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Der Dieb in der NachtDer Dieb in der Nacht

Der Dieb in der Nacht

Roman

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Der Dieb in der Nacht — Inhalt

Eines flirrend heißen Nachmittags verschwindet der 19-jährige Felix spurlos. Zurück bleiben seine Mutter, seine Schwester und sein bester Freund Paul. Jeder hat eine eigene Version von diesem Tag, nach dem nichts mehr so ist wie zuvor. Zehn Jahre später taucht Felix plötzlich wieder auf. Aber ist der Mann, der der sich Ira Blixen nennt, wirklich der Vermisste? Ein packendes Vexierspiel um Realität, Identität und Sehnsucht und um die Frage, wie sich über die Leerstelle sprechen lässt, die das Verschwinden eines Menschen in die Leben seiner Nächsten sprengt.

Erschienen am 01.03.2017
320 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-8333-1083-6
Erschienen am 31.08.2015
320 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7845-2
»Ich habe knietief in diesem Buch gesteckt, gefühlt, was Paul gefühlt hat, wenn er Blixen angesehen hat, und ihm und auch Louise von Herzen gewünscht, dass sich alles aufklärt und gut wird. In jedem Fall hat sie hier ein Buch geschaffen, auf das man sich in Ruhe einlassen muss - einfach so zwischen Tür und Angel runter lesen wird ihm nicht gerecht.«
licentiapoeticae.blogspot.de
»Dieses Buch zieht in seinen Bann.«
Berner Zeitung
»Katharina Hartwell, eine Ausnahmekönnerin im Handwerk des düsteren Schreibens«
NDR "Sonntagsstudio"
»Vor 20 Jahren verschwand Pauls bester Freund. Eines Tages glaubt er, ihn wiederzusehen. Der Doppelgänger nennt sich jedoch Ira und hat bei einem Unfall jede Erinnerung verloren. Wie soll Paul das Identitätsrätsel lösen?«
Der Tagesspiegel
»Kippende Gewissheiten, magisch, ominös, im Rätselhaften schwebend, und doch geerdet ist auch die Sprache. Hartwells Stärken sind das Beobachten und Ausdenken, das luftig leichte Formulieren und Erzählen mit Perspektivwechseln und klug eingewobenen Rückblenden.«
Berliner Zeitung
»Katharina Hartwell entwickelt ein Vexierspiel um Verlust, Identität und Sehnsucht.«
Kulturradio vom rbb
»'Der Dieb in der Nacht' ist ein aus wechselnden Perspektiven erzählter dunkler, beinahe unheimlicher Roman, gut gebaut, erzählt und geschrieben.«
WDR 5 "Neugier genügt"
»Die Autorin ist Anfang 30 und schafft in ihrem Buch ein spannendes Stück zum Thema Identität.«
Westdeutsche Allgemeine Zeitung
»Ein sehr gelungener Roman über die Realität, den Verlust, Identität und Sehnsucht - das Verhalten der Zurückgebliebenen und ihre Hoffnung.«
wasliestdu.de
»Hartwell sucht das Dunkle, das Unheimliche, das Surreale, und sie bedient sich dabei einer Sprache, die an den Tonfall des Märchens angelehnt ist, ohne jedoch die Brücken zur Gegenwart abzubrechen. […]. Hartwell ist klug genug, sich selbst und dem Leser alle Möglichkeiten offenzulassen. Das macht ihren Roman umso beunruhigender.«
Süddeutsche Zeitung
»Eine Geschichte, die den Leser bewusst irritiert, auch weil sie die verschiedenen Blickwinkel der Menschen, die Felix vermissen, genau aufzeigt. Es lohnt sich, sich auf diesen Roman einzulassen.«
MünsterlandZeitung.de
»Geschickt versteht Hartwell auch in diesem Roman, Realität und Fantastisches zu verbinden und ineinander übergehen zu lassen.«
lifeofliterature.wordpress.com
»Ein Horrorroman ohne Horror. Seelenzermürbend lakonisch.«
NDR Kultur "9 Sekunden Rezension"
»Elegant und doppelbödig inszeniert sie ein Spiel von Täuschung und Selbsttäuschung. […]. Katharina Hartwell ist eine Autorin, die sich elementar von Kollegen ihrer Generation unterscheidet. Das rein realistische Erzählen interessiert sie nicht.«
Deutschlandfunk "Büchermarkt"
»Das klingt nach dem Stoff für einen Kriminalroman. Doch Autorin Katharina Hartwell entwickelt daraus eine moderne Gespenstergeschichte. 'Der Dieb in der Nacht' ist ein Gruselstück, in dem Angst, Verunsicherung und Erschrecken durch die dünne Membran von Gewissheiten hindurchsickern.«
Frankfurter Rundschau

Leseprobe zu »Der Dieb in der Nacht«

My friend once told me something so right
He said to be careful of thieves in the night
(Hot Chip: Thieves In The Night)

»Die einzig wirklich wirklichen Dinge«, sagte er nachdenklich, »das sind die, die sich selbst schaffen und anderen Dingen überhaupt nicht ähnlich sehen müssen. In meinem Haus in Paris habe ich einige wirklich wirkliche Dinge, denen ich geholfen habe, sich selbst zu schaffen – Blumen und Vögel und Regenbogen und Berge und eine Dame, die in den Fluß springt, weil sie unglücklich ist. Sie singen und duften und springen in den Fluß, ganz von [...]

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My friend once told me something so right
He said to be careful of thieves in the night
(Hot Chip: Thieves In The Night)

»Die einzig wirklich wirklichen Dinge«, sagte er nachdenklich, »das sind die, die sich selbst schaffen und anderen Dingen überhaupt nicht ähnlich sehen müssen. In meinem Haus in Paris habe ich einige wirklich wirkliche Dinge, denen ich geholfen habe, sich selbst zu schaffen – Blumen und Vögel und Regenbogen und Berge und eine Dame, die in den Fluß springt, weil sie unglücklich ist. Sie singen und duften und springen in den Fluß, ganz von sich aus, so daß ich zuweilen über sie erstaunt bin – und hübsch sind sie, Nonny, sehr hübsch! Und dann kommt auch etwas von außen dazu, das Publikum heißt, und das betrachtet sie lange und sagt, daß sie mit nichts auf der Welt Ähnlichkeit haben.«
Nach kurzem Schweigen fragte Nonny: »Woraus werden sie gemacht?«
»In der Regel finden sie etwas, woraus sie gemacht werden«, sagte Cedric, »auch wo man glaubt, daß nichts da wäre, Nonny. Aber ich helfe ihnen auch, es zu finden. Tust du das nicht?«
(Tania Blixen: Gespensterpferde)

Seit Donnerstagnachmittag wird der 19-jährige Felix Heller vermisst. Felix verließ am 22. August gegen 17 Uhr die Tankstelle am Ortseingang Dornheim. Felix hat blondes, gelocktes Haar, ist etwa 1,85 m groß und schlank. Als er zuletzt gesehen wurde, trug er khakifarbene Shorts, ein dunkelblaues Polohemd und weiße Turnschuhe der Marke Asics.
Hinweise nimmt der Kriminaldienst der Dornheimer Polizei unter der Nummer 03323 89231 entgegen.

PROLOG
Geister und Außerirdische und plötzliche,
unerklärliche Todesfälle sind möglich

Als es klingelt, hat sie bereits geschlafen. Sie setzt sich auf, sieht sich um; ein Teil von ihr hängt noch in einem Traum, der bereits in die Dunkelheit zurückfällt, aus der er zu ihr gekommen ist.
Sie stellt die Füße auf den Teppich, steht auf, läuft los, sucht nach dem Telefon, folgt dem Klingelton wie einer Spur. Bis auf das Schrillen ist es still in der Wohnung; und die Stille ist ein Rauschen, ein dunkles Klopfen tief in den Schläfen. Ihr Kopf ist so leer, dass ihr schlecht wird vor Leichtigkeit.
Sie findet das Telefon auf dem blauen Holztisch in der Küche; an der Nummer auf dem Display glaubt sie zu erkennen, dass es sich um eine Prager Vorwahl handelt.
Gut zwei Wochen sind vergangen, seit sie das letzte Mal von Paul gehört hat. Anfang September schrieb sie ihm eine Postkarte; sie sei unglücklich, schrieb sie ihm. Er sei es auch, schrieb er zurück. Und dass es kein Zufall sein könne, dass Prag beinahe ein Anagramm von Grab sei.
»Hallo«, sagt sie, nachdem sie auf den grünen Hörer gedrückt hat.
Es klickt, es rauscht, aber niemand antwortet.
»Hallo, hier ist Louise«, sagt sie.
Vielleicht hat nicht Paul angerufen, sondern jemand, der Paul kennt, der ihr mitteilen will, dass Paul etwas zugestoßen ist. Louise greift den Hörer fester. Seitdem sie denken kann, galoppieren ihr die Gedanken davon, reißen sie mit sich, hinaus aus der tatsächlichen Welt. Alles ist möglich in Louises Gedanken. Geister und Außerirdische und plötzliche, unerklärliche Todesfälle sind möglich. So lange, bis sich die Welt wieder zwischen sie und die Möglichkeiten schiebt. Sie ist gerade zu dem Schluss gekommen, dass der einzige Grund, aus dem sie jemand nachts anruft, nur Pauls Tod sein kann, als sie seine Stimme hört.
»Louise«, sagt Paul.
Louise starrt das Bild einer tanzenden Katze an, das auf Augenhöhe an der Wand hängt, und versucht, sich zu konzentrieren. Noch ist die Welt nicht ganz angekommen. Noch sind es vor allem Louise und Louises Gedanken; und ihre Stimme zittert, als sie fragt: »Paul, was ist passiert?«
Sie hört ihn atmen, und in dem Lufteinholen und Freigeben baut sich etwas auf, eine Druckwelle, die durch das Telefon von einem Land in das andere schwappt, auf Louise zurollt, schwer auf ihrem Brustkorb aufschlägt, noch bevor sie Paul sagen hört:
»Louise, ich habe Felix gefunden.«


Erster Teil
Nimmersatt

Erstes Kapitel
Du. Du bist das

Es beginnt in einem Raum tief unter der Erde.
Paul folgt Katrin eine schmale Treppe hinunter in die Lucerna Bar. Lucerna heißt Lampe, und ohne Lampe sähe man in dem verwinkelten Maulwurfsbau kaum weiter als bis zum Hinterkopf des Vorangehenden. Die Menschen, die ihnen entgegenkommen, scheinen Paul zu mustern. Abfällig oder misstrauisch, vermutet er, aber es ist zu dunkel, um den Ausdruck in ihren Augen bestimmen zu können. Er sieht auf seine Uhr, so als ließe sich die Zeit bis zu seiner Abreise bereits in Stunden messen. Dabei sind es Wochen, bestenfalls Tage, die er noch in Prag verbringen muss.
»Jetzt bist du froh, dass du mitgekommen bist«, sagt Katrin, als sie am Ende der Treppe angelangt sind.
»Ja«, lügt er, weil er weiß, dass es diese Antwort ist, die sie erwartet. Und vielleicht hat sie sogar recht; so wenig er hier sein möchte, noch weniger will er mit Katrins Vater in der stillen Wohnung sitzen und auf ihre Rückkehr warten.
Die Vorband spielt bereits, als sie sich an der Theke anstellen. Zögerlich versucht Paul mit einem grünhaarigen Mädchen Augenkontakt aufzunehmen. »Two beers«, schreit Katrin dicht an seinem Ohr vorbei, und die Grünhaarige stellt zwei Flaschen auf den Tresen.
An der Bar erzählt Katrin ihm, was sie die nächsten Tage unternehmen will. Paul nickt, als würde es ihn interessieren. Jesulein, Kafka, Brücke. Die schönste Stadt der Welt wird sie in wenigen Sekunden sagen, weil das alle hier immer sagen, weil sie es schon in Deutschland sagten, bevor er fuhr. Die schönste Stadt der Welt – was soll das bedeuten? Wie misst man die Schönheit einer Stadt und wer erklärt sie dann zur schönsten unter allen anderen?
»Und wie lange bleibst du noch?«, fragt Katrin.
Paul zuckt die Achseln. »Bis dein Vater mich nicht mehr braucht«, sagt er. Tatsächlich gibt es keinen Vertrag, keine schriftliche Vereinbarung. Er wird so lange in Prag bleiben, bis Frist ihn wieder zurück nach Deutschland schickt.
Katrin stupst ihn mit ihrer Bierflasche an. »Ich verstehe nicht einmal, was genau du für ihn machst. Du läufst durch die Straßen und fotografierst irgendwelche Sachen.«
Tatsächlich hat sich Paul in den letzten drei Wochen in den eher abgelegenen Ecken Prags herumgetrieben, ist im Morgengrauen und in der Abenddämmerung durch die wenig belebten Gässchen geschlichen, um den Nebel zwischen den Häusern zu fotografieren. Er macht Fotos von Orten, an denen sich Kafka nachweislich, vermutlich oder bloß in der Vorstellung Heinrich Frists aufgehalten hat. Auf seinen Bildern zeigt Paul Prags unheimliche Seite, was ihm leichtfällt, da er die Stadt unheimlich findet. Er findet die Moldau unheimlich, den Hradschin und die Prager Burg. (Er denkt viel über das Mittelalter und Folter nach.) Von seinem Fenster aus hat er freie Sicht auf den Hradschin – eine Aussicht, derer Frist sich besonders rühmt. Paul aber zögert es oft bis mittags hinaus, die Vorhänge aufzuziehen. Die Burg selbst scheint ihm weniger Gebäude als Wesen, ein Tier, das beharrlich wartend auf seinem Hügel hockt und lauernd auf die Stadt hinabschaut. Auch die Wohnung selbst ist ihm unheimlich; sie ist voller Geräusche, wo keine sein sollten. Wenn er im Wohnzimmer sitzt, hat er das Gefühl, jemand schleiche durch den Flur. Wenn er im Flur steht, meint er, unterdrückte Laute, glucksendes Lachen oder Flüstern aus dem Badezimmer zu hören. Den fensterlosen Raum mit lauter Lüftung und kaputtem Heizstrahler meidet er, genau wie die Küche. Durch ein Fenster sieht man schräg über den Hinterhof auf einen Balkon, auf dem tagein, tagaus ein rauchender Mann über das hüfthohe Eisengatter gebeugt steht und Paul zu beobachten scheint.
»Deinen Job möchte ich haben«, sagt Katrin, und Paul ist nicht sicher, ob sie gutgelaunt klingt oder vorwurfsvoll. »Läufst durch die schönste Stadt der Welt und machst Fotos. Und kriegst auch noch Geld dafür.«
Er macht ein unbestimmtes Geräusch und nimmt einen Schluck aus seiner Bierflasche. Noch immer mustert ihn Katrin prüfend von der Seite. Sie mag ihn nicht besonders, denkt er plötzlich. Wahrscheinlich hat sie ihn nur eingeladen, mit zu dem Konzert zu kommen, weil sie ihm auf den Zahn fühlen will, weil sie den Verdacht hat, dass er ihren Vater ausnimmt. Dabei hatte er noch am Vortag den Eindruck, sie sei »interessiert« – so würde Louise es formulieren: »Vielleicht ist sie interessiert«, mutmaßt Louise über den Großteil aller Frauen, denen Paul begegnet.
»Danke, dass du mitgekommen bist, jedenfalls«, sagt Katrin. »Auch wenn das nicht deine Musik ist.«
Er nickt. Später, denkt er, wird er Louise davon erzählen, wie er, umgeben von menschlichen Maulwürfen, in den Katakomben der schönsten Stadt der Welt saß und sich zurück nach Berlin wünschte.
Um zehn beginnt das Konzert. Auf einer großen Leinwand werden Schwarz-Weiß-Bilder von Helikoptern, öden Landschaften und Menschen gezeigt, die Paul nicht kennt, von denen er aber vermutet, sie seien Politiker. Schon nachdem er die Hälfte seines Biers geleert hat, fühlt er sich unangenehm betrunken, schwermütig und schwindelig. Katrin entfernt sich von Paul, strebt tänzelnd der Bühne entgegen, bald hat er sie aus den Augen verloren. Vergeblich wartet er auf Gesang und darauf, dass sich die Musik nach ihrem unauffälligen Einsetzen in eine feste Form wandelt, sich zu Einheiten verbindet und zu dem, was Paul als Lied definieren würde. Stattdessen verliert sie sich weiter in einem langsamen Anstieg, einem schwebenden Zusammenspiel der Instrumente, das, wie Paul endlich versteht, nirgendwo hinführen wird, weil es bereits ist.
Nach dem Konzert schlendert Paul zu den kleinen Tischen zwischen Toilette und Bar und wartet dort auf Katrin, die sich angestellt hat, um eine signierte Platte zu kaufen. An einem der Tische sitzt ein einzelner Mann, vertieft in einen Flyer der Bar. Paul nimmt ihm gegenüber Platz und mustert ihn verstohlen. Auf den ersten Blick unterscheidet sich der Mann nicht von den anderen Besuchern hier, auf den zweiten aber hat er nicht viel gemein mit den Goths, den Punks und Alternativen; er trägt das Business-Schwarz elegant gekleideter Geschäftsleute, einen schmalgeschnittenen Blazer, enganliegende Jeans und glänzende Stiefeletten; über seiner Stuhllehne hängt ein Trenchcoat. Wie er dort sitzt, sieht er nicht bloß deplatziert aus, sondern so fremd, dass seine Umrisse wie bei einer schlechten Fotomontage weiß zu flimmern scheinen.
Ach, denkt Paul. Sonst denkt er nichts: Ach – genau wie kurz vor Konzertende, als er endlich einen der Politiker auf der grauen Leinwand erkannte. Das »Ach« bedeutet auch und vor allem: Du. Du bist das.
Kennt er den Mann? Nein, sicher nicht, er kennt bloß die Art, wie er sitzt, wie er den hochgewachsenen, schlanken Körper zu falten versteht, so als wollte er ihn in sich selbst verstauen. Er kennt die Art, wie es ihm gelingt, unaufdringlich zum Zentrum des Geschehens zu werden, weil die Menschen, die Gespräche und Bewegungen wie von selbst in konzentrischen Bahnen um ihn zu kreisen beginnen.
Ich muss mich hinsetzen, denkt Paul, aber er sitzt ja bereits. Er traut sich nicht, den Kopf zwischen die Knie zu klemmen; in einer unbeobachteten Sekunde könnte ihm der andere entwischen. Paul mustert längst nicht mehr verstohlen, sondern starrt unverhohlen. Der Mann schaut kurz irritiert auf, vertieft sich dann wieder in den Flyer.
Paul wird heiß. Der Muskel in seiner rechten Wange zuckt. Gerade will er zu einem genuschelten »Sorry« ansetzen, als er das Muttermal sieht: Es ist dunkel, beinahe schwarz, hat die ungefähre Form eines Sterns und sitzt am Handgelenk des Mannes, gleich neben dem Knöchel, genau dort, wo Paul es vor gut zehn Jahren zuletzt gesehen hat.
Pauls Mund öffnet sich.
»Felix?«, fragt er.
Der Mann in der Lucerna Bar, der nicht aussieht wie Felix, sich aber bewegt wie Felix, Paul anschaut wie Felix und Felix’ Muttermal am Handgelenk trägt, erklärt, dass es ihm leidtue. Sein Name sei Ira Blixen. Er lebe bereits seit vielen Jahren in Prag. Und er sei Paul noch nie begegnet, ganz sicher nicht.
Er spricht deutsch, beinahe ohne Akzent.
Aber das muss nichts heißen, sagt sich Paul. Deutsch sprechen hier viele. Und trotzdem. Dieser Mann ist Felix. Paul weiß es. In der einen Sekunde zumindest. In der nächsten weiß er es schon nicht mehr. Die Gewissheit brandet auf und ebbt ab, wie beschleunigte Gezeiten, die seinen Körper erfassen, ihn schwemmen, sich zurückzuziehen: Er weiß es, er weiß es nicht, er weiß es. Paul würde sich gerne festhalten, zumindest irgendwo abstützen. Ira Blixen, das ist doch kein Name, denkt er. Kein Mensch heißt Ira Blixen, auch nicht in Prag.
»Und so heißen Sie? Ira Blixen?«
»Nein«, räumt der Mann ein. »Das ist ein Künstlername.«
Irgendwann muss Katrin zu ihnen an den Tisch getreten sein. Umständlich streicht sie sich eine verschwitzte Strähne aus dem Gesicht. »Gehen wir dann?«, fragt sie und wirft dem Mann einen zweifelnden Blick zu.
Paul öffnet den Mund, um etwas zu sagen, aber seine trockenen Lippen geben bloß ein unglückliches Platzen frei.
Blixen dreht sich zur Seite und greift nach seinem Trenchcoat. Der Muskel in Pauls rechter Wange zuckt, als wolle er unter der Haut tanzen, und Paul macht sich bereit aufzuspringen, sich Blixen in den Weg zu stellen, wie ein Kind, das die Grenzen des akzeptablen Spaßes längst überschritten hat.
Doch statt sich umzudrehen und davonzueilen, zieht Blixen sein Portemonnaie hervor.
»Hören Sie«, sagt er, »ich habe leider keine Zeit, mich länger mit Ihnen zu unterhalten, ich muss morgen früh zu einem Termin. Es tut mir leid, Sie zu enttäuschen, ich bin sicher, dass Sie mich verwechseln, aber gut – ich gebe Ihnen meine Karte, und Sie können in meinem Atelier vorbeikommen.« Er sieht zu Katrin. »Sie natürlich auch. Aber ich muss jetzt wirklich gehen.«
Paul nimmt die Visitenkarte entgegen, und als sich seine Finger um das weiße Rechteck aus steifem Papier schließen, kommt alles in seinen Körper zurück: die Müdigkeit, die Kopfschmerzen, der Schwindel. »Ira Blixen – Golden Bones« steht in schlanken Druckbuchstaben auf der Visitenkarte. Paul hält sich an der Karte fest, während er Blixen nachsieht, wie der sich im Gehen seinen Trenchcoat überstreift und zwischen schwarzen T-Shirt-Rücken verschwindet.
Als sie wieder an der Oberfläche der Lucerna Passage angelangt sind, ist Paul außer Atem. Einen Moment lehnt er sich gegen eine Wand und schließt die Augen; erst als er sie wieder öffnet, sieht er die Skulptur mitten in der Passage, ein Pferd, das kopfüber von der Decke hängt. Auf seinem nach oben gekehrten Bauch sitzt ein Reiter, in der Hand hält er einen Speer. Die heraushängende Zunge lässt das Pferd auf obszöne Weise tot erscheinen.
Paul löst einen Fuß vom Boden, und der Raum kippt. Das elende Tier, denkt er, es hebt die Gesetze der Schwerkraft auf und die Welt aus den Angeln.
»Paul?«, sagt Katrin.
Er will sie ansehen, aber sein Nacken ist fixiert, seine Augen sind wie festgeschraubt, und er kann sich nicht abwenden von dem Koloss in seiner schwebenden Schwere.
»Ich komme«, sagt er, ohne sich von der Stelle zu bewegen.

Katharina Hartwell

Über Katharina Hartwell

Biografie

Katharina Hartwell, 1984 geboren, studierte Anglistik und Amerikanistik sowie am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Sie war u.a. Gewinnerin des MDR-Literaturpreises und Stipendiatin des Landes Hessen und des Freistaates Sachsen. 2013 war sie die Sylter Inselschreiberin. Ihr erster Roman »Das...

Pressestimmen

licentiapoeticae.blogspot.de

»Ich habe knietief in diesem Buch gesteckt, gefühlt, was Paul gefühlt hat, wenn er Blixen angesehen hat, und ihm und auch Louise von Herzen gewünscht, dass sich alles aufklärt und gut wird. In jedem Fall hat sie hier ein Buch geschaffen, auf das man sich in Ruhe einlassen muss - einfach so zwischen Tür und Angel runter lesen wird ihm nicht gerecht.«

Berner Zeitung

»Dieses Buch zieht in seinen Bann.«

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»Katharina Hartwell, eine Ausnahmekönnerin im Handwerk des düsteren Schreibens«

Der Tagesspiegel

»Vor 20 Jahren verschwand Pauls bester Freund. Eines Tages glaubt er, ihn wiederzusehen. Der Doppelgänger nennt sich jedoch Ira und hat bei einem Unfall jede Erinnerung verloren. Wie soll Paul das Identitätsrätsel lösen?«

Berliner Zeitung

»Kippende Gewissheiten, magisch, ominös, im Rätselhaften schwebend, und doch geerdet ist auch die Sprache. Hartwells Stärken sind das Beobachten und Ausdenken, das luftig leichte Formulieren und Erzählen mit Perspektivwechseln und klug eingewobenen Rückblenden.«

Kulturradio vom rbb

»Katharina Hartwell entwickelt ein Vexierspiel um Verlust, Identität und Sehnsucht.«

WDR 5 "Neugier genügt"

»'Der Dieb in der Nacht' ist ein aus wechselnden Perspektiven erzählter dunkler, beinahe unheimlicher Roman, gut gebaut, erzählt und geschrieben.«

Westdeutsche Allgemeine Zeitung

»Die Autorin ist Anfang 30 und schafft in ihrem Buch ein spannendes Stück zum Thema Identität.«

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»Hartwell sucht das Dunkle, das Unheimliche, das Surreale, und sie bedient sich dabei einer Sprache, die an den Tonfall des Märchens angelehnt ist, ohne jedoch die Brücken zur Gegenwart abzubrechen. […]. Hartwell ist klug genug, sich selbst und dem Leser alle Möglichkeiten offenzulassen. Das macht ihren Roman umso beunruhigender.«

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»Eine Geschichte, die den Leser bewusst irritiert, auch weil sie die verschiedenen Blickwinkel der Menschen, die Felix vermissen, genau aufzeigt. Es lohnt sich, sich auf diesen Roman einzulassen.«

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»Geschickt versteht Hartwell auch in diesem Roman, Realität und Fantastisches zu verbinden und ineinander übergehen zu lassen.«

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»Ein Horrorroman ohne Horror. Seelenzermürbend lakonisch.«

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»Elegant und doppelbödig inszeniert sie ein Spiel von Täuschung und Selbsttäuschung. […]. Katharina Hartwell ist eine Autorin, die sich elementar von Kollegen ihrer Generation unterscheidet. Das rein realistische Erzählen interessiert sie nicht.«

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»Das klingt nach dem Stoff für einen Kriminalroman. Doch Autorin Katharina Hartwell entwickelt daraus eine moderne Gespenstergeschichte. 'Der Dieb in der Nacht' ist ein Gruselstück, in dem Angst, Verunsicherung und Erschrecken durch die dünne Membran von Gewissheiten hindurchsickern.«

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