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Der letzte Mann, der alles wussteDer letzte Mann, der alles wusste

Der letzte Mann, der alles wusste

Das Leben des exzentrischen Genies Athanasius Kircher

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Der letzte Mann, der alles wusste — Inhalt

Das Universalgenie - Aufstieg und Fall des legendären Athanasius Kircher

Kirchers Neugier kannte keine Grenzen: Er war Erfinder, Biologe, Ägyptologe, Mediziner, Astronom, Musikwissenschaftler, Archäologe, Geograph und Autor von über vierzig umfangreichen wissenschaftlichen Werken. Zur Überprüfung seiner Vulkanismus-Theorie ließ er sich in den Krater des Vesuv abseilen, und er war der Erste, der Krankheiten wie die Pest auf Mikroorganismen zurückführte. Sein Museum Kircherianum in Rom ist eine barocke Wunderkammer, die sprechende Statuen, einen Vorläufer des Filmprojektors, den Schwanz einer Meerjungfrau, einen Stein des Turms von Babel und ein »Perpetuum Mobile« enthielt. In ganz Europa eine Koryphäe, verkehrte Kircher mit Päpsten und korrespondierte mit den großen Meistern des Barock. Doch mit den Vorboten der Aufklärung begann sein Stern zu sinken ...

Hochunterhaltsam erzählt John Glassie vom kühnen Leben eines fehlbaren Genies. Seine unbezähmbare Neugier und sein Streben nach Ruhm ließen Kircher zur Verkörperung des Wissensstands seiner Zeit werden und machten ihn, wie die Stanford-Professorin Paula Findlen formulierte, zum »letzten Mann, der alles wusste«.

 

€ 24,99 [D], € 25,70 [A]
Erschienen am 10.11.2014
Übersetzer: Bernhard Kleinschmidt
352 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-8270-1173-2
€ 10,99 [D], € 10,99 [A]
Erschienen am 10.11.2014
Übersetzer: Bernhard Kleinschmidt
352 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7679-3
»Glassie erzählt vom kühnen Leben eines Genies. Seine Abenteuerlust und sein Streben nach Ruhm ließen Kirchner zur Verkörperung des Wissens seine Zeit werden und machten ihn zum letzten Mann, der alles wusste.«
Der Medienbrief - unabhängiger Medienfachdienst
»enn im Barock jemand den Titel eines Universalgelehrten beanspruchen konnte, dann war es der Jesuit Athanasius Kircher. 40 dickleibige Bücher zeugen von seiner Wissbegirde. John Glassie hat ihm eine höchstvergnügliche Biografie gewidmet.«
Deutschlandradio Kultur "Lesart"
»Unterhaltsam und bisweilen spannend wie ein Krimi folgt Glassie den intellektuellen Wegen und Irrwegen des Universalgelehrten.«
Frankfurter Allgemeine Zeitung

Leseprobe zu »Der letzte Mann, der alles wusste«

Dabei sollten wir, bei allem Stolz auf unser besseres Wissen, nicht mit Verachtung auf die Torheiten unserer Vorfahren hinabblicken … Wer diese nur verachtet und negiert, weil sie absurd waren, denkt oberflächlich.

Charles Mackay
Zeichen und Wunder. Aus den Annalen des Wahns (1852)

 

Apologetische Vorbemerkung

Irgendwann in den 1670er-Jahren machte ein alter Jesuit namens Athanasius Kircher sich daran, einen bemerkenswerten Bericht über sein Leben zu verfassen. Darin erzählt er, wie er, aus dem Nirgendwo stammend (einer Kleinstadt in der Rhön, damals im [...]

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Dabei sollten wir, bei allem Stolz auf unser besseres Wissen, nicht mit Verachtung auf die Torheiten unserer Vorfahren hinabblicken … Wer diese nur verachtet und negiert, weil sie absurd waren, denkt oberflächlich.

Charles Mackay
Zeichen und Wunder. Aus den Annalen des Wahns (1852)

 

Apologetische Vorbemerkung

Irgendwann in den 1670er-Jahren machte ein alter Jesuit namens Athanasius Kircher sich daran, einen bemerkenswerten Bericht über sein Leben zu verfassen. Darin erzählt er, wie er, aus dem Nirgendwo stammend (einer Kleinstadt in der Rhön, damals im Besitz der Bischöfe von Fulda), dank göttlicher Fügung und seines hellen Geistes die Hufe über ihn hinweggaloppierender Pferde, einen schmerzhaften Leistenbruch, die Truppen eines tollwütigen Herzogs und andere Widrigkeiten überstand, um zu einem der bekanntesten Gelehrten des siebzehnten Jahrhunderts zu werden.

Grundsätzlich hat Kircher sich durch Fakten nie dazu verleiten lassen, eine gute Story zu ruinieren. Berühmt für seine mehr als dreißig Wälzer zu fast ebenso vielen Themen und für sein schier allumfassendes Wissen, war er auch für die Neigung bekannt, seine Erlebnisse ein wenig auszuschmücken. (Und wie man ihm regelmäßig vorwarf, glaubte er umgekehrt nur zu gern jede spektakuläre Geschichte, die ihm zu Ohren kam.) Seine untypischerweise schmal geratene Autobiographie, die er entweder in seinem Zimmer am Innenhof eines römischen Kollegs oder in seinem Bergrefugium Mentorella schrieb, enthält zweifellos ebenso viele Übertreibungen und Auslassungen wie spannende Abenteuer und wundersame Genesungen, doch im Großen und Ganzen ist das, was er berichtet, wahr.

In vielen Fällen ist die Wahrheit sogar noch schillernder, als Kircher seinen Lesern verraten wollte. Zum Beispiel verschweigt er, auf welche Weise er die Bildungselite Anfang der 1630er-Jahre erstmals auf sich aufmerksam machte: Damals behauptete er, er besitze eine durch einen Sonnenblumenkern angetriebene Uhr und das zahlreiche Geheimnisse enthüllende Manuskript eines alten arabischen Gelehrten. Als Kircher 1680 starb, hatte man ihn allerdings schon weitgehend vergessen, und nach seinem Tod war es lange Brauch, sich über den barocken Universalgelehrten entweder spöttisch oder gar nicht zu äußern. »Ich habe nicht die Absicht, mich mit dem weitläufigen, erschreckenden Gegenstand auseinanderzusetzen, den Athanasius Kircher darstellt«, beruhigt etwa ein Kunsthistoriker seine Leser, als er 1972 in einem Aufsatz über die jesuitische Architektur den Namen des Paters erwähnt.

»Weitläufig« ist ein passender Ausdruck in dem Sinne, dass Kirchers Neugier und seine geistigen Interessen ein gewaltiges Blickfeld umfassten. Seine Neugier auf die ihn umgebende Welt war ehrlich und unersättlich. Auf seinem etablierten Posten im Collegium Romanum, der führenden Institution seines Ordens in Rom, trieb er Studien über so unterschiedliche Dinge wie das Licht und die Sprache, die Medizin und die Mathematik. In seinem Museum am Kolleg stellte er nicht nur von jesuitischen Missionaren zusammengetragene Antiquitäten, Artefakte und Kuriositäten aus der ganzen Welt zur Schau, er präsentierte auch selbst erfundene Laternae magicae, sprechende Statuen, Vorrichtungen zum Zwecke des Erbrechens und, wie die Legende behauptet, ein »Katzenklavier«.

Kircher war ein Mensch, der sich in den rauchenden Krater des Vesuvs hinabließ, um sein Interesse an der Geologie zu befriedigen. Er verbrachte Jahrzehnte mit dem Versuch, die hieroglyphischen Texte des alten Ägypten zu entziffern, weil er dort, wie viele andere, mystische Weisheiten vermutete, die seit der Zeit Adams überliefert worden seien. Er untersuchte alle Aspekte der Musik und der Akustik, und er experimentierte mit einer logarithmischen Form der Liedkomposition. Zudem beschrieb er als einer der Ersten, was durch ein Mikroskop zu sehen war.

 

So produktiv und so genial war Kircher, dass er als Leonardo des siebzehnten Jahrhunderts hätte gelten können. Problematisch war jedoch, dass er so viele falsche Schlüsse zog – was der erwähnte Kunsthistoriker wohl mit »erschreckend« meinte. Heute kommen uns viele von Kirchers Ideen ausgesprochen gewagt, wenn nicht gar schlichtweg bizarr vor. Entgegen seinen Thesen hat der Magnetismus nichts Okkultes oder Göttliches an sich. Von einem universellen Ursamen kann nicht die Rede sein, und es gibt kein System aus Feuern und Ozeanen, das zum Mittelpunkt der Erde führen würde. Man kann daher mit einigem Recht behaupten, dass Kircher aus der Perspektive der modernen Wissenschaft eine Lachnummer sei.

Natürlich gab es die moderne Wissenschaft noch nicht, als Kircher im Jahre 1602 geboren wurde, doch er hat das Zeitalter ihrer Anfänge durchlebt. Vereinfacht betrachtet, beschreibt die Geschichte der sogenannten wissenschaftlichen Revolution – ein Ausdruck, der im zwanzigsten Jahrhundert geprägt wurde – einen Vorgang, bei dem Magie und Aberglaube durch rationales Denken und experimentelle Methodik abgelöst wurden. Aus der Perspektive der damals lebenden Menschen stellte es sich ein wenig komplizierter dar. Alles in allem herrscht jedoch Konsens darüber, dass die Entwicklungen des siebzehnten Jahrhunderts (plus/minus ein paar Jahrzehnte) irgendwie erklären, wie wir modern wurden.

Als Kircher geboren wurde, glaubten fast alle, die Erde stelle den Mittelpunkt des Universums dar. Zum Zeitpunkt seines Todes wusste nahezu jeder gebildete und unvoreingenommene Mann, dass dem nicht so war. (Viel Gelegenheit, eine gebildete Frau zu werden, gab es damals leider nicht, und die vierzig Millionen Bauern Europas hatten erst recht keine Ahnung von solchen Dingen.) Dass damals Europas Geist durchgepustet wurde (wie Lawrence Weschler es einmal formulierte), ist jedenfalls das Mindeste, was sich sagen lässt.

Betrachtet man Athanasius Kircher als sonderbaren Zeitgenossen, als einen nicht ganz vertrauenswürdigen Ordensmann, als Egomanen und als Autor, dessen Werken ein amerikanischer Historiker 1906 bescheinigte, sie seien »bezüglich ihrer Zahl, ihres Volumens und ihrer Nutzlosigkeit auf dem gesamten Gebiet des Wissens unübertroffen«, so kann seine Person kaum zum Verständnis dieser Umwälzung beitragen. Man kann ihn allerdings genauso gut als zutiefst gläubigen Christen charakterisieren, der die Welt zum Staunen brachte, als ausgesprochen gebildete und erfinderische Persönlichkeit, die zum menschlichen Fortschritt beigetragen hat. Seine angeblich nutzlosen Bücher wurden an den Königshöfen von London und Paris ebenso gelesen wie in den Siedlungen des Vizekönigreichs Neuspanien, aus dem sich später die mittelamerikanischen Staaten entwickelten. Zu den Lesern und Gönnern Kirchers zählten Päpste und Kaiser. Gelesen – wenngleich nicht immer respektiert – wurden seine Werke auch von den klügsten Geistern seiner Zeit. Als Jesuit, der trotz Galileo Galileis Widerruf wohl insgeheim dem kopernikanischen Weltbild anhing, als Kritiker der Alchemie zu einer Zeit, in der Isaac Newton davon besessen war, als Mitarbeiter des Bildhauers und Architekten Gian Lorenzo Bernini bei zweien seiner bekanntesten Werke und als Vorläufer von Gottfried Wilhelm Leibniz’ Thesen über das binäre Zahlensystem könnte Kircher, oder genauer seine Lebensgeschichte, uns verstehen helfen, wie wir schließlich zu dem Punkt gelangten, an dem wir heute sind. Als eine der beeindruckendsten Persönlichkeiten aller Zeiten war Kircher zugleich in überraschender Weise ein Repräsentant seiner eigenen.

Nach Kirchers Vorstellung sollte die Welt magisch sein und dennoch Sinn ergeben, und er glaubte an seine besondere Fähigkeit, diesen Sinn zu ergründen. Außerdem strebte er nach Ruhm (um unsterblich zu werden). Als er im Alter von über siebzig Jahren mit der Niederschrift seiner Lebenserinnerungen begann, war dies ein Teil umfangreicherer Bemühungen, sein Vermächtnis zu verteidigen, denn das Schwinden seines Ansehens war ihm bewusst. Um dieselbe Zeit veröffentlichte er ein weiteres Werk, jedoch nicht unter seinem eigenen Namen, sondern unter dem eines Schülers. Es trug den (ursprünglich lateinischen) Titel Apologetische Vorbemerkungen zu Kircherschen Studien. Darin verteidigte er sich gegen die zunehmende Kritik an seinen Ideen und bekräftigte seinen Glauben an die magnetische Heilkraft des sogenannten Schlangensteins. Zudem stritt er sich mit einem englischen Edelmann darüber, wer als der wahre Erfinder des Megaphons gelten könne. Dass er in Vergessenheit geraten könnte, war für Kircher unvorstellbar – doch er wollte dafür sorgen, dass man ihn möglichst glanzvoll im Gedächtnis behielt.

Erster Teil

1

Ein ungewöhnlicher junger Mann

Glaubt man den Memoiren von Athanasius Kircher, so waren schon die Umstände seiner Geburt glückverheißend. In gewisser Weise waren sie das tatsächlich, allerdings nur, wenn man – wie er – die Hexenverfolgungen dieser Zeit ausblendet.

Kirchers Mutter war die »Tochter eines ehrsamen Fuldaer Bürgers«, sein Vater ein gelehrter Mann mit »gründlichen theologischen Kenntnisse[n]« und »Geschicklichkeit in Erörterung schwieriger Streitfragen«. Die Familie lebte in der Kleinstadt Geisa, die zum geistlichen Fürstentum Fulda gehörte und auf einem Bergrücken der nördlichen Rhön liegt. Bis zur Residenzstadt Fulda ging man zu Fuß etwa drei Stunden. Lange vor Kirchers Geburt manifestierte sich auch hier der Konflikt, der in Europa tobte, seit Martin Luther 1517 seine fünfundneunzig Thesen verfasst hatte. Katholiken und Protestanten, ob Lutheraner oder Calvinisten, standen sich so unversöhnlich gegenüber, wie es bei religiösen Spaltungen oft der Fall ist.

Besonders gravierend waren die Auswirkungen der Reformation im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, das, wie Voltaire später ironisch anmerkte, weder heilig noch römisch noch ein Reich war. Vielmehr handelte es sich um ein Konglomerat aus etwa dreihundert mehr oder weniger autonomen Herrschaftsgebieten, die lose unter der Obhut der zu dieser Zeit grundsätzlich habsburgischen Kaiser standen. Sie waren verwandt mit dem spanischen König, der über die gesamte Iberische Halbinsel, das Königreich Neapel, das Herzogtum Mailand und einen großen Teil der Neuen Welt herrschte. Zum Heiligen Römischen Reich wiederum gehörten weltliche und geistliche Herrschaften sowie die freien Reichsstädte, Reichsabteien und Fürstbistümer mit häufig konkurrierenden Interessen und auf Glaubensfragen basierenden Animositäten.

Kirchers Vater Johann war Amtmann im Dienst des Fürstabts von Fulda, eines Mannes namens Balthasar von Dernbach. 1576 wurde dieser, wie Kircher schrieb, »auf Betreiben seiner den Neuerungen zugetanen Gegner abgesetzt« und in die Verbannung getrieben. Bei den besagten Gegnern, die Dernbach zur Abdankung zwangen (worauf er erst beim Erzbischof von Mainz und dann in der ganze sechzehn Kilometer von Fulda entfernt gelegenen Burg Bieberstein Zuflucht fand), handelte es sich um die großteils lutherischen Einwohner seines Herrschaftsgebiets, die sich seinen gegenreformatorischen Bemühungen widersetzten. Diese Maßnahmen bestanden unter anderem darin, Protestanten ihres Amts zu entheben und durch Leute wie Kirchers Vater zu ersetzen. Da Johann Kircher »dem ungerecht Verfolgten treu ergeben blieb und ihn den übermütigen Feinden gegenüber mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zu verteidigen suchte«, habe er Balthasars Schicksal geteilt und sein Amt verloren.

Dernbach und seine Advokaten bemühten sich sechsundzwanzig Jahre lang um seine Wiedereinsetzung, die endlich im Jahre 1602 erfolgte. Im selben Jahr kam das neunte Kind von Johann und Anna Kircher (geborene Gansek) zur Welt. Und da die Geburt des Jungen auf den Gedenktag des heiligen Athanasius fiel, der einst selbst leidenschaftlich gegen ketzerische Neuerungen gekämpft hatte, erhielt er dessen bedeutungsträchtigen Namen: Athanasius kommt aus dem Griechischen und bedeutet »unsterblich«.

Bald nachdem Balthasar von Dernbach wieder an die Macht gekommen war, begann er sein Herrschaftsgebiet nicht nur von Protestanten, sondern auch vom Einfluss des Teufels zu befreien. Ins Visier der Hexenjäger geriet unter anderem Merga Bien, eine Frau Ende dreißig, die in dritter Ehe mit einem politischen Gegner des Fürstabts verheiratet war. Sie war gerade zum ersten Mal in ihrer vierzehnjährigen Ehe schwanger geworden. Da der Kerker des Schlosses überfüllt war, sperrte man sie in einen Hundekäfig und zwang sie zu dem Geständnis, dass ihre Schwangerschaft ein Werk des Teufels sei. Nach vierzehn Wochen Haft zeigte sie sich unter der Folter in allen Punkten geständig und wurde samt ihrem ungeborenen Kind auf dem Gerichtsplatz von Fulda verbrannt.

In den folgenden Jahren wurden Hunderte Personen aus der Region verhaftet und im Namen der einzig wahren Religion der Hexerei beschuldigt. Regelmäßig wurden bis zu dreizehn Frauen und Männer gleichzeitig bei lebendigem Leibe verbrannt, manchmal an Pfähle gefesselt, manchmal gemeinsam auf einem riesigen Scheiterhaufen, nachdem man sie mit rot glühenden Spießen durchbohrt hatte. Über zweihundert Menschen kamen so ums Leben, bevor Dernbach 1606 starb und die Verfolgungen ein Ende fanden. Athanasius Kircher war damals vier Jahre alt.

Vielleicht hat der junge Athanasius solche Szenen nicht miterlebt, hat die Schreie nicht hören, den Gestank in der Luft nicht riechen müssen. Aus heutiger Sicht war das Leben in Geisa dennoch hart. Vermutlich wohnte die Familie in einem jener Fachwerkhäuser, die uns heute romantisch vorkommen, damals aber keinen besonderen Komfort aufwiesen. Man lebte in engem Kontakt mit den Tieren, und es gab keine Kanalisation. Verschlimmert wurden die unhygienischen Bedingungen dadurch, dass man – wie die Historikerin Raffaela Sarti schrieb – »Wasser im damaligen Europa mit großem Argwohn betrachtete«. Das geschah nicht ganz zu Unrecht, da durch das verfügbare Wasser zahlreiche Krankheiten übertragen wurden.

Selbst im Hause eines relativ wohlhabenden Bürgers wie Johann Kircher, der einige Jahre als Schultheiß von Geisa fungiert hatte, wurde das Erdgeschoss oft dazu verwendet, Hühner und Schweine zu halten und auch zu schlachten, Wäsche zu waschen und Vorräte zu verwahren. Die Zwischenräume des hölzernen Fachwerks waren mit einem Verbund aus Holz und Lehm gefüllt, das Dach war mit Stroh gedeckt.

Im oberen Geschoss befand sich wahrscheinlich die Küche, die ständig von Rauch erfüllt war, weil solche Häuser zwar einen Herd, aber keinen Schornstein besaßen. Dazu kam die Stube, der Hauptraum, wo die Mitglieder des Haushalts auf harten Bänken saßen, um zu essen, zu nähen, zu flicken, zu studieren und zu beten. Unter Umständen wurde hier auch geschlafen. An den Wänden hingen Haushaltsutensilien. Die Beleuchtung lieferten Talgkerzen, die erbärmlich stanken, weil sie aus Rinds- oder Schaffett hergestellt waren. Auch für Lampen wurde Tierfett verwendet. In den kalten Kammern, oberhalb von Küche und Stube, gab es für die Eltern und die gesamte Kinderschar vielleicht drei mit Stroh oder Wolle gepolsterte Betten. Zwei von Athanasius Kirchers acht älteren Geschwistern starben bereits in der Kindheit.

Das Haus der Familie stand am Marktplatz der auf einem Bergrücken zwischen den Flüssen Ulster und Geisa gelegenen Stadt. Die Auswahl der auf dem Markt feilgebotenen Waren war ziemlich begrenzt. Man ernährte sich hauptsächlich von Suppe, Brei und hartem, dunklem Brot. Manchmal gab es auch etwas Fleisch. An Freitagen und während der Fastenzeit beschränkten die Katholiken sich auf Fisch und Gemüse. In Kirchers Kindheit waren Kartoffeln, Kaffee, Tee, Tabak, Schokolade und Mais in seiner Heimatstadt vermutlich unbekannt, von Gabeln ganz zu schweigen. Das änderte sich zu seinen Lebzeiten, und im Alter propagierte er den Genuss von chinesischem Tee zur Behandlung von Nierensteinen und als Mittel gegen Kater.

Trotz aller Mühseligkeiten hat er in Geisa offenbar eine schöne Kindheit verlebt. Wie von einem Mann zu erwarten war, der später als »Meister von hundert Künsten« bezeichnet wurde, zeigte der junge Athanasius schon in frühen Jahren erstaunlich »gute Fähigkeiten« beim Lernen. Nach der Vorstellung der Zeit passte das zu seiner relativ dunklen Haut und seinem dunklen Haar, was man einem Überschuss an schwarzer Galle zuschrieb. Schwarzgalligkeit wurde als Ursache von Melancholie angesehen. Der melancholische Typus galt als nachdenklich, verträumt und intellektuell, er schien fähig, intensiv zu studieren und tiefes Wissen zu erlangen, ja zum Genie zu werden. Zudem hatte Kircher einen großen Kopf, was, wie man damals glaubte, auf »einen wunderbaren Verstand und ein äußerst lebhaftes Gedächtnis« hinwies. Kirchers Vater, der sich mit Philosophie, Theologie und Rhetorik beschäftigte und eine »solche Menge schriftlicher Abhandlungen« besaß, dass er aus diesen »eine besondere Bibliothek errichtete«, nahm offenbar regen Anteil an seinem jüngsten und vielversprechendsten Kind. Während seine vier älteren Söhne in verschiedene Orden eintraten und seine drei Töchter den Bund der Ehe schlossen, unterrichtete er den kleinen Athanasius in Musik, Latein und den »Anfangsgründen der Geographie«.

Wenn der Junge nicht gerade von seinem Vater oder von einem Rabbi unterrichtet wurde, der ihm Hebräisch beibrachte, scheint er mehr als einmal den Schutz des Himmels genossen zu haben. Er war kräftig, neigte jedoch zu Unfällen. Offenbar hatte er schon als Junge etwas von einem zerstreuten Professor an sich, und manchmal brachte er sich in Situationen, aus denen ihn, wie er schreibt, nur die Jungfrau Maria retten konnte.

So ging er an einem heißen Sommertag mit ein paar Freunden zum Fluss hinab, um zu baden. Die Badestelle befand sich oberhalb einer Mühle: »Dort war das Wasser durch ein Wehr gestaut und stürzte deshalb mit rasender Schnelligkeit in und durch den abschüssigen Mühlgang auf das sehr große Mühlrad«, schreibt Kircher. »Aus knabenhafter Unvorsichtigkeit wagte ich mich in die Nähe des Wehres, geriet in den Mühlgang und wurde, da ich der Gewalt der Strömung nicht zu widerstehen vermochte, unaufhaltsam von derselben mit fortgerissen. Dem Rade schon ganz nahe und in Gefahr, durch dasselbe zerquetscht zu werden, rief ich in Todesangst, so andächtig ich es vermochte, die Namen Jesus und Maria aus.«

Als seine Freunde sahen, wie er »unter den Schaufeln des Rades hindurchgetrieben« wurde, gaben sie ihn verloren, »zumal das Mühlrad vom Boden des Rinnsals so wenig abstand, dass mein Körper ohne Zerquetschung aller meiner Glieder kaum durchschlüpfen konnte«. Als sie ihn weiter unten wieder auftauchen sahen, trauten sie kaum ihren Augen. »Durch den besonderen Schutz Gottes und der Gottesmutter«, schreibt Kircher, habe sich an seinem Körper »nicht die geringste Spur einer Verletzung« gezeigt. Seine Freunde hätten ihn mit Jubel empfangen und in seiner »Errettung ein augenscheinliches Wunder der Barmherzigkeit Gottes« erblickt.

Ein weiteres angebliches Wunder ereignete sich während eines Pferderennens am Pfingstsonntag. Nach einer Flurprozession, bei der die Felder zum Schutz gegen »Hagel- und Gewitterschäden« gesegnet wurden, hatte sich die Bevölkerung versammelt, um das jährlich stattfindende Rennen zu verfolgen. »Eine dicht gedrängte Menge umstand die Rennbahn; ich, weil noch klein, nahm einen Platz in der vordersten Reihe des Haufens ein«, schreibt Kircher. »Schon hatte das Rennen begonnen, die Reiter stürmten heran, der schaulustige Volkshaufe drängte sich vor, ich vermochte dem Ungestüm nicht zu widerstehen und wurde mitten auf die Laufbahn unter die Hufe der in rasendem Galopp vorübersausenden Pferde gestoßen.«

Aus der Menge erhoben sich Rufe, man solle die Tiere anhalten. »Doch wer wäre imstande, dem Laufe dahersprengender Rosse Einhalt zu tun?«, fragt Kircher. Er konnte sich nur zusammenrollen und sich erneut der Gnade Gottes und der Jungfrau Maria anvertrauen. »Ich war durch den aufgewirbelten Staub wie in eine Wolke gehüllt, und man glaubte, ich sei durch die Hufe der Pferde zertreten. Ich erhob mich jedoch, nachdem die Pferde vorüber waren, trotzdem sie alle über mich hinweggejagt, durch Gottes besonderen Schutz ohne alle Verletzung.«

Auch dieses Ereignis erregte Verwunderung: »Viele suchten mich später auf und fragten mich, wie ich mich in solcher Bedrängnis verhalten und wie es geschehen sei, dass ich so großer Gefahr, ohne Schaden zu nehmen, entronnen. Ich antwortete denselben, die Macht dessen, der den Jonas aus dem Bauche des Wals, den Tobias vor Verschlingung durch den Fisch, den Daniel aus dem Rachen der Löwen errettet, sei nicht geringer geworden und habe auch mich vor dem Zertreten durch die Hufe der Pferde bewahrt.«

Es war etwas Besonderes an diesem Jungen, wie alle um ihn herum sehen konnten – und vor allem der Junge selbst.

Einige Jahre bevor Kircher im Alter von etwa zehn Jahren an der Jesuitenschule von Fulda aufgenommen wurde, klagte ein protestantischer Professor aus Heidelberg über den relativ jungen katholischen Orden: »Sehr viele, die als Christen gelten wollen, schicken ihre Kinder auf die Schulen der Jesuiten. Das ist äußerst gefährlich, da die Jesuiten ausgezeichnete und geschickte Philosophen sind, die vor allem bestrebt sind, all ihr Wissen auf die Erziehung der Jugend zu verwenden.«

Aus Sicht der Protestanten stellte der Erfolg der Jesuiten eine bedrohliche Gegenbewegung dar, die sie als besonders heimtückisch empfanden, weil sie auf die Beeinflussung junger Menschen abzielte. Der Orden war zwar nicht mit dem Ziel gegründet worden, die Häresie des Protestantismus zu bekämpfen, doch schien er für diese Aufgabe wie geschaffen. Sein Gründer Ignatius von Loyola, ursprünglich ein eingebildeter adliger Offizier aus dem Baskenland, fand seine Berufung, nachdem er 1521 bei der Verteidigung Pamplonas durch eine Kanonenkugel schwer verwundet worden war. Er bediente sich des militärischen Jargons, als er seine Gemeinschaft anfangs als »Regiment« oder »Kompanie« Jesu bezeichnete und ihre Mitglieder als »Soldaten Gottes«, die gegen das Böse kämpfen sollten. Später wurde die weniger militante Bezeichnung Societas Jesu gewählt. Deren offizielle Mission war die Verbreitung des Glaubens, »besonders die Unterweisung junger und unwissender Personen in der christlichen Religion«. Wie junge Männer, die sich zum Militär meldeten, um im Krieg für die gerechte Sache zu kämpfen, so folgten Tausende junger Katholiken dem Ruf, die protestantische Häresie zu besiegen. Sie taten das mit besonderer intellektueller wie spiritueller Leidenschaft. In kaum mehr als sechzig Jahren nach der Gründung der ersten Jesuitenschule im sizilianischen Messina waren in Europa bereits über fünfhundert Schulen und fast fünfzig Seminare entstanden. Um das Jahr 1600 hatte der Orden etwa sechzehntausend Mitglieder. Jesuitische Missionare verkündeten ihren Glauben auf der ganzen Welt, in Indien, China und auf den Philippinen, am Kongo, in Äthiopien, im heutigen Marokko, in Paraguay, Brasilien und dem heutigen Kanada.

Trotz ihrer martialischen Ausrichtung waren die Jesuiten ausgesprochen kunstsinnig und gebildet. Nach seiner Bekehrung hatte Ignatius von Loyola unter anderem an der Pariser Universität studiert, wo er mit dem humanistischen Gedankengut der Renaissance konfrontiert worden war. Im Angesicht der Schönheit der Natur konnte er ins Schwärmen geraten. Gott existierte für ihn in allen Dingen, und daher gab es keinen Grund, sich dem Reich der Schöpfung durch ein Leben im Kloster zu entziehen. Mit einem Nonkonformismus, der – so der Historiker Gerrit Walther – »mondän, elitär, attraktiv« wirkte, brachten die Jesuiten ihren Schülern die Klassiker der griechischen und römischen Antike, Geschichtsschreibung, Literatur und Theater nahe. Als Lehrer hatten sie so viel Erfolg, dass ein protestantischer Prediger meinte, sie würden »ihre Schüler mit geheimen, teuflischen Salben einreiben, durch die sie die Kinder so an sich binden, dass diese nur mit Schwierigkeit von diesen Hexern getrennt werden können«. Man solle die Jesuiten daher »nicht nur ausweisen, sondern verbrennen«, denn sonst könne man sie niemals loswerden.

 

Pater Johann Altinek, Athanasius Kirchers Fuldaer Lehrer in den unteren Klassen, war laut seinem Schüler »höchst erfahren in der schwierigen Aufgabe, die Jugend nicht bloß zum eifrigen Streben nach wissenschaftlichen Kenntnissen, sondern auch nach Frömmigkeit und Gottseligkeit anzuleiten«. Zudem versuchte er zu verhindern, dass Athanasius »durch den Umgang mit schlechten Mitschülern verführt würde«. Er bestellte seine Schüler einzeln zu sich und ermahnte sie »auf das Eindringlichste«, sich das Leben der Heiligen zum Vorbild zu nehmen. »Durch diese privaten Unterredungen entflammte er uns zuweilen so sehr«, schreibt Kircher, »dass wir nichts anderes zu wünschen schienen als einzig das, was auf Gott abzielt.«

Zwar behauptet Kircher, er habe »alles, worauf Knaben Wert zu legen pflegen«, verachtet, doch das bewahrte ihn nicht vor jugendlichen Torheiten. »Ich hatte gehört, dass in einer Stadt [gemeint war Aschaffenburg], welche zwei Tagesreisen von Fulda entfernt lag, ein Schauspiel veranstaltet werden sollte«, erinnert er sich. »Da ich begierig war, so etwas zu sehen, begab ich mich mit anderen Kameraden auf den Weg dorthin.« Nach der Aufführung machte Athanasius sich allein auf den Rückweg, wobei er den dicht bewaldeten Spessart durchqueren musste, eine »nicht bloß durch Räuberbanden, sondern auch durch eine Menge reißender wilder Tiere berüchtigte Wildnis«.

Wer damals durch die Wälder Europas zog, hatte tatsächlich mit solchen Gefahren zu rechnen. Es hieß, die in den Wäldern lauernden Räuber würden ihre Opfer erst töten, bevor sie deren Taschen plünderten. Ergriff man sie, so wurden sie, wie es in einem zeitgenössischen Bericht heißt, »auf die Streckbank gelegt und gefoltert, um sie zum Geständnis zu zwingen, wonach ihre Hinrichtung überaus schrecklich« war. Man sah überall »Galgen, an denen Diebe aufgehängt waren, manche noch frisch und manche halb verwest, und die Leichen von Mördern, denen man auf dem Rad ein Glied nach dem anderen gebrochen hatte«. Die düstere Vergangenheit des Spessart ist noch heute bekannt, wobei Besucher der Region heute lediglich »Räubermenü« mit Wurzelgemüse serviert bekommen.

»Gleich nachdem ich diesen Wald betreten«, erzählt Kircher, »geriet ich in Verwirrung über die Menge der sich verzweigenden Wege und gewahrte bald, dass ich, je weiter ich voranschritt, desto mehr vom rechten Wege abirrte. Endlich geriet ich in ein Dorngestrüpp und wusste nicht mehr, wo ich mich befand.« Als die Sonne unterging, wuchs seine Angst, und er verlor die Hoffnung, den Weg wiederzufinden. Wie immer in solcher Lage vertraute er sich zuerst Gott und der Gottesmutter an – um dann auf einen hohen Baum zu klettern. In dessen Ästen verbrachte er die ganze Nacht, »vor den Raubtieren in Sicherheit«, aber dennoch »unaufhörlich betend«. Als der Morgen kam, kletterte Athanasius vom Baum und suchte wieder nach dem Weg, doch vergebens: »Durch Hunger, Durst und die Anstrengung ganz erschöpft, vermochte ich mich kaum noch fortzuschleppen. Ich machte in meiner Seelangst Gott Gelöbnisse und setzte trotz Ermattung die Reise fort.« Schließlich kam er zu einer Waldwiese, auf der Bauern Gras mähten, und es stellte sich heraus, dass er zwei Tagereisen von seinem Ziel entfernt war. Für Athanasius war dieser Vorfall – der damit endete, dass die Bauern ihn für eine reichliche Belohnung nach Hause brachten – ein weiterer Beweis für Gottes Wohlwollen gegenüber ihm. Es war ihm bewusst, dass er nun dreimal gerettet worden war, vor dem Mühlrad, den Pferden und den Gefahren des Spessarts, und aus Dankbarkeit überlegte er, wie er »durch die Erwählung eines Berufes dem Weltleben Lebewohl sagen« konnte.

Für eine Laufbahn in der Gesellschaft Jesu, für die er sich seinem Naturell gemäß entschloss, war dies ein angemessener Anfang. Allerdings glaubte Kircher nicht nur, der göttlichen Gnade teilhaftig geworden zu sein; er hatte auch das sichere Gefühl, er sei zu etwas Großem bestimmt.

Als Athanasius Kircher im Alter von etwa sechzehn Jahren seine Gymnasialzeit beendete, wünschte er sich nichts sehnlicher als eine Ausbildung zum Jesuitenpater, bestehend aus zwei Jahren Noviziat, drei Jahren Philosophiekurs, fünf Jahren Unterrichtstätigkeit und Praxis, gefolgt von vier Jahren Theologie. Wie seinen Brüdern, die ebenfalls alle in Mönchsorden eingetreten waren, fehlten auch ihm die Mittel, einen anderen Weg zu wählen. Die Jesuiten boten ihm eine Möglichkeit, seine religiöse Inbrunst und seine intellektuelle Neugier zu entfalten. Da der Orden die Gelehrsamkeit schätzte, war ein Mann wie er, der »Eifer im Studieren« besaß und nach der »Aneignung der Wissenschaften« strebte, hier gut aufgehoben. Am meisten dürfte ihn jedoch die Aussicht gelockt haben, als Missionar in irgendeinen exotischen, erst vor kurzem von den Europäern entdeckten Teil der Welt zu reisen. Protestanten von der Wahrheit der Transsubstantiationslehre zu überzeugen war eindeutig weniger aufregend als ein Aufenthalt in Ländern wie Japan oder Neufrankreich, selbst wenn dort der Märtyrertod drohte.

Kircher war Schüler am Jesuitenkolleg in Mainz, als er endlich die Nachricht erhielt, er sei als Kandidat für die Priesterschaft angenommen worden. Seiner »großen Freude« darüber konnte er sich jedoch nicht ungetrübt hingeben: »Kaum hatte ich vom P. Provinzial die Bewilligung zum Eintritte in die Gesellschaft Jesu, als der gütige Gott seinen Diener durch neue Trübsale prüfen wollte.« Im Januar, als »alle Flüsse mit Eis überzogen« waren, bot der zugefrorene Main einem von sich selbst überzeugten Anwärter des Jesuitenordens Gelegenheit, seine Fähigkeiten im Schlittschuhlauf zur Schau zu stellen. »Auch ich begab mich«, schreibt Kircher wie üblich recht weitschweifig, »mit meinen Kameraden zu den in dieser Jahreszeit auf dem Eise üblichen Belustigungen. Ehrsüchtig, wie ich war, wollte ich Proben von meiner Gewandtheit im Eislaufen geben und bemühte mich in knabenhafter Eitelkeit, alle anderen an Geschicklichkeit und Behändigkeit zu übertreffen. Nachdem ich bereits verschiedene Proben meiner Gewandtheit im Laufen auf dem Eis gegeben, stellte ich mit dem behändesten meiner Kameraden einen Wettlauf an. Ich nahm einen gewaltigen Anlauf, konnte mich aber bald nicht mehr aufrecht erhalten und stürzte mit ausgespreizten Beinen auf das Eis.« Das Ergebnis: ein schwerer Leistenbruch.

Das war nicht das einzige gesundheitliche Problem, an dem Athanasius in der Folge zu leiden hatte. »Dazu kam«, schreibt er, »noch ein gefährlicher Ausschlag an meinen Schienbeinen, den ich mir fast zu derselben Zeit durch Erkältung bei meinem nächtlichen Studieren zugezogen hatte.« Athanasius vermutete, er habe die – durch eine Milbenart hervorgerufene – Krätze, aber wahrscheinlich handelte es sich schlicht um Frostbeulen. Jedenfalls fürchtete er, die Erlaubnis zu dem »so sehnsüchtig gewünschten Eintritt« in den Jesuitenorden könnte zurückgezogen werden, wenn sein Gesundheitszustand ans Tageslicht kam. Es war wohlbekannt, dass die Jesuiten nicht einfach nur an frommen, wortgewandten und begabten jungen Männern interessiert waren; sie suchten nach körperlich robusten Kandidaten, die laut Ignatius von Loyola »weder Magenleiden noch Kopfleiden noch Leiden an anderen Gebrechen« aufwiesen. Ein »Mangel an körperlicher Unversehrtheit, eine Krankheit oder Schwäche« konnten ebenso zur Ablehnung eines Kandidaten führen wie »auffällige Hässlichkeit«, da diese nicht dazu beitrug, »den Nächsten zu erbauen«.

»Damit nun die Vorgesetzten meine beiden Gebrechen nicht merkten«, schreibt Kircher, »glaubte ich sie verheimlichen zu müssen.« So lebte er monatelang mit seinen Problemen, ohne sie behandeln zu lassen oder mit irgendjemandem darüber zu sprechen – außer mit Gott, »dem allein meine Gebrechen bekannt waren«.

Im Laufe dieser Monate muss Athanasius gehört haben, was in Böhmen geschehen war, wo Protestanten drei Beamte des Königs aus dem Fenster der Prager Hofkanzlei geworfen hatten. Der Legende nach waren diese relativ weich auf einem Misthaufen gelandet. Nach diesem zweiten Prager Fenstersturz im Jahre 1618 (der erste hatte zwei Jahrhunderte zuvor die Hussitenkriege eingeleitet) rebellierten die böhmischen Stände offen gegen den böhmischen König Ferdinand, der ein Jahr später zum deutschen Kaiser gewählt wurde. Als Athanasius Kircher am Jesuitenkolleg von Paderborn sein Noviziat antreten sollte, stand Europa am Anfang des Dreißigjährigen Kriegs, dessen Länge damals freilich niemand ahnte. Inzwischen, schreibt Kircher, »wurde mein Bruchschaden immer größer, und der Ausschlag nahm zu«.

Um nach Paderborn zu gelangen, das fast zweihundert Kilometer nördlich von Mainz liegt, musste der junge Jesuitenzögling das bergige Sauerland durchqueren. Selbst bei idealen Verhältnissen hätte die Reise über eine Woche gedauert, und solche Bedingungen waren zu dieser Zeit meist nicht gegeben. Davon zeugt der Bericht zweier Engländer, die damals von Hamburg nach Prag reisten. Zuerst fuhren sie »Tag und Nacht mit der Pferdekarre« nach Hildesheim, dann mussten sie die zweihundertzehn Kilometer nach Leipzig zu Fuß absolvieren. Aus Angst vor dem Kriegsgeschehen weigerten sich die Leipziger Fuhrleute, nach Böhmen aufzubrechen, weshalb die beiden Reisenden »einen Burschen mit einer Schubkarre« anstellten, der ihre Habseligkeiten – »Mäntel, Schwerter, Gewehre, Pistolen sowie anderes Gerät und Gepäck« – in die sächsische Stadt Penig beförderte. Von dort reisten sie mit einer Karre, dann einer Kutsche und schließlich wieder zu Fuß an ihr Ziel. Überall, heißt es in dem Bericht ironisch, seien sie auf »ausgezeichnete Kochkünste« und »bequeme Unterkunft« gestoßen. Normalerweise hätten sie »gut gepolstert« im Stall auf Stroh geschlafen, und wenn man ihnen in den Wirtshäusern nicht »Brühe mit Pökelhering«, »schmutzigen Pudding« oder rohen, »mit dem Fett von ranzigem Schinken« übergossenen Kohl vorgesetzt habe, dann »Gründlinge, womöglich frisch gefischt, doch so salzig, als hätte man sie drei Jahre eingelegt oder als wären sie zweimal in Ostindien gewesen, gekocht mit Schuppen, Eingeweide und allem anderen, und in Ingwer vergraben wie in Sägemehl«.

Über seine eigene Reise schreibt Kircher: »Welche große Beschwerden ich in Folge meiner Gebrechen auf der Reise dahin ausgestanden, ist nur dem bekannt, der die Herzen aller kennt.« Auf jeden Fall verschlimmerte sich der Zustand seiner Beine, und als er endlich in Paderborn angekommen war, war das nicht mehr zu verheimlichen: »Da ich nämlich wegen heftigen Fußwehs beim Gehen wankte, wurde dies von den Oberen alsbald bemerkt, und ich war genötigt, mein Übel an den Schienbeinen aufzudecken.« Ein Wundarzt wurde herbeigerufen, um Kirchers Beine zu untersuchen, die schon vom Wundbrand ergriffen waren. Er erklärte, ihr Zustand sei unheilbar.

Was seinen Leistenbruch anging, bewahrte Athanasius weiterhin »das tiefste Stillschweigen; denn wären beide unheilbare Krankheiten an den Tag gekommen, wäre es um mich geschehen gewesen«. Dennoch teilte man ihm mit, man werde ihn aus dem Orden entlassen, wenn es ihm innerhalb eines Monats nicht besser gehe. »Was blieb mir da übrig, als dass ich zur heiligen Muttergottes, dem einzigen Heil der Kranken, meine Zuflucht nahm?«, schreibt er. »Ich warf mich daher mitten in der Nacht vor einer auf dem Kirchenchor aufgestellten Bildsäule derselben weinend nieder … Ich flehte sie, die einzige Helferin des menschlichen Geschlechts, an und beschwor sie mit einer Inbrunst, mit so stürmischen Bitten, dass ich es nicht beschreiben kann.«

Als Athanasius am nächsten Morgen erwachte, stellte er fest, dass seine Beine »vollständig geheilt« waren. Das war noch nicht alles: »Ich fand, dass auch mein Leistenbruch verschwunden war.« Der Wundarzt sprach von einem Wunder, und Kirchers Obere »lobten Gott und die heilige Gottesmutter, durch deren gnädige Fürbitte eine so wunderbare Heilung erfolgt war«.

Für Skepsis ist in Kirchers Autobiographie kein Platz. »Dies alles bekenne ich und wollte es hier niederschreiben«, schließt er, »um Gott zu ehren und um die Gemüter meiner Mitmenschen für die Verehrung der allerseligsten Jungfrau zu begeistern.« Wie diese Verehrung nach Vorstellung der Jesuiten stattfinden sollte, erfuhr Athanasius nun während seines Noviziats in Paderborn.

2

Unvermeidliche Hindernisse

Athanasius Kirchers eigentliche Initiation in die Gesellschaft Jesu fand mitten in einer Herbstnacht des Jahres 1618 statt, als man ihn unter seiner warmen, wahrscheinlich ziemlich rauen Decke hervorholte. Bei Kerzen- oder Lampenlicht erläuterte ein Pater die Meditation, mit der sich der angehende Jesuit beschäftigen sollte. Es war die erste vieler Übungen, die ihm während der folgenden vier Wochen täglich aufgetragen wurden. Zwar war ihm klar, dass man ihn nun durch die Exerzitien des Ignatius von Loyola führen würde, denen sich bis heute alle Novizen unterziehen, doch was genau er zu erwarten hatte, wusste er wohl nicht. Vom Ordensgründer in Jahren strenger Kontemplation entworfen und verfeinert, sollten die Übungen die komplexen Formen des Eigennutzes, von denen die Lebensführung normalerweise bestimmt wird, und die bösen Triebe auslöschen, um die Hinwendung zu Gott zu fördern. Für die Novizen war das wie eine soldatische Grundausbildung, bei der bestehende Denkmuster und Annahmen zerstört wurden, um an ihrer Stelle den Wunsch zu wecken, aus freien Stücken Hingabe und Gehorsam zu wählen.

Die erste Meditation begann um Mitternacht, wie Ignatius von Loyola es vorgeschrieben hatte. Dabei sollten die Novizen über die »Schwere und Bosheit der Sünde« nachdenken und Gott um die einem Sünder angemessene »Beschämung und Verwirrung« bitten. Den Tag über meditierten sie über die Verdorbenheit, die jeder Sünde, die sie je begangen hatten, zu eigen war, und eine Stunde vor dem Abendessen wies man sie an, sich mit allen Sinnen die Hölle vorzustellen. Sie sollten die »großen Gluten« sehen und die »Seelen wie in feurigen Leibern«, sie sollten mit eigenen Ohren »Gejammer, Geheul, Schreie, Lästerungen« hören, sollten »Rauch, Schwefel, Auswurf und Faulendes« riechen. Sie sollten »Bitteres schmecken, etwa Tränen, Traurigkeit und den Wurm des Gewissens«, und sollten spüren, »wie die Gluten die Seelen berühren und verbrennen«.

Die Meditationen und Gebete des ersten Tags wurden eine Woche lang täglich wiederholt. Die Novizen verbrachten diese Zeit schweigend und für sich, mit Ausnahme der gemeinsamen Andacht und der Gespräche mit dem Pater, der die Exerzitien leitete. Sie verhüllten ihre Augen; Türen und Fensterläden wurden geschlossen, um kein Licht hereinzulassen. Nachdem die jungen Männer sich so eindringlich vorgestellt hatten, was sie in der Hölle erwartete, wollten sie künftig oft von sich aus Buße für ihre Sünden tun, indem sie auf Wärme, Nahrung oder Schlaf verzichteten und ihren Körper züchtigten, indem sie ein härenes Gewand trugen oder sich geißelten. »Der Schmerz soll im Fleisch spürbar sein und nicht in die Knochen eindringen«, hatte Ignatius von Loyola in diesem Zusammenhang geraten. »Deshalb scheint es, dass es angebrachter ist, sich mit dünnen Stricken weh zu tun, die von außen Schmerz zufügen.«

In der zweiten Woche verbrachten die Novizen viele Stunden des Tages damit, sich mit ihrem Geist und ihren Sinnen dem Leben und den guten Taten Christi zu widmen. In der dritten Woche ging es um das Leiden und Sterben Jesu und in der letzten Woche um seine Auferstehung, die ebenso mit Freude und Dankbarkeit empfunden wurde wie das Sonnenlicht, das durch die wieder geöffneten Fenster fiel. Im Laufe dieses Prozesses waren die Novizen aufgefordert, ihre eigene Lebensführung und ihr Verhalten an dem Handeln Jesu zu messen und über das Leben nachzudenken, das Gott für sie vorsah. Alle anderen Stimmen, Einflüsse und Impulse sollten beseitigt werden. Den Ruf Gottes von dem trügerischen Ruf des bösen Feindes – also des Teufels – zu unterscheiden war schwierig, zumal die Versuchung durch den Bösen oft »unter dem Schein des Guten« erfolgte.

Entscheidend war es laut Ignatius, sich von dem zu befreien, was er »ungeordnete Anhänglichkeiten« an Dinge wie Bequemlichkeit, Erfolg und Ruhm nannte. Dazu bedurfte es einer besonderen Form der Demut, die erreicht sei, »wenn ich nicht will noch mehr danach verlange, Reichtum als Armut zu haben, Ehre als Unehre zu wollen, ein langes Leben zu wünschen als ein kurzes, wenn der Dienst für Gott unseren Herrn und das Heil meiner Seele gleich ist«. Die höchste Form der Demut aber wird erreicht, »je mehr [ich] mit dem armen Christus Armut will und erwähle als Reichtum, Schmähungen mit dem davon erfüllten Christus mehr als Ehren« und nicht mehr wünsche, »als nichtig und töricht um Christi willen angesehen zu werden, der als Erster dafür gehalten wurde, denn als weise und klug in dieser Welt«.

Wir wissen nicht, ob der erst sechzehnjährige Athanasius Kircher in diesen Tagen tatsächlich den Ruf Gottes in sich vernahm, ob er ihn zu vernehmen glaubte oder ob die intensive Zeit der Meditation und des Fastens bestimmte psychische und körperliche Symptome wie Euphorie oder Benommenheit verursachte, die als Ausdruck einer spirituellen Offenbarung missdeutet werden konnten. Unzweifelhaft ist jedoch, dass die Exerzitien eine große Wirkung auf ihn hatten. Um die Erlösung im Himmel zu erlangen, was sein sehnlichster Wunsch war – ein durchaus eigennütziger Wunsch, den aber selbst Ignatius von Loyola nicht verurteilte –, musste er auf Erden demütig werden. Bald war er offenbar stolz darauf, mehr Demut zu zeigen als alle anderen Novizen.

Athanasius widmete sich hingebungsvoll seinen geistlichen Studien und dem Gemeinschaftsleben. Nach Abschluss des zweijährigen Noviziats legte er die ersten Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams ab. Anschließend begannen die dreijährigen philosophischen Studien. Dabei gab er sich anfangs betont bescheiden. »Weil ich nun von Gott mit so viel Wohltaten überhäuft worden war«, schreibt er in seinen Erinnerungen, »getraute ich mich nicht, Proben von meinen Fähigkeiten zu geben. Ich fürchtete, durch etwaiges Wohlgefallen an eitlem Ruhm den Zufluss neuer göttlicher Gnaden zu vermindern.« Ein zusätzlicher Vorteil dieses Verhaltens war die Geringschätzung, die Athanasius auf sich zog und die ihn laut Ignatius von Loyola Christus ähnlicher werden ließ. »Und wirklich brachten meine Schweigsamkeit und die Verhehlung meiner guten Anlagen sowohl meine Lehrer als meine Mitschüler auf die Meinung, ich sei schwachsinnig und unfähig, Philosophie zu studieren«, heißt es in den Erinnerungen weiter. »Ich freute mich aber und jubelte darüber, dass ich aus Liebe zu Christus von allen für dumm und schwachsinnig gehalten wurde.«

Wenn man Kirchers Erzählung Glauben schenkt, so verfolgte er sein spirituelles Leben nicht nur mit größerem Ernst als seine Mitstudenten, sondern besaß etwas, das Demut nötig machte – seine mittlerweile, wie er schreibt, deutlich gewachsenen Talente. Es muss ein Akt der Selbstbeherrschung gewesen sein, wenn ein Mann, der später so gern redete und schrieb, sich dem Schweigen verpflichtete, während er in Logik ausgebildet wurde. Schließlich ging es dabei ein ganzes Jahr lang um Disputation und mündliches Argumentieren. Da er sein Verhalten beibehielt, als im nächsten Jahr die Physik – damals die Lehre der Naturerscheinungen – an der Reihe war, muss er im Unterricht zumindest sehr aufmerksam gewesen sein; schließlich hat er sich einen Großteil seines späteren Lebens mit naturwissenschaftlichen Themen beschäftigt.

Für die vom Humanismus geprägten Jesuiten bestand kein Widerspruch zwischen der Religion und der Erforschung der Natur. Ein größeres Verständnis des physischen Kosmos führte nach ihrer Ansicht zu einer größeren Wertschätzung der wunderschönen, komplexen Schöpfung Gottes. Daraus ergab sich eine größere Liebe zu Gott, da man von alters her glaubte, alles im irdischen Reich sei durch eine große Wesenskette – durch Korrespondenzen und Affinitäten – mit dem himmlischen Reich verbunden.

Jahrhundertelang war Thomas von Aquin die kirchliche Autorität zu Fragen der »Physik« gewesen. Er wiederum bezog sich auf Aristoteles, für den das Universum vollkommen und unveränderlich gewesen war. Alle Dinge besaßen nicht nur Substanz und Form, sondern auch einen Zweck, eine Endursache oder Natur. Die Endursache oder Natur einer Eichel, lautet ein berühmtes Beispiel, war es, ein Eichbaum zu werden. Entsprechend war es die Natur aus Erde bestehender Dinge wie der Steine, in Richtung des Mittelpunkts der Erde hinabzufallen. Das Wasser suchte sich seinen Ort auf der Erdoberfläche, die Luft suchte sich ihren Ort über der Erde, und das Feuer suchte sich den seinen über der Luft. Alles, was sich nicht gemäß seiner Form, seiner Substanz und seiner mutmaßlichen Natur verhielt, musste eine andere Natur oder verborgene Eigenschaften besitzen.

Die Erde selbst ruhte im Zentrum des Kosmos, und alles jenseits des irdischen Bereichs bestand aus dem fünften Element, genannt Quintessenz oder Äther. Die vollkommenen Körper der Sonne, des Mondes und der Planeten sowie der Fixsterne befanden sich in einem System aus wiederum vollkommenen Sphären, die mithilfe bestimmter Kräfte kreisförmig um die Erde geführt wurden. Die Endursache dieser Sphären aber bestand darin, vom göttlichen Verstand als Gegenstand der Liebe bewegt zu werden.

Laut Aristoteles verabscheute die Natur jegliches Vakuum. Die Geschwindigkeit, mit der ein Gegenstand herabfiel, verhielt sich umgekehrt proportional zur Dichte des Mediums, durch das er fiel – je geringer dessen Dichte, desto schneller fiel der Gegenstand. Eine völlige Leere, also ein Vakuum, konnte daher nicht existieren, ohne dass etwas mit unbegrenzter Geschwindigkeit hindurchgefallen wäre. Auch die Unendlichkeit konnte nicht existieren, unter anderem deshalb, weil jedes Unendliche aus Dingen hätte bestehen müssen, die selbst endlich, mit den Sinnen wahrnehmbar und daher auch messbar gewesen wären.

Wenn vom Anbruch der Moderne die Rede ist, heißt es häufig, Aristoteles sei die Autorität, die im Namen von Wissenschaft und Vernunft von ihrem Podest gestürzt werden musste. Es war jedoch nicht so, dass die etablierten aristotelischen Vorstellungen abwegig gewirkt hätten. Intuitiv betrachtet schien es völlig richtig, dass der Boden, auf dem man stand, unbeweglich war und den Mittelpunkt aller Dinge darstellte, während sich die Sonne über den Himmel bewegte. Zwar hatte Nikolaus Kopernikus dies bereits 1543 in seinem Buch De revolutionibus orbium coelestium (»Über die Umschwünge der himmlischen Kreise«) infrage gestellt, aber sein Werk war 1616 von der Kirche auf den Index gesetzt worden.

Wer an einem Jesuitenkolleg Philosophie lehrte, sollte »in wichtigen Dingen nicht von Aristoteles abweichen«, hieß es im Lehrplan des Ordens. »Er soll sehr sorgfältig überlegen, was er aus Kommentaren über Aristoteles, die vom Standpunkt des Glaubens verwerflich sind, im Unterricht lesen lässt oder zitiert.« So klar, wie sich das anhörte, war die Anweisung nicht. Im Laufe der Jahrhunderte waren zahllose Kommentare über die umfangreichen Schriften von Aristoteles verfasst worden. So gab es ein achtbändiges, von Jesuiten an der Universität der portugiesischen Stadt Coimbra zusammengestelltes Werk, das in vielen offiziellen, inoffiziellen und teils fehlerhaften Ausgaben erschienen war. Es wurde zum Beispiel herangezogen, wenn es um die philosophischen Grundlagen für die astrologischen Einflüsse auf die Erde ging.

Papst Sixtus V. hatte die Verwendung der Astrologie zum Zwecke von Vorhersagen zwar 1586 verboten, aber ansonsten war sie ein fester Bestandteil der astronomischen Wissenschaft. Kaum jemand konnte sich eine Welt vorstellen, in der die Sterne keinerlei Einfluss ausübten. Wozu wären die Planeten und Sterne sonst geschaffen worden? Und wieso sollte man sich die Mühe machen, eine möglicherweise sinnlose Beschäftigung zu verbieten? Ohnehin gab es viele Annahmen über die Welt, die nicht infrage gestellt wurden. So zweifelte kaum jemand die Vorstellung der Spontanzeugung an – man meinte, kleine Lebewesen wie Würmer, Fliegen, Ameisen, Spinnen, ja selbst Frösche und Schlangen würden aus unbelebter Materie hervorgehen, vor allem, wenn es sich dabei um etwas Sumpfiges oder Verwesendes oder um Exkremente handelte. Wer hätte leugnen können, dass auf verwesendem Fleisch plötzlich Maden auftauchten? »Die tägliche Beobachtung erweist«, schreibt ein Autor des siebzehnten Jahrhunderts, »dass in Leichen und verwesten Pflanzen eine unbegrenzte Anzahl von Würmern entsteht.« Viele der traditionellen Autoritäten waren derselben Ansicht, auch Aristoteles, der sogar an eine Spontanzeugung aus lebender Materie glaubte und meinte, aus Kohlköpfen entstünden Raupen. Augustinus vermutete, semina occulta (verborgene Samen) seien für Lebewesen verantwortlich, die »ohne Vereinigung der Eltern« aus der Erde kämen. Plinius meinte, die Insekten bildeten sich in verdorbener Nahrung wie Milch und Fleisch, aber auch aus Früchten, Tau und Regen. Ovid, Plutarch, Vergil und Demokrit waren offenbar alle der Ansicht, Bienen entstünden aus Kuhdung.

Aristoteles war also nicht der Einzige, der der modernen Wissenschaft im Weg stand. Abgesehen davon war es nicht unüblich, die aristotelischen Vorstellungen abzulehnen, vor allem, wenn man nicht zum Klerus gehörte. Allerdings war die Naturphilosophie, wie schon ihr Name besagte, ein Teil der Philosophie. Das hieß, dass die Natur eher gedanklich als durch konkrete Beobachtung begriffen werden konnte. Gab es strittige Fragen, so wurden sie normalerweise nicht durch Experimente, sondern durch gelehrte Diskussionen entschieden. Die alten Autoritäten behielten ihre Geltung; je älter sie waren, desto mehr Gewicht maß man ihnen bei. Das Wissen wurde vermehrt, indem man die Meinung dieser Autoritäten samt weiteren Argumenten und Kommentaren zusammentrug, nicht indem man bestimmte Vorstellungen durch praktische Überprüfung auf die Probe stellte.

Mit dem Studium der Physik kam Athanasius in Paderborn nicht weit. »Doch ich hatte mich kaum zwei Monate mit derselben beschäftigt«, schreibt er in seinen Erinnerungen, »da brach ein neuer Sturm herein, der mir Gelegenheit in Hülle und Fülle bot, mich in der Geduld und in der Ertragung von Ungemach für Christus zu üben.«

Dieser Sturm kam in Gestalt von Herzog Christian von Braunschweig-Wolfenbüttel, auch der »tolle Christian«, der »wilde Herzog« oder »toller Halberstädter« genannt. Der protestantische Heerführer bezeichnete sich stolz als »Gottes Freund – der Pfaffen Feind« und hegte eine besondere Antipathie gegen die Jesuiten. Als Teil der Allianz gegen den katholischen Kaiser in Wien hatte er ein Söldnerheer von zehntausend Mann aufgestellt, mit dem er durch Westfalen in Richtung Paderborn zog.

Einige Jahre zuvor war Herzog Christian im Alter von gerade siebzehn Jahren vorübergehend zum weltlichen Administrator des protestantischen Bistums Halberstadt ernannt worden, nachdem sein älterer Bruder, dort Bischof, verstorben war. Für dieses Amt, urteilt die Historikerin C. W. Wedgwood, habe er »außer einer sinnlosen Abneigung gegen Katholiken« wenig Befähigung besessen. Dem Mann mit dem dünnen Schnurrbart und dem wilden Haarschopf ging der Ruf voraus, zu unglaublichen Grausamkeiten fähig zu sein. Dass er die Nonnen eines von ihm geplünderten Klosters gezwungen habe, ihm und seinen Offizieren nackt aufzuwarten, ist zwar eine von einem Kölner Journalisten erfundene Schauergeschichte, aber in Westfalen verbreitete er dennoch Angst und Schrecken. An jedes größere Dorf, auf das seine Truppen zumarschierten, sandte er einen an den vier Ecken angesengten Brief mit den Worten »Feuer! Feuer! Blut! Blut!«. Nur selten verfehlte diese Drohung ihren Zweck, für den Unterhalt seines Heers zu sorgen.

Als Herzog Christians Armee sich näherte, beschlossen die Paderborner Jesuiten, ihr Kolleg zu schließen, damit, wie Kircher schreibt, »bei der Erstürmung der Stadt nicht alle insgesamt niedergemetzelt würden«. Inzwischen hatte sich vor den Toren des Kollegs eine Schar Protestanten versammelt, die, durch das Nahen des Herzogs ermutigt, ihrer eigenen Abneigung gegen die Jesuiten Ausdruck verliehen. Als der Rektor hinaustrat, um zu der Menge zu sprechen, wurde eine brennende Fackel auf ihn geschleudert, dann verprügelte man ihn und schleppte ihn davon. Im Kolleg schmiedete man einen Plan, wie die Patres und Novizen nachts in kleinen Gruppen das Weite suchen konnten. Zu diesem Zweck kleideten alle sich in bürgerliche Gewänder. »Schon begann der Feind die Stadt allmählich einzuschließen«, schreibt Kircher. »In dem hierdurch plötzlich entstandenen Wirrwarr war es unmöglich, jeden Einzelnen mit Mundvorrat zu versorgen. Die meisten flüchteten ohne Proviant, wohin sie der Zufall und die Vorsehung Gottes führten.«

Ohne aufgehalten zu werden, gelangte Athanasius gemeinsam mit drei Gefährten durchs Stadttor. Die vier mieden die Straßen, während sie langsam durchs Land zogen, in der Hoffnung, Münster zu erreichen, wo sich ebenfalls eine nicht allseits geschätzte Jesuitengemeinschaft befand. Die Stadt war gut achtzig Kilometer Luftlinie von Paderborn entfernt, und der Weg führte in westlicher Richtung durch die dicht bewaldete Westfälische Tieflandsbucht. »Es war gerade sehr strenges Winterwetter und der Schnee lag sehr hoch«, schreibt Kircher. »Das Schlimmste aber war, dass wir nur leicht gekleidet waren, überhaupt alles entbehrten, was zu einer Winterreise erforderlich ist. Doch die Furcht vor den Soldaten trieb uns weiter und beflügelte auf der Flucht unsere Schritte.«

Tatsächlich geriet mindestens ein Dutzend von Kirchers Ordensbrüdern in Gefangenschaft. Wie der Kölner Erzbischof später berichtete, nahm Herzog Christian mehrere Personen gefangen, »fesselte sie, schlug sie und folterte manche von ihnen zu Tode«, während er andere »gleichermaßen misshandelte«. Der Herzog eignete sich sämtliche Vorräte der Stadt an, Vieh und Getreide, dazu »Kanonen, Munition und Silbergeschirr«. Später prahlte er, während der Plünderung von Paderborn habe er das Bistum mit genügend »jungen braunschweigischen Herzögen« bevölkert, um die Pfaffen dort eine ganze Generation lang in Schach zu halten.

Athanasius und seine Gefährten wanderten die ganze Nacht bis in den nächsten Tag hinein »durch die unwirtlichsten Wälder, oft bis an die Knie im Schnee watend, wie wir eben konnten, weiter«. So hungrig seien sie gewesen, dass sie gern »Pflanzen und Wurzeln« verzehrt hätten, wenn sie »der tiefe Schnee und die hart gefrorene Erde nicht des Glückes beraubt haben würden, zu denselben zu gelangen!«. Schließlich fanden die vier in üblem Zustand aus dem Wald heraus: »Unser ganzer Körper war steif, vor Kälte zitterten uns die Knie und unser Antlitz war leichenblass.« Sie stießen auf einen Ort, wo es Kircher gelang, einen Laib Brot zu erbetteln. »Obschon dies Brot, weil aus Hafer und Kleie gebacken, von der schlechtesten Sorte war, kam es unseren hungrigen Gaumen doch so süß vor, dass ich mich nicht erinnere, in meinem Leben je etwas Wohlschmeckenderes gegessen zu haben.«

Am Abend stießen die Wanderer auf ein anderes, aus ärmlichen Hütten bestehendes Dorf, wo man sie mit warmem Essen versorgte und über Nacht beherbergte. Gestärkt marschierten sie weiter, und am Ende des nächsten Tages passierten sie das Stadttor von Münster, eine Stadt, in der der Reformationskonflikt bereits deutliche Spuren hinterlassen hatte. Noch heute hängen dort am Turm der Kirche St. Lamberti die eisernen Körbe, in denen die Leichen von drei im Jahre 1536 hingerichteten Täufern, Angehörige einer radikalreformatorischen Bewegung, aufgehängt wurden.

John Glassie

Über John Glassie

Biografie

John Glassie, 1961 geboren, wuchs in Washington, D.C., auf und studierte Literatur an der Johns Hopkins University in Baltimore. Er war Redakteur beim New York Times Magazine und schreibt über Literatur, Kunst und Wissenschaft für renommierte Blätter wie die New York Times und Newsday. Zudem...

Pressestimmen

Der Medienbrief - unabhängiger Medienfachdienst

»Glassie erzählt vom kühnen Leben eines Genies. Seine Abenteuerlust und sein Streben nach Ruhm ließen Kirchner zur Verkörperung des Wissens seine Zeit werden und machten ihn zum letzten Mann, der alles wusste.«

Deutschlandradio Kultur "Lesart"

»enn im Barock jemand den Titel eines Universalgelehrten beanspruchen konnte, dann war es der Jesuit Athanasius Kircher. 40 dickleibige Bücher zeugen von seiner Wissbegirde. John Glassie hat ihm eine höchstvergnügliche Biografie gewidmet.«

Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Unterhaltsam und bisweilen spannend wie ein Krimi folgt Glassie den intellektuellen Wegen und Irrwegen des Universalgelehrten.«

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