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Der Einschnitt

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Der Einschnitt — Inhalt

Dieses Buch ist eine Provokation, und doch handelt es von etwas erschreckend Alltäglichem. Als bei Tahar Ben Jelloun Prostatakrebs diagnostiziert wurde, beschloss er, darüber zu schreiben. Ob ihm bewusst war, dass er damit an eines der letzten Tabus rührte? Anders als bei den "weiblichen" Krebsarten, die schon lange autobiografisch-literarisch verarbeitet werden, gab es noch keinen Schriftsteller von Rang, der über seine persönliche "Entmännlichung" berichtet hätte. Die Angst vor der Bloßstellung war groß genug, dass auch Ben Jelloun sich zunächst des alten Kniffs bediente, die Geschichte eines "Freundes" zu erzählen. Nur so schaffte er es, die Ängste und Schrecken, die mit diesem Krebs und seiner Behandlung verbunden sind, mit der nötigen Distanz zu schildern. Schonungslos und dabei doch lyrisch, intim und zugleich überpersonell, berichtet Ben Jelloun von Demütigungen, Entscheidungen und Abschieden. Und dabei ist ihm noch etwas ganz anderes gelungen – nämlich eine Eloge an das Leben und die Liebe.

€ 16,00 [D], € 16,50 [A]
Erschienen am 09.11.2015
Übersetzer: Christiane Kayser
128 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-8270-1245-6
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 09.11.2015
Übersetzer: Christiane Kayser
128 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7843-8
»Eine wunderschöne Lektion in Sachen Leben. [...]. Schonungsloses Erzählen, das mitunter gar erotisch wird.«
Neues Deutschland
»Es ist buchstäblich der titelgebende Einschnitt, den Autor Thar Ben Jelloun am eigenen Leib erlebt hat: Aufgrund seiner Prostatkrebserkrankung wurde er 'entmännlicht'.«
Münchner Merkur
»Lyrisch, erotisch und intim zugleich erzählt Jelloun die Erinnerungen und Träume deines Protagonisten. Nachvollziehbar und schonungslos gestaltet er die Depressionen, den diesen nach der Operation befallen, die Minderwertigkeitsgefühle und Demütigungen, denen er nach seiner Rückkehr ins normale Leben ausgesetzt ist. Dennoch wirkt der Roman optimistisch und lebensbejahend.«
Freie Presse
»Er ist allein mit sich und seiner Krankheit. Schrecklich allein. Wie sich das anfühlt, erzählt Tahar Ben Jelloun in kurzen Szenen, die den Leser nicht so rasch wieder loslassen. Es ist, über weite Strecken, das Protokoll eines Niedergangs. [...] Aber er nimmt sich einen Satz des Dichters Cesare Pavese zu Herzen: 'Man befreit sich nicht von einer Sache, indem man sie umgeht, sondern nur indem man sie durchquert.«
Thurgauer Zeitung
»Dieses Buch ist eine Provokation, und doch handelt es von etwas erschreckend Alltäglichem.«
rhein-main magazin
»Überraschend ist der leichte, teilweise fast heiter melancholische Tonfall dieser Erzählung, die höchstwahrscheinlich den ersten literarischen Text darstellt, der sich mit der häufigsten Krebserkrankung unter Männern beschäftigt.«
sandammeer.at
»Schonungslos und dabei so lyrisch wie persönlich beschreibt Tahar Ben Jelloun von Demütigungen, Entscheidungen und Abschieden. Mit einer Liebeserklärung am das Leben.«
Konradsblatt
»Schonungslos und dabei lyrisch, intim und zugleich überpersonell berichtet der Autor von einer Krebserkrankung. […]. Souverän bespielt Tahar Ben Jelloun die Klaviatur seines literarischen Könnens. […]. Vom eigenen Leben in die Knie gezwungen, erreicht Tahar Ben Jelloun im Schreiben größte Freiheit. Es ist ihm gelungen, ein leichtes Buch über ein schweres Thema zu schreiben.«
MDR Figaro
»Es sind diese ganz existenziellen Gefühle, die Depression des Ich-Erzählers, die sehr berühren. Die völlige Konzentration auf die Folgen der Prostataentfernung. […]. 'Der Einschnitt' ist ein wichtiges Buch – trotz des Sexismus.«
Radio Bremen
»Die Angst vor der Bloßstellung war groß genug, dass auch Ben Jelloun sich zunächst des alten Tricks bediente, die Geschichte eines 'Freundes' zu erzählen. Nur so gelang es ihm, die Ängste, die mit diesem Krebs verbunden sind, aus der Perspektive eines Dritten in nötiger Distanz zu bewahren.«
tachles - Das jüdische Wochenmagazin

Leseprobe zu »Der Einschnitt«

PROLOG
Romanschriftsteller sind wachsame Zeugen, aufmerksame Beobachter, daher werden ihnen manchmal Leben anvertraut, damit sie in ihren Büchern davon erzählen. So werden sie zu öffentlichen Schreibern. Vor zwei Jahren ist mir so etwas widerfahren, als ein befreundeter Mathematiker mich bat, seine Geschichte aufzuschreiben. Anfangs zögerte ich, bot ihm meine Hilfe an, doch er beharrte darauf, dass er es alleine niemals schaffen könnte.
Stundenlang habe ich ihm zugehört, ihn auf seinen Krankenhausodysseen begleitet und dabei eine spannende Welt entdeckt, [...]

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PROLOG
Romanschriftsteller sind wachsame Zeugen, aufmerksame Beobachter, daher werden ihnen manchmal Leben anvertraut, damit sie in ihren Büchern davon erzählen. So werden sie zu öffentlichen Schreibern. Vor zwei Jahren ist mir so etwas widerfahren, als ein befreundeter Mathematiker mich bat, seine Geschichte aufzuschreiben. Anfangs zögerte ich, bot ihm meine Hilfe an, doch er beharrte darauf, dass er es alleine niemals schaffen könnte.
Stundenlang habe ich ihm zugehört, ihn auf seinen Krankenhausodysseen begleitet und dabei eine spannende Welt entdeckt, die reiches, fruchtbares Material zum Schreiben bietet. Ich habe mich mit seinem Urologen angefreundet; auch er hat mich ermutigt, die Geschichte dieses Patienten zu erzählen. Seiner Meinung nach könnte das vielen Menschen helfen, nicht nur den Männern, die sich einer Prostataoperation unterziehen müssen, sondern auch ihrem Umfeld, ihren Ehefrauen, ihren Kindern, ihren Freunden, die nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen.
Sehr bald befand ich mich in einer heiklen Situation: Sollte ich, wie es mein Freund verlangte, alles erzählen, alles beschreiben, alles aufdecken? Nach reiflicher Überlegung habe ich entschieden, nichts beiseitezulassen, in seinen Kopf vorzudringen, mich in seine Haut zu versetzen. Als ich eines Tages mit ihm meine ersten Manuskriptseiten durchsah, vertraute er mir plötzlich das Ausmaß seines körperlichen und geistigen Leidens an, seine Hilflosigkeit und seine Zweifel. Auch da wollte ich keine Ausflüchte suchen.
Die Monate mit ihm haben mich erschüttert; ich hatte Momente der Angst und sogar Panikattacken. Ich habe selber einen Arzt aufgesucht und all meine Freunde ermutigt, dies auch zu tun.
Ich habe mir manche Szenen ausgedacht, sie neu erfunden oder sie an den Rhythmus der Erzählung angepasst; manches Mal wusste ich dabei nicht mehr, ob ich seine oder meine innersten Gefühle übertrug. Ich habe mich auf das Spiel eingelassen und den Auftrag des öffentlichen Schreibers verraten, der sich streng objektiv zu verhalten hat. Wir haben darüber geredet und er hat mir gesagt, genau das wolle er.

1
VERÄNDERT
Seit ich nicht mehr vögle, fühle ich mich freier und liebe die Frauen immer noch mehr. Ich liebe sie besser und stärker als zuvor, denn das Gefühl der Freiheit beschwingt mich, verleiht mir Humor und Leichtigkeit. Ich finde sie schön, geistreich, manche wunderbarer als andere. Ich bin verrückt nach ihnen. Ich denke ständig an sie und verstehe nicht, warum sie nicht stärker auf meine Verfügbarkeit anspringen. Wenn sie bloß wüssten, sich vorstellen könnten, dass ich fähig bin, sie zu lieben wie in einer Romanze oder einem guten Melodram. Wenn sie nur ahnen könnten, wozu ich bereit bin, um sie zu feiern, sie zu ehren, ihnen Lust zu verschaffen, phantastische Orgasmen, tief hervorgeholt aus ihrer Seele, aus den Falten ihres Unterbewusstseins.
Es ist vorbei mit dem männlichen Egotrip, vorbei mit den kleinen Tricks, um das Gesicht nicht zu verlieren. Ich habe kein Gesicht mehr. Das ist praktisch. Ich widme mich ihnen ganz und gar. Ich weiß, wie ich ihre Sehnsucht erfüllen, mich mit ihnen in aller Kühnheit, bis zum Wahnsinn vermählen kann. Nun habe ich eine Gabe, ich durchdringe, ich enthülle, ich entdecke und verstehe, was sich hinter dem Schein verbirgt, den die Frauen aus Angst, Scheu oder Scheinheiligkeit zur Schau tragen.
Mein Gespür führt mich zu euch, oh Frauen, die ich liebe und erwarte, geduldig, ungeduldig, freudig, irrsinnig, besessen. Jede Begegnung mit euch ist ein Feuerwerk, das mich blendet, mir Rausch und Leichtigkeit verschafft. Ich fliege, singe (schlecht, aber es wird besser), lache, tanze, laufe und kehre mit ausgebreiteten Armen zu euch zurück. Champagner in den Gläsern und in der Luft, in der Musik und in den Blumen. Alles ist Champagner, alles ist Licht. Alles prickelt beim kleinsten Funken. Ich brauche nicht mehr in tiefen Schlaf zu fallen, um zu träumen. Ich muss nur die Hand nach euch ausstrecken. Kein Bedarf mehr an seidenen Laken. Die Liebe braucht keine Kulisse. Oder aber ein grandioses Bühnenbild, wie es Alexandre Trauner für mittlerweile legendäre Filme entwarf.
Seit ich nicht mehr vögle, begnüge ich mich mit Erinnerungen. Ich bin voller Erinnerungen. Sobald etwas mich berührt, tauchen sie von überall her auf, wie Einschüsse auf einer Zielscheibe, die sich bis ins Unendliche vermehren. Sie überstürzen sich in meinem Kopf, in meinem Blut, in meinen Worten. Ich bin ein Gedächtnisspeicher. Ich brauche mich nur zu bücken, um etwas aufzuheben, das mich durch den Tag bringt und vor allem durch die Nacht, denn ich kann nicht schlafen. Meine Nächte sind durchwacht und nutzlos. Meine Schlaflosigkeit taugt zu nichts, weder zum Lesen noch zum Filmeansehen oder Musikhören, schon gar nicht zum Lösen von Rätseln der Wissenschaft. Ich bin kein Künstler, aber ich schreibe Gedichte, die ich niemandem zeige und nie veröffentlichen werde. Gedichte, in denen ich alles wage und sage, um sie dann in einer geheimen Schublade zu verstecken.
Tagsüber bin ich Mathematiker, begeistert von meinem Fach, auch wenn ich seine Trockenheit und manchmal das Hermetische oder sogar Absurde daran beklage. Diese Disziplin hat mich schon immer fasziniert. Eine wahre Galaxie, in die ich mich flüchte, auch wenn der Irrsinn dort auf mich lauert. Ich habe Angst, mein Leben in einer Irrenanstalt zu beenden. Jemand hat mir einmal gesagt, Mathematik und Poesie seien verwandt. Sie gehorchen der gleichen Strenge. In einer Formel kann man durch das Versetzen eines einzigen Kommas alles durcheinanderbringen; das gilt genauso für die Dichtung, jedes Wort hat seinen Platz, auch wenn das nicht der übliche ist.
Meine Schlaflosigkeit ist bösartig. Nachts irritiert mich alles. Alles bringt mich auf. Ich stoße mich an der Zeit, stehe Kopf, führe Selbstgespräche, laufe Löcher ins Parkett. Ich bin ein anderer. Es erstaunt mich, so von einem Doppelgänger beseelt zu sein, der mich nach Sonnenuntergang verhöhnt und mich daran hindert, in den Brunnen des Schlafes zu fallen. Schlaf bedeutet, in das Nichts, in das Unbekannte zu fallen. Ich widerstehe. Mein Körper erstarrt, meine Zähne pressen sich zusammen (ich trage eine Beißschiene, um sie zu schützen, damit sie nicht aufeinanderprallen, knirschen); ich verweigere mich der Nacht. Stunde um Stunde werfe ich mich in meinem Bett herum, wechsele die Stellung, als läge mein Körper auf einem Nagelbrett. Ich ertrage das gedämpfte Geräusch des klingelnden Weckers nicht. Wozu braucht man einen Wecker, wenn man nicht schläft? Ich könnte intuitiv die genaue Zeit angeben, egal zu welcher Nachtstunde. Eines Tages habe ich den Wecker kaputt geschlagen, das hat mein Problem nicht gelöst. Es war ein in China hergestellter Wecker. Ich habe einen anderen gekauft, made in Germany. Er macht weniger Lärm. Die Dinge sind schlecht. Nachts arbeitet das Holzgestell meines Bettes. Es weitet sich, dehnt sich und knarrt urplötzlich. Ich schrecke hoch. Ich bin allein. Es ist lange her, seit ich das Bett mit jemandem teilte. Dabei ist es so schön, mit der geliebten Person im Arm zu schlafen. Doch da ich kaum jemals zur Ruhe komme, gehe ich das Risiko, mit einer Frau in einem Bett zu schlafen, nicht ein. Ich kann nur einschlafen, wenn ich allein bin. Ich will meine Schlaflosigkeit mit niemandem teilen. Meine Nächte sind ein Martyrium und ich widerstehe meinem sich wehrenden Körper.
Meine Frau Catherine und ich hatten getrennte Schlafzimmer. Unsere Liebe war zärtlich, sie hatte die Sexualität überwunden und sich in eine Kostbarkeit verwandelt. Catherine wusste, dass ich andere Frauen hatte, gab aber vor, es zu ignorieren. Ich war diskret und fühlte mich manchmal schuldig. Doch meine Feigheit war stärker als meine Schuldgefühle. Eines Morgens ist sie nicht aufgewacht. Zweimal in der Woche brachte ich ihr das Frühstück ans Bett. Sie mochte diese Aufmerksamkeit. Ich weckte sie dann immer mit Musik – sie verehrte Mozart –, schob eine CD in das Gerät und öffnete die Vorhänge. An jenem Tag dachte ich zuerst, sie schliefe tief und fest. Ich ging zu ihr und streichelte ihre Wange. Sie war eisig kalt. Ich schüttelte sie, warf in meiner Hektik das Frühstückstablett auf dem Bett um, brennend heißer Kaffee rann über ihre Schenkel, doch ich war es, der aufschrie …
Mit achtundvierzig im Schlaf gestorben. Ihr Herz war stehengeblieben. Ganz einfach. Ich brauchte mehrere Jahre, um es zu überwinden. Unsere Komplizenschaft war wundervoll gewesen. Unsere Liebe hatte etwas Seltenes, Friedliches und Tiefes. Sie hatte mir gesagt: Ich kann alles ertragen, nur nicht, dass du dich in eine andere verliebst …
Ein plötzlicher Tod macht die Trauer unmöglich. Ich hasse den Ausdruck »Trauerarbeit«. Welche Arbeit? Warum auch soll die Zeit uns ein geliebtes Wesen entfernen? Damit wir besser leben? Solange wir uns an dieses Wesen erinnern, lebt es in unserem Herzen weiter, in unseren Erinnerungen, in dem, was wir sind, was uns zu Gedächtnis und Vergessen macht. Ich bin umgezogen und habe alles, was diese so sehr geliebte Ehefrau kannte, hinter mir gelassen. Ich wollte nicht, dass Orte und Gegenstände meine Erinnerungen verderben. Fast wäre ich auch in ein anderes Land gezogen, doch meine wissenschaftliche Arbeit konnte ich nur in Paris fortsetzen.

2
DIE WENDE
Fünf Jahre nach dem Tod meiner Frau nahm mein Leben eine Wende. Mein Körper veränderte sich plötzlich. Er funktionierte, atmete anders, sein Rhythmus wechselte. Die Veränderung kam von innen. Auch meinem Geist setzte das hart zu. Dieses eine Mal waren sich Körper und Geist einig. Sie sind in meinem Fall beide in einem schlechten Zustand, angeschlagen, irritiert. Nun ist mein Körper ein armes, zu Boden gefälltes Etwas, das der Geist mühsam aufzusammeln versucht.
Kurz und gut: Ich kriege keinen Ständer mehr. Mein Glied ist tot, auf ein schwammiges, lebloses, energieloses Vorhandensein reduziert, ein baumelndes Teil, faltige Haut als Urinkanal, Urin und nichts anderes. Ich habe keine Spermien mehr. Nichts. Keine Samenflüssigkeit. »Die brauchen Sie ja sowieso nicht mehr. Oder wollen Sie etwa noch Kinder zeugen?«, sagte man mir.
Endstation. Mein Sexualleben fühlt sich nun wie eine x-beliebige Bahnhofshalle an. Ein eisiger Wind fegt hindurch, Reisende rennen, um den letzten Zug zu erwischen, Liebende umarmen sich. Immer jüngere Obdachlose hängen herum und reden mit ihren Hunden. Es ist kalt, es ist grässlich, es herrscht Unheil, eine stumme Tragödie, stilles Leiden. Ich habe kein Gefühl der Verortung mehr. Ob ich in Paris, Genf oder Algier bin, das ist für mich alles dasselbe. Mein Atem ist erloschen. Er hängt in der Luft. Das Blut, das den Penis prall werden lässt, kann nicht mehr fließen. Es soll angeblich irgendwann wieder funktionieren, aber nicht sofort. Zurzeit ist es außer Betrieb. Die kleinen Nerven sind gedehnt worden, manche sind gerissen, der Erhalt dieser Nervenstränge ist nicht hundertprozentig garantiert. Sie brauchen Zeit, um sich zu regenerieren. So hat man es mir erklärt. Eine Frage der Statistik. 70 % Wahrscheinlichkeit, dass es wieder klappt. Ich zähle mich zu den restlichen 30 %. Was auch sonst? Als Mathematiker bin ich bedient. Man muss abwarten. Ich warte ab, ohne etwas zu erwarten. Ich bin knapp fünfzig; ich versetze mich mühelos in die Zukunft, sehe mich bereits mit siebzig. Ich beobachte das Glück auf dem Gesicht meines Abteilungsleiters, der mit über fünfundsiebzig Jahren eine erheblich jüngere Frau geheiratet hat. Anscheinend macht ihm seine Prostata keine Scherereien. In Wirklichkeit bin ich sechsundfünfzig. Oft sagt man mir, ich wirke jünger. Bei mir wirkt gar nichts mehr. Ich leide stumm und finde mich mit dem Ende meiner Sexualität ab; ich, der ich mein Leben lang ein Schürzenjäger war, sogar bei meinen Arbeitskollegen genoss ich diesen Ruf. Ich, der ich so gerne geliebt werde, der die Frauen so gerne wie mir in die Hände gefallene Paradiesfrüchte empfing; ich trete zurück, strecke die Waffen, gebe mich geschlagen, ich bin kein Mann mehr. Eine Wahl habe ich nicht. Das hat mich unvorbereitet ereilt. Dabei habe ich immer auf meine Gesundheit geachtet. Ich bin kein Hypochonder, aber ich kontrolliere regelmäßig die wesentlichen Rädchen meiner Maschine. Ich glaube an Vorbeugung. Manche Zahlen leiten in die Irre. Mein Wert bei der Blutprobe zum PSA (prostate specific antigen) war nicht sehr hoch, er lag nicht einmal über dem Grenzwert.
Hätte ich nicht in Athen an einer Konferenz zu »Medizin und Mathematik« teilgenommen, wäre ich wahrscheinlich weder operiert noch gerettet worden. Dort habe ich Professor J. F. kennengelernt und wir sind sofort Freunde geworden. Ich wusste, er gilt als einer der besten, wenn nicht der beste Urologe in Paris. Nach meiner Rückkehr habe ich sein spontanes Angebot wahrgenommen und mich von ihm untersuchen lassen. Unsere gemeinsamen bretonischen Wurzeln haben uns sehr schnell einander nähergebracht. Wir reden über unsere Leidenschaft für das Klettern, das Wandern und den Champagner. Er wollte eigentlich Mathematiker werden und ich eigentlich Arzt. Doch dafür bin ich viel zu empfindsam oder eher zu verträumt. Er untersuchte mich, verschrieb Tests. Alles in Ordnung, kein Grund zur Sorge.
Doch dann rief er mich an: »Komm bitte vorbei, ich muss mit dir reden.« Er hatte meine jüngsten Untersuchungsergebnisse. Es war im Mai. Alles ging sehr schnell. Ein Rezept listete das mir auferlegte Programm auf: Abtasten des Rektums, Ultraschall, Biopsie, Kernspintomographie …
Am vierten Juli liege ich auf dem ersten Operationstisch. Mein Rektum wird dargeboten: Durch diesen Kanal dringen die Forschungsinstrumente ein, Ultraschallsonde und andere die Prostata dehnende Körper. Ich liege auf der Seite, so dass mein Hintern genau richtig positioniert ist für die Einführung eines Apparats, der sieht und zeigt. Ich stelle mir vor, was dieses Instrument da drinnen tut, was es sucht, was es feststellt. Ich kann an nichts anderes denken. Mein Geist ist ganz darauf konzentriert, zu rätseln, was wohl in meinem Körper vorgeht. Man kann nicht an nichts denken. Ich stelle mir Dinge vor und sehe düstere Bilder, schnelle Schnitte wie in einem schneller laufenden Film, ich glaube einen Flur wahrzunehmen, der zum Licht führt.
Eine Woche später liege ich für die Biopsie da wie eine gebärende Frau mit den Beinen in der Luft. Meine Prostata wird zwölfgeteilt, eine Art dicker langer Kugelschreiber mit einer Nadel bohrt Karotten heraus wie aus einem geologisch interessanten Boden. Schmerzhaft? Nicht wirklich. Höchstens unangenehm. Ich sage mir, eine solche Behandlung muss doch den bösartigen Gegner entmutigen oder wie einen Erdölgeysir zum Ausbruch bringen und in die Flucht schlagen. Ich bilde mir Dinge ein. Wenn die Wissenschaft sich mit einem beschäftigt, muss man wohl oder übel seinen Geist beschäftigen.
In jenem Augenblick richten sich all meine Gedanken auf die Zukunft. Was, wenn die genaue Untersuchung der zwölf Proben positiv ausfiele? Was, wenn die Befürchtung von Professor J. F. sich bewahrheitete? Er ist bekannt für seine sicheren Diagnosen und hat mich auf den Eingriff vorbereitet. Plötzlich begreife ich, dass unsere Freundschaft ein Handicap ist. Unvermittelt erinnere ich mich an seine Worte vor der Biopsie: »Ich werde den Eingriff nicht selbst vornehmen. Ich vertraue dich den Händen von Professor Alvarez an, er macht so etwas jeden Tag, bei mir besteht die Gefahr, dass meine Gefühle mir im Weg sind …« Warum sollte er Gefühle haben? Ein Chirurg, der Angst hat vor seinen Emotionen …
Doktor Alvarez ist kein Freund. Er kommt lächelnd an und sagt: »Es dauert nur ein paar Minuten, entspannen Sie sich.« Wenn sie einen bitten, sich zu entspannen, erstarrt alles und man verliert die Kontrolle über seine Nerven. Das Instrument wird tief in mein Rektum eingeführt; es ist kalt, metallisch; jedes Mal, wenn er ein Stück entnimmt, ertönt ein Knall wie ein Peitschenhieb. Zwölfmal knallt es hart inmitten einer Totenstille. Zwölfmal zwickt es. Alle schweigen. Ich schließe die Augen und versuche an nichts zu denken. Es ist schwer, seinen Kopf zu leeren und an das Nichts zu gelangen. Ich bin übervoll mit Bildern. Ich bin anderswo. Nicht wirklich. Eine Krankenpflegerin bittet mich stillzuhalten. Aus meiner Prostata entnehmen sie zwölf Stücke, die mir nicht mehr gehören; sie waren warm, lebendig, jetzt liegen sie in Formalin und warten auf die Untersuchung. Mein Fleisch gehört mir nicht mehr. Mein Körper auch nicht. Es fühlt sich an, als hätte ich ihn der Wissenschaft überantwortet.
Der kleine Eingriff hat nur eine Viertelstunde gedauert. Ich frage mich, warum sie ihn nicht unter Vollnarkose gemacht haben. Dann stehe ich auf, habe ein wenig Schmerzen, bin verlegen, kleide mich wieder an und versuche zu vergessen. Ich bin ziemlich erleichtert, diese Etappe hinter mir zu haben. Vor einer Topfpflanze bleibe ich stehen und befühle ein Blatt. Scheußlich! Sie ist aus Plastik. Das ist doch nicht schlimm. Ich beobachte die anderen Patienten, die darauf warten, aufgerufen zu werden, vergleiche mich mit ihnen, versuche ihr Alter zu raten. Ein großer athletischer Afrikaner, sieht aus wie ein Rekorde brechender Sportler. Ich sage mir: Der auch! Dann blicke ich auf einen älteren Mann, seine Frau hält seine Hand, sein Kopf ist gesenkt, als habe er etwas verloren. Noch ein anderer Mann, klein, feingliedrig, gebräunte Haut, um den Hals trägt er einen Schmuck, der Korsika symbolisiert, er ist allein, liest die Sportseite von Nice-Matin. Ein großer dürrer Mann im Trainingsanzug wartet auch und liest dabei einen Krimi. Sein Buch fesselt ihn ganz und gar. Am liebsten würde ich ihn bitten, mir diese Geschichte zu erzählen, die ihn so fasziniert. Ich wende den Blick ab. Eine wohlgeformte, üppige Hilfspflegerin geht vorbei und streift mich. Das lässt mich kalt. Es ist das erste Mal, dass ich keinerlei Begehren verspüre. Merkwürdiges Gefühl. Anscheinend habe ich bereits mit meiner Libido abgeschlossen. Vielleicht habe ich es doch etwas zu eilig. Ich bereite mich schon auf die nächste Etappe vor.
Die nächste Etappe ist das MRT. Wieder eine Entdeckung. Ich spreche es aus »Emmerrtee«, wiederhole die drei Buchstaben und habe nur eine vage Vorstellung davon, was sie bezeichnen. Ich hasse Abkürzungen. Magnetresonanztomographie. Die Bilder daraus entstehen aufgrund gigantischer Informatikprogramme, die ausschließlich der Erforschung des Lebendigen dienen. Ich habe mich immer über den trockenen Stoff der Mathematik beklagt; aber sie ist nicht nachtragend. Ich laufe im Wartesaal auf und ab, kann mich nicht konzentrieren. Ich bin nicht mehr ich selbst, mein Gedächtnis lässt mich im Stich, alles lässt mich im Stich. Ich frage mich: Was passiert mit mir? Ich denke an Catherine und würde am liebsten losheulen. Ich starre auf die Wand und versuche ein Plakat zu entziffern, auf dem ein lächelnder junger Mann abgebildet ist. Darunter steht: »Ich bin verliebt, ich mache den Test.« Ich sage mir: Ich bin doch in niemanden verliebt. Erst nach einer Weile wird mir klar, dass es sich um eine Anti-Aids-Kampagne handelt. Ich erinnere mich an meinen ersten Aidstest. Ich bekam einen Brief, der mich zu einem Arzt bestellte. Ich bekam Angst, große Angst. Damals musste der behandelnde Arzt selbst dem Patienten das Ergebnis mitteilen. Negativ. Ich war erleichtert und setzte mich danach aktiv für die Früherkennung ein; ich habe sogar für Vereine zur Aids-Vorsorge gespendet. Doch das hier ist etwas anderes. Mein Becken wird auf das Gründlichste unter die Lupe genommen. Ich setze mich und habe wirklich keine Lust, das Buch eines Arztes zu lesen, wie er seinen Krebs besiegt. Sein schöner Optimismus wurde gerade ad absurdum geführt: Letzte Nacht ist er mit vierundfünfzig Jahren verstorben. Ich habe es im Radio gehört, als ich mich gerade zum Krankenhaus aufmachte! Ich vergesse das Buch absichtlich auf einer Sitzbank, als mich eine Krankenpflegerin aufruft.
Man hat mir erklärt, dass die MRT eine kleine verdächtige Anomalie bestätigen soll, die in der vorherigen Etappe entdeckt worden war. Ich muss noch zwei Stunden warten, bis ich an der Reihe bin und diese aufwendige Untersuchung durchgeführt wird. Ich bin vom Fortschritt der Technik und der Wissenschaft beeindruckt. Ich denke an den Zustand der Medizin noch vor wenigen Jahrzehnten. Ich sage mir: Die Menschheit ist fabelhaft, sie ist zum Schlimmsten fähig, aber auch zum Besten. Im Wartesaal habe ich einen treuherzigen ermatteten Algerier in den Sechzigern seiner geduldig auf ihn wartenden Frau die Untersuchung beschreiben hören, die er gerade hinter sich hat.
»Ich hatte die Wahl zwischen dem Grab und der Rakete.« Er redet so deutlich, dass alle mithören können. Als er bemerkt, dass ihn seine Frau nicht versteht, erzählt er ihr die Einzelheiten: »Ich musste mich ausziehen, aber die Unterhose habe ich anbehalten. Ich habe mich auf eine Art Tragbahre gelegt, in ein Rohr wie das der Mondfahrer. Sie haben mich festgebunden und vor allem haben sie mir Kopfhörer auf die Ohren getan. Am Anfang gab es Musik und danach immer wieder ein ohrenbetäubendes Geräusch dazwischen. Die Bahre hat sich langsam bewegt und ist in einen Tunnel eingefahren, mein Kopf ist fast an die Decke gestoßen. Sie hat sich nach vorne bewegt, gedreht, zurückgewendet, ich habe weder einen Stich noch Druck gespürt, es war wie eine Spazierfahrt im Todestunnel. Ich glaube, das ist der Weg, den unsere Seele nimmt, um zu Gott zu gelangen. Es nahm einfach kein Ende. Woran ich gedacht habe? An die Kinder … und an dich. Ich gebe es zu, zum ersten Mal habe ich an dich gedacht. Dann habe ich den Tod gespürt; er hat mich gestreift wie die Flügel einer Schwalbe … Es war weder Frühling noch Winter, ich glaube, es war Sommer, denn es war heiß in dieser engen Kabine. Ich hielt die Augen die ganze Zeit geschlossen; es gab ja nichts zu sehen. Mein ganzer Körper wurde durchwühlt, sie haben alles gesehen, analysiert, jetzt bin ich wie neu. MRT, das ist wie ein totales Röntgen, das alle Körperteile fotografiert, sogar die in meinem tiefsten Inneren verborgenen … Ein merkwürdiges Gefühl. So, nun ist es erledigt, jetzt müssen wir abwarten, was der Arzt sagt. Los komm, wir gehen, ich fühle mich seltsam. Ich weiß nicht mehr, wann wir die Ergebnisse bekommen, frag die Dame, wann wir wieder herkommen sollen …«
Die Ehefrau hat seinen Arm genommen, diese zärtliche Geste ist mir sofort aufgefallen. Erst danach hat sie die Handtasche über die Schulter gestreift und ihr Kopftuch zurechtgerückt, bevor sie mit ihm den Wartesaal verließ, ohne sich einmal zu uns umzudrehen. Ich sah sie von hinten und stellte mir ihr Einverständnis, ihre Liebe vor. Da tauchte Catherines Bild wie in einem Flash auf. Sie streckte mir die Hand entgegen. Fast hätte ich mich erhoben und wäre zu ihr gegangen. Ich senkte den Blick und wischte eine Träne von der Wange. Wäre sie da gewesen, hätte ich mich angesichts dieser Prüfung stärker gefühlt. Untröstlich, der Witwer …
Ich gehorche dem Arzt. Ich bin wie ein Automat, habe keinerlei Befürchtung. Ich bin nicht klaustrophobisch. Ich befolge die Anweisungen und lasse mich von dieser großen Wundermaschine analysieren. Im Inneren werden meine Gedanken wirr. Doch Catherines Bild begleitet mich. Sie ist jung und strahlend. Der Tod steht ihr gut, doch es ist kein wahrer Tod, denn solange ich an sie denke, bleibt sie in meinem Herzen lebendig. Ich höre sie zu mir sagen: Es ist nichts, ich bin bei dir, du wirst sehen, alles wird gut, du bist stark, ich liebe dich, mein Geliebter …

Pressestimmen

Neues Deutschland

»Eine wunderschöne Lektion in Sachen Leben. [...]. Schonungsloses Erzählen, das mitunter gar erotisch wird.«

Münchner Merkur

»Es ist buchstäblich der titelgebende Einschnitt, den Autor Thar Ben Jelloun am eigenen Leib erlebt hat: Aufgrund seiner Prostatkrebserkrankung wurde er 'entmännlicht'.«

Freie Presse

»Lyrisch, erotisch und intim zugleich erzählt Jelloun die Erinnerungen und Träume deines Protagonisten. Nachvollziehbar und schonungslos gestaltet er die Depressionen, den diesen nach der Operation befallen, die Minderwertigkeitsgefühle und Demütigungen, denen er nach seiner Rückkehr ins normale Leben ausgesetzt ist. Dennoch wirkt der Roman optimistisch und lebensbejahend.«

Thurgauer Zeitung

»Er ist allein mit sich und seiner Krankheit. Schrecklich allein. Wie sich das anfühlt, erzählt Tahar Ben Jelloun in kurzen Szenen, die den Leser nicht so rasch wieder loslassen. Es ist, über weite Strecken, das Protokoll eines Niedergangs. [...] Aber er nimmt sich einen Satz des Dichters Cesare Pavese zu Herzen: 'Man befreit sich nicht von einer Sache, indem man sie umgeht, sondern nur indem man sie durchquert.«

rhein-main magazin

»Dieses Buch ist eine Provokation, und doch handelt es von etwas erschreckend Alltäglichem.«

sandammeer.at

»Überraschend ist der leichte, teilweise fast heiter melancholische Tonfall dieser Erzählung, die höchstwahrscheinlich den ersten literarischen Text darstellt, der sich mit der häufigsten Krebserkrankung unter Männern beschäftigt.«

Konradsblatt

»Schonungslos und dabei so lyrisch wie persönlich beschreibt Tahar Ben Jelloun von Demütigungen, Entscheidungen und Abschieden. Mit einer Liebeserklärung am das Leben.«

MDR Figaro

»Schonungslos und dabei lyrisch, intim und zugleich überpersonell berichtet der Autor von einer Krebserkrankung. […]. Souverän bespielt Tahar Ben Jelloun die Klaviatur seines literarischen Könnens. […]. Vom eigenen Leben in die Knie gezwungen, erreicht Tahar Ben Jelloun im Schreiben größte Freiheit. Es ist ihm gelungen, ein leichtes Buch über ein schweres Thema zu schreiben.«

Radio Bremen

»Es sind diese ganz existenziellen Gefühle, die Depression des Ich-Erzählers, die sehr berühren. Die völlige Konzentration auf die Folgen der Prostataentfernung. […]. 'Der Einschnitt' ist ein wichtiges Buch – trotz des Sexismus.«

tachles - Das jüdische Wochenmagazin

»Die Angst vor der Bloßstellung war groß genug, dass auch Ben Jelloun sich zunächst des alten Tricks bediente, die Geschichte eines 'Freundes' zu erzählen. Nur so gelang es ihm, die Ängste, die mit diesem Krebs verbunden sind, aus der Perspektive eines Dritten in nötiger Distanz zu bewahren.«

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