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Der letzte VerratDer letzte Verrat

Der letzte Verrat

Roman

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Der letzte Verrat — Inhalt

Jedes Geheimnis haben sie geteilt – den ersten Kuss, das erste Mal, die erste große Enttäuschung –, aber die einst vier besten Freundinnen haben sich aus den Augen verloren. Ein paar gemeinsame Tage in einem Strandhaus an Australiens Ostküste sollen Abhilfe schaffen. Bereits am ersten Abend erkennen Eden, Joni, Trina und Deb jedoch, dass sie nicht mehr viel voneinander wissen, darum soll jede in einem anonymisierten Brief ihre geheimsten Wünsche, Ängste und Obsessionen offenbaren. Doch es taucht ein fünfter Brief auf, der sich mit hasserfüllten Drohungen gegen eine von ihnen wendet. Plötzlich ist jedes Vertrauen verloren, stattdessen herrschen Angst und Zwietracht ...

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 01.08.2017
Übersetzt von: Stefan Lux
336 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-06090-5
€ 11,99 [D], € 11,99 [A]
Erschienen am 01.08.2017
Übersetzt von: Stefan Lux
336 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97842-2

Leseprobe zu »Der letzte Verrat«

Als Erstes müsst ihr wissen, dass ich diese Gefühle nie und nimmer in die Tat umsetzen würde.

 

Prolog

Jonis erster Gedanke war, dass nicht sie den Brief hätte finden dürfen. Jemand anders wäre sicher besser damit umgegangen. Vielleicht Deb oder Trina. Deb war geradeheraus. Sie hätte die Sache einfach auf den Tisch gebracht. Keine Geheimnisse, keine inneren Monologe und Grübeleien über das weitere Vorgehen, keine Panik, keine Angst, und ganz sicher kein Mitgefühl. »Verdammt, was hat das zu bedeuten?«, hätte sie ihre Freundinnen gefragt und dabei [...]

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Als Erstes müsst ihr wissen, dass ich diese Gefühle nie und nimmer in die Tat umsetzen würde.

 

Prolog

Jonis erster Gedanke war, dass nicht sie den Brief hätte finden dürfen. Jemand anders wäre sicher besser damit umgegangen. Vielleicht Deb oder Trina. Deb war geradeheraus. Sie hätte die Sache einfach auf den Tisch gebracht. Keine Geheimnisse, keine inneren Monologe und Grübeleien über das weitere Vorgehen, keine Panik, keine Angst, und ganz sicher kein Mitgefühl. »Verdammt, was hat das zu bedeuten?«, hätte sie ihre Freundinnen gefragt und dabei wahrscheinlich wild mit dem Brief herumgefuchtelt. Und Trina machte zwar immer einen stillen Eindruck … zurückhaltend. Doch sie hatte ihre Momente. Wenn sie einen guten Tag hatte, konnte sie, genau wie Deb, die Initiative übernehmen. Nur ihr Stil war ein anderer. Hätte sie den Brief gefunden, dann hätte sie eine nach der anderen angestarrt, sie in die Knie gezwungen und jemanden zum Geständnis gebracht. Eden dagegen hätte sich genauso unbeholfen angestellt wie Joni. Vielleicht noch ungeschickter. Unter Druck brach sie zusammen. Sie hätte keine Ahnung gehabt, was zu tun war. Joni vermutete, dass sie die angekohlten Papierfetzen einfach zu ihr gebracht hätte. Sie könnte sie zu Deb bringen. Ihr die Entscheidung überlassen. Alles in ihre Hände legen. Aber genau hier liegt das Problem, dachte Joni. Woher soll ich wissen, dass nicht Deb ihn geschrieben hat?

 

Kapitel 1

»Wie heißt der Satz, mit dem man anfangen muss?« »Äh, was meinen Sie, meine Liebe?« »Sie wissen schon. Was man am Anfang sagen soll. Ehe man sich in den … Vortrag stürzt?« »Oh, wahrscheinlich meinen Sie: ›Vergib mir, Vater, denn ich habe gesündigt‹?« »Ja! Genau. Vergib mir, Vater, denn ich habe gesündigt, und es ist, ich weiß nicht genau … Es ist Jahre her, seit ich zuletzt gebeichtet habe … Ähm, ich weiß nicht, ob ich das einfach sagen darf … Ich hatte erwartet, dass Sie anders klingen.« »Wie meinen Sie das?« »Na ja, mit einem Namen wie O’Reilly. Ich dachte, Sie hätten so einen süßen irischen Akzent. Ich hatte nicht erwartet, dass Sie so … australisch klingen.« »Ach.« Joni rutschte auf der niedrigen Holzbank herum, beugte sich vor und brachte ihr Gesicht ganz dicht an die vergitterte Öffnung. »Sind Sie sicher, dass Sie Father O’Reilly sind?«, fragte sie. Ihre Stimme klang in ihren eigenen Ohren ein wenig dumpf, da ihre Lippen praktisch das Gitter berührten. Himmel, sie wollte sich nicht ausmalen, ihr Herz vor einem x-Beliebigen auszuschütten, der es sich aus Spaß auf dem Stuhl des Priesters bequem gemacht hatte. »Ja«, antwortete der Mann ruhig. »Ziemlich sicher.« Sie lehnte sich zurück, legte den Kopf an die getäfelte Rückwand und atmete in der staubigen Dunkelheit des engen, rundum geschlossenen Raumes tief durch. »Was passiert eigentlich, wenn jemand mit Klaustrophobie die Beichte ablegen möchte?«, fragte sie leise. »Bitte?« »Nichts. Es ist nicht wichtig.« Durch drei Öffnungen links von Joni drang Sonnenlicht herein, in dem der Staub wirbelte. Sie starrte auf die sanft dahingleitenden glitzernden Körnchen und spürte, wie ihr Körper sich entspannte. »Ich glaube, ich fange besser an«, sagte sie. »Wenn Sie bereit sind.« »Ich hatte übrigens nicht vor, herzukommen und mit Ihnen zu sprechen. Ich war nicht mehr in der Kirche, seit ich zwölf war. Mum und Dad ließen uns mit zwölf selbst entscheiden, wie wir es mit der Religion halten wollen. Wir mussten an den Wochenenden nicht mehr zur Abendmesse gehen, solange wir etwas anderes Sinnvolles in dieser Zeit taten – Hausaufgaben machen oder Mum einen Teil der Wäsche abnehmen oder was auch immer. Mit jedem zwölften Geburtstag von einem von uns Kindern wurde es also einer weniger, bis Mum und Dad schließlich allein in der Abenddämmerung zur Kirche fuhren. Manchmal hatte ich deswegen Schuldgefühle. Weil ich mich fragte, ob sie in diesen Momenten einsam waren. Oder ob sie es vielleicht bedauerten, uns die Wahl gelassen zu haben. Ich meine, einerseits hatte ich ja immer mehr Zweifel, dass Gott tatsächlich existiert – ich hoffe, Sie sind jetzt nicht beleidigt. Aber manchmal habe ich die Zeiten auch vermisst, als sich die ganze Familie fein machte und mit dem viel zu kleinen Auto zur warmen und hell erleuchteten Kirche fuhr, und dort waren diese ganzen anderen Familien, die man nur so halb kannte, weil man sie nur dieses eine Mal in der Woche sah. Sobald man ihnen irgendwo anders begegnete, wusste man gar nicht, warum einem die Gesichter bekannt vorkamen. Manchmal fuhren Mum und Dad danach auch mit uns zu Pizza Hut zum Essen – das Beste dort war dieses All-you-can-eat-Buffet mit den Nachspeisen und einer riesigen Schüssel voll Schokoladenmousse. Tut mir leid, ich schweife ab. Jedenfalls ist es so, dass ich eigentlich mit einem Psychologen reden wollte. Oder einem Psychiater. Ich weiß nie, wo der Unterschied liegt. Aber als ich anfing, bei diesen Leuten anzurufen, waren alle entweder auf Wochen hinaus ausgebucht. Oder sie wollten mich vorher zum Hausarzt schicken, damit ich mir eine Überweisung ausstellen lasse oder etwas in der Art. Jedenfalls konnte ich nicht so lange warten. Und davon abgesehen kosten Sie ja auch nichts, was natürlich ein Vorteil ist.« »Ähm, danke schön.« »Bitte.« »Ich will Sie nicht hetzen, meine Liebe, aber wollten Sie nicht irgendetwas beichten?« Joni zögerte und dachte noch einmal nach. Wie sollte sie es angehen? Alles direkt auf den Tisch legen und ihre Verfehlungen wie eine sündige Einkaufsliste abarbeiten? Ich hätte beinahe meinen Mann betrogen. Ich habe meine moralischen Maßstäbe bei der Arbeit außer Acht gelassen. Ich habe meine Freundinnen belogen, habe über sie geurteilt, habe sie bis zum Äußersten getrieben. Und jetzt erkenne ich eine meiner Freundinnen nicht wieder. Ich weiß nicht mehr, wer sie ist. Und um ehrlich zu sein, habe ich mir wahrscheinlich auch selbst etwas vorgemacht. »Irgendwie schon. Ja, mehrere Dinge eigentlich. Ich weiß nur nicht genau, wo ich anfangen soll, verstehen Sie?« »Ja, natürlich. Fangen Sie einfach am Anfang an. Meine Mutter hat immer gesagt, das wäre der beste Punkt für einen Start.« Joni prustete. »Haben Sie wirklich gesagt, was ich gerade gehört habe?« »Ja, schon gut. Also los jetzt, an die Arbeit.« »Okay, okay. Dann zum Anfang. Na ja, ich könnte mit unserem Mädelsurlaub anfangen. Aber erst müssten Sie natürlich die Mädels kennenlernen – die Dynamik zwischen uns. Sonst können Sie mir nicht dabei helfen, es herauszubekommen.« »Was herauszubekommen?« »Wer den fünften Brief geschrieben hat. Die Sache ist nämlich so, Hochwürden … Ich bin nicht die Einzige, die gesündigt hat.«

 

Kapitel 2

1993

»Deborah! Debbie! Deb! Aha!« Joni musste zwei Betonstufen auf einmal nehmen, um das hochgewachsene Mädchen vor ihr einzuholen. Als sie endlich stehen blieb und sich umdrehte, grinste Joni zu ihr hoch. Beide traten sie zur Seite, um einige ältere Schülerinnen vorbeizulassen, die sich in die Schlange vor der Kantine am oberen Ende der Treppe einreihen wollten. »Dann ist dir ›Deb‹ also am liebsten?«, fragte Joni. Deb starrte zurück. »Was willst du?« »Komm und lass uns zusammen essen.« »Warum?« »Weil es so ist, wie Mrs Gamble gesagt hat. Zwischen uns besteht eine Verbindung.« »Eine Verbindung? Bist du high, oder was? Ich kenn dich nicht mal.« »Ich bin Joni! Joni Camilleri. Wir sind in derselben Klasse. Weißt du noch, heute Morgen? Wir haben herausgefunden, dass wir beide Skorpione sind und unsere Nachnamen mit ›C‹ anfangen.« »Und?« »Und … da sollten wir …« Joni stockte. Nach einer Pause beugte sie sich vor und stellte sich auf die Zehenspitzen, um den Abstand zu Deb zu verringern. Dann sagte sie beinahe flüsternd: »Ich hab niemanden, neben dem ich sitzen könnte. Ich kenne überhaupt niemanden an dieser Schule. Keiner aus meiner Grundschule ist mitgekommen. Bitte, bitte, setz dich einfach zu mir.« Sie zog sich zurück und wartete, die eine Hand mit gekreuzten Fingern tief in der Tasche vergraben. Joni wusste, dass Deb sich problemlos mit den coolsten Leuten der Schule anfreunden könnte, wenn sie es nur wollte. Sie war auf völlig unangestrengte und ziemlich einschüchternde Art wunderschön. Sie trug ihre Haare ganz kurz, hatte ein scharf geschnittenes Gesicht mit hohen Wangenknochen und verzichtete komplett auf Make-up und Schmuck. Irgendwie wirkte sogar die Schuluniform an ihrem Körper trendig und lässig. Am Morgen, als Mrs Gamble sich darüber ausgelassen hatte, dass vier Mädchen in ihrer Klasse Nachnamen mit »C« und außerdem das Sternzeichen Skorpion hatten, hatte Joni auf der Stelle begriffen, dass dies ihre Eintrittskarte war. Ihre Chance, sich einen Kreis von Freundinnen aufzubauen. Deborah Camden war diejenige, die sie als Erstes auf ihre Seite ziehen musste. Konnte sie Deb gewinnen, dann auch alle anderen. Deb musterte sie noch immer mit schmalen Augen und verkniffenem Mund. Dann sah Joni, wie es passierte. Ein winziges Zucken in Debs Mundwinkeln. Sie schnaufte geräuschvoll und sagte: »Na gut. Aber nur heute.« Sofort hellte sich Jonis Miene auf, und alle Anzeichen von Angst und Einsamkeit, die ihr bis dahin ins Gesicht geschrieben standen, waren mit einem Mal verschwunden. »Ja«, sagte sie glücklich. »Komm mit, wir suchen noch die anderen.« »Die anderen?«, fragte Deb und folgte Joni die Stufen hinunter, weg von der Kantine. »Ähm, Entschuldigung, die anderen?« »Ja! Die anderen«, bestätigte Joni in singendem Ton.   Sie fanden Trina am Rand des Basketballfelds. Sie wirkte grimmig und konzentriert, während sie den Mädchen beim Spiel zusah. Ihr glänzendes schwarzes Haar hatte sie zu einem festen Pferdeschwanz gebunden. »Trina!«, sagte Joni und stieß sie mit dem Ellbogen an, um auf sich aufmerksam zu machen. »Das ist die Abkürzung für Katrina, stimmt’s?« Trina bedachte Joni mit einem Seitenblick. »Nee. Einfach Trina.« Dann konzentrierte sie sich wieder aufs Spiel. Kurz darauf murmelte sie: »Das Mädchen hätte längst passen müssen, sie ist total ballverliebt.« »Echt?!«, fuhr Joni fort, ohne auf Trinas Bemerkung einzugehen. »Einfach Trina? So steht es auch auf deiner Geburtsurkunde und allem?« Trina ließ sich nicht vom Spiel ablenken. »Ja. Meiner Mum gefiel es so.« »Das ist cool.« »Ähm, danke.« »Jedenfalls wollten Deb und ich dich einladen, dich zu uns zu setzen.« Noch einmal löste Trina den Blick vom Spielfeld, um erst Joni und dann Deb anzustarren. Joni bemerkte, dass Deb einfach zurückstarrte, also bemühte sie sich um ein noch breiteres, einladenderes Lächeln – auch wenn ihre Wangen bereits schmerzten. »Äh, warum?«, fragte Trina. »Hat heute Morgen in der Klasse eigentlich niemand zugehört?«, fragte Joni. »Dein Nachname, Chan. Ist er übrigens chinesisch? Oder koreanisch? Egal, der Punkt ist, dass er mit ›C‹ anfängt.« »Er ist chinesisch«, erwiderte Trina. Dann fügte sie mit einer Spur von Aggressivität hinzu: »Aber ich bin Australierin. Ich wurde hier in Australien geboren. Na und, der Name fängt also mit ›C‹ an. Und, was soll das bedeuten?« »Dein Nachname fängt mit ›C‹ an, und du bist Skorpion! Genau wie Deb und ich. Also müssen wir Freundinnen werden. Du musst mit uns zum Essen kommen.« »Oh, ich warte gerade darauf, eingewechselt zu werden«, sagte Trina und deutete auf das Spielfeld. Joni spürte, dass Debs Geduld auf eine harte Probe gestellt wurde. Sie dachte kurz nach und erklärte dann bestimmt: »Sie werden dich nicht einwechseln. Ich hab vorhin auf dem Klo zufällig ein Gespräch belauscht. Zwei Mädchen haben sich über alle lustig gemacht, die an der Seitenlinie warten und hoffen, mitspielen zu dürfen. Sie sagten, sie würden sie einfach warten lassen und so tun, als könnten sie irgendwann ins Spiel kommen. Aber das würden sie nie zulassen.« »Ernsthaft?«, fragte Trina. »Mhm«, sagte Joni. In diesem Moment sprang der Ball in ihre Richtung und blieb vor Trinas Füßen liegen. Joni und Deb sahen zu, wie sie sich bückte, ihn aufhob und einige Sekunden lang anstarrte. »Ach, was soll’s!«, erklärte sie dann und schleuderte den Ball in Richtung Korb, ehe sie sich mit Joni und Deb zum Gehen wandte. Mit einem kurzen Blick über die Schulter bemerkte Joni noch, wie sich der Ball perfekt durchs Netz senkte. Sie hoffte nur, dass Trina ihr verzeihen würde, falls sie je herausfand, dass Joni sie gerade belogen hatte.   Erst fünf Minuten vor dem Ende der Pause fanden sie Eden, die zwischen den Regalen der Bibliothek auf und ab ging und sorgfältig die einzelnen Bände musterte. Sie bewegte sich langsam und ließ ihre Finger immer wieder über die Buchrücken gleiten. Eden war kleiner als die drei anderen, und ihr zierliches Gesicht wirkte unter der riesigen, wuscheligen blonden Mähne beinahe komisch. Joni war schon ein wenig entnervt, als sie Eden endlich entdeckten. Als hätte diese wissen müssen, dass sie nach ihr suchten. Als Joni vorschlug, Eden solle die Bibliothek verlassen und sich mit ihnen an den Tisch setzen – und das bloß, weil sie mit Nachnamen Chester hieß und Anfang November Geburtstag hatte –, zuckte Eden bloß die Schultern und nickte, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt. Die Unterhaltung zwischen den vier Zwölfjährigen verlief ein wenig künstlich, auch wenn Joni sich alle Mühe gab und wie der Gastgeber in einer Talkshow eine Frage nach der anderen stellte. Nach dem Essen instruierte sie alle, sich morgen in der Pause an der gleichen Stelle wieder zu treffen. Eden stimmte freudig zu. Deb äußerte ein knappes »vielleicht«, und Trina lachte unschlüssig, ehe sie dann zustimmte. Jahre später sollte Joni Eden einmal fragen, ob sie sich jemals aus dieser Bibliothek herausgewagt hätte, wenn ihr die anderen nicht zu Hilfe gekommen wären. »Oh nein«, hatte Eden geantwortet. »Ich hatte vor, bis zum Ende der Highschool jedes einzelne Buch in der Bibliothek zu lesen und mich damit beschäftigt zu halten. Neue Sprachen lernen, mir Chemie und das Saxofonspielen beibringen. Solche Sachen halt.« »Ich weiß nicht, ob man das alles allein aus Büchern lernen kann. Aber egal, du hattest Glück, oder? Dass wir dich gefunden haben?« »Na ja, ein wenig enttäuscht bin ich schon, dass ich nie Französisch gelernt habe. Aber doch, ich hatte Glück.«

 

Eigentlich weiß ich nicht mal, woher diese Gefühle überhaupt kommen.

 

Kapitel 3

2016
Vier Wochen vor der Thermomix-Party

»Und wenn wir nun verhaftet werden?« »Von wem?« »Von der Polizei natürlich.« »Warum sollte aus heiterem Himmel die Polizei auftauchen?« »Ich weiß nicht – vielleicht, weil jemand es riecht?« »Das wäre echtes Pech für dich, stimmt’s? Das erste Mal im Leben, dass du Gras rauchst, und genau in dem Moment klopft die Polizei an die Tür. Hör auf, dir Sorgen zu machen, Joni, es wird uns schon niemand anzeigen.« Joni, die rastlos auf und ab marschiert war, ließ sich auf den Teppich vor dem offenen Kamin plumpsen. Sie war erleichtert, dass es ihnen gelungen war, das Feuer in Gang zu bringen. Mit heruntergedimmten Lampen und dem flackernden Schein wirkte das Zimmer viel gemütlicher. Außerdem sah man die Spinnweben in den Ecken, die schimmligen Wände und die zerfledderten Jalousien nicht mehr so deutlich. Das Haus war nicht ganz das, was sie nach den Fotos auf happyhappyholidays.com erwartet hatte. Zum einen war der versprochene Blick auf den Ozean durch üppig wuchernde Bäume verdeckt, die zu der Zeit, als die Bilder aufgenommen worden waren, offensichtlich noch nicht so hoch gewachsen waren. Zum anderen war die Einrichtung weit von der Beschreibung in der Anzeige entfernt. »In einer makellosen Mischung aus dem Stil der Hamptons und exotischem Dekor verkörpert dieses großzügig geschnittene, zweistöckige Refugium am Strand gleichzeitig Luxus und Stille.« Offenbar legte der Verfasser dieser Zeilen eine reichlich freie Definition der Begriffe »großzügig« und »luxuriös« zugrunde. Das Haus verfügte über eine ziemlich fantasielose Aufteilung: Die ineinander übergehenden Wohn-, Küchen- und Essbereiche oben hatten zusammen ungefähr die Größe einer Einzimmerwohnung, während sich die vier schuhkartongroßen Schlafzimmer unten als dunkel und muffig erwiesen. »Stil der Hamptons« schien sich auf ein paar verblichene, blau-weiß gestreifte Liegestühle und ein altes Holzruder zu beziehen, das in einer Ecke lehnte. Das »exotische Dekor« bestand offenbar aus der übergroßen afrikanischen Maske, die von der Küchendecke herabhing. Sie schaukelte und drehte sich dank des starken Luftzugs unter den rissigen und abblätternden Türen ständig hin und her. Jedes Mal, wenn Joni im Augenwinkel die Bewegung der Maske wahrnahm, zuckte sie zusammen. Die restliche Einrichtung schien direkt aus einer Sitcom der 1970er-Jahre zu stammen. Auch von einer Strandlage konnte eigentlich keine Rede sein. Tatsächlich lag der Strand einen gut zwanzigminütigen Fußmarsch über einen steilen, felsigen Weg entfernt, der sich mitten durch den Busch schlängelte – es sei denn, man nahm den längeren Weg über die Straße und erreichte den Strand in vierzig Minuten. Die vier Freundinnen hatten, seit sie einundzwanzig waren, praktisch jedes Jahr zusammen Urlaub gemacht. Ihre Freundschaft ging auf jenen ersten Tag an der Highschool zurück, als Joni sie alle zusammengebracht hatte. Sie hatten einander in Zeiten von Trennungen, grässlichen Dauerwellen und Panikattacken vor den jährlichen Prüfungen beigestanden. Ein halbes Jahr lang hatten sie Eden wöchentliche Briefe nach Adelaide geschickt, wohin sie während der zehnten Klasse mit ihrer Familie gezogen war. Sie hatten Deb vor den Lehrern versteckt, als sie sturzbetrunken in der Schule aufgetaucht war, und sie mit einer Sausage Roll, einer Dose Cola und einer Packung Frosty-Fruit-Eis aus der Kantine ausgenüchtert. Deb hatte sich im Gemüsegarten übergeben und den ganzen Nachmittag geweint. Später hatten sie herausgefunden, dass ihre Eltern gerade ihre Scheidungspläne verkündet hatten. Die erste Reise dieser Art war ein gemeinsames Geburtstagsgeschenk gewesen, das sie sich gegönnt hatten. Dann aber fanden sie so viel Spaß daran, dass sie sich versprachen, es von nun an zu einem jährlichen Ritual werden zu lassen. Joni allerdings war immer diejenige, die dafür sorgte, dass es tatsächlich dazu kam. Diejenige, die koordinierte und drängte, bis ein Datum gefunden war, das allen passte. Die das Ziel auswählte, die Unterkunft heraussuchte und buchte, die Anzahlung leistete, als Erste auftauchte und die Schlüssel in Empfang nahm.

Eden hatte die Marihuanapflanzen im Buschland hinter dem Haus entdeckt, gleich außerhalb der Grundstücksgrenze. Mit übergroßen Weingläsern in der Hand hatten sie kurz vor Sonnenuntergang gemeinsam Haus und Garten inspiziert. Eden hatte die anderen herbeigerufen. »Ist das … Ist es das, wofür ich es halte?« »Nee«, hatte Trina sofort entgegnet. »Das ist bloß eine dieser Pflanzen, die wie Gras aussehen, wie heißt sie noch, Hibiskus oder so?« »Das ist kein Hibiskus«, hatte Deb erklärt. Daraufhin hatten sie sich hinabgebeugt, um an den Blättern zu riechen, und überrascht die Augen aufgerissen. Zuerst hatten sie darüber gestritten, ob sie wirklich etwas davon pflücken sollten. (»Und wenn es nun einem Drogenboss gehört, der Jagd auf uns macht, wenn wir uns an seinen Pflanzen vergreifen?!«) Anschließend stritten sie, ob sie es tatsächlich rauchen wollten. Und schließlich darüber, ob das so frisch von der Pflanze überhaupt möglich war. Trina hatte es gegoogelt (»Ich bin einfach neugierig«) und erklärt, es ließe sich auch im Ofen trocknen, wenn man nicht die vier Wochen abwarten wollte, die der natürliche Vorgang brauchte. Deb hatte sofort Lust; seit der Highschool hatte sie keinen Joint mehr geraucht. In ihren Augen war es der perfekte Einstieg in ihre gemeinsamen Tage. Außerdem gab sie überzeugend zu bedenken, dass sie alle high werden müssten, um ignorieren zu können, dass Joni sie für fünf Tage in einer absoluten Bruchbude einquartiert hatte. Zu ihrer Verteidigung hatte Joni daraufhin die Originalfotos der Website auf ihrem Handy präsentiert, woraufhin alle einräumen mussten, dass ihr kein Vorwurf zu machen war. Als Nächste war Trina mit von der Partie. Sie hatte es nur einmal während ihres Studiums probiert und damals außer schlimmen Kopfschmerzen nichts gespürt; nun wollte sie endlich wissen, warum alle einen solchen Wirbel darum machten. Dann gab auch Eden nach: »Soweit ich weiß, ist es in manchen Teilen von Amerika inzwischen legal, oder? Dann kann es doch eigentlich nicht schädlich sein. Allerdings muss ich vorher Ben anrufen und mich nach den Kindern erkundigen.« Joni war als Einzige dagegen. Sie hatte sich immer gern als diejenige der vier betrachtet, die Regeln beachtete. Die Vernünftige. Immer hielt sie die Hände in »Zehn-vor-zwei«-Stellung am Lenkrad, im völligen Gegensatz zu Deb, die seit dem Moment, da sie die Fahrprüfung bestanden hatte, stets nur zwei Finger an die Unterkante des Steuers legte. Joni war es auch, die nach elf Uhr morgens keinen Kaffee mehr trank, weil sie spätestens um zehn Uhr abends im Bett sein wollte, damit sie am nächsten Morgen vor der Arbeit frisch und munter ins Fitnesscenter fahren konnte. Im vergangenen Jahr war sie am Boden zerstört gewesen, als es ihnen nicht gelungen war, einen Termin für ihren jährlichen Urlaub zu finden. »Es heißt doch jährlicher Urlaub. Und das bedeutet, dass wir ihn jedes Jahr machen müssen!« »Die Dinge haben sich verändert«, hatten ihre Freundinnen erklärt. »Wir haben alle so viel um die Ohren, dass es nicht leicht ist, einfach für fünf Tage alles stehen und liegen zu lassen.« Alle drei hatten es vermieden, den Satz auszusprechen, den sie nach Jonis Überzeugung dachten: Du bist die Einzige, die keine Kinder hat; deshalb verstehst du das nicht. Joni verstand sehr wohl. Ihre Freundinnen mussten auf die Bedürfnisse ihrer Familien Rücksicht nehmen. Aber mussten sie deswegen ihre Freundschaft opfern?

Anfangs hatte es so ausgesehen, als folgten ihre Lebenswege alle demselben Muster. Im Alter von fünfundzwanzig hatten sie alle in den Berufen Fuß gefasst, für die sie sich entschieden hatten. Deb untersuchte Fälle von Versicherungsbetrug, nachdem sie einen Wirtschafts- und Finanzabschluss an der Universität gemacht hatte. Trina war Sportlehrerin an ihrer alten Highschool. Eden – die auf ein Studium verzichtet hatte, weil ihr das regelmäßige Einkommen als Kellnerin wichtiger war – war vom Manager ihres Restaurants überrascht worden, als sie eines Abends nach Geschäftsschluss am Klavier gesessen hatte. Er flehte sie an, für die Gäste zu spielen. Irgendwann gab sie nach, was dazu führte, dass sie inzwischen in verschiedenen Restaurants im Raum Sydney spielte und sang. Die Musik brachte allerdings nicht viel Geld ein, also verschaffte sie sich ein Zusatzeinkommen als Verkäuferin für Nutrimetrics oder Tupperware oder Jamberry oder was auch immer der letzte Schrei war. Und sie fühlte sich wohl damit – auch wenn ihre Freundinnen inzwischen bei jeder Einladung zu ihr nach Hause argwöhnten, dass sich der »Mädelsabend« als Verkaufsparty entpuppen würde. Joni schließlich war irgendwie in ihren Job als fest angestellte Journalistin bei liveliferight.com gestolpert – einer Lifestyle-Website für Frauen –, nachdem sie dort aus einer Laune heraus ein Praktikum absolviert hatte. Einer Laune, die wahrscheinlich durch den Umstand befördert worden war, dass sie keinerlei Vorstellung davon hatte, was sie mit ihrem Leben anfangen sollte. Umso klarer war ihr allerdings gewesen, dass sie sich nicht von ihren Freundinnen abhängen lassen wollte, die alle so perfekt in ihre Berufe zu passen schienen. Also blieb sie dabei, produzierte Story auf Story, erledigte Aufträge, suchte frische Themen, testete Pubs, Clubs, angesagte Diäten und Hautpflegeprodukte. Sie beschäftigte sich mit allem, was man ihr andiente. Einschließlich jenes kürzlich hinzugekommenen Themas, über das sie schreiben sollte. Aber das behielt sie vorerst noch für sich. Sie hatten sich alle auf demselben Gleis befunden: Geld verdienen, eine Karriere aufbauen und gut aussehende junge Männer kennenlernen, wenn sie sich freitagabends in einer Weinbar unter Debs Büro trafen. Es lief immer auf diese Weinbar hinaus, weil es Deb irgendwie gelang, die anderen davon zu überzeugen, dass ihr Job der anstrengendste war und dass sie es nicht schaffte, die City zu verlassen und den Pub neben Trinas Schule zu besuchen. Oder gar über die Brücke nach North Sydney zu fahren und in eine der Bars in der Nähe von Jonis Büro zu gehen. Edens Arbeit spielte sich sowieso im ganzen Stadtbereich ab, sodass es ihr egal war, wo sie sich trafen.

 

Nicola Moriarty

Über Nicola Moriarty

Biografie

Nicola Moriarty lebt mit ihrem Mann und ihren beiden kleinen – aber sehr eigensinnigen - Töchtern im Nordwesten von Sydney. Als jüngste Schwester der beiden bekannten Autorinnen Liane und Jaclyn Moriarty begann auch sie sehr früh zu schreiben und kann seither nicht mehr damit aufhören.

Medien zu »Der letzte Verrat«

Pressestimmen

vonmainbergsbuechertipps.wordpress.com

»Das Finale ist sehr überraschend und grandios erzählt.«

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