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Der Leopard von Paris

Der Leopard von Paris

Kriminalroman

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Der Leopard von Paris — Inhalt

Eine schockierende Nachricht erschüttert die Mitarbeiter der Buchhandlung Elzévir: Der Buchbinder Pierre Andrésy, ein guter Freund von Inhaber Victor Legris, seinem Teilhaber Kenji Mori und dem Angestellten Joseph Pignot, ist bei einem Brand in seinem Geschäft ums Leben gekommen. Doch von seinem Leichnam fehlt jede Spur. Das Trio ist sich sicher, dass an der Sache etwas faul sein muss, da seit dem Brand auch ein wertvolles persisches Manuskript verschwunden ist, das der Tote im Auftrag von Elzévir hätte restaurieren sollen. Einziger Anhaltspunkt ist eine rätselhafte Nachricht am Tatort, unterzeichnet von einem »Leopard«. Als sich kurze Zeit später weitere Mordfälle ereignen, setzten Victor Legris und seine Kollegen alles daran, den »Leopard« zu stoppen ...

€ 11,99 [D], € 11,99 [A]
Erschienen am 13.04.2015
400 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96964-2

Leseprobe zu »Der Leopard von Paris«

Paris im Frühling 1891

Im zweiten Stockwerk ging ein Fenster auf, die Scheiben reflektierten einen Lichtstrahl, der einem Passanten ins Auge stach. Der Mann sah eine Frau, die sich über einen Blumentopf mit Geranien beugte, neben dem ein Hund, die Schnauze auf die Querstreben des Geländers gestützt, das Treiben in der Rue Lacépède beobachtete. Die Frau kippte eine kleine Gießkanne, und das Wasser floss plätschernd aufs Straßenpflaster.

… Die Leiche liegt mit dem Gesicht auf dem Boden. Aus der Uniformjacke quillt ein rosa Rinnsal, das den Rinnstein [...]

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Paris im Frühling 1891

Im zweiten Stockwerk ging ein Fenster auf, die Scheiben reflektierten einen Lichtstrahl, der einem Passanten ins Auge stach. Der Mann sah eine Frau, die sich über einen Blumentopf mit Geranien beugte, neben dem ein Hund, die Schnauze auf die Querstreben des Geländers gestützt, das Treiben in der Rue Lacépède beobachtete. Die Frau kippte eine kleine Gießkanne, und das Wasser floss plätschernd aufs Straßenpflaster.

… Die Leiche liegt mit dem Gesicht auf dem Boden. Aus der Uniformjacke quillt ein rosa Rinnsal, das den Rinnstein färbt. Die bereits steifen Finger liegen am Kolben eines Chassepot-Gewehrs mit aufgepflanztem Bajonett. Ein Soldat im grauen Mantel schnappt es sich, die Klinge durchbohrt den leblosen Körper. Der Soldat drückt sein Kreuz durch und zieht sie wieder heraus …

Der Hund kläffte, das Bild löste sich auf. Der Mann beschleunigte seinen Schritt, um der Vergangenheit zu entkommen. Doch an der Ecke zur Rue Gracieuse brach ein Pferd zusammen, das vor einen Fuhrwagen gespannt war. Aus dem Gleichgewicht geraten, raste der Wagen die abschüssige Straße hinunter und zog das arme Tier am Kummet mit sich. Es schlug aus, wehrte sich, dann ließ es sich resigniert mitziehen.

… Vor der überrannten Barrikade wimmelt es von regierungstreuen Soldaten. Sie zielen auf die Kommunarden, die auseinanderlaufen und dabei schnell noch die roten Lampassen an ihren Hosen abreißen, die den sicheren Tod für sie bedeuten. Ein schweres Schnellfeuergeschütz rutscht in einen Graben, in dem ein rotbraunes Pferd tänzelt. Ein schreckliches Wiehern übertönt die Schüsse.

Schreie werden laut: »Die Versailler Truppen!«

Überstürzter Aufbruch, alles Mögliche bleibt liegen: Kepis, Tornister, Futtersäcke, Koppel. Die Stadt hat ihre Taschen geleert …

Der Mann lehnte sich ans Schaufenster eines Milchgeschäfts, die Zähne über einem Schluchzer zusammengebissen. Er musste diese Bilder ein für alle Mal loswerden! Würden sie denn nie aufhören, ihn zu quälen? Genügten die vergangenen Jahre denn nicht, um das Grauen zu bannen?

Neugierige hatten sich um das Gespann versammelt. Mithilfe eines Wachmeisters und einiger Schaulustiger richtete der Fuhrmann das Pferd wieder auf und gab ihm die Peitsche.

Der Mann ging weiter, die friedliche Szenerie in der Rue de l’Estrapade beruhigte ihn. Er kam an einer Hufschmiede vorbei, der Geruch angesengten Hufhorns drang heraus, dann passierte er ein Süßwarengeschäft und eine Färberei. Aus einer Bäckerei kam eine Brotträgerin, beladen mit Vierpfündern. Eine Straßenhändlerin, die an ihren Karren gespannt war, rief aus vollem Hals: »Kohlköpfe! Rübchen! Kartoffeln säckeweise! Wer kauft meinen Salat, gepflückt im Mondenschein und feilgeboten in der Sonne?«

Mit ihren eingedrehten Locken und ihrem verwaschenen gemusterten Baumwollkleid sah sie aus wie eine Königin, die sich als Bürgerliche verkleidet hatte. Als der Mann sie vorbeiließ, zwinkerte sie ihm zu und sagte mit rauer Stimme: »Meine Kirschen sind rot! Es sind die ersten in diesem Jahr – die sollten Sie sich nicht entgehen lassen!«

»Zu teuer!«, rief eine Frau, die aus der anderen Richtung kam.

»So etwas finden Sie nicht überall, meine Dame, außerdem kann man damit Ohrgehänge machen, die erschwinglicher sind als Rubine!«

Ganz wie von selbst trällerte der Mann:

»Ich werde sie immer lieben, die Kirschenzeit,
Von damals trage ich im Herzen
Eine offene Wunde!«

… Zerschossene Hausfassaden, das Straßenpflaster schwarz vom Pulver, übersät von Sachen, die aus den Fenstern geworfen wurden. An der Place de l’Estrapade haben die Regierungstreuen der Nationalgarde mit dem Säbel am Koppel und mit ihren blau-weiß-roten Armbinden ein Peloton gebildet. Sie richten ihre Chassepots auf einen Offizier der Kommunarden, der ein Kepi mit einer silbernen Doppeltresse trägt.

»Feuer!« …

In der Rue Saint-Jacques riss das laute Rumpeln einer Droschke den Mann aus seinem Albtraum. Mit einer Schaufel hob eine Frau einen Pferdeapfel auf, um den sich Sperlinge und Tauben stritten. Aus einer Schuhmacherei mit angeschlossenem Getränkeausschank, betrieben von einem Auvergnaten, wankte ein Trunkenbold heraus.

»Was diese Unrechtsminister sich nicht noch alles ausdenken, um uns arme Leute auszusaugen!«, grölte er und verströmte seinen Weinatem.

Der Mann bemerkte, dass er durstig war. Er wollte schon die Kaschemme des Auvergnaten betreten, da fiel ihm ein Plakat auf.

SAXOLÉINE

Extrahelles Sicherheitspetroleum, wohlduftend,

unentflammbar …

Eine dunkelhaarige Frau mit weit ausgeschnittenem Dekolleté regulierte die Flamme einer Lampe, deren roter Schirm sich von einem blaugrünen Hintergrund abhob.

Da bekam das Plakat auf einmal Löcher, auf der grauen Wand erschien eine lange Liste. Sechs Spalten, Hunderte Namen:

GEFANGEN GENOMMENE FRAUEN

In Versailles …

Auf der Schwelle einer Schnapshandlung liegt ein alter Mann und versperrt den Gehweg, die Füße nackt, die Beine von Wunden übersät. Ein Polizist bückt sich und steckt dem Mann einen Flaschenhals in den Mund, Gelächter ertönt. Am Tresen des Lokals stoßen Versailler Offiziere und Zivilisten mit rot glänzenden Gesichtern lautstark auf den Sieg an. Auf einem Brachgelände in der Rue des Écoles finden Erschießungen statt.4 Ein geschlossener Wagen fährt im Schritttempo, seine auf- und zuschlagende Tür gibt den Blick auf eine Ladung ineinanderverschlungener Leichen frei. Gendarmen in Uniformen mit blank polierten Knöpfen halten die Bewohner des Viertels dazu an, eine Barrikade niederzureißen. Vor Leichnamen mit zertrümmerten Schädeln stöhnt eine Frau. Ein Soldat gibt ihr eine Ohrfeige.

In der Rue Racine legt ein Peloton auf einen Knirps an, der verdächtigt wird, eine Handvoll Patronen, die seinen Vater in Schwierigkeiten hätten bringen könnten, in ein Kellerfenster an einem Abwasserkanal gestopft zu haben. Der Offizier wedelt mit dem Arm.

»Wartet!«

Neben den Jungen wird ein Bettler gestoßen, der sich wehrt.

»Ich sag doch, ich schwör euch, dass ich diese Soldatenstiefel einem Toten abgenommen hab!«

»An die Wand!«

An die Wand!,
Sagte der Hauptmann,
Den Mund voll
mit Weinbrand.
An die Wand!

Der Mann begriff, dass er endlich loslassen musste. Die Vergangenheit auszuradieren ging über seine Kräfte.

Das Laub der Kastanienbäume warf Schattenpfützen auf die Wege des Jardin du Luxembourg. Kinder in Matrosenanzügen ließen ihre Reifen um den steinernen Löwen herumrollen, der über die Treppe zur Sternwarte wacht. Der Mann sank auf einer Bank zusammen und verfolgte die Drehungen der Holzreifen, die mit leichten Stockschlägen angetrieben wurden. Zwanzig Jahre später nun sah er die Frau.

Sie drückt einen Säugling an ihre Brust. Ihre Gesichtszüge sind starr wie bei einer Totenmaske. Sie hat gerade ihren Mann unter den Gefangenen erkannt. Sie zuckt zusammen. Ein Schlag mit dem Gewehrkolben bringt sie ins Taumeln, das Baby fällt auf den Boden …

Ein Holzreifen stieß gegen die Schuhsohle des Mannes, kam ins Trudeln und kippte langsam zu Boden.

Mit leeren Augenhöhlen betrachten die Statuen die Toten, die in Haufen auf den Rasenflächen liegen. Aus dem Senat, dem Palais du Luxembourg, kommen reihenweise bleiche, verängstigte Männer, die man zum großen Wasserbecken führt: Kommunarden und Zivilisten, die von Nachbarn denunziert wurden, solche mit schmutzigen Händen und mit einer Haltung, die sie zum allerletzten Mal an den Tag legen. Die Gewehre spucken den Tod auf sie. Die ersten Reihen der Männer fallen, bald werden sie unter jenen begraben, die auf sie stürzen. Blut fließt, es überzieht die Soldaten, die töten und nicht aufhören zu töten. Die Leichengruben lassen sich nicht mehr zählen – die École militaire an der Place Joffre, die Lobau-Kaserne, die Gefängnisse von Mazas und La Roquette, der Parc Monceau, die Buttes-Chaumont, der Friedhof Père-Lachaise. Auf offenen Karren werden die Leichen weggebracht. Paris stinkt nach Tod …

Acht Tage, acht Tage hatte es gedauert. Jeden Nachmittag waren die braven Leute gekommen, um bei den Hinrichtungen unter der Brücke Pont Neuf dabei zu sein. Zwanzigtausend Menschen waren in der Hauptstadt standrechtlich und bei Straßenkämpfen erschossen worden.

Acht Tage – sie lösten sich nicht hinter den Tausenden anderen Tagen auf, die dieser Mann erlebt hatte, der nun auf einer Bank im Jardin du Luxembourg saß. Acht Tage, die ihn verfolgen würden bis zu seinem letzten Atemzug.

Pulver, Blut, Hass, Mauern. Egal, wie klein die Mauer war, man hatte Leute an die Wand gestellt.

Wurde er langsam verrückt? Oder suchte er etwa Mauern und Wände, wo ihm Gerechtigkeit widerfahren würde?

Ein Segelboot kreuzte auf dem großen Becken. Rufe, Lachen, Musikfetzen, ein Ohrwurm:

»Hier das Mädchen mit den Oblaten!
Gönnen Sie sich für wenig Geld
Vergessen und Freude mit den Oblaten!«

Vergessen? Das ging nicht. Er würde handeln. Nur so konnte er diese unerträgliche Last loswerden: Auge um Auge, Zahn um Zahn.

 

 

1. Kapitel

Zwei Jahre später

Sonntag, 11. Juni 1893

Aus dem Zug ergoss sich ein Dutzend Ruderer in gestreiften Trikots und mit Strohhüten, dann stieß er einen langen Dampfstrahl aus. Die Männer verstopften kurz den Ausgang, dann stürmten sie zum Flussufer, gefolgt von Familien im Sonntagsstaat und von einem korpulenten Mann mit karierter Melone.

Er ging zum Pont de Chatou, ohne das glitzernde Wasser, das in diesem ungewöhnlich warmen Frühjahr von Booten gesprenkelt war, auch nur eines Blickes zu würdigen. Das Horn eines Kahns ertönte. Der Mann blieb stehen, tupfte sich mit dem Taschentuch die Stirn ab, steckte sich eine Zigarre an und ging dann langsam weiter.

An einem Tisch auf der Terrasse des Cabaret Fournaise, das sich in der Mitte der Insel befand, trank ein Mann von angenehmer Erscheinung ein Bier, seine Augen waren auf die Silhouette des dicken Mannes mit der karierten Melone gerichtet. Kurz war er abgelenkt vom Anblick hüpfender Paare unter Pappeln neben einem Podium, auf dem drei Musikanten im Stakkato eine Polka spielten. Er klopfte mit dem Fuß den Takt, während er ein Ruderboot betrachtete, das schnell wie ein Pfeil hinter der Biegung der Seine hervorschoss. Doch dann konzentrierte er sich gleich wieder auf den bäuchigen Mann, der nun den Plankenboden ins Wanken brachte.

»Pünktlich auf die Minute! Sie lassen einen wirklich nie warten«, rief er aus und streckte sich lässig.

»Diese blöde Sonne! Ich bin ganz verschwitzt. Gibt es hier einen Platz, wo wir unter vier Augen reden können?«

»Ich habe im ersten Stock reserviert.«

Sie gingen durch das Lokal, wo Kellner frittierte Stinte, Bratkartoffeln und Krüge mit Weißwein auftrugen. Eine Treppe, an deren Ende sie ein Nebenzimmer betraten, führte sie ins Obergeschoss. Sie setzten sich einander gegenüber und sahen sich an. Der Hutträger hatte ein rundes, rotes Gesicht mit geschwollenen Lidern, umrahmt von krausem Haar und grau melierten Koteletten, die ihm das Aussehen eines Pudels verliehen.

Kein Wunder dass man ihm den Spitznamen Barbet verpasst hatte – nach der gelockten Hunderasse, dachte der andere Mann, der eine Adlernase und einen verwegen gezwirbelten Schnurrbart hatte. Er sah aus wie eine Katze. Mit seiner halb schläfrigen, halb herablassenden Miene schien er immer kurz davor zu stehen, in Gelächter auszubrechen. Sein angeborenes Charisma bescherte ihm großen Erfolg bei den Frauen. Anders als sein Gegenüber hatte er jedenfalls keinen Grund zur Verdrossenheit.

»Wir sollten einen Ober rufen, ich bin in Eile«, maulte der Barbet, nachdem er seinen Zigarrenstummel mit dem Absatz ausgetreten hatte.

»Keine Sorge, Monsieur, man wird sich um uns kümmern. Ich bin hier Stammgast, wir sind bestens versorgt. Währenddessen – sagen Sie an!«

»Zweihundert Kröten für dich. Anfängerjob.«

»Was ist es?«

»Zigarrenetuis klauen.«

»Wollen Sie mich auf den Arm nehmen, Monsieur? Zweihundert für irgendwelche Zigarrenetuis?«

»Sie sind aus Bernstein. Schaffst du das, Daglan?«

»Wie viele wollen Sie?«

»Etwa fünfzig. Oder auch mehr, wenn du ein Händchen dafür hast.«

»Und wo soll ich den Krempel auftreiben?«

»In der Rue de la Paix, Ecke Rue Daunou. Beim Juwelier Bridoire. Wenn du sonst noch ein paar Kleinigkeiten mitlaufen lassen kannst, nimm sie auf Halde; du kannst sie später verscherbeln.«

Die Tür ging auf, zwei Kellner kamen herein, der eine trug einen gebratenen Truthahn, der andere ein Tablett mit einer Flasche Muscadet, Gläsern, Tellern und einer Schüssel Fritten. Alles wurde behände serviert, das Geflügel tranchiert, der Wein eingegossen, dann waren die Garçons wieder verschwunden.

»Bedienen Sie sich, Monsieur.«

Der Barbet stieß einen Pfiff aus.

»Donnerwetter! Ist ja klar, dass du ständig in der Klemme steckst, wenn du dein Geld so schnell auf den Kopf haust, Bursche«, brummte er und spießte mit der Gabel einen Truthahnschenkel auf.

»Ha, endlich lächeln Sie! Ich muss Ihnen gestehen, dass mich dieser Truthahn nichts gekostet hat. Man braucht nur ein wenig Grips – und den habe ich zur Genüge.«

Frédéric Daglan hatte sich tatsächlich in vielerlei Hinsicht einen Namen gemacht und zählte nun zu den zehn herausragendsten Gaunern der Stadt. Früher hatte er echtes Silber gestohlen und es gegen Neusilber getauscht, dann war er in die hohe Schule eines Hochstaplers gegangen. Er hatte eine scharfe Beobachtungsgabe, eine blühende Phantasie, und er war ein talentierter Kundschafter. Überdies kannte er sich gut im Strafgesetz aus und war auf Codesprachen spezialisiert; so verhinderte er, dass er aufflog, wenn seine Nachrichten abgefangen wurden.

»Dieser Truthahn hat dich also nichts gekostet? Erzähl. Du machst mir Spaß!«, sagte der Barbet und verschlang einen großen Streifen krosser Geflügelhaut.

»Gestern habe ich auf einen Kumpel gewartet und musste mir in der Wandelhalle des Justizpalastes die Beine in den Bauch stehen. Der ehrenwerte Richter Lamastre kam vorbeistolziert, Sie wissen, wen ich meine – den, der den Hammer besser schwingt als ein Tischler und der einen für nichts und wieder nichts in den Bau einfahren lässt. Jedenfalls habe ich gehört, wie er sich bei einem Kollegen beklagt hat: ›So ein Ärger! Ich habe meine Uhr zu Hause vergessen. Ich kann es nicht ausstehen, wenn ich bei einer Verhandlung nicht weiß, wie spät es ist. Ich habe noch bis spätabends Dienst, die Geschworenen beraten sich.‹ Das fiel nicht auf taube Ohren. Ich habe schon seit Ewigkeiten mit diesen Herren Richtern zu tun, und ihre Wohnadressen sind ein offenes Geheimnis. Ohne zu zögern, bin ich losgezogen, habe auf dem Weg einen schönen, dicken Truthahn gekauft, bezahlt aus meiner eigenen Tasche, und habe am Haus unseres verehrten Richters Lamastre geklingelt.«

»Du Lump!«, stieß der Barbet aus und leerte sein Glas.

»Ein Diener hat mich eingelassen, ich habe ihm vorgeflunkert: ›Hier ist der getrüffelte Truthahn, den Euer Ehren Lamastre für das morgige Mittagessen auf dem Weg zum Gericht gekauft hat und den ich Ihnen liefern soll. Außerdem hat er mich gebeten, ihm sein Chronometer zu bringen, das er heute mitzunehmen vergessen hatte, und er hat mir versichert, dass ich für meinen Botengang entlohnt werde.‹ Sie sehen, dass ich gute Manieren habe, Monsieur.«

»Ich sehe vor allem, dass du ein verdammter Halunke bist.«

»Der Diener holte seine Herrin, und Madame Lamastre hat den Truthahn ohne Argwohn entgegengenommen. Sie hat mir die Uhr und fünfzig Centimes Trinkgeld gegeben. Diese Honoratioren sind echt knauserig!«

»Was hast du mit der Uhr gemacht, du Schurke?«

»Ich habe sie schleunigst verkauft, habe dafür vierzig Francs bekommen, dabei ist sie mindestens tausend wert. Die Zeiten sind schlecht, Monsieur. Die Hehler haben keinerlei Skrupel, arme Leute übers Ohr zu hauen.«

»Und was war mit dem Truthahn?«

»Frühmorgens habe ich meinen Kumpel geschickt, um das Geflügel abzuholen. Es briet über kleinem Feuer am Spieß und nahm schon diese wundervollen Goldtöne an, die das Auge des Feinschmeckers erfreuen. ›Schnell!‹, hat mein Kumpel gesagt, ›ich soll im Auftrag von Euer Ehren Lamastre den Truthahn abholen. Der Dieb, der seine Uhr gestohlen hat, ist dingfest gemacht, und das Gericht verlangt nun den Truthahn als Beweisstück.‹ Madame Lamastre fand diese Erklärung so glaubhaft, dass sie sie ohne Weiteres geschluckt hat. Sie hat den Vogel vom Spieß nehmen lassen und ihn meinem Kumpel gegeben, der sich gleich aus dem Staub gemacht hat, schließlich durfte er die Richter ja nicht warten lassen. Und? Wie schmeckt mein Truthahn?«

»Verteufelt gut, du Mistkerl!«, gab der Barbet, von Lachen geschüttelt, zu.

Er wischte sich den Mund und stocherte in seinen Zähnen herum.

»Kann ich auf dich zählen?«

»Wann brauchen Sie die Zigarrenetuis?«

»Nächsten Sonntag um dieselbe Zeit. Hier.«

»Das ist eine kurze Frist.«

»Sieh zu, wie du zurechtkommst. Ach, und noch eins: Wenn es schiefgeht – kein Wort, ja! Wir sind uns nie begegnet.«

»Seien Sie unbesorgt, Monsieur. Wenn Frédéric Daglan sein Wort gegeben hat, kann nicht mal der Teufel mit seiner Forke ihn zum Reden bringen. Aber nun gießen Sie sich einen hinter die Binde und lassen Sie es sich schmecken! Wäre doch schade, das gute Stück zu verschwenden, zumal ich Ihnen für nächsten Sonntag keinen weiteren Vogel versprechen kann.«

 

Am Spätnachmittag desselben Tages

Hinter der Kirche Sainte-Marie-des-Batignolles, die mit ihrem Portikus – einer Ädikula mit dreieckigem Giebel und dorischen Säulen – einem griechischem Tempel glich, erstreckte sich neben den Eisenbahngleisen eine idyllische Grünanlage mit einer künstlichen Grotte, einem Wasserfall und einem Bach. Frédéric Daglan flanierte um den kleinen See herum, in dem sich Enten tummelten. Er hatte ein Köfferchen geschultert, und ein halb verblichenes Wappen, das einen einherschreitenden goldenen Leoparden auf hellblauem Grund darstellte, zierte die Vorderseite. Daglan überdachte die Situation:

Zweihundert Francs für den Raub irgendwelcher Zigarrenetuis – das ist viel Geld, auch wenn sie aus Bernstein sind. Was führt dieser Fettsack im Schilde? Ich werde ihn beschatten lassen, ich muss mich absichern.

Vor dem Schuppen des Parkwächters blieb er stehen. Ein alter Invalide in abgenutzter Uniform salutierte vor ihm.

»Guten Tag, Monsieur Daglan.«

»Guten Tag, Brigadier Clément. Alles klar? Gute Ausbeute?«

»Ein Schnuller, ein Stock zum Reifenspielen, eine Stricknadel, eine Ausgabe des Journal amusant. Aber das Schlimmste ist, Monsieur Daglan, dass ich mich nicht setzen darf. Wissen Sie, die wollen mich rausschmeißen, angeblich bin ich zu alt, trotzdem verrichte ich meine Arbeit korrekt. Mit über fünfzig ist man für die Verwaltung nur eine Last. Ende August bin ich weg, meine Frau rauft sich die Haare, denn der Sohn kommt mit seinem Lohn aus den Goüin-Werkstätten7 gerade so über die Runden, und die Tochter ist noch nicht ausgewachsen. Na ja, zumindest bekomme ich eine kleine Rente, wir werden recht und schlecht durchkommen. Ach, ich muss mich noch bei Ihnen bedanken, meine Frau hat sich gefreut – Kirschen sind dieses Jahr ja unbezahlbar! Sie wird Marmelade einkochen und den Rest für Sie in einem großen Krug in Schnaps einlegen.«

»Ist doch selbstverständlich, sie haben mich nichts gekostet.«

»Sind Sie auf dem Weg zur Arbeit, Monsieur Daglan?«

»Ja, ich werde gleich Speisekarten schreiben, das ist nicht anstrengend. Am Abend geben die Wirte den Resten vom Mittag nur einen anderen Namen. ›Thunfisch in grüner Soße‹ wird dann ›Thunfisch in Mayonnaise‹, ›Tomaten, in Butter geschmort‹ werden ›Gefüllte Tomaten‹ und so weiter. Ein wahres Wunderwerk!«

Daglan steckte dem alten Mann eine Münze zu.

»Ein kleines Extra, Père Clément. Und machen Sie sich keine Sorgen mehr – Sie müssen ja nicht schon morgen Ihren Hausstand versetzen. Ich bin für Sie da!«

»O nein, Monsieur Daglan, ich will keine Almosen!«

»Almosen? Wollen Sie mich kränken, Père Clément? Das Leben ist ein Hindernislauf. Mir hat mal jemand geholfen, die Hindernisse zu überwinden, also bin jetzt ich an der Reihe, anderen zu helfen.«

Claude Izner

Über Claude Izner

Biografie

Claude Izner ist das Pseudonym der Schwestern Liliane Korb und Laurence Lefèvre, beide langjährige Bouquinistinnen mit eigenem Bücherstand am Seine-Ufer in Paris. Sie sind außerdem in der Filmbranche tätig und jede für sich als Schriftstellerin erfolgreich. Ihre gemeinsam verfassten Kriminalromane...

Pressestimmen

Buchkultur

»Ein spannender Krimi, vermengt mit authentischer Atmosphäre.«

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