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Der Friedhof der Riesen

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Erzählungen

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Der Friedhof der Riesen — Inhalt

Sandige Fußspuren, die plötzlich im Haus eines jungen Paares auftauchen. Elstern, die einsamen Autofahrern in der Nacht etwas zuraunen. Frauen, die sich in Taucherglocken auf den Meeresboden hinablassen, um ihre verschollenen Männer wiederzufinden. Menschen, denen bei jedem Schritt Wasser aus den Stiefeln schwappt. Strandgut, Stechginster, Gebeine von Riesen. Licht in anderer Leute Häuser. Ein Baum, der Wünsche erfüllt. Menschen, die verschwinden, und nur ein kleines Fischlein bleibt zurück auf dem Kissen.

Lucy Woods Debüt ist aufsehenerregend, zwölf Erzählungen, denen die Geschichte und Folklore Cornwalls eingeschrieben sind. Rau wie die Küste, windumtost und voll unerwarteter Umschwünge.

»Ein überwältigendes und überwältigend gutes Debüt!« JON McGREGOR

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 26.02.2013
Übersetzer: Ingo Herzke
272 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7638-0

Leseprobe zu »Der Friedhof der Riesen«

Tauchende Schönheiten
Iris schlug die dünnen Knöchel übereinander und legte die
Hände im Schoß zusammen, während die Taucherglocke
quietschend aufs Wasser zuruckelte. Anfangs hörte sie Demelza
beim Kurbeln der Winde noch schreien und fluchen,
doch als die Glocke vom Deck wegschwang, verlor sich ihre
Stimme im Wind. Kalte Luft rauschte durch den offenen Boden,
es roch nach dem Rost der fleckigen Schiffswände der
Matriarch und nach brackigem Seetang. Iris saß auf einer
schmalen Bank und musste sich bei jedem Schaukeln der
Glocke gegen die Fußstütze stemmen. Sie [...]

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Tauchende Schönheiten
Iris schlug die dünnen Knöchel übereinander und legte die
Hände im Schoß zusammen, während die Taucherglocke
quietschend aufs Wasser zuruckelte. Anfangs hörte sie Demelza
beim Kurbeln der Winde noch schreien und fluchen,
doch als die Glocke vom Deck wegschwang, verlor sich ihre
Stimme im Wind. Kalte Luft rauschte durch den offenen Boden,
es roch nach dem Rost der fleckigen Schiffswände der
Matriarch und nach brackigem Seetang. Iris saß auf einer
schmalen Bank und musste sich bei jedem Schaukeln der
Glocke gegen die Fußstütze stemmen. Sie stellte sich vor,
in einer Kirchenglocke der Klöppel zu sein, der gleich laut
schlagen und etwas verkünden würde. Sie heftete den Blick
auf das kleine Fenster, um nicht nach unten zu sehen. Unter
ihren Füßen war kein Boden, bloß eine große Öffnung, und
das Meer wogte und spuckte. Langsam ruckte sie abwärts,
ein paar Meter von der Bordwand des Trawlers entfernt, an
die sich Seepocken und Muscheln klammerten wie Schiffsbrüchige
an ein Wrack.
Sie machte sich Sorgen um ihr neues Kleid und die geborgten
Schuhe. Sie versuchte, sich die weißen Haare glattzustreichen,
die in Wassernähe immer widerspenstig wurden.
Die Holzbank drückte hart, und der Wind fuhr ihr an
die nackten Beine, zupfte am Kleid und legte das Netz ihrer
Adern bloß. Sie hatte die Strumpfhose vergessen; sonst trug
sie immer Hosen und wusste, es war ein Fehler gewesen, das
Kleid anzuziehen. Sie hatte sich überreden lassen, aber immerhin
ein braunes gewählt, ein kleiner Sieg. Sie raffte den
Rock und setzte sich darauf. Wenn sie schon zum ersten Mal
nach achtundvierzig Jahren ihren Mann sehen würde, wollte
sie ihm nicht gleich den Zustand ihrer Beine vor Augen halten.
»Ihr müsst Herzen brechen«, sagte Demelza ihren Kundinnen
immer und deutete dabei mit der Zigarette auf sie.
»Denn da unten habt ihr jede Menge Konkurrenz.«
Gischt spritzte auf, als die Glocke ins Meer klatschte. Kaltes,
dunkles Wasser stieg hoch. Iris hob die Füße und wartete, dass
der Luftdruck das Wasser unter die Fußstütze drängte. Öloder
Schaumflecken auf Annies Schuhen wollte sie vermeiden.
Sie ging im Kopf eine Liste durch – Vanish, Scheuermilch,
Natron –, mit irgendwas würde sie die Flecken rauskriegen,
aber das wäre aufwendig. Sie zog die Ärmel ihrer Strickjacke
herunter und rückte die Rettungsweste zurecht. Tausende Blasen
drängten sich an den Wänden der Taucherglocke empor,
rollten wie Murmeln über das Sichtfenster. Sie spähte hinaus,
konnte durchs aufgewühlte Wasser aber nichts erkennen.
Als sie weiter hinabgesenkt wurde, beruhigte sich das
Meer. Alles wurde still. Sie stellte die Füße wieder ab und
schaute auf die Wasserscheibe darunter, flach und dick und
kaum gekräuselt. Es könnte genauso gut Linoleum sein oder
Schieferfliesen und kein Loch in luftlose Tiefen. Eine undeutliche
graue Form schwamm vorbei. Die Taucherglocke legte
sich mit einem Ruck schräg, richtete sich dann wieder auf
und sank tiefer.
Iris hielt sich die Handtasche vor die Brust und versuchte,
nicht zu schnell zu atmen. Sie hatte Sauerstoff für etwa zwei
Stunden, aber wenn sie in Panik geriet oder sich zu sehr aufregte,
würde sie ihn rascher verbrauchen. Sie verschränkte
und löste die Finger. »Ich will Sie ja nicht wie nen schlappen
Fisch wieder raufziehen«, hatte Demelza bei jedem Tauchgang
gesagt. »Halten Sie sich nicht für schlauer, als Sie sind.
Einmal an der Leine ziehen heißt Stopp, noch einmal heißt
weiter. Zweimal ziehen für das Netz und dreimal, um wieder
hochzukommen. Verstanden?« Beim ersten Mal hatte Iris die
Anweisungen in ihrer dünnen, krakeligen Handschrift aufgeschrieben
und zu den Taschentüchern und Pfefferminzbonbons
in ihre Handtasche gesteckt, sicherheitshalber. Die
Zugleine war durch einen Schlauch geführt, der an der Kette
entlanglief, mit welcher die Glocke am Trawler hing. Demelza
hatte das obere Ende an einem zerbeulten Gong befestigt, der
bei jedem Zug laut schallte. Das andere Ende der Leine baumelte
herab und streifte unsanft Iris’ Kopf.
Durchs Fenster sah sie nicht viel; alles wirkte grau und
endlos, als würde sie durch Nebel statt durch Wasser schweben.
Die Taucherglocke sank langsam, langsamer, bewegte
sich gar nicht mehr. Die Kette wurde einen Augenblick schlaff,
sie hatte das Gefühl, die Glocke habe sich gelöst und treibe
davon. Dann straffte sich die Kette wieder, Iris schwankte zur
Seite, gefangen zwischen den Zugkräften von oben und dem
Gewicht des bleiernen Glockenrands unter ihr. Das war beim
zweiten Tauchgang ebenfalls passiert: Demelza hatte die Winde
plötzlich angehalten, den Griff festgestellt und ein letztes
Mal die Koordinaten überprüft. Sie wollte die Taucherglocke
keine Handbreit neben dem Ziel absenken, das sie sich selbst
gesetzt hatte.
Die Glocke schwang leicht. Iris saß ganz still und versuchte
nicht an die Masse des herandrängenden Wassers zu
denken. Sie holte ein paarmal rasselnd Luft. Es erinnerte sie
an die Momente, wenn sie mitten in der Nacht aufwachte,
atemlos und allein, im Bett den Arm ausstreckte und bloß einen
Haufen nachtkalter Kissen fand. Sie musste sich nur entspannen
und warten, entspannen und warten. Sie nahm einen
Pfefferminz und biss fest drauf, der körnige Zucker grub sich
in ihre Backenzähne.
Nach wenigen Augenblicken fing Demelza wieder an zu
kurbeln, und Iris lockerte die Schultern, froh, dass es weiterging.
Näher am Meeresgrund schien das Wasser klarer zu
werden. Plötzlich ragte das Wrack wie ein Scheiterhaufen vor
ihr auf, Splitter und Balken und umgestürzte Schornsteine.
Die Bögen des rostenden Rumpfskeletts standen hervor. Eingedellte
Metallplatten lagen auf dem Grund verstreut. Die
Taucherglocke bewegte sich zwischen Stahlträgern und Kabeln
hindurch, ehe sie direkt über der Maschine zum Halten
kam. Das korrodierte und angenagte Namensschild Queen
Mary schaute zu Iris auf. Links von ihr lagen leere Schränke.
Das Frachtschiff hatte Zugwaggons geladen, die nun zerbrochen
auf dem Meeresgrund feststeckten wie mit Steinen beschwerte,
auf See bestattete Leichen. Auf allen blühte orangeroter
Rost. Grüner und dunkelroter Seetang trieb aus den
Fenstern. Aus den Radkästen drängten sich Tote Meerhände.
Demelza meinte, hier wäre ein guter Platz zum Suchen.
Sie hatte Iris schon einmal an genau die Stelle hinabgelassen.
»Früher oder später«, sagte sie, »kommen sie alle zurück. Sie
bleiben nämlich am Ort. Treiben sich vielleicht mal ein bisschen
herum, aber sie kommen immer wieder an denselben
Ort zurück. Diese nostalgischen Kerle, total sentimental. Das
macht sie so dumm. Ganz im Gegensatz zu uns, was?«, fügte
sie hinzu und zerrte die Riemen an Iris’ Rettungsweste fester.
Ein Kuckuckslippfisch schlängelte sich durch das Gerippe
des Schiffes. Tintenfische tasteten herum wie verirrte alte
Männer. Iris spuckte auf ihre Brille und wischte sie an der
Strickjacke sauber, setzte die Bügel auf die Ohren und wartete.
Im Lauf der Jahre hatte sie versucht, einsame Momente, so
gut es ging, zu vermeiden. Sie beschäftigte sich. Sie übernahm
so viele Schichten im Hotel, wie sie konnte, und als das aufhörte,
wurde sie süchtig nach Flohmärkten – jedes Wochenende
stöberte sie zwischen angeschlagenen Tellern, Puppen
und Kerzenleuchtern herum. Nie kaufte sie etwas, stöberte
nur. Sie trat einem Brieffreunde-Club bei und fing an, einem
Mann auf den Orkneys zu schreiben; sie hörte gern von
den plötzlichen Wetterumschwüngen, von den am Strand
ausgestreckten Seehunden, von seinem Bus und von seinen
Bildern. »Mir geht es wie immer gut«, schrieb sie, doch sie
ließ es bleiben, als er anfing, düstere, gequälte Gemälde zu
schicken, Gesichter, die beinahe unter Schwarz und Rot verschwanden.
Sie wusste sich den größten Teil des Tages zu beschäftigen,
und mit der Zeit lernte ihr Körper, in der Leerzeit direkt nach
dem Mittagessen abzuschalten und ein Nickerchen zu halten.
Es funktionierte fast immer, nur einmal, als sie nicht schlafen
und das leise Summen der Kühltruhe nicht mehr ertragen
konnte – schlimmer als Stille, dachte sie oft –, da schaltete sie
das Gerät ab, ließ das Essen auftauen und Wasser auf den Boden
tropfen. Später bereute sie die Verschwendung und kochte
stundenlang, machte Pasteten und Schmortöpfe daraus, die
sie wieder einfror.
Sie aß vor Filmen, die sie aus der Bibliothek auslieh. Sie
schaute alles, was sie in die Finger kriegte. Wenn der Abspann
lief, wenn die Musik aufhörte, wenn sie das Videoband
zurückspulte, dann wurden ihre Gedanken trügerisch und
sprangen zu Dingen, an die sie tagsüber nicht denken wollte.
In solchen Momenten lehnte sie sich im Sessel zurück – die
Beine zuckten zwischen Wachen und Schlafen, als würde sie
im flachen Wasser strampeln – und ließ ihren Mann ins Haus
zurückschwimmen.
Dann durchlebte sie noch einmal den Morgen, an dem sie
mit feuchtem Salzgeruch in der Nase aufgewacht war und einen
winzigen Fisch in den letzten Zuckungen auf dem Kopfkissen
neben sich gefunden hatte. Die Matratze zeigte nur
noch einen handwarmen Abdruck, wo ihr Ehemann hätte
sein sollen. Sie schwang die Beine aus dem Bett und folgte
einer Sandspur die Treppe hinunter, durch die Küche und
zur Tür. Ihr Herz klopfte bis in die nackten Fußsohlen. Die
Tür stand offen. Zwei grüne Krabben marschierten über die
Schieferfliesen. Girlanden aus Blasentang hingen in der Küche,
und hier und dort – am Kühlschrank, auf dem Wasserkessel
– blühten Seeanemonen, dick und dunkel wie Herzen.
Es dauerte den ganzen Tag, bis sie das Haus wieder in Form
geschrubbt, gescheuert und gewischt hatte. Als sie fertig war,
hätte er schon sonst wo sein können. Die Polizei verständigte
sie nicht; niemand verständigte je die Polizei. Es wurde auch
nie jemand vermisst gemeldet.
Trotz der Putzmittel blieb der Geruch in Schränken und
Nischen hängen. Ab und an tauchte über Nacht eine See-
anemone auf, oder sie fand eine durchsichtige Garnele, die in
einer leeren Milchflasche zappelte. Manchmal wurde sämtliches
Wasser im Haus brackig, und sie schleppte riesige Wasserflaschen
aus dem Supermarkt heim. Die Stille nahm ab
und wieder zu. Das Leben richtete sich wieder ein, wie ein
Einsiedlerkrebs in einem größeren, leeren Gehäuse.
Gelegentlich kamen Annie und ihr Mann Westy vorbei, um
nach Iris zu sehen. Sie wohnten in der gleichen Straße und
kamen meist, wenn Annie etwas zu erzählen hatte oder sich
langweilte. Sie roch schlechte Nachrichten geradezu und redete
gern darüber, auch wenn es sie selbst betraf. Westy folgte
ihr überall hin. Er war ein zerstreuter Mensch: Mit zwölf Jahren
hatte er den Kompass falsch gelesen und seine Pfadfindergruppe
in die Irre geführt; das hatte ihm den Spitznamen
Westy eingetragen, der irgendwie hängengeblieben war – alle
nannten ihn so, selbst seine Frau. Manchmal fragte Iris sich,
ob er seinen richtigen Namen überhaupt noch wusste. Wenn
Annie stirbt, dachte sie hin und wieder, würde sein Geist sich
einfach verflüchtigen. Dann schnippte sie in Gedanken mit
den Fingern und bereute es, so etwas gedacht zu haben.
Hörte sie die beiden auf dem Gartenweg, dann eilte sie
durchs Haus, überprüfte Wasserfilter, riss Strand-Grasnelken
von den Regalen. Übersah sie etwas – das Haus einer Napfschnecke,
einen wässrigen Klumpen Irisch Moos –, dann
schauten Annie und Westy nicht hin oder taten so, als bemerkten
sie nichts.
Letzten Monat waren sie an einem Sonntagnachmittag
gekommen. »Sonntage mag ich nicht«, sagte Annie, die ihren
Tee kochend heiß trank. »Da hänge ich immer so in der Luft.«
Sie war klein und rekelte sich auf dem Stuhl. Iris spürte immer
den Drang, sich zu ihr herunterzubeugen.
Draußen war es feucht, und die Küchenfenster waren beschlagen.
Annie hatte Safrankuchen mitgebracht, und Iris
knabberte pflichtschuldig am Rand herum, obwohl sie den
Chlorgeschmack nicht ausstehen konnte. Das hatte sie Annie
auch schon gesagt, aber die brachte trotzdem immer wieder
welchen mit.
»Vergiss den Umschlag nicht«, sagte Westy.
Annie warf ihm rasch einen Blick zu. »Dazu komme ich
später.« Sie sah hinab auf ihre Handtasche. »Hast du von den
Einbrüchen in der Gegend der King’s Road gehört?«
»Ich habe davon gelesen«, sagte Iris. Sie verschränkte die
Arme, denn sie wusste, Annie versuchte unauffällig auf irgendetwas
hinzusteuern.
»Fünf innerhalb von zwei Wochen. Alle am helllichten
Tage. Die Leute sind nach Hause gekommen, und alles war
leer – alles weg, sogar Bücher aus der Leihbücherei.«
»Aus der Leihbücherei?«, fragte Iris. Ihr fiel auf, dass Annie
und Westy den gleichen Fleece-Pullover in verschiedenen
Farben trugen, einer lila, einer rot-grün kariert.
»Ja, genau. Einer der Hausbesitzer hat ausgesagt, er hätte
einen Lieferwagen wegfahren sehen, und die Männer darin
hätten ihn angeschaut.« Annie schwieg einen Augenblick und
sah Westy an. »Stell dir das mal vor, du kommst nach Hause
und siehst nur noch kahle Wände, und du weißt genau, jemand
ist alles durchgegangen und hat es taxiert.«
»Sogar die Schuhe«, sagte Westy.
»Alles«, sagte Annie. »Und keine Chance, irgendwas davon
wiederzukriegen.« Sie wartete, dass Iris etwas sagte, doch
die blieb stumm. Annie griff in ihre Handtasche, zog einen
blau-goldenen Umschlag hervor und legte ihn auf den Küchentisch.
Sie räusperte sich. »Schon mal von Diving Belles
gehört?«, fragte sie ganz direkt.
Iris würdigte den Umschlag keines Blickes. »Vermutlich
schon«, sagte sie. Annie holte tief Luft – so etwas konnte sie
nicht gut, sie hatte nie gern Geschenke gemacht. Iris ging
in Gedanken rasend schnell mögliche Ablenkungsthemen
durch, doch sie konnte sich für keines entscheiden.
»Als Kayleigh Andrews es gemacht hat«, sagte Annie, »da
hat sie nur einen Versuch gebraucht. Sie hat ihren Mann im
Nu wiedergefunden.«
Iris gab keine Antwort. Sie presste die Lippen zusammen
und schenkte Tee nach.
»Scheint ein sehr einträgliches Geschäft zu sein«, drängte
Annie. »Eine gute Gelegenheit.«
»Unten im Hafen«, sagte Westy. »Neben dem alten Rettungsbootshaus.«
Iris schob Kuchenkrümel von der Tischplatte in ihre hohle
Hand und schüttete sie auf ihre Untertasse. Die Uhr auf dem
Kühlschrank tickte laut in die Stille hinein. Der alte Zorn
kam zurückgeschwappt. Sie könnte diese Teller allesamt zerschlagen.
»Eine gute Gelegenheit«, sagte Annie wieder.
»Für manche«, antwortete Iris. Eine Fliege summte über
den Tisch, und sie knallte einen Teller darauf.
»Du brauchst so einen elektrischen Fliegenfänger«, riet
Westy.
»Die Mühe hättet ihr euch nicht machen müssen«, sagte
Iris und klammerte sich an den Stuhlkanten fest.
Annie hielt ihr den Umschlag direkt unter die Nase. »Der
Gutschein gilt für drei Fahrten«, sagte sie.
»Das ist sehr freundlich von euch.«
Sie schauten sich um, als sähen sie die Küche zum ersten
Mal – die cremeweißen Wände und die braun gesprenkelten
Fliesen. Eine Meeresschnecke kroch über die Fensterbank.
»Ich kann nicht schwimmen. Ich kann das doch nicht
machen,
wenn ich nicht schwimmen kann«, sagte Iris plötzlich.
»Du brauchst nicht zu schwimmen. Du sitzt bloß in dieser
Glocke und wirst ins Wasser runtergelassen«, sagte Annie.
»Mit dem Gutschein kannst du drei Tauchgänge machen. Du
musst nirgendwohin schwimmen.«
Iris stand auf, stellte Teller und Tassen zusammen und trug
sie zur Spüle. Gleich würde Annie so etwas wie »Wer nicht
wagt, der nicht gewinnt« sagen. Ihre Hände zitterten leicht,
und das Geschirr klackerte wie spritzende Kiesel.
Als die beiden weg waren, betrachtete sie den Umschlag
aus den Augenwinkeln. Sie erledigte Kleinigkeiten, die sie
näher heranbrachten: den Boden fegen, die Stühle zurechtrücken,
das Tischtuch glattstreichen. Als sie später im Bett
lag, stellte sie sich vor, wie er unten lag, mitten auf dem Tisch –
und wenn nun jemand einbrach? Es wäre doch schade um
Annies Geld, wenn der Gutschein gestohlen würde. Sie ging
nach unten, nahm den Umschlag mit hinauf und steckte ihn
unter ihr Kopfkissen.

Lucy Wood

Über Lucy Wood

Biografie

Lucy Wood wuchs in Cornwall auf und studierte Kreatives Schreiben an der Exeter University. «Friedhof der Riesen» ist ihr Debüt.

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