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Der Mann, dem ein Olivenbäumchen aus dem Ohr wuchs

Der Mann, dem ein Olivenbäumchen aus dem Ohr wuchs

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Der Mann, dem ein Olivenbäumchen aus dem Ohr wuchs — Inhalt

Keine Diät, die der Vater nicht versucht hätte. Die Apfeldiät, die Traubendiät, die Auberginen-, Gurken-, Reisdiät, Blumenkohl, gedünstet, gebacken, als Rohkoströschen. Nichts hilft, der Vater bleibt übergewichtig. Als er dann, bei der Olivendiät angelangt, einen Kern verschluckt und ihm ein zartes Bäumchen aus dem Ohr zu sprießen beginnt, ist eine Geschichte in Gang gesetzt, deren Volten immer phantastischer werden. Ein Arzt für alternative Medizin empfiehlt ein zweites Bäumchen zu pflanzen, um Symmetrie und Gleichgewicht des Körpers wiederherzustellen, Al Gore eilt herbei, um das innovative ökologisch-symbiotische Phänomen in Augenschein zu nehmen, und dann schlägt das Bäumchen, und mit ihm der Vater, Wurzeln in besetztem Gebiet ...

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 20.08.2012
Übersetzt von: Beate Esther von Schwarze
140 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7050-0

Leseprobe zu »Der Mann, dem ein Olivenbäumchen aus dem Ohr wuchs«

1. Hat alles eine Ursache?
Mein Vater ist dick. Genau genommen war er dick, bis
ihm lauter seltsame Dinge geschahen, die so fantastisch
erscheinen, dass niemand sie für möglich halten würde.
Aber diese Dinge werde ich der Reihe nach erzählen,
so, wie sie sich ereignet haben. Vorläufig haben sie
sich noch nicht ereignet, und deshalb muss ich damit
anfangen, dass mein Vater dick war, denn mit seinem
Übergewicht fing eigentlich alles an, noch bevor überhaupt
etwas passiert war, wie immer bei plötzlichen
Anfängen, vor denen nichts darauf hinweist, was die
Ursache des [...]

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1. Hat alles eine Ursache?
Mein Vater ist dick. Genau genommen war er dick, bis
ihm lauter seltsame Dinge geschahen, die so fantastisch
erscheinen, dass niemand sie für möglich halten würde.
Aber diese Dinge werde ich der Reihe nach erzählen,
so, wie sie sich ereignet haben. Vorläufig haben sie
sich noch nicht ereignet, und deshalb muss ich damit
anfangen, dass mein Vater dick war, denn mit seinem
Übergewicht fing eigentlich alles an, noch bevor überhaupt
etwas passiert war, wie immer bei plötzlichen
Anfängen, vor denen nichts darauf hinweist, was die
Ursache des späteren Geschehens sein könnte.
Diese Sache mit den Anfängen, die plötzlich ohne
erkenntliche Ursache aus dem Nichts entstehen, ist
schwer zu begreifen. Die meisten Menschen, die nach
Großvaters Meinung ziemlich dumm sind, halten es
für selbstverständlich, dass immer etwas vor oder nach
etwas anderem geschieht, dass zum Beispiel der Freitag
vor dem Samstag kommt oder dass wir aufs Klo
müssen, nachdem wir gegessen haben, oder dass ein
Stein, den wir hochwerfen – natürlich mit geringerer
Geschwindigkeit als elf Kilometer pro Sekunde, weil
er damit die Erdanziehungskraft überwinden würde –,
eine gewisse Höhe erreichen und danach sofort herunterfallen
wird. Dieser Fall ist unvermeidlich und nicht
von meiner Absicht oder von der des Steins abhängig,
und wenn der Stein zufällig denken könnte und glaubte,
dass er nur fällt, weil er fallen will, so würde er sich
zweifellos täuschen, ähnlich wie die Leute, die sich
einbilden, sie täten etwas nur, weil sie es wollen, obwohl
sie in Wirklichkeit gar keine andere Wahl haben.
Auch der Stein fällt herunter, weil er keine Wahl hat,
doch wenn er schon herunterfällt, glaubt er lieber, dass
er sich aus freien Stücken dafür entschieden hat, denn
sonst wäre diese ganze Geschichte mit dem Herunterfallen
ziemlich deprimierend.
Natürlich gibt es Beispiele für längere Folgen von
Ereignissen, die sich nacheinander abspielen und ursächlich
zusammenhängen. Wenn du ein Streichholz
anzündest (1) und es zu nahe an den dicken Zopf von
Lital hältst, die in der Klasse vor dir sitzt (2), fängt
der Zopf an zu brennen (3) und Lital springt ziemlich
bald von ihrem Stuhl auf (4) und schreit, dass ihr Kopf
brennt (5), worauf sie von allen Seiten mit Getränken
übergossen wird, damit der Brand gelöscht wird (6),
der Lehrer schickt dich zum Direktor (7), der Direktor
bestellt deine Eltern in die Schule (8), die Eltern sind
sehr enttäuscht von dir (9) und du lernst daraus, dass
man keine Mädchenzöpfe in der Klasse anzünden darf
oder wenigstens damit warten sollte, bis die Schule
aus ist (10). Nicht dass ich so etwas getan hätte. Das
ist nur ein Beispiel für eine Kette von Ereignissen in
zehn Phasen, wobei eine die andere verursacht, und
das kann so weitergehen bis ins Unendliche. Auch die
erste Phase ist nicht unbedingt der Anfang, man könntemit
der Erfindung des Streichholzes beginnen oder
mit der Beherrschung des Feuers vor Millionen Jahren.
Doch es kann auch sein, dass etwas auf einmal, ganz
plötzlich und ohne jede logische Erklärung beginnt.
Und weil das sehr selten ist – abgesehen von meinem
Vater gibt es dafür nur ein Beispiel, nämlich den großen
Urknall vor etwa vierzehn Milliarden Jahren –, sind die
meisten Menschen nicht in der Lage, einen solchen Fall
zu begreifen. Sie müssen immer eine Erklärungfür
alles finden, was sich nicht erklären lässt, und manchmal
behaupten sie, es sei ein Wunder geschehen. Ein
Wunder ist ganz einfach eine Art Erklärung,
die besagt, dass etwas unerklärbar ist, aber in Wirklichkeit
gibt es keine Wunder, obwohl viele Leute davon überzeugt
sind und sogar glauben, dass ihnen persönlich
Wunder geschehen sind. Wie in den folgenden Fällen
(fortschreitend von unbedeutenden bis zu schwerwiegenden
Ereignissen):
(1) Du siehst auf Kanal 24 einen Clip der Hadag
Nahash, gehst auf die Straße und in genau demselben
Augenblick fährt ein Auto vorbei, aus dem der Song
herausdröhnt, den du eben zu Hause gehört hast – ist
das etwa kein Wunder?
(2) Du hast deine Hausaufgaben für Bibelkunde
nicht gemacht und die ganze Nacht gebetet, dass die
Lehrerin tot umfällt. Am Morgen erfährst du auf dem
Schulweg, dass die Lehrerin bei einem Verkehrsunfall
umgekommen ist – und schon hast du ein Wunder von
der Größenordnung des Chanukka-Wunders.
(3) Du gehst die Ibn-Gvirol-Straße entlang, nicht
unter den Arkaden, sondern auf dem äußeren, nicht
überdachten Gehsteig (sollte man lieber nicht tun),
und plötzlich fällt von einem Loggiageländer im dritten
Stock ein Blumenkasten, dessen Besitzerin nicht
viel vom Festschrauben solcher Teile versteht – der
Blumenkasten fällt, jede Sekunde steigert sich seine Geschwindigkeit
um 9,8 Meter hoch vier, und als er den
Kopf des Passanten trifft, der einen halben Meter hinter
dir geht, hat er schon eine Geschwindigkeit von sechzig
Stundenkilometern. Wenn der Ärmste, in dessen
Gehirn die Geranien eingepflanzt wurden, noch denken
könnte, würde er sicher nicht auf die Idee kommen,
dass ihm ein Wunder geschehen sei, aber dir ist ein großes
Wunder geschehen, denn wenn du deinen Tag eine
Sekunde später begonnen hättest, wärst du nicht einen
halben Meter vor ihm die Straße entlanggegangen und
der Blumenkasten hätte deinen Kopf getroffen.
Was man aus den beiden letzten Beispielen lernen
kann, ist die interessante Tatsache, dass bei Wundern
die Kehrseite der Medaille oft eine Katastrophe ist.
Die Rettung des einen geht auf Kosten der Gesundheit
des anderen. Es liegt auch auf der Hand, dass Wunder
mehr mit Glauben als mit Wissenschaft zu tun haben
und weitgehend von der Frage abhängen, auf welcher
Seite der Medaille du dich befindest, wenn das Wunder
dich trifft.
Den Widerstreit zwischen Wunder- und Wissenschaftsglauben
kenne ich aus den Diskussionen zwischen
meiner Großmutter mütterlicherseits, die den
Holocaust überlebt hat, und meinem Großvater väterlicherseits,
der ein Kosmologe von Weltruf ist. Nebenbei
habe ich aus seinen Belehrungen gelernt, dass ich mich
möglichst vom Schwarzen Loch fernhalten sollte, weil
es mich mit solcher Gewalt und Schnelligkeit in sich
hineinsaugen würde, dass ich in die Länge gezogen
würde wie eine Fadennudel, bis meine Beine sich ein
paar Hundert Kilometer von meinem Kopf entfernen
und einen Sekundenbruchteil später in dem singulären
Punkt wieder mit ihm vereinigen würden, der mehr
oder weniger das Zentrum des Schwarzen Lochs bildet,
wo ich zu einem so winzigen Häufchen zusammengepresst
würde, dass ein Virus im Vergleich zu mir
aussähe wie die Türme des Azrieli Center in Tel Aviv.
Als mein Vater, der zu jener Zeit gerade unter einer
seiner Diäten litt, zufällig Großvaters Erklärungen über
das Schwarze Loch hörte, sagte er, das sei mit Sicherheit
die schnellste und wirksamste Schlankheitskur im
Weltall, doch Großvater dämpfte seine Begeisterung
und erwiderte, dass diese Lösung für sein Gewichtsproblem
keinesfalls empfehlenswert sei. Zwar würde
sich sein Umfang auf Mikrodimensionen reduzieren,
doch sein Gewicht würde sich um Tonnen erhöhen.
Das Traurigste an der Geschichte mit dem Schwarzen
Loch ist die Tatsache, dass man selbst mit modernsten
Teleskopen und stärksten Scheinwerfern nicht
verfolgen kann, in welchem Augenblick du in dem Sog
verschwindest, denn das Schwarze Loch saugt nicht
nur dich auf, sondern auch dein Erscheinungsbild und
sogar die Lichtstrahlen, die dich beleuchten, und diese
schreckliche Finsternis ist das, was einem am meisten
Angst macht.
Doch kehren wir zum Thema zurück, zu Großmutters
Geschichten über die Wunder, die ihr geschehen
sind und dank derer sie den Holocaust heil überstanden
hat, wenn man, wie mein Vater sagt, von den
Schrammen absieht, die sie davongetragen hat. Ob diese
Schrammen mit dem Holocaust zusammenhängen,
ist allerdings nicht sicher. Gerüchten zufolge gab es in
ihrer Familie viele, die schon vor der Machtergreifung
der Nazis einen Dachschaden hatten, und es ist möglich,
dass dieses Problem mehr mit den Genen als mit
äußeren Einflüssen zusammenhängt.
Anfangs, als wir noch klein waren und unsere Mutter
eine junge Frau war, erzählte Großmutter nichts,
und wir wussten gerade mal, dass sie den Holocaust
überlebt hatte, doch vor ein paar Jahren nahm meine
Mutter an einem Workshop für die Zweite Generationteil,
und die Psychologen, die dort referierten, erklärten
den Teilnehmern, ihr Leben sei restlos ruiniert, auch
wenn sie es gar nicht merkten, sie seien traurig und
deprimiert, auch wenn sie glaubten, froh und glücklich
zu sein, denn das Leiden der Eltern sei in ihre
Gehirne eingesickert, vor allem in die Gehirne der Kinder,
deren Eltern geschwiegen hätten, um den Nachkommen
der Zweiten Generation die Schrecken ihrer
Vergangenheit zu ersparen. Doch selbst eine Mauer
des Schweigens könne sie nicht vor den übermächtigen
Schmerzimpulsen
schützen. Das sensible Radarsystem
des kindlichen Gemütes fange sie auf, so wie die Radargeräte
der NASA die Pulsarstrahlung von Sternen registrieren,
die man nicht sehen, sondern nur durch ihre
elektromagnetischen Impulse orten kann. Daher könne
man die alten, immer noch offenen Wunden nur heilen,
wenn man die Dinge ausspreche, und die Nachkommen der Zweiten Generation sollten die Überlebenden zum Reden bringen und sie veranlassen,
die tief im Innern begrabenen Erlebnisse in Worte zu fassen, denn
was ausgesprochen wird, schmerzt immer weniger als
das, was nicht ausgesprochen wird. Dieser abschließende
Satz stand auf dem Blatt Papier, das Mutter aus
dem Workshop mitbrachte. Mir persönlich würde es
schwerfallen, diesem Satz zuzustimmen, denn es gibt
jede Menge Dinge, die ich lieber für mich behalte und
die ich niemals aussprechen werde, selbst wenn mich
Torquemada höchstpersönlich foltern würde, um ein
Geständnis zu erpressen.
Zum Abschluss des Workshops fand ein interessantes
Experiment statt, die Begegnung eines Nachkommen
der Zweiten Generation mit seiner Mutter,
einer Holocaustüberlebenden, im Beisein aller Teilnehmer.
Die Mutter hatte bisher nie etwas erzählt. Erst bei
dem Experiment redeten sie zum ersten Mal über ihre
Erfahrungen, brachen in Tränen aus und umarmten
sich, nachdem die Mutter ihren Sohn während seiner
ganzen Kindheit nicht ein einziges Mal berührt hatte,
außer wenn sie ihn nach Strich und Faden verprügelte.
Dieses Experiment machte einen tiefen Eindruck auf
meine Mutter, die als Kind auch nicht selten Schläge
von Großmutter bezogen hatte, und sie kam mit der
Überzeugung nach Hause, dass sie einen ähnlichen
Versuch auch in unserer Familie durchführen müsse.
Nur dass bei uns niemand in Tränen ausbrach und sich
umarmte. Die Familienmitglieder, die an dem Workshop
teilnahmen, hörten auch nicht immer höflich
zu, und manchmal kam es sogar vor, dass die Nicht-Holocaustüberlebenden die Holocaustüberlebende anschrien
und umgekehrt.
Es war nicht einfach, Großmutter zur Teilnahme
an dem Workshop zu überreden. Meine Mutter fing
an, Großmutter zu bearbeiten, und beschwor sie, doch
endlich die bösen Geister aus der Flasche zu lassen,
wenn schon nicht ihretwegen, dann zumindest um der
Enkel willen, weil Großmutter schließlich nicht mehr
die Jüngste sei und am Ende alle Erlebnisse mit ins
Grab nehmen werde, die dann nicht nur die zweite,
sondern auch die dritte und vierte Generation belasten
würden. Deine Enkel, hielt sie ihr vor, werden ein
Leid mit sich herumschleppen, das sie nicht einmal
benennen können, weil sie es nicht kennen, und das
ist das Allerschlimmste. Großmutter sagte, manchmal
sei das Leid, das man kenne, schlimmer als das Leid,
das man nicht kenne, und nur, wer dort gewesen sei,
könne verstehen, wovon sie rede, und Mutter sagte,
genau das meine sie doch, dass sie nicht verstehe, wovon
ihre Mutter rede, wenn sie nicht darüber rede. Und
als Großmutter immer noch nicht überzeugt war, fing
Mutter mit den wichtigen Lehren an, die man aus dem
Holocaust ziehen könne, damit so etwas nie wieder geschehe,
und Großmutter wurde traurig und fragte, welche
Lehren man denn aus dieser Hölle ziehen solle, die
etwas Einmaliges gewesen sei, und wenn man eine Lehre
daraus ziehen wolle, dann nur die, dass man keine
Lehren daraus ziehen könne. So etwas dürfe einfach nie
wieder passieren. Doch Mutter beharrte darauf, dass es
genau darum gehe: Was ist denn eigentlich geschehen,
das nie wieder passieren darf? Und Großmutter sagte,
es sei eine ganz andere Zeit gewesen und man könne
nicht zwischen damals und heute vergleichen. Damals
hatten die Juden keinen Staat, der sie beschützt. Sie waren
über alle Welt verstreut, und alle Gojim hassten sie.
»Und was ist heute?«, schrie mein Großvater der
Kosmologe die Großmutter an, die den Holocaust
überlebt hatte. »Was ist da der Unterschied? Sind wir
jetzt beliebter? Nein! Sie hassen uns immer noch, und
vielleicht mehr denn je!« Darauf erwiderte Großmutter,
dass wir jetzt wenigstens alle zusammen in unserem eigenen
Staat lebten und uns verteidigen könnten. Aber
Großvater erklärte, dass gerade diese Konzentration
auf engstem Raum zu unserem Nachteil sei, wogegen
im Holocaust die Zerstreuung der Juden für unsere
Feinde kein geringes organisatorisches und technologisches
Problem darstellte: Wie treibt man sie aus allen
Ecken und Enden Europas zusammen? Und wie überzeugt
man sie, in die Duschen zu gehen? Wie erhält
man das Vernichtungstempo aufrecht, ohne dass die
Todesindustrie zusammenbricht? Wie verbrennt man
so viele Menschen, ohne dass die Krematorien verstopfen?
Was macht man mit den Aschenbergen? Diese
Probleme existieren heute nicht mehr, weil wir alle
in einem mittelgroßen Konzentrationslager sitzen, das
auf der einen Seite durch den Bau einer riesengroßen
Mauer begrenzt wird, die das Land wie ein Messer zerschneidet,
und auf der anderen Seite vom Meer. Eine
einzige Wasserstoffbombe von Ahmadinedschad würde
genügen, um den ganzen Staat in ein gigantisches
Krematorium zu verwandeln, mit Temperaturen, wie
sie sich die Firma Topf & Söhne, die die Krematorien
in Auschwitz gebaut hat, in ihren kühnsten Träumen
nicht hätte vorstellen können. Die Brennöfen kamen
damals auf höchstens 1500 Grad, die nicht ausreichten,
um die großen Beckenknochen zu verbrennen, doch
bei der Explosion einer Bombe, die auf das Zentrum
von Israel fällt, entstehen Temperaturen bis zu 5000
Grad, und so kann man ohne komplizierte und teure
Logistik in drei Sekunden die Arbeit vollenden, die
Hitler in drei Jahren nicht geschafft hat.
Diese Schilderung jagte Großmutter einen tüchtigen
Schrecken ein, und sie fragte ihn, ob er wirklich glaube,
dass so etwas passieren würde, und Großvater sagte,
wenn hier nicht ein Regierungschef ans Ruder käme,
der Begins Format, Churchills Mut und Bin Ladens
Skrupellosigkeit habe und bereit sei, einen Präventivschlag
gegen Teheran zu führen, dann werde genau
das geschehen, und dann solle ihm bloß niemand vorwerfen,
er habe ihn nicht gewarnt.
Jedenfalls ließ sich Großmutter durch seine Erklärungen
dazu bewegen, auf ihr Schweigerecht zu verzichten
und ihre Pandorabüchse zu öffnen. Wir sollten schon
bald bereuen, dass wir sie nicht weiter schweigen ließen,
denn sobald sie den Mund aufmachte, sprudelten
die Gräuel hervor wie der Old Faithful in Yellowstone,
und es war unmöglich, sie zu stoppen. Bei dem berühmten
Geysir kann man sich wenigstens darauf vorbereiten,
dass er alle einundneunzig Minuten ausbricht
und fünf Minuten lang fünfundzwanzigtausend Liter
Wasser fünfunddreißig Meter hoch schleudert, doch
bei Großmutter gab es keine Gesetzmäßigkeit und man
wusste nie, wann der nächste Ausbruch kam.

Benny Barbasch

Über Benny Barbasch

Biografie

Benny Barbasch wurde 1951 in Beersheba geboren, heute lebt er in Tel Aviv. Er ist Autor zahlreicher Theaterstücke und Drehbücher, unter anderem zu dem Film »Jenseits der Mauern« seines Bruders Uri Barbasch, der den Kritikerpreis auf dem Filmfest von Venedig gewann und als Meilenstein in der...

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