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Der Himmel über uns

Der Himmel über uns

Roman

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Der Himmel über uns — Inhalt

Als Isla an einem regnerischen Morgen auf dem Weg zur Schule ist, erblickt sie sie zum ersten Mal: die Nella Dan. Ein rot-weißer Frachter, von dessen Oberdeck ihr ein Seemann zuwinkt. Für das schüchterne Mädchen öffnet sich an diesem Tag die Tür zu einer neuen, aufregenden Welt. Denn Schiffskoch Bo, der auf dem Weg von Dänemark in die Antarktis regelmäßig in Islas tasmanischer Heimat haltmacht, erzählt ihr wundervolle Geschichten: vom Leben auf der Nella Dan, vom Licht auf hoher See und vom Fußballspielen in der Antarktis. Zwischen den beiden entwickelt sich eine innige Freundschaft. Doch dann läuft die Nella Dan eines Tages auf Grund ...

Erschienen am 01.06.2016
Übersetzer: Kathrin Razum
272 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30928-8

Leseprobe zu »Der Himmel über uns«

Es gab mal eine Zeit, da war unser Haus voller Wikinger, es gab Partys und viel Besuch, und Mum war damals glücklich.
Es waren echte Wikinger. Große, bullige Wikinger, die von ferne gekommen waren, auf einem leuchtend roten Schiff, das durchs Packeis pflügte und bis in die Antarktis fuhr. Sie hatten Namen wie Anders und Bo, Finn und Henrik, und sie waren alle groß und blond, außer Bo, der dunkelbraunes Haar und graublaue Augen hatte. Er stammte von einer kleinen Insel, dem sonnigsten Ort in ganz Dänemark.
Bo lief gern, und er lief gern lang. Er mochte [...]

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Es gab mal eine Zeit, da war unser Haus voller Wikinger, es gab Partys und viel Besuch, und Mum war damals glücklich.
Es waren echte Wikinger. Große, bullige Wikinger, die von ferne gekommen waren, auf einem leuchtend roten Schiff, das durchs Packeis pflügte und bis in die Antarktis fuhr. Sie hatten Namen wie Anders und Bo, Finn und Henrik, und sie waren alle groß und blond, außer Bo, der dunkelbraunes Haar und graublaue Augen hatte. Er stammte von einer kleinen Insel, dem sonnigsten Ort in ganz Dänemark.
Bo lief gern, und er lief gern lang. Er mochte den Geruch von nassem Gras. Er machte uns Pfannkuchen mit Marmelade und Sahne, und er konnte ein kleines Vögelchen mühelos dazu bringen, ihm aus der Hand zu fressen. Wenn wir Pizza essen gingen, aß er immer zwei Stück auf einmal, mit dem Belag nach innen aufeinandergelegt, wie ein Pizza-Sandwich. Er schaffte vier Stück, wenn ich eins aß, und ich mochte ihn sehr.
Manchmal besuchten wir sein Schiff. In der Nella Dan gab es viel Holz und Messing, und in der Messe hingen Bilder an der Wand – bunte Blumen und Vögel, grün und orange und gelb. Ich lief gern durch die langen Gänge, all die Treppen hinauf, von ganz unten bis hoch aufs Peildeck und wieder hinunter. Das wurde ich nie leid.
Ich tat so, als wäre das Schiff mein Zuhause, als hätte ich unten eine gemütliche, holzgetäfelte Kabine mit einer Koje ganz für mich allein. Eine kuschelig warme Bettdecke und ein weiches Kissen, ein rundes Bullauge, durch das das Licht hereinfiel. Mehr brauchte ich nicht.
Es war nie dunkel – es war nie Nacht.
Schlaf jetzt
Schließ die Augen, ganz fest
Es ist nur ein komischer Traum, der im Dunkeln kommt
Nur ein komischer Traum, der in der Nacht kommt
Hör nicht auf das Geschrei
Horch nicht nach den Geräuschen
Es ist nur ein komischer Traum, der in der Nacht kommt

Du schläfst

Ich schlafe.

 

Zur Insel

Wir aßen in der Cafeteria zu Abend, an einem Holztisch, wo sich die Stühle nicht bewegten. Sie waren am Boden festgemacht.
Mum war ganz still und mein Bruder auch, und als wir fertig gegessen hatten, kam ein Mann in weißer Uniform zu uns und sagte, das Schiff sei bald aus der Landabdeckung heraus und man habe sehr raue See vorhergesagt. Er guckte beim Reden nur Mum an. Er sagte ihr, es sei ratsam, die Kinder so bald wie möglich ins Bett zu bringen.
Mein Bruder schlief schnell ein, die Decke um seinen kleinen Körper schön festgesteckt dort in der oberen Koje. Aber ich lag wach und wartete auf die raue See. Wollte wissen, wie sie sich so weit unten anfühlen würde. Viele, viele Treppen entfernt von der Cafeteria und den Fenstern, die zum Himmel hinausgingen. Bei uns hier unten gab es keine Fenster. Bei uns hier unten gab es nur Neonlicht und Etagenbetten. Das Klo war auf dem Gang, und Mum hatte uns allein gelassen. Sie war irgendwo oben, hoch über uns, wo es Luft gab, und ich wünschte, sie würde zurückkommen.
Ich muss wohl eingeschlafen sein, denn als ich erwachte, schwankte und schaukelte die ganze Welt, und ich wurde in meiner Koje herumgeworfen. Nicht nur von einer Seite auf die andere, auch hoch und runter. Mums Bett war noch frisch gemacht. Sie war nicht da.
Als ich versuchte, aus dem Bett zu steigen, fiel ich hin und übergab mich auf den Boden. Mein Bruder sah mich an, die Hände fest um das Bettgitter seiner Koje geschlossen, sein Gesicht weiß wie der Tod.
»Wo ist Mum?«, fragte er, aber ich wusste es auch nicht.
Irgendwie gelangte er aus seiner Koje herunter, und er fiel nicht hin. Er stand da und hielt sich am Bett fest, während der ganze Raum sich drehte, und dann nahm er ein Handtuch von Mums Bett und legte es auf das Erbrochene. Er half mir auf, und wir gingen im Schlafanzug hinaus in den Gang. Wenn das Schiff schlingerte, fielen wir zusammen gegen die Wand, und so näherten wir uns langsam der Treppe. Hinauf, hinauf, die Hand am Geländer. Auf das Deck, wo die Cafeteria war.
Man sah kaum jemanden dort, nur in der Lounge mit dem Teppichboden saßen ein paar Leute, den Kopf in den Händen. Die Cafeteria war leer, und ich konnte nicht erkennen, wie viel Uhr es war. Vor den Fenstern war es dunkel.
Draußen war es stockfinster.
Mum saß allein auf einer Bank, die an der Schiffswand festgemacht war, unter einem Plexiglasdach. Wir setzten uns neben sie und krallten uns unten an der Bank fest.
Mum sagte, sie würde nur noch eine Zigarette rauchen, dann könnten wir reingehen. Ich schaute in ihr weißes Gesicht und auf ihre weißen Hände. Sie saß nachts immer irgendwo allein – saß allein da und rauchte nur noch eine Zigarette.
Ich sagte ihr, dass ich gebrochen hätte, und sie wischte mir Stirn und Wangen ab und sagte: »Das tut mir leid. Das tut mir sehr leid.« Es sah aus, als weinte sie. Sie sagte, das sei nur die Gischt, und die Kälte. Es war wirklich kalt. Eiskalt und windig, der Wind schnitt einem in den Rücken, als hätte man gar keine Haut. Ich hörte das Wasser gegen das Schiff krachen, spürte den Anprall und hörte die Gischt hochspritzen. Aber sehen konnte ich nichts. Jenseits des Lichts, das von drinnen aufs Deck fiel, sah ich gar nichts.
Da draußen tobte die Welt in der Finsternis.
Wir waren unterwegs an einen neuen Ort.
Wir fuhren durch die Nacht darauf zu.
Eine Insel mitten im Meer.
Eine Insel aus Stein.
Nur das Schiff schützte uns. Nur ein paar dünne Lagen Stahl und eine Maschine, die in der Dunkelheit vor sich hin stampfte, hielten uns über dem Wasser, das uns sonst bereitwillig verschlucken würde, und dann wäre es, als hätte es uns nie gegeben.

 

Mrs ilsons Bed & Breakfast

Wir kamen in einem Bed & Breakfast unter.
Dort wohnten wir direkt nach unserer Ankunft, nachdem wir aus der Fähre ausgestiegen und dann mit dem Bus über flaches Ackerland und durch Ortschaften aus Stein und alten roten Ziegeln gefahren waren. Am Busbahnhof in Hobart benutzte Mum den Münzfernsprecher. Sie rief in einem Haus an, das auf der Informationstafel aufgeführt war, und reservierte uns ein Zimmer. Abbey House Bed & Breakfast.
Ich glaube, es war nicht sehr weit weg, aber wir hatten zwei große Koffer, und mein Bruder war müde, also stiegen wir alle in ein Taxi, das vor dem Busbahnhof wartete.
Der Taxifahrer war sehr dick. Er trug ein sauberes blaues Hemd, und es sah aus, als könnten die Knöpfe jeden Moment über seinem Bauch aufspringen. Er fragte, ob es unser erstes Mal auf »der Insel« sei, und mein Bruder sagte ja, aber meine Mutter sagte nein. Ich saß auf der Rückbank und versuchte mir vorzustellen, wie Mum früher schon mal hier gewesen war, vielleicht mit Dad oder vielleicht als Kind mit ihren Eltern, aber ich konnte es nicht vor mir sehen. Ich kannte diesen Ort nicht.
Wir saßen nicht lang im Taxi. Wir fuhren einen steilen Hang hinauf, durch ein paar kurvige Straßen, und dann waren wir da. Battery Point. Es gab alte Häuser in den engen Straßen, Holzhäuser, unverputzte Steinhäuser, aber sie schienen alle leer zu sein, verlassen, nichts regte sich. Der Himmel war grau.
Wir hielten an einer Ecke mit einem Schild, auf dem Mona Street stand.
»Nächsten Samstag können Sie von hier aus zu Fuß auf den Markt gehen«, sagte der Taxifahrer. Er stieg aus und half Mum mit den Koffern.
Mrs Wilson war die Besitzerin des B & B. Sie bereitete meinem Bruder und mir jeden Morgen ein warmes Frühstück zu, und wir aßen es an der Frühstückstheke mit Blick in den Rosengarten – einen Bauerngarten. Es war ein Cottage, das B & B, ein altes Holzhäuschen mit weißem Palisadenzaun und allem Drum und Dran. Es war so ungefähr das schönste Haus, in dem ich je gewohnt hatte, nur wohnten wir halt nicht richtig dort. Wir waren nur dort untergekommen.
Mir gefiel es, dass wir dort untergekommen waren.
Wir hatten für eine Woche eins der Gästezimmer und zogen dann in ein Zimmer hinten im Haus um, für das Mrs Wilson kein Geld wollte. Sie sagte meiner Mum, es sei nur vorübergehend, bis wir Fuß gefasst, uns eingewöhnt hätten. Ich wusste nicht, was das wirklich bedeutete. Mrs Wilson wollte meinem Bruder und mir weiterhin ein warmes Frühstück zubereiten, aber Mum sagte, wir sollten einfach Frühstücksflocken essen und höflich sein.

Etwa zwei Wochen später fand Mum etwas weiter in derselben Straße ein Haus zur Miete. Es war wahrscheinlich das mieseste Haus in Battery Point. Keines der anderen Häuser war so: dunkel und fahl, ein Stückchen von der Straße entfernt, im Schatten der hohen, imposanten Häuser ringsum. Meine Mutter musste ein Zimmer untervermieten, um die Miete bezahlen zu können. Das einzige schöne Zimmer. Mein Bruder und ich teilten uns das Dachzimmer, das schräge Wände hatte. Es war okay, allerdings löste sich die Tapete nah der Decke an manchen Stellen, und eine Toilette gab es nur draußen im Garten. Ich ging da im Dunkeln nicht gern hin, eigentlich nicht mal tagsüber. Aber im Garten stand ein riesiger Walnussbaum, auf den unser Fenster hinausging, und wenn die Walnüsse reif waren, stopften mein Bruder und ich uns damit voll, aßen Nüsse, bis uns der Mund juckte und wir nicht mehr konnten. Dann schlugen wir heruntergefallene Nüsse auf und verteilten sie im Garten für die Vögel, für die Tasmankrähen, die im Baum warteten.
Doch mir fehlte das Bed & Breakfast, wo es so schön warm und hell war. Und manchmal, wenn mein Bruder und ich nach der Schule von der Fähre nach Hause liefen, stand Mrs Wilson an ihrem Gartentor und rief uns herein, wo Tee und Plätzchen bereitstanden.

 

Lauf, lauf – Kellys Treppe

Die Kälte machte das Atmen schwer, stach in meiner Brust – der Stein und der Beton waren hart unter meinen eiskalten Füßen.
Ich packte meinen Bruder am Ärmel und zog ihn durch die leeren Straßen von Battery Point. In der Frühe gingen wir immer schnell. Alles still, wie immer – nur wir. Reif auf den Fenstern der geparkten Autos, dick und undurchsichtig und festgebacken.
Mona Street, Francis Street, Hampden Road. Am Ende der Kelly Street führte eine Treppe in die Dunkelheit hinunter, in den hinteren Teil von Salamanca, wo alles morsch und verfallen war. Kerben im abgetretenen, rundgeschliffenen Bruchstein. Eine steinerne Festung, ein Tor, das wir passieren mussten.
Lauf, lauf – Kellys Treppe.
Einige der Stufen waren krumm und fleckig, und die Flecken sahen aus wie altes Blut, das mit den Jahren orange gerostet war. In den Stein gesickertes Blut. Wir nahmen jede Stufe einzeln, so schnell wir konnten. Runter, runter, möglichst ohne dabei in die dunkle Gasse vor uns zu schauen. Unten in der kalten Kopfsteindüsternis rissen Geister an unseren Kleidern, versuchten uns ins Haar zu greifen, flüsterten im hallenden Stein.
Kannst du mir helfen?

Kannst du mich sehen?
Lass mich hier nicht allein.
Ich zog heftig an der Hand meines Bruders, und wir rannten und rannten, ohne auch nur Luft zu holen, bis wir durch waren. Auf der anderen Seite.
Licht.
Freier Himmel.
Eine Ulmenallee, dahinter der Kai.
Wir liefen langsamer, schöpften Atem, durchquerten Salamanca Place. Unter den Bäumen am Rasen entlang, bis zu dem langen hölzernen Steg, auf dem wir dann standen und auf die Fähre warteten. Wir redeten kaum. Warteten einfach.
Wir versuchten, nicht an Kellys Treppe zu denken, an die Toten, die sich an diesem dunklen Ort gegen unsere Haut pressten.

 

Da war ein Mann

Es regnete.
Ich hatte meinen Wachsmantel an, die Kapuze auf dem Kopf und die Hände in den Ärmeln. Er war mir zu groß, der Wachsmantel, aber der dicke schwarze Stoff hielt den Regen größtenteils ab. Mein Bruder war krank und zu Hause. Er hatte nachts gehustet, und jetzt lag er wahrscheinlich unter seiner Bettdecke auf dem Sofa, schaute fern und wartete darauf, dass Mum aufstand. Es war richtig kalt in diesem alten Haus in Battery Point, und wir hatten keine Heizung.
Ich wollte nicht in die Schule. Ich überlegte, ob ich wieder nach Hause gehen und nach meinem Bruder schauen sollte, tat es aber nicht. Ich blieb einfach dort im Regen stehen und wartete auf die Fähre.
Es muss sehr früh gewesen sein – niemand sonst war auf dem Steg. Ich sah meinen Atem, und alles war Wasser. Ich schaute nach unten, sah den Regen auf die glatte, schwarze Oberfläche des Flusses fallen. Die Tropfen erzeugten perfekte Kreise, die immer größer wurden, bis ich nicht mehr den ganzen Kreis im Blick behalten konnte. Raum und Zeit, jeder Regentropfen für sich. Sie fielen in einer Art Stille, aber dann wurde der Regen stärker, brach richtig los, und es waren zu viele Tropfen, um sie noch zu verfolgen. Die Wasseroberfläche wurde ganz runzelig, rau und unruhig. Die Stille war dahin.
Der Regen trommelte auf meinen Wachsmantel, es klang, als wäre ich in einem Zelt. Ich wandte mich ab, damit es mir nicht ins Gesicht regnete, schaute auf meine Füße hinunter, auf meine nassen Turnschuhe. Ich schloss die Augen und hörte dem Regen zu, wie er auf meine Kapuze fiel. Ich stellte mir vor, dass die Fähre sich näherte, dass sie auf dem Weg hierher war, das Wasser vor sich herschob, es gegen den Steg drückte. Wenn ich die Augen wieder aufmachte, würde die Fähre da sein, und Peter, der Kapitän, würde vom Ruderhaus herbeigelaufen kommen, das Tau um den hölzernen Poller werfen, und dann würde er uns auf die Fähre helfen, einem nach dem anderen.
Ich würde hineingehen, ins Trockene. Würde mich aufwärmen können.
Ich zählte zwanzig Regentropfen auf meiner Kapuze, dann noch mal zwanzig und noch einmal. Die Augen ließ ich zu. Ich zählte weitere vierzig Tropfen mit, vielleicht brachte es mir ja Glück, und dann machte ich die Augen auf.
ROT. Nichs als Rot. Eine leuchtend rote Stahlwand.
Ein Schiff, so hoch wie ein Haus, weit wie der Himmel, und als ich hinaufschaute, stand ein Mann an der Reling.
Er war groß, weiß gekleidet und winkte. Ich drehte mich um, aber es stand niemand hinter mir. Nur ich war da. Ich, auf dem kleinen Steg, gegenüber von diesem riesigen Schiff, mein Gesicht von der Kapuze halb verdeckt, ich wusste, dass der Mann meine Augen und meine Haare nicht sehen konnte. Er winkte noch einmal, als würde er mich kennen. Er winkte.
Jemand sah mich.
Ich winkte zurück, die Hand immer noch im Ärmel. Wir standen beide im Regen, zwischen uns das schwarze Wasser, und ich weiß nicht, warum er winkte, aber ich winkte zurück. Ich nahm Notiz.
Ein rotes Schiff. Eine rote Flagge, die im Wind flatterte. Ein Mann in Weiß.
Dann tutete es laut, und ich erschrak furchtbar. Es war die Fähre. Leute traten aus dem grauen Nichts hinter mir, Männer im Anzug, andere Kinder auf dem Weg zur Schule, aber im Vergleich zu dem Rot war alles trist und trüb. Sie waren wie Nebel, diese Leute, hoben sich von dem grauen Regen und Beton kaum ab.
Als ich wieder zu dem Schiff hochschaute, war der Mann weg. Ein Sonnenstrahl drang durch die Wolken und traf den roten Bug, ein dünner Strahl nur. Eine Sekunde lang gab es nichts anderes als die beiden Wörter, deutlich lesbar, weiß auf rot: Nella Dan.
Ich wiederholte sie im Kopf immer wieder.
Nella Dan.
Nella Dan.
Nella Dan.
Mein Herz klopfte schneller.
MS Nella Dan 
1. Fahrt, Saison 1986/87
15. September 1986
Position: 46˚ 45.000’ S, 147˚ 27.000’ O
Anmerkung des Kapitäns: Ziel dieser Fahrt ist es, die Untersuchung von Heard Island abzuschließen und das Antarctic Division BIOMASS Experiment ADBEX III durchzuführen (Erfassung von Krill und anderem Zooplankton).
Wir sind gut vorangekommen, sind aber die ganze Nacht mit südlichem Kurs gefahren, um die Auswirkungen des Unwettersystems zu minimieren.
Ich erwache – reiße die Augen auf.
Wasser kracht gegen die Backbordseite, und wir schlingern wie wild. Ich klammere mich an meiner Koje fest, meine Finger krallen sich in die Laken, aber ich rolle trotzdem so weit rüber, dass ich am Schott lande.
Dort bleibe ich liegen. Ich liege direkt an dieser dünnen Wand, meine Steppdecke um die Beine geschlungen.
Komm wieder hoch, Nella. Komm hoch.
Ich liege still da.
Ich warte.
Komm hoch. Sie kommt hoch.
Ich falle auf meine Koje, hole tief Luft. Ich atme weiter, horche.
Das Wasser kracht wieder gegen die Wand, und das Schiff krängt heftig. Ich spanne meinen ganzen Körper an, aber ich lande trotzdem wieder am Schott, rutsche der Kajütendecke entgegen. Ich spüre, wie die Nella bebt, mit ihren metallenen Zähnen knirscht. Meine Knochen vibrieren mit. Ich versuche mich zu entspannen, ruhig zu bleiben – Ist schon gut – , aber es knirscht und quietscht, als würden sich sämtliche Schrauben, die sie zusammenhalten, lösen. Auseinanderbrechen.
Komm hoch, Nella. Hoch.
Ich spüre, wie sie sich anstrengt.
Mit einem Ruck schnellen wir zurück, und mein Federbett fliegt durch die Kajüte. Ich überlege, ob ich aus der Koje klettern und es wiederholen soll, aber es ist nicht kalt. Mir ist nicht kalt. Ich weiß nicht, wie lang wir schon in diesem Sturm unterwegs sind. Ich war woanders, tot, habe nicht mal geträumt.
Jetzt bin ich hier, in einer Kabine auf einem Schiff.
Jetzt bin ich hier, im Südlichen Ozean.
Ich greife nach meinem Wecker, aber er liegt nicht unter meinem Kissen. Ich spüre, wie die Nella ihre ganze Kraft zusammennimmt, um dem Seegang zu trotzen. Ihre Energie schießt durch mich hindurch.
Komm, Nella – hoch mit dir!
Die Tür fliegt auf, und Licht strömt in meine Kabine. Eine Silhouette taumelt herein, die Arme ausgestreckt.
»Hey, Bo«, sagt sie.
Es ist Sören.
»Wie viel Uhr ist es?«, schreie ich.
Er antwortet nicht, aber ich kann ihn jetzt sehen – sein Gesicht, sein völlig zerzaustes Haar. Ich fasse mir selbst ans Haar, merke, dass es von dem Herumgerutsche in der Koje hinten hochsteht.
Die Nella krängt wieder, legt sich jäh auf die Seite. Die Verschlüsse des Vorhangs lösen sich, und ein seltsames Licht fällt herein. Ich schaue von meiner Koje aus in Grün und Blau. Schaue direkt ins Wasser, durch mein Bullauge. Meine Kabine liegt unter Wasser – kalt und tief.
»Herrgott«, sagt Sören, während er auf den Boden rutscht. Er hat seine dicke Jacke an, als wollte er raus, ein bisschen spazieren gehen oder so. Er hält eine Flasche in der Hand.

Über Favel Parrett

Biografie

Favel Parrett, geboren 1974, wuchs in Tasmanien auf. Sie veröffentlichte mehrere Short Storys in Zeitschriften, bevor sie mit ihrem Roman »Jenseits der Untiefen« debütierte. Er wurde von der Presse begeistert aufgenommen und u.a. für die Shortlists des Miles Franklin Award und des Melbourne Award...

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