor sechs.“

„Okay, gut, ich hatte also keine Kolumne mehr“, nehme ich meinen Faden wieder auf, „bin dann aber auf einen Artikel in einer bedeutenden Zeitschrift gestoßen, in Le Figaro Madame. Einer wirklich sehr bedeutenden Zeitschrift.“

„Auf jeden Fall“, sagt Nathan und hofft, dass man seine Ironie heraushört. Und ja, sie ist unüberhörbar.

„Ich habe den Artikel im Taxi zerrissen, die Überschrift lautete ›Die Rache der Spätaufsteher‹, Valérie de Saint-Pierre hat ihn geschrieben: Sie zitiert darin eine Studie der London School of Economics, derzufolge ›Nachteulen intelligenter sind als frühe Vögel‹“.

»Starke Erkenntnis …«, sagt Nathan, womöglich beleidigt – er dürfte seit fünf Jahren keinen Nachtclub mehr von innen gesehen haben.

Mein Martyrium zieht sich in die Länge. Mit der Arroganz der Verzweiflung füge ich mich in mein Schicksal. Mein Niedergang ist irgendwie erfrischend, wie alle großen Projekte, von denen man Abstand nimmt.

„Und es gibt eine weitere Studie der Universität von Chicago, die feststellt, dass Nachtschwärmer die mutigeren, risikofreudigeren Menschen sind, im Vergleich zu den als verbohrt geltenden Sechs-Uhr-morgens-Aufstehern.“

„Na, schönen Dank auch“, brummt Antonin.

Offenbar habe ich sie jetzt alle gekränkt, was gar nicht meine Absicht war. Ich wollte lediglich ein Experiment durchführen: etwas Abgründiges, Natürliches, Lebendiges in die geölte Maschine des morgendlichen Humors gießen. Ich wollte beweisen, dass man das ewige Korsett der einstudierten Kolumne mit Karacho hinter sich lassen kann. Gerade demonstriere ich das Gegenteil. Vielleicht will ich unbewusst, indem ich wissenschaftliche Untersuchungen zu den Qualitäten von Nachtschwärmern und den Defiziten von Frühaufstehern anführe, nur meine eigenen nächtlichen Umtriebe und meinen Müßiggang rechtfertigen … vor der um mich herum versammelten Morgenschicht, die berechtigterweise die Nase voll hat von den Lektionen eines tranigen Lebemannes. Ganz zu schweigen von den Millionen Menschen, die sich in der Dämmerung aus dem Bett gequält haben, um sich jetzt die Hirngespinste eines Faulpelzes anhören zu müssen.

„Okay, machen wir Schluss?“, fragt Nathan.

„Wie? Das interessiert Sie nicht?“ Ich tue völlig überrascht, dabei tötet er mich seit neunzig Sekunden mit seinen Blicken.

»Na ja …«

„Verzeihen Sie, liebe Hörerinnen und Hörer!“, fleht Laura.

„Wir haben soeben die letzte Kolumne von Octave Parango gehört!“, ruft Nathan ins Mikro und sorgt für Lacher rund um den Tisch.

Er betrachtet mich mit derselben Zärtlichkeit, mit der meine Tochter Salz auf eine Nacktschnecke streut. Ich habe das Gefühl, in ein schwarzes Loch gesaugt zu werden.

Ich bin gerade live gefeuert worden. Der Schweiß rinnt mir in Bächen herunter, ich werde rot, setze meine Brille ab, um mir über die Nase zu wischen. Ich bin nicht der Einzige, der sich fragt, was ich hier eigentlich mache. An diesem Tisch, hinter der Glaswand des Studios, in allen Büroräumen des Roten Hauses und auf sämtlichen Chefetagen der Republik stellt sich wohl jedermann dieselbe Frage.

„Er hat sich vor laufendem Mikro die Kugel gegeben!“, spottet Laura.

Ich versuche einen letzten, spontanen Witz als ex-„meistgehörter Humorist Frankreichs“: „Wenn keiner arbeiten gehen würde, gäb’s auch keinen Stunk mehr wegen der Spritpreise.“

Eine anarchistische Anspielung auf die Erhöhung der Kraftstoffsteuer, die in Frankreich eine massive Protestbewegung ausgelöst hat. Meine Kollegen starren mich entgeistert an. Sie verlassen den Senderaum ohne ein weiteres Wort. Nur Antonin bleibt, um mich zu trösten.

„Was sollte das denn werden, bist du total irre? Man hat immer ein Skript dabei, immer! Es gibt keinen einzigen denkbaren Fall, wo du mit leeren Händen hier aufkreuzen kannst!“

Ich weiß, dass er es gut meint, aber es ist der falsche Moment. Ich habe das Desaster begriffen – und vielleicht auch gewollt. Schwankend gehe ich zu dem Tisch hinüber, auf dem mein blauer Mantel liegt. Niemand schenkt mir noch Beachtung. Totenstille begleitet mich auf meinem Weg zum Aufzug. Ich ahne, dass ich bereits Gesprächsthema bin, oder schlimmer: dass man mich bemitleidet. Ganz Frankreich hat mitverfolgt, wie ich implodiert bin. In den nächsten Minuten wird die Mailbox der Mediatorin von France Publique überschwemmt werden mit Nachrichten von Hörern, die ebenfalls meinen Rausschmiss fordern. Ich bekomme ein paar SMS mit Glückwünschen von Freunden, die genauso nihilistisch unterwegs sind wie ich: „Wow, du bist mein Idol“, „das war fantastisch“, „ich habe von so was geträumt, du hast es getan“. Aber ich weiß ganz genau, in was für eine missliche Lage ich mich hineinmanövriert habe. Es ist eine Manie von mir, dauernd dafür zu sorgen, dass man mich feuert. Mein Therapeut behauptet, Grund dafür sei mein mangelndes Selbstvertrauen, ich wolle die Liebe, die man mir entgegenbringt, auf die Probe stellen, wie ein launisches Kind, das sein Spielzeug zertrümmert. Diesmal ist die Sache gründlich schiefgegangen. Gegen achtzehn Uhr verkündet die Mediatorin auf Twitter mein Ausscheiden: „Liebe Hörerinnen, liebe Hörer, Sie haben Ihre Enttäuschung über Octave Parangos jüngste Kolumne deutlich zum Ausdruck gebracht. Er selbst räumt ein, dass sein Auftritt schwach war, und hat entschieden, seinen Stuhl frei zu machen, da ihm die Zeit fehlt, sich der Aufgabe in angemessener Weise zu widmen.“

Sie haben mich vor die Tür gesetzt, fristlos, ohne Vorwarnung oder vorheriges Gespräch. Ich fühle mich wie ein schlechter Schüler, der vom Direx des Unterrichts verwiesen wird. Noch nie ist es in der Geschichte von France Publique vorgekommen, dass man sich so überstürzt von einem Kolumnisten getrennt hat. Sie stellen diese kurzfristige Entlassung als Kündigung meinerseits hin. Aber lasst euch gesagt sein: Wenn jemand in einer Medienanstalt dieser Größenordnung einen so hochtourigen Abgang hinlegt, ist klar, dass er nicht freiwillig geht. Man hat ihn rausgedrängt und lässt ihn überall lauthals beteuern, es sei seine eigene Entscheidung gewesen, das gebietet der Anstand … und soll verhindern, dass man ihm eine Abfindung zahlen muss.

Zwei Monate zuvor hatte Françoise Bachelot, Programmchefin des Senders, in einer Redaktionskonferenz alle Kolumnisten aufgefordert, sich von ihrer „punkigen“ Seite zu zeigen. Kann sein, dass ich heute Morgen ein bis

Frédéric Beigbeder

Über Frédéric Beigbeder

Biografie

Frédéric Beigbeder, geboren 1965 in Neuilly-sur-Seine, lebt mit seiner Familie an der französischen Atlantikküste. Er war zehn Jahre lang als Texter in einer renommierten Werbeagentur tätig, die ihn nach der Veröffentlichung seines ersten Romans „Memoiren eines Sohnes aus schlechtem Hause“ vom Fleck...

Frédéric Beigbeder im Interview

Auf das Kultbuch "Neununddreißigneunzig" und seine Abrechnung mit der Werbewelt folgt Beigbeders neuer, autobiografischer Roman mit seinem literarischen Alter Ego: dem großartigen, rebellischen Octave Parango.

 

Was hat Octave Parango in den letzten zehn Jahren getrieben? 

Octave Parango ist gewissermaßen mein negatives Double. Alles, was sich an Schlechtem in mir ansammelt, kommt alle zehn Jahre zum Vorschein. In den Nullerjahren war Octave im Marketing, 2010 war er als Modelscout in Moskau unterwegs, und jetzt ist er wieder nach Paris zurückgekehrt, ohne dass irgendwer genau wüsste, wie er es dort zum Kolumnisten im Morgenradio gebracht hat, wo er für diese Tätigkeit doch in keiner Weise qualifiziert ist. 

 

Was lässt ihn denn vor Lachen weinen? 

Es geht gar nicht so sehr darum, dass er vor Lachen weint, ich glaube, er würde viel lieber vor Freude weinen, während die ganze Gesellschaft um ihn herum vor Lachen weint. Nach zehn Jahren kommt er nach Frankreich zurück und findet sich in einem Land wieder, in dem die Leute sich kaputtlachen, um ihre Not und ihren Kummer zu vergessen, in dem die Ernsthaftigkeit also gar nicht mehr existiert. 

 

Irgendeine Botschaft für seine Mitstreiter bei France Publique? 

Anhand der Jobs, die Octave im Laufe der Jahre absolviert, erzählt er von seiner Zeit. Wenn es eine Botschaft an seine Kollegen gibt, dann wohl: „Mir hast du es zu verdanken, dass du in die Ewigkeit eingehst. Indem ich dich in meinen Roman einbaue, verwandle ich dich in einen Archetypen.“ 

 

Nimmt Octave Parango eigentlich zu viele Drogen? 

Die wahre Obsession von Octave ist das Vergnügen. Er stammt aus einer alten Welt, stammt aus einer Generation, die in Ermangelung anderer Ideale wirklich daran geglaubt hat, dass der Hedonismus die ultimative Utopie sein kann. Deswegen ist da schon etwas dran, ja. Octave will Spaß haben, im Bett, beim Trinken, wenn er Drogen nimmt oder den nächsten gut bezahlten Job annimmt, ohne groß was dafür zu tun. Das ist in der Tat sein Traum, doch es gelingt ihm immer weniger. 

 

Heißt das, dass wir Octave in zehn Jahren wiedersehen werden? 

Wenn er dann noch am Leben ist – und ganz ehrlich, mit seinem haarsträubenden Lebenswandel bleibt ihm noch, sagen wir, eine Viertelstunde –, aber wenn er tatsächlich überlebt, wäre es schon interessant, ihn in zehn Jahren noch einmal auferstehen zu lassen. Mein Verhältnis zu ihm weist die eine oder andere Unterbrechung auf. Aller zehn Jahre wird er wiedergeboren, und dann schreibe ich plötzlich wieder von den schlimmsten Dingen, die man sich nur vorstellen kann.

Das Interview wurde zur Verfügung gestellt vom französischen Verlag Grasset.

Pressestimmen
Die Welt

„Das alles ist hübsch zu lesen, voller Anspielungen auf ehemalige und gegenwärtige Mandarins von Paris, ein dichtes Gewebe, ein großes Verwirrspiel mit Fiktionen, Autofiktionen und den Metaebenen dazwischen. Alles super gemacht.“

Kleine Zeitung (A)

„Ein herrliches Lesevergnügen; wenngleich das Wort ›Roman‹ für dieses Buch deplatziert ist. Vielmehr handelt es sich um einen bitteren Essay mit Rahmenhandlung, eine spottreiche Abrechnung mit einer Zeit, der es an Eleganz und Aufrichtigkeit fehlt.“

lokalkompass.de

„Frédéric Beigbeder hat erneut sein großes Potenzial als querdenkender Provokateur ausgeschöpft. Er schwimmt mit großer Ausdauer gegen die heftigen Ströme und Strudel des Zeitgeistes. Schreibend grätscht er mit offener Sohle (die Metapher aus dem Fußball sei gestattet) gegen die humor-zentrierten Linksintellektuellen.“

Augsburger Allgemeine

„Fréderic Beigbeder versteht es eben doch auch immer wieder, mit ungeheurem essayistischen Drive und herrlich spitzer Feder über die Gesellschaft zu schreiben, zu der er selbst nun seit Jahrzehnten als Promi-Faktotum gehört.“

Freie Presse

„Geschickt vermag er es, Lachsalven zu provozieren.“

Passauer Neue Presse

„Das liest sich mitunter witzig.“

Deutschlandfunk Kultur „Studio 9“

„Ein Feuerwerk pointierter Formulierungen, punktgenau gezeichnete Szenen. Eine herrlich gegenwärtige Gesellschaftssatire, außerordentlich lustig.“

NDR Kultur „Neue Bücher“

„Dem Enfant terrible der französischen Literatur ist ein unfassbar elegantes Buch gelungen.“

rbb Inforadio „Starke Sätze“

„Frédéric Begbeder hat erneut einen ziemlichen Kotzbrocken zum Anti-Helden dieser Abrechnung mit dem französischen Medien- und Humorbetrieb gemacht, dessen aufgeblähtes Potenz-Gehabe eben deshalb auch Lesespaß bereitet, weil er damit letztlich nicht länger durchkommt, vor sich selbst und den Resten einer moralischen Instanz in sich scheitert.“

Kurier (A)

„Ein Roman? Eher eine Satire auf sich selbst. Eher ein teils witziger und teils hundsgemeiner Essay mit nostalgischen Elementen.“

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