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Der letzte Tango des Salvador AllendeDer letzte Tango des Salvador Allende

Der letzte Tango des Salvador Allende

Roman

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Der letzte Tango des Salvador Allende — Inhalt

Der ehemalige CIA-Agent David Kurtz reist nach Chile, um den früheren Geliebten seiner Tochter zu finden. Die einzige Spur: das Tagebuch des Mannes, der 1973 Salvador Allendes Koch und Freund war. Dieser Rufino hat darin sowohl ihre gemeinsame Geschichte als auch die dramatischen Ereignisse vor Allendes Sturz festgehalten. Für Kurtz beginnt eine Suche, die ihn auch in die Abgründe der eigenen Vergangenheit führt.

€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erschienen am 11.08.2014
Übersetzt von: Carsten Regling
448 Seiten, Broschur
EAN 978-3-8333-0961-8
€ 11,99 [D], € 11,99 [A]
Erschienen am 26.02.2013
Übersetzt von: Carsten Regling
448 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7591-8

Leseprobe zu »Der letzte Tango des Salvador Allende«

1
Die weiße Pelerine flattert im morgendlichen Wind, als der Doktor über die schmalen Gassen, Durchgänge und Treppen schwebt, die sich bis zum Pazifik hinunterschlängeln. Er passiert die rostigen, im Hafen vertäuten Schiffe, setzt seinen luftigen Weg bis zu den bunten Fischen im Brunnen auf der Plaza Echaurren fort und bestaunt aus der Höhe nicht nur die großen Blätter der hundertjährigen Palmen und die tosende Brandung an den bereits von der rauen Strenge der hügeligen Landschaft kündenden Felsen, sondern auch den weiten Bogen, den sein eigener Flug [...]

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1
Die weiße Pelerine flattert im morgendlichen Wind, als der Doktor über die schmalen Gassen, Durchgänge und Treppen schwebt, die sich bis zum Pazifik hinunterschlängeln. Er passiert die rostigen, im Hafen vertäuten Schiffe, setzt seinen luftigen Weg bis zu den bunten Fischen im Brunnen auf der Plaza Echaurren fort und bestaunt aus der Höhe nicht nur die großen Blätter der hundertjährigen Palmen und die tosende Brandung an den bereits von der rauen Strenge der hügeligen Landschaft kündenden Felsen, sondern auch den weiten Bogen, den sein eigener Flug beschreibt. Obwohl ihm die Höhe seit der Kindheit Schwindel bereitet und er das Gefühl hat, als schwirrten Kolibris in seinem Magen herum, bringt ihn der Anblick eines Schwarms dicht über dem Wasser dahingleitender Pelikane zum Lächeln. Der Doktor atmet begierig den Geruch der Algen ein und setzt seinen Flug bis zur La-Matriz-Kirche fort, wo er versucht, seine Gamsledermokassins neben dem Glockenturm aufzusetzen, dessen Holzkreuz seit dem letzten Erdbeben schief steht. Seine Absicht, auf den Dachziegeln zu landen, wird durch das peitschende Geräusch der aufflatternden Tauben zunichte gemacht. Es dauert eine Weile, bis er begreift, dass der Grund für sein Scheitern nicht die Vögel sind, sondern das Läuten des Telefons, nach dem er jetzt im dunklen Schlafzimmer tastet. Der Wecker auf dem Nachttisch zeigt vier Minuten vor fünf an. Es ist der Morgen des 11. September 1973. Er hält den Hörer ans Ohr.
»Verdächtige Bewegungen der Marine in Valpara íso«, verkündet eine Stimme. Der Doktor knipst die Nachttischlampe an und setzt sich die Brille auf, fest davon überzeugt, dass er den Tag nicht überleben wird. Er ist allein in seinem Schlafzimmer in der Avenida Tomás Moro 200 in Santiago de Chile, weit entfernt von seinem Heimathafen Valparaíso, in einem Zimmer, das eher an die karge Zelle eines Franziskanermönches erinnert. Es grenzt unmittelbar an die Bibliothek, wo ihn das marmorne Schachbrett und – direkt neben der Tür zu der Terrasse mit den maurischen Fliesen und dem Schwimmbecken mit dem ausgestopften Krokodil – seine geliebte Sammlung präkolumbischer Keramik erwarten. Er bleibt völlig ruhig, denkt an das sanfte Lächeln seiner Frau, die in ihrem Schlafzimmer im Obergeschoss schläft. Er stellt sich Hortensias tiefen, rhythmischen Atem vor. Er stellt sich vor, wie sie träumt, sie wären wieder frisch verheiratet. Er stellt sich vor, wie sie träumt, wieder das Bett mit ihm zu teilen. Er weiß, in seinen Erinnerungen wird sie für immer die blasse, schwarzhaarige Schönheit bleiben, deren blaue Augen ihn vor mehr als vierzig Jahren verzauberten, an jenem Abend, als er bei einem Erdbeben in Santiago panisch aus einem Freimaurertempel hinaus auf die Straße gerannt war.
»Etwas genauer bitte«, sagt der Doktor in den Hörer. Seit er vor drei Jahren zum Präsidenten gewählt wurde, vergeht kaum ein Tag ohne ein Gerücht über einen bevorstehenden Militärputsch.
»Gestern Abend ist die Kriegsmarine ausgelaufen, um an dem traditionellen Manöver mit der amerikanischen Flotte teilzunehmen«, erklärt die Stimme am anderen Ende.
»Das habe ich selbst genehmigt«, erwidert der Doktor und reibt seine Füße in der wohligen Wärme unter den Laken aneinander.
»Ja, aber die Flotte ist wieder da«, fügt die jetzt zitternde Stimme hinzu.
»Im Dunkeln sind die Schiffe kaum zu erkennen, aber sie liegen in der Bucht und zielen auf die Stadt. Sie können uns jederzeit unter Beschuss nehmen.«
»Noch etwas, Genosse?« Der Doktor steigt aus dem Bett und schlüpft vor dem Kleiderschrankspiegel, der ihm die leichte Wölbung seines Bauches und seine mageren, blässlichen Oberschenkel vor Augen führt, aus dem Pyjama.
»An den Kreuzungen der Innenstadt haben Marineeinheiten Stellung bezogen. In Kampfmontur …«
»Haben Sie sich beim Marinekommando erkundigt? « Nachdem er den Lautsprecher am Telefon eingeschaltet hat, bückt sich der Doktor nach der Unterhose von gestern und streift sie über, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Schnell nimmt er eine Hose, ein Hemd und einen Pullover mit Rautenmuster aus dem Schrank und zieht sich in aller Eile an.
»Bei der Marine geht niemand ran, Doktor.«
»Und das Verteidigungsministerium?«
»Auch nicht.«
»Was ist mit den Oberbefehlshabern?« Er schlüpft in ein Paar schwarze Schuhe.
»Da geht auch keiner ran, nicht mal zu Hause.«
»Ich fahre zum Regierungspalast.« Der Doktor legt auf und alarmiert über die Sprechanlage die Leibwächter. Er rasiert sich auf die Schnelle, nimmt ein Tweedsakko vom Bügel und begibt sich in die Bibliothek, wo er nach der Kalaschnikow greift, die Fidel Castro ihm einst geschenkt hat. Im Halbdunkel der Küche stürzt er einen Schluck kalten Kaffee hinunter und eilt nach draußen, wo vier blaue Fiat 125 und ein Lieferwagen die Motoren warm laufen lassen. Laut röhrend verlässt die Karawane das Grundstück. Kurz bevor die Wachposten das Tor schließen, wirft der Doktor einen letzten Blick auf die in der Dunkelheit verschwindende weiße Villa mit dem Ziegeldach und den zwei Palmen, die den Hauseingang säumen und über den Lauf der Zeit zu wachen scheinen.


2
In a gadda da vida, honey Don’t you know that I’m lovin’ you In a gadda da vida, baby Don’t you know that I’ll always be true. In-A-Gadda-Da-Vida Iron Butterfly
»Und das, Señor?« Der Zollbeamte am Flughafen von Santiago de Chile hielt mir das kleine graue Plastikgefäß vor die Nase.
»Asche«, erwiderte ich gelassen. Der Beamte schraubte den Deckel auf.
»Asche?« Er betrachtete den Inhalt.
»Gehört das Ihnen?«
»Ja.«
»Würden Sie mir bitte folgen?« Ich folgte ihm. Ein Vierteljahrhundert zuvor war ich zum ersten Mal in dieses Land gereist, ohne dass mein Gepäck kontrolliert worden wäre. Die Jungs von der Botschaft hatten sich um alles gekümmert. Jetzt schiebe ich meine Koffer an den Schlangen der wartenden Passagiere vorbei, bis wir in ein Büro gelangen. Der Beamte fordert mich auf, Platz zu nehmen, und verlässt mit meinen Dokumenten das Zimmer. Wenige Minuten später führt er mich zu einem Mann in Anzug und Krawatte, der gelangweilt vor einem Computer sitzt. Wahrscheinlich hat er gerade in einer Interpoldatei meine Vorgeschichte überprüft. Auf seinem Schreibtisch steht das Gefäß.
»Können Sie mir erklären, was das ist?«
»Asche.«
»Asche?« Sein Blick verrät Misstrauen.
»Genau.«
»Asche von was?«
»Von Victoria«, erkläre ich. Er räuspert sich verlegen, nestelt an seinem Krawattenknoten herum und wirft einen mitleidigen Blick auf den Behälter, bei dem es sich genau genommen um eine kleine elfenbeinfarbene Urne handelt.
»Wer ist Victoria?« Er zieht ein Taschentuch hervor und schnäuzt sich lautstark. Der schnurgerade Scheitel, der sein Haar teilt, gleicht einer Furche in einem pechschwarzen Acker.
»Meine Tochter.«
»Ihre Tochter?«
»Ja.«
»Haben Sie eine Bescheinigung?« Ich suche die Jackentaschen ab und reiche sie ihm. Ein weiterer Beamter betritt das Büro.
»Keine Sorge, das ist reine Routine«, erklärt der Typ hinter dem Computer, während der andere das Gefäß nimmt und wieder aus dem Raum geht.
»Was wollen Sie mit der Asche Ihrer Tochter in Chile?«
»Sie hat eine Zeit lang hier gelebt.« Meine Augen werden feucht.
»Eine glückliche Zeit.«
»Ich verstehe.« Er sieht mich nachdenklich an. Dann gibt er etwas in den Computer ein. Eine Stunde später durfte ich mit meinem Gepäck durch den Zoll. An einem Tisch im Café der Kette Au bon Pain packte ich die Urne zurück in meinen Handkoffer zu dem Schulheft mit dem Porträt von Vladimir Iljitsch Lenin, dem Spanisch-Englisch-Wörterbuch von Langenscheidt und den anderen Büchern und verließ das Flughafengebäude auf der Suche nach einem Taxi, das mich zu meinem Hotel bringen würde. 3 De mis páginas vividas siempre guardo un gran recuerdo; mi emoción no las olvida, pasa el tiempo y más me acuerdo. Tres amigos Domingo Enrique Cadícamo, Rosendo Luna Es war ein milder Morgen im Jahr 1971, als der Präsident unser Viertel besuchte. Alle rannten auf die Straße, um ihn mit roten und grünen Fahnen, Pauken und Trompeten und viel Getöse zu begrüßen. Er kam in einer Karawane aus blauen, tiefer gelegten Fiats mit breiten Reifen, die bei ihrer Ankunft Staub aufwirbelten, laut röhrten wie Rennwagen und den Kindern aufgeregte Schreie und den Hunden fröhliches Gebell entlockten. Der Präsident, der auf dem Rücksitz eines der Autos gesessen hatte, stieg aus. Er trug eine Lederjacke mit einem schwarzen Rollkragenpullover darunter. Die Anwohner brüllten im Chor seinen Namen und stürmten auf ihn zu, um ihn zu berühren, ihm die Hand zu schütteln, etwas zu schenken oder eine Bitte an ihn zu richten, während die hoch aufgeschossenen, Anzug, Krawatte und dunkle Sonnenbrillen tragenden Leibwächter ihn umringten und die Leute daran zu hindern versuchten, ihm allzu nahe zu kommen. Ich werde diesen Morgen nie vergessen. Die Hitze, meine Aufregung, der blaue Himmel, das tiefe Glück, das wir alle empfanden. Ich kann mich noch an jede Einzelheit erinnern, den Duft der trockenen Erde, den Schweiß der Leute, die Musik auf der Straße; und weil ich Angst habe, eines Tages all das zu vergessen, schreibe ich es in diesem in der Sowjetunion gedruckten Schulheft mit Lenins Abbild auf. Die Hefte werden an den staatlichen Schulen verteilt, da es schon seit einiger Zeit kaum noch Papier gibt. Meins habe ich von einem Nachbarn im Tausch gegen sechs Empanadas bekommen. Von der Tür der Bäckerei aus sah ich dem Empfang des Präsidenten zu. Ich trug Schürze, Mütze und Leinenschuhe, und mein Gesicht war weiß von Mehl, weshalb ich mich nicht traute, zu ihm zu gehen. Auf einmal drehte sich der Präsident um und ging in die entgegengesetzte Richtung auf einen Lieferwagen zu, auf dessen Ladefläche eine Folkloregruppe in schwarzen Ponchos sang und wo er später eine Rede halten würde, in der es darum ging, dass die Arbeiter die Produktion in den Betrieben aufrechterhalten müssten. Er verteilte hier einen Händedruck, da ein aufmunterndes Wort, ging mit geradem Rücken und erhobenem Haupt, während die Leute ihn hochleben ließen und die Kinder und Hunde zwischen den Beinen der Erwachsenen herumtollten.
»Was macht die Brotproduktion, Genosse?«, fragte mich der Präsident und kam auf mich zu; vielleicht hatte ihn die strahlend weiße Bäckerkleidung oder der Duft von warmem Brot angelockt. Er drückte mir die Hand und umarmte mich, bis seine elegante Lederjacke weiß von Mehl war.
»Ich backe gerade das Brot fürs Mittagessen, aber ob es noch welches zum Abendessen gibt, weiß ich nicht«, erwiderte ich, während ich ihm unter den misstrauischen Blicken der Leibwächter das Mehl vom Revers klopfte.
»Und was sollen die Genossen am Nachmittag zum Tee essen?«, fragte er mich ernst.
»Nur Tee, sonst nichts, Herr Präsident. Wenn die Läden überhaupt noch Tee haben.«
»Kein Brot?«
»Aber wenn es doch kein Mehl mehr gibt, Herr Präsident. Womit soll ich denn den Teig kneten?«, antwortete ich frei heraus, doch ohne es an dem nötigen Respekt fehlen zu lassen. Im gleichen Moment stieß mich einer der Leibwächter unauffällig mit dem Ellbogen in die Rippen.
»Wir müssen etwas gegen den Schwarzmarkt unternehmen, Genosse«, erklärte der Präsident.
»Sonst nutzt der Feind das aus und macht uns fertig.«
»Erinnern Sie sich nicht mehr an mich, Herr Präsident?« Er schob den Leibwächter, der zwischen uns getreten war, zur Seite und heftete seine kleinen, lebhaften Augen auf mich. Hinter den dicken Gläsern seiner schwarzen Brille konnte ich deutlich seine kaffeebraunen Pupillen erkennen.
»Wie heißt du?«, erkundigte er sich inmitten der Hochrufe und Rempeleien der Anwohner, während ihm eine alte Frau eine frittierte Empanada hinhielt und ein blinder Akkordeonspieler ihm einen Brief in die Hand drückte. Ich nannte meinen Namen, aber er zeigte keine Reaktion. Schlimmer noch, ich hatte den Eindruck, dass er im Grunde nur seinen Weg fortsetzen und zu dem Lastwagen gehen wollte, auf dem gerade das Konzert der Charangos, Pauken und indianischen Flöten zu Ende ging. Schnell fügte ich hinzu:
»Erinnern Sie sich nicht an Juan Demarchi?«
»Den anarchistischen Schuster?«, fragte der Präsident überrascht.
»Genau den.«
»Natürlich erinnere ich mich«, rief er mir winkend zu, während ihn die Menge fortriss.
»Das war der Lehrmeister meiner Jugend. Er hatte seine Werkstatt auf dem Cerro Cordillera in Valparaíso.«
»Ich bin der Cachafaz«, schrie ich aus voller Lunge und mit einer gehörigen Portion Stolz.
»Können Sie sich jetzt erinnern?« Der Präsident war zu einem Schiffbrüchigen geworden, der immer weiter abgetrieben und von der Strömung zu der improvisierten Bühne mitgerissen wurde. Ich blieb unter dem Baum stehen, der meiner Bäckerei Schatten spendete. Erst viel später, als ich das Brennholz für den nächsten Backgang schichtete, trat ein Mann in Anzug und Krawatte und einer Sonnenbrille auf der Nase vor meinen Tresen und fragte nach dem Cachafaz.
»Zu Ihren Diensten.« Ich klopfte mir das Mehl von den Händen.

Roberto Ampuero

Über Roberto Ampuero

Biografie

Roberto Ampuero, 1953 in Valparaíso, Chile geboren, ist einer der erfolgreichsten Autoren seines Landes. Nach Aufenthalten in Kuba, der DDR und der BRD lebte er lange Jahre in den USA, wo er an der University of Iowa lehrte. Seit 2012 ist er chilenischer Botschafter in Mexiko. Sein Werk, in...

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