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Der Krieg der EnzyklopädistenDer Krieg der Enzyklopädisten

Der Krieg der Enzyklopädisten

Roman

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Der Krieg der Enzyklopädisten — Inhalt

Independence Day in Seattle. In dieser lauen Sommernacht geben die Freunde Mickey und Halifax alias die Enzyklopädisten ihre ultimative als Kunst-Happening getarnte Party. Das Motto ist Verschwörung, und während Mickey als Mondfahrer am Capitol Hill die Gäste begrüßt, werden Hal und seine als sexy Bin Laden verkleidete Freundin am anderen Ende der Stadt gerade von der Polizei festgehalten. Noch weiß Hal nicht, dass er, anders als geplant, allein weiterstudieren wird, denn Mickey wurde mit seiner Einheit nach Bagdad abkommandiert. Er muss in den Krieg. Halifax Problem ist im Vergleich fast lächerlich. Soll er seine exzentrische Freundin Mani ausgerechnet jetzt, wo sie ihn am dringendsten braucht, verlassen? Es beginnt ein Jahr, das nicht nur für diese drei Freunde alles verändern wird... »Entlarvend! … Noch keiner hat sich so prägnant auf die Wahl einer Gesellschaft zwischen Kriegsdienst und Kaufrausch konzentriert ...« Esquire

Erschienen am 01.09.2016
Übersetzer: Gerhard Falkner, Nora Matocza
608 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-8270-1216-6
Erschienen am 01.09.2016
Übersetzer: Gerhard Falkner, Nora Matocza
608 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7897-1
»Witzig, klug, voller Wärme - und mit Wikipedia.«
WELT am SONNTAG kompakt
»So erweist sich das Buch am Ende als faszinierendes, vom fernen Kriegsgeheul untermaltes Porträt einer amerikanischen Jugend, die plötzlich eine fragwürdige Vergangenheit bekommen hat - und sich immer neu dazu zu positionieren sucht. Ungeniert sind die Herren Kovite und Robinson mit ihrem mitreissenden Debüt in die elitäre Phalanx der Big Novellists Jonathan Franzen, Jeffrey Eugenides oder Garth Risk Hallberg eingebrochen. Und so viel scheint schon jetzt sicher: Sie werden sich dauerhaft dort halten.«
Nordwestschweiz

Leseprobe zu »Der Krieg der Enzyklopädisten«

Nec dubitamus multa esse quae et nos praeterierint,
homines enim sumus et occupati officiis.

Ich zweifle indessen nicht, dass auch mir manches entgangen ist; ich bin ja Mensch, mit Geschäften überhäuft.
Plinius d. Ä.



Die Enzyklopädisten

Die Wissenschaft ist sich im Allgemeinen darüber einig, dass in einer Enzyklopädie die WAHRHEIT steht – sofern eine solche überhaupt existiert, was allerdings nicht der Fall ist. Trotzdem findet die menschliche Existenz, die am Abgrund subjektiver Erfahrung entlangtaumelt, ihren Ankergrund in ihrem Bezug zur [...]

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Nec dubitamus multa esse quae et nos praeterierint,
homines enim sumus et occupati officiis.

Ich zweifle indessen nicht, dass auch mir manches entgangen ist; ich bin ja Mensch, mit Geschäften überhäuft.
Plinius d. Ä.



Die Enzyklopädisten

Die Wissenschaft ist sich im Allgemeinen darüber einig, dass in einer Enzyklopädie die WAHRHEIT steht – sofern eine solche überhaupt existiert, was allerdings nicht der Fall ist. Trotzdem findet die menschliche Existenz, die am Abgrund subjektiver Erfahrung entlangtaumelt, ihren Ankergrund in ihrem Bezug zur Enzyklopädie. Die Enzyklopädie rechtfertigt sich also aus sich selbst. Und so sollte es auch nicht überraschen, dass der Gegenstand dieses Artikels für die Entstehung desselben verantwortlich ist. Arschgesichter. Postkolonialer Sex mit Kadavern. Offensichtlich können wir schreiben, was wir wollen, da sich niemand die 
Mühe macht, uns für uns zu definieren.

Der genaue Ursprung dieses Artikels wird kontrovers diskutiert, wobei die gängigste (und umstrittenste) Theorie diesen Anfang auf Manis Einlieferung ins Krankenhaus am frühen Morgen des 3. Juli 2004 datiert – genau ein Jahr, drei Monate, vierzehn Tage, zehn Stunden und sechsundzwanzig Minuten nach dem Beginn des Irakkriegs, in welchem Mickey Montauk noch lernen sollte, sein dummes Maul zu halten … während Halifax Corderoy sich auf den holperigen kopfsteingepflasterten Straßen von Cambridge, Massachusetts, der Dekonstruktion hingab.

Verschwörung

Kapitel 1
Es war der Freitag vor dem Unabhängigkeitstag, und die über Zwanzigjährigen in Seattle feierten zu Beginn des neuen Jahrtausends den Alkohol und die Freiheit, wie sie das schon seit Urzeiten jeden Freitag taten. Und obgleich sie wie ein einziger gewaltiger, über die ganze Stadt verteilter Organismus atmeten und alles schluckten, hielt sich jedes ihrer Grüppchen für völlig eigenständig, mit eigener Zielsetzung und eigener Vorstellung von dem, was man auf keinen Fall wollte, mit besonderen Playlist-Gurus und Geheimtipp-Hinterzimmern, in denen sich gut kiffen ließ. In der 15th Avenue am Capitol Hill präsentierten Mickey Montauk und Halifax Corderoy alias »Die Enzyklopädisten« ihr sechstes Event.
Sie hatten selbst kaum künstlerische Begabung, stattdessen aber ein ziemliches Talent, blöde Witze bis in die absurdesten Konsequenzen zu verfolgen. Vor sechs Monaten waren sie solch einem idiotischen Witz hinterher gewesen, und zwar einem über die totale Beliebigkeit in der zeitgenössischen Kunst, und hatten beschlossen, selbst eine Ausstellung zu machen. Auf ihr Thema, »Monokularität«, waren sie zufällig beim Durchblättern der Angloamerikanischen Enzyklopädie von 1914 gestoßen. Sie hatten eine multimediale Installation aufgebaut, in der Zyklopen, Monokel tragende britische Bankiers, ein Kerzenleuchter aus Dildos und Periskopen und ein Video-Loop mit dem brennenden Auge des Sauron vorkamen. Sie hatten, beide mit einer Augenklappe, eine wilde Party steigen lassen. Beide hatten eine Nummer schieben können, was schon Grund genug war, die monatlichen »Ausstellungen« fortzusetzen. Nach dem dritten Event, dessen Thema »Larve« gewesen war, hatte Seattles vielgelesenes und gänzlich bedeutungsloses Kunstmagazin The Stranger ein Porträt der »Enzyklopädisten vom Capitol Hill« gebracht.
Das Thema des heutigen Abends lautete »Verschwörung«. Das höhlenartige Wohnzimmer im Erdgeschoss von Montauks Haus war retromäßig in eine lunare Klanglandschaft verwandelt worden, mit Kratern aus Pappmaché, im Dunkeln leuchtenden Sternen und auf Stativen montierten Lampen und Kameras. Montauk hatte sich als Astronaut verkleidet und begrüßte die Gäste mit Zeitlupen-Bewegungen, wie auf dem Mond.
Corderoy und seine Freundin Mani befanden sich in Ravenna, acht Kilometer nördlich vom Capitol Hill, wo die Überführung des I-5 ihren Schatten auf einen mit Starkbierflaschen in Papiertüten und ein paar Injektionsnadeln vollgemüllten Vorstadtparkplatz warf. Corderoy stand am Ende eines Korridors im dritten Stock eines heruntergekommenen Mietshauses. Vor ihm ein Polizist.
»Wen stellen Sie denn dar?«, fragte der Polizist.
Corderoy trug einen dunkelblauen Anzug mit roter Krawatte; an seinem Revers steckte ein amerikanisches Fähnchen. Seine Augenbrauen, die so blond waren, dass man sie normalerweise gar nicht sah, hatte er weiß gepudert, sein rötlich blondes Haar verbarg sich unter einer sauber gekämmten staubgrauen Perücke, und Mani hatte ihm mit ihrem Eyeliner Falten um Nase und Augen gemalt. Corderoy war über eins achtzig groß (wog aber nur 75 Kilo, bei einer Figur, die an Gumby erinnerte) und durchaus nicht gewohnt, zu jemandem aufzuschauen, doch der Polizist da vor ihm musste über eins neunzig sein.
»Präsident Bush«, sagte Corderoy.
»Und was ist sie dann, Bin Laden?«
Mani stand am anderen Ende des Gangs an einer offenen Wohnungstür, vor sich ebenfalls einen Polizisten. Sie trug Stöckelschuhe, ein tief ausgeschnittenes weißes Minikleid und einen in Tarnfarben gefleckten Bolero, der fast nur aus zwei Ärmeln und zwei kurzen Vorderteilen neben ihrem Busen bestand, die unmöglich hätten geschlossen werden können. Ihr langes schwarzes Haar quoll unter einem weißen Turban hervor, und ihren olivfarbenen Teint bedeckte ein zotteliger schwarzer Bart mit grauen Strähnen. Ihr Kostüm war perfekt, oder wäre es jedenfalls gewesen, wenn sie es geschafft hätten, sich das i-Tüpfelchen dazu noch aus der Wohnung zu holen. Mani rauchte eine Camel light.
»Ein sexy Bin Laden«, verbesserte Corderoy.
Der Polizist biss die Zähne zusammen. »Warum sind Sie verkleidet?«
»Wir wollen auf eine Party gehen. Wir sind nur kurz vorbeigekommen, um ihre AK zu holen.« Corderoy sprach schneller, als er denken konnte.
»Ihre was?«
»Ihre AK-47. Nur ein Spielzeug. Eine Spielzeugpistole. Wegen des Kostüms. Sie hat einen orangeroten Lauf.«
»Nehmen Sie die Hände aus den Taschen.«
»Entschuldigung. Also, wir haben die AK gebraucht, und weil sie hier wohnt, bei Stephanie –«
»Ist sie die Mieterin der Wohnung?«
»Also, eigentlich nicht. Sie hat Steph erst vor ein paar Monaten kennengelernt, kurz nachdem sie nach Seattle gezogen ist. Normalerweise sperrt Steph die Wohnung nicht ab, weil Mani keinen Schlüssel hat. Aber als wir hier ankamen, war die Tür doch abgeschlossen. Wir haben geklopft und geklopft und auch gerufen, aber keine Antwort. Deswegen … habe ich versucht, das Schloss aufzubrechen.«
Der Polizist hörte zu schreiben auf. »Sie haben das Schloss aufgebrochen?«
»Nein. Ich habe versucht, das Schloss aufzubrechen.« Corderoy hatte auf der Highschool das Handbuch zum Aufbrechen von Schlössern gelesen und sich seinen ersten Dietrich aus Kleiderbügeln gebastelt. Es hatte zwei Wochen gedauert, bis er damit das Schloss seiner eigenen Haustür aufkriegen konnte. Das war bisher sein einziger Erfolg gewesen.
Das Gesicht des Polizisten blieb ausdruckslos.
»Da hat Mani gesagt, vielleicht sollten wir aufs Dach steigen. Und das habe ich dann versucht, und es ging auch ganz leicht, auf den Balkon zu springen. Die gläserne Schiebetür war auch abgesperrt, aber –«
»Nehmen Sie die Hände aus den Taschen.«
»Entschuldigung. Kann ich vielleicht mein Jackett ausziehen, damit ich nicht immer wieder in Versuchung gerate?«
»Nein.«
»Also habe ich das Fenster probiert, das auch auf den Balkon hinausgeht, und das ging auf. Nirgends brannte Licht, deswegen hab ich gedacht, es ist niemand zu Hause. Ich wollte nur einsteigen, die Eingangstür von innen aufmachen, die Spielzeugpistole nehmen und wieder verschwinden. Aber als ich das Fenster aufmachte, saß da Steph ganz allein im Dunkeln, und sie schrie: ›Verdammt noch mal, verschwinde, ich ruf die Bullen!‹ Also bin ich wieder aufs Dach geklettert und dann in den Flur herunter. Und dann waren Sie schon da.«
»Sie sind ins Zimmer eingestiegen?«
»Also, ich habe das Fenster aufgemacht und mich hineingelehnt.«
»Aber Sie haben sich über die Fensterbank gebeugt.«
»Ich glaube, ja.« Corderoy sah zu Mani hinüber. Ihr Polizist sprach gerade mit Steph, die noch in der Wohnung war. Für einen Augenblick erschien Stephs Hand in der Tür. Mani sah von Corderoy weg und zündete sich eine neue Zigarette an. Corderoy kam sich wie ein Idiot vor. Natürlich, dachte er, natürlich breche ich für dich in fremde Wohnungen ein. Weil du so scharf bist, echt kein Problem. So was mach ich doch ständig.
»Mein Junge, wissen Sie, wie man das nennt, was Sie da an dem Fenster gemacht haben?«
Corderoy zögerte einen Augenblick. »Einbruch?«
»Nein. Einbruch gibt es im Staat Washington nicht. Es heißt Einbruchdiebstahl. Und das ist eine schwere Straftat. Bringt einem mindestens fünf Jahre Knast.«
»Oh.« Corderoy wurde schwindelig.
Die beiden Polizisten besprachen sich, und Corderoy und Mani konnten endlich miteinander reden.
»Steph heult«, sagte sie. »Ich weiß ja nicht, was hier abgeht, aber ich glaube, sie werden dich verhaften.«
In diesem Augenblick tauchte Phil auf.
Bevor die Polizisten ihn daran hindern konnten, brüllte Corderoy durch den Flur: »Mensch, Phil, kannst du mal mit Steph reden?«
»Kennen Sie die beiden?«, fragte der eine Polizist Phil.
Corderoy und Phil hatten einen ganz guten Draht, obwohl sie sich kaum kannten. Phil war ein Freund von Steph und der Geschäftspartner von einem Typen namens Braiden, der nur »Bombe« genannt wurde. Braiden und Phil dealten mit Marihuana und kamen regelmäßig vorbei, um mit Steph zu kiffen, und die machte die beiden immer so krass an, dass sie ihren Stoff umsonst bekam. Man konnte keineswegs davon ausgehen, dass Phil sich für sie einsetzen würde, und höchstwahrscheinlich hatte er Drogen dabei, was für sie alle nicht gut wäre, wenn die Polizisten das herausfänden.
Die Bullen ließen Phil durch.
Corderoy konnte Phils Stimme nicht hören, wohl aber Stephs schrilles Geschrei. Kurz danach kamen sie heraus, und Steph sprach mit den Polizisten.
»Sie lassen die Anschuldigungen also fallen?«, fragte der eine.
Steph erstarrte.
»Steph …«, sagte Phil.
Sie nickte.
»Und was ist mit meinen Sachen?«, fragte Mani.
Steph flüsterte Phil etwas zu und verschwand nach drinnen.
»Ist alles in der Tiefgarage«, sagte Phil.
Die Polizisten steckten ihre Notizen ein, erteilten Corderoy noch eine strenge Ermahnung und gingen.
Mani kippelte auf ihren neuen Stöckelschuhen die Treppe hinunter. Corderoy wollte ihr gerade folgen, als Phil ihn beiseitenahm. »Ich mein’s nur gut, Mann. Werd bloß die Kleine los. Die bringt nur Ärger.«
»Ich weiß«, sagte Corderoy.
»Im Ernst.« Er rückte näher heran und sprach leiser. »Sie klaut. Schick die Schlampe zum Teufel.«
Das passte Corderoy nicht. Was Mani auch sein mochte, eine Schlampe war sie nicht.
»Je eher, desto besser«, sagte Phil und klopfte ihm auf die Schulter.
»Ich weiß«, sagte Corderoy noch einmal. Aber er wusste natürlich gar nichts. Und unter all den vielen Dingen, die er nicht wusste, nagte gerade diese eine Ungewissheit schon seit einigen Wochen an ihm. Selbst Montauk hatte ihn schon darauf aufmerksam gemacht, dass Mani sich bei ihm durchschnorrte, seit sie mit ihm zusammen war. Er zahlte ihr das Essen, die Drinks, den Eintritt zu allem Möglichen. Er hatte die Plastik-Kalaschnikow und den Turban für ihr Kostüm gekauft. Er hatte ihr sogar die High Heels gekauft, die sie gerade trug. Aber das alles hatte er gern getan. Und sie war liebenswürdig gewesen, und dankbar, und verdammt schön, und obwohl sie kein Geld hatte, war sie irgendwie großzügig gewesen, großzügig mit ihrer Zeit, ihrem Herzen, ihrem Ich. Corderoy war überzeugt, dass sie ein viel besserer Mensch war als er selbst.
Als er in die Tiefgarage kam, wühlte Mani gerade, eine Zigarette im Mundwinkel, in einem Müllsack herum, in dem ihre dürftigen Habseligkeiten steckten. Er sah den Träger ihres BHs unter dem weißen Kleid. »Das ist doch gestört«, sagte er. »Hat sie tatsächlich deinen ganzen Scheiß hier heruntergeschmissen?«
Mani begann zu lachen und fasste sich an den Kopf.
»Das ist doch nicht komisch«, sagte Corderoy.
»Es ist saukomisch«, sagte Mani. »Meine Zeichenkohle und meine Sonnenbrille fehlen, aber Steph hat dafür gesorgt, dass ich das hier bekomme.« Sie zog eine halb aufgegessene Avocado hervor, die in Plastikfolie eingewickelt war. »Hast du Hunger?«
Sie warfen den Sack auf den Rücksitz von Corderoys (Papas) Geländewagen und fuhren aus der Tiefgarage. Corderoy überlegte, ob er Mani bitten solle, die Zigarette hinauszuwerfen – sein Vater hasste den Geruch, und Corderoy war nicht gerade erpicht darauf, bekennen zu müssen, dass er nun doch nicht mit dem Rauchen aufgehört habe. Stattdessen drehte er beide Fenster herunter, zündete sich selbst eine an und versuchte, nicht mehr daran zu denken, während sie zur Party der Enzyklopädisten in Montauks Haus fuhren.
Mani beugte sich zu Corderoy hinüber und küsste ihn auf die Wange. Sein Gesicht erglühte. Es hatte ein paar Minuten Zeit und genau diesen Kuss gebraucht, um ihn begreifen zu lassen, dass er nicht verhaftet worden war, dass alles bestens war. Und als er es jetzt begriff, durchströmte Wärme seinen ganzen Körper, die Erleichterung darüber, in Sicherheit zu sein, allein, mit einem schönen Mädchen, diesem schönen Mädchen, das ihn erregte, das gefährlich war, dem er nicht böse sein konnte. Einen Augenblick fuhr er schweigend weiter und gab sich ganz diesem Gefühl hin, doch dann gewann seine Verunsicherung langsam wieder die Oberhand.
»Also«, sagte er. »Was war das denn jetzt für ein Scheiß?«
»Wahre Worte. Wie in einem Stück von Beckett. Ich glaube, Bombe und Phil haben angefangen, mit Koks zu dealen. Und die Kohle haben sie in Stephs Wohnung gebunkert. Gewissermaßen neutrales Gebiet für die gemeinsame Kasse. Und gestern Abend hat Phil nachgezählt, und es fehlten 400 Dollar. Phil hat Bombe danach gefragt, und der hat gesagt, ich müsse es genommen haben.«
Corderoy warf ihr einen Blick zu, als wäre sie ein Wechselbalg. Was hast du denn mit der echten Mani gemacht? »Aber wer hat dann …?«
»Bombe hat sich wahrscheinlich selber ein paar 8-Balls reingezogen, und deshalb war das Geld nicht da.«
»Aber was hatte Steph daran für ein Interesse?«
»Keine Ahnung; sie kennt Bombe schon seit Jahren. Und mich erst seit zwei Monaten. Da stand sein Wort gegen meines, und Steph hat entschieden, dass ich gehen müsse.«
»Aber warum hat sie dir das nicht gesagt? Sie hat einfach dein Zeug in einen Müllbeutel gestopft. Das ist doch gestört. Sogar wenn du das Geld genommen hättest –«
»Ich habe es nicht genommen.«
»Das habe ich auch nicht gesagt. Aber es ist doch schon bizarr, dass Steph dich einfach rauswirft und es dir nicht einmal sagt, oder?«
»Was willst du damit sagen?«
»Nichts. Es ist von ihr einfach nur total bizarr.« Corderoy drehte die Klimaanlage ein wenig höher. »Du siehst süß aus, weißt du das?«
»Ich habe das Geld nicht genommen.«
»Sogar mit diesem Bin-Laden-Bart siehst du verdammt sexy aus.«
»Du siehst alt aus«, sagte sie. Eine unerträgliche Sekunde lang schaute sie zum Fenster hinaus. »Aber ich mag ältere Männer.« Sie griff hinüber und rieb ihre Hand über Corderoys Hosenstall, während sie in die 15th Avenue einbogen und nach einem Parkplatz suchten.
Normalerweise hätte Corderoy schon in dem Moment einen Steifen bekommen, wo das leichte Anspannen ihrer Schultermuskeln seinem Unterbewusstsein mitgeteilt hätte, dass sie ihm gleich die Hand zwischen die Beine legen würde. Doch das Lustzentrum in seinem Gehirn war irritiert durch Manis Verkleidung als sexy Bin Laden. Schlimmer noch war der sich verfestigende Gedanke, dass Phil recht habe. Dass er ihr den Laufpass geben und den Schaden begrenzen sollte. Schließlich ging das Ganze ja erst seit zwei Monaten. Und außerdem hatte er von Anfang an die Karten auf den Tisch gelegt und sich ausbedungen, die Beziehung jederzeit beenden zu dürfen. Anfang August würde er zum Studium nach Boston gehen. Das wusste sie. Er hatte es ihr am ersten Abend gesagt, beim vierten Event der Enzyklopädisten. Es wäre also eigentlich eine einfache Entscheidung gewesen, wenn es da nicht ein Problem gegeben hätte: Corderoy liebte Mani – vielleicht – und sie war jetzt obdachlos.

Gavin Ford Kovite

Über Gavin Ford Kovite

Biografie

Gavin Kovite hat in Bagdad von 2004-05 eine Infanterie-Einheit angeführt. Nach seinem aktiven Dienst studierte er an der NYU Jura und arbeitet seitdem als Anwalt der berühmten JAG. .

 

Christopher Gerald Robinson

Über Christopher Gerald Robinson

Biografie

Christopher Robinson hat sowohl an der Boston Universtiy als auch am Hunter College seinen Master gemacht. Nach ersten Veröffentlichungen in literarischen Zeitungen gewann er mehrere literarische Stipendien.

Pressestimmen

WELT am SONNTAG kompakt

»Witzig, klug, voller Wärme - und mit Wikipedia.«

Nordwestschweiz

»So erweist sich das Buch am Ende als faszinierendes, vom fernen Kriegsgeheul untermaltes Porträt einer amerikanischen Jugend, die plötzlich eine fragwürdige Vergangenheit bekommen hat - und sich immer neu dazu zu positionieren sucht. Ungeniert sind die Herren Kovite und Robinson mit ihrem mitreissenden Debüt in die elitäre Phalanx der Big Novellists Jonathan Franzen, Jeffrey Eugenides oder Garth Risk Hallberg eingebrochen. Und so viel scheint schon jetzt sicher: Sie werden sich dauerhaft dort halten.«

Nürnberger Zeitung

»Ein gruseliges, aber sehr nachdenklich machendes Buch, das einem keine Illusionen lässt.«

Freie Presse

»Der Roman überzeugt vor allem wegen der ungeschönten erschütternden Schilderung des Irak-Krieges, der vordem wohl kaum so drastisch in all seiner Sinnlosigkeit verarbeitet worden ist. (...) Immer jedoch ist es unterhaltsam, dem Geschehen zu folgen.«

Sächsische Zeitung

»Es ist guter alter Ami-Stil, solide, bildhaft, kraftvoll und mitunter trocken witzig wie bei Irving, Bellow oder Boyle, hier und da mit einem Hauch Salinger.«

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