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Der Herr der Unterstadt

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Roman

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Der Herr der Unterstadt — Inhalt

Wer seinen Weg unbedacht wählt, gelangt auf den schmutzigen Seitengassen von Rigus in die gefürchtete Unterstadt. Hier herrschen Sünde und Gewalt, Drogen und Geld sowie die mächtigsten Herren des Verbrechens. Der Patron hat einst als Agent gegen sie ermittelt, doch längst ist er einer von ihnen geworden: abgebrannt, drogensüchtig und auf der Flucht vor seinen eigenen Verfehlungen. Aber dann geschieht ein Mord, dessen Aufklärung ihn nicht mehr loslässt und bis in die höchsten Kreise von Rigus führt. Ein verräterisches Spiel beginnt, bei dem der Patron nicht nur die gesamte Unterstadt gegen sich aufbringt, sondern von seiner eigenen ruchlosen Vergangenheit eingeholt wird.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 15.09.2014
Übersetzer: Michael Koseler
432 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98135-4

Leseprobe zu »Der Herr der Unterstadt«

1
Schon in den ersten Tagen des Großen Krieges – auf den Schlachtfeldern von Apres und Ives – habe ich mir die Fähigkeit angeeignet, im Nu wach zu werden. Wer zu fest schlief, musste nämlich gewärtig sein, Bekanntschaft mit der Grabenklinge eines Dren-Kommandos zu schließen. Diese Fähigkeit ist ein Überbleibsel aus meiner Vergangenheit, auf das ich alles in allem gern verzichten würde. Es gibt nur wenige Situationen, in denen es erforderlich ist, voll und ganz da zu sein, und im Allgemeinen wird die Welt erträglicher, wenn man sie nur undeutlich [...]

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1
Schon in den ersten Tagen des Großen Krieges – auf den Schlachtfeldern von Apres und Ives – habe ich mir die Fähigkeit angeeignet, im Nu wach zu werden. Wer zu fest schlief, musste nämlich gewärtig sein, Bekanntschaft mit der Grabenklinge eines Dren-Kommandos zu schließen. Diese Fähigkeit ist ein Überbleibsel aus meiner Vergangenheit, auf das ich alles in allem gern verzichten würde. Es gibt nur wenige Situationen, in denen es erforderlich ist, voll und ganz da zu sein, und im Allgemeinen wird die Welt erträglicher, wenn man sie nur undeutlich wahrnimmt.
Ein gutes Beispiel: mein Zimmer – das man am besten in Augenschein nahm, wenn man noch halb schlief oder vom Alkohol benebelt war. Durch mein verdrecktes Fenster drang das Licht eines Spätherbsttages und ließ das Interieur, das ohnehin nicht weit von Verkommenheit entfernt war, noch weniger anziehend wirken als sonst. Selbst nach meinen Maßstäben – die ziemlich niedrig sind – war der Raum die reinste Bruchbude. Die Einrichtung bestand lediglich aus einem Bett, einer abgenutzten Kommode und ein oder zwei zerschrammten Tischen. Fußboden und Wände waren mit einer Schmutzschicht überzogen. Ich urinierte in den Nachttopf und entleerte ihn in die Gasse unter meinem Fenster.
In der Unterstadt tobte bereits das Leben. Die Straßen hallten vom Geschrei der Fischweiber wider, die Lastträgern aus der nördlich gelegenen Altstadt den Tagesfang anpriesen. Auf dem Markt ein paar Häuserblocks weiter östlich verhökerten Kaufleute falsch abgewogene Waren an Zwischenhändler, die mit beschnittenen Kupfermünzen zahlten, während unten in der Light Street Straßenkinder luchsäugig nach einem unvorsichtigen Händler oder einem Blaublüter Ausschau hielten, der sich zu weit in die Unterstadt vorgewagt hatte. In den Winkeln und Gassen drückten sich die Stricher herum, die ebenfalls ihre Ware anpriesen, obwohl sie gedämpfter sprachen und mehr verlangten als die Fischweiber. Abgehärmte Nutten, die die Frühschicht durchzogen, versuchten, mit halbherzigen Gesten Passanten anzulocken – in der Hoffnung, ihre verblühten Reize versilbern zu können, damit es für eine weitere Tagesration Alkohol oder Drogen reichte. Die gefährlichen Männer des Viertels schliefen größtenteils noch, wie immer mit der Klinge neben dem Bett. Die wirklich gefährlichen Männer hingegen waren schon seit Stunden auf und eifrig mit ihren Federkielen und Geschäftsbüchern zugange.
Ich hob einen Handspiegel vom Fußboden auf und hielt ihn auf Armeslänge vor mein Gesicht. Eine Schönheit war ich noch nie, da half kein Pudern und kein Schminken. Triefende Knollennase, Glupschaugen, der Mund wie ein Schlitz, den man mit dem Messer schief ins Fleisch geschnitten hat. Zur Steigerung meiner natürlichen Reize tragen zahlreiche Narben bei, die einen Masochisten vor Neid erblassen lassen würden. Über meine Wange zieht sich ein verfärbter Streifen, das Andenken an einen Geschosssplitter, der mir beinahe den Garaus gemacht hätte, während mein zerfetztes linkes Ohr von einer Straßenschlägerei Zeugnis ablegt, bei der ich den Kürzeren gezogen habe.
Von der zerkratzten Tischplatte zwinkerte mir ein Fläschchen mit Koboldatem einen Morgengruß zu. Ich entkorkte es und atmete den daraus aufsteigenden Dunst ein. Ein süßlicher Geruch stieg mir in die Nase, gleich darauf folgte das vertraute Summen in meinen Ohren. Ich schüttelte die Flasche – schon halb leer. Das Zeug hatte sich schnell verbraucht. Ich zog mir Hemd und Stiefel an, holte meinen Ranzen unter dem Bett hervor und ging nach unten, um den späten Vormittag zu begrüßen.
In der Kneipe Zum torkelnden Grafen war um diese Tageszeit nicht viel los, sodass der Raum ganz und gar von der gigantischen Gestalt hinter dem Tresen beherrscht wurde, Adolphus dem Großen, Gastwirt und Mitbesitzer der Kneipe. Trotz seiner Größe – selbst mich mit meinen eins achtzig überragte er noch um einen Kopf – war sein fassförmiger Körper so ausladend, dass er korpulent wirkte. Wenn man genauer hinsah, stellte man jedoch fest, dass er nicht aus Fett, sondern aus Muskeln bestand. Adolphus war schon potthässlich gewesen, bevor ihn ein Armbrustbolzen der Dren das linke Auge gekostet hatte, und die schwarze Binde, die er über der leeren Augenhöhle trug, sowie die Narbe, die sich über seine von Pocken entstellte Wange zog, hatten ihn in keiner Weise schöner gemacht. Dieses Aussehen und sein stierer Blick ließen ihn wie einen stumpfsinnigen Schläger wirken, und obwohl er das gar nicht war, sorgte dieser Eindruck doch dafür, dass sich die Leute in seiner Gegenwart anständig benahmen.
Adolphus war gerade dabei, den Tresen zu säubern. Gleichzeitig schwallte er einen noch halbwegs nüchternen Gast zu, indem er sich über die Ungerechtigkeiten der Welt ausließ. Eine seiner Lieblingsbeschäftigungen. Ich steuerte die Theke an und suchte mir den saubersten Platz.
Adolphus war zu sehr damit beschäftigt, die Probleme der Nation zu lösen, als dass er um der Höflichkeit willen seinen Monolog unterbrochen hätte. Deshalb nickte er mir zur Begrüßung nur kurz zu. »Und zweifellos werden Sie mit mir übereinstimmen, dass seine Lordschaft als Kanzler völlig versagt hat. Soll er doch wieder als Vollstrecker der königlichen Gerechtigkeit Rebellen aufknüpfen – zumindest war das eine Aufgabe, für die er geeignet war.«
»Mir ist schleierhaft, wovon du redest, Adolphus. Jedermann weiß doch, dass unsere Führer so klug wie ehrlich sind. Übrigens … ist es schon zu spät für einen Teller Rührei?«
Er drehte den Kopf in Richtung Küche und knurrte: »Frau! Eier!« Nachdem das erledigt war, wandte er sich wieder seinem hilflosen Opfer zu.
»Fünf Jahre hab ich der Krone geopfert. Fünf Jahre und mein Auge.« Adolphus liebte es, den Verlust seines Auges ins Gespräch einzuflechten. Offenbar war er der Meinung, dass es sonst niemandem aufgefallen wäre. »Fünf Jahre bis zum Hals in Scheiße und Dreck, fünf Jahre, in denen die Bankiers und Adligen in der Heimat reich wurden, weil ich mein Blut für sie vergoss. Ein halber Ockerling pro Monat ist nicht viel für fünf solche Jahre, aber er steht mir zu, und ich will verdammt sein, wenn ich denen das nicht immer wieder unter die Nase reibe.« Er klatschte seinen Wischlappen auf den Tresen und zeigte mit einem seiner Wurstfinger auf mich, weil er sich Unterstützung erhoffte. »Dir steht dieser halbe Ockerling auch zu, mein Freund. Für einen Mann, den seine Königin und sein Land vergessen haben, bist du ganz schön still.«
Was sollte ich dazu sagen? Der Kanzler würde ohnehin tun, was ihm genehm war, daran würde auch das Geschimpfe eines einäugigen ehemaligen Pikeniers nichts ändern. Ich gab ein unverbindliches Grunzen von mir. Adeline, im Gegensatz zu ihrem Mann klein und still, kam aus der Küche und reichte mir lächelnd einen Teller, den ich, ihr Lächeln erwidernd, an mich nahm. Adolphus fuhr mit seiner Tirade fort, doch ich achtete nicht weiter auf ihn und machte mich über die Eier her. Wir waren seit anderthalb Jahrzehnten Freunde, weil ich ihm seine Geschwätzigkeit ebenso nachsah wie er mir meine Schweigsamkeit.
Die Wirkung des Koboldatems setzte ein. Ich merkte, wie sich meine Nerven beruhigten und mein Sehvermögen schärfer wurde. Während ich mir Schwarzbrot in den Mund stopfte, dachte ich darüber nach, was es heute alles zu erledigen gab. Ich musste meinen Kontaktmann im Zollbüro aufsuchen – er hatte mir schon vor vierzehn Tagen saubere Pässe versprochen, sein Versprechen aber noch nicht eingelöst. Außerdem stand die übliche Runde bei den Verteilern an, die Stoff bei mir kauften – zwielichtige Barkeeper, kleine Dealer, Zuhälter und Pusher. Abends musste ich zu einer Party oben in Kor’s Heights, und ich hatte Yancey dem Reimer versprochen, mich vor seinem abendlichen Auftritt bei ihm zu melden.
Der Gast fiel Adolphus ins Wort, seinen verleumderischen Redefluss unterbrechend. »Haben Sie was über die Kleine gehört?«
Adolphus und ich sahen uns bedrückt an. »Die Bullen sind zu nichts nütze«, erwiderte er und fuhr mit dem Saubermachen fort. Vor drei Tagen war das Kind eines Dockarbeiters verschwunden, aus einer Gasse vor dem Haus der Eltern. Seitdem war die »Kleine Tara« in der Unterstadt so etwas wie eine Cause célèbre. Die Gilde der Fischer hatte eine Belohnung ausgesetzt, die Prachetas-Kirche ihr zu Ehren einen Gottesdienst abgehalten. Selbst die Stadtwache hatte ein paar Stunden lang ihre Lethargie abgeschüttelt, um an Türen zu klopfen und Brunnenschächte zu inspizieren. Gefunden hatte man nichts, und dass ein Kind im einwohnerreichsten Viertel des ganzen Reichs zweiundsiebzig Stunden lang verschwunden blieb, war kaum vorstellbar. So Sakra wollte, ging es dem Mädchen bestens, aber meinen unausgezahlten halben Ockerling hätte ich nicht darauf gewettet.
Die Erwähnung des Kindes hatte das kleine Wunder zur Folge, dass Adolphus den Mund hielt. Schweigend beendete ich mein Frühstück, schob den Teller von mir und stand auf. »Wenn Nachrichten für mich kommen, nimm sie entgegen. Ich bin nach Einbruch der Dunkelheit wieder da.«
Adolphus winkte mir zum Abschied zu.
Ich trat in das mittägliche Gewusel der Unterstadt hinaus und machte mich auf den Weg nach Osten, in Richtung der Docks. Eine Querstraße weiter erspähte ich Kid Mac, Zuhälter und hochkarätiger Fechter, der in seiner vollen Größe von eins sechzig an der Hauswand lehnte und sich mit finsterer Miene eine Zigarette drehte. Sein Gesicht war mit verblassten Duellnarben übersät, seine Kleidung wie immer perfekt, vom breitkrempigen Hut bis zum Silbergriff seines Rapiers. Er lümmelte mit einem Gesichtsausdruck an der Hauswand, der halb bedrohlich, halb träge wirkte.
Seit Mac vor einigen Jahren in unserer Gegend aufgetaucht war, hatte er es geschafft, sich ein kleines Revier zu sichern – zum einen, weil er gut mit einer Klinge umzugehen vermochte, zum anderen, weil seine Huren ihm vorbehaltlos ergeben und alle so in ihn vernarrt waren wie eine Mutter in ihr Erstgeborenes. Im Stillen habe ich oft gedacht, dass Mac den leichtesten Job in der ganzen Unterstadt hatte, schließlich brauchte er bloß dafür zu sorgen, dass sich seine Bordsteinschwalben im Gerangel um seine Gunst nicht gegenseitig umbrachten. Wenn man sein ewig finsteres Gesicht sah, wäre man jedoch nie darauf gekommen, wie leicht er es eigentlich hatte. Seit er sich etabliert hatte, standen wir auf freundschaftlichem Fuß, tauschten Informationen aus und erwiesen einander gelegentlich einen Gefallen.
»Mac.«
»Patron.« Er reichte mir die Zigarette, die er gerade gedreht hatte.
Ich zündete sie mit einem Streichholz aus meinem Gürtel an. »Wie geht’s den Mädels?«
Er schüttete Tabak aus seinem Tabaksbeutel, um sich eine neue Fluppe zu drehen. »Die sind völlig fertig wegen dieses verschwundenen Kindes. Benehmen sich schlimmer als eine Horde Glucken. Die Rote Annie hat die halbe Nacht geheult und alle am Schlafen gehindert, bis Euphemia schließlich auf sie losgegangen ist.«
»Die sind eben sehr empfindsam.« Ich langte in meinen Ranzen und reichte ihm verstohlen seine Ware. »Irgendwas über Eddie die Möse gehört?«, fragte ich. Das war ein Rivale von Mac, der Anfang der Woche aus der Stadt gejagt worden war.
»Der arbeitet einen Steinwurf von der Polizeizentrale entfernt und hält es nicht für nötig, die Bullen zu schmieren! Der ist doch zum Scheißen zu dämlich! Glaub nicht, dass er den Winter überlebt.« Mac drehte seine Zigarette mit einer Hand zu Ende und schob sich mit der anderen das Päckchen, das ich ihm gegeben hatte, in die Gesäßtasche.
»Halt ich auch für unwahrscheinlich«, erwiderte ich.
Mac steckte sich die Lulle zwischen seine höhnisch verzogenen Lippen. Eine Weile sahen wir zu, wie das Gewusel auf der Straße langsam abnahm. »Hast du diese Pässe schon?«, fragte er.
»Werde heut meinen Kontaktmann aufsuchen. Dürfte bald was für dich haben.«
Er gab ein Grunzen von sich, das möglicherweise Zustimmung ausdrücken sollte. Ich wandte mich zum Gehen. »Du solltest wissen, dass Hasenschartes Jungs neuerdings östlich vom Kanal tätig sind.« Er zog an seiner Zigarette und stieß eine Reihe vollendeter Rauchringe aus. »Die Mädchen haben seine Bande in der letzten Woche hier und da gesehen.«
»Hab ich schon gehört. Bleib, wie du bist, Mac.«
Er schaltete wieder seinen bedrohlichen Gesichtsausdruck ein.
Den Rest des Nachmittags verbrachte ich damit, Ware zu liefern und dies und das zu erledigen. Der Zollbeamte schob endlich die Pässe rüber. Angesichts seines steigenden Koboldatemkonsums konnte das durchaus der letzte Gefallen sein, den er mir zu tun vermochte.
Erst am frühen Abend war ich mit allem fertig. Ich machte bei meinem Lieblingsstraßenstand halt, um mir eine Schale Rindfleisch in Chilisauce zu kaufen. Ich musste noch mit Yancey sprechen, der heute Abend in der Nähe der Altstadt vor irgendwelchen hochnäsigen Aristokraten auftrat. Ein ziemlich weiter Weg. Um Zeit zu sparen, nahm ich eine Abkürzung durch eine Gasse. In dem Augenblick sah ich etwas, das mich so abrupt innehalten ließ, dass ich beinah umgekippt wäre.
Der Reimer würde warten müssen. Vor mir lag die entsetzlich verrenkte Leiche eines Kindes, eingewickelt in ein blutgetränktes Laken.
Offenbar hatte ich die Kleine Tara gefunden.
Ich warf mein Abendessen in einen Gully. Mir war der Appetit vergangen.

2
Ich nahm mir ein paar Sekunden Zeit, um die Lage zu peilen. Die Ratten der Unterstadt sind ein gieriger Haufen. Folglich wies der Umstand, dass die Leiche nicht angenagt war, darauf hin, dass sie noch nicht lange dort gelegen haben konnte. Ich hockte mich neben sie und legte die Hand auf die kleine Brust – kalt. Als man sie hier abgeladen hatte, war sie schon eine Weile tot gewesen. Aus nächster Nähe konnte ich dann deutlicher sehen, was ihr Peiniger ihr alles angetan hatte. Schaudernd wich ich zurück. Dabei fiel mir ein seltsamer Geruch auf, nicht der süßliche Gestank verwesten Fleisches, sondern ein beißender, chemischer Geruch, der ein Kratzen in meinem Hals hervorrief.
Ich verließ die Gasse und trat auf die Hauptstraße hinaus, wo ich zwei Straßenbengel heranwinkte, die in der Nähe herumlungerten. Bei den unteren Klassen hat mein Name einiges Gewicht. Deshalb kamen sie ganz aufgeregt herbeigeeilt, so als erwarteten sie, dass ich sie bei irgendeiner Unternehmung brauchen würde. Ich gab demjenigen der beiden, der mir nicht sonderlich schlau schien, einen Kupferling und befahl ihm, einen Stadtwächter zu holen. Als der Junge um die Ecke verschwunden war, wandte ich mich seinem Kameraden zu.
Ich versorge die halbe Wache der Unterstadt mit Huren und gepanschtem Bier, sodass von der Stadtwache keine Schwierigkeiten zu erwarten waren. Doch bei einem Mord dieser Art würde sich ein Ermittlungsbeamter einschalten, und wer immer das war, könnte dumm genug sein, mich für verdächtig zu halten. Also musste ich unbedingt meine Ware loswerden.
Der Junge hatte eine blasse Haut und starrte mich mit seinen braunen, tief in den Höhlen liegenden Augen an. Wie die meisten Straßenkinder war er ein Mischling, seine Gesichtszüge spiegelten die drei Völkerschaften Riguns sowie diverse fremdrassische Einschläge wider. Selbst nach den Maßstäben der Armen und Besitzlosen war er entsetzlich dünn. Die Lumpen, die er trug, reichten in keiner Weise aus, um seine vorstehenden Schulterblätter und knochigen Arme zu verbergen.
»Du weißt, wer ich bin?«
»Du bist der Patron.«
»Kennst du die Kneipe Zum torkelnden Grafen?«
Unverwandt sah er mich mit weit aufgerissenen Augen an und nickte. Ich hielt ihm meinen Ranzen hin.
»Nimm das und bring es dem Zyklopen hinter der Theke. Richte ihm aus, ich hätte gesagt, er soll dir einen Silberling geben.«
Als er die Hand nach dem Ranzen ausstreckte, packte ich ihn beim Genick. »Ich kenne jede Hure, jeden Taschendieb, jeden Junkie und jeden Schläger der Unterstadt und werde dein Gesicht nicht vergessen. Wenn der Ranzen bei meiner Rückkehr nicht da ist, werde ich dich zu finden wissen. Verstanden?« Ich packte ihn noch fester beim Genick.
Er zuckte nicht mal zusammen. »Ich bin kein Gauner.« Seine Stimme überraschte mich, denn sie klang fest und selbstsicher. Ich hatte mir den Richtigen ausgesucht.
»Dann ab mit dir.« Sobald ich ihn losgelassen hatte, sprintete er davon.
Ich ging in die Gasse zurück und rauchte eine Zigarette, während ich auf die Bullen wartete. Sie brauchten länger, als ich es angesichts der Ernsthaftigkeit der Situation erwartet hatte. Es ist beunruhigend festzustellen, dass die geringe Meinung, die man von der Polizei hat, immer noch nicht gering genug ist. Zwei Lullen später kam der erste Junge mit zwei Stadtwächtern im Schlepptau zurück.
Ich kannte die beiden, wenn auch nicht sehr gut. Der eine war bei der Polizei neu, gehörte ihr erst seit sechs Monaten an, während ich den anderen schon seit Jahren schmierte. Mal sehen, was mir das nutzen würde, falls es hart auf hart kam. »Hallo, Wendell.« Ich streckte die Hand aus. »Schön, dich wiederzusehen, selbst unter diesen Umständen.«
Wendell schüttelte mir kräftig die Hand. »Freut mich ebenfalls«, sagte er. »Ich hatte gehofft, der Junge würde uns was vorschwindeln.«
Darauf gab es nicht viel zu sagen. Wendell kniete sich neben die Leiche, wobei sein Kettenhemd durch den Dreck schleifte. Das Gesicht seines jungen Kollegen, der hinter ihm stand, nahm jene Schattierung von Weiß an, die einen Kotzanfall einleitet. Wendell blickte über die Schulter und schnauzte ihn an. »Beherrsch dich! Du bist ein verdammter Stadtwächter – also zeig gefälligst, dass du Mumm hast!« Dann wandte er sich wieder der Leiche zu. Offenbar wusste er nicht so recht, was er als Nächstes tun sollte. »Denke, es wäre besser, einen Ermittlungsbeamten holen zu lassen«, sagte er in halb fragendem Ton zu mir.
»Denke ich auch.«
»Lauf in die Zentrale«, befahl Wendell seinem Untergebenen, »und sag denen, sie sollen nach einem Ermittlungsbeamten schicken. Am besten gleich nach zweien.«
Die Stadtwache sorgt in der Stadt für Ruhe und Ordnung – sofern man sie nicht schmiert, damit sie ein Auge zudrückt –, doch die Untersuchung von Verbrechen fällt nicht in ihren Zuständigkeitsbereich. Die Leute von der Stadtwache müssen einen Mörder schon mit blutigem Messer neben der Leiche erwischen, ansonsten taugen sie nicht viel. Und bei einem Verbrechen, das jemand, der zählt, für von Belang hält, wird ein Ermittlungsbeamter der Krone losgeschickt, der den offiziellen Auftrag hat, im Namen des Throns für Gerechtigkeit zu sorgen. Die eiskalten Teufel, die Schneemänner, die grauen Schatten – egal, wie man sie nennt, Hauptsache, man beugt den Kopf, wenn sie vorübergehen, und antwortet rasch, wenn sie einen etwas fragen. Denn die sind von anderem Kaliber als die Stadtwache, und wenn es etwas gibt, das noch gefährlicher ist als eine unfähige Gendarmerie, dann ist es eine, die ihr Handwerk versteht. Normalerweise schenken sie einer in der Unterstadt aufgefundenen Leiche keine Aufmerksamkeit – ein Umstand, der bei der Mordrate wahre Wunder wirkt. Doch hier handelte es sich nicht um einen Betrunkenen, der in einer Pfütze ersoffen war, oder um einen erstochenen Junkie. Bei diesem Fall würde man einen Ermittlungsbeamten schicken.
Ein paar Minuten später traf eine kleine Abteilung von Stadtwächtern ein. Zwei von ihnen machten sich daran, die Umgebung abzusperren. Die anderen standen bloß herum und taten wichtig. Was ihnen nicht sonderlich gut gelang, aber ich brachte es nicht übers Herz, ihnen das mitzuteilen.
Entweder weil das lange Warten ihn langweilte oder weil er den anderen vorführen wollte, wie clever er war, beschloss Wendell, sich mal in Polizeiarbeit zu versuchen. »Ist wahrscheinlich irgendein Häretiker gewesen«, sagte er, sich am Doppelkinn kratzend. »War von den Docks zum Kirenerviertel unterwegs, sah das Mädchen und …« Er machte eine abrupte Geste.
»Ja. Wie ich gehört habe, kommt so was öfter vor.«
Sein Partner mit dem Babygesicht mischte sich ein, um gehässig Gift zu verspritzen. »Vielleicht war es auch ein Eiländer. Man weiß ja, wie die sind.«
Wendell nickte weise. Er wusste in der Tat, wie die waren.
Mir war zu Ohren gekommen, dass man in einigen moderneren psychiatrischen Abteilungen den Verrückten und von Geburt an Schwachsinnigen mechanische Arbeiten zuwies, indem man sie zum Beispiel Knöpfe an Stoffballen annähen ließ. Diese nutzlose Arbeit sollte der Beschwichtigung ihres verstörten Geistes dienen. Manchmal frage ich mich, ob die Stadtwache nicht in diese Therapie einbezogen ist, will sagen, ein raffiniertes soziales Programm darstellt, das geistig Minderbemittelten die Illusion sinnvoller Tätigkeit vorgaukelt.
Aber es ging natürlich nicht an, den Teilnehmern am Programm den Spaß zu verderben. Diese Erkenntnisblitze schienen Wendell und seinen Untergebenen so zu erschöpfen, dass sie in Schweigen verfielen.
Der Herbstabend jagte die letzten Fetzen Tageslicht über die Skyline. Die Geräusche ehrlicher Handelstätigkeit – sofern es so was in der Unterstadt überhaupt gibt – wichen gespannter Stille. In einem der umliegenden Wohnhäuser hatte jemand ein Holzfeuer entfacht, dessen Rauch die Leiche fast völlig einhüllte. Ich drehte mir eine Zigarette, um das, was man noch sehen konnte, vollends zu vernebeln.
Man spürte ihr Kommen, bevor man sie sah, weil die Leute auf der Straße eilig davonhuschten, um ihnen auszuweichen. Gleich würde man sie selbst zu sehen bekommen. Die eiskalten Teufel waren stolz auf die Uniformität ihrer Kleidung. Jeder von ihnen stellte das austauschbare Mitglied einer kleinen Armee dar, die die Stadt und den größten Teil des Landes fest im Griff hatte. Ihre Kleidung bestand aus einem langen eisgrauen Mantel mit hochgestelltem Kragen sowie einem breitkrempigen Hut von gleicher Farbe. Am Gürtel hing ein Kurzschwert mit Silbergriff, das sowohl ein ästhetisches Wunderwerk als auch eine perfekte Waffe darstellte. Um den Hals trugen sie einen dunklen, in Silber gefassten Edelstein – das Auge der Krone, das offizielle Symbol ihrer Funktion. Rundum die Verkörperung von Recht und Ordnung, eine geballte Faust im samtenen Handschuh.
Auch wenn ich es nie laut sagen würde, und auch wenn ich mich schämte, es nur zu denken – ich vermisste dieses beschissene Outfit, das konnte ich nicht leugnen.
Crispin erkannte mich schon von Weitem. Seine Gesichtszüge verhärteten sich, ohne dass sich sein Schritt verlangsamt hätte. Sein Aussehen hatte sich in den letzten fünf Jahren kaum verändert. Das aristokratische Gesicht, das mich unter der Hutkrempe hervor anstarrte, war sich ebenso gleich geblieben wie die aufrecht-stramme Haltung, die von einer Jugend Zeugnis ablegte, in der er von Tanzmeistern und Benimmlehrern geschult worden war. Der Ansatz seines braunen Haars war stark zurückgewichen, doch seine kühn geschwungene Nase kündete nach wie vor von der langen Geschichte seiner Familie. Ich wusste, dass es ihm missfiel, mich hier zu sehen, genauso wie es mir missfiel, dass man ausgerechnet ihn hergeschickt hatte.
Den anderen kannte ich nicht – offenbar war es ein Neuer. Wie Crispin hatte er die lange, arrogante Nase der Rouender, während sein Haar so blond war, dass es fast weiß wirkte. Abgesehen von seiner platinblonden Mähne machte er den Eindruck eines typischen Ermittlungsbeamten. Seine blauen Augen blickten unterschiedslos inquisitorisch drein, sein in der Uniform steckender Körper strahlte Härte und Aggressivität aus.
Die zwei blieben am Eingang zur Gasse stehen. Crispins Blick schweifte über die Umgebung, verharrte kurz auf der zugedeckten Leiche, um sich dann auf Wendell zu richten, der strammstand und sich alle Mühe gab, wie ein Polizist auszusehen. Crispin nickte ihm kurz zu. Der zweite, nach wie vor namenlose Ermittlungsbeamte verschränkte lediglich die Arme und deutete ein Grinsen an. Nachdem dem Protokoll Genüge getan war, wandte sich Crispin an mich. »Du hast sie gefunden?«
»Vor vierzig Minuten, aber sie hatte sicher schon ein Weilchen in der Gasse gelegen. Der Mörder hat sie nach seiner Tat hier abgeladen.«
Langsam schritt Crispin die Umgebung ab. In der Mitte der Gasse führte eine Holztür in ein verlassenes Gebäude. Er blieb vor der Tür stehen und drückte dagegen. »Glaubst du, er ist hier rausgekommen?«
»Nicht unbedingt. Die Leiche ist klein genug, um sie irgendwo zu verstecken – vielleicht in einer Kiste oder einem leeren Bierfass. Bei Einbruch der Dämmerung ist in dieser Straße nicht viel los. Man könnte die Leiche einfach abladen und weitergehen.«
»Steckt das Syndikat dahinter?«
»Du weißt so gut wie ich, dass ein unversehrtes Kind auf den Märkten von Bukhirra fünfhundert Ockerlinge einbringt. Kein Sklavenhändler wäre so dumm, sich selbst um seinen Profit zu bringen, und falls doch, dann würde er die Leiche geschickter verschwinden lassen.«
Das war für Crispins Kollegen zu viel der Ehrerbietigkeit gegenüber einem Fremden in zerlumptem Mantel. Er kam zu uns herübergeschlendert, erfüllt von jener Arroganz, die entsteht, wenn das angeborene Überlegenheitsgefühl durch die Übernahme eines öffentlichen Amts gefestigt wird. »Wer ist dieser Mann? Was hatte er hier zu suchen, als er die Leiche entdeckte?« Er grinste mich höhnisch an. Ich musste zugeben, dass er sich gut darauf verstand. Trotz seiner weiten Verbreitung ist das ein Gesichtsausdruck, den nicht jeder beherrscht.
Da ich nicht reagierte, wandte er sich an Wendell. »Wo sind seine Sachen? Was hat Ihre Durchsuchung ergeben?«
»Nun ja, Sir«, erwiderte Wendell, dessen Unterstadtakzent sich verstärkte. »Da er den Leichenfund gemeldet hat, dachten wir … das heißt …« Er wischte sich mit dem Rücken seiner fetten Hand über die Nase. »Er ist nicht durchsucht worden, Sir«, stieß er schließlich hervor.

Daniel Polansky

Über Daniel Polansky

Biografie

Daniel Polansky wurde in Baltimore geboren. Er hat Philosophie am Dickinson College studiert und schreibt fesselnde Dark Fantasy. »Der Herr der Unterstadt« ist sein erster Roman.

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