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Der Judaskuss

Der Judaskuss

Sommerdahls zweiter Fall

Taschenbuch
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Der Judaskuss — Inhalt

In einem Vorort der dänischen Kleinstadt Christianssund wird die Leiche eines jungen Mannes gefunden, der mit einem Spaten erschlagen wurde. Kommissar Flemming Torp steht vor einem Rätsel: Es gibt keine Spuren, keinen Verdächtigen und kein Motiv.

Flemmings Freund Dan Sommerdahl, der sich kürzlich als Werbetexter selbstständig gemacht hat, bekommt unterdessen eine E-Mail von seiner Tochter Laura aus dem Internat: Lauras Lieblingslehrerin wurde von einem Heiratsschwindler betrogen. Dan lässt sich überreden, den Hochstapler zu suchen. Während Torp mit seinen Ermittlungen um die Leiche am Strand auf der Stelle tritt, kommt Dan dem Heiratsschwindler auf die Schliche. Nicht ohne Neid muss Torp anerkennen, wie sich sein alter Jugendfreund Sommerdahl zu einem veritablen Ermittler mausert. Als Torp schließlich zähneknirschend zustimmt, mit Sommerdahl zusammenzuarbeiten, nehmen beide Fälle plötzlich eine dramatische Wendung …

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 14.09.2015
Übersetzt von: Ulrich Sonnenberg
480 Seiten, Broschur
EAN 978-3-8333-0973-1

Leseprobe zu »Der Judaskuss«

Balleslev, ein Vorort von Christianssund, Donnerstag, 1. März 2007

Ein junger Igel schnüffelte sich durch eine dicke Schicht fauliger Blätter. Die warmen Tage im Februar hatten ihn einige Wochen zu früh aus dem Winterschlaf erwachen lassen. Jetzt lag die Temperatur um den Gefrierpunkt und der kleine Igel fror. Er musste so viele Kalorien wie möglich zu sich nehmen, um seine Widerstandskraft zu stärken. Der Igel gab sich nicht sonderlich viel Mühe, sich zu verstecken oder leise zu sein. Obwohl er sich in einem Wohngebiet mit vielen Menschen befand, war zu [...]

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Balleslev, ein Vorort von Christianssund, Donnerstag, 1. März 2007

Ein junger Igel schnüffelte sich durch eine dicke Schicht fauliger Blätter. Die warmen Tage im Februar hatten ihn einige Wochen zu früh aus dem Winterschlaf erwachen lassen. Jetzt lag die Temperatur um den Gefrierpunkt und der kleine Igel fror. Er musste so viele Kalorien wie möglich zu sich nehmen, um seine Widerstandskraft zu stärken. Der Igel gab sich nicht sonderlich viel Mühe, sich zu verstecken oder leise zu sein. Obwohl er sich in einem Wohngebiet mit vielen Menschen befand, war zu dieser Tageszeit von den Zweibeinern kein Laut zu hören. Die Vögel schüttelten sich im Schlaf, eine Maus huschte über die Blätter, und unter den Büschen an der Nordseite des Gartens strich eine gestreifte Hauskatze lautlos davon.
Als der Igel einige Meter am Bretterzaun zum Nachbargarten entlanggelaufen war, blieb er einen Moment mit bebender Schnauze an einem Schuppen stehen. Die Tür stand einen Spalt weit offen. Und aus diesem schmalen Spalt strömte ein Geruch, der das hungrige Raubtier neugierig werden ließ. In gewisser Weise roch es nach Nahrung – ein zerquetschter Regenwurm, eine zertretene Schnecke, ein neugeborenes Mäusejunges –, andererseits auch nach etwas ganz anderem. Etwas, das einmal lebendig gewesen war, so viel stand fest ... aber war es essbar? Der Igel lief bis zur Türöffnung. Der Duft wurde stärker, süß und heftig. Das Tier blieb eine Weile an der Tür stehen, schnupperte und schnüffelte. Was immer dort drinnen lag, es war nicht nur tot, es war auch groß. Sehr groß. Viel zu groß für einen kleinen Igel. Schließlich behielt der Überlebensinstinkt die Oberhand über die Neugierde. Der Igel warf einen letzten Blick auf die Tür, drehte dann um und lief verblüffend rasch davon. Wenige Augenblicke später war er durch die Hecke verschwunden, auf der Jagd nach Beute in einer angemessenen Größe.
Es sollten einige Stunden vergehen, bevor andere bemerkten, dass etwas nicht in Ordnung war. Erst im Laufe des Vormittags begannen die Kollegen des Toten, sich zu wundern; so spät kam Mikael normalerweise nie zur Arbeit, hieß es. Sie wiederholten den Satz gegenüber ihrer Chefin, die in immer kürzeren Intervallen ihren Kopf in das Großraumbüro steckte und nach dem jungen Mitarbeiter fragte. Um halb elf hatte Mikaels engste Kollegin mehrfach vergeblich versucht, ihn anzurufen – sowohl auf dem Festnetz wie auf seinem Mobiltelefon. Sie ging zur Direktorin.
»Mir gefällt das nicht«, sagte Lotte.
»Mir auch nicht«, erwiderte die Chefin. »Kannst du nicht hinfahren und nachsehen, ob alles okay ist?« In einem sanften Bogen warf sie einen Autoschlüssel über den Schreibtisch. »Wenn er nicht zu Hause ist, müssen wir bei den Krankenhäusern nachfragen.«
Lotte ging zum Parkplatz, auf dem ein kleiner dunkelblauer Personenwagen mit dem Logo und dem Slogan der Firma stand. Sie fuhr die kurze Strecke bis Balleslev am östlichen Ende von Christianssund. Ein friedliches Viertel, in dem sich große gelb geklinkerte Häuser mit Reihenhäusern hinter weiß lackierten Geländern abwechselten. Das Viertel war überladen mit Immergrün, Thuja, Tannen, Taxus ... Irgendwann in den Sechzigern, als die Leute in die neu gebauten Häuser zogen, hatte man sie als kleine, nette Büsche gepflanzt, jetzt waren sie zu bedrohlichen Monstern herangewachsen, die jeden Sonnenstrahl abschirmten. Lotte parkte vor einem der Reihenhäuser am Kiplings Vænge; am Zaun hing ein kobaltblauer Briefkasten. Sie musste nicht auf das Namensschild sehen, sie war schon einmal hier gewesen; vor ein paar Monaten hatte sie Mikael abgeholt, um mit ihm zu einem zweitägigen Seminar ins Hotel Nyborg Strand zu fahren. Er hatte einen etwas verlegenen Eindruck gemacht, weil er noch immer zu Hause bei seiner Mutter wohnte. Mit Recht, dachte sie jetzt, als sie die wenigen Meter bis zur Haustür ging. Auf jeden Fall hatte er die Chancen vertan, die er bis zu diesem Tag möglicherweise bei ihr gehabt hätte.
Sie hörte die Klingel deutlich, abgesehen davon war es absolut still im Haus. Kein Ton drang heraus, auch nicht, als Lotte ein zweites und drittes Mal klingelte und in die Knie ging, um durch den Briefschlitz zu rufen. Sie blieb in der Hocke sitzen, horchte angestrengt, aber sie hörte kein Lebenszeichen.
Lotte erhob sich und wischte sich etwas Staub von den Knien. Dann trat sie auf den Bürgersteig, wandte sich nach rechts und klingelte an der Tür der Nachbarn. Augenblicklich wurde geöffnet. Lotte war sofort klar, dass der kränklich aussehende Herr sie beobachtet hatte. »Ja?«, fragte er. Ein krankhaft dünner Mann mit papiertrockener Haut und dunklen Rändern unter den Augen.
»Entschuldigen Sie die Störung«, sagte sie mit einem Lächeln, von dem sie hoffte, dass es entwaffnend wirkte. »Mein Name ist Lotte Bendtsen, ich bin eine Kollegin von Mikael. Also dem Sohn aus dem Haus Nr.14.« Ihre ausgestreckte Hand blieb unbeachtet in der Luft hängen. Sie ließ sie fallen. »Ich dachte, vielleicht wissen Sie ...«
»Sie sind verreist«, antwortete der Mann und schob die Tür zu.
Lotte legte eine Hand auf die Klinke, um noch ein paar Sekunden herauszuschinden. »Beide?«
»Der Sohn arbeitet. Das werden Sie doch wohl wissen, als seine ... Kollegin.« Er ließ das Wort wie eine besonders große Unterstellung klingen.
»Nun ja, das ist es ja gerade ...« Lotte hielt noch immer die Klinke fest. »Er ist nicht zur Arbeit erschienen, und nun sind wir ein wenig beunruhigt.«
»Ich weiß nichts. Gehen Sie!« Diesmal warf er die Tür zu. Lotte blieb stehen und starrte auf das gelb getönte Reliefglas des kleinen Gucklochs. Sie hätte dieses hässliche Fenster gern eingeschlagen und diesem Muffelkopp irgendetwas Kindisches zugeschrien, aber sie behielt die Fassung und ging zurück zum Auto.
Eine Weile betrachtete sie die Seite an Seite in einer geschlossenen Zeile stehenden Häuser. Man konnte nicht um sie herumgehen. Um vom Vorgarten in den Garten hinter dem Haus zu kommen, musste man durchs Haus. Was machten die Leute bloß, wenn sie vorne und hinten den Rasen mähen wollten? Schleppten sie den Rasenmäher über die Auslegeware und fuhren mit dem Staubsauger hinterher? Lotte konnte es sich nicht vorstellen. Es musste einen anderen Weg in die Gärten hinter den Häusern geben. Sie ging bis zum Ende der Straße und bog um die Ecke. Und richtig. Auf der Rückseite verlief ein breiter Weg, der auf beiden Seiten von hohen Bretterzäunen mit Pforten zu den Häusern begrenzt wurde. Auf jeder einzelnen Pforte standen sorgfältig Straßenname und Hausnummer, die meisten waren mit soliden Hängeschlössern gesichert. Als Lotte die Pforte zu Nr.14 offen stehen sah, war sie so erleichtert, dass sie vollkommen vergaß, sich darüber Gedanken zu machen, warum das Hängeschloss und der Riegel, der eingerastet sein sollte, auf dem Boden lagen. Die Teile waren noch immer zusammengeschlossen, und die acht Schrauben steckten noch in ihren Löchern – als hätte jemand das ganze Schloss mit einem Ruck herausgehebelt.
Vorsichtig betrat Lotte den Gartenweg, wobei sie auf Reaktionen hinter den Fenstern des Hauses achtete. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie sich im Nachbarhaus eine Gardine bewegte. Das Risiko, dass jeden Moment die Polizei auftauchen und sie festnehmen könnte, ließ sie innehalten. Schließlich schüttelte sie dieses Gefühl ab und ging weiter auf das Haus zu. Sie legte die Hände um die Augen und drückte ihr Gesicht ans Fenster des Erdgeschosses. Ein Wohnzimmer. Ziemlich anonym. Schwarze Ledermöbel. Ein überdimensionierter Flachbild-Fernseher, violette Usambaraveilchen auf dem Fensterbrett. Auf dem Glastisch standen ein benutzter Teller, ein fast leeres Glas Milch und ein zusammengeknülltes Stück Küchenrolle. Sie klopfte mit den Knöcheln an die Scheibe und rief nach Mikael, es gab keine Reaktion. Einen Moment überlegte Lotte, den Gartentisch an die Mauer zu schieben und einen Stuhl daraufzustellen, um hinaufzuklettern und einen Blick ins Fenster des ersten Stocks werfen zu können, gab den Plan jedoch sofort wieder auf. Sollte der Idiot von nebenan wirklich die Polizei gerufen haben, wäre es nicht gerade hilfreich, wenn die Ordnungshüter sie auf einer provisorischen Leiter fänden. Erst als sie zurück zur Pforte ging, bemerkte sie den grün gestrichenen, von Efeu überwucherten Schuppen, der sich kaum vom Gebüsch in der hintersten Ecke des Gartens unterschied. Die Tür des Schuppens stand einen Spalt weit auf, und noch bevor sie es bereuen konnte, hatte Lotte zugegriffen. Langsam drehte sich die Tür nach außen und gab den ungeschützten Blick ins Innere frei. Was auf dem Boden lag, war klar zu erkennen.
Mit einem Krachen knallte die Schuppentür wieder zu, und Lottes hysterischer Schrei übertönte für einen Moment das Geräusch der sich nähernden Sirenen. Vorbei war es mit dem Frieden am Kiplings Vænge. Unablässig kamen und gingen für den Rest des Tages fremde Menschen, die hinter den Absperrungen zu tun hatten, während die Anwohner und eine Gruppe Journalisten die Aktivitäten von der anderen Seite des rot-weißen Absperrbandes verfolgten. Kriminaltechniker, Rechtsmediziner, Polizeifotografen, Sanitäter, Kriminalbeamte in Zivil. Selbst diejenigen, die mit alldem nicht zu tun haben wollten, konnten sich nicht entziehen. Der unwirsche Nachbar, der, wie sich herausstellte, nierenkrank war, wurde im Laufe des Tages mehrfach vernommen; und auch Lotte musste eine gründliche Erklärung und ihre Fingerabdrücke abgeben, bevor sie auf Anraten des Arztes etwas zur Beruhigung einnehmen durfte.
Abgesehen von der Mutter des Toten, die zutiefst schockiert aus einem Bibelcamp abgeholt werden musste, war Lotte von den Ereignissen am meisten gezeichnet. Der Anblick von Mikael Kjeldsens Leiche hatte sich auf ihre Netzhaut gebrannt; sie würde diesen Anblick nie wieder vergessen, wie viele Psychologen und Therapeuten ihr auch zu helfen versuchten. Obwohl sie es nie zugegeben hätte, war sie doch erleichtert, das Gesicht des toten Mikael nicht gesehen zu haben. Sie wagte nicht daran zu denken, wie es gewesen wäre, in seine leeren blauen Augen zu schauen und ein letztes Mal den spärlichen Ansatz seines Schnurrbarts zu sehen. Die Leiche hatte auf dem Bauch gelegen, mit den Beinen an der Tür, umgeben von zerschlagenen Blumentöpfen, halb abgespulten Bindfadenrollen und einer Menge Blumenstäbe in verschiedenen Längen. Sein linker Arm steckte unter dem Schenkel, der rechte ragte nach vorn, in einem hässlichen Winkel an die Wand des Schuppens gedrückt. Dort, wo sein Kopf hätte sein sollen, lag ein grauer massiver Kasten, ein ausgemusterter alter Computerbildschirm der großen und unhandlichen Sorte. Was wog so ein Ding? Acht Kilo? Zehn? In einem Chaos aus Blut, Glassplittern, Knochenstümpfen und Hirnmasse lag der Bildschirm so dicht auf dem Betonboden, dass darunter unmöglich Platz für einen Kopf sein konnte. Irgendjemand hatte den schweren Bildschirm mit großer Kraft auf Mikaels Hinterkopf geschlagen, vielleicht, als er gerade etwas von einem der Regalbretter nehmen wollte. Sie könnte versuchen, das Bild seines misshandelten Körpers zu verdrängen, aber sie wusste, dass es ihr nie gelingen würde.
Auch den Anblick des Bluts würde sie nicht vergessen. Es war überall, bedeckte den Boden, durchtränkte seine Jogginghose und das T-Shirt; es hatte die Bretterwände bespritzt und den Rasenmäher die Farbe wechseln lassen – als hätte ihn jemand schwarzrot angesprüht. Und dann war da noch dieser Geruch: stickig, süßlich, metallisch. Wie der Geruch, der von einem vakuumverpackten Rinderfilet aufsteigt, wenn die Plastikhülle aufgeschnitten wird. Nie wieder würde sie sich einen Splatterfilm ansehen können, dachte sie, und als hässliche Assoziation ging ihr noch ein unerquicklicher Gedanke durch den Kopf: Wer würde den Schuppen später sauber machen? Der Mutter war doch keinesfalls zuzumuten, die makabren Reste ihres einzigen Kindes selbst zu entfernen? Wäre Lotte etwas robuster gewesen, hätte sie möglicherweise ihre Hilfe angeboten, aber so, wie die Sache im Moment stand, musste sie um ihrer selbst willen möglichst großen Abstand halten.
Bevor sie endlich einschlief, dachte sie noch kurz an das merkwürdig filigrane Muster auf den Fliesen vor dem Schuppen: eine feine glänzende, schwarzrote Bordüre von kleinen Pfoten – wie die Spur eines sehr kleinen Tiers, das dem Schuppen etwas zu nahe gekommen war, als das Blut noch nicht geronnen war.


Erster Teil

Samstag, 3. März 2007
Die ersten blassen Strahlen der Morgensonne bahnten sich ihren Weg zwischen den Lamellen der Jalousie; sie trafen auf das Fußende des Betts und den Rand des herunterhängenden Lakens, das den Boden streifte. Ursula hatte Rückenschmerzen, aber bewegen wollte sie sich auch nicht, um nicht zu riskieren, ihn zu wecken. Sie wollte den Anblick ihres jungen Liebhabers genießen, ohne dass er es wusste. Wenn er bemerkte, dass sie ihn betrachtete, würde er sie möglicherweise ebenfalls anschauen wollen. Und sie mochte nicht, dass jemand ihre nackte Haut bei Tageslicht sah. Er musste nicht unbedingt auf den Kontrast zwischen ihrer schlaffen, mit Sommersprossen übersäten Hülle und seiner eigenen seidenweichen Haut aufmerksam gemacht werden. Straff und geschmeidig umgab sie ihn, jeder einzelne Muskel, jede Sehne, jeder Knochenvorsprung zeichnete sich so scharf ab, als wäre er aus marzipanfarbenem Marmor gehauen. Jedes Mal, wenn sie ihr eigenes weiches, schlaffes Bauchfell mit seinem flachen, harten Unterleib verglich, zog sich etwas in ihr zusammen. Ihr wabbliges Oberarmfleisch gegen seinen wohldefinierten Bizeps. Ihre dreiundfünfzig Jahre gegen seine neunundzwanzig.
Diese Zeit am frühen Morgen war so kostbar. Aus Furcht, den Zauber zu brechen, wagte sie kaum zu atmen.
Plötzlich öffnete Jakob die Augen. Sie waren auf sie gerichtet, allerdings ließ sich ihr Ausdruck nur schwer erkennen. Sein Gesicht befand sich nur fünfzehn Zentimeter von ihrem entfernt, viel zu nah, um etwas anderes von ihm zu sehen als ein unscharfes Bild. Normalerweise trug Ursula ihre Lesebrille nicht im Bett; ein Impuls sagte ihr, den Kopf zurückzunehmen und die Augen scharf zu stellen, doch sie bekämpfte den Drang und lächelte stattdessen versuchsweise. Seine hübschen grüngrauen Augen schlossen sich wieder, ohne dass er eine Miene verzogen hätte. Falscher Alarm. Er schlief noch. Er schmatzte ein paarmal im Schlaf, drehte ihr den Rücken zu und zog bei dieser Bewegung die gesamte Bettdecke mit sich. Nicht, dass es ihr etwas ausgemacht hätte. Ihre Hitzewallungen würden sie schon warm halten, obwohl sie nun ungeschützt und nur mit einem dünnen Nachthemd bekleidet im Bett lag.
Vorsichtig brachte Ursula sich in eine angenehmere Position, die Schmerzen im Rücken ließen schlagartig nach. Sie seufzte erleichtert, wippte mit den Füßen und spürte sofort, wie das Blut freier durch die Adern floss. Sie zwang sich, ruhig und entspannt zu atmen, darauf zu vertrauen, dass er nicht im Laufe der nächsten Stunde erwachte. Sie schätzte die Stille dieser frühen Morgenstunden, des einzigen Zeitpunkts am Tag, an dem sie ungestört über ihr einzigartiges Glück nachdenken konnte.
Ursula Olesen kannte Jakob Heurlin seit vier Monaten, einer Woche und zwei Tagen, und in dieser Zeit hatte es tatsächlich keine wache Minute gegeben, in der sie nicht an ihn gedacht hatte. Wenn sie unterrichtete, wenn sie fernsah, wenn sie aß, trank oder auf die Toilette ging. Alles erinnerte an ihn. Das Gefühl des Stoffs auf der Haut, wenn sie morgens eine frisch gebügelte Bluse über den Kopf gleiten ließ, die Stimmen der Nachrichten durch die geschlossene Küchentür, der Geschmack von trockenen Zimtschnecken, der Anblick eines türkisfarbenen Pinselstrichs auf einer weißen Leinwand. Ihre Sinne hatten ihn verschlungen, so wie ihr Körper ihn empfangen hatte und mit seinem eins geworden war. Er war in sie übergegangen, ein Teil von ihr.
Natürlich hatte Ursula schon geliebt. Genug, um zweimal verheiratet gewesen zu sein; genug, um ihre Tochter Anemone bekommen und untröstlich geheult zu haben, als ihre Ehen vorbei waren. Aber nie, niemals wie jetzt. Nie zuvor hatte sie es wie Magie empfunden, wie ein ... nun ja, Wunder. An diesem Wort kam man nicht vorbei, dachte sie und ließ die Augen über Jakobs nackten Rücken gleiten. Die Sonnenstrahlen strichen nun über ein Schulterblatt, den Nacken und die sich deutlich abzeichnenden Muskeln auf jeder Seite des perfekten Bogens seiner Wirbelsäule. Er hatte eine kleine, längliche Tätowierung auf der rechten Schulter, ein indisch aussehendes Wort.
Es bedeutet ›Farbe‹, hatte er gesagt. Eine einleuchtende Wahl für einen Mann, der sein Leben der Malerei gewidmet hatte. Oder besser: den Materialien der Malerei. Das hatte sie zusammengebracht: ihr gemeinsames, glühendes Interesse für die Kunst.
Ursula hatte den größten Teil ihres Lebens Kunst und Fotografie an Abendschulen und einer technischen Schule unterrichtet. Nach ihrer zweiten Scheidung vor zwölf Jahren hatte sie sich am Egebjerg-Internat beworben und die Stelle bekommen – ein Job mit einer dazugehörigen Wohnung für sie und ihre Tochter. Als Anemone vor ein paar Jahren nach Berlin gezogen war, um zu studieren, hatte sie die Wohnung zunächst als ein bisschen leer empfunden. Allerdings fiel es schwer, sich richtig einsam zu fühlen, wenn man mit achtzig bis neunzig Schülern und elf Lehrerkollegen zusammen lebte, bei denen es sich mehr oder weniger automatisch auch um ein enges privates Umfeld handelte. Das Leben als Alleinstehende hatte Ursula daher auch nicht nennenswert gestört, nachdem die erste Umstellungsphase vorbei war. Sie hatte sich ohne allzu großen Verdruss darauf eingestellt, für den Rest ihres Lebens allein zu leben.
Hübsch war sie nicht, jedenfalls nicht in ihren eigenen Augen. Doch ihr volles hennafarbenes Haar, das zu einem exakten Pagenkopf frisiert war, ihre humorvollen braunen Augen und ihre flinken, energischen Bewegungen machten sie zu einer faszinierenden Person, die beachtet wurde. Ursula Olesen war eine Frau, die andere Menschen gern kennenlernen wollten, und Jahrgang für Jahrgang war sie die Lieblingslehrerin ihrer Schüler, obwohl sie selbst nicht richtig verstand, warum.
An einem Montag Ende Oktober, vor vier Monaten, einer Woche und fünf Tagen, hatte Ursula die E-Mail einer Firma namens Future Colours bekommen. Eigentlich wollte sie sofort auf die Löschtaste drücken. Sie bekam so viele Reklamemails von Händlern mit Kunstbedarf, und allen war gemeinsam, dass sie die Budgets von Internaten grob überschätzten. Sie wollte keinen weiteren potenziellen Lieferanten enttäuschen. Trotzdem ließ sie das freundliche kurze Anschreiben neugierig werden. Der Inhaber der Firma, ein Jakob Heurlin, lud das Egebjerg-Internat ein, eine neue Serie Acrylfarben gratis zu testen. Future-Farben wären, so erklärte Herr Heurlin, ökologisch, lichtecht und trotzdem so billig, dass auch Lehranstalten mit verhältnismäßig bescheidenem Materialbudget sie sich leisten konnten.
Ursula traf einen raschen Entschluss und lud den Firmeninhaber zu einem Treffen drei Tage später ein. Der Donnerstagnachmittag war für administrative Dinge, Aufräumen, Planung und Ähnliches reserviert, warum nicht auch für ein Gespräch über Farben, dachte sie und klickte auf das Senden-Symbol. Sollte Heurlins Projekt völlig aussichtslos sein, würde sie ihn schon schnell wieder rausschmeißen.
Am Donnerstag hatte sie um vierzehn Uhr hinter der Gardine im Schulatelier gestanden und ihn aus dem Auto steigen sehen, einem etwas betagten Lieferwagen mit dem Logo von Future Colours auf der Seite. Hatte sie sich sofort in ihn verliebt? Oder passierte es in dem Augenblick, als er die Wagentür zuwarf und sie zum ersten Mal von seinem schimmernden blonden Haar geblendet wurde? Oder als er pfeifend die Hintertür seines Wagens öffnete und einen offensichtlich schweren Pappkarton auf eine verschrammte gelbe Sackkarre hob? Oder als er mit ruhigen, entspannten Bewegungen die Karre den Plattenweg hinaufschob und sie bemerkte, wie jung er war? Nein, dachte sie, erst einige Sekunden später war es passiert. Als er die Tür öffnete und sie sich gegenüberstanden. Sein Lächeln zog sich bis in die Augen, es sah aus, als würde die grüne Iris eine Spur farbintensiver, als er zum allerersten Mal seinen Blick auf sie richtete. Obwohl das wohl kaum möglich war.
Er hatte die Sackkarre in ihren Unterrichtsraum gewuchtet und ihre Hand gedrückt. Ihr in die Augen gesehen. Gelächelt. Und gelächelt. Hinterher hatte er behauptet, auch bei ihm sei es Liebe auf den ersten Blick gewesen, aber das konnte Ursula sich kaum vorstellen. Sie selbst war so überwältigt, dass sie Angst hatte zu stolpern, als sie seine Hand losließ und den Augenkontakt unterbrach. Sie hatte sich an einen Arbeitstisch stützen müssen, bevor sie sich umdrehte und zu dem kleinen Erker vorausging, in dem sie normalerweise ihre kleinen, informellen Gespräche mit Schülerinnen führte, wenn eine nach der anderen kam und über ihre Lieben, ihr Heimweh oder ihre Examensängste reden wollte – und am Ende des Schuljahres über ihren Kummer, weil die Zeit auf dem Internat bald vorbei sein würde.
»Kaffee?« Sie hatte bereits Tassen und eine Thermoskanne auf den niedrigen Tisch gestellt. Das Fensterbrett des Erkers stand voller Grünpflanzen, Asparagus, Grünlilien, Paradiesbäume.
»Sehr gemütlich haben Sie es hier«, hatte Jakob gesagt und eine Hand sanft über den Rücken eines Sessels gleiten lassen. Seine Finger waren lang und schmal, die Nägel sehr sauber. Wieder lächelte er, und Ursula musste sich hastig setzen, um nicht übergriffig zu werden. Du benimmst dich ja lächerlich, schimpfte sie mit sich. Wie eine liederliche Alte. Schluss jetzt.
»Nehmen Sie etwas in den Kaffee?« Ihre Hand zitterte ein wenig, als sie ihm die gefüllte Tasse reichte.
»Nein, danke.« Seine Finger streiften ihre Hand, und sie hatte das Gefühl, als würde sie sich jeden Moment auflösen.
Jakob fing an, seine ökologischen Farben zu beschreiben, zog einen Plastikbehälter nach dem anderen aus dem Karton und zeigte ihr die hübschen Etiketten im englisch-romantischen Stil. Dass seine Produkte frei von giftigen Substanzen waren, demonstrierte er, indem er den Deckel von einer grünen Farbe schraubte, die Spitze seines Zeigefingers in die Farbe steckte und sie ableckte. Lächelnd sah er ihr dabei in die Augen. Die Bewegung hatte nichts bewusst Erotisches, nichts Schlüpfriges, es war kein aufdringlicher Flirt. Trotzdem zielte sie direkt auf Ursulas Unterleib, der sich inzwischen in einem Zustand befand, in dem sie es nur im äußersten Notfall wagen konnte aufzustehen.
»Urs?« Ein junges Mädchen stürmte zur Tür herein und blieb abrupt stehen, als sie Jakob Heurlin bemerkte. »Entschuldigung! Ich komme später noch mal wieder«, sagte sie und begann ihren Rückzug.
»Komm ruhig herein, Laura«, rief Ursula. Ein wenig Ablenkung konnte nicht schaden. »Das ist Jakob Heurlin, der sehr schöne Farben herstellt ...« Er erhob sich halb und streckte die Hand aus. »... und das ist Laura Sommerdahl, die praktisch ihre gesamte Freizeit nutzt, um zu malen. Sie wird höchstwahrscheinlich Ihre erste Testpilotin, Jakob.«
Heurlin und die Internatsschülerin gaben sich die Hand und murmelten einen Gruß. Ursula registrierte, dass Jakob nicht mehr als höfliches Interesse für die attraktive Siebzehnjährige zeigte, die mit ihrem nackten, flachen Bauch, ihren mandelförmigen Augen und ihrem ranken, eleganten Hals mehr als einen Blick wert war. Vielleicht ist er schwul, schoss ihr plötzlich durch den Kopf. Ja, das musste die Erklärung sein. Schwule flirten immer mit älteren Frauen. Das ist so herrlich unverbindlich für beide Seiten. In gewisser Weise war sie von ihrer Erkenntnis enttäuscht, auf der anderen Seite aber auch erleichtert. Es war schon in Ordnung, sich ein bisschen in einen jungen Mann zu vergucken, wenn die Beziehung von vornherein unmöglich war. So wie über Robbie Williams oder Orlando Bloom zu fantasieren. Allerdings nicht über Frederik Gulløv, den jungen, heterosexuellen und tatsächlich existenten Englischlehrer der Schule.
Laura bekam den Rat, den sie brauchte; allerdings konnte sich Ursula jetzt, ein knappes halbes Jahr später, nicht mehr daran erinnern, was ihre Schülerin tatsächlich wollte – obwohl sich eigentlich jedes einzelne Detail dieses Tages in ihr Gehirn eingebrannt hatte. Die Begegnung mit Jakob sollte eine Viertelstunde später eigentlich beendet werden. Er stand auf, ließ den Pappkarton mit den Farben und Broschüren stehen, die Sackkarre zog er hinter sich her zur Tür, wo er sich umdrehte und ihr die Hand gab. Wie es dann dazu kam, dass sie plötzlich an der offenen Tür zum Hof standen und sich leidenschaftlich küssten, konnte keiner der beiden glaubwürdig erklären, obwohl sie dieses Thema wieder und wieder diskutiert hatten. Aber nichtsdestoweniger war genau dies geschehen. Und der Kuss hatte sich in einem langen, atemlosen Verlauf zu erheblich mehr entwickelt. Erst auf dem Arbeitstisch zwischen halb feuchten Klumpen aus ungebranntem Ton und einem Haufen alter Lappen – Ursula war zumindest so geistesgegenwärtig gewesen, die Tür zuzutreten –, dann oben in ihrer Wohnung, auf ihrem Sofa und auf ihrem schmalen Doppelbett. Seit diesem Tag lebte Jakob praktisch bei ihr, abgesehen von einem Tag zu Beginn ihrer Beziehung, nach knapp einer Woche. Er hatte nicht gesagt, wohin er wollte. Nur, dass er am nächsten Abend zurück sein werde. Sie hatte ihn vermisst, sie wurde fast krank, überzeugt, ihn nie wiederzusehen. Doch am nächsten Tag kam er wie versprochen zurück. Mit zwei Koffern und einem Umzugskarton. Er sah unglaublich müde aus, als er die Sackkarre mit seinen Habseligkeiten den Plattenweg hochschob. Müde und verschlossen, weit weg in seinen eigenen düsteren Gedanken. Ursula vermutete, er sei daheim in Middelfart gewesen, um die Beziehung zu einer Frau oder Freundin zu beenden. Vielleicht hatte er sogar Kinder? Sie wusste es nicht. Er hätte ihr sicher erzählt, was er aufgeben musste, um mit ihr zusammen sein zu können, aber sie hatte es nie über sich gebracht, ihn zu fragen. Als würde allein die Frage den Zauber brechen. Nicht einmal in ihrem langen, wunderschönen Winterurlaub in Südfrankreich, wo er mehrmals ein paar Schritte zur Seite getreten war, um Anrufe auf seinem Handy entgegenzunehmen, hatte sie ihn gefragt. Obwohl er jedes Mal traurig und geradezu aufgelöst zurückgekommen war. Sie hatte ihn umarmt, ihn geneckt, ihn zum Lachen gebracht und mit ihm geschlafen, bis er vergessen hatte, was immer er vergessen musste.
Und jetzt? Ursula drehte den Kopf und sah, wie die Sonnenstrahlen seinen Schenkel erreichten. Im Grunde war sie so glücklich wie nie zuvor. Noch immer hatte sie nicht das Gefühl, diese ganze Seligkeit verdient zu haben; sie verstand nicht, warum er gerade sie gewählt hatte, er hätte doch jede bekommen können, auf die er mit dem Finger zeigte. Aber sie hatte allmählich gelernt, es als Tatsache zu akzeptieren. Sie war so glücklich, dass sie zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren wieder darüber nachdachte, ob sie das Leben im Internat vielleicht an einem nicht allzu fernen Tag doch beenden sollte. Vielleicht sollten Jakob und sie den Traum Wirklichkeit werden lassen, den sie sich in den langen Nächten ausgesponnen hatten, in denen sie dalagen und dösten, eifersüchtig auf den Schlaf des anderen, der sie zeitweilig auseinanderbringen würde. Wenn sie diesen Traum wahr werden ließen, war es egal, ob in ihrem Vertrag stand, dass sie ab einem bestimmten Alter aufhören konnte. Sie könnte für den Rest ihres Lebens mit etwas arbeiten, das sie begeisterte und wozu sie sich eignete. Und das Beste: Sie konnte zusammen mit dem Mann arbeiten, den sie liebte.
Ursula beschloss, sich am nächsten Tag ernsthaft mit der Sache zu befassen. Es war kein Entschluss, den man treffen konnte, ohne vorher sorgfältig nachzudenken.

Sonntag, 4. März 2007
»Wie heißen die, Urs?« Jakob zeigte auf ein paar blassviolette, unansehnliche Blumen.
»Märzveilchen.« Sie ging in die Hocke und pflückte eins. »Sind ziemlich viele, was?«
Er reichte ihr eine Hand, sie griff dankbar danach und ließ sich hochziehen. Sie steckte ihm das Veilchen ins Knopfloch und küsste ihn flüchtig auf die Wange. »Komm«, sagte sie. »Soweit ich mich erinnern kann, steht die tollste Bank mit Aussicht gleich hinter der nächsten Biegung.« Auf dem schmalen Pfad am Rand der Klippe konnten sie nicht Hand in Hand gehen, sondern mussten im Gänsemarsch laufen; Ursula vorn, Jakob dahinter.
Die Bank stand dort, wo sie immer gestanden hatte, sie ließen sich nebeneinander fallen. Wenige Meter vor ihren Schuhspitzen hörte das Gras abrupt auf und ein beinahe senkrechter Sandsteilhang führte direkt ins Wasser des Kattegats, das heute die gleiche grüngraue Nuance hatte wie Jakobs Augen.
Er nahm ihren linken Handschuh und zog sich seinen rechten aus, sodass ihre bloßen Hände sich in seiner Jackentasche berührten. »Worüber wolltest du mit mir reden, Urs?«
Sie seufzte und legte ihre Wange an seine Schulter. »Ich habe dich belogen, Jakob.«
»Hm?« Sein Tonfall war neutral.
»Oder, nein, nicht direkt belogen. Ich habe dir etwas verschwiegen.«
»Das machen wir doch alle, oder? Das ist ein Menschenrecht.«
»Na ja, aber ...« Sie drückte seine Hand in der warmen Jackentasche. »Ich bin nur nicht sonderlich stolz auf meine Motive ... Ich wollte nicht, dass du ... Ich habe mir gern eingebildet, dass du bei mir bleibst wegen ... ja ... wegen mir. Und dann kam mir der Gedanke, dass ich den Rest unseres gemeinsamen Lebens glauben würde, du hättest mich nur deshalb genommen, weil ich dir von dem Geld erzählt habe, und ...«
Jakob schüttelte den Kopf. »Bisher habe ich keine Ahnung, was du mir eigentlich sagen willst.«
Ursula antwortete nicht. Sie traute ihrer eigenen Stimme nicht.
»Urs?« Jakob klang besorgt. »Was für Geld? Und warum um alles in der Welt sollte ich nicht bei dir bleiben?« Er zog ihre Hand aus der Tasche und führte sie an seinen Mund, sodass die nächsten Worte sich wie ein warmer Flügelschlag an ihrem Handrücken anfühlten. »Am besten, du atmest tief durch und fängst noch einmal von vorn an, ja?«
Sie tat ihr Bestes, wirklich. Trotzdem dauerte es eine Minute, bevor sie ihre Gefühle so weit im Griff hatte, dass sie fortfahren konnte. »Okay.« Sie richtete sich auf und drehte sich so, dass sie ihm ins Gesicht sehen konnte. »Vor anderthalb Jahren habe ich sehr viel Geld im Lotto gewonnen. 11,3 Millionen Kronen, um genau zu sein.«
»Wow!«
»Ja, nicht? Wow!« Sie setzte ein schiefes Lächeln auf. »Ich habe es nur einem einzigen Menschen auf der Welt erzählt, Anemone. Und sie habe ich lediglich eingeweiht, weil ich es musste.«
»Du musstest?«
»Eigentlich brauchte ich den Gewinn nicht. Ich bin glücklich mit meinem Job, meiner Wohnung, meinem alten Auto ... Meine Eltern haben Geld genug, irgendwann werde ich sogar erben. Ich habe nie von einem Nerz geträumt. Nein, ich beschloss, das Geld auf einem hochverzinslichen Konto anzulegen und nicht anzurühren, bis ich eines Tages pensioniert werde oder das plötzliche Bedürfnis nach einer Weltreise habe.«
»Was ist mit Anemone?«
»Ja, sie brauchte durchaus Geld. Eine Menge Geld. Sie hatte gerade angefangen, mit Videound Computerkunst zu arbeiten, und die Ausrüstung war teuer. Sie hatte eine kleine, ganz ordentliche Wohnung in Berlin, die allerdings nicht ausreichte; sie hatte Probleme, einen Platz für ihre Sachen zu finden und das Ganze zum Laufen zu bringen. Ich entschloss mich, Anemone eine Wohnung zu kaufen und ihr ein Konto mit festen, monatlichen Überweisungen einzurichten.«
»In Berlin?«
»In Prenzlauer Berg. Ich habe ihr eine zweigeschossige Atelierwohnung mit einer gemütlichen Dachterrasse und ein paar schönen Zimmern gekauft, die sie vermieten oder, wenn sie will, Gästen aus Dänemark anbieten kann. Ihrer alten Mutter zum Beispiel ...« Ursula lächelte. »Die Wohnung war teuer, und die Einrichtung auch nicht gratis, trotzdem habe ich noch über sieben Millionen auf der Bank.«
»Aber ... das ist doch gut für dich!« Er lächelte, sah aber noch immer ein wenig desorientiert aus.
Sie zog die Brauen zusammen. »Verstehst du wirklich nicht, warum ich dir nichts von dem Geld erzählt habe?«
»Ich weiß nicht ... Wie ich es sehe, hast du dich entschieden, etwas Geld zurückzulegen, bis du es wirklich brauchst, und deshalb erzählst du es nicht überall herum. Das ist doch dein gutes Recht.«
»Ich hätte es dir sagen müssen.«
»Und weshalb? Ich brauche dein Geld nicht. Ich habe meine Firma und bin darüber hinaus in der glücklichen Situation, dass ich den größten Teil meiner Arbeit per E-Mail erledigen kann. So habe ich Zeit genug, um mit der Frau meines Lebens zu schlafen, und ...«
»Jakob!« Ursula sah sich mit einem nervösen Kichern um, doch sie waren mutterseelenallein auf dem hohen Steilufer.
Er grinste. »Komm her«, sagte er und legte die Arme um sie. Als er weitersprach, war seine Stimme so leise, dass sie nicht in der Lage gewesen wäre, ihn zu verstehen, hätte er nicht seine Lippen an ihr Ohr gelegt. »Ich habe gehört, was du gesagt hast, Urs. Und in gewisser Weise verstehe ich dich gut. Aber ich finde, du bist ausgesprochen ungerecht, sowohl dir als auch mir gegenüber. Warum fällt es dir so schwer zu glauben, dass ich dich liebe? Ich liebe dich wegen dir, weil du du bist. Ich meine es ernst, wenn ich sage, dass du die Frau meines Lebens bist.«
»Aber du könntest mein Sohn sein ...«
»Hör auf damit!« Er griff nach ihren Schultern und schüttelte sie einmal leicht, bevor er sie losließ und die Hände in die Taschen stopfte. »Ich will das nicht hören. Ich bin nicht dein Sohn, ich bin dein Freund, und ich will mit dir den Rest meines Lebens verbringen.«
Ursula lachte trocken. »Eher meines Lebens.«
»Okay, dann deines. Obwohl ich den Gedanken nicht ertrage.« Jakob machte eine Pause und blickte übers Wasser. Plötzlich sah er betrübt aus. Ursula streckte eine Hand nach ihm aus, er schob sie beiseite. »Nein, lass mich«, sagte er und stand auf. Er wandte ihr den Rücken zu und schaute hinunter zum Strand, wo ein Schwarm Möwen irgendeine Festmahlzeit verspeiste; vermutlich an Land getriebener Fischabfall, den ein Fischkutter über Bord geworfen hatte. »Die Welt ist schon eigenartig eingerichtet. Und ich hatte mich entschlossen gerade heute ...«, begann er. Er drehte sich nicht zu ihr um, sodass das Ende des Satzes vom Wind verweht wurde.
Ursula stand auf und stellte sich dicht neben ihn. »Entschuldige, Schatz. Ich habe dich nicht verstanden.« Sie steckte die Hand unter seinen Arm, und diesmal schubste er sie nicht weg.
»Ich habe nur festgestellt, wie sonderbar das Leben manchmal ist«, sagte er. »Eigentlich hatte ich die Absicht, heute um deine Hand anzuhalten ... Dann hast du dir genau diesen Tag ausgesucht, um mir von deinem Lottogewinn zu erzählen und anzudeuten, dass ich nur wegen des Geldes bei dir bleiben würde. Tja ... Jetzt ist es völlig unmöglich.« Er wandte den Kopf ab, seine Augen schimmerten. »Ist dir das nicht klar, Ursula?«
»Du wolltest um meine Hand anhalten?« Ihr Gehirn hatte den Rest seiner Antwort herausgefiltert. Diese eine Botschaft blieb, klar und deutlich wie ein Strandstein auf dem Boden einer schneeweißen Badewanne. »Du wolltest mich heiraten?«
Er starrte auf den Möwenschwarm. »Eigentlich hatte ich den Ring so bestellt, dass er am Sechsundzwanzigsten hier sein würde, unserem Fünfmonatstag. Gestern kam die Nachricht des Goldschmieds, dass er schon fertig ist ... und da konnte ich nicht länger warten.«
»Der Ring?«
»Ja, aber das ist ja jetzt auch egal«, antwortete er. »Wenn du glaubst, ich würde das nur wegen des Geldes machen, dann ... Wenn ich mich etwas hochgestochen ausdrücken soll, habe ich tatsächlich das Gefühl, dass meine Ehre beschmutzt ist.«
»Du hast einen Ring gekauft?«
Endlich drehte er sich um, und als er ihr verblüfftes Gesicht sah, ihm zugewandt wie eine Sonnenblume der Sonne, konnte er ein Lächeln nicht zurückhalten. »Willst du ihn sehen?«
»Es hat noch nie jemand um meine Hand angehalten«, sagte sie. »Nicht wirklich. Mit einem Ring und ...«
»Komm.« Er griff nach ihrem Ellenbogen und führte sie zurück zur Bank. Dann zog er eine kleine schwarze Veloursschachtel aus der Tasche und hielt sie ihr hin. »Es gibt eine Bedingung«, erklärte er und hielt die Schachtel fest.
»Und die wäre?« »Ich will nichts mehr von dem Geld hören.« »Oh.« Ursula ließ die Hände sinken. »Das kann ich nicht ver-
sprechen.« »Warum nicht?« »Weil es natürlich einen Grund gibt, warum ich dir von dem
Geld erzählt habe. Denn ich habe mir überlegt, was wir meiner Ansicht nach damit tun sollten.«
»Wir?«
»Wollten wir nicht heiraten?« Sie sah ihn mit einem durchtriebenen Gesichtsausdruck an, und sein hübsches Gesicht leuchtete auf. Er glich einem Kind, das nach jahrelangem Quengeln endlich einen Welpen bekam.
Sie küssten sich. Lange. Und nachdem sie erst einmal damit angefangen hatten, taten sie noch andere Dinge, die eigentlich in den Bereich der Intimsphäre gehören und sich nur durchführen ließen, weil das Gebüsch hinter der Bank einen so effektiven Windschutz vor dem scharfen Märzwind bot. Als Ursula endlich die Gelegenheit bekam, sich den Ring anzusehen, entdeckte sie, dass es sich um die Miniaturausgabe eines Märchens in Weißgold mit winzigen Perlen und einem einzelnen Brillanten handelte. Komplett mit eingraviertem Fünfmonatsdatum und einer Liebeserklärung, die er ihr vorlesen musste, weil sie so weinte, dass sie selbst sie nicht lesen konnte – obwohl sie ihre Lesebrille aufgesetzt hatte.
Als sie zurück zum Auto gingen, hatte Ursula alles über den Altersunterschied und ihre übliche Paranoia vergessen, so glücklich war sie. Erst nach ihrer Rückkehr ins Internat fiel ihr ein, dass sie Jakob noch nichts von ihren großen Zukunftsplänen erzählt hatte.

*


»Stimmt es, dass du gekündigt hast?« Laura Sommerdahl war offensichtlich den ganzen Weg zum Werkraum gelaufen. Sie war außer Atem und ihre Wangen leuchteten.
Ursula richtete sich auf und legte die Schere beiseite. Sie schnitt gerade die Papierdekorationen für das letzte Schulfest vor dem Schuljahresende aus. Sie lächelte. »Ja.«
»Und was sollen wir jetzt machen?« Laura stand das Entsetzen im Gesicht.
»Wer ist wir?« Ursula griff nach einem sauberen Becher und goss ihrer Lieblingsschülerin Tee ein. »Du und die anderen dieses Jahrgangs beendet, soweit ich weiß, in ein paar Monaten das Internat, wir müssen uns also in jedem Fall trennen. Du wirst wahrscheinlich zu Hause in Christianssund aufs Gymnasium gehen, oder?« Laura nickte. »Und der Jahrgang 07, 08 kennt mich doch gar nicht. Sie beginnen mit einem jungen, frischen Lehrer und sind mit ihm oder ihr bestimmt ebenso glücklich, wie ihr es hoffentlich mit mir gewesen seid.«
»Was ist mit den Lehrern?«
Ursula schüttelte den Kopf und lachte. »Du bist süß, Laura. Du glaubst, alles würde immer so bleiben wie in diesem Schuljahr – dem einzigen, das du in diesem Internat verbracht hast. Aber so ist es nicht. Ein Internat verändert sich ständig. Fast jedes Jahr geht jemand. Nur Gitte ist länger hier als ich. Wir sind es gewohnt, uns jeden Sommer zu verabschieden und jemanden neu zu begrüßen. So ist es nun mal.«
»Ja, aber trotzdem ...« Laura blickte mürrisch in ihre Tasse.
Ursula legte den Kopf schräg. »Willst du gar nicht wissen, was ich stattdessen machen werde?«
»Wahrscheinlich wirst du irgendwo anders unterrichten. Wenn du diesen Jakob geheiratet hast«, knurrte sie.
»Du bist ja eifersüchtig, Fräulein Sommerdahl!« Ursula wedelte mit den Fingern, dass der Brillant nur so glitzerte. »Nein, das werde ich nicht tun. Ich werde etwas machen, wovon ich mein ganzes Leben lang geträumt habe und wozu ich erst jetzt die Gelegenheit habe.«
Laura blickte ganz gegen ihren Willen neugierig auf. »Was denn?«
»Jakob und ich legen unser Erspartes zusammen und kaufen ein kleines Hotel in Nizza. Dann holen wir uns eine Gruppe junger dänischer Künstler, um die Zimmer des Hotels zu gestalten. Als Bezahlung dürfen sie lebenslang eine Woche im Jahr umsonst in ihrem Zimmer wohnen. Findest du das nicht toll?«
»Meine Eltern haben mal in einem Hotel in Berlin gewohnt, das fast genauso ...«
»In der Luisenstraße?« »Weiß ich nicht. Irgendwo in der Innenstadt.« »Wenn wir an dasselbe Hotel denken, dann habe ich die Idee
tatsächlich daher. Einige Zimmer sind vollkommen unmöglich, mit großen Steinen auf dem Boden, an denen man sich die Füße stößt, oder mystischen Dingen, die von der Decke hängen. Man stößt mit dem Kopf an Federn und Eisenketten, wenn man versucht, zum Schrank zu kommen ...« Ursula lachte und sah plötzlich jung aus. »Aber einige Zimmer des Arte Luise Kunsthotels in Berlin sind wirklich sehr schön und gelungen. Ich habe mir gedacht, zuerst ein Gespräch mit unseren Künstlern zu führen, damit sie nicht auf allzu ausgefallene Ideen kommen. Es soll ein angenehmes Erlebnis sein, bei uns zu wohnen, und wenn die Künstler wissen, dass sie in ihren eigenen Zimmern wohnen dürfen, werden sie es schon gemütlich und nett gestalten.«
»Ist das nicht teuer?«
»Sicher. Aber wie gesagt, wir haben ein bisschen gespart. Es wird schon reichen. Im Augenblick freuen wir uns wie kleine Kinder an Heiligabend!«
»Wann geht es los?«
»Oh ...« Ursulas Blick ging in die Ferne. »Das ist ein bisschen kompliziert. Wir denken, jetzt das richtige Haus gefunden zu haben. Die Lage ist perfekt, was das Meer, den Blumenmarkt und alles andere angeht. Der Makler hat uns einen Videofilm und Unterlagen geschickt. Es sieht total klasse aus. Leider kann ich nicht mitfahren und es mir selbst ansehen, hier ist zu viel zu tun. Aber ich vertraue Jakobs gutem Geschmack. Er fliegt am Montag, und wenn es so ist, wie wir es uns erträumt haben, dann unterschreiben wir und nutzen den Rest des Jahres, um Künstler anzusprechen und die Handwerker zu beauftragen. Mit etwas Glück können wir bereits im nächsten Frühjahr eröffnen.«
»Und wann wollt ihr heiraten?«
»Ach, das eilt doch nicht ...« Ursula griff zu Schere und Papier. »Der Anwalt hat alles geregelt, wir haben beide die Vollmacht über unsere Konten und können entscheiden. Na ja, wir gehen davon aus, dass wir am Mittsommernachtsfest heiraten. Vielleicht können wir schon in unserem eigenen kleinen Hotel feiern ...« Sie schickte Laura ein glückliches Lächeln und schnitt weiter Papier aus.

Anna Grue

Über Anna Grue

Biografie

Anna Grue, 1957 in Nykøbing geboren, ist eine der erfolgreichsten skandinavischen Krimiautorinnen. Nach einigen Stationen bei bekannten dänischen Zeitungen und Zeitschriften widmet sie sich seit 2007 ausschließlich dem Schreiben von Büchern. Ihre Serie um Detektiv Dan Sommerdahl steht regelmäßig...

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