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Der Italiener in mir

Der Italiener in mir

Roman

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Der Italiener in mir — Inhalt

»Das Land, wo die Zitronen blühen« - diese einzige Verlockung wirbelt Henry Wunderlichs bisheriges, in allzu geraden Bahnen verlaufendes Leben gründlich durcheinander. Sommer, Sonne, Strand - das entzückend altmodische, direkt an der azurblauen Adriaküste gelegene Grand Hotel verspricht wunderbare Ferien für die ganze Familie. Doch Henry macht eigentlich gar nicht so gerne Urlaub. Er hasst Sand unter den Füßen, die südliche Sonne ist ihm viel zu heiß und der Italiener an sich ist laut. Sehr laut.

Unter italienischem Himmel werden Liebessehnsüchte offenbar besonders groß und Henry muss erleben, wie sich alle seine Lieben mit einem seltsamen Virus infizieren: der amore all'italiana. Nicht nur Laura und Julia, die Töchter, entdecken die große Freiheit und brausen auf dem Rücksitz einer Vespa davon. Sogar seine Frau scheint einem Abenteuer, das Alessando heißt und strahlend blaue Augen hat, nicht abgeneigt.

Bald fühlt sich Henry restlos überfordert und überlässt sich den angenehmen Gedanken an die hübsche Kellnerin Giulia. Und wie gut, dass er einen neuen Freund findet: den Italiener in sich. Dessen Lektionen in Sachen dolce vita und amore stürzen ihn in ein ganz neues Lebensgefühl ...

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 17.02.2014
320 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96520-0

Leseprobe zu »Der Italiener in mir«

PROLOG


War ich im Himmel?
Gleißende Helligkeit umfing mich. Als der Strahl mich erfasste und auf meine Augenlider traf, lag ich gekrümmt auf dem Laken. Ich rieb mir die Augen, doch es war unmöglich, sie zu öffnen. Erst nach einer Weile, als ich sie mit der Hand beschattete, wagte ich zu blinzeln.
Es war nicht der Himmel. Es war unser Zimmer im Grand Hotel Marina di Languore, Italien.
Die Sonne. Das Erste am Morgen war die Sonne, die nach dem Aufgang über dem Meer ihre Strahlen direkt durch die nach Osten gelegenen Fenster unseres Zimmers schickte. Mit [...]

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PROLOG


War ich im Himmel?
Gleißende Helligkeit umfing mich. Als der Strahl mich erfasste und auf meine Augenlider traf, lag ich gekrümmt auf dem Laken. Ich rieb mir die Augen, doch es war unmöglich, sie zu öffnen. Erst nach einer Weile, als ich sie mit der Hand beschattete, wagte ich zu blinzeln.
Es war nicht der Himmel. Es war unser Zimmer im Grand Hotel Marina di Languore, Italien.
Die Sonne. Das Erste am Morgen war die Sonne, die nach dem Aufgang über dem Meer ihre Strahlen direkt durch die nach Osten gelegenen Fenster unseres Zimmers schickte. Mit einer unglaublichen Kraft eroberte sie Zentimeter für Zentimeter meiner Bettdecke, die ich geblendet hochzog, um vor ihr Schutz zu finden. Sie gewann an Strahlkraft und Helligkeit, bis sie endlich über meine Augenlider hinweggezogen war. Noch im Halbschlaf eroberte die Sonne mein Leben. So war es am allerersten Morgen, und so würde es auch die nächsten einundzwanzig Tage sein.
Spätestens jetzt war an Schlaf nicht mehr zu denken. Es war früh. Verdammt früh. Aus dem Augenwinkel nahm ich eine Bewegung wahr. Leonie war von der Sonne noch vor mir wachgeküsst worden und hatte erwartungsgemäß ganz anders reagiert als ich, der ich mir mürrisch die Decke über das Gesicht zog. Sie hatte die Türen weit geöffnet und stand auf dem winzigen Balkon wie eine Morgengöttin, in einem dünnen Nachthemd, durch das die Sonne fiel und jede Kontur ihres Körpers sichtbar machte.
»Ist das nicht herrlich?«, fragte sie, als sie sich umdrehte und bemerkte, dass ich aufgewacht war, obwohl ich mir größte Mühe gab, so zu tun, als ob ich noch schliefe.
»Ja, es ist wunderbar. Aber könntest du vielleicht den dunklen Vorhang ein bisschen vorziehen?«
»Warum denn?«
»Die Sonne brennt mir direkt ins Gesicht.«
»Aber ist das nicht herrlich?«, wiederholte sie, und ob ihre Fassungslosigkeit angesichts meines sonnenverweigernden Ansinnens gespielt war oder nicht, vermochte ich nicht zu sagen. »Deswegen sind wir doch hier, oder nicht?«

Ja, deswegen waren wir hier. Unter anderem. Jeder hat ja so seine Erwartungen, die er erfüllt, wenn nicht übertroffen sehen möchte. Meine war es allerdings nicht, mir schon vor sieben Uhr einen Sonnenbrand zu holen. Ich weiß schon, dass das erwiesenermaßen gar nicht möglich ist – aber jeder hat auch so seine Befürchtungen. Alle völlig irreal, natürlich.
Ganz real aber war dies der erste Morgen unserer dreiwöchigen Ferien an der Adria. Er begann mit dem, was in Italien so zuverlässig funktioniert wie anderswo der Regen oder der Wind: Sonne pur. Sonne grell. Sonne heiß. Sonne überall.
»Italien wird dir gut tun«, hatte sie mir versprochen. Leonie ist eine unerschütterliche Optimistin, und im Laufe der langen Jahre meines Zusammenlebens mit ihr hatte ich mir angewöhnt, ihr alles zu glauben. Mit einem winzigen Restzweifel, versteht sich, aber ich hütete mich wohlweislich, auch nur einen Zipfel davon spürbar werden zu lassen.
»Henry Wunderlich«, sagte ich stumm zu mir, »steh auf und stelle dich an die Seite deiner sonnenhungrigen Frau. Du hast versprochen, sie glücklich zu machen. Also halte dein Versprechen!«

 


1


Wenn ein Freund mich damals beschrieben hätte, so hätte er wohl gesagt, dass ich ein wohltemperierter, ausgeglichener Mann bin, der es liebt, morgens in Ruhe seine Zeitung zu lesen, und der anschließend in sein Büro spaziert, um ohne viel Aufhebens und Geschrei seiner Arbeit nachzugehen: dem Schreiben. Er hätte gesagt, dass ich friedlich und liberal bin. Ich habe meine Frau noch niemals angeschrien und schlage meine Kinder nicht. Ein Anti-Macho und in keinster Weise eifersüchtig. Ein Nordlicht, wirklich. Doch das war vor unserem Urlaub in Marina di Languore, bevor mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt wurde und ich den Italiener in mir entdeckte.

Nachdem ich mit Leonie, einer stolzen Hanseatentochter, die Frau meines Lebens gefunden und für immer an mich gezogen hatte, entsprang aus den freudvollen Betätigungen unserer dynastischen Pflicht ein Nachwuchs, wie er schöner nicht sein kann: Zwei Töchter, zuerst Julia, dann Laura – sie waren und sind der ganze Stolz der Wunderlichs.
Mit ihnen war die Familie komplett und blieb es für lange Zeit. Und in dieser Familie ist meine Frau unbestritten der Mittelpunkt. »Mami ist der Bestimmer, oder?«, fragten meine Töchter mich, als sie klein waren, aber doch groß genug, um darauf nicht ernsthaft eine Antwort zu erwarten. Leonie selbst würde das nie so sagen oder auch nur akzeptieren, dass irgendjemand es ernsthaft so sieht und behauptet. Doch bei ihr laufen nun einmal alle Fäden zusammen und ihr ausgeprägtes Organisationstalent, ihre Kontrolllust, ihre muntere Gegenwärtigkeit prädestinieren sie geradezu zur familiären Führungskraft. Wo ich vielleicht zu nachgiebig, konfliktscheu, harmoniesüchtig und auf Ausgleich bedacht bin, setzt Leonie ganz auf lustvolle Führung ihrer kleinen Truppe und behält stets das Heft in der Hand. Nicht etwa, dass sie selbstherrlich bestimmt, was bestimmt werden muss – sie führt nur die verschiedenen Interessen ihrer Familienmitglieder so geschickt zusammen, dass ihre letztendliche Entscheidung von jedem respektiert und getragen werden kann.
Wie jedem in dieser Hinsicht verwöhnten Mann war es mir nur allzu recht, dass ich nicht die Last der Entscheidungen zu tragen brauchte. Auch in der uns jährlich wochenlang beschäftigenden Frage, wo die schönste Zeit des Jahres verbracht werden soll, fungiere ich bestenfalls in ratgebender Funktion. Wobei ich zugeben muss, ohnehin nicht sehr urlaubskompatibel zu sein. Ich mache nicht gerne Urlaub. »Endlich Ferien!« ist nicht gerade mein Lebensmotto, aber das behalte ich für mich, so gut es geht. Wenn es nach mir ginge, müsste man gar nicht in den Urlaub fahren. Dem Ferienkult, der heute betrieben wird, stehe ich etwas ratlos gegenüber. Diese ganze Energieverschwendung für zwei, drei Wochen. Ja, wenn man sich noch das beschauliche »Reisen« leisten könnte, so wie man es früher betrieben hat, als Zeit offenbar keine Rolle spielte und man sich gemächlich seinem Ziel näherte, um dann lange, lange dort zu sein. Wir sind den Winter über in Sils Maria und kommen im April zurück – das wäre mal eine Ansage. Aber Urlaub?
»Henry Wunderlich«, sagt Leonie oft, »du lebst in deiner eigenen Welt.«
Ich fühle mich tatsächlich wohl an meinem Schreibtisch oder wie Leonie sagen würde: in meiner Welt. Das Schreiben ist zwar meine Arbeit, aber auch mehr als das: eine Existenzform, die durchaus mühevoll sein kann, mir mehr noch allerdings tiefe Befriedigung schenkt. Ja, mein Beruf ist ein Glücksfall: Während ich arbeite, lebe ich, und umgekehrt. Es gibt keine perfektere Flucht aus der Wirklichkeit, mit der man das nötige Geld für die Bewältigung eben dieser Wirklichkeit verdienen kann. Nach einigen Jahren als Dozent an der Universität habe ich den Sprung in die Selbständigkeit nie bereut. Seit zwanzig Jahren bin ich nun Schriftsteller. Oder Autor, wie man heute zu sagen pflegt. Ich schreibe mit schöner Regelmäßigkeit jedes Jahr einen Kriminalroman, mein Publikum ist zuverlässig und begeistert. Ich verdiene keine Millionen, aber wir können davon leben – und in Urlaub fahren.

Wenn eine Familie in den Sommerurlaub fährt, ist das in etwa so wie eine Operation am offenen Herzen. Wenn alles gut läuft, hat man viel Glück gehabt. In der Regel – so meine Erfahrung – geht keiner ohne Blessuren aus diesem Abenteuer hervor. Denn wie Weihnachten ist auch der Sommerurlaub ein hochemotionales Konglomerat mehr gegeneinander als miteinander strebender Kräfte, dem oft genug ein heftiges Ringen um Kompromisse vorausgeht.
Vielleicht liegt es an meiner kindlichen Prägung, dass ich mit dem Wort Urlaub nichts Verheißungsvolles verbinde. In meiner Familie waren die Ferien kein Anlass für größere Reisen, man verbrachte sie traditionell im eigenen Garten. Es gibt für mich keine Bilder, keine Geschichten von glücklichen Ferienreisen. Die Erinnerung an die Sommerfrische am Meer, unter Sonnenschirmen dösen, sich stundenlang durch den Sand wühlen, kiloweise Muscheln am Strand sammeln, ist mir verwehrt. Über die Alpen, nach Süden, hatte sich unser Blick nie gerichtet.
Und so ist auch mit meinen fünfzig Lebens-, zwanzig Ehe- und achtzehn Familienjahren der Sommerurlaub mit der Familie noch immer nichts, woran mein Herz hängt. Ich verbringe ihn natürlich wohl oder übel mit meinen Lieben, doch eigentlich bedeutet er mir nichts. Für mich ist Urlaub eine im besten Fall ganz angenehme Verlagerung meines Lebens- und Arbeitsortes in ein anderes Klima, das nicht zu heiß sein sollte. Dort übernehme ich klaglos meine väterlichen Pflichten, beschäftige mich ein bisschen mehr als sonst mit meinen Töchtern und bin auch meiner Frau ein wenig entspannter zugetan als im Alltag. Doch eine irgendwie fiebrige Urlaubserwartung, eine ausgelassene Ferienstimmung überfällt mich selten.
Fernreisen außerhalb Europas muss Leonie mit un­se­ren Kindern allein unternehmen, denn zu Henry Wunderlichs anachronistischen Eigenheiten gehört, dass er noch nie in seinem Leben ein Flugzeug bestiegen hat und das auch in zunehmendem Alter nicht zu tun gedenkt. Zu Wasser oder zu Lande wie Marco Polo, sage ich immer, wenn mich jemand deswegen erstaunt anguckt. Und wie dieser nenne ich auch weder Auto noch Führerschein mein Eigen, was für die Organisa­tion jedweder Ferien nicht gerade optimal ist. Bahnfahren wiederum löst wenig Begeisterung bei Leonie und den Mädchen aus. Kurzum: Jedes Frühjahr, wenn die Sommerferien in Sichtweite kommen, gibt es nicht enden wollende Familienkonferenzen mit unübersicht­lichen Diskussionen, wer wann mit wem wohin möchte. Auch diesmal war es nicht gerade einfach gewesen, die Mädchen für den gemeinsamen Urlaub zu gewinnen.
»Natürlich fahren wir alle zusammen«, fasste Leonie schließlich alle unsere Überlegungen resolut zusammen. Julia, unsere Älteste, war gerade achtzehn geworden, es würden vermutlich die letzten Ferien sein, die wir zu viert verbringen würden. Nur wo, das war die Königsfrage.

Johannes Thiele

Über Johannes Thiele

Biografie

Johannes Thiele, geboren 1954, studierte Germanistik, Theologie, Philosophie und Geschichte und ist heute als freier Schriftsteller und Herausgeber erfolgreicher Anthologien und Verleger in München und Wien tätig. Zuletzt erschienen von ihm »Das Buch der Deutschen«, »Die sieben Weltwunder« und »Die...

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