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Der letzte KriegerDer letzte Krieger

Der letzte Krieger

Roman

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Der letzte Krieger — Inhalt

Athanor ist der einzige Überlebende des Menschengeschlechts. In den Ruinen des Reiches Theroia, wo er vor den alles vernichtenden Drachenkriegen lebte, hausen nunmehr Orks, und die Wahrheit über seine Abstammung würde ihn überall den Kopf kosten. Als Händler zwischen den verfeindeten Völkern der Zwerge und Elfen verdient er sich seinen Lebensunterhalt und wird mehr und mehr in deren Machtkämpfe hineingezogen. Doch als sich Dunkelheit über das Land senkt und sich die Untoten aus ihren Gräbern erheben, wird ihm der Sinn seines Schicksals offenbar … David Falk liefert mit seinem High-Fantasy Debüt einen atemberaubenden Weltenentwurf.

€ 14,99 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 16.07.2013
560 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-26925-4
€ 11,99 [D], € 11,99 [A]
Erschienen am 16.07.2013
560 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96064-9

Leseprobe zu »Der letzte Krieger«

1

Der Schrei des Gefangenen hallte durch die Nacht. Das zornige Aufbrüllen bei Sonnenuntergang war längst qualvollen Lauten gewichen.

Wann ist der Kerl endlich tot? Athanor zog die Kapuze über und bettete den Kopf wieder auf das Kleiderbündel. Es half nichts. Von der Kuppe des benachbarten Hügels drangen noch immer raues Lachen und Johlen herüber. Den kehligen Stimmen nach zu urteilen, waren es Orks, die sich so köstlich über die Qualen ihres Opfers amüsierten. Angewidert verzog Athanor das Gesicht. Das feige Pack trumpfte immer dann auf, wenn es nichts [...]

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1

Der Schrei des Gefangenen hallte durch die Nacht. Das zornige Aufbrüllen bei Sonnenuntergang war längst qualvollen Lauten gewichen.

Wann ist der Kerl endlich tot? Athanor zog die Kapuze über und bettete den Kopf wieder auf das Kleiderbündel. Es half nichts. Von der Kuppe des benachbarten Hügels drangen noch immer raues Lachen und Johlen herüber. Den kehligen Stimmen nach zu urteilen, waren es Orks, die sich so köstlich über die Qualen ihres Opfers amüsierten. Angewidert verzog Athanor das Gesicht. Das feige Pack trumpfte immer dann auf, wenn es nichts zu befürchten hatte.

Knurrend warf er sich auf den Rücken und blickte zu den Sternen auf. Er musste den Tatsachen ins Auge sehen. Die Orks wollten nicht, dass der Gefangene starb. Eine Hinrichtung – und sei sie noch so ausgedehnt – wäre längst vorbei gewesen. Stattdessen bellte immer wieder jemand Fragen, auf die er offenbar nicht die gewünschten Antworten bekam, denn kurz darauf gingen die Schreie weiter. So auch dieses Mal. Wenn der Gefangene nicht einknickte, konnte das Spiel noch die ganze Nacht dauern. In der Nähe einer Bande Orks Schlaf zu finden, war schon ohne Lärm schwierig genug, aber so …

Ihr habt es nicht anders gewollt. Athanor stand auf und spähte zum Gipfel des Nachbarhügels. Wie eine schwarze Krone hoben sich die Ruinen einer Festung vor rötlichem Feuerschein ab. Sie waren so nah, dass er glaubte, den Rauch riechen zu können. Entschlossen hängte er sich seinen Köcher mit Pfeilen über die Schulter und legte den Schwertgurt um. In seinem Kettenhemd hingen Reste des alten Laubs, auf dem er gelegen hatte, doch mit jeder Bewegung rieselte etwas davon zu Boden. Er machte sich schon lange nicht mehr die Mühe, auf sein Äußeres zu achten. Das meiste regelte sich von selbst. Nur den Bart rasierte er alle paar Tage ab, sonst juckte er in der Hitze zu sehr.

Mit geübten Griffen spannte er die Sehne seines Bogens. Seit er selbst tun musste, was ihm früher Knechte abgenommen hatten, ging er sorgfältiger mit seinen Waffen um. Ein schlichtes Messer, das ihm zerbrochen und in der Wildnis nicht zu ersetzen gewesen war, hatte ihn den Wert einer Klinge gelehrt.

Erneut grölten die Orks, sodass ihre hämischen Stimmen im ganzen Tal widerhallten. Allmählich freute sich Athanor darauf, ihnen die Kehlen aufzuschlitzen.

Er schob sich die Kapuze wieder vom Kopf und erstarrte. Hinter ihm raschelte es im Unterholz. Alarmiert fuhr er herum, griff nach einem Pfeil aus dem Köcher. Doch außer seinem Muli war unter den Bäumen nichts zu sehen. Mit aufgerichteten Ohren lauschte das Tier auf den Lärm aus der Ruine.

»Kannst wohl auch nicht schlafen«, murmelte er. »Ich kümmere mich darum.«

Er wandte sich wieder der verfallenen Festung zu, die einst wohl erbaut worden war, um über das Tal zu seinen Füßen zu wachen – und über den Pass zur Rechten. Wenn er diesen Sattel querte, sparte er sich den Abstieg ins Tal. Obwohl die Orks gerade dort die meisten Wachen aufgestellt haben würden, entschied er sich für den kürzesten Weg. Sollte er dabei sterben, hatte er den Rest der Nacht wenigstens seine Ruhe.

Wie zur Antwort schob sich in diesem Augenblick das fahle Antlitz Hadons, des Totengottes, hinter ihm über den Hügel. Athanor merkte es an dem Schatten, den er plötzlich warf. Spöttisch hob er einen Mundwinkel und sah sich nach der knochenbleichen Scheibe um. Grünliche Adern deuteten ein Gesicht darauf an, aber nach allem, was Athanor in den Jahren des Krieges gesehen hatte, glaubte er nicht mehr an Götter. Und wenn es sie doch geben sollte, waren sie ihm so gleichgültig wie er ihnen.

Er legte den Pfeil auf die Sehne und tauchte in die Schatten der Bäume ein. Loses Gestein und abgebrochene Äste machten den Hang schon bei Tag tückisch, aber im Zwielicht der Nacht musste er noch aufmerksamer sein. Wenn er wie ein zorniger Keiler durch die Büsche brach, wären die Orks gewarnt, denn von ihren Stimmen abgesehen herrschte tiefe Stille im Wald. Kein Windhauch strich durch die Zweige, kein Marder schrie. Geräuschlos glitt über ihm eine Eule zur Jagd.

Umso lauter kamen ihm seine Schritte vor. Modriges Holz brach unter seinem Gewicht, Laub raschelte, Knochen knackten … Knochen? Athanor hielt inne. Er hatte den Pass erreicht. Vor ihm breitete sich eine Lichtung aus. Angespannt lauschte er. Da war es – das Knirschen von Knochen, die zwischen kräftigen Kiefern zersplitterten.

So leise es in schweren Stiefeln ging, pirschte er sich an den Rand der Lichtung. Große dunkle Klumpen lagen im Gras, deren Form vage den Umrissen niedergestreckter Menschen glich. Athanor hatte genug Schlachtfelder gesehen. Er kannte die beunruhigenden Laute, die aus dem Inneren verwesender Leichen drangen. Doch dieses Knacken und Schmatzen hier klang anders.

Aus der Deckung eines Baumstamms ließ er den Blick über die Lichtung schweifen. Dort! Neben einer der Leichen bewegte sich etwas, zerrte an ihr. Ein Berglöwe. Das sandfarbene Fell hob sich im Mondlicht kaum von der Wiese ab.

Gelassen trat Athanor unter den Bäumen hervor. Aus dem Augenwinkel behielt er die Raubkatze im Blick, gab vor, ihr keine Beachtung zu schenken. Du machst dein Ding. Ich mache meins. Kein Grund, sich zu streiten.

Der Löwe fauchte wütend. Fingerlange Zähne blitzten auf. Athanor tat, als hätte er nichts bemerkt, ging weiter, auf eine möglichst weit von dem Raubtier entfernte Leiche zu. Schütteres dunkles Fell bedeckte die muskulösen Gliedmaßen des Toten, während sein kräftiger Rumpf in einer Lederrüstung steckte. Im Todeskampf hatte der Ork die Zähne gebleckt. Spitze Hauer ragten aus seinem Unterkiefer.

Seine Ohren hatten Athanor also nicht getäuscht. Es hatte tatsächlich einen Kampf auf dem Pass gegeben, als er sich noch einen Weg um den sumpfigen Talgrund gebahnt hatte. Neugierig sah er sich um und zählte sechs, nein, sieben tote Orks. Den letzten hätte er beinahe übersehen, weil sein Blick an einem Koloss hängen geblieben war, den er aus der Entfernung für einen Felsblock gehalten hatte. Erst jetzt erkannte er die Umrisse eines weiteren, umso größeren Körpers.

Der Berglöwe grollte noch immer. Rasch sah Athanor wieder zu ihm. Ungehalten peitschte die Raubkatze mit dem Schwanz das Gras, grub die Zähne jedoch erneut in den aufgerissenen Leib zwischen ihren Pranken.

Genau. Friss schön weiter. War es Gleichgültigkeit oder der Ritus eines fremden Gottes, der die Orks dazu bewegte, ihre Toten für die Aasfresser liegen zu lassen? Er wusste nicht einmal, ob sie Götter hatten. Für ihn waren sie stets nur wilde Bestien gewesen, die an den Grenzen des Reichs lauerten und einsame Dörfer überfielen, wenn die Krieger Theroias an anderer Stelle kämpften. Nun gab es weder das Reich noch die Dörfer Theroias mehr, nur noch ihn, Athanor – und die hämisch lachenden Orks.

Über wen hatten sie hier triumphiert? Er näherte sich dem wuchtigen, mehr als drei Schritte langen Leichnam, bis er ihm ins Gesicht sehen konnte. Helle kleine Augen starrten blind in den Nachthimmel auf. Die Züge des Wesens waren so grob, als hätte ein Steinmetz nur die Rohform eines Gesichts aus einem Fels gehauen. Nase, Wangen, Lippen – alles war zu fleischig geraten.

Beeindruckt musterte Athanor das tote Ungeheuer. Die Keule, die ganz in der Nähe im Gras lag, war so dick wie sein Oberschenkel. Blutflecken zeugten von den Orkschädeln, die der Hüne damit eingeschlagen hatte. Athanors Blick wanderte über den langen struppigen Bart zum Gesicht des Toten zurück. Er hatte noch nie einen Troll gesehen, aber genügend Beschreibungen gehört, um zu erkennen, was da vor ihm lag.

Demnach hatten die Orks gegen zwei Trolle gekämpft. Das erklärte auch die tiefe, dröhnende Stimme ihres Gefangenen, die ihm Rätsel aufgegeben hatte. Nun würde er auch noch einem sterbenden Troll den Gnadenstoß geben müssen. Er sah zu dem Lichtschein über der alten Festung empor. Eins nach dem anderen.

Es war nicht mehr weit, nur noch ein kurzes Stück den bewaldeten Hang hinauf, aber von hier an musste er mit Wachposten der Orks rechnen. Am besten nahm er nicht den direkten Weg.

Er warf einen letzten Blick auf den Löwen, der sofort wieder die Zähne fletschte, dann tauchte Athanor jenseits der Lichtung in die Schatten des Waldes ein. Er war der Ruine schon so nahe, dass er einige Orks an den Stimmen unterscheiden konnte. In weitem Bogen schlich er auf das alte Gemäuer zu, spähte nach dem dunklen Umriss eines Orks, dem Aufblitzen einer Klinge. Kommt schon! So dumm seid ihr nicht. Es könnte noch mehr Trolle in der Gegend geben. Hatte er den Wachposten wirklich umgangen? Gab es etwa nur einen?

Vor ihm schälte sich ein steiniger Wall aus dem Dämmerlicht. Die Reste eines ersten Verteidigungsrings. Vielleicht hatte hier einst eine mächtige Mauer gestanden, doch nun war es nur noch ein Haufen loser Steine, zwischen denen Gräser und Gestrüpp wucherten. Vereinzelt wuchsen sogar Bäume darauf. Athanor fasste eine knorrige alte Kiefer genauer ins Auge. Ihr Stamm war als einziger dick genug, um … Da steht der Wächter! Seine Axt ragte hinter dem Baum hervor. Von dort konnte der Ork den Weg vom Pass herauf beobachten, ohne selbst gesehen zu werden. Doch in Athanors Richtung versperrte ihm die Kiefer den Blick.

Athanor spähte zur anderen Seite den Wall entlang, bis sich das Bauwerk in der Dunkelheit verlor. Kein Anzeichen für einen weiteren Wachposten. Und der Wald reichte bis an die ersten Steine heran. Also los! Im Schutz der Bäume eilte er bis auf den Wall, duckte sich. Schon knirschte es leise unter seinen Sohlen. Langsamer kletterte er weiter. Ein Stolpern, das Poltern eines losgetretenen Steins, und der Ork würde Alarm schlagen.

Jenseits des Walls trennte ihn nur noch ein schmaler Streifen Bäume von der inneren Festung. Verlockend nah, doch er musste sich zuerst um den Wachposten kümmern. Lass den Feind niemals in deinen Rücken kommen, warnte er im Stillen den Ork, während er sich von hinten an ihn heranpirschte. Er spürte seinen Herzschlag bis in den Hals. Es tat gut, wieder einen Feind zu haben. Wann hatte er sich zuletzt so lebendig gefühlt?

In guter Schussweite hielt er inne, hob den Bogen, spannte ihn. Plötzlich bewegte sich der Ork. Athanors Atem stockte. Der Wächter hob seine Axt. Mit dem stumpfen Ende der Waffe kratzte er sich im Nacken und lehnte sich grunzend wieder an den Baum. Leise stieß Athanor die angehaltene Luft aus. Wahrscheinlich Flöhe. Spöttisch verzog er den Mund. Sollte er einst einen letzten Wunsch haben, würde er vielleicht darum bitten, sich noch einmal kratzen zu dürfen.

Er konzentrierte sich, ließ Ruhe in seine Gedanken einkehren. Spannen, zielen, den Dingen ihren Lauf lassen. Fast war es, als gleite der Pfeil von selbst durch seine Finger. Ende der Ruhe. Schneller als Athanor blinzeln konnte, steckte das Geschoss zwischen den Rippen des Orks. Der Getroffene streckte sich, stöhnte, doch der Laut ging im Gelächter seiner Kameraden unter. Seine Hand griff nach der Kiefer, während er bereits kippte. Der Länge nach landete er auf dem Rücken und stieß sich dabei den Pfeil noch tiefer in den Leib.

Zufrieden legte Athanor einen neuen Pfeil auf die Sehne. Neben dem reglosen Ork deutete eine Bresche im Wall an, wo einst der Weg zum Tor der inneren Festung geführt hatte. Statt diesem Pfad zu folgen, zog sich Athanor ein wenig zurück und durchquerte das letzte Stück Wald in einigem Abstand. Er wollte nicht direkt vor dem Eingang auftauchen, wo wahrscheinlich ein weiterer Wächter stand.

Aus der Ruine drangen anfeuernde Rufe und gequältes Ächzen. Athanor sah die feige Bande fast schon vor sich, wie sie sich gegenseitig zu immer größerer Grausamkeit anstachelte. Verlaustes Pack! Aber bei dem Lärm konnte er sich wenigstens unbemerkt anschleichen.

Unter einem alten Baum kauerte er sich ins Gesträuch. Von den einstigen Türmen waren nur eingestürzte hohle Stümpfe geblieben, als hätte ein Riese mit einem gewaltigen Hammer ihre Spitzen zur Seite gefegt. Überall lagen Trümmer verstreut, doch die frühere Wehrmauer überragte den Schutt noch immer zwei Mann hoch. Athanor sah an ihr entlang. In ihrem zerfallenen Zustand war es ein Leichtes, sie zu übersteigen. Aber er bemerkte auch das Flackern des Feuers, das über die Innenseiten des Gemäuers tanzte. Dort oben wäre er eine gut beleuchtete Zielscheibe. Vielleicht gab es einen besseren Weg.

Nicht weit von ihm entfernt klaffte das offene Tor in der Mauer. Sicher hatte es einst hölzerne Torflügel gegeben, doch sie waren im Lauf der Jahrhunderte zu Staub zerfallen. Nur der Rundbogen trotzte noch immer der Schwerkraft, obwohl die Mauern darüber eingestürzt waren. Athanor zögerte. Sollte er doch dreist durch das Tor marschieren? Wenn es ihm gelang, unbemerkt die Wache zu beseitigen, bot ihm der Eingang sogar Deckung, um weitere Gegner zu erledigen, bevor sie ihm gefährlich werden konnten.

Im Schatten der Bäume näherte er sich dem Tor. Hallte da etwas im Gang? Er riss den Bogen hoch. Keine zwanzig Schritte von ihm entfernt kam ein Ork in Sicht und stapfte mit düsterem Blick ins Freie. Die Wachablösung.

Athanor zielte, zischte. »Pst!«

Der Ork wirbelte herum. Noch während er die Augen aufriss, ragte der Pfeil bereits aus seiner Brust. Athanor stürmte auf ihn zu, sah, wie sich der Mund zum Schrei öffnete. Krächzen und Blutspritzer drangen hervor. Noch im Laufen zog Athanor das Schwert. Sein Gegner taumelte, holte matt mit einem klobigen Haumesser aus. Athanors Hieb trennte ihm fast den Arm ab. Blut strömte aus dem tiefen Spalt, die Waffe entglitt der behaarten Faust. Der Ork brach zusammen.

Hastig sah sich Athanor um. Die fröhliche Folterrunde in der Festung schien nichts bemerkt zu haben. Er schob seine Klinge in die Scheide zurück und legte einen neuen Pfeil auf die Sehne. Den Bogen schussbereit hielt er auf das Tor zu. Warum war es dahinter stockfinster? Wenn es keine Torflügel mehr gab, musste er doch bis in den Hof sehen können.

Wachsam betrat er den dunklen Gang, ließ seinen Augen Zeit, sich an die Finsternis zu gewöhnen. Der äußere Torbogen mochte noch stehen, doch dahinter war der Gang eingebrochen. Die Trümmer des darüberliegenden Turms waren nachgestürzt, sodass es kein Durchkommen mehr gab. Aber woher zum Henker kam dann der Ork? Der Mistkerl ist doch nicht zum Pinkeln hier reingegangen.

Athanor lauschte. Täuschte er sich, oder hallten die Stimmen der Orks nicht nur von draußen über die Mauer, sondern kamen auch vor ihm durch den eingestürzten Gang? Das konnte nicht stimmen, es sei denn … Sein Blick blieb an einer besonders dunklen Ecke hängen. Je näher er der Stelle kam, desto deutlicher zeichnete sich ein mannshoher Durchlass in der Wand ab. Von dort drangen die Stimmen an sein Ohr. Athanor trat durch die dunkle Pforte. Dahinter war es so eng, dass zwei Krieger gerade noch aneinander vorbeikamen. Es roch nach Erde und feuchtem Mauerwerk – und einer Spur Rauch. Herabgebröckelter Mörtel knirschte unter seinen Sohlen. Vor ihm war eine Abzweigung zu erahnen, und um die Ecke schien es heller zu werden. Dort musste der Ausgang sein.

Athanor sprang vor und zielte in den abzweigenden Gang. Niemand zu sehen. Nur etwa zehn Schritte trennten ihn vom anderen Ende. Noch immer entzog sich das Feuer seinem Blick, doch der Lichtschein verriet ihm, dass es sich rechts des Ausgangs befand. Und wo das Feuer war, fand er vermutlich auch die Orks.

Angespannt rückte er vor. Der Ausgang war eingebrochen und mündete in ein Trümmerfeld. Umso besser. Der Schutt bot mehr Deckung als eine intakte Tür – solange der Gang stabil war. Mit einem unguten Gefühl schielte Athanor zu einem Riss in der Decke empor, der sich vor ihm zu einem Spalt verbreiterte. Eine Handvoll Sterne war darüber zu sehen. Das hat Jahrhunderte gehalten. Hab dich nicht so! Er zwang sich, den Blick wieder nach vorn zu richten. Nur noch fünf Schritte, vier … Er spannte den Bogen.

Über ihm kullerte ein Stein. Athanors Blick zuckte nach oben. Durch den Spalt starrte ein Ork – und stieß einen Speer auf ihn hinab. Athanor zuckte zurück. Einen Lidschlag lang fixierten seine Augen den Schaft des Speers, der vor seinem Gesicht aufragte, dann riss er den Bogen empor und schoss. Die Wucht des Aufpralls warf den Kerl fast von den Füßen. Zähnefletschend wankte er, während Athanor einen neuen Pfeil auflegte. Die Finger des Orks krampften sich um das Blatt seiner Axt, Blut rann unter der Rüstung hervor. Er sank auf die Knie, kippte vornüber, verschloss mit seinem sterbenden Körper den Spalt.

Athanor spürte warme Tropfen auf sein Haar fallen. Draußen brüllten die Orks durcheinander, doch ein seltsam dumpfer Schmerz lenkte seinen Blick nach unten. Scheiße! Die Spitze des Speers hatte sich durch seinen Fuß in den festgestampften Boden gebohrt.

Vor dem Ausgang näherten sich schnelle Schritte. Athanor behielt Pfeil und Bogen in der Linken und packte mit der Rechten den Speer. Keine Zeit zum Jammern. Mit einem Schrei riss er die Waffe heraus. Das messerscharfe Blatt hinterließ einen Schlitz in seinem Stiefel, mehr konnte er im schwachen Licht nicht erkennen. Schon stürmten mehrere Orks mit wütendem Gebrüll in den Gang. Athanor schleuderte ihnen den Speer entgegen. Der vorderste Gegner warf sich gerade noch zur Seite. Die tödliche Spitze verfehlte ihn und fuhr in die Kehle seines Hintermanns. Rasch zog sich Athanor tiefer in die Dunkelheit zurück, ignorierte den Schmerz, der beim ersten Schritt durch Fuß und Bein jagte. Das Geschrei der Orks hallte laut von den Wänden wider und verdrängte jeden Gedanken. Hinter der Abzweigung ging er in Deckung. Gegen das flackernde Licht sah er, dass ihm nur noch eine schwarze Gestalt folgte. Die anderen hatten sich wohl schlauerweise zurückgezogen.

Im Zwielicht verschwamm der Umriss seines Verfolgers. Athanor schoss, ließ den Bogen fallen und zog stattdessen sein Schwert. Doch der Ork ging mit einem Aufschrei zu Boden, noch während Athanor hinter der Ecke hervorsprang. Wie viel Zeit blieb ihm, bis jemand über die Mauer kletterte und ihm in den Rücken fiel? Vom Hämmern in seiner Brust abgesehen herrschte noch Stille im Gang, aber wenn er blieb, würden sie ihn bald in die Zange nehmen. Die Spuren, auf die er im Tal gestoßen war, hatten auf höchstens zwanzig Orks schließen lassen. Mehr als sechs oder sieben konnten es nun also nicht mehr sein. Athanor lächelte. Klingt fair.

Schnell hob er seinen Bogen auf, hängte ihn sich um und rückte vor. Irgendwo zwischen den Trümmern vor dem Ausgang warteten sie auf ihn. Ihr heiseres Flüstern verriet sie. Die Dunkelheit im Gang bot Athanor Deckung, doch mit jedem Schritt wurde es ein wenig heller. Wieder kam der Spalt in der Decke in Sicht. Von dem sterbenden Speerwerfer tropfte Blut herab, bildete eine Lache am Boden.

Athanor hielt sich nah an der rechten Wand, wo die Schatten tiefer waren und fast bis zum Ausgang reichten. Vor ihm lag sein Verfolger – halb am Boden, halb an die Mauer gelehnt. Aus dem Bauch ragte Athanors Pfeil. Wie im Schlaf war dem Ork das Kinn auf die Brust gesunken, und seine erschlafften Finger hatten sich vom Griff seines Messers gelöst.

Mit dem Kerl stimmt was nicht. Athanor kniff die Augen zusammen und versuchte vergebens, im Zwielicht zu erkennen, ob sein Gegner noch atmete. Drauf geschissen. Er holte zu einem Stich aus und stieß die Schwertspitze auf die Brust des Orks hinab. Schneller als Athanors Augen folgen konnten, schlug der vermeintlich Tote die Klinge zur Seite, riss das Messer empor und stach nach Athanors Bein. Vom eigenen Schwung getragen fiel Athanor nach vorn. Tief stieß die Spitze seines Schwerts in die Schulter des Orks. Zugleich spürte er einen scharfen Stich, dann ein Brennen an seinem Schenkel. Hastig wich er zurück. Der Ork fiel mit einem Grunzen wieder gegen die Wand. Blut lief warm an Athanors Bein hinab.

Draußen ertönten aufgebrachte Rufe und Fragen. Wenn niemand antwortete, würden die Orks vielleicht auf gut Glück in den Gang schießen. Er brauchte einen Schild – und zwar schnell. »Weg mit dem Messer!«, blaffte er und stach in die Hand des Verwundeten, der schwer atmend dalag. Der Ork zischte irgendetwas, ließ die Waffe fahren, obwohl er sicher kein Wort verstand. Athanor griff ihm ins Haar und zerrte daran. »Los, hoch mit dir!«

Knurrend bäumte sich der Ork auf, stürzte sich erneut auf ihn, doch seinem Angriff fehlte die Kraft. Athanor drehte ihm einen Arm auf den Rücken und stieß ihn vorwärts. »Geh oder ich zerleg dich, bevor du sterben kannst!«

Mit Athanors Schwertspitze im Rücken stolperte der Ork auf den Ausgang zu, einen Schritt, zwei. Athanors Blick huschte zum Spalt in der Decke empor. Nichts. Rasch sah er wieder nach vorn. Sein noch lebender Schutzschild wankte aus den Schatten. Hinter einem Mauerrest sprang ein Ork auf, schleuderte noch im Sprung seinen Speer. Athanor stieß seinen Gefangenen dem Geschoss entgegen und stürmte an ihm vorbei. Er sah nicht mehr, ob der Speer traf, hörte nur die Wutschreie der Orks vor ihm.

Schon hatte er den Speerwerfer erreicht, der im Schutz der Trümmer eine kurze breite Klinge zog. Athanor flankte über den Mauerrest, das Schwert voran. Die Waffe des Gegners glitt an seiner Klinge ab. Mit voller Wucht prallte er gegen den Ork und warf ihn um. Er landete auf allen vieren, die Knie irgendwo auf dem Gegner, doch sein Schwung trug ihn weiter. Über Steine, die sich schmerzhaft in seine Rippen bohrten, rollte er sich ab, stieß mit der Schulter gegen weitere Trümmer. Mühsam versuchte der Ork, wieder auf die Füße zu kommen, doch eins seiner Beine war geschient und knickte unter ihm ein.

Ein Andenken an die Trolle. Athanor sprang auf. Hinter seinem Gegner kam ein zweiter Verwundeter in Sicht, dessen Kopf mit groben Stoffstreifen umwickelt war. Dennoch stürmte er heran und schwang brüllend eine Axt.

Athanor fegte den humpelnden Ork mit einem Tritt wieder von den Beinen und stach ihm das Schwert in den Rücken. Noch bevor der Sterbende still lag, riss Athanor die Klinge heraus und wandte sich dem neuen Gegner zu. Sein Blick streifte den Mauerrest, an dem der Ork entlanglief. Als Athanor plötzlich auf ihn zurannte, stemmte der Ork die Füße in den Boden und holte zu einem Hieb aus, doch es war zu spät. Athanor sprang zur Seite, stieß sich mit einem Fuß von der Mauer ab und flog förmlich an seinem Gegner vorbei. Wie den Stachel einer Wespe ließ er das Schwert in den Hals des Orks zucken.

Die Landung war hart. Jäher Schmerz jagte durch seinen verwundeten Fuß, als drehe jemand ein glühendes Eisen darin um. Er geriet aus dem Gleichgewicht und fiel. Im gleichen Augenblick fuhr neben ihm die Spitze eines Speers in den Boden. Athanor rollte sich auf den Rücken. Schon stürzte sich ein Ork mit einer Axt auf ihn. Athanor warf sich zur Seite. Wo er gerade noch gelegen hatte, schlug das Beil mit einem Knall auf Gestein. Der Ork wurde vom eigenen Schwung auf die Knie gerissen. Hastig rappelte sich Athanor auf, während der Ork wieder auf die Beine kam. Klirrend traf Klinge auf Axtblatt. Der wilde Hieb prellte Athanor fast das Schwert aus der Hand. Wie aus dem Nichts landete eine Faust des Orks in seinem Magen. Das Kettenhemd knirschte, Athanor krümmte sich, doch zugleich packte ihn heißer Zorn. Mit einem Wutschrei warf er sich vor, rammte mit dem Schädel das Kinn des Gegners. Der Ork taumelte rückwärts und holte benommen aus. Hastig stach Athanor zu. Mühelos glitt die Schwertspitze in die Kehle des Orks. Anstelle eines Schreis quoll Blut über die dunklen Lippen und spritzte Athanor ins Gesicht. Angewidert stieß er den Ork von sich. Noch umklammerte sein Gegner die Axt, gurgelte Blut, doch die Beine gaben bereits nach.

Während sein Gegner vornüberkippte, wirbelte Athanor herum und spähte nach neuen Angreifern. Nur der Ork mit dem Kopfverband kniete wenige Schritte entfernt und presste eine Hand auf seinen Hals. Im Schein des Feuers sah Athanor den Blutstrom, der zwischen den Fingern hervorquoll. Keine Gefahr mehr.

Keuchend ließ er das Schwert sinken und nahm den Hof der einstigen Festung zum ersten Mal bewusst wahr. Die verfallenen Türme und Wehrmauern umgaben ihn wie die Ränge eines Theaters. Für einen Moment kam er sich vor wie ein Gladiator in der Arena Theroias. Fehlte nur noch, dass ihm ein einsamer Zuschauer Beifall klatschte. Doch im Spiel der Schatten, die die Flammen des Lagerfeuers auf die Ruinen warfen, war niemand zu sehen.

Von den übrigen Gebäuden auf dem Hof waren kaum mehr als Steinhaufen geblieben. Gräser, Sträucher und vereinzelt sogar Bäume wuchsen zwischen den Trümmern. Das Feuer der Orks brannte auf dem einzigen größeren freien Platz, und nah bei den Flammen lag eine riesige gefesselte Gestalt, die nur der gefolterte Troll sein konnte.

Langsam ging Athanor auf das Feuer zu. Erst jetzt merkte er, dass die blutgetränkte Hose an seinem Schenkel klebte, und bei jedem Schritt schmatzte Blut in seinem Stiefel. Allmählich kehrte auch der Schmerz in den verwundeten Fuß zurück. Humpelnd näherte er sich dem Troll. Mit lodernd gelben Augen sah ihm das Ungetüm entgegen, doch offenbar fehlte ihm die Kraft, auch nur den Kopf zu heben.

»Siehst wirklich übel aus«, murmelte Athanor und blieb außer Reichweite der mit Stricken gefesselten Hände stehen. Das Gesicht des Trolls war blutunterlaufen und verquollen. Aus seinem schwarzen Bartgestrüpp ragte eine breit geschlagene Nase, darunter waren aufgeplatzte Lippen zu erahnen. Der Gestank verbrannter Haare hing noch in der Luft. Athanor konnte sehen, wo die Orks Fackeln über die ansonsten dunkel behaarten Unterarme des Trolls gezogen hatten. Abgesengt wie ein geschlachtetes Schwein. Nur dass der Hüne noch nicht tot war – obwohl sich jemand viel Mühe gegeben hatte, ihn möglichst nah an die Schwelle zu bringen. Der ganze Körper war mit Schnitten und Blutergüssen bedeckt. Sie mussten mit seiner eigenen Keule auf ihn eingeschlagen haben. An den blutigen Händen fehlten zwei Finger und mehrere Nägel.

Athanor richtete den Blick wieder auf das entstellte Gesicht. Der Troll hatte die Augen geschlossen, als ginge ihn das Leben schon nichts mehr an. Er lag so still, dass Athanor Zweifel kamen, ob er noch atmete. Doch damit hatte ihn auch einer der verfluchten Orks beinahe getäuscht. Wenn er nicht aufpasste, verspeiste ihn der Menschenfresser zum späten Abendessen. Er hob das Schwert und spannte die ausgelaugten Muskeln. Außer dem Knistern und Prasseln des Feuers war nichts zu hören.

Wie aus dem Nichts schlug ein Pfeil in den Boden vor Athanors Füßen.

»Keinen Schritt weiter!«, drohte eine Stimme auf Elfisch.

Über David Falk

Biografie

David Falk, geboren 1972, ist Historiker, Bassist und paranoider Facebook-Verweigerer. Wenn er nicht gerade phantastische Welten baut oder seiner Computerspielsucht frönt, reist er am liebsten auf den Spuren seiner Vorfahren durch Europa – was ihn wieder zu neuen Romanwelten inspiriert ...

Pressestimmen

phantastisch!

»Ein Action-Abenteuer voller beeindruckender Ideen und noch beeindruckenderer Schlachten.«

Kommentare zum Buch

Bitte um Fortsetzung
Nicolas am 02.12.2013

Ich stand erst skeptisch in der Buchhandlung und lass mir ein zwei Seiten des Buches durch. Bereits diese Seiten überzeugten mich. Ich habe den Kauf des Buches nicht bereut und finde es sehr schade das es nach 500 Seiten bereits zuende war.   Ich hoffe wir können hier eine Fortsetzung erwarten, da mir die Welt und die Charaktere doch ans Herz gewachsen sind.

sebastian berger am 24.09.2013

Ich muss zugaben das ich anfangs ein wenig skeptisch war gegenüber diesem buch weil ich den Autor noch nicht kannte. Hab mich schlussendlich dann doch entschlossen es zu kaufen und war begeistert schon nach den ersten Seiten konnte ich nicht mehr aufhören zu lesen, war schlicht und ergreifend gefesselt bis zum Schluss!

Hoffentlich kein Einzelstück
Hans-Werner Schmitz am 06.08.2013

Mag Trilogien eigentlich nicht, aber von dem Helden hätte ich gerne noch ein paar Bücher mehr......

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