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Der frühe Wurm hat einen Vogel

Der frühe Wurm hat einen Vogel

Vermischte Schriften

Band I

Taschenbuch
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Der frühe Wurm hat einen Vogel — Inhalt

Wenn alle anderen joggen, bleibt Österreichs erfolgreichster Kabarettist auf der Couch. Anstatt in Aktien zu investieren, gibt er sein Geld für gutes Esses aus, und wenn er viel Arbeit hat, geht er seinem Hobby nach. Nicht aus Faulheit. Nein: aus purer Angst davor, vom frühen Vogel gefressen zu werden – so wie es dem Wurm passiert ist.

Erschienen am 15.10.2013
352 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30236-4

Leseprobe zu »Der frühe Wurm hat einen Vogel«

Die erste Geschichte

 

Dies ist also die erste Geschichte. Diese erste Geschichte
schreibe ich nur aus einem einzigen Grund: Man hat
mir abgeraten, mit der zweiten Geschichte zu beginnen. Ich
selbst hätte nichts dagegen gehabt, aber von Seiten des Verlages
meinte man, es würde ein wenig Verwirrung stiften,
mit der zweiten Geschichte zu beginnen und dann erst als
zweite Geschichte die erste Geschichte zu bringen. Wobei
ich ja gestehen muss, ich habe keine erste Geschichte.
Ich leide nämlich seit einiger Zeit an einer offensichtlich
unheilbaren Krankheit: Ich kann [...]

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Die erste Geschichte

 

Dies ist also die erste Geschichte. Diese erste Geschichte
schreibe ich nur aus einem einzigen Grund: Man hat
mir abgeraten, mit der zweiten Geschichte zu beginnen. Ich
selbst hätte nichts dagegen gehabt, aber von Seiten des Verlages
meinte man, es würde ein wenig Verwirrung stiften,
mit der zweiten Geschichte zu beginnen und dann erst als
zweite Geschichte die erste Geschichte zu bringen. Wobei
ich ja gestehen muss, ich habe keine erste Geschichte.
Ich leide nämlich seit einiger Zeit an einer offensichtlich
unheilbaren Krankheit: Ich kann nichts schreiben. Ganz
ehrlich: Ich habe überhaupt keine Geschichten. Also im
Kopf habe ich sie sehr wohl, aber nicht im Computer. Noch
nicht.
Ich habe schon eine Kieferknochenentzündung vorgetäuscht,
um den Abgabetermin verschieben zu können. Zu
allem Überfluss habe ich dann wirklich eine Kieferentzündung
bekommen. Psychosomatisch sozusagen. Die Vortäuschung
der Krankheit hatte einen umgekehrten Placebo-
Effekt und so litt ich acht Wochen lang an unbändigen
Schmerzen in meinem rechten Oberkiefer. Umgekehrt hat
das leider nicht so gut funktioniert. Die Kieferknochenentzündung
ließ sich zwar her-, aber nicht wegdenken. Zwei
Wochen Antibiotika und entzündungshemmende Medikamente
waren die Folge. Was lernen wir daraus? Man soll
nur schmerzfreie Krankheiten erfinden, um Termine zu
verschieben. Schnupfen, Fieber, eine Nierenkolik.
Wobei
die wahrscheinlich auch zu schmerzhaft ist.
Liebe LeserIn, ich befürchte, das Buch, das Sie gekauft
haben, ist leer. Ich kann Ihnen das zum jetzigen Zeitpunkt
nicht hundertprozentig sagen, aber wenn es mit mir und
meiner Schreibblockade so weitergeht, dann gibt es für
Sie nichts zu lesen. Ich habe schon überlegt, ob es nicht
einen anderen Weg gäbe, die Geschichten in meinem Kopf
unter die LeserInnen zu bringen, aber nachdem es noch
sehr lange dauern kann, bis wir in der Lage sind, Gedanken
zu lesen, scheint es keinen anderen Ausweg zu geben: Ich
muss schreiben.
Oder auf die Bühne gehen. Aber deswegen
schreibe ich ja, damit ich nicht auf die Bühne muss.
Sie können das Buch aber auch gleich weglegen, wenn
Sie wollen. Und in drei Wochen wieder reinschauen,
vielleicht hab ich bis dahin etwas zustande gebracht. Ich
habe ohnehin schon die letzten Tage in Ihrer Handtasche
verbracht. War ganz nett übrigens. Möchte mich noch bei
Ihnen bedanken, dass Sie mich nicht in der Toilette abgelegt
haben, sondern mit mir unterwegs sind. Können Sie
sich noch erinnern, liebe LeserIn, wie wir uns das erste Mal
getroffen haben? Sie sind in der Buchhandlung gestanden
und haben mich durchgeblättert. Sie haben wunderschöne
Hände. Wie sehr ich es in diesem Moment bereut habe,
nichts geschrieben zu haben und Sie enttäuschen zu müssen.
Ich schwöre Ihnen, ich werde schreiben. Ich werde
alles versuchen, um Ihnen Freude zu bereiten.
Also dann. Ich schreibe jetzt. Oder kann ich Ihnen vielleicht
auf eine andere Art Freude bereiten? Wollen Sie einen
Strauß Rosen oder eine Bonboniere? Ja, eine Bonboniere ist
vielleicht gar keine so schlechte Idee. »Der frühe Wurm hat
einen Vogel« – lauter kleine Milchschokowürmer, die von
Vögeln aus Bitterschokolade aufgepickt werden. Das wär
doch was! Aber woher nehmen jetzt? Unglaubwürdig.
Okay. Okay. Ich seh schon, Sie haben ein Buch gekauft
und Sie wollen ein Buch. Aber Buch hin, Buch her, ich kann
nicht schreiben. Keine Ahnung, woran das liegt. Intellektuelle
Impotenz. Im Kopf funktioniert es wunderbar, aber kaum
gehts um was, versagt mein primäres Schreiborgan und ich
liege reglos auf der Couch. Und denke mir, ich sollte mich
ein wenig bewegen, der Gesundheit zuliebe. Wobei das mit
der Bewegung ist ja nur eine Sache des Bezugssystems. Bewegung
ist nur relativ zu einem Bezugspunkt nachweisbar. Wenn
ich auf der Couch liege, bewege ich mich sogar sehr schnell.
Und zwar mit der Erde, die sich mit circa 1.240 km/h um
ihre eigene Achse dreht. Wenn ich jetzt noch einen Schritt
weiter hinaus in den Weltraum mache, dann sehe ich mich
nicht nur auf der Couch mit der Erde um ihre eigene Achse
drehen, ich sehe mich auf der Couch mit der Erde um die
Sonne drehen und zwar mit circa 107.000 km/h. Noch weiter
hinaus: Unser Sonnensystem bewegt sich in unserer Galaxie,
der Milchstraße, mit circa 960.000 km/h spiralförmig auf
das in der Mitte befindliche Schwarze Loch zu. Und unsere
Galaxie bewegt sich mit 2.100.000 km/h gekrümmt durch
das Universum. Objektiv betrachtet bewege ich mich, wenn
ich stundenlang auf der Couch liege, gekrümmt durch das
Universum spiralförmig auf das Schwarze Loch zu, ellipsenförmig
um die Sonne und kreisförmig um die Erdachse – kein
Wunder also, dass mir, wenn ich von der Couch aufstehe,
immer so schwindelig ist.
All diese Bewegungen können wir übrigens (wie sie
sicher schon bemerkt haben) nicht wahrnehmen. Soviel zu
der Ansicht, dass wir mit unseren Sinnen die Wirklichkeit
wahrzunehmen im Stande wären. Sinnlose Sinne!

Obwohl – Wie zärtlich Sie jetzt umgeblättert haben!
Sinnlich irgendwie! Ich mag das, wenn Sie mit den Fingern
über meine Seiten streichen. Bitte verstehen Sie das
jetzt nicht als plumpe Anmache, aber ich gehe davon aus,
dass Sie mich auch ins Bett mitnehmen werden. Macht
ja nichts, wenn Ihr Mann oder Freund daneben liegt. Ich
will nur nicht schuld sein, wenn Sie zu streiten beginnen,
weil Sie schon wieder lesen und es keinen Sex gibt. Falls
Sie jetzt im Bett neben einem Mann liegen, dann legen
Sie mich doch kurz zur Seite und greifen Sie rüber. Küssen
Sie ihn leidenschaftlich und haben Sie Sex. Lang, wenn
es geht, damit ich genug Zeit habe nachzudenken, was ich
schreiben soll.
Falls Sie gerade in einem Wellness-Hotel im Ruheraum
liegen, tun Sie mir einen kleinen Gefallen: Erschrecken
Sie die schlafenden Wellness-Gäste, indem Sie ganz laut
niesen oder eine Hupe imitieren. Ich weiß nicht warum,
aber jedes Mal, wenn ich in so einem Ruheraum liege, überkommt
mich das Bedürfnis, ganz laut zu rufen. Ich trau mich
natürlich nicht. Aber Sie könnten ja sagen, wenn sich die
anderen dann beschweren, dass es so geschrieben steht, dass
Sie diese Anweisung aus meinem Buch haben, dass ich Sie
gebeten habe, das zu tun.
Okay, ich gebe es zu, ich lenke nur davon ab, dass ich
nicht schreiben kann. Wissen Sie, liebe LeserIn, ich bin in
diesem Buch gefangen. Ich komme da nicht raus, solange
die Seiten leer sind. (Es hat übrigens keinen Sinn, jetzt auf
Seite 171 zu blättern, die ist sicher leer). Ich kann einfach
nicht schreiben. Es ist grauenhaft.
Folgende Idee: Sie müssen dasselbe tun wie ich, wenn ich
nicht schreiben kann. Sie müssen jetzt in ein Kaffeehaus
gehen. Oh ja! Bitte lassen Sie uns auf einen Kaffee gehen.

Ich treffe dann meistens Freunde zum Plaudern, um mich
von der eigenen Unfähigkeit abzulenken. Und genau das
müssen Sie auch tun. Sie können nicht lesen, Sie haben
eine Leseblockade und gehen jetzt ins Kaffeehaus, um sich
mit jemandem zu treffen! Wie wäre das?
Ich nehme einen Espresso Macchiato und ein kleines
Soda-Zitron. Und einen Schinken-Käse-Toast, ich hab
heute noch nichts gegessen. Sehen Sie. Ist doch besser als
ein Buch zu lesen, in dem nichts steht. Danke übrigens,
dass wir im Raucherbereich sitzen. Ich hasse den Nichtraucherbereich.
Und das, obwohl ich selbst mit dem Rauchen
aufgehört habe. Ich bin Nichtraucher und sitze lieber im
Raucherbereich. Und wissen Sie warum? Weil es bei den
Nichtrauchern stinkt! Ja, es stinkt nach fettiger Kopfhaut,
Schweiß, ausgelatschten Schuhen, Mundgeruch und eingewachsenen
Zehennägeln, vermischt mit dem Geruch
von Essen. Es stinkt erbärmlich nach Mensch in diesen
Nichtraucherlokalen. Ist Ihnen das noch nie aufgefallen?
Ein wenig wie im Speisesaal eines Kindergartens oder
einer Schule, nur ohne den Geruch von Wachstums- und
Pubertätshormonen. Natürlich ist es gesünder dort zu sitzen,
aber wie alles Gesunde ist es grauslich. Da lobe ich mir den
Zigarettenduft im Raucherbereich. In meinem Lieblingskaffeehaus
kommt man nur durch den Nichtraucherbereich
auf die Toilette, da halte ich immer die Luft an und atme
erst wieder auf der Toilette ein und am Rückweg halte ich
abermals die Luft an, bis ich endlich wieder in einer Nebelschwade
aus Zigarettenrauch stehe, atme dann tief ein und
danke dem Herrn für die frische Luft. Ich bin Nichtraucher,
wohlgemerkt.
Und? Wie gefällt es Ihnen bis jetzt? Ich finde es großartig:
Statt zu schreiben, gehe ich mit meinen LeserInnen ins
Kaffeehaus. Herrlich! Die besten Geschichten schreibt das
Leben. Ja! Dann soll sich halt das Leben jeden Tag acht
Stunden in mein Büro an meinen Computer setzen und
dieses Buch schreiben. Empfehle mich, bin inzwischen auf
ein Sprüngerl im Kaffeehaus!
Wirklich, das Leben geht mir auf die Nerven! Kommt
ungefragt daher, teilt einem nicht mit, wie lange es zu bleiben
geruht und ist auch schon wieder weg, wann immer es
ihm gerade passt, ohne auf irgendjemanden Rücksicht zu
nehmen. Ich würde mein Leben gerne fragen, was es sich
dabei denkt, mich immer wieder in Situationen zu bringen,
in denen ich mich fragen muss, ob dieses Leben wirklich
meines ist. Manchmal scheint mir, ich lebe ein fremdes
Leben. Ich finde mein Leben sehr unsympathisch, fast ein
wenig arrogant. Schmeißt mir Schicksalsschläge hin und
geht davon aus, der Trottel wird das schon meistern. Mit
mir kann man das ja machen! Und kaum findet man eine
Antwort auf das Leben, hat sich die Frage verändert.
Aber ich rede so viel und Sie haben noch gar nichts
gesagt. Wie geht es Ihnen und Ihrem Leben? Sind Sie
glücklich? Ja. Sie denken sich, Sie sind ganz zufrieden mit
dem Leben. Sie sind glücklich und ausgeglichen. Wirklich?
Warum sitzen Sie dann mit einem Buch, in dem nichts steht,
im Kaffeehaus? Oh, Verzeihung! Ich habe einen wunden
Punkt getroffen. Sie sind nämlich gerade sehr unglücklich,
weil Sie Single sind oder besser gesagt weil Sie zum Single
gemacht wurden. Er hat Sie verlassen. Er liebt Sie nicht.
Da kann ich Sie trösten, das kenne ich auch. Wer kennt
das nicht? Auch ich war vor langer Zeit in der Situation
zu lieben, aber nicht wiedergeliebt zu werden. Ich schäme
mich nicht, es zu sagen. Ich war unglücklich verliebt. Nicht
wie Don Quijote, rein und unberührt aus der Ferne, sondern
schmutzig und sexuell in großer Nähe. Drei Monate lang lief
damals eine Liebesgeschichte, in der ich mehr liebte als sie.
Es ist ja meistens so, dass einer mehr liebt als der andere. In
einer Beziehung liebt einer, während der andere sich lieben
lässt. In unserem Fall war ich derjenige, der mehr liebte.
Nach drei Monaten teilte sie mir mit, sie könne sich nicht
für mich entscheiden, sie könne sich aber auch nicht gegen
mich entscheiden. Sie wisse nicht, was sie tun solle. Sie
könne nicht mit mir, aber auch nicht ohne mich. Und ich
sage Ihnen eines: Bei Liebeskummer, bei gebrochenem Herzen
hilft am besten die Einsicht, dass man von dieser Person
nie geliebt wurde. Niemals. Und dass man diese Person auch
selbst nie geliebt hat. Niemals. Dass es sich bei den Liebesschwüren
um Verirrungen des Herzens gehandelt hat. Das
ist vielleicht genauso eine Illusion, aber es hilft. Glauben
Sie mir, ich bin ein Trennungsspezialist. Heutzutage brauchen
wir keinen Ratgeber, der uns dabei hilft, eine glückliche
Beziehung zu führen, sondern einen Trennungsratgeber.
Wie können wir uns trennen, ohne dabei gleich selbst zum
Strick greifen zu müssen oder die Partnerin in die Donau
zu treiben. Wie wird man eine Liebe los. Ich meine jetzt
nicht eine Geliebte, sondern die Liebe selbst. In heutiger
Zeit ein wichtiges Thema. Die neue Patchwork-Family gibt
es ja nur deshalb, weil irgendwann immer einer aufgehört
hat zu lieben, während der andere noch weiterliebt. In den
seltensten Fällen haben beide aufgehört zu lieben. Auf wie
vielen Scheidungspartys waren Sie und haben dem glücklichen
Expaar zur gemeinsamen Trennung gratuliert?
Wenn Ihnen also Ihr Partner oder Ihr Geliebter mitteilt,
er oder sie könne sich nicht entscheiden, wisse nicht,
ob er oder sie mit Ihnen leben wolle, dann hilft Folgendes,
um die Liebe, die Sie noch empfinden, auszulöschen:

Lesen Sie vom römischen Dichter Ovid das Buch »Remedia
amoris«, Arznei gegen die Liebe. Habe ich damals getan.
Ovid macht sich Gedanken darüber, wie man eine frische,
aber unglückliche Beziehung beenden kann, aber auch, wie
man einen langjährigen Partner loswird. Dieses Buch gibt es
in einer schönen Ausgabe nur antiquarisch, das heißt, Sie
sind eine Zeitlang damit beschäftigt, es zu finden. Womit
Sie schon den ersten Rat Ovids befolgt haben: Vermeiden
Sie es, nichts zu tun zu haben. Lenken Sie sich ab, damit
Sie nicht an die geliebte Person denken müssen. Dann rät
Ovid zu einer Reise, sich weit von dem Menschen, den Sie
lieben, zu entfernen. Damals in der Antike eine einfache
Sache, aber heutzutage durch Facebook kaum möglich. Hier
mein Rat: Entfernen Sie die Person aus der Freundschaftsliste.
Klicken Sie sich nicht nächtelang durch ihr Profil, um
sich die Bilder zum tausendsten Mal anzusehen. Entfernen
und basta! Löschen Sie die Telefonnummer aus Ihrem Speicher!
Was nur Sinn macht, wenn Sie sie nicht auswendig
wissen. Aber wer weiß heutzutage schon Telefonnummern
auswendig?


Mein Lieblingsratschlag von Ovid, um die Liebe zu
einem Menschen, der einen nicht widerliebt, zu töten,
ist, ihn in der Öffentlichkeit in Situationen zu bringen,
in denen er oder sie sich blamiert. Ovid rät zum Beispiel,
einen Menschen, der eine schlechte Stimme hat und
unmusikalisch ist, vor Freunden zum Singen zu überreden.
Das ist heutzutage sehr einfach. Laden Sie Freunde ein und
gehen Sie mit ihnen und dem Menschen, der Sie nicht
liebt, in eine Karaoke-Bar und sagen Sie: »Schatz, alles
von ABBA und dann noch Celine Dion!« Das wirkt Wunder.
Ovid rät des Weiteren, sich an der oder dem Geliebten
zu übersättigen. Verbringen Sie gemeinsam eine Woche
auf einer einsamen Insel, haben Sie jeden Tag mehrmals
Sex und stellen Sie sich dabei vor, dieser Zustand würde
ewig andauern.

Oder – eine der besten Methoden – nehmen Sie sich
einen zweiten Partner. Lassen Sie sich den oder die andere
durch eine Übergangsliebe aus dem Herzen reißen. Was ja
heutzutage keine große Sache mehr ist, denn ich sage Ihnen
eines, die Monogamie ist am Ende. Wir steuern auf eine
ganz neue Gesellschaftsform zu. Jeder Mensch in den nächsten
hundert Jahren wird mindestens zwölf Beziehungen in
seinem Leben haben. Das wird ganz normal sein. Da wird
sich niemand wundern. Wobei ich trotzdem glaube, dass wir
langfristig zur Monogamie zurückkehren werden. Aus einem
einfachen Grund. Wenn wir offen herummachen könnten,
sozial akzeptiert, dann würde es stundenlang dauern, wenn
sich zwei Freunde auf der Straße begegnen:
»Hallo, wie geht’s dir?«
»Danke gut, und dir?«
»Auch gut, danke, wie geht’s deiner Frau?«
»Sehr gut, wie geht’s deiner Frau?«
»Blendend! Wie geht’s deiner Geliebten?«
»Hervorragend, deiner?«
»Hervorragend, danke! Wie geht’s dem Mann deiner
Geliebten?«
»Dem geht’s sehr gut. Ich soll dich von seiner Frau grüßen
lassen!«
»Danke. Sag, wie geht es denn der zweiten Freundin vom
Mann deiner Geliebten?«
»Sehr gut. Wie geht’s dem Freund deiner Frau und seiner
Frau?«
»Sehr gut, die sind jetzt mit dem Mann meiner Geliebten
und seiner Geliebten auf Urlaub, während der Mann der
Geliebten mit dem Freund des Mannes meiner Geliebten
und seiner Frau bei mir in der Wohnung wohnt, weil ich mit
meiner neuen Geliebten und der Freundin ihres Mannes
übers Wochenende nach Paris fliege!«
Der einzige Grund, der für die Monogamie spricht, ist die
Abkürzung von Smalltalk. An sich schon ein Nervengift,
müssen wir ihn zu unserem Selbstschutz unbedingt small
halten.

Wenn Sie die Ratschläge in Ovids Buch befolgen, dann
haben Sie sich erfolgreich entliebt. Sie müssen dabei kein
schlechtes Gewissen haben, denn wie gesagt, das Gegenüber
hat auch Sie niemals geliebt. Wenn man sich, wie damals
in meinem Fall, nicht entscheiden kann, mit jemandem zu
leben, hat man sich wie von selbst, ohne überhaupt eine
Entscheidung zu treffen, für ein Leben ohne den anderen
entschieden.

Ich hoffe, ich langweile Sie nicht mit meinen Ausführungen.
War das jetzt ein bisschen zu intim? Naja, für unseren
ersten gemeinsamen Kaffee …? Wollen wir uns noch
einen Kaffee bestellen? Darf ich Sie kurz alleine lassen, ich
muss auf die Toilette. Komme gleich wieder.
Jetzt sitzen Sie da alleine im Kaffeehaus und warten, bis ich
von der Toilette zurück bin. Schräg, oder? Oh nein, sehen
Sie die Frau, die soeben aufgestanden ist, zwei Tische weiter?
Das ist sie. Das ist die, die mich damals nicht liebte. Gott sei
Dank bin ich grad nicht da. Ich muss sagen, dass ich ihr bis
heute ungern begegne. Eigentlich gar nicht so hübsch, wie
ich damals dachte. Und sie singt wirklich erbärmlich. Egal.
Sie können ihr ja ein Bein stellen, wenn sie an unserem
Tisch vorbeigeht. Egal. Wirklich egal.

Das Schöne daran, ein Buch zu schreiben, ist nämlich,
dass ich zugleich auf der Toilette sein und trotzdem mit
Ihnen hier sitzen kann. Also, ich bin jetzt nicht da, aber
gleichzeitig doch. Und das Beste: Sie können jetzt machen,
was Sie wollen, und ich werde es nicht wissen, wenn ich
von der Toilette zurückkomme. Sie könnten den Kellner
küssen, nackt auf dem Tisch tanzen oder Ihre Mutter anrufen
und ich weiß nichts davon. Gleichzeitig ist es trotzdem
unser gemeinsames Geheimnis, weil ich ja doch irgendwie
noch immer da bin. Und Sie denken jetzt sicher über mich
nach. Warum ich mit Ihnen auf diesen Kaffee gegangen
bin? Ob es wirklich nur daran liegt, dass ich nicht schreiben
kann, oder ob ich was von Ihnen will? Sie überlegen gerade,
wie sympathisch Sie mich finden und ob ich wohl ein guter
Liebhaber wäre. (Falls Sie, liebe LeserIn, ein Mann sind,
können Sie jetzt eine Seite überspringen, außer Sie sind
homosexuell.)

Ich bin natürlich kein guter Liebhaber, denn jeder Mann,
der von sich sagt, er sei ein solcher, ist keiner. Hier ist Tiefstapeln
angesagt. So gesehen bin ich ein guter Liebhaber.
Sie merken es sicher schon, wir befinden uns in einer
gedanklichen Schleife. Wenn ich Ihnen nämlich sage, dass
nur ein guter Liebhaber von sich sagt, er sei ein schlechter
Liebhaber, und ich dann sage, ich bin ein guter Liebhaber,
was darauf hinweist, dass ich ein schlechter Liebhaber bin,
dann sage ich das ja nur, um Sie darauf hinzuweisen, dass
ich ein schlechter Liebhaber bin, was wiederum nur heißen
kann, dass ich ein guter bin, was wiederum, und so weiter.
Ich glaube, aus diesem Dilemma gibt es nur einen Ausweg:
die Phantasie. Die ja übrigens die einzige Möglichkeit ist
für die Erkenntnis der Wahrheit. Aber das würde jetzt zu
weit führen.

Sie dürfen sich, wenn Sie mich das nächste Mal ins Bett
mitnehmen, alles Mögliche vorstellen, was wir miteinander
tun könnten. Ich erlaube es Ihnen. Ja, ich muss Ihnen ehrlich
sagen, es gibt keine größere Ehre, die man mir erweisen
könnte … Aber, pscht! Wir müssen jetzt damit aufhören.
Ich sehe, ich komme gerade vom Klo zurück.
Hallo. Sorry. Bin wieder da. Wie geht’s? Alles okay? Sie
sind ganz rot, ist es Ihnen zu heiß hier? Was denken Sie
gerade? Nichts! Alles klar. Hören Sie, ich habe wirklich ein
schlechtes Gewissen, weil ich nicht schreibe. Aber es geht
derzeit nicht. Keine Ahnung warum. Ich kann mich nicht
konzentrieren. Ich kann nicht einmal etwas lesen. Aber das
Problem kennen Sie ja, Sie können ja auch nichts lesen,
weil ich nichts geschrieben habe. Verdammt! Vielleicht bin
ich einfach überarbeitet. Ich bin definitiv überarbeitet. Ich
habe ein Burnout. Um Gottes Willen, jetzt bin ich eh schon
überarbeitet und habe auch noch ein Burnout.
Jeder hat heute ein Burnout. Jeder ist überarbeitet. Stress.
Mails. Nachrichten. Überstunden. Arbeit am Wochenende.
Burnout. Wissen Sie, dass es ein Burnout gar nicht gibt? Es
gibt keine Krankheit namens Burnout. Es gibt keine Diagnose,
die so lautet. Burnout gibt es nicht. Aber jeder hat es.
Kein Wunder, wir trinken ja auch koffeinfreien Latte Macchiato
mit Sojamilch. Wenn man weder Kaffee noch Milch
verträgt, warum trinkt man einen Latte Macchiato? Wieso
nicht ein Glas Wasser? Wenn man erschöpft ist und Angstzustände
hat, warum kriegt man dann ein Burnout, statt sich
rechtzeitig zu erholen? Warum ist heutzutage genug nicht
genug, sondern zu viel immer noch zu wenig? Wenn die
Wirtschaft nicht wächst, dann ist sie in der Krise, dann ist
sie kaputt. Was für ein Schwachsinn! Wenn ein Baum nicht
mehr wächst, dann ist er nicht kaputt, sondern groß genug,
um ein Baum zu sein. Warum sind wir im einundzwanzigsten
Jahrhundert immer noch so gläubig und fromm wie im
Mittelalter, nur dass wir nicht an Gott glauben, sondern an
die Marktwirtschaft, an den Kapitalismus. Der Markt wird
das regeln. Der Markt muss sich erholen. Das gibt der Markt
vor. Der Markt ist unser neuer Gott. Und die Wirtschaft ist
die Inquisition, die die Menschen verbrennt. Wir sind gläubiger
denn je. Da haben wir die katholische Kirche mittels
der Aufklärung in ihre Schranken gewiesen, damit niemand
mehr am Scheiterhaufen verbrannt wird, um sie flugs durch
die freie Marktwirtschaft zu ersetzen, die uns Panikattacken
und Depressionen beschert und uns innerlich verbrennt.
Wie dumm kann man eigentlich sein? Das Problem ist nur:
Aus der katholischen Kirche kann man austreten, aber aus
dem liberalen Kapitalismus …? Wo gibt es das Formular?
Ich trete aus. Ich muss nicht im Jänner Kirschen kaufen
können, ich brauche keine fünfhundert Handytarife, ich
muss nicht unbedingt mein Geld anlegen. Im Gegenteil.
Ich gebe mein Geld lieber für Alkohol, Prostituierte und
Drogen aus. Aktien sind mir zu ordinär! Aber wo können
wir austreten? Nirgendwo, weil wir dann nämlich als Ketzer
verurteilt würden. Der Kapitalismus erlebt gerade sein
finsterstes Mittelalter. Der Kapitalismus braucht, wie vor
fünfhundert Jahren die Kirche, seine Aufklärung.
Aus der Kirche bin ich übrigens ausgetreten. Damals mit
achtzehn Jahren. Nicht wegen der Kirchensteuer. Schon
gar nicht, weil ich Jesus Christus für besonders unsympatisch
halte. Nein, im Gegenteil. Ich hatte damals in einem
Geschichtsbuch etwas gelesen, das mich dazu bewogen hat,
aus der Kirche auszutreten.

Im dreizehnten Jahrhundert beschäftigten sich katholische
Theologen mit der Frage, was denn mit der Vor
haut Jesu Christi passiert sei. Jesus war Jude und wie alle
Juden beschnitten. Jetzt ist aber der Messias leibhaftig in
den Himmel aufgefahren. Also fragten sich die Theologen
ernsthaft, unter ihnen auch der damalige Papst, wo denn
die Vorhaut des Messias geblieben sei. Ist sie sofort nach der
Beschneidung in den Himmel aufgestiegen, weil sie schon
wusste, dass der Messias dreißig Jahre später nachkommen
würde, oder ist sie jahrelang irgendwo herumgelegen, um
dann gemeinsam mit dem Messias in den Himmel zu fahren?
Man möchte meinen, dass dies eigentlich für die Erlösung
der Menschheit nicht von Belang sei. Den Kirchenvertretern
aber war diese Frage sehr wichtig, denn wenn Jesus
ohne Vorhaut in den Himmel gefahren ist, dann sitzt beim
Jüngsten Gericht ein beschnittener Jude zur rechten Hand
Gottes. Und will man als Christ, dass ein Jude über einen
zu Gericht sitzt? Also musste man die Vorhaut auch auferstehen
lassen. Als Beweis dafür führte man die mystischen
Visionen der Heiligen Agnes Blannbekin an. Sie lebte von
1250 bis 1315 in Österreich und war eine christliche Mystikerin.
Sie hatte Visionen, die sie ihrem Beichtvater, dem
Franziskanermönch Ermenrich, erzählte, der sie in lateinischer
Sprache niederschrieb. Ihre wichtigste Vision war, dass
sie die Vorhaut Christi in ihrem Mund spüren konnte, wenn
sie die Hostie empfing. Der Mönch schreibt wörtlich:
Weinend und voller Barmherzigkeit begann sie, an das
Praeputium* Christi zu denken und wo sich dieses nach der
Auferstehung des Herrn befinden könne. Und siehe, schon
bald verspürte sie die größte Süße auf ihrer Zunge, ein kleines
Stückchen Haut, ähnlich der Haut in einem Ei, welche sie
schluckte. Nachdem sie diese Haut geschluckt hatte, konnte

* Vorhaut

sie erneut die kleine Haut auf ihrer Zunge fühlen, mit ebensolcher
Süße wie zuvor, und wieder schluckte sie diese. Und
dies geschah an die hundert Mal. Und da sie das Häutchen so
oft spürte, war sie versucht, es mit ihrem Finger zu berühren.
Als sie dies versuchte, da wanderte das Häutchen von selbst in
ihre Kehle hinunter. Da wurde ihr offenbar, dass die Vorhaut
Jesu gemeinsam mit dem Herrn in den Himmel aufgefahren
war am Tage seiner Auferstehung. So groß war die Süße des
Geschmacks dieser kleinen Haut, dass sie eine süße Verwandlung
in all ihren Gliedern zu spüren vermochte.

Das war selbst mir zu absurd. Ich trat aus der Kirche aus.
So unglaublich die Geschichte klingt, sie ist wahr. Den
lateinischen Originaltext, der Agnes Blannbekins Visionen
beschreibt, findet man in dem 1713 in Wien erschienenen
Buch »Venerabilis Agnetis Blannbekin«, das von der Kirche
später auf den Index gesetzt wurde.
Die Causa »Praeputium Domini« hatte noch ein Nachspiel.
Wenige Jahre nach meinem Austritt fand ich einen
Artikel über Kirchengeschichte, in dem von einem gewissen
Leone Allacci, ab 1661 Bibliothekar der Vatikanischen
Apostolischen Bibliothek, die Rede war, der in seinem
Werk »De Praeputio Domini Nostri Jesu Christi Diatriba«
die Theorie vertrat, die Vorhaut des Herrn wäre bei der Auferstehung
ebenfalls in den Himmel aufgefahren und habe
dort die Ringe des Planeten Saturn gebildet.
Ich muss sagen, diese theologische These hat mich derart
amüsiert, dass ich um ein Haar wieder eingetreten wäre.
Ich will nicht unhöflich sein, liebe LeserIn, aber Sie haben
jetzt schon wieder auf Ihr Handy gesehen! Ist Ihnen die Vorhautgeschichte
zu peinlich? Ja, was kann denn ich dafür? Die
hab ich nicht erfunden! Das ist katholische Theologie.

Jetzt drehen Sie doch Ihr Handy ab, wenn wir im Kaffeehaus
sind und plaudern. Sie haben schon vier SMS geschrieben
und drei Mal Mails gecheckt. Das ist nicht gesund.
Mein Handy wurde mir gestern übrigens gestohlen – es ist
zum Wahnsinnigwerden. Darf ich kurz bei Ihnen meine
Mails checken? Später dann, okay. Danke. Man hat nämlich
bei mir eingebrochen. Vor zwei Wochen. Zusätzlich
zu meiner Kieferknochenentzündung wurde bei mir eingebrochen.
Und ich hab eine Anzeige wegen Drogenbesitzes
am Hals. Aber es ist nicht meine Schuld, ich wollte meine
Schreibblockade beheben und ein guter Freund gab mir den
Rat, es in bekifftem Zustand zu probieren. Also hab ich mir,
wieder von einem Freund, etwas Marihuana besorgt.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon alles Mögliche
probiert. Ich hatte mich in meinem Büro drei Tage eingesperrt,
ohne Fernseher und DVD, ohne Handy: nichts,
nicht eine Zeile. Stattdessen hatte ich über mein Leben
sinniert und darüber wie unsympathisch es mir wäre. Ich
war in ein Wellness-Hotel gefahren, hatte Bäder genommen,
hatte mir stundenlang ayurvedisches Öl über die
Stirn rinnen lassen: nichts, nicht eine Zeile. Jeden Abend
war ich mit zwei kaputten Typen, einem Arzt und einem
Manager, die sich wegen ihres Burnouts behandeln ließen,
an der Hotelbar gesessen und hatte mein Lieblingsthema,
wie unsympathisch ich mein Leben fände, um ein paar neue
Facetten erweitert. Ich hatte mit Doreen, der Rezeptionistin,
eine Nacht durchgesoffen und etwas sehr Trauriges über
ihr Leben erfahren, von dem ich versprochen habe, es nicht
weiterzuerzählen. Ich hatte mich tagelang im Kinderzimmer
meiner Tochter eingesperrt, mit Barbiepuppen gespielt und
Märchenbücher gelesen, statt zu schreiben. Ich hatte mir
in London ein Zimmer gemietet, um in Schreibklausur zu
gehen – nichts! Keine einzige Zeile. Stattdessen war mir
meine Kreditkarte gestohlen worden.
Da kam der Vorschlag meines Freundes, mich zu bekiffen,
gerade recht. Das hatte ich noch nicht probiert. Verzweifelt
wie ich war – und bis heute bin –, dachte ich mir, vielleicht
hilft es ja.

Zwei Wochen, nachdem ich das Marihuana besorgt
hatte, wurde bei mir eingebrochen. Die Diebe waren am
Marihuana nicht interessiert und konzentrierten sich auf
die Videokamera, den Fotoapparat, den Laptop (Gott sei
Dank hatte ich noch nichts geschrieben, sonst wäre es
weg gewesen) und ein wenig Bargeld. Und ich muss sagen,
ich bin wirklich ein Vollidiot. Natürlich musste ich eine
Anzeige machen. Zwei Polizisten kamen und ich gratulierte
den Dieben im Geiste: Von diesen Beamten des Ministeriums
für Inneres würden sie nichts zu befürchten haben.
Sie machten mir mit routiniertem Taktgefühl – und »unter
uns« – klar, dass es äußerst unwahrscheinlich sei, je wieder
etwas von den gestohlenen Gegenständen zu Gesicht zu
bekommen. Das sei natürlich traurig und ganz schlecht für
die Polizeistatistik, aber sie würden sich freuen, dass der
Einsatz doch nicht ganz umsonst gewesen sei. Merkwürdigerweise
kam jetzt Leben in die Beamten. Kein Wunder,
das geschulte Auge hatte Marihuana erblickt. Und statt
zu lügen und es den Dieben in die Schuhe zu schieben:
»Das müssen die verloren haben!«, hörte ich mich sagen:
»Nein, nein, das gehört mir. Wenigstens haben sie mir
das gelassen.«

Ich bin ja selbst für einen Versicherungsbetrug zu blöd.
Nach dem Raub habe ich mit der Kreditkartenfirma telefoniert,
um den Diebstahl meiner Karte zu melden. Die Londoner
Diebe hatten insgesamt dreitausendsechshundert Pfund
damit ausgegeben, weil ich erst zwei Tage später, nämlich
beim Einchecken am Flughafen, den Verlust bemerkte. Als
ich in Wien ankam, war der Akku meines Handys leer und
ich musste warten, bis ich ihn zu Hause aufladen konnte.
Ich fuhr zu meiner Wohnung und fand sie aufgebrochen vor.
(Jetzt wissen Sie vielleicht, warum ich mein Leben unsympathisch
finde.) Nachdem die Polizisten die gestohlenen
Gegenstände aufgenommen und mich wegen Drogenbesitzes
angezeigt hatten, rief ich die Kreditkartenfirma an.
»Aha, das heißt, man hat Ihnen in London die Karte
gestohlen!«
»Ja.«
»Wann war das?«
»Keine Ahnung – ich habe es erst am Flughafen bemerkt.
Aber es muss drei Tage davor gewesen sein, weil das war das
letzte Mal, dass ich in der Stadt war.«
»Wieso, wo waren Sie denn?«
»Im Hotelzimmer.«
»Drei Tage lang. Warum denn das? Waren Sie krank?«
»Nein, ich habe an meinem neuen Buch geschrieben.«
»Ah, sehr interessant, wie heißt es denn?«
»›Der frühe Wurm hat einen Vogel‹.«
»Ach so. Aber das ist ja verkehrt herum! Sie meinen:
›Der frühe Vogel fängt den Wurm‹?«
»Nein, nein, das stimmt schon so. Wissen Sie, das ist
Absicht. Damit will uns der Dichter etwas sagen, weil das
Sprichwort ja den Menschen Fleiß und Disziplin als Tugenden
verkaufen soll und ich der Meinung bin, Fleiß und Disziplin
sind keine Tugenden, sondern Laster. Wissen Sie!
Wegen der vielen Menschen, die an Burnout leiden …«
»Burnout gibt es gar nicht. Das ist ein Modebegriff für
Depression und Panikattacken.«
»Ja, ja – ich weiß.«
»Aha. Und was haben Sie in den drei Tagen geschrieben?
«
»Nichts.«
»Bitte?«
»Nichts. Ich konnte nicht. Ich hatte und habe eine
Schreibblockade.«
»Aha.«
»Ja. Auf jeden Fall finde ich, dass der frühe Wurm einen
Vogel hat, wenn er so früh aufsteht, weil er dann ja gefressen
wird. Also wenn wir diesen Wahnsinn mitmachen und
immer fleißig und diszipliniert an der Vermehrung des Kapitals
arbeiten, werden wir zu Grunde gehen.«
»Und deswegen haben Sie drei Tage lang nichts geschrieben?«
»Ja. Also nein. Obwohl, vielleicht doch … ich weiß es
jetzt nicht. Auf jeden Fall ist meine Kreditkarte weg und es
wurde bei mir in die Wohnung eingebrochen. Videokamera,
Fotoapparat, Bargeld und der Blu-Ray-Player sind weg.«
»Auch das noch! Naja, der Schaden, der durch den Diebstahl
Ihrer Karte entstanden ist, wird von der Versicherung
abgedeckt. Sie haben, wie ich sehe, den Flug auch mit der
Karte bezahlt.«
»Ja.«
»Das heißt, die dreitausendsechshundert Pfund zahlt die
Versicherung.«
»Sehr schön.«
»Und sonst wurde Ihnen auf der Reise nichts gestohlen?«
»Nein, nur die Kreditkarte.«
Und jetzt werden Sie gleich sehen, meine geliebte LeserIn,
dass ich wirklich ein Vollidiot und der schlechteste
Betrüger der Welt bin. Die Dame am Telefon sagte zu mir:

»Ist Ihnen in London sonst noch etwas gestohlen
worden?«
»Nein. Nur die Karte!«
»Den Schaden zahlt die Versicherung.«
»Ja, das haben Sie schon gesagt.«
»Und sonst ist Ihnen wirklich nichts gestohlen worden
auf der Reise? Kein Fotoapparat oder eine Videokamera?«
»Nein«, ich wurde sogar etwas ungeduldig, »in London
wurde mir nur die Kreditkarte gestohlen!«
»Also kein Fotoapparat oder eine Videokamera?«
»Nein, sagen Sie, sind Sie begriffsstutzig? Die Videokamera
und der Fotoapparat wurden in meiner Wohnung
in Wien gestohlen. Es wurde eingebrochen!«
»Ach so! Weil wissen Sie, wenn Ihnen nämlich auf der
Reise etwas gestohlen worden wäre, dann wären Sie versichert.«
»Sagen Sie, wie oft muss ich es Ihnen noch sagen? In
London wurde nur die Kreditkarte gestohlen und sonst
nichts!«
»Kein einziger Fotoapparat?«
»NEIIIN!«
»Auch kein Bargeld?«
»NEIIIN! Verstehen Sie mich so schlecht? Rede ich
undeutlich, oder was? Es wurde in meine Wohnung eingebrochen!«
»Das habe ich schon verstanden – ich möchte Ihnen
nur zu verstehen geben, dass Sie, wenn Sie auf einer Reise
bestohlen werden, durch Ihre Kreditkarte versichert sind.
Verstehen Sie denn nicht, was ich meine?«
»Ja, ich verstehe Sie – aber Sie verstehen mich nicht!
Es wurde nichts außer der Kreditkarte auf der Reise gestoh
len und jetzt muss ich auflegen, ich muss an meinem Buch
schreiben. Guten Tag!«

Zwei Stunden später dämmerte mir, dass diese nette
Dame mir einen kleinen Hinweis geben wollte. Ich bin ein
zu ehrlicher Mensch.
Gestern ist mir dann etwas ganz Entsetzliches passiert. Ich
gehe zum Bankomaten und will Geld abheben, aber ich
kann mich an meinen Code nicht mehr erinnern. Ich will
die Zahlen eintippen und weiß sie einfach nicht mehr. Das
ist ein schreckliches Gefühl. Schweißausbruch. 2378 oder
8732 oder 7382. Ich verwende diesen Code seit zehn Jahren
und weiß ihn nicht mehr! Das ist, als ob man nicht mehr
weiß, wo man wohnt, oder seinen eigenen Vater nicht mehr
erkennt. Alzheimer! Ich hatte urplötzlich Angst, Alzheimer
zu bekommen und das wäre das erste Anzeichen. Seither
fühle ich mich so nackt und verletzlich. 3728. Nein, auch
nicht. Und natürlich wurde die Karte nach dem dritten
Versuch eingezogen. Da stand ich ohne Geld und ohne
Hirn. Wie kann es sein, dass man einen Code vergisst, den
man seit zehn Jahren mehrmals täglich verwendet hat?
8273. Nein. Keine Ahnung! Was ist nur los mit mir? Ich
kann nicht schreiben, habe eine eingebildete Kieferentzündung,
die zu unerträglichen Schmerzen geführt hat, und
vergesse meinen Bankomatcode. Vielleicht hängen diese
zwei Regionen im Gehirn zusammen? Vielleicht hat der
Bankomatcode die Synapsen verstopft? Vielleicht habe ich
einen Gehirntumor und zwar genau an der Stelle, wo der
Bankomatcode gespeichert ist. Ich bin der einzige Mensch
auf der Welt, der einen Bankomattumor hat. Vielleicht hat
der Schmerz der Kieferentzündung im Gehirn den Code
gelöscht? Um Gottes willen, was ist nur los mit mir? Ich
werde sterben. Vielleicht nicht jetzt gleich, aber eines Tages
werde ich sterben. Mich ärgern Leute, die sagen, wenn es
nachher nichts gibt, dann habe ich wenigstens meine Ruh.
Kinder, das ist ein Gedankenfehler, denn wenn es nachher
nichts gibt, also wenn wir nicht existieren, dann haben wir
auch keine Ruhe, denn um Ruhe haben zu können, muss
man existieren.

Aber ich komme vom Hundertsten ins Tausendste. Wollen
wir zahlen oder trinken wir noch was? Bitte? Ich soll was
schreiben gehen? Ja, würde ich ja gern, aber … Nein, Sie
haben Recht! Ich werde mich jetzt hinsetzen, zuerst begleite
ich Sie noch zum Taxi. Sie nehmen den Bus? Auch gut.
Ich begleite Sie noch ein Stück und dann gehe ich in mein
Büro und schreibe Ihnen etwas. Ja! Das ist es. Ich schreibe
für Sie, liebe LeserIn.
Wir waren zwar erst ein einziges Mal Kaffee trinken. Ob
es da nicht zu früh ist, etwas für Sie zu schreiben, ob man da
nicht noch zwei, drei Dates abwarten sollte? Ich mag übrigens
Ihr Lächeln. Es ist bezaubernd. Wobei ich auch Ihren
Gesichtsausdruck bei der Vorhautgeschichte mochte. Was
sagen Sie? Ich? Oh, danke! Also gut, dann zahlen wir. Das
Peinliche an unserem ersten Date ist, dass Sie zahlen müssen.
Ich hab kein Bargeld, keine Kreditkarte und vor allem: Ich
bin da in diesem Buch drinnen. Ich komm da jetzt schwer
raus. Könnten Sie das übernehmen? Danke! Und ganz ehrlich,
so viel hab ich ja auch wieder nicht konsumiert.
Sehen wir uns wieder? Ich will nicht aufdringlich sein,
aber wie wäre es, wenn wir uns nach den nächsten zwei
Geschichten in Schönbrunn treffen. Beim Eingang zum
Tiergarten? Gut. Sie können es sich ja nochmal überlegen –
ich werde auf jeden Fall da sein.


Ménage à Cinq


Hat man denn nicht bemerkt, wie
illicio post coitum cachinnus auditur Diaboli
(man gleich nach dem Beischlaf
das schallende Gelächter des Teufels hört)?


Arthur Schopenhauer

1 Moderne Verhältnisse, denkt Bernhard Silbermann, den
Ausführungen seines besten Freundes Martin folgend.
Sie sitzen auf einer griechischen Insel am Strand, ganz in
der Nähe von Martins Haus.
Martin ist etwas angespannt.
Unruhig vergräbt er die Überreste seiner Wassermelone
im Sand.
»Kannst du das nicht in den Müll werfen? Das ist
Umweltverschmutzung!«
»Das ist keine Umweltverschmutzung, das ist biologisch
abbaubar, das ist Natur!«
»Das ist nicht Natur – das ist Dreck.«
»Und biologischer Dreck ist immer Natur.«
»So ein Blödsinn, dann wären abgeschnittene Zehennägel
auch Natur.«
Die beiden sind seit fünfunddreißig Jahren befreundet.

Vor exakt fünfunddreißig Jahren waren sie schon einmal an
diesem Strand gesessen, versunken in ein Gespräch. Damals
hatte Martin freilich noch kein Ferienhaus besessen. Sie
waren neunzehn Jahre alt und hatten einander erst vor kurzem
auf der Insel Santorin in dem Ort Oia kennengelernt,
wo Bernhard in einer kleinen Buchhandlung für überwie
gend englischsprachige Literatur jobbte. Martin war wie
immer auf der Suche nach Büchern. Eine Angewohnheit,
die, seit er denken oder besser gesagt lesen konnte, seine Reisebegleiter
auf die Palme brachte; und Palmen waren in der
Regel zahlreicher in der Nähe als Buchhandlungen. Zuerst
waren es seine Eltern, später seine jeweiligen Lebenspartnerinnen
und dann seine Frau und sein Sohn, die nach
dem schönsten Strand oder dem besten Eis oder der interessantesten
Sehenswürdigkeit Ausschau hielten, während
ihn nur eine Buchhandlung glücklich machen konnte. Egal
wohin sie kamen, eine Insel in Griechenland, eine Stadt in
Europa, ein Dorf in Asien … irgendwo musste es doch eine
Buchhandlung geben. Und meistens wurde er auch fündig.
Oft gab es keine wirklich interessanten Bücher zu kaufen,
oft nur Bücher in der Landessprache. Aber mindestens ein
Buch musste er von jedem Ort der Welt mit nach Hause
bringen. So besitzt er unter anderem eine arabische Ausgabe
von »Hamlet« aus Dubai, eine tschechische Ausgabe von
»Feuchtgebiete« aus Prag, eine englische Ausgabe dreier
Theaterstücke von Johann Nestroy aus New York und eine
thailändische Ausgabe von Konsaliks »Liebesnächte in der
Taiga«.
»Ich werde auf jeden Fall heiraten«, hatte Bernhard Silbermann
vor fünfunddreißig Jahren zu Martin gesagt.
»Warum?«
»Weil es die einzige Möglichkeit ist, außerehelichen Sex
zu haben!«
Ein für Bernhard Silbermann typischer Spruch. Martin
liebte Bernhards Fähigkeit, die Dinge auf den Punkt zu bringen.
Im Laufe ihrer fast dreißigjährigen Freundschaft hatte
Bernhard einige sehr bemerkenswerte Sprüche losgelassen
und Martin hatte sie sich alle gemerkt. Vor allem die Weis
heiten, die sich um die Themen Sex, Ehe und Beziehungen
ranken.
»Weißt du, was in Beziehungen das Problem ist?«, hatte
Bernhard seinen Freund vor zwölf Jahren gefragt, als er kurz
vor seiner ersten Scheidung stand.
»Was?«
»Dass die Lösung eines Beziehungsproblems oft ein noch
größeres Problem verursacht!«
Einfach, aber wahr, wie Martin fand.

»Wann ist es eigentlich Betrug?«, hatte Martin vor drei
Monaten seinen Freund Bernhard gefragt, kurz nachdem
er eine außereheliche Affäre begonnen hatte. »Wenn man
zum ersten Mal daran denkt? Wenn man jemanden küsst?
Oder erst wenn man mit einer anderen Sex hat? Wann? Sag
mir doch bitte, wo beginnt der Betrug?«
Bernhard schnitt genüsslich in sein Sirloin-Steak und
dachte präzise 2,6 Sekunden nach, um ihm nicht minder
genüsslich folgende Formulierung aufzutischen: »Ganz einfach.
Wenn du mit deiner Ehefrau schläfst und das Gefühl
hast, dass du deine Geliebte betrügst, dann erst betrügst du
deine Ehefrau!«
Sie hatten sich in ihrem Lieblingsrestaurant, einem
Steakhaus in Wien getroffen und Martin hatte Bernhard
seine Affäre offenbart.
»Ich liebe sie, das ist nämlich das Problem!«, sagte Martin.
»Liebe? Was habe ich dir schon vor zehn Jahren über die
Liebe gesagt?«
»Die Liebe ist nur eine Illusion, die uns über die Tatsache
hinwegtäuschen soll, dass unsere Existenz keinen Sinn
macht. Und die uns ein bisschen Ewigkeit vorgaukelt, damit
wir uns nicht gleich umbringen!«
»Sehr brav!« Bernhard tätschelte Martin wie einem
gelehrigen Schüler die Wange. Martin hatte sich tatsächlich
in eine um zweiundzwanzig Jahre jüngere Frau verliebt.
Er war sechsundvierzig, seine außereheliche Affäre vierundzwanzig,
seine Frau fünfundvierzig, sein Sohn neunzehn,
sein Freund Bernhard fünfundvierzig und seine zwei Katzen
fünf und sieben.
»Ich habe mich – und das ist mir seit zehn Jahren nicht
mehr passiert – Hals über Kopf in sie verliebt!«
»Verliebtheit ist ein hormoneller Ausnahmezustand und
in keiner Weise dazu geeignet, zwei Menschen erkennen zu
lassen, ob sie miteinander leben können!«
»Wer möchte mit ihr leben?«
»Ja, du! Bis jetzt wolltest du noch mit jeder Frau, in die
du verliebt warst, dein ganzes Leben verbringen.«
»Weil die Liebe immer so groß war.«
»Schön und gut, aber da hättest du bis jetzt genau sieben
Leben gebraucht.«
Hätte Bernhard ähnlich gedacht, wären es bei ihm zwölf
gewesen. Derzeit war er allerdings Single.
»Was soll ich machen, man ist machtlos gegen die
Liebe!«
»Was ist mit deiner Frau und deinem Sohn – möchtest
du sie verlassen?«
»Aber nein, so weit ist es noch nicht. Keine Ahnung.
Ich bin verwirrt, komplett verwirrt.«
»Das ist nur eine Midlifecrisis.«
»Nein. Es ist Liebe. Echte Liebe!«
»Wie lange kennst du sie schon?«
»Drei Wochen.«
»Das ist nicht einmal eine Midlifecrisis – Du bist nur
notgeil.«
»Aber es kommt mir vor, als hätten wir einander immer
schon gekannt. Ich schwöre dir, es ist, als ob wir uns immer
schon nahe waren.«
Nun, wie wir wissen, ist es meistens bei Verliebten der Fall,
dass sie, wenn sie sich zum ersten Mal begegnen, in dem
Moment, in dem sie sich ineinander verlieben, das Gefühl
entwickeln, als wären sie schon sehr lange miteinander vertraut.
Manchmal glauben sie sogar, sich bereits aus einem
früheren Leben zu kennen. Genau diese Vermutung hatten
Martin und seine neue Geliebte Penelope bereits angestellt.
Penelope war halbe Griechin.
»Wir sind uns sicher schon in einem früheren Leben
begegnet«, sagte sie, während Martin gerade dabei war,
ihren Hals zu küssen.
»Ja. Ja. Ich kann es mir nicht anders erklären.«
»Es ist alles so selbstverständlich. So normal. Nichts
fühlt sich fremd an mit dir.«
»Ja, mir geht es genauso«, sagte Martin.
»Völliger Schwachsinn!« Bernhard sah in die Speisekarte.
»Wollen wir ein Dessert bestellen?«
Martin lehnte ab und trank seinen Rotwein aus.
»Warum nicht? Warum kann es nicht sein, dass man sich
aus einem früheren Leben kennt?«
»Weil wir nicht wiedergeboren werden!«
»Was, wenn doch?«
»Warum können wir uns dann nicht an unser letztes
Leben erinnern?«
Martin dachte nach. Er wollte Bernhard wenigstens ein
mal auch eine schlüssige Antwort in einem brillant formulierten
Satz geben. Es fiel ihm keiner ein. Stattdessen
meinte er:
»Weil es sonst zu zwischenmenschlichen Katastrophen
kommen würde und weil Mann und Frau dann gar nicht
miteinander leben könnten.«
»Wieso?«
»Naja, entschuldige! Wie kompliziert ist das Zusammenleben
mit einer Frau?«
»Sehr!«
»Ja, eben!«
»Hä?«
»Naja, denk doch bitte mit! Wie viele tausend Themen
zwischen Männern und Frauen führen ohnedies schon zum
Streit? Du weißt doch, wovon ich rede!«
»Ja, ja, ich weiß schon: Wieso willst du am Sonntag
nur faul auf der Couch liegen und nicht mit mir spazieren
gehen?«, sagte Martin uncharmant, eine keifende Frau
imitierend.
»Was hat das mit der Reinkarnation zu tun? Und damit,
dass wir uns, selbst wenn wir reinkarnieren, nicht an unser
letztes Leben erinnern können?«
»Naja, wenn du dich an dein letztes Leben erinnern
könntest und wenn wir davon ausgehen, dass sich zwei Liebende
schon einmal in ihrem früheren Leben begegnet sind,
dann kann sich eine Beziehung in diesem Leben überhaupt
nicht ausgehen!«
»Wieso?«
»Weil dann sagt deine Frau, wenn du faul auf der Couch
liegst: ›Du Arschloch! Mich vor zweihundert Jahren auf
dem Scheiterhaufen verbrennen, das geht – aber einmal den
Mist runtertragen, dazu sind wir nicht in der Lage!‹«

Martin hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Sollten wir
tatsächlich mehrere Leben haben, so ist es unbedingt notwendig,
dass wir uns nicht daran erinnern können! Stellen Sie
sich vor, um wie viel komplizierter unser Leben wäre, wenn
Sie wüssten, dass Ihr Chef Sie vor tausendzweihundert Jahren
in Rom am Sklavenmarkt verkauft hat. Oder dass Ihre Großmutter
vor fünfhundert Jahren als Quacksalber eine Zahnbehandlung
an Ihnen vorgenommen hat, an deren Folgen Sie
verstorben sind. Oder dass Ihre Frau Adolf Hitler war! Stellen
Sie sich das einmal vor: Jedes Jahr Urlaub in Polen.
Martin saß bei sich zu Hause im Wohnzimmer neben
seiner Frau vor dem Fernseher und fühlte sein Handy in
der Hosentasche vibrieren. Er schielte zu seiner Frau, die
starrte in den Fernseher. Scheinbar gelangweilt fischte er
das Handy heraus: »Denk an dich … love, P.« Er tippte
zurück: »Miss you too. Kann nicht telefonieren, bin bei
Frau … love, M.« Wenige Sekunden später kam zurück:
»Kein Problem, kann auch nicht, Freund ist da … call
you tomorrow!«
Sie waren beide in Beziehungen und hatten sich ineinander
verliebt. Das kann vorkommen. Sie ist vierundzwanzig,
er ist sechsundvierzig, auch das kann vorkommen. Überhaupt
kann in der Liebe vieles vorkommen. Man hört
hier die abstrusesten Geschichten. Ich habe einmal die
Geschichte eines dreiundzwanzigjährigen Mannes gehört,
der sich in die zweiundvierzigjährige Mutter seiner siebzehn
Jahre alten Freundin verliebte, sie dann heiratete, um
zwei Jahre später eine Affäre mit ihrer fünfunddreißig Jahre
alten Schwester anzufangen, die schwanger wurde und die
er dann eine Woche nach seiner Scheidung ebenfalls
heiratete und mit der er heute noch glücklich zusammenlebt,
wobei man dazusagen muss, dass die Hochzeit erst vor zwei
Wochen stattfand. Eine andere Geschichte handelt von
einer jungen Frau, die sich am Tag ihrer Hochzeit, während
der Bräutigam schon im Zimmer auf sie wartete, auf der
Herrentoilette von einem der Hochzeitsgäste ordentlich
durchknallen ließ, was zu einem derart enormen Orgasmus
führte, dass sie dem Unbekannten bis nach Texas folgte,
wo sie mit ihm ein Kind bekam und sich noch während
der Schwangerschaft in seinen besten Freund verliebte,
der dann das Kind adoptierte. Die Verliebtheit lässt uns
die seltsamsten Dinge anstellen.
»Verliebtheit führt uns meistens ins Unglück!«, hatte Bernhard
gesagt. »Es ist bereits allseits bekannt, dass die romantische
Liebe zum Scheitern verurteilt ist.«
»Aber Blödsinn!« Martin war zutiefst von der romantischen
Liebe überzeugt.
»Die einzig wahre Liebe ist die romantische!«
»Nein, die romantische Liebe unterliegt dem Irrtum,
dass ein hormoneller Ausnahmezustand als Indikator für die
Fähigkeit, miteinander leben zu wollen, gewertet wird.«
»Wie kann man nur so etwas Unromantisches sagen!«
»Was ist schon romantisch?«
»Ein Sonnenuntergang!«
Bernhard war entsetzt. Es musste seinen Freund Martin
wirklich hart erwischt haben.
»Romantisch ist nicht, was von einer Mehrheit als solches
angesehen wird. Das ist eben der große Irrtum. Hunderte
Pärchen sehen sich den Sonnenuntergang an und
warten darauf, dass ihnen die große Liebe wieder einschießt,
nachdem sie sich jahrelang auf die Nerven gegangen sind.

Oder sie beobachten gemeinsam den Sternenhimmel!
Lächerlich! Alles nicht romantisch. Oder besser gesagt:
romantisches Fast Food. Ein Sonnenuntergang ist der Big
Mac unter den romantischen Dingen und der Sternenhimmel
die Chicken McNuggets.«
»Nein, nein, nein! Was, wenn Sternschnuppen fallen,
was ist das?«
»Eine heiße Apfeltasche dazu!«
»Wie kann man so abgebrüht sein?«
»Nicht ich bin abgebrüht, sondern du in eine Vierundzwanzigjährige
verliebt. Das schlägt sich natürlich auf dein
Urteilsvermögen!«
»Wenn man gemeinsam besondere Dinge erlebt – das ist
doch romantisch, oder?«
»Ja natürlich, klar, da gebe ich dir Recht. Aber was ist
denn an einem Sonnenuntergang besonders? Die Erde dreht
sich seit Millionen von Jahren um die Sonne. Ein Sonnenuntergang
hat schon Trillionen Mal stattgefunden. Was ist
da so Besonderes dran? Besonders sind Sachen, die nicht
jeden Tag passieren.«
»Was ist dann für dich romantisch?«
»Ich habe einmal eine Frau kennengelernt, die so betrunken
war, dass sie mir, als wir uns zum ersten Mal gesehen
haben, erstens unbedingt einen blasen wollte und sich zweitens
dabei angekotzt hat. Diese Frau habe ich fast geheiratet!
Das ist romantisch!«
»Von dieser Frau hast du dich nach zwei Jahren getrennt!«
»Ich war nicht der Einzige, den sie angekotzt hat!«
»Da ist natürlich etwas Wahres dran. Warum glauben die
Menschen immer, dass das, was alle machen, etwas Besonderes
ist, bloß weil sie es gerade machen? Wahrscheinlich hast du
Recht und die romantische Liebe ist wirklich der falsche Weg.
Wir haben eine Scheidungsrate von über fünfzig Prozent und
leben in einer Zeit, in der sich jeder seinen Ehepartner selbst
aussuchen darf, in der jeder seine große Liebe heiratet.«
Ich will mich ja nicht auf eine Seite schlagen, eine meiner
beiden Figuren bevorzugen, aber ich denke, Bernhard hat
Recht. Wir sind am Anfang einer Beziehung so dermaßen
euphorisch in unserer Verliebtheit, dass uns ein normales,
emotional ausgeglichenes Leben wie eine langweilige Beziehungshölle
vorkommen muss. Statistisch gesehen waren in
früheren Jahrhunderten die Ehepaare nicht unglücklicher als
heute, und das, obwohl sie einander nicht selbst aussuchen
konnten und zwangsverheiratet wurden. Das geht aus Briefen
hervor, die sich Eheleute in den Jahren zwischen 1500
und 1800 geschrieben haben. Man wurde einander vorgestellt,
wusste, dass man füreinander bestimmt war, verhasste
sich sozusagen ineinander und lebte sich im Laufe der Jahre
zusammen, bis man sich lieben lernte. Heute lernt man sich
kennen, verliebt sich ineinander, glaubt, dass man füreinander
bestimmt ist, lebt sich im Laufe der Jahre auseinander
und lernt sich zu hassen. Ich kenne eine Geschichte aus
dem sechzehnten Jahrhundert: Ein Mörder wurde zum Tode
durch den Strick verurteilt. Kurz vor seiner Exekution wurde
ihm – wie damals im Frankreich des sechzehnten Jahrhunderts
durchaus nicht unüblich – mitgeteilt, dass es eine Möglichkeit
gäbe, begnadigt zu werden. Wenn er bereit wäre, eine
Prostituierte zu ehelichen und sie zu erhalten, so würde ihm
seine Strafe erlassen und er käme mit dem Leben davon. Aus
solchen Zwangsverbindungen sollen viele glückliche Ehen
hervorgegangen sein. Allerdings hat auch hier die romantische
Vorstellung den Männern einen Streich gespielt. Die
meisten zum Tode Verurteilten stellten sich nämlich die Prostituierte
äußerst attraktiv, jung und sexy vor. Sie rechneten
mit einer blonden, achtzehnjährigen, sexhungrigen, gesunden
Frau und dann wurde ihnen eine alte, syphilitische Frau
vorgestellt, die nur noch zwei Zähne im Mund hatte. Viele
sind so erschrocken, dass sie den Tod vorzogen, heißt es. Und
wer hat Schuld? Die Romantik! Die romantische Vorstellung
führte in diesen Fällen sogar zum Tod.
»Der romantischen Empfindung ist in keinem Fall zu
trauen«, lautete eine Maxime von Bernhard, die Martin
lange zu denken gegeben hatte.
Da saß er also neben seiner Frau auf der Couch und
schrieb seiner Geliebten kurze Botschaften. Sie war vierundzwanzig
und ohne Erfahrung was Affären betraf.
»Wir müssen das genau planen«, hatte ihr Martin vor
einigen Tagen erklärt, nachdem sie zum achten Mal Sex
gehabt hatten.
»Wie hat man eine Affäre?«, fragte Penelope.
»Da sind ganz wichtige Dinge zu beachten, wir müssen
eine Liste machen.«
»Zum Beispiel?«
»Also. Damit die Affäre nicht auffliegt, sollten ich und
dein Freund dasselbe Parfum verwenden. Und du und meine
Frau auch. Wobei da Frauen sensibler sind: Dein Freund
wird wahrscheinlich nicht merken, dass du nach einem
fremden Parfum riechst.«
Er saß nackt im Hotel Orient auf dem Bett, in dem er
vor wenigen Minuten mit seiner vierundzwanzigjährigen
Geliebten Sex gehabt hatte, und tippte diese Liste in sein iPad.
»Dann. Hast du eine Kreditkarte?«

»Ja.«
»Kann dein Freund deine Abrechnung einsehen?«
»Nein, wir wohnen nicht zusammen. Also, noch
nicht.«
»Gut. Wobei … meistens werde natürlich ich bezahlen,
wenn wir in einem Hotel sind oder vielleicht eine kleine
Städtereise unternehmen.«
»Klar!« Penelope langweilte sich bei der Erstellung dieser
Liste. Sie war in Martin verliebt und wollte die schöne
Zeit mit ihm auskosten, vielleicht mit ihm wegfahren, aber
auf keinen Fall eine Liste mit Verhaltensregeln zusammenstellen.
»Ich werde selbstverständlich immer bar zahlen oder mir
eine zweite Kreditkarte zulegen, von der meine Frau nichts weiß.«
Die Affäre steigerte Martins Selbstbewusstsein. Seine
Geliebte betrügt ihren neunzehnjährigen, knackigen
Freund mit ihm, einem sechsundvierzigjährigen, leicht
dickbäuchigen Herrn, der in erster Linie Angst vor dem
Sterben hat. Er lief grinsend durch die Straßen von Wien,
bestellte fröhlich Espressi und hatte überhaupt ein neues
Lebensgefühl entdeckt.
»Weil es eben Liebe ist und nicht nur Sex«, hatte er
gegenüber Bernhard nach dem zwanzigsten Mal Sex mit
Penelope beharrt. Dieser verlor langsam die Geduld mit
seinem besten Freund. Die beiden waren im Prater mit dem
Rad unterwegs, ein wöchentliches Ritual.
»Verliebtheit hat nichts mit Liebe zu tun!«
»Doch. In diesem Fall schon, in unserem Fall ist Verliebtheit
nicht der richtige Ausdruck – es ist Liebe. Es ist dieses
Gefühl, das einem sagt, man gehört zusammen.«
»Weil dir die Verliebtheit dieses Gefühl vorgaukelt.«

»Nein. Weil wir im Akt der Liebe, wenn wir ineinander
verschlungen den Höhepunkt der Lust erleben, weil wir
dann die Ewigkeit berühren, weil wir dann an einem Ort
sind, der unser Zuhause ist. Verstehst du das denn nicht?«
»Ich verstehe das sehr gut.« Bernhard wollte seine Ruhe
haben.
Wir müssen zugeben, dass Martin natürlich Recht hat. Der
Moment der Vereinigung zweier Liebender ist der Moment
des größtmöglichen Glücks auf dieser Erde und das Glück
ist so groß, dass uns vorkommen muss, es wäre von einem
anderen Ort, es wäre unser wahres Zuhause. Es ist von
dort, wo wir nach dem Tod hinwollen. Ja, wahrscheinlich
berührt uns in diesem Moment wirklich die Ewigkeit. Und
sobald die Vereinigung der zwei Liebenden zu Ende ist,
wenn wir nach dem Sex nebeneinanderliegen, wird uns mit
einem Mal wieder bewusst, dass wir alleine sind, weil es uns
wieder in die Vergänglichkeit zurückgeschleudert hat.
Nach dem fünften Mal Sex hatte Penelope erstmals gesagt,
dass sie Martin liebte, was dieser, ohne zu zögern, erwiderte.
Unmittelbar danach stellte sich bei beiden Traurigkeit darüber
ein, dass es ihnen unmöglich wäre, mit dem anderen
auf ewig zu verschmelzen.
»Wenn in der Evolution einiges anders gelaufen wäre,
dann wäre unsere Existenz vielleicht nicht so hoffnungslos«,
sagte Penelope.
»Was meinst du?«
»Es gibt Tiere, die bei der ersten Paarung miteinander
verwachsen.«
»Wirklich?«
»Ja.«

»Wo? Am Kopf? Mit den Lippen, damit sie einander ewig
küssen können?«, spöttelte Martin und küsste Penelope.
»Nein, an den Geschlechtsteilen. Die Samenleiter verwachsen
mit der Vagina, wodurch eine sogenannte Dauerkopula
entsteht. Die bleiben dann für immer zusammen.«
»Das ist ja großartig! Im ewigen Geschlechtsakt vereint.«
»Warum können wir das nicht? Das würde alles vereinfachen.«
»Vereinfachen ist nicht das richtige Wort. Es würde das
Leben großartig machen. Einfach wunderbar!«
Die Vorstellung törnte beide dermaßen an, dass sie sofort
wieder übereinander herfielen. Wenig später verabschiedeten
sie sich mit der gegenseitigen Versicherung ihrer Liebe
und dass sie einander vermissen würden.
Zwei Tage später sahen sie sich wieder.
»Wie heißen diese Tiere eigentlich?«
»Welche Tiere?«
»Die zusammengewachsenen.«
»Doppeltiere. Das Diplozoon gehört zur Klasse der
Hakensaugwürmer. Parasiten, die an den Kiemen von Süßwasserfischen
hängen.«
Kein sehr romantisches Tier, dachte Martin. Ein glückliches
Parasitenpärchen. Auf immer vereint. Zusammengewachsen.
»Und was, wenn sich einer der beiden in einen anderen
Hakensaugwurm verliebt?«
»Kann er nicht, oder sie nicht. Wobei, das sind Zwitter.«
Zusammengewachsene Zwitter-Hakensaug-Parasiten-Würmer,
die an Kiemen von Fischen hängen, schienen den
beiden also das Ideal der Liebe zu sein? Wobei sich natürlich
die Frage stellt, warum ein Zwitter sich überhaupt
einen Zweiten sucht. Ganz ehrlich, wenn ich einen Penis
und eine Vagina hätte, ich würde die längste Zeit nicht
mehr aus dem Haus gehen. Später würde ich mich vielleicht
in einer Bar auf einen Drink einladen, mit mir ins
Kino gehen, mir Blumen schenken und mir ewige Treue
schwören. Aber ich bin ja auch nicht verliebt, wie meine
zwei Figuren es sind.
»Und was, wenn die Liebe zwischen den beiden Parasiten
abklingt. Wenn alles zur alltäglichen Routine wird? Wenn
einer von beiden es satt hat, den ganzen Tag an den Kiemen
eines Fisches zu hängen? Wenn der eine sagt: ›Mit dir kann
man nichts unternehmen, wirklich, du hängst den ganzen
Tag an diesem Fisch und interessierst dich für nichts. Ich
hab genug! Ich lass mich scheiden!‹«
Penelope fand die Idee amüsant.
»Aber die beiden lieben einander doch. Sie haben denselben
Blutkreislauf, dasselbe Herz. Also, jetzt nicht die
Doppeltiere, aber wenn das bei uns Menschen so wäre. Stell
dir vor, mein Blut würde auch in deinem Körper kreisen.«
»Dann bist du betrunken und ich hab die Kopfschmerzen!«
»Ja. Ist das nicht wunderbar?«
»Eine Scheidung wäre nur ein bisserl kompliziert. Dann
braucht man nicht nur einen Anwalt und einen Termin
bei Gericht, sondern auch einen im AKH. Und dann geht
die Streiterei schon los! ›Die Leber! Du willst die Leber
haben? Kommt nicht in Frage! Meinen Bauch kannst du
haben, die zwanzig Kilo Übergewicht, aber nicht meine
Leber!‹«

»Wie lange bist du schon verheiratet?« Sie stand auf, um
sich ihren Slip anzuziehen. Martin sah sie an, strich mit
seiner Hand über ihren nackten Hintern und landete wie
von selbst zwischen ihren Beinen.
»Zwölf Jahre.«
Sie drehte sich zu ihm und er küsste ihre Brüste.
»Und wie heißt dein Sohn?«
Sie setzte sich auf ihn.
»Hannes.«
Sie gab ihm einen langen Kuss. Er bewegte seine Finger
zwischen ihren Beinen, sie stöhnte und schob ihre Hand
zwischen seine Beine.
»Schräg! Mein Freund heißt auch Hannes.«
Richtig. Sie haben völlig richtig kombiniert. Es ist einzig
und allein deswegen bis zu diesem Zeitpunkt nicht herausgekommen,
weil Hannes sich geweigert hatte, seinen
Eltern den Namen seiner neuen Freundin mitzuteilen,
geschweige denn, sie ihnen vorzustellen. Vater und Sohn
hatten drei Monate dieselbe Geliebte beziehungsweise
Freundin, ohne es zu wissen. In Scheidung befanden sich
Martin und seine Frau schlicht und einfach deshalb, weil
seine Affäre aufgeflogen war und das, obwohl er die Liste
noch um weitere siebenundzwanzig Punkte erweitert und
diese penibel eingehalten hatte. Doch eines nach dem
anderen. Wir sind noch immer im Hotel Orient bei Penelope
und Martin, nachdem sie ihm mitgeteilt hat, dass ihr
Freund schrägerweise denselben Namen trägt wie Martins
Sohn.
»Wie alt ist dein Freund?«
»Neunzehn«, sagte Penelope.
»He. Du stehst auf Jüngere! Und ich dachte, du hast
einen Vaterkomplex.«
»Nein, überhaupt nicht. Du bist mein erster Forty-
Something.«
Sie fiel über ihn her und sie hatten ihr zwölftes Mal.
Eigentlich hätte sich Martin hier schon etwas denken
können, denn Hannes, sein Sohn, ist neunzehn Jahre
alt. Aber die sexuelle Erregung hat ihn nicht auf diese
zugegeben sehr zarte aber doch vorhandene Fährte kommen
lassen.

Über Michael Niavarani

Biografie

Michael Niavarani, geboren 1968 in Wien, begann 1986 eine Schauspielausbildung bei Michael Mohapp und Dany Sigel. Nach vielen Auftritten im Graumann Theater wechselte er 1989 ins Kabarett Simpl, wo er 1993 die künstlerische Leitung übernahm. Michael Niavarani ist in zahlreichen österreichischen...

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