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Der männliche Makel

Der männliche Makel

Roman

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Der männliche Makel — Inhalt

Eloise Elliott überlässt nichts dem Zufall – weshalb sie sich für eine künstliche Befruchtung entscheidet. Als drei Jahre später ihre Tochter nach ihrem Vater fragt, macht Eloise sich daran, ihn zu finden. Vielleicht ist er ja Chirurg? Oder Dirigent? Weit gefehlt! Eloises Recherche führt sie zu einem Mann, vor dem sie normalerweise schreiend davongerannt wäre – einem Mann, der ihr Leben auf den Kopf stellt …

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 13.10.2014
Übersetzt von: Karin Dufner
384 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98166-8

Leseprobe zu »Der männliche Makel«

»Achte auf deine Gedanken, denn irgendwann sind sie Worte,
achte auf deine Worte, denn irgendwann sind sie Taten, achte auf deine Taten, denn irgendwann sind sie Gewohnheiten,
achte auf deine Gewohnheiten, denn irgendwann sind sie deine Persönlichkeit,
achte auf deine Persönlichkeit, denn irgendwann ist sie dein Schicksal. «
Anonymus

 

»Man kann das Leben entweder hinnehmen oder ändern. Was nicht hinnehmbar ist, muss verändert werden.
Und was sich nicht verändern lässt, muss man hinnehmen.«

 

Winston Churchill


Prolog


Es heißt ja, dass kein Mensch eine [...]

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»Achte auf deine Gedanken, denn irgendwann sind sie Worte,
achte auf deine Worte, denn irgendwann sind sie Taten, achte auf deine Taten, denn irgendwann sind sie Gewohnheiten,
achte auf deine Gewohnheiten, denn irgendwann sind sie deine Persönlichkeit,
achte auf deine Persönlichkeit, denn irgendwann ist sie dein Schicksal. «
Anonymus

 

»Man kann das Leben entweder hinnehmen oder ändern. Was nicht hinnehmbar ist, muss verändert werden.
Und was sich nicht verändern lässt, muss man hinnehmen.«

 

Winston Churchill


Prolog


Es heißt ja, dass kein Mensch eine Insel ist, aber glauben Sie mir, Eloise Elliot war eine.
Nicht, dass sie das groß gestört hätte, schließlich legte sie auch gar keinen Wert auf soziale Kontakte.
Allerdings war es heute Abend anders.
Es war nämlich ihr dreißigster Geburtstag, und abgesehen von einigen Sachbearbeiterinnen war niemand zu dem Umtrunk gekommen.
Niemand vom Vorstand, für den sie sich krummschuftete. Niemand aus der Redaktion, Kollegen, mit denen sie nun seit drei mörderischen Jahren Seite an Seite arbeitete. Ja, nicht einmal die – sehr – wenigen Mitarbeiter, die sie zwar nicht direkt als Freunde einstufte, die aber wenigstens nicht mit Möbelstücken nach ihr warfen.
Stattdessen hatten nur zwei junge Frauen aus der Buchhaltung, gefolgt von einer neuen Praktikantin, die Köpfe zur Tür hereingesteckt. Die drei hatten sich sofort miteinander verbündet und ausführlich über die gestrige Folge von X Factor gefachsimpelt. Sie hatten sich zwar verlegen bemüht, das Geburtstagskind in ihre Unterhaltung miteinzubeziehen, Eloise hatte es allerdings nicht übers Herz gebracht, ihnen zu erklären, dass sie den Fernseher zu Hause nur einschaltete, um sich die Nachrichten auf BBC oder SKY anzuschauen, und auch das nur, um sicherzugehen, dass sie auch kein aktuelles Ereignis verpasst hatte. Immerhin waren sie ja so nett gewesen, der Einladung zu folgen.
Und so verbrachte Eloise Elliot ihren dreißigsten Geburtstag im Konferenzraum der Post damit, inmitten Tabletts voller Häppchen mit Ei und Kresse, die sich bereits an den Rändern wellten, aufgesetzten Smalltalk mit mehr oder weniger wildfremden Frauen zu betreiben. Hinzuzufügen ist, dass alle sich mit der Begründung, dass sie am nächsten Tag früh aufstehen müssten, bald verdrückten. Aller Wahrscheinlichkeit nach wollten sie in Wirklichkeit jedoch nichts wie raus, sobald der Gratisalkohol zur Neige ging.
»Möchtest du tatsächlich keinen Windbeutel mehr?«, fragte Eloise eine Blondine mit Smileygesicht, deren Namen sie nicht richtig verstanden hatte. »Ihr könnt jetzt nicht verschwinden, schaut euch nur die Mengen von Essen an! Ihr müsst mir helfen, wenigstens einen Teil davon zu vertilgen. «
»Äh«, stammelte die Blondine und warf den anderen einen hilfesuchenden Blick zu. »Tja … ich würde ja gern, aber weißt du … ich habe morgen in aller Herrgottsfrühe ein Meeting und muss wirklich los …«
»Ja, ich auch, es ist schon so spät«, stimmte ihre Freundin Isabelle ein, eine hochgewachsene Modelschönheit, an die Eloise sich vage aus der Kantine erinnerte.
» Ihr wollt doch sicher vorher noch ein Stück vom Geburtstagskuchen!«, drängte Eloise, wobei sie sich bemühte, den leicht hysterischen Unterton in ihrer Stimme zu unterdrücken. Allerdings nicht sehr erfolgreich.
»Ich kann nicht. Leider wohne ich schrecklich weit weg, und wenn ich meinen Bus verpasse …«
»Und was ist mit dir?«, wandte sich Eloise an die neue Praktikantin, die, soweit sie wusste, Susan hieß, und hielt ihr ein Vanillecremeteilchen unter die Nase.
» Oh … äh … vielen Dank «, antwortete Susan, die Einzige, die ein wenig mit Eloise mitzufühlen schien, höflich. »Aber ich muss mich wirklich sputen. Es war ein langer Tag …«
Schlacht verloren, dachte Eloise. Zeitverschwendung, sie zum Bleiben aufzufordern. Stattdessen blickte sie den dreien nach, wie sie auf ihren viel zu hohen Absätzen aus dem Büro zu den Aufzügen staksten. Ihr fiel auf, dass sie mit jedem Meter Abstand ausgelassener wurden.
»Was haltet ihr von Lanagan’s auf einen kurzen Absacker, Mädels ? «, hörte sie die Blondine, die irrtümlich glaubte, weit genug entfernt zu sein, deutlich sagen. Lanagan’s war der Pub gegenüber und sehr beliebt bei allen, die nach Feierabend noch dringend einen Drink brauchten.
»Oh ja, bitte«, sagte Susan. »Ich habe mich noch nie so nach einem Gin Tonic gesehnt wie nach dieser Veranstaltung. «
»Ich dachte, sie würde uns gar nicht mehr gehen lassen.«
»Nun, wenigstens waren wir dort.«
» Wir sind eben unverbesserliche Gutmenschen und hätten uns eine Ausrede einfallen lassen sollen wie die anderen.«
Da dann der Aufzug kam, konnte Eloise den Rest nicht mehr belauschen.
Also gut, dachte sie. Das war also der Anfang eines neuen Jahrzehnts. Nur, dass es bis jetzt eher den Eindruck eines wahr gewordenen Albtraums machte.
Eigentlich hatte Eloise gar keine Lust auf eine Feier gehabt, keine Zeit, vielen Dank auch. Aber schließlich war sie ja dafür berüchtigt, keine zwischenmenschlichen Kontakte zu pflegen, solange sie nicht beruflich bedingt waren und wirklich kein Weg daran vorbeiführte. Und selbst dann kam sie als Letzte, ging als Erste, klammerte sich in der Stunde ihrer Anwesenheit ungeduldig an ihr Wasserglas und fragte etwa alle zehn Minuten die Mails auf ihrem iPhone ab.
Gut, sie hatte sich auf der Weihnachtsfeier blicken lassen, hauptsächlich deshalb, weil ihr nichts anderes übrig geblieben war. Immerhin war sie die Chefin hier, und selbst sie wusste, dass ihr Fernbleiben einen miserablen Eindruck gemacht hätte. Aber im Grunde genommen war sie ihre eigene beste Freundin und mit diesem Zustand auch völlig zufrieden. Sie war eine Insel, und Beliebtheit war nun einmal ein Thema, für das Inseln sich nicht zu interessieren brauchten. Eine Einstellung, die, als sie so an einem leeren Schreibtisch zwischen vielen Reihen unberührter Weingläser saß, recht nützlich sein konnte.
Geistesabwesend nestelte sie an der Schnur eines kitschigen rosafarbenen Ballons mit der Aufschrift Happy Birthday herum, der neben ihr in der Luft schwebte. Und dabei gestattete sie sich zum ersten Mal seit Jahren einen seltenen Moment der Selbstreflexion.
Willkommen in meinem Leben, dachte sie. Dreißig Jahre alt und absolut allein. Keine Freunde. Kein Mann. Keine Kollegen, die – welch anmaßender Wunsch – freiwillig ihre Zeit mit mir verbringen wollen. Einfach niemand. Natürlich hatte sie eine Familie, die sie allerdings so selten sah, dass sie kaum eine Rolle spielte. Da war eine Mutter, die inzwischen in einer Doppelhaushälfte in Marbella wohnte, ihre Sonnenbräune pflegte und die besorgniserregende Angewohnheit entwickelt hatte, tagsüber zu trinken. Doch trotz der wöchentlichen Telefonate und der zahlreichen Einladungen, »einfach in den nächsten Flieger zu steigen und ein bisschen Sonne zu tanken «, besuchte Eloise sie nur zu Weihnachten. Wenn überhaupt. Sie hatte noch eine jüngere Schwester namens Helen, aber die war vor einigen Jahren nach Cork gezogen. Außerdem war es zwischen ihnen eine unausgesprochene Übereinkunft, dass sie eigentlich nichts gemeinsam hatten, weshalb sie nur selten miteinander redeten, und auch das nur aus Gründen der Höflichkeit.
Offen gestanden störte es Eloise nur selten, dass sie keine Freunde hatte, denn wie kann man etwas vermissen, das man ohnehin nicht kennt? Das ging schon seit der Grundschule so, als sie immer Klassenbeste gewesen und von den anderen Kindern, mies und grausam, wie Kinder eben sind, ausgegrenzt und gemobbt worden war. Wer wollte schon mit einem Mädchen befreundet sein, das den Lehrern ständig damit in den Ohren lag, dass es mehr und schwierigere Hausaufgaben aufbekommen möchte?
Und so wuchs sie, was nicht überraschend war, sehr unabhängig auf und brauchte eigentlich keine anderen Menschen. Schließlich war sie mit ihrem Beruf verheiratet, ja, sie und ihr Beruf waren eins. Übrigens war sie auch die jüngste Chefredakteurin, die die Post jemals beschäftigt hatte, und konnte das sogar mit einigen stressbedingten Magengeschwüren belegen. Innerhalb weniger Jahre hatte sie nicht nur die Auflage verdreifacht, sondern dem Blatt auch eine neue Leserschaft erschlossen. Morgens war sie die Erste am Schreibtisch, abends die Letzte, die ging, denn sie war keine Frau für beschauliche Stunden, Freunde, Familie oder geselliges Beisammensein. Niemals. Tut mir leid, keine Zeit.
Im Laufe der Jahre war sie von vielen Kollegen darauf angesprochen worden, warum sie so besessen von ihrem Beruf sei. Doch Eloise empfand solche Fragen, als hätte sich jemand erkundigt, warum sie sich überhaupt die Mühe machte, Luft zu holen. Sie liebte ihren Job, weil er sie beflügelte und ihrer Seele Nahrung gab wie sonst nichts anderes auf der Welt. Deswegen hatte sie nichts dagegen, oft noch länger in der Redaktion zu sitzen. Und darum begriff sie einfach nicht, wieso ihre Mitmenschen sich nicht mit dem gleichen Elan ins Zeug legten.
Kein Wunder, dass die Leute nicht mit ihr warm wurden. Hinter ihrem Rücken hatten ihre Untergebenen bereits einige Spitznamen für sie erfunden, von denen sich allerdings keiner hielt, da allein der Satz »Eloise Elliot möchte Sie sofort in ihrem Büro sehen« eine einschüchternde Wirkung hatte. Schnörkellos, geradeheraus und absolut ausreichend, damit jeder bedauernswerte Mitarbeiter erbleichte und zitternd verstummte.
Allerdings musste man ihr fairerweise zugutehalten, dass sie auch viele Anhänger hatte, die sie für die beste lebende Blattmacherin hielten. Für eine moderne Feministin des einundzwanzigsten Jahrhunderts, die Journalisten dazu ermutigte, die Leserschaft in regelmäßigen Abständen vor den Kopf zu stoßen. Außerdem schrieb sie bissige Leitartikel, die in bildungsbürgerlichen Kreisen zur Pflichtlektüre geworden waren.
Obwohl man hinzufügen muss, dass die meisten Fans von Eloise sie nicht persönlich kannten und ihr noch nie begegnet waren.
Und wie war sie eigentlich? Eloise gab nur selten Interviews oder tat etwas für ihr Image. Bei der jüngsten Verleihung des Preises » Vorbildlichste Geschäftsfrau des Jahres « hatte ein tapferer Journalist gewagt, sie zu fragen, wie sie mit den Gerüchten zurechtkäme, dass sie bei der Post unbeliebt sei. Jeder andere hätte auf diese Unverblümtheit konsterniert reagiert, nicht aber Eloise.
»Ich bin noch jung«, erwiderte sie achselzuckend. »Und ich habe eine der exponiertesten Stellungen in der Zeitungsbranche dieses Landes inne. Natürlich führt das zu Missgunst. Damit muss man leben.«
Allerdings hat das Schicksal die unangenehme Angewohnheit, sich sogar in das wohlgeordnete Leben der erfolgreichsten Menschen einzumischen. So auch offenbar bei Eloise.
Eigentlich wäre es gar nicht so schlimm gewesen, denn dieses grässliche Geburtstagstheater hatte als ganz gewöhnlicher und normaler Arbeitstag angefangen. Genauso hätte es auch bleiben sollen, denn von kitschigen Luftballons mit der marktschreierischen Aufschrift Du bist dreißig!, kombiniert mit einem billigen Sandkuchen, hätte sie vermutlich Ausschlag bekommen. Das Problem war nur, dass ihr Redaktionsleiter, ein reizender, jungenhafter Mann, sich gewaltige Mühe gegeben hatte, um diesen jämmerlichen Umtrunk anlässlich des meilensteinhaften Geburtstagsdatums zu organisieren. Vermutlich hauptsächlich getrieben von irregeleitetem Pflichtgefühl.
Auch wenn das Eloise ganz und gar nicht in den Kram passte, hatte sie gute Miene zum bösen Spiel gemacht – wenn auch mit der Begeisterung einer Geisel, der man eine Pistole an den Kopf hält.
Herausgekommen war eine absolute Katastrophe. Den ganzen Tag lang war ihr ausgeklügelter Terminplan ständig davon unterbrochen worden, dass Leute, die sie kaum kannte und auch nicht sonderlich mochte, anriefen, um ihre Teilnahme an fraglichem Umtrunk aus verschiedenen, nicht sehr glaubwürdigen Gründen abzusagen.
Die mieseste Ausrede lautete wie folgt: »Ich wünsche dir eine schöne Geburtstagsfeier und würde gern dabei sein, aber, weißt du, ich habe versprochen, meinen Dad im Krankenhaus zu besuchen. Ihm geht es nämlich nicht gut, und es müssen einige Untersuchungen gemacht werden …«
Diese Begründung war es, die für Eloise das Fass zum Überlaufen brachte. Als ihr Vater vor einigen Jahren gestorben war, hatte sie am folgenden Morgen um sechs am Schreibtisch gesessen und war pünktlich auf die Minute zur ersten Redaktionssitzung des Tages erschienen. Gefasst und absolut professionell, ganz gleich, wie sehr es ihr auch das Herz gebrochen haben mochte.
Und dann war ausgerechnet der arme abgehetzte Redaktionsleiter, der den ganzen Tag hinter Eloises Rücken auf ihre Kollegen eingeredet und sie angefleht hatte, doch wenigstens für ein paar Minuten bei ihrer Geburtstagsfeier vorbeizuschauen, mit besorgter Miene in ihr Büro gekommen, um ihr mitzuteilen, dass er leider auch absagen müsse, weil bei seiner Frau verfrüht die Wehen eingesetzt hätten. Eloise konnte nur noch die Augen zur Decke verdrehen.
Und da stand sie nun. Allein mit etwa zweihundert unverzehrten Cocktailwürstchen von Marks & Spencer und im Stich gelassen von ihren »Gästen«, von deren hastiger Flucht nur noch eine Staubwolke zeugte. Und es war erst halb neun.
Eine schwächere Frau als sie wäre wohl verzweifelt gewesen und hätte sich gezwungen gesehen, ihr Leben einer Bestandsaufnahme zu unterziehen. Sie hätte sich gefragt, warum niemand privat Zeit mit ihr verbringen wollte und sich kein Mensch für ihren Geburtstag interessierte oder wer sie … nein, so etwas durfte sie nicht einmal denken … wirklich gernhatte. Aber nicht Eloise.
Erstaunlicherweise eilte sie an diesem desolaten Abend anders als sonst nicht einmal zurück an ihren Schreibtisch, um die versäumte Zeit nachzuarbeiten. Stattdessen blieb sie, tief in Gedanken versunken, im leeren Konferenzraum zurück. Dabei darf man nicht vergessen, dass sie eine Frau war, die nur selten Gefühle zeigte und sich seit ihrer frühesten Kindheit nicht mehr öffentlich hatte gehen lassen.
Plötzlich hatte sie ihr künftiges Leben vor sich, und zwar so deutlich, als wäre es bereits Vergangenheit. Glasklar sah sie sich mit vierzig und dann mit fünfzig, bis hinein ins Rentenalter. Immer noch als Chefredakteurin, immer noch achtzehn Stunden täglich im Büro und immer noch allein. Und Jahr für Jahr tat sie so, als feiere sie bei lauwarmem Sekt einen Tag, der ihr eigentlich nichts bedeutete, inmitten von Fremden, in deren Mienen sich ein Ausdruck malte, der sie inzwischen überallhin verfolgte: eine Mischung aus Mitleid und Grauen.
Manchmal erkennen wir die wichtigsten Momente unseres Lebens erst, wenn sie schon längst vorbei sind, doch nicht Eloise. Es war zwar nur schwer vorstellbar, dass dieser traurige Abend ihr ganzes wohlgeordnetes Leben verändern sollte, aber genau das würde geschehen.
Wenn sie viele Jahre später zurückblickte, würde sie diesen Moment als denjenigen benennen, in dem der Himmel ihr etwas ins Ohr geflüstert und sie plötzlich genau gewusst hatte, was zu tun war: Sie musste ihr Leben ändern und das Problem lösen. Denn genau so stellte es sich für einen Menschen mit ihrem scharfen mathematischen Verstand dar: als Problem, das gelöst werden musste wie eine Gleichung.
Und um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen – genau das sollte auch passieren.
Und so wischte sich Eloise Elliot, erfüllt von der blendenden Klarheit, die man nur an den Scheidewegen des Lebens empfindet, die brennenden, geröteten Augen ab, holte tief Luft und traf eine der schnellen, vernünftigen und rationalen Entscheidungen, für die sie berühmt war.
Es war Zeit, die Ärmel hochzukrempeln.

 

Teil eins

Eloise


Kapitel eins

Knapp vier Jahre später


Nicht heute. Bitte nicht heute. Ich kann gar nicht sagen, wie wenig ich das heute gebrauchen kann.
Obwohl es kaum halb sechs Uhr morgens ist, droht mein Leben aus den Fugen zu geraten, etwas, das in letzter Zeit mit beängstigender Häufigkeit geschieht. Das Unheil nimmt seinen Lauf, als ich versuche, mich im Morgengrauen aus dem Haus zu schleichen, denn Elka, mein polnisches Kindermädchen, sucht sich ausgerechnet diesen verflixten Tag aus, um mir eine Szene zu machen.
Ich pirsche mich also barfuß nach unten, um ja niemanden zu wecken, wohl wissend, dass ich zu spät zur morgendlichen Redaktionssitzung kommen werde, ohnehin kein guter Start in den Tag. Im nächsten Moment kommt Madam, noch im Morgenmantel, aus ihrem Zimmer marschiert und bittet nicht etwa um ein » kurzes Gespräch «, sondern fordert es ein.
»Äh … ja, natürlich, Elka«, antworte ich. Sofort schwant mir Übles, und ich senke die Stimme zu einem Flüstern, um Lily nicht zu stören.
Lily ist übrigens meine kleine Tochter, knapp drei Jahre alt und der Sonnenschein im Leben ihrer abgekämpften und erschöpften Mummy.
» Ist alles in Ordnung ? «, frage ich, beiße mir auf die Zunge und mache mich auf das Schlimmste gefasst. Elka ist bis jetzt das einzige Kindermädchen, das Lily vergöttert. Ihr zuliebe benimmt sie sich sogar, und Elka scheint sie wirklich gernzuhaben.
»Ich muss reden mit dir, und ich dich sehe nur um diese verruckte Uhrzeit«, verkündet sie in ihrem noch immer gebrochenen Englisch. Und das, obwohl ich in den letzten Monaten ein kleines Vermögen in Hörbücher und Privatunterricht investiert habe.
Bitte sag jetzt nicht, dass du gehst … bitte, lieber Gott, mach, dass nicht wieder eine verschwindet …
»Schieß los, Elka«, erwidere ich äußerlich ruhig, obwohl mir davor graut, was nun als Nächstes kommt.
»In Vertrag steht, dass du mich bezahlst für aufpassen Lily«, fährt sie in anklagendem Ton fort. »Aber du musst verstehen, dass das vernunftige Stunden heißt.«
»Du meinst, vernünftige Arbeitszeiten«, antworte ich. »Dürfte ich wissen, wie du plötzlich darauf kommst?«
»Du hast Nerven, mich zu fragen das.«
»Pst! Geht das auch ein bisschen leiser? Sonst wacht Lily auf. «
»Ich großes Problem mit den Arbeitszeiten, die du von mir verlangst. Meine Freundinnen, die auch Kindermädchen sind, müssen alle nicht arbeiten so lange wie ich.«
»Aber, Elka, so viel arbeitest du nun auch wieder nicht … zumindest nicht verglichen mit mir …«
» Schau auf Uhr ! Halb sechs ! Und schon willst du ins Büro, und ich muss mich um Lily kümmern. Eigentlich solltest du abends um sieben zu Hause sein, und ich habe frei, aber das bist du nie. Nie!«
Gut, dazu fällt mir im Moment nichts ein, denn das Mädchen hat recht. Theoretisch war vereinbart, dass ich abends gegen sieben eintrudle und Elka Feierabend macht … doch in letzter Zeit ist es immer ein klein wenig später geworden. Elf vielleicht. Oder sogar Mitternacht.
»Alle anderen Kindermädchen haben abends frei! Sie sich treffen für Bier oder Kino. Alle haben Spaß in Irland. Aber ich nicht! Nie habe ich Spaß. Ich habe satt, mir reicht es!«
»Pst! Elka, bitte sprich leiser«, raune ich ihr zu, aber Madam will nichts davon wissen. Stattdessen steigert sie sich in einen Wutanfall hinein und ist nicht mehr zu bremsen.
»Nein, du hörst mir jetzt zu. Wegen dir ich muss so lange arbeiten … es ist zu viel, und ich will kündigen!«
»Ich verstehe dich ja, aber darf ich dich daran erinnern, dass mein Beruf das eben so mit sich bringt?«, versuche ich sie so gut wie möglich zu beruhigen, wohl wissend, dass sie mich in der Hand hat. Denn wenn sie geht … oh, mein Gott, ich wage gar nicht, daran zu denken. »Wenn dir meine Arbeitszeiten nicht gefallen, Elka, dann … dann weiß ich auch nicht, was ich sagen soll. Ich kann nichts dagegen tun, und glaube mir, ich arbeite genauso ungern bis in die Nacht hinein wie du. Wenn du also einen Schuldigen suchst, beschwer dich bei den Politikern der Eurozone und der Weltwirtschaftskrise … oder beim arabischen Frühling im Nahen Osten, für den ich nun wirklich nichts kann.«
» Ich verstehe nicht … du darfst nicht so schwierige Worter benutzen. «
Noch einmal tief durchatmen.
»Es tut mir leid, Elka«, spreche ich so ruhig wie möglich weiter. »Aber wenn etwas Wichtiges passiert, muss die Chefredakteurin da sein und sich darum kümmern. Das ist mein Leben, und dir war das bekannt. Nachrichten machen keinen Feierabend, und deshalb kann ich es auch nicht tun. Ich habe dir das beim Vorstellungsgespräch klipp und klar gesagt. Darf ich dich außerdem darauf hinweisen, dass ich dich gut bezahle und dass du bei mir mehr verdienst als die anderen Kindermädchen? Wenn es allerdings «, füge ich fröhlich hinzu, » um eine weitere Gehaltserhöhung geht, können wir später gerne darüber reden.«
Nein, nicht einmal das überzeugt sie. Ich könnte genauso gut mit der Wand sprechen.
» Du arbeitest zu lang, und das nicht nur schlecht für mich, sondern auch für Lily«, entgegnet sie. Der Rabenmuttertrumpf, der älteste Trick, um einer berufstätigen Mutter ein schlechtes Gewissen einzuimpfen.
»Sie vermisst ihre Mama so sehr, wenn du bist weg. Dauernd sie mich fragt, wann Mama nach Hause kommt.«
»Aber Elka, das ist einfach lächerlich und außerdem sehr kränkend … «
»Sogar Wochenende arbeitest du, anstatt zu sein bei ihr. Immer nur Arbeit.«
Das war ein Seitenhieb in einer immer hitziger werdenden Debatte, der mir im ersten Moment die Sprache verschlägt. Ja, natürlich würde ich gern vierundzwanzig Stunden am Tag mit Lily verbringen. Wer würde das nicht ? Doch wie soll ich das hinkriegen? Kurz muss ich an ihr erstes Lebensjahr denken, in dem ich es irgendwie geschafft habe. Ich war das ganze Wochenende zu Hause und habe es meistens sogar zustande gebracht, verhältnismäßig früh aus der Redaktion zu kommen. Deshalb hielt ich es für möglich, die beiden Welten miteinander zu vereinbaren. Ich konnte Superwoman sein. Arbeitszeit und Privatleben waren perfekt ausbalanciert, und ich kann aufrichtig sagen, dass ich noch nie im Leben so glücklich gewesen war wie damals. Bei Weitem.
Aber dann kam die Rezession und mit ihr der Arbeitsplatzabbau, und Schluss war es mit der Idylle. Plötzlich hatte ich die Wahl, für dasselbe Gehalt für drei zu arbeiten oder meinen Hut zu nehmen. Pech gehabt. Ich stand vor einem unlösbaren Dilemma. Denn sosehr ich Lily auch anbete, ist mir mein Beruf ausgesprochen wichtig. Gegen meine neuen Arbeitszeiten kann ich nicht viel tun, außer zu kündigen. Und wenn ich schonungslos Bilanz ziehe, weiß und akzeptiere ich, dass ich ein Mensch bin, der ohne beruflichen Erfolg als Seelennahrung in weniger als einer Woche verrückt werden würde. Ja, es ist etwas Tolles, Mutter zu sein, doch das gilt auch für meinen Job. Warum also kann ich nicht beides haben?
Allerdings habe ich in der Redaktion klare Grenzen gesetzt und allen unmissverständlich mitgeteilt, dass meine Sonntage mit Lily heilig sind. Es ist der einzige Tag in der Woche, an dem ich Gelegenheit habe, ihr vorzulesen, ihr zum Frühstück Pfannkuchen zu machen, mit ihr im Kino einen Disney-Film anzuschauen oder im Park die Enten zu füttern. Sie also nach Strich und Faden zu verwöhnen und eine richtige Mummy zu sein.
Doch ich muss zugeben, dass Elka recht haben könnte, durch den letzten Stellenabbau wurde nämlich sogar die kostbare Mummyzeit am Sonntag stark in Mitleidenschaft gezogen. Nehmen wir zum Beispiel letzte Woche. Ich hatte Lily ihr Frühstück gemacht und spielte Teetrinken mit der kleinen Armee von Puppen, die ich ihr geschenkt hatte. Gerade wollte ich mit ihr in den Spielzeugladen fahren, um ihr eine kleine Freude zu bereiten, als die Redaktion anrief. Ich müsse sofort kommen, denn es sei wegen der neuen Entwicklungen in Afghanistan eine Notfallsitzung anberaumt worden. Was hätte ich tun sollen? Ich musste einfach hin. Das gehört zu meinem Beruf dazu.

Über Claudia Carroll

Biografie

Claudia Carroll lebt in Dublin und ist erfolgreiche Theater- und TV-Schauspielerin. Ihre Romane stehen ganz oben auf den irischen Bestsellerlisten und werden in zahlreiche Sprachen übersetzt.

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