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Der lange Schatten der TäterDer lange Schatten der TäterDer lange Schatten der Täter

Der lange Schatten der Täter

Nachkommen stellen sich ihrer NS-Familiengeschichte

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Der lange Schatten der Täter — Inhalt

Das Schweigen der Täter, unbearbeitete NS-Verbrechen und Traumatisierungen durch den Zweiten Weltkrieg wirken kaum bemerkt bis heute nach. Still prägen sie als »vererbtes« Leid das Leben vieler Menschen, beschädigen Biografien und Beziehungen, beeinflussen die Politik. Eingebettet in die aktuelle Forschung erzählt Alexandra Senffts Reise durch das Erinnern, wie das Schweigen zur Last wird. Ihr Buch stellt unbequeme Fragen gegen das Verdrängen: Weshalb wurden Täter in Opfer verkehrt, welche Rollen spielen Schuld und Scham – und gibt es so etwas wie Gerechtigkeit? Sensibel und klug zeigt dieses Buch den Nachkommen der Kriegsgeneration Wege, sich auf heilsame Weise mit ihrem Erbe auseinanderzusetzen – und macht das Erinnern zum Auftrag in der Gegenwart für die Zukunft.

 

Erschienen am 02.05.2016
352 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-492-05739-4
Erschienen am 12.01.2018
352 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-31213-4
Erschienen am 02.05.2016
352 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97376-2

Leseprobe zu »Der lange Schatten der Täter«

Vorwort

 

»Aufgearbeitet wäre die Vergangenheit erst dann, wenn die Ursachen des Vergangenen beseitigt wären. Nur weil die Ursachen fortbestehen, ward sein Bann bis heute nicht gebrochen«, schrieb Theodor W. Adorno 1959.

Wie also begegnet man dem Bann dieser Vergangenheit, wenn er in Form rechtspopulistischer Wahlerfolge oder als tätliche Übergriffe auf Geflüchtete eine neue destruktive Dynamik entfaltet? Warum nehmen wir Veränderungen und Fremde so oft als Gefahr und nicht als Bereicherung wahr? Die Pflicht, Antworten auf diese sehr aktuellen Fragen zu [...]

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Vorwort

 

»Aufgearbeitet wäre die Vergangenheit erst dann, wenn die Ursachen des Vergangenen beseitigt wären. Nur weil die Ursachen fortbestehen, ward sein Bann bis heute nicht gebrochen«, schrieb Theodor W. Adorno 1959.

Wie also begegnet man dem Bann dieser Vergangenheit, wenn er in Form rechtspopulistischer Wahlerfolge oder als tätliche Übergriffe auf Geflüchtete eine neue destruktive Dynamik entfaltet? Warum nehmen wir Veränderungen und Fremde so oft als Gefahr und nicht als Bereicherung wahr? Die Pflicht, Antworten auf diese sehr aktuellen Fragen zu finden, liegt nicht allein bei den politischen Akteuren – sie betrifft uns alle.

So vorbildhaft die NS-Zeit in Deutschland akademisch und politisch bearbeitet wurde, so wenig ist sie bis heute im Privaten aufgeklärt. In vielen Familien gilt: Die Täter waren immer die Anderen. Trotz der staatlich und gesellschaftlich erarbeiteten Erinnerungsformen herrschen in der biografischen Aufarbeitung weiter Verdrängen und Verschweigen und verhindern die Auseinandersetzung auf der persönlichen, der menschlichen Ebene.

Wirkliche Ursachenbeseitigung bedeutet, die öffentliche Aufarbeitung mit der privaten zu verbinden – es sind sich gegenseitig befruchtende Prozesse. Wer begriffen hat, wie viele Deutsche und sogar die eigenen Verwandten in der NS-Zeit zu Massenmördern werden konnten, kann strukturellem Rassismus, Antisemitismus und Muslimfeindschaft authentisch und entschieden entgegenwirken.

 

»Auschwitz war ein Ort, an dem man nicht mitmachen durfte«, gestand Oskar Gröning, der »Buchhalter von Auschwitz«. Der 94-Jährige wurde 2015 wegen Beihilfe zur Ermordung von 300 000 Juden zu vier Jahren Haft verurteilt. 2016 stehen weitere NS-Täter, meist schweigend, vor Gericht.

Nun aber, da die letzten Zeitzeugen sterben – jene erste Generation, die das Schweigen als Norm in den Familien etablierte –, wollen einige Nachkommen endlich wissen, welche Rolle ihre Angehörigen im Krieg gespielt haben: Waren sie Täter im Sinne eines Oskar Gröning oder sogar noch schlimmere Verbrecher, machten sie sich als Bystander oder lediglich als Zuschauer mitschuldig? Bis heute ist die Grenze zwischen Schuld, Mitschuld und Unschuld für die meisten Betroffenen unklar, allzumal die Nationalsozialisten selten Beweise für ihre Taten hinterließen.

Die ältere Generation hat einen Dialog mit der jüngeren in der Regel geflissentlich vermieden. Stattdessen hat sie verklärt, verleugnet und eisern geschwiegen. Schuld und Scham sind damit jedoch nicht beseitigt, vielmehr werden sie, ob verbal oder non-verbal, auf die Gefühlswelt der Kinder und Enkel übertragen. Es bleibt der unausgesprochene Auftrag, die Familie vor Schande und Strafe zu beschützen – ein Auftrag, der äußerlich erfolgreich zu erledigen sein mag, innerlich aber nie zu erfüllen sein wird, denn das Verdrängte lebt trotzdem weiter und verbreitet eine negative Energie. Traumatische Erlebnisse können sogar zu dauerhaften genetischen Veränderungen führen, wie die jüngere Epigenetik-Forschung zeigt. Die Folge sind häufig Angsterkrankungen und Depressionen, die nicht nur das Privatleben beeinträchtigen sondern auch Einfluss auf politische Einstellungen haben können. Die Gefühls- und Denkmuster aus der NS-Zeit werfen so einen langen Schatten innerhalb von Familien und zwangsläufig auch auf die Gesellschaft.

 

Sich der eigenen Familiengeschichte systematisch anzunähern macht historische Recherchen empfehlenswert, um nicht bei diffusen Gefühlen zu verharren, die sich faktisch nicht verankern und somit kaum bearbeiten lassen. Nicht jedes Hadern mit dem Leben ist allerdings auf den Krieg und den Holocaust zurückführen, es gilt zwischen Ursache und Wirkung zu differenzieren. Jedoch lassen sich viele Verhaltensweisen, politische Standpunkte und psychische Belastungen mit der familiären NS-Geschichte erklären, wie aus diesem Buch zu erfahren ist.

 

Hier wird jedoch ausdrücklich nicht an einem Opfermythos der Täternachkommen gestrickt, vielmehr soll beides einen Raum finden: die Schuld und Mitschuld sowie die transgenerationellen, oft sogar leidvollen Folgen. Der Fokus auf die Tätergesellschaft darf dabei das Narrativ der Verfolgten und Überlebenden des NS-Terrors nicht überschatten – es ist in den Text mit eingewebt. Dabei scheinen immer wieder dialogische Momente auf.

 

Die in diesem Buch Porträtierten sind nicht die Kinder und Enkel ranghoher Nationalsozialisten, sondern Menschen wie du und ich. Ihre Angehörigen waren auf unterschiedlichste Weise in das NS-System involviert, meist kleine Rädchen im mörderischen Getriebe. Der Schatten der Täter bezieht sich somit nicht ausschließlich auf eine individuell herausragende Schuld, sondern auch auf das gesellschaftliche Klima, das fortgesetztes Verdrängen bis heute befördert.

Meine Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner sind mir über die Jahre als offene Persönlichkeiten aufgefallen, die mir in unterschiedlichen Zusammenhängen während meiner Arbeit begegnet sind. Es sind überwiegend Leser meines Buches »Schweigen tut weh«, in dem ich mich vor zehn Jahren selbst auf die Suche begab. Mein Großvater war der Gesandte des Dritten Reiches in der Slowakei und hauptverantwortlich für die Deportation der slowakischen Juden. Sein Erbe, an dem meine Mutter zerbrach, lastet auf uns Nachkommen bis heute.

Die Porträtierten besaßen schon vor unserem Austausch eine grundsätzliche Bereitschaft zur Auseinandersetzung und haben sich auf einen Dialog mit mir eingelassen, der mitunter dennoch auch spannungsreich war.

Ich nehme ihnen gegenüber daher keine akademische oder journalistische Distanz ein, sondern bin mit ihnen im Kontakt und innerlich beteiligt. Diese reportageartige Erzählform ist bewusst gewählt, um die Chancen und Schwierigkeiten eines Austausches über die NS-Zeit auszuleuchten und nicht auf einer formellen Ebene zu verharren. Ich will ferner meine Haltung als Autorin transparent machen.

Jedoch greife ich nicht tief in das Narrativ meiner Gesprächspartner ein: Ich respektiere ihre Art des Erzählens und ihre emotionalen Grenzen. Manche drücken sich eher anekdotisch distanziert aus, somit hat ihr Lebensbericht einen weniger beweglichen Charakter; andere wagen sich mehr in emotionale, psychologisierende Gefilde und zeigen sich ergebnisoffener. Die Geschichten sind jeweils in die örtlichen und historischen Kontexte sowie in die aktuelle Politik eingebettet. Es sei denn, meine Gesprächspartner duldeten es, werte ich ihre Aussagen nicht, selbst wenn ich anderer Meinung bin. Manchmal ist es aufschlussreich, beim Lesen auch auf das zu achten, was nicht gesagt wird, denn vielleicht verbirgt sich zwischen den Zeilen das noch Ungeklärte und Unverarbeitete.

Die Soziologin Lena Inowlocki verrät, wie man autobiografisch-narrative Interviews betrachten kann. Entscheidend ist, »wie erzählt wurde: Nehmen uns die Erzählenden mit in Situationen, die eher geschildert werden oder nur berichtet? Werden wir in eine Situation mit hineingenommen, die die Erzählenden wieder durchleben? Argumentiert er oder sie, ohne dass wir durch eine Frage dazu Anlass gegeben hätten, in einer Art innerem Dialog mit etwas, was ihn oder sie beschäftigt? Die Darstellungsform zeigt uns an, auf welche Weise sich die Erzählenden damit auseinandersetzen, was sie erlebt haben und welche Position sie zum Erzählten einnehmen«.

 

Meinen Gesprächspartnern ist gemeinsam, dass sie konstruktive Wege gefunden haben, sich von der »Last des Schweigens« (Dan Bar-On) zu befreien und daraus Konsequenzen für ihre Haltung als deutsche Bürger entwickeln konnten. Sie haben politische, soziale oder auch spirituelle Ausdrucksformen und Handlungsmöglichkeiten gewählt. Ihre Geschichten machen Mut, sich selbst nach den familiären Verhältnissen zu befragen, sich auf die Suche in die Vergangenheit zu begeben und für einen Dialog zu öffnen.

 

 

Hitzefrei für einen Angeklagten

 

»In den sechs Jahrzehnten seit den Nürnberger Prozessen sind weitere Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen worden, darunter auch Völkermord. Die Menschenrechte wahren sich nicht selbst. Sie bedürfen ständiger Pflege. Die Fortführung von Prozessen gegen Naziverbrecher, bis zum letzten Greis unter ihnen, muss in erster Linie als Warnhinweis für künftige Kriegsverbrecher dienen, der ihnen sagt: Bis zu deinem letzten Atemzug kannst du dich auf der Anklagebank wiederfinden.« TOM SEGEV

 

 

Bahnhof Lüneburg, 2. Juli 2015, halb sechs Uhr morgens. »Ritterakademie im Graalswall, bitte«, sage ich zum Taxifahrer. »Graalswall? Das gibt es hier nicht«, behauptet er, während er mit seiner Taxe bereits eine Richtung eingeschlagen hat. Ich krame die Adresse aus meiner Handtasche und korrigiere: »Am Graalwall ohne s! – wo der NS-Prozess stattfindet.« Der Taxifahrer, der mich von Anfang an verstanden hat, murmelt abweisend »Ach so« und fährt mit grantiger Miene schweigend durch die noch schlafende, von frühmorgendlichen Sonnenstrahlen durchflutete Hansestadt. Am Graalwall angekommen, wartet meine Freundin Susanne Hetzer, »Susi« genannt, bereits vor dem Eingang der Ritterakademie. Sie sitzt auf dem Bürgersteig und liest Harry Mulischs Reportage über den Jerusalemer Prozess von 1961 gegen Adolf Eichmann, den Leiter des Judenreferats im Reichssicherheitshauptamt.

 

In Lüneburg steht seit dem 21. April 2015 der 94-jährige Oskar Gröning vor Gericht. Die Anklage: Beihilfe zur Ermordung von 300 000 Juden im Sommer 1944 in Auschwitz. Gröning, der nach der Mittleren Reife eine Banklehre gemacht hatte, meldete sich 1940 mit 19 Jahren voller Begeisterung für die »zackige« Truppe freiwillig als Zahlmeister bei der Waffen-SS. 1942 wurde er nach Auschwitz versetzt. Dort arbeitete er in der »Häftlingsgeldverwaltung«, sortierte die verschiedenen Währungen der beraubten Juden und leitete das Geld anschließend an das SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt in Berlin weiter. Der junge Mann war auch an der Selektionsrampe eingeteilt: Er sollte dort das Gepäck der aus den Viehwaggons gezerrten Juden bewachen und für den »geordneten Ablauf« des faschistischen Mordprogramms sorgen. Allein im Rahmen der »Ungarn-Aktion« waren 437 402 Juden nach Auschwitz deportiert und sofort nach der Ankunft selektiert worden – hier zum sofortigen Tod in der Gaskammer, dort zum langsamen Tod durch Zwangsarbeit.

 

Es gab jedoch einen Zwischenfall, der Grönings Sinn für Ordnung erheblich störte: Einer seiner SS-Kameraden zertrümmerte vor seinen Augen den Schädel eines schreienden Babys, indem er es an den Beinen packte und gegen die Planke eines Lastwagens schleuderte. Erschüttert habe Gröning angeblich um Versetzung gebeten, mehrmals sogar, doch ohne Erfolg, sagt er später aus. So blieb er insgesamt zwei Jahre in Auschwitz und wirkte durch seine Tätigkeiten unter anderem daran mit, dass von Mai bis Juli 1944 etwa 300 000 der jüdischen Ungarn in der Gaskammer durch Zyklon B starben.

 

Waren es Schuldgefühle, die Gröning später dazu veranlassten, seine Erinnerungen an diese Zeit für seine Söhne aufzuschreiben? War es die Suche nach Erlösung oder gar Hoffnung auf Vergebung, die ihn 2005 im Alter von 83 Jahren sogar öffentlich über Auschwitz reden ließ? Die Journalisten, mit denen Gröning sprach, bekamen jedenfalls den Eindruck, dass er nach Entlastung suchte. Den Spiegel-Autor Matthias Geyer ließ der ehemalige SS-Mann wissen, dass er die Vergasung der Juden damals als ein legitimes Mittel der Kriegsführung hingenommen habe. In Auschwitz habe es für ihn ein »ganz normales Leben« gegeben – Alkohol, Sport und Gesellschaftsspiele in der Freizeit. Auf Geyers Frage nach seiner persönlichen Verantwortung antwortete er: »Schuld hängt eigentlich immer mit Taten zusammen, und da ich meine, ein nicht tätiger Schuldiger geworden zu sein, meine ich auch, nicht schuldig zu sein.« Er sei ein »Rädchen im Getriebe« gewesen: »Wenn Sie das als Schuld bezeichnen wollen, dann bin ich ein ungewollt Schuldiger. Juristisch bin ich nicht schuldig.« Seine vermeintliche Unschuld bekundete er auch im Interview mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung 2014 – er habe »nie auch nur jemandem eine Ohrfeige verpasst.« Wenn es um Schuld ginge, wo wolle man denn dann aufhören, fragte er: »Müsste man dann nicht auch die Lokführer anklagen, die Züge nach Auschwitz gefahren haben? Die Männer am Stellwerk?«

 

Ob mein Großvater Hanns Ludin sich im Zweiten Weltkrieg schuldig gemacht hat oder vielmehr ein »Opfer seiner Zeit« war, ist in der Familie meiner Mutter seit vielen Jahren Ursache eines nicht endenwollenden Streits. Als »Gesandter des Dritten Reichs« in der Slowakei (1941–1945) hatte Ludin die Aufgabe, die slowakische Regierung unter dem diktatorischen Priester Jozef Tiso dazu zu bewegen, die nationalsozialistischen Interessen umzusetzen. Dazu gehörte insbesondere die Deportation der slowakischen Juden. Viel Druck wird es seitens meines Großvaters nicht bedurft haben, denn die Slowakei war bereits durch einen »Schutzvertrag« an das Deutsche Reich gebunden. Tisos Regierung und viele slowakische Bürger waren zudem nicht minder antisemitisch eingestellt als die Deutschen; in ihrem blinden Rassismus, ihrer Menschenfeindlichkeit und Habgier waren sie willfährige Helfer des Verbrechens. Als »Diplomat«, der eigentlich Berufssoldat war und im Nazi-Reich über die SA steil Karriere gemacht hatte, hat mein Großvater sich die Hände in der Slowakei persönlich vermutlich kaum schmutzig gemacht. Er wusste jedoch – daran habe ich anders als einige meiner Verwandten keinerlei Zweifel –, dass es um die »Endlösung der Judenfrage« ging, ja, er sprach von deren »radikaler Lösung«. Wie Gröning hielt er »die Vernichtung des Judentums« für ein Kriegsziel. Da war jedes Mittel zum Morden recht und gerechtfertigt – emotionslos, pragmatisch, berechnend.

Erzählungen über zertrümmerte Babyköpfchen gibt es in meiner Familie nicht. Dafür aber viele Anekdoten über zauberhafte, gutbürgerliche Verhältnisse, über anständige und aufrechte Verwandte, sowie zahlreiche romantische Kindheitserinnerungen. Es sind Erzählungen aus einer heilen Welt – als habe es kaum Krieg und schon gar keinen Holocaust gegeben. Aus Sicht einiger meiner Angehörigen wusste mein Großvater Hanns Ludin angeblich überhaupt nicht, dass die von ihm selbst unterzeichneten Deportationsanordnungen zur Ermordung der Juden führen würden. Er habe die Juden lediglich in Arbeitslager schicken lassen. Kurz vor seiner Hinrichtung hatte mein Großvater noch an meine Großmutter geschrieben: »Du kennst mein Herz, durch und durch. Es ist weder eines unmenschlichen Gefühls, noch einer unmenschlichen Handlung fähig.« Dass Ausgrenzung, Enteignung und Deportation an sich schon unmenschliche Verbrechen sind, spielte hier offenbar keine Rolle.

Einige Verwandte halten daher eisern an der Unschuldsvermutung in dubio pro reo fest. Ohne konkrete Beweise für Hanns Ludins bewusste Beihilfe zum Holocaust kommt für sie ausschließlich der Freispruch in Betracht. Er saß ja »nur« am Schreibtisch und warf weder das tödliche Gas in die Kammer, noch erschoss er Juden an der Grube.

Dieser Argumentation bedient sich jetzt auch Oskar Gröning: »Ich wurde nur hingestellt, um auf die Koffer aufzupassen.«

 

Meine Verwandten, die sich auf diesen bewusst naiven Standpunkt zurückziehen, konnten sich damit bislang bestätigt fühlen und bequem zurücklehnen, schließlich kam ihnen die deutsche Rechtspraxis bis 2011 entgegen: Wem keine konkrete Schuld im Sinne eines eigenhändig verübten Mordes nachzuweisen war, der ging straffrei aus.

1963 wollte der Hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer im Frankfurter Auschwitz-Prozess erreichen, dass das organisierte Massenmorden der Nationalsozialisten als eine einzige Tat beurteilt würde und somit jeder, der am Gesamtablauf des Verbrechens auch nur indirekt mitwirkte, Beihilfe zum Mord geleistet hatte. Ronen Steinke erklärt in seiner Biografie des mutigen Generalstaatsanwalts, dass dieser damit argumentierte: »Alle diese SS-Leute […] waren arbeitsteilig mit dem Betrieb einer Tötungsfabrik beschäftigt – und wenn man nun, rückblickend, jedem Zahnrädchen den Gefallen tue, es nur isoliert zu betrachten und seine Funktion im größeren Apparat auszublenden, dann verkenne man, was in Auschwitz eigentlich getan wurde.« Nur durch die Arbeitsteilung – als »zentrales Strukturmerkmal des Holocaust« – habe das Morden überhaupt so reibungslos funktionieren können, weshalb Bauer und seine Staatsanwälte auch einen »Querschnitt durchs Lager« Auschwitz auf die Anklagebank bringen wollten. Doch sie scheiterten an der Rechtsauffassung des Gerichts und dessen NS-vorbelasteten Vorsitzenden Hans Hofmeyer: »Den Richtern reichte für einen Schuldspruch nicht, wenn jemand ›lediglich‹ eine organisatorische Funktion innerhalb der Lageradministration inngehabt hatte. Stattdessen wurde nach der individuell zurechenbaren Einzeltat der Angeklagten gefragt«, so der Historiker Werner Renz. Da sich zudem die meisten NS-Täter mit Befehlsnotstand und Pflicht herausredeten, kam die weitere Strafverfolgung von NS-Tätern in der Bundesrepublik zum Erliegen, das Interesse an Aufklärung schlief ein. »So wie gewöhnliche Deutsche während des Holocaust weggeschaut hatten, so sahen sie hinterher weg, als die Täter ungestraft davonkamen«, sagt die Journalistin und Urenkelin eines Holocaust-Opfers, Elizabeth Kolbert, im New Yorker. Das erklärt, warum der Prozess gegen 62 SS-Leute, darunter Oskar Gröning, vor 30 Jahren von der Frankfurter Staatsanwaltschaft mangels hinreichenden Tatverdachts einfach eingestellt worden war. »Das Thema war für ihn [den Staatsanwalt] offenbar so unwichtig, dass er es nicht einmal für nötig hielt, seine Entscheidung zu begründen«, schlussfolgert Der Tagesspiegel.

 

Erst mit dem Münchner Prozess gegen den ukrainischen SS-Hilfswilligen John Demjanjuk, der 2011 mit einer Verurteilung wegen Beihilfe zum Mord im Vernichtungslager Sobibór endete, hatte sich die Rechtsauffassung durchgesetzt, die Fritz Bauer bereits in den 1960er-Jahren einführen wollte. Insbesondere auch vor diesem Hintergrund wird der Prozess gegen Oskar Gröning nicht nur an diesem hochsommerlichen Julitag mit Spannung verfolgt: Wie wird das Gericht gegenüber einem der wenigen noch lebenden Zeugen und Täter urteilen? Nicht nur vonseiten Rechtsradikaler gibt es unterdessen üblen Protest gegen den Prozess – auch viele andere Menschen fragen aus den unterschiedlichsten Beweggründen, mitunter durchaus vorwurfsvoll, nach dem Sinn eines Gerichtsverfahrens gegen einen Greis – 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und wenige Jahre vor dessen zu erwartendem Ableben. In der Debatte geht es nicht allein um juristische Aspekte, sondern auch um moralische Überlegungen.

Und nicht zuletzt auch um viel Abwehr von jenen, die bis heute weiter verdrängen, dass eigene Familienmitglieder schuldig geworden sind. Gröning erinnert sie an das, was sie vergessen wollen. »Die Leute wehren sich doch nicht deswegen leidenschaftlich gegen die Prozesse, weil sie … eine Ungerechtigkeit und Unsittlichkeit in ihnen sehen, sondern weil Frau Lieschen Müller und ihre Familie, weil die Herren von Industrie, Justiz usw. wissen, dass mit den 22 Angeklagten im Auschwitzprozess 22 Millionen auf der Anklagebank sitzen«, stellte Fritz Bauer 1962 so treffend in einem privaten Brief fest.

Dass nach 2011 neben Demjanjuk plötzlich weitere Prozesse geführt werden, hängt also mit einer veränderten Rechtsauffassung zusammen, die das funktionale Sein am Ort der Vernichtung bereits als Schuld versteht. Außerdem sind viele der Täter und Mitläufer, die in Justiz und Politik Einfluss hatten, mittlerweile gestorben, und eine neue Generation von Strafrechtlern macht es möglich, das Erinnern an die Opfer durch die Verurteilung der Täter aufrechtzuerhalten.

 

Meine vor dem Prozessort auf mich wartende Freundin Susi ist Juristin und aus Wien nach Lüneburg gereist, um sich persönlich einen Eindruck zu verschaffen. Ich bin aus Bayern hierhergekommen, denn viele solcher Verfahren wird es aufgrund des Alters der Kriegsgeneration naturgemäß nicht mehr geben. Viel ist bereits über den Prozess und den Angeklagten berichtet worden, jedoch selbst im Gerichtssaal zu sitzen ermöglicht neue Perspektiven und gewiss auch emotionale Einblicke: Wie spricht und verhält sich ein Täter, der am größten systematisch organisierten Menschheitsverbrechen mitgewirkt hat? Wie geht so einer mit dieser Schuld um? Gröning redet, er sagt aus, was er damals erlebt hat, und leugnet nicht, in Auschwitz tätig gewesen zu sein. Im Gegenteil: Schon 1985 erwiderte er einem Briefmarkensammler in seinem Verein, der den Holocaust leugnete, er habe Auschwitz und das Morden mit eigenen Augen gesehen. Er soll sich über diesen Auschwitz-Leugner sehr geärgert haben. Zu Beginn seines Prozesses im April gestand er in seiner Erklärung: »Für mich steht außer Frage, dass ich mich moralisch mitschuldig gemacht habe.« Gröning ist in dieser Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung, denn meistens schweigen die Täter oder haben zu ihren Lebzeiten geschwiegen, geleugnet oder gelogen; ihre Nachkommen haben das Schweigen fortgesetzt – sie setzen es oft bis heute fort und verdrängen die Wahrheit. NS-Verbrecher haben so selten über ihre Taten Zeugnis abgelegt, dass der Autor Jonathan Littell den Roman »Die Wohlgesinnten« schrieb, in dem er einen fiktiven Täter zum Sprechen brachte, der die Gräueltaten bis ins letzte Detail über die Schmerzgrenze hinaus schildert: »Ihr Menschenbrüder, lasst mich euch erzählen, wie es gewesen ist …« Littell lässt seinen Protagonisten Max Aue fragen: »Seid ihr überhaupt sicher, dass der Krieg vorbei ist? In gewisser Weise ist der Krieg nie vorbei, oder er ist erst vorbei, wenn das letzte Kind, das am letzten Tag des Krieges geboren wurde, wohlbehalten begraben ist, und auch danach lebt er in dessen Kindern und in deren Kindern fort, bis sich das Erbe allmählich verflüchtigt, die Erinnerungen verblassen und der Schmerz abklingt, auch wenn zu dem Zeitpunkt jeder ihn schon längst vergessen hat und all das zu den alten Geschichten zählt, die nicht einmal mehr dazu taugen, Kinder zu erschrecken, schon gar nicht die Kinder der Toten oder derer, die gerne tot wären.«

 

Mein Großvater Hanns Ludin hätte mir, selbst wenn er gewollt hätte, nichts mehr erzählen können: Er hat sich nach dem Krieg den Amerikanern gestellt und ist 1947 in Bratislava als Kriegsverbrecher gehenkt worden. Doch auch meine Mutter, meine Großmutter und andere Verwandte haben sich über die NS-Zeit sehr bedeckt gehalten und alles verschwiegen, was die Rolle meines Großvaters kritisch beleuchtet hätte. Im Vordergrund des familiären Narratives stehen bis heute sein vermeintlich vorbildlicher Charakter und seine guten Taten – angeblich soll er auch Juden gerettet haben, was selbst, wenn es stimmte, seine Mitschuld am Holocaust nicht mindern würde. Manche seiner Nachkommen hielten den Gesandten des Dritten Reichs deshalb fast für einen Widerstandskämpfer, wie mein Onkel Malte Ludin in seinem Film »2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß« zeigt. Jedenfalls mutierte Hanns Ludin, der Täter, in den Augen seiner Familie zu Hanns, dem Opfer – weil er mit dem Tod bestraft worden war und nicht wie andere NS-Verbrecher ins Ausland floh oder gar im Nachkriegsdeutschland unbehelligt im Wohlstand lebte. »Die Siegerjustiz« habe sich an ihm als Sündenbock gerächt.

Ich war zwar damit aufgewachsen, dass der Vater meiner Mutter ein Nazi war, und hatte dazu stets eine klare ablehnende Haltung. Doch auch ich hatte bis ins Erwachsenenalter nie genauer gefragt oder gar recherchiert, was seine Funktion als SA-Mann in Süddeutschland und dann als Gesandter in der Slowakei praktisch bedeutet hatte. Ich bin in das Leugnen und Schweigen hineingeboren worden und habe das verklärende Familiennarrativ lange unbewusst mitgetragen oder jedenfalls nicht hinterfragt. Früh stellte ich fest, dass ich meine Mutter mit jeder Frage nach meinem Großvater verletzte, und so tat ich, was Kinder in solcher Situation eben tun: Ich schonte sie durch Nichtfragen. Deshalb hat der Prozess gegen Oskar Gröning für mich eine so große aufklärerische Bedeutung: Auch mein Großvater hätte irgendwann in hohem Alter vor einem deutschen Gericht sitzen können, und hier wäre endlich über die Verbrechen gesprochen worden, die – freilich – nicht nur in meiner Familie als unsichtbare Last von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Die Berichterstattung über einen solchen Prozess kann innerhalb von belasteten Familien einen Impuls geben, noch lebende Zeitzeugen zu befragen und somit die institutionalisierte Aufarbeitung der Gerichte auf eine individuelle Ebene bringen.

Das Lüneburger Landgericht sah sich aus Raummangel wegen des großen öffentlichen Interesses am Fall Gröning gezwungen, den Prozessort zu wechseln, und mietete für die Prozesstage die Ritterakademie. Das ist sonst ein Veranstaltungsort für kulturelle Ereignisse und vergnügliche Anlässe. Seit April 2015 ist das Veranstaltungsprogramm jedoch fast makaber: Heute Auschwitz, morgen Tanzvergnügen, übermorgen Info-Abend über Sex, und nach einer Hochzeitsfeier wieder Auschwitz-Prozess. Die 72 Nebenkläger – Überlebende und deren Nachkommen, die eigens aus Ungarn, Israel, Kanada oder den USA angereist sind – erzählen also am selben Ort, wo gestern noch Ausgelassenheit herrschte, über ihre Todeserfahrungen in Auschwitz.

Tatsächlich passen nur 120 Zuschauer in den Saal hinein, und die Hälfte der vorhandenen Plätze ist für die Presse reserviert. Wer den Prozess verfolgen will, muss rechtzeitig anstehen, um einen der 60 Plätze zu ergattern. Susi, ihr Mann Wolfgang Hetzer, eine blonde Dame und ich gehören an diesem frühen Morgen zu den ersten vier in der Schlange, sodass uns der Einlass zum Prozessbeginn um 9 Uhr 30 gewiss ist. Zum Glück könnte das Wetter gar nicht besser sein, sonst stünden wir bei Regen, Wind oder Kälte stundenlang ungeschützt vor dem Rittersaal. Es gibt keinen Stuhl, keine Bank, geschweige denn eine Toilette oder ein Café.

 

Die blonde Dame, die meine Freunde und mich schon eine Weile aufmerksam mustert, begrüßt uns jetzt freundlich. Sie erzählt, dass sie 1957 in eine Flüchtlingsfamilie geboren und mit Schweigen aufgewachsen sei: Nichts hätten ihre Eltern über die Kriegszeit erzählt. Diese beklemmende Atmosphäre zu Hause habe sie ihr Leben lang verfolgt. Deshalb sei sie zu jedem der bisherigen 13 Prozesstage gekommen, denn sie wolle wissen und verstehen, wie normale Menschen damals zu Mördern oder Mordkomplizen werden konnten. Sie sagt, Gröning mache einen stabilen Eindruck: »Seine Stimme ist klar und kräftig, er ist wach und antwortet auf die Fragen zügig.« Sie nehme ihm aber nicht ab, dass er sich aus Auschwitz an die Front habe versetzen lassen wollen, sagt sie. Auch die Geschichte mit dem Baby als Auslöser für sein angebliches Umdenken ist für sie nicht glaubwürdig.

»Die Zeugen bedanken sich beim Gericht dafür, dass sie aussagen und ihre Geschichte erzählen dürfen, das ist so berührend«, sagt sie plötzlich, und ihr schießen die Tränen in die Augen. Ihre emotionale Reaktion vermittelt uns einen Eindruck von der Intensität des Prozessgeschehens. »Jeder geht verändert aus diesem Prozess. Dies hat mit der Atmosphäre zu tun, die den ganzen Raum erfasst, wenn eine Aussage nicht nur aus Worten, Sätzen, Erklärungen besteht, sondern eine emotionale Spannung herrscht, die spürbar ist, die einen komplett erfasst«, beschreibt es die Antifaschistische Aktion Lüneburg/Uelzen, die den Prozess verfolgt und dokumentiert.

Alexandra Senfft

Über Alexandra Senfft

Biographie

Alexandra Senfft ist Islamwissenschaftlerin und Publizistin. Ihre Themenschwerpunkte sind die transgenerationellen Folgen des Nationalsozialismus und der Dialog mit den Opfern und ihren Nachkommen, Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit, der Nahostkonflikt sowie das Spannungsverhältnis Deutsche –...

Veranstaltung
Lesung und Gespräch
Donnerstag, 03. Mai 2018 in Solingen-Gräfrath
Zeit:20:00 Uhr
Ort:Kunstmuseum Solingen,
Wuppertaler Str. 160
42653 Solingen-Gräfrath
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Lesung und Gespräch
Donnerstag, 08. November 2018 in Issum
Zeit:19:30 Uhr
Ort:Ehemalige Synagoge,
Kapellener Straße 30a
47661 Issum
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Medien zu »Der lange Schatten der Täter«

Pressestimmen

NZZ am Sonntag/ Literaturbeilage (CH)

»Alexandra Senfft analysiert die seelischen Mechanismen, die zu dem massiven Verdrängen von Scham und Schuld geführt haben, sie bringt Nachfahren aus Täter- wie aus Opferfamilien miteinander ins Gespräch, und sie fragt nach den Auswirkungen, die das Verhalten der Elterngeneration weit über den engen Kreis der Familie hinaus auf das politische Klima im Deutschland bis in unsere Tage hat.«

Schwäbische Zeitung

»Alexandra Senfft bietet mit ›Der lange Schatten der Täter: Nachkommen stellen sich ihrer NS-Familiengeschichte‹ eine ungemein erhellende Erforschung der Schuld-Verstrickungen über Generationen hinweg. Mit ihrem persönlichen und individuell gefärbten Zugang ergänzt sie die akademische Sicht.«

lernen-aus-der-geschichte.de

»Alexandra Senfft gelingt es auf sensible Weise, persönliche Gedanken und Erfahrungen der Porträtierten nachzuerzählen und bettet das Gesagte durch klug gewählte Verbindungen und Verweise auf Einschätzungen von Psychologen und Historikern in den aktuellen Forschungsstand zum Thema transgenerationelle Weitergabe ein.«

lernen-aus-der-geschichte.de

»Das Buch ist ein Plädoyer dafür, dem Schweigen zukünftig keinen Raum zu geben, sondern mit den eigenen Kindern und Enkelkindern zu sprechn und Fragen zu beantworten.«

P.S. | Die linke Zürcher Zeitung

»Immer sind es Personen, die der Autorin ihre Geschichten erzählen. Sie macht daraus eine lebendige Sprache, die nicht theorisiert, sondern ein Geschehen lebendig erzählt. Dadurch wird sie authentisch, glaubwürdig und hautnah.(...) Was schlechtes Schweigen über Vergangenheit bewirkt, zeigt dieses äußerst aufschlussreiche Buch.«

Badische Zeitung

»Das Buch ist wie eine journalistische Reportage in zwölf Kapiteln gut zu lesen und zu verstehen. Es verbindet viel Information mit persönlichen Geschichten, die berühren.«

Stern

»Es geht nicht um Abrechnung, sondern um die Frage, welche Verantwortung sich daraus im Umgang mit den politischen Problemen unserer Zeit ergibt. Das ist hilfreicher als jede spektakuläre Verurteilung eines 94-Jährigen. Senffts Buch ›Der lange Schatten der Täter‹ ist wie ein Eisbrecher für das gefrorene Meer in deutschen Familien.«

Deutschlandradio Kultur - Lesart

»Alexandra Senfft macht mit ihrem Buch deutlich, wie inhumanes Denken und Handeln noch künftigen Generationen zur psychischen Last werden.«

Der Freitag

»Zahlreiche Gespräche und Begegnungen mit ›Nazi-Nachkommen‹, aber auch mit Opfern der NS-Diktatur sowie Historikern und Psychologen liegen dem Buch zugrunde, das in seiner Bandbreite wie kein anderes zeigt, wie stark die historische Schuld in der Familie das eigene Dasein prägt und wie mühsam die Konfrontation damit ist.«

ORF

»Ihr gelingt die Beschreibung des Vermischens von Schuld, Mitschuld und Unschuld, was die Taten der Großeltern und Eltern betrifft, sehr eindrücklich und nachvollziehbar. Ebenso eindrücklich schildert sie die Übertragung der Gefühlswelt auf die Kinder und Enkel durch stetes Verklären, Verleugnen und Verschweigen.«

fachbuchkritik.de

»Sehr gut recherchiertes Buch über Menschen, die sich ihrer eigenen Familie stellen.«

Tachles (CH)

»Das Buch zeigt den Nachkommen der Kriegsgeneration Wege auf, sich auf heilsame Weise mit ihrem Erbe auseinanderzusetzen.«

buchpalastmuenchen.de

»Die Vielstimmig- und Vielschichtigkeit mit der sie ihre Sammlung von Einzelschicksalen präsentiert, fordert den Lesern weit mehr ab, als bekannte verallgemeinernde Schubladisierungen.«

Zeitschrift für Geschichtswissenschaft

»Der ›lange Scahtten der Täter‹ ist ein sehr persönliches Buch. Doch solche Publikationen sind immer noch notwendig zum Verständnis des Nationalsozialismus und was er aus Menschen gemacht hat.«

BuchMarkt

»Ein außergewöhnliches Buch, welches uns täglich in besondere Gespräche mit Kunden führt, unerwartet oft zu Tränen rührt, widerstreitende Gefühle zulässt und mit dem Schweigen bricht, um dem Mitegfühl Raum geben zu können.«

Inhaltsangabe

Vorwort  

Hitzefrei für einen Angeklagten 

Jeder hat eine Wahl  

Die familiäre NS-Geschichte zwischen Verdrängung, vorsichtiger Annäherung und radikaler Aufklärung 

Auf den Spuren des Krieges: Paula Albrechts Weg zu Achtsamkeit und Mitgefühl 

Quentin van der Veer: Heilung kommt durch Akzeptanz, nicht durch den Schlussstrich  

Fast zwanghaft alles aufdecken – Barbara Fenner und die große Klappe  

Die Schattenseiten sind in uns – Wolfgang Wagner kämpft gegen Pietismus und Perfektionsanspruch  

Neugierig bis zum Schluss: Ute Schenk und ihre Schwester Ulla Malterer 

Sich nie ducken und authentisch bleiben: Hanns Johann Scheringers Weg vom Landwirt zum Politiker  

Ein Vorname als Lebensprogramm: Freimut Duve 

Stefan Ochaba: Ich bin kein Kriegsenkel, ich bin ein Nazi-Enkel!  

Demut vor dem Leben. Eine Reise nach Auschwitz und warum es wichtig ist, zu lachen  

Dank  

Weiterführende Literatur  

Anmerkungen  

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