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Der Killer im LorbeerDer Killer im LorbeerDer Killer im Lorbeer

Der Killer im Lorbeer

Kriminalroman

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Der Killer im Lorbeer — Inhalt

Im Buchsbaumlabyrinth der pittoresken Grafschaft Gloucestershirewird die Leiche einer Studentin gefunden. Rosemary Daybell leitet die Untersuchungen als resolute Detective Inspector. Unterstützt wird die aus einer Arbeiterfamilie stammende Rosy von ihrem blaublütigen Verlobten Harold Philipp Arthur Escroyne, dem 36. Earl of Sutherly. Während sich Rosy im Zuge der Ermittlungen mit den Liebeswirren zwischen den Verdächtigen herumschlägt, bricht über Arthur eine botanische Katastrophe herein: Ein Parasit hat seinen heißgeliebten Lorbeergarten befallen. Das ungleiche Paar begibt sich auf die Jagd nach den geheimnisvollen Killern. Im Zusammenspiel von Rosys Scharfsinn und Arthurs ungewöhnlicher Beobachtungsgabe kommen sie der Wahrheit allmählich auf die Spur ...

Erschienen am 16.04.2013
Übersetzer: Rudolf Katzer
304 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-86612-351-9
Erschienen am 16.02.2015
Übersetzer: Rudolf Katzer
304 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30479-5
Erschienen am 16.04.2013
Übersetzer: Rudolf Katzer
304 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96195-0

Leseprobe zu »Der Killer im Lorbeer«

1

 

Er pustet den Motor durch, schwarzer Dreck kommt aus dem hochgelegten Auspuffrohr. Mit dem Mittelfinger bedient er den Hebel, der die Baggerschaufel hochfährt. Der hydraulikgetriebene Löffel zieht einen Frauenarm empor. Eine weiße Bluse, blondes Haar, ein weit geöffneter Mund. Mit einem Schrei zuckt der Baggerfahrer zurück. Seine Finger, sonst mit den Schalthebeln verwachsen, hantieren hektisch. Der Körper mit der weißen Bluse wird hochgeschleudert. Ein schwarzer Rock, an den Füßen fehlt ein Schuh. In seiner Panik fürchtet der Baggerfahrer, die [...]

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1

 

Er pustet den Motor durch, schwarzer Dreck kommt aus dem hochgelegten Auspuffrohr. Mit dem Mittelfinger bedient er den Hebel, der die Baggerschaufel hochfährt. Der hydraulikgetriebene Löffel zieht einen Frauenarm empor. Eine weiße Bluse, blondes Haar, ein weit geöffneter Mund. Mit einem Schrei zuckt der Baggerfahrer zurück. Seine Finger, sonst mit den Schalthebeln verwachsen, hantieren hektisch. Der Körper mit der weißen Bluse wird hochgeschleudert. Ein schwarzer Rock, an den Füßen fehlt ein Schuh. In seiner Panik fürchtet der Baggerfahrer, die Wucht des Greifarms könnte die junge Frau verletzt haben. Behutsam senkt er ihn, stellt den Motor ab und beugt sich über das Armaturenbrett. In der Tiefe der Baugrube schimmert die weiße Bluse. Melrose setzt die Mütze ab und wischt sich über die Stirn.n diesem frischen Aprilmorgen steigt der Bag gerführer Melrose auf seine Maschine, verstaut Pausenbrot und Thermoskanne und startet den Diesel. Hinter der Windschutzscheibe steckt ein verblasstes Bildchen. Es zeigt Melrose und seine Familie beim Grillen. Ein Mädchen mit Ponyfrisur hält ihm den Teller hin. Er nimmt ein Würstchen und lacht in die Kamera. Letzte Woche ist das Mädchen mit der Ponyfrisur von zu Hause ausgezogen und lebt jetzt bei seinem Freund. Der Baggerführer lässt seine Frau nicht spüren, wie sehr es ihn schmerzt, dass sie im Haus nur noch zu zweit sind.

»Sie wird im Stau stecken«, sagt Jock, der Polizeiarzt.

»Es ist nur ein Katzensprung von Sutherly hierher.« Der Constable zeigt zum Schloss hoch. »Sogar zu Fuß müsste sie schon da sein.« Er befestigt das blaugelbe Absperrband am Ast eines Strauches.

»Vielleicht springt die alte Karre wieder mal nicht an.« Die Spurensicherung, Onkel und Neffe, packt die Koffer aus. Der Ältere sichert den Fundort, der Jüngere macht die Fotos.

»In sieben Jahren habe ich das nicht erlebt, dass sie zu spät zum Tatort kommt. Wisst ihr noch, wie sie mal mit Gipsbein und Krücken anhumpelte?« Sergeant Bellamy lacht in die Runde, die Kollegen nicken­ nur.

Im Hintergrund hockt der Baggerführer auf der Wiese. Den Kopf in beide Hände gestützt, starrt er zu seinem Arbeitsplatz. Wie ist die Frau bloß in die Baugrube geraten? Wie soll er an diesem Ort je wieder baggern?

Am Gürtel von Sergeant Bellamy klingelt das Diensthandy. »Das wird sie sein!«

Es ist nicht Detective Inspector Daybell am Telefon. Inspector Daybell weiß nichts von der Toten in der Baugrube. Sie ist noch nicht einmal aufgebrochen. Detective Inspector Daybell hat mit mir geschlafen. Sex während der Dienstzeit ist nicht ihre Angewohnheit, doch heute gab Rosemary der Liebe den Vorzug. Es musste sein, und es musste heute sein. Rosy und ich wünschen uns ein Kind.

Mitten auf dem Bett erhebt sie sich in den Kopfstand. Erst beim dritten Versuch gelingt es. Rosy schüttelt und rüttelt sich, damit meine schwimmenden Helden ihren Bestimmungsort sicher erreichen.

Vor einer halben Stunde vibrierte ihr Diensthandy, dann hüpfte es vor zehn Minuten auf dem Frühstückstisch, jetzt vibriert es wieder. Mit einem Handtuch um die Hüften bringe ich Rosy das Telefon. Normalerweise hätte sie die nötigen Aufgaben delegiert und wäre unverzüglich aufgebrochen. Heute verzögert die Kostbarkeit von Rosys Eisprung die Aufklärung eines Mordfalls.

Ich halte der Frau im Kopfstand das Telefon hin. »Die von deiner Dienststelle sollten dich mal so ­sehen.«

Sie presst den Hörer ans Ohr. »Im Labyrinth?«, fragt Rosy. »Und die Todeszeit?« Wie eine Schere klappen ihre Beine auf und zu. »Hat es nachts geregnet? – Weshalb ich nicht abgenommen habe?« Sie sieht mich an. »Ich war in einem Meeting.« Der Turm sinkt in sich zusammen. »Bin gleich da.« Liegend gibt sie mir das Telefon.

»Kauft Bellamy dir das ab?« Ich gehe ins andere Zimmer. »Weiß er von deinen Babyplänen?«

»Meinen Babyplänen?« Von nebenan höre ich präzise Handgriffe. Keine schafft es so schnell in die Klamotten wie Rosemary.

»Unsere«, korrigiere ich. »Natürlich sind es unsere Pläne.«

»Ist noch Tee da?« Auf Socken kommt sie um die Ecke.

Ich schenke ihr eine Tasse ein. Vor der Liebe haben wir uns gestärkt. Verschwenderisch liegt der Frühstückstisch vor uns.

»Was gibt’s denn?«

»Mord im Labyrinth.« Rosy trinkt in kleinen Schlucken.

»Lady Carolines Labyrinth?«

»Ich nehme den Volvo, wenn es dir recht ist.«

»Nimm lieber ein Rosinenbrötchen mit.« Ich will es mit Butter beschmieren.

Sie ignoriert mein Angebot und steckt die Dienstwaffe ein.

»Dinner um sieben?«

Die Hand am Pistolenhalfter, steigt sie auf die ­Zehenspitzen und küsst mich. »Wäre das nicht toll, Arthur? Wäre es nicht großartig, wenn es diesmal geklappt hätte?«

Rosemary ist die Schwertlilie meines Lebens. Die scharf gezähnten Blütenblätter lassen auf ihren brillanten Verstand schließen. Blauviolett wie die Lilie sind Rosemarys Augen. Ihr Blick dringt tief und sieht vieles, was im Verborgenen liegt. Sie ist die stolzeste Blume in meinem Garten. Ich würde ihr so ziemlich jeden Wunsch erfüllen, auch den einen, der mich sprachlos machte, als sie davon anfing. Ich möchte mit Rosy ein Kind. Wäre da nicht das Problem. Sie ist feinfühlig genug, es nicht offen auszusprechen – vermutlich liegt es an mir. Mein Blut ist alt, uralt. Es erzählt von vergangenen Epochen, von Generationen ein und derselben Familie, die dieses Blut bewahrt und fortgezeugt haben. Während der Jahrhunderte hat unser Blut seine Kraft verloren, es pocht nicht mehr so forsch wie früher, als wir Kreuzritter waren, Feldherren, Berater des Königs. Leise fließt das Blut in meinen Adern und macht die natürlichste Sache
der Welt zur Schwierigkeit. Ich bin Harold Philipp Arthur Escroyne, der 36. Earl von Sutherly, und es besteht der Verdacht, ich könnte zeugungsunfähig sein. Wie schlecht es um meinen Stammbaum steht, erfuhr ich im Krankenhaus, als mich eine mütter­liche Krankenschwester, bewaffnet mit einem Plastikbecher, in ein enges, schwach beleuchtetes Zimmer führte. Ich produzierte das Gewünschte, meine Samen wurden auf die Probe gestellt.

Ich könnte dazu in der Lage sein, hieß es. Ich muss nicht unbedingt der Letzte meines Namens sein, durch mich könnten sich die Escroynes auf ­natürlichem Wege fortpflanzen. Fürs Erste ist das Rosys Ziel. Sie lehnt Befruchtungsmethoden ab, die an das Befüllen einer Rumkugel erinnern. Rosemary ist im 38. Lebensjahr. Wie lange werden ihre Geduld und die weibliche Biologie noch auf die natürliche Ejakulation eines Escroyne bauen?

Die alte Lederjacke ist Rosys Uniform. Außer an heißen Sommertagen trägt sie das Ding bei jedem Wetter. Ich habe es ihr geschenkt, nachdem ich das Motorrad verkaufen musste. Rosy behauptet, die ­Jacke rieche nach mir und nach einer wunderbaren Schottlandreise. Solche Sachen behauptet sie einfach.

Ich beobachte ihren Abstieg von meinem Fenster aus. Es sind 106 Stufen vom Eingangstor bis zum Parkplatz. Wer uns besuchen möchte, muss diese 106 Stufen überwinden. Wer eilig von hier fortwill, ist gezwungen, die 106 wackeligen, ausgetretenen Stufen hinunterzuspringen. Rosys Idee, an der Nordseite eine Straße hochzuziehen, werden wir uns nie leisten können.

Sie taucht am Fuß des Schlosses auf und winkt. Sie weiß, dass ich hier stehe und ihr nachschaue, bis unser Kombi unter dem Blätterdach verschwindet. Der Rücksitz und die Ladefläche des alten Volvo sind voller Erde und feuchter Blätter. Im hinteren Fenster klemmt ein abgerissener Quittenzweig. Ich sollte den Wagen wirklich mal sauber machen.

Von meinem Fenster sehe ich weit hinaus, erblicke sogar das Labyrinth im Herzen der Stadt. Es ist ein historischer Formgarten aus Buchsbaumhecken. Man hat ihn Lady Caroline gewidmet, die vor
200 Jahren dort enthauptet wurde. Lady Caroline war eine verheiratete Dame des 17. Jahrhunderts, die sich in dem Irrgarten mit einem jungen Mann traf und von ihrem Ehegatten deshalb einen Kopf kürzer gemacht wurde. Carolines Labyrinth gehört zu den Sehenswürdigkeiten unserer Stadt. Früher war es größer, man konnte sich darin verlaufen. Nach und nach fiel der Garten der wachsenden Bevölkerung zum Opfer. Im letzten Jahrhundert drängten die Wohnhäuser das Labyrinth so weit zurück, dass es heute nur noch aus ein paar Hecken besteht. Es ist ein beliebter Treffpunkt für Liebespaare.

Ich schaue in die Ferne. Sutherly Castle ist der höchste Punkt weit und breit. Es liegt höher als die Ausläufer der Cotswolds, die nördlich von Trench-upon-Water beginnen. Dem Kalksteingebirge, das die Grafschaften Oxford, Gloucester und Warwick durchzieht, verdankt unsere Stadt ihre wenigen Touristen. Ihre bunten Rucksäcke tauchen ab Mai in den Hügeln auf und verschwinden Mitte Oktober wieder aus der Gegend. So gut wie jedes Haus, jede Brücke und die meisten Denkmäler bestehen aus Kalkstein. Sutherly Castle macht da keine Ausnahme.

Die ersten Steine zum Bau der Burg wurden vor 900 Jahren aus dem Berg gehauen. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts verlieh König John Lackland seinem Vasallen Philipp Escroyne für besondere Verdienste im Irlandfeldzug die Grafenwürde. Der Sage nach waren die besonderen Verdienste, die Lady Escroyne dem König erwies, ausschlaggebender für die Erhebung in den Adelsstand. Sutherly wurde als Wehrburg erbaut, Philipp Escroyne unterstützte den König im Kampf gegen die Waliser, die die Festung niemals einnahmen. Später verriet der Earl seinen König und beteiligte sich an der Revolte gegen ihn, nach der John 1215 die Magna Carta unterzeichnen musste.

Die Earls von Sutherly waren lange Zeit machtvolle Ritter und angesehene Ratgeber der Krone. Im 16. Jahrhundert fielen sie bei Edward VI. in Ungnade und verloren seitdem an Bedeutung. In guten Zeiten umfassten ihre Besitzungen 6000 Hektar besten Ackerlandes, ein mittelalterliches Wildgehege, 48 Pachthöfe und einen Anteil am Fluss Severn. Diese Ära ist vorbei. Bei Erhebung des Marktfleckens Sutherly zur Stadt wurde der Ort in Trench-upon-Water umbenannt. Die Güter der Earls von Sutherly sind verloren gegangen, ebenso wie ihr Schatz, dessen Ausmaß in den Erzählungen über die Jahrhunderte immer legendärer wurde. Geblieben sind ein Bettgestell, in dem Queen Elizabeth I. geschlafen haben soll, und das zerschlissene Banner, mit dem der 15. Earl von Sutherly in die Schlacht von Culloden zog. Auf unserer Burg ist bestenfalls der westliche Flügel bewohnbar, das übrige Gebäude ist einsturzgefährdet. Auf Anordnung des Bauamtes mussten die Touristenführungen eingestellt werden. Im Wohnbereich ist das Dach an mehreren Stellen undicht, weswegen Rosy und ich uns mit drei Zimmern begnügen. Geheizt wird mit Strom, außer zu Weihnachten, wenn wir ein prächtiges Feuer im mannshohen Kamin machen, an dem die Escroynes seit eh und je Kastanien rösteten. Ich bin der letzte Spross der Escroynes, ich war der einzige Bewohner auf Sutherly, bis ich Rosemary überredete, bei mir einzuziehen. Sie erwägt, meinen Heiratsantrag anzunehmen, wenngleich sie sich schwer vorstellen kann, als 36. Gräfin Escroyne Polizeidienst zu tun.

Rosy parkt den Volvo auf dem Gehweg neben dem Labyrinth. Entlang der Absperrung geht sie zum Tatort. Zwei Constables fordern die Passanten auf, keine Ansammlung zu bilden. Einer hebt das Plastik­band für Rosy hoch.

»Morgen, Detective.« Er lässt sich nicht anmerken, dass er ihr spätes Eintreffen ungewöhnlich findet.

»Dass du mal einen Mord verpennst«, begrüßt
Sergeant Bellamy sie.

Wenn ich Rosy meine Schwertlilie nenne, muss ich Ralph Bellamy als Petersilie bezeichnen. Er wirkt belebend, er spendet Energie, ohne selbst viel zu verbrauchen. Zugleich regt er seine Vorgesetzte manchmal auf und fördert damit ihre Durchblutung. Rose­mary hält die Sprache für eine stark überschätzte Gabe des Menschen. Der Sprachberieselung des Alltags setzt sie die nüchterne Schönheit eines schweigend gefassten Gedankens entgegen. Vielleicht willigte sie auch deshalb ein, in den stillen, nur vom Wind umspielten Falkenhorst Sutherly zu übersiedeln. Rosy und Ralph verbindet ein Geheimnis, das mit ihrer Beförderung zu tun hat und die beiden auf Gedeih und Verderb zusammenschweißt.

»Die Tote heißt Gwendolyn Perry, fünfundzwanzig, Angestellte. Sie wohnt in der Siedlung da hinten. Gefunden wurde sie um sieben Uhr dreißig von Mr Melrose, Baggerfahrer. Der Mann sitzt dort und ist fertig mit den Nerven. Jock gibt die Todeszeit zwischen elf Uhr und Mitternacht an.«

»Wurde sie in der Baugrube ermordet?« Rosy betrachtet die aufgewühlte Erde.

»Die Spuren weisen eher darauf hin, dass es im Labyrinth passiert ist. Hinter den Büschen.«

»Welche Spuren?«

»Wir haben dort ihren zweiten Schuh gefunden.«

»Fußabdrücke?«

»Ein paar, die sind durch den Kiesboden aber schwer verwertbar.«

Die Leiche war aus ihrer bizarren Lage befreit und neben die Baugrube gebettet worden. Bis zum Abtransport hat die Polizei Abschirmungen errichtet. Rosemary beugt sich über die junge Frau.

An die Momentaufnahme des Todes wird sie sich nie gewöhnen. Gerade waren da noch Jugend, Lebenslust, Neugier auf eine lange Zukunft. Und schon im nächsten Augenblick wird der Zustand festgefroren. Ein Schrei löst die entsetzliche Gewissheit aus, dass alles anders kommen, dass es jetzt enden­ wird.

Miss Perry war eine auffallend hübsche Frau. Für ihr Alter zog sie sich konventionell an. Rock und Bluse, ein flacher Schuh. Die Augen sind ein wenig geschminkt, letzten Abend ist sie wohl aus gewesen. Rosy entdeckt keinen Schmuck, bis auf einen Ring am Finger. Die verdrehten Glieder, die angewinkelten Beine – wer glaubt, dass der Tod dem Schlaf ­ähnelt, täuscht sich. Der Tod zerbricht alles, was einmal war.

Rosemary betrachtet das Blut am Hinterkopf. »Todesursache?«, fragt sie leise.

»Jock vermutete Schädelbruch, doch dafür sind die Schläge nicht heftig genug geführt worden. Es sieht so aus, als ob ihr mit einem harten, scharfen Gegenstand das Rückenmark durchtrennt wurde.«

»Hat ein Kampf stattgefunden?«

»Die Spuren im Kies lassen nicht eindeutig darauf schließen.«

Mit einem Seufzer richtet sich Rosy auf. »Weshalb wird hier gebaggert?« Sie zeigt auf den Graben, der so dicht an den Buchsbaumhecken vorbeiführt, dass einige entwurzelte Büsche in die Baustelle gestürzt sind.

»Wasserrohrbruch, Hauptwasserleitung«, sagt Bellamy. »Sie finden den Fehler nicht. Die buddeln überall im Viertel.«

»Wo war Miss Perry angestellt?«

»Bei den Toddlers. Sie war Kindertagesmutter.«

Rosemary fasst sich an die Brust. Ein Knopf steht offen, verstohlen schließt sie ihn. »Diese Frau gab acht auf kleine Kinder?« Sie stellt sich vor, was sich gerade in ihrem Inneren abspielt. Einen Moment lang muss Rosy lächeln. Der Morgendunst löst sich auf. Sie schaut hinauf nach Sutherly. Die Sonne spielt im Glas der Fensterscheiben.

 

2

 

»Miss Perry war fünfundzwanzig«, sagt Rosy. »Sie war kein Mädchen mehr.«as war ein faszinierendes Mädchen.« Der Vermieter, Mr Hobbs, hat sich für den Besuch der Polizei ein Jackett übergezogen.

»Nein, nein, und doch, eigentlich –« Er zeigt zur Treppe in den ersten Stock, als ob die Tote gleich herunterkommen würde. »Wenn ich eine Fee aus dem Märchen beschreiben müsste, fiele mir Gwendolyn ein.«

»Eine Fee.« Rosy sieht sich im Haus des Witwers um. Die Einrichtung lässt nicht auf einen Romantiker schließen.

»Miss Perrys Mutter lebt in Birmingham.« Ralph schlägt sein Notizbuch auf. »Wissen Sie, wieso ihre Tochter hierhergezogen ist?«

Mit kleinen, unruhigen Schritten geht Mr Hobbs zum Wohnzimmerschrank. »Sie hat es mir erzählt. Ihre Mom hat Miss Perry allein großgezogen. Vor ein paar Jahren lernte die Mutter einen Mann kennen, der es ernst mit ihr meinte. Da fand Gwendolyn es an der Zeit, das heimatliche Nest zu verlassen.« Er öffnet die Glastür. »Sie auch?« Er präsentiert den Polizisten eine Flasche Sherry. »Es ist noch früh, ich weiß. Aber ich muss jetzt. Ich bin sehr … Das war doch eine Nachricht. Gestern noch das blühende Leben, und heute –«

Rosy lehnt das Angebot ab, Ralph wäre nicht abgeneigt. »Warum zog Miss Perry so weit weg von Birmingham?«

»Wegen der Universität natürlich.« Hobbs gießt ein. »Cheltenham, sie studiert in Cheltenham.«

Rosys Blick wandert zu Ralph. »Ich dachte, sie ist Kindergärtnerin.«

»Das sagt der Computer. Das Studienregister habe ich noch nicht gecheckt.«

»Halbtags.« Hobbs trinkt, leckt sich die Lippen. »Sie arbeitete halbtags bei den Toddlers, um sich das Studium zu finanzieren.«

»Was studierte sie?«

»Mehrere Fächer, das weiß ich nicht so genau.«

»Cheltenham? Das heißt also in Francis Close Hall?«

Hobbs nickt.

»Das ist eine Fahrt von zwanzig Minuten. Hat Miss Perry ein Auto?«

»Nein, sie fuhr mit dem Bus. Abends hat manchmal jemand sie heimgebracht. In den Kindergarten ging sie zu Fuß.« Er gießt das Glas noch einmal halb voll.

Ralph wendet sich zur Treppe. »Wenn Miss Perry ausging oder heimkam, konnten Sie das hier unten hören?«

Hobbs tritt vor den Kamin, nimmt das Bild einer Frau mit wehendem Kopftuch vom Sims und bringt es der Kommissarin. »Ethel sagte lange vor ihrem Tod, wenn sie einmal nicht mehr ist, soll ich den ersten Stock vermieten. Aber ich darf nicht zulassen, dass fremde Leute in unserem Haus ein und aus gehen.«

Rosy betrachtet das energische Gesicht auf dem Foto. »Haben Sie Ethels Rat befolgt?«

»Ja, Detective. Ich ließ einen separaten Eingang bauen. Man erreicht ihn nur über die Außentreppe.«

»Haben Sie denn nun mitgekriegt, wann Miss Perry gestern heimkam, oder nicht?« Ralph tritt näher­.

Bevor der Sergeant einen Blick auf das Foto werfen kann, trägt Hobbs es an seinen angestammten Platz zurück. »Gestern war Dienstag. Dienstags ist sie in der Uni. Da wird es später.«

»Wie spät?«

»Meistens geht sie nach der Vorlesung noch aus.«

»Mit wem?«

»Da habe ich nun wirklich nicht die geringste ­Ahnung.« Er wischt sich einen Schweißtropfen von der Schläfe. »Ich habe nichts gehört. Ich weiß nicht, wann sie nach Hause kam.«

»Gehen Sie so früh zu Bett?«

»Nein, aber meistens habe ich beim Fernsehen den Kopfhörer auf.«

»Sie sagten, Miss Perry wurde manchmal heimgebracht. Bekam sie auch Besuch?«

»Nicht, dass ich wüsste.«

»Keine Freundin? Hat ihre Mutter sie nie besucht?«

»Miss Perry hatte keine Freunde im üblichen Sinn.« Hobbs stellt sein Glas ab. Seine Wangen haben einen rosigen Glanz bekommen. »Sie hatte Verehrer. Sie war beliebt, begehrt. Sie war eine Fee.«

Ralph wirft einen Blick auf die halb leere Sherryflasche. »Wurde sie immer von der gleichen Person heimgebracht?«

»Sergeant, ich habe nicht die Angewohnheit, hinter meiner Mieterin herzuspionieren«, antwortet Hobbs mit wachsender Erregung.

»Sie könnten gesehen haben, ob es das gleiche Auto war.«

»Es gab eine Menge Leute, mit denen Miss Perry verkehrte. Ich habe mich nicht weiter darum gekümmert. Ich sage lediglich, dass sie eine ungewöhnliche junge Frau war.«

Rosy bedeutet Ralph, es fürs Erste damit bewenden zu lassen. »Dürfen wir jetzt Miss Perrys Zimmer sehen?«

Der alte Mann wirft einen Blick zum Kamin, als wollte er bei seiner Frau erst die Erlaubnis einholen. »Ich gehe praktisch nie dort hinauf.«

Auf dem oberen Absatz wurde eine neue Wand samt Tür eingebaut. Hobbs schließt auf. Hier ist es sauber, still, der Teppichboden ist dick, man hört die Schritte kaum.

»Gruselig ist das«, murmelt er. »Ein Mensch verschwindet. Gestern war sie noch da, jetzt betreten wir die Räume einer Toten.«

Das Wohnzimmer ist winzig. Eine Couch mit Tisch, ein Fernseher, wenige persönliche Gegenstände.

»Hatte Miss Perry einen Computer?«

»Weshalb?«

»Weil wir dann Einblick gewinnen könnten, mit wem sie verkehrt hat.«

»Sie meinen Internet? Ich habe kein WLAN hier. Miss Perry sagte, das braucht sie nicht. Sie hatte so ein Ding.«

»Ein Handy?«, fragt Ralph. »Wir haben kein Handy bei ihr gefunden.«

»Aber sie hatte eines, das weiß ich. Eines von diesen ganz modernen Dingern.«

Rosy schaut aus dem Fenster. Eine Eisentreppe führt von draußen hoch und endet im Flur. Menschen haben Bücher auf den Regalen oder DVD-­Boxen. Manche bewahren ihre Musik sichtbar auf, als ob sie gute Freunde um sich scharen. Bei manchen liegt ein Tagebuch auf dem Nachttisch, Fotografien an den Wänden erinnern an lieb gewordene Begebenheiten. Bei Miss Perry steht ein Regal, die wenigen Bücher sind alt und abgelesen, oder sie stecken noch in der Klarsichthülle. Keine Lieblingsfilme. Keine CD-Hüllen. Sie könnte Musik auf ihr Smartphone geladen haben, aber es gibt nicht einmal Lautsprecher.

Rosy geht ins Schlafzimmer. Die Wände sind fast kahl. Das Plakat einer Kunstausstellung von Chagall wirkt nicht liebevoll, eher zufällig ausgewählt. Statt Fotos, Zeichnungen, Reiseerinnerungen steht ein riesiger Spiegel gegen die Wand gelehnt. So schräg, dass der Betrachter sich nicht frontal sieht, sondern fast aus der Froschperspektive. Man erscheint größer vor diesem Spiegel, bedeutender. Das Bett ist unberührt, die Vorhänge sind halb zugezogen.

»Sie sehen ja gar nichts.« Mr Hobbs will Licht machen.

»Bitte nichts anfassen«, sagt Ralph. »Unser technisches Team kommt, sobald sie draußen fertig sind.«

Hobbs zieht die Hand vom Lichtschalter zurück.

Rosy bemerkt sich selbst im Spiegel. Mit dieser Frisur hat sie sich auf die Straße getraut? Das sind keine Locken, das sind rotbraune Gewitterwolken. Mutmaßt nicht jeder, der sie sieht, dass diese Frau gerade ihr sexuelles Vergnügen hatte? Die Bluse ist falsch geknöpft, die Jeans hängt an den Hüften. Zum Vorteil einer möglichen Befruchtung will Rosy den Gürtel nicht zu eng ziehen. Darf die Leiterin des Dezernats für Kapitalverbrechen so an die Öffentlichkeit gehen? Ohne Aussicht auf Verbesserung fährt sie sich durchs Haar.

»Kannte Miss Perry das alte Labyrinth?«

»Es war einer ihrer Lieblingsplätze«, antwortet Hobbs. »Wenn sie Zeit hatte, ging sie hin und setzte sich unter die Statue von Lady Caroline.«

Die drei verlassen die Räume, die so wenig Rückschlüsse auf ihre Bewohnerin zulassen. Sollten diese Zimmer ein Spiegel der Seele von Miss Perry sein, muss Rosy Nüchternheit und eine merkwürdige Ichbezogenheit feststellen.

»Danke, Mr Hobbs.« Die Polizisten verabschieden sich.

Auf dem Weg zum Auto fragt Rosemary: »Welchen Eindruck hat er auf dich gemacht?«

»Ich glaube, er hatte eine heimliche Schwäche für die Tote. An einsamen Abenden steigt Mr Hobbs gern mal in den Branntwein. Wahrscheinlich kann er wirklich nicht sagen, ob sie vor ihrem Tod noch einmal heimkam.«

Den Schlüssel in der Hand, bleibt Rosy stehen. »Diese Frau war stark auf sich bezogen. Es scheint, als ob sie ihre Außenwelt nicht weiter an sich he­ranließ als bis zu dieser Eisentreppe.« Sie öffnet die Zentralverriegelung.

»Francis Close Hall?« Ralph steigt ein. »Woher weißt du, wo die Uni in Cheltenham ihren Campus hat?«

»Arthur stöbert dort manchmal in der Bibliothek herum.«

»Bist du dir sicher, dass er nicht unter den blutjungen Studentinnen rumstöbert?«

»Man kann nie wissen.« Rosy lächelt und erinnert­ sich an das Glück, das der frühe Morgen ihr bescherte.

Die Bibliothek ist ein Ort, den ich gern besuche. Ich sollte öfter von dem Angebot Gebrauch machen. Aber wie jeder andere bin auch ich bequem geworden. Wenn ich etwas wissen will, gehe ich online und finde die Antwort in Sekundenschnelle. Bei komplizierten Fragen, die altes Wissen voraussetzen,
ist die ehrwürdige Bibliothek von Cheltenham jedoch genau der rechte Ort.

Bei der Bekämpfung der Schrotschusskrankheit,
die durch den Pilz Stigmina carpophila ausgelöst wird, empfiehlt das Internet zum Beispiel, ein Kupferpräparat zu spritzen. Das ist rigoros, schützt aber nicht vor neuerlichem Befall. Meine Pfirsichbäume erkrankten vor Jahren so schlimm, dass ich den Wuchs um die Hälfte zurückschneiden musste. Durch meine Suche in der Bibliothek habe ich erfahren, dass man dem Pilz am sichersten zu Leibe rückt, indem man rund um den Baum Knoblauch pflanzt. Der Stigmina carpophila verträgt die Ausdünstungen nicht. Düngt man dann noch mit Tonerde und Netzschwefel, ist es um den Pilz geschehen. Entdeckt habe ich das Geheimrezept in einem Buch, das sich Dr. Merediaths Standardwerk nennt. Es erschien 1834 und ist seit Jahrzehnten vergriffen.

Mein Garten. Es gäbe mehr über ihn zu berichten, als zwischen die Deckel eines Buches passt. Der Garten ist Sinnbild des Kosmos auf wenigen Quadratmetern. Das Zusammenspiel von Pflanzen und Insekten­, von Klima und Mensch ist ein Thriller, der Rosemarys Fälle simpel erscheinen lässt. Hier brechen Kämpfe um den besten Platz an der Sonne aus. Das Wasser entscheidet, welche Spezies überlebt, welche die anderen verdrängt. Dürre zwingt zu Genügsamkeit, Überfluss trägt manchmal zur Vernichtung bei. Wer die Sprache des Gartens spricht, wird ein Freund der Stille. Wer die Stimmen des Gartens versteht, zieht sich vor dem Geplärr der Menschen zurück.

Mein Garten wurde zu einer Zeit angelegt, als der 12. Earl von Sutherly mit König William III. gegen die Jakobiten in Schottland kämpfte. Mein Garten überlebte die großen Kriege, mehrere Heuschreckenplagen sowie die Kartoffelfäule 1846. Auf der mittleren Terrasse des Schlosses bildet er ein Areal von 50 mal 60 Yards. Die Erde wurde vor Jahrhunderten händisch heraufgeschafft.

Mein Garten ist halbschattig. Morgens taucht der Burgschatten ihn in blaugraue Farben. Gegen Mittag beginnt die Sonne ihn zu erobern. Sie kitzelt die Stock- und Heckenrosen, die am meisten Wärme brauchen, sie arbeitet sich durch die Irisbeete und den Phlox, erreicht die Königskerzen und den Rittersporn, bis das Licht zuletzt all meine Bäume und Sträucher durchstrahlt, das Topiarium und den mittelalterlichen Blumentempel, der erst im 18. Jahrhundert errichtet wurde. Es ist ein kleiner Garten, verglichen mit dem, was englische Gartenkunst an weitläufiger Pracht hervorgebracht hat. Er erstreckt sich auf dem einzigen Grundstück, das mir verblieben ist. Vielleicht ist der Garten deshalb mehr als ein Aufenthaltsort für mich. Er ist mein Körper, meine Gedanken und Träume, in ihm laufen meine Nervenbahnen, fließt mein Blut.

Der April bietet noch kein Freilandgemüse, doch aus dem Glashaus in der westlichen Ecke werde ich Rhabarber und die ersten Frühlingszwiebel holen, bevor Rosy von der Arbeit kommt. Oft ist es schon dunkel, wenn der Kombi die Serpentinen hochklettert. Manchmal kommt sie so spät, dass ich das Essen­ warm gestellt habe. Auch wenn ich schon im Bett liege, lasse ich es mir nicht nehmen und laufe im Pyjama in die Küche. Wir sitzen beisammen, sie isst, ich mag nicht viel reden und schaue ihr zu. Später schlüpfe ich ins Bett und warte, bis im Bad das Licht ausgeht. Im Dunklen liegen wir beieinander. Es fällt Rosy schwer, die Gedanken abzuschalten. ­Irgendwann geht ihr Atem ruhiger, ihre Hand bleibt in meiner. Manchmal liegen wir noch so, wenn ich nachts das erste Mal aufstehe.

Über Arthur Escroyne

Biografie

Harold Philipp Arthur Escroyne ist der 36. Earl of Sutherly. Nach seinem Kunststudium arbeitete er als Werbegrafiker für einen bekannten englischen Shortbread-Hersteller. Lord Escroyne ist für seine Nacktstängel-Schwertlilienzucht (Iris aphylla) über die Grenzen der Grafschaft hinaus bekannt. Der...

Pressestimmen

Lippische Landes-Zeitung

»Wenig Gänsehaut, aber viel Charme.«

Waldeckische Landeszeitung

»Der Protagonist und Erzähler erscheint liebenswürdig und obskur, das Buch lebt von seinem Wortwitz und den Interaktionen zwischen Escroyne und seiner Rosy. Leicht zu lesen und eine amüsante, kurzweilige Lektüre für einen Regentag, der keine Gartenarbeit erlaubt.«

Cellesche Zeitung

»Ein klassisch-englischer Krimi mit dem gewissen Etwas. Ein fein komponierter, unterhaltsamer Roman.«

Wiener Journal

»Ein ungewöhnliches Buch, ein ungewöhnlicher Autor.«

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