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Der Besuch

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Roman

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Der Besuch — Inhalt

Es ist der Sommer der nicht so fernen Katastrophen. Eine ungewöhnlich hartnäckige Hitze liegt über Jerusalem, ein Wohnhaus stürzt ein, ein Junge verschwindet. Nili und Nataniel haben eine Woche ohne Kinder vor sich, als ein Anruf aus Paris die empfindliche Balance ihres Lebens stört. Duclos, ein französischer Millionär, kommt nach Israel und will sie treffen. Jahre zuvor war er ihnen bei einem unseligen Vorfall in einem Pariser Sternerestaurant zu Hilfe gekommen. Nie haben sie einander eingestanden, was an diesem Abend wirklich geschah.

Hila Blums Debüt erzählt nicht nur die Geschichte dieses Paares, Nili und Nataniel, ihrer verborgenen Seiten, Sehnsüchte und nie offenbarten Geheimnisse; es ist ein Roman, der das Porträt einer modernen Familie zeichnet. Blum spürt die Risse in der Fassade auf, Momente der Unsicherheit, die man vielleicht zu schnell kaschiert, Gefühle, die man zu rasch unterdrückt hat. Ein großer Familienroman aus Israel, eine Autorin, deren Stilgefühl und klarer, kluger Blick verblüffen.

 

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 11.08.2014
Übersetzt von: Mirjam Pressler
416 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7757-8
»Ein großer Liebes- und Familienroman, dessen Intensität zu Herzen geht. Aus dem Hebräischen übersetzt von Mirjam Pressler.«
buch aktuell - Taschenbuch Magazin
»Mit behutsamen Worten erzählt die Israelin Hila Blum von der Liebe, einer Hochzeitsreise, einem jungen Paar, einer Familiengründung und all den Abgründen, die sich selbst im sensibelsten Miteinander auftun. Ihr Ton ist sanft, doch Blum erzählt mit größter, psychologischer Tiefenschärfe – bis es schmerzt. Dieses Debüt ist eine Entdeckung.«
Rheinische Post
»Ein erstaunliches Debüt! […]. Hila Blum schreibt genauso, wie Menschen in außergewöhnlichen Situationen leben, denken, fühlen.«
NDR "Kulturspiegel"
»Ein sensibles Porträt von einer Patchworkfamilie vor dem Hintergrund der geteilten Stadt Jerusalem.«
rbb Inforadio "Quergelesen"
»Roman über eine lang vergessene Nacht in Paris«
ZEIT Magazin
»Die intensive Sezierung einer Beziehung: klug, einfühlsam, poetisch - und nahe am Abgrund.«
emotion
»In unchronologischen Vignetten widmet sich Autorin Hila Blum einer Patchwork-Familiengeschichte. Dabei kehrt sie immer wieder zu anfänglich skizzierten Ereignissen zurück, geht ins Detail, ohne je an Tempo und Zusammenhalt zu verlieren. Ein filmreifer Debütroman.«
Missy Magazine

Leseprobe zu »Der Besuch«

Davor

Es gibt Dinge, die können nur in den schmalen Spalten der Nachlässigkeit geschehen, der Unaufmerksamkeit, in einem Wirbel aus Trägheit und Licht. Plötzlich entspringen sie der Phantasie und landen im gelebten Leben.

Erklärungen werden erst später gesucht. Die Augen der Sprecher sind feucht, sie glänzen mit falschem Feuer wie die Edelsteine in Kinderschmuck. Sie behaupten alle glühend, gefühlsbetont, jeder auf seine persönliche Art, dass sie nicht wussten, was sie taten, dass sie es nicht bis zum Ende durchdacht hätten. Sie hätten zu ihrer Zeit [...]

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Davor

Es gibt Dinge, die können nur in den schmalen Spalten der Nachlässigkeit geschehen, der Unaufmerksamkeit, in einem Wirbel aus Trägheit und Licht. Plötzlich entspringen sie der Phantasie und landen im gelebten Leben.

Erklärungen werden erst später gesucht. Die Augen der Sprecher sind feucht, sie glänzen mit falschem Feuer wie die Edelsteine in Kinderschmuck. Sie behaupten alle glühend, gefühlsbetont, jeder auf seine persönliche Art, dass sie nicht wussten, was sie taten, dass sie es nicht bis zum Ende durchdacht hätten. Sie hätten zu ihrer Zeit nur eine Seite weiterblättern können. Jetzt können sie nur eine Seite zurückblättern. Sie bitten um Milde, um Erbarmen, um eine zweite Chance. Sie bieten Reue. Sie verbreiten um sich herum Trauer wie Zahlungsmittel.

Das ist es, was sie sagen: Es geschah, als man noch blauäugig war. Als man eine Bergbahn noch für eine passende Metapher für Gefahr hielt. Als man das Vertrauen, das einem die Welt schenkte, wegwarf, wie man Ballast von einem sinkenden Boot wirft. Es sei nur einmal geschehen und es werde nie wieder geschehen.

 

Nachtsicht

Es ist die Woche des Denis Bukinow, des vermissten Jungen. Sein Bild erscheint in allen Zeitungen: ein Lächeln mit einem fehlenden oberen Schneidezahn, ordentlich zur Seite gekämmtem Haar, einem Blick, der Beifall erwartet.

Manchmal kann man auf den Fotos von Vermissten schon Vorzeichen erkennen. Keine ermutigenden Vorzeichen. Es kann etwas in ihrem Blick sein, an der Art, wie sie nicht direkt in die Kamera schauen, sondern weiter weg, an ihr vorbei. Oder es ist etwas in ihrem Lächeln: eine verlegene Flüchtigkeit, ein Mangel an Bereitschaft, auf dem Leben zu bestehen. Aber nicht auf dem Foto von Denis Bukinow. Er sieht ganz lebendig aus, mit klaren Plänen für die Zukunft.

 

Nili denkt, dass man ihn noch finden wird. Nati nicht. Sie streiten sich beim Abendessen darüber: eine kurze Diskussion, verwirrt durch die Hitze. Fast ohne Schwung. Die alten Vorwürfe – seine arrogante Nüchternheit, ihr grundloser Optimismus. Einfach elend. Über einen Jungen, den sie nicht einmal kennen. Danach, ausgestreckt auf dem Sofa, starren sie in den Fernseher, ohne etwas zu sagen. Sie erinnern sich nicht an eine solche Hitze, ganz bestimmt nicht in Jerusalem, eine Dauerhitze, die nicht zwischen Tag und Nacht unterscheidet. Sie erinnern sich nicht an eine ähnliche Geschichte: Ein sechsjähriger Junge verlässt die Schule mit offenen Schnürsenkeln und kommt nicht zu Hause an (der Hausmeister hatte ihn wegen der Schnürsenkel ermahnt, stand in den Zeitungen). Nili kommt es eigentlich vor, als habe sie im Lauf der Jahre von anderen solchen Kindern gehört, es hat noch andere Fälle gegeben. Aber sie erinnert sich nicht genau.

Und dann, mitten in das alles, platzt das Klingeln des Telefons. Ein Anruf aus Paris, zu später Stunde. Von Jesaja Duclos.

Ein kurzer Wortwechsel. Duclos sagt: »Nati Schoenfeler? Hier Duclos.« Mit seiner prahlerischen Stimme, die dröhnend aus dem Hörer schallt. Hier Duclos. Als würden sie immer wieder mal spätabends miteinander telefonieren.

Nati braucht länger als den Bruchteil einer Sekunde, um zu verstehen. Um sich zu erinnern. Zu erschrecken. Er sagt: »Duclos? Was für eine Überraschung!«

Und dann, ohne jedes Zögern, verkündet Duclos: Er komme morgen für ein paar Tage nach Israel, geschäftlich, er wolle sich mit ihnen treffen.

 

Alles Mögliche passiert in diesem Sommer. Es ist der Sommer der nicht so fernen Katastrophen, einer Kette seltsamer Unfälle. Zwei Wochen zuvor, auf der Straße links hinter dem Lebensmittelgeschäft, ist der vierte Stock eines Wohnhauses eingestürzt. Es war eine Party: Die Leute tanzen, der Fußboden erzittert, und dann öffnet der Fußboden sein Maul und bläst einen Staubpilz in den Himmel.

Das Sterben hat eine tiefe, heisere Stimme, wenn es in einem verborgenen Zimmer stattfindet, aber öffentlich wird es zu einem Schrei. Und nach dem Schrei gibt es einen Moment außerhalb der Zeit, einen kurzen Moment der Stille.

Später sieht man im Fernsehen Bilder: ein Regen aus Kalk und Putz und flackernden Glühbirnen. Beine von Menschen, von Tischen, Tischdecken voller Blutflecken.

Fast jeden Tag sterben Menschen auf den Straßen. Sprengstoff wird in Rohre geblasen, Bomben werden gebastelt. Das Dach eines Cafés hebt sich in die Luft, salutiert dem Himmel, ein Autobus bricht auseinander, ein Auto wird beschossen. Und dieser Junge, Denis Bukinow, läuft immer weiter mit offenen Schnür-senkeln herum, die ganze Woche lang, läuft und kommt nicht zu Hause an. Und die Hitze.

Und dann – das Telefon.

Eine Falte erscheint auf Nilis Stirn. Was soll das? Duclos? Plötzlich soll man sich treffen? Ein Anruf, nach neun Jahren? Ohne dass er sagt, worum es geht? Wozu?

Nati entschuldigt sich. Nein, er entschuldigt sich nicht direkt. Ist es etwa seine Schuld? Es ist doch nur Zufall, dass er das Gespräch angenommen hat. Und wenn es Nili gewesen wäre, was hätte sie gesagt? Nein danke, kein Interesse? Das heißt, Danke, aber ersparen Sie uns das Vergnügen? Nun denn, sie werden sich übermorgen um acht Uhr zum Abendessen treffen, im Restaurant des King David, dort wird er wohnen.

»Vielleicht«, fragt Nili, »erwartet er, dass wir ihn zu uns nach Hause einladen?«

Nati zuckt mit den Schultern. »Ich verstehe nichts von diesen Dingen«, sagt er.

Er steckt sich eine Zigarette an, die zweite, seit er den Hörer aufgelegt hat, und lehnt sich zurück. In den letzten Jahren gab es Zeiten, in denen er sich Zigaretten zugeteilt, und andere, in denen er es nicht getan hat. Jetzt – er weiß es noch nicht – fängt wieder eine Zeit des Nichtzuteilens an. Er raucht und wartet darauf, dass Nili etwas sagt. Wenn sie fortfährt, ihm Dinge anzuhängen, so kann er das auch. Seine Sinne sind geschärft.

Er gebe zu, sagt er, wenn Duclos jetzt anriefe, würde er sich ganz anders verhalten. Aber auch so habe er seine Sache nicht schlecht gemacht, Nili könne sagen, was sie wolle.

 

Im Alter von vierundvierzig, sechs Jahre älter als Nili, hat Nataniel Schoenfeler ein paar feste Vorrechte, zum Beispiel kann er entscheiden, welche Mängel und welche Vorzüge er hat. Und er besitzt das Recht, seine Lebenserfahrung ins Feld zu führen.

Seit einigen Jahren joggt er fast jeden Abend, alles hat sich gefestigt. Er regt sich schon nicht mehr darüber auf, dass sich sein Haar lichtet, und er hat sogar gelernt, seine Ohren zu lieben, die ihm selbständiger und absonderlicher denn je aus dem Spiegel entgegenschauen.

Eigentlich gefällt ihm die Idee immer besser: Der Dicke will sich also mit ihnen treffen. Er denkt, das könnte ganz lustig werden. Warum nicht? Aber da ist die ganze Zeit auch das Gefühl, das sich kurz nach dem Telefonat eingestellt hat: als verberge sich etwas. Was will er von ihnen? Und Nili, die ihn so anschaut. Woran ist er schuld?

Besonders jetzt, da die Mädchen nicht da sind, um das Haus mit Lärm zu erfüllen.

 

Sie haben Duclos nur einmal getroffen. Dabei ist das Wort getroffen wirklich übertrieben. Vielleicht sollte man eher sagen, sie sind ihm und seiner Frau begegnet, anlässlich einer ärgerlichen Begebenheit, bei der sie die Verlierer waren. Es war am Ende ihres Urlaubs in Paris, vor neun Jahren, und dieser Duclos, das muss man zu seinen Gunsten sagen, half ihnen aus der Klemme, doch zugleich ließ er es sie spüren, dass sie Hilfe brauchten. Und seine Frau, mit ihren braunen Haaren und den braunen Schultern, mit dem angeberischen Namen – Pauline Marielle Duclos, ein Name wie aus einer Werbung –, stand daneben und betrachtete sie wie Schoßhündchen.

Man muss zugeben: Nachdem es passiert war, nachdem Nati und Nili schon wieder in Jerusalem waren, erzählten sie anderen mit außerordentlichem Vergnügen davon. Es war ihre Lieblingsgeschichte aus dem Parisurlaub, die Tausendundeine-Nacht-Erzählung, die Touristen am Zoll vorbeischmuggeln, ein Skalp am Gürtel. Und ab und zu haben sie, in stillschweigendem Einverständnis, die Version ausgeschmückt. Ein Detail da, ein anderes dort. Sie übertrieben Duclos’ lärmende Stimme, schoben ihm eine Zigarre in den Mundwinkel, verwandelten ihn in ein echtes Schwein mit polierten Schuhen und einer goldenen Uhr. Sie kreierten eine vollendete Geschichte.

Und dann das. Plötzlich ruft Duclos an, beruft sich auf eine Einladung, die vor neun Jahren ausgesprochen wurde, die überhaupt nur ein Lippenbekenntnis war. Plötzlich ein einziger Anruf – und ihre Erinnerungsmaschinerie bleibt mit einem verwirrenden Schlag stehen, dann hört man ein heiseres Rasseln der Zahnräder, bevor sie sich rückwärts zu drehen beginnt.

Nein, Duclos war kein Zigarre rauchendes Schwein mit polierten Schuhen. Er war ein Fuchs und lebte fern jeder Zeichentrickwelt. Und das war nicht nur eine lächerliche Unannehmlichkeit gewesen, dort in Paris, sondern eine echte Notlage. Alles andere als die amüsante Geschichte, zu der sie später, erst nach ihrem Ende, geworden war.

Aber ist sie überhaupt zu Ende?

 

Es ist schwer, vom Sofa aufzustehen. Vielleicht will Nili deshalb manchmal auf dem Sofa schlafen. Es ist ein bequemes Sofa, stabil, genau in der Mitte der Wohnung. Allein schlafen, von Zeit zu Zeit.

Sie steht auf. Erneut ein Gefühl von Dreidimensionalität und Wirklichkeit. Dann ist alles wieder in Ordnung.

 

Aber in der Nacht wird das Fehlen der Mädchen spürbar.

Fünf Zimmer, vier davon leer. Der Dachboden darüber schwarz. Im Schlafzimmer der Eltern vögeln Nati und Nili, und das Haus bewegt sich zu einer Seite, wie ein Schiff.

 

Um halb acht steht Nati auf. Am Morgen muss er immer husten und läuft gebückt zum Badezimmer. Nili kommt es vor, als könne er diese Hustenanfälle stoppen, wenn er nur wollte. Sie ist überzeugt, dass dies seine Methode ist, sein Selbstmitleid zum Ausdruck zu bringen. Sie haben es schon einmal geschafft, mit den Zigaretten aufzuhören, alle beide, als Nili schwanger war, aber nach dem, was an Pessach in einer Mondnacht mit Asia passiert ist, hat Nati wieder angefangen zu rauchen. Die langen Neonröhrennächte im Krankenhaus füllten sich mit Kaffeetassen, die als provisorische Aschenbecher dienten. Laute Atemgeräusche drangen aus dem Resonanzkasten des Monitors, einatmen, ausatmen, wie der Rhythmus des Universums, wie die Umrundungen von Sonne und Mond, das Herzklopfen der Sterne, Ebbe und Flut, einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen.

Aber das ist vorbei, jetzt ist alles wieder in Ordnung. Asia geht es gut. Nur Natis Zigaretten sind geblieben und zeugen von der Katastrophe, von der quälenden Nähe zum Unglück.

Nati öffnet Schränke, schließt Schränke. Wasser läuft durch die Kloschüssel. Der Morgen sprudelt auf hinter der Wand am Kopfende des Bettes. Nili dreht sich um, wühlt sich in die Kissen. Sie hat die ganze Nacht im Halbschlaf verbracht, jetzt ist sie kaputt. In den drei Tagen, seit Asia mit ihrer Tante nach Eilat gefahren ist, hat sie das Gefühl, auf Wasser zu liegen. Auf dem Rücken, die Ohren versinken im Wasser, das Universum weicht zurück, und dann heben sich die Ohren über die Wasseroberfläche und das Universum kehrt mit seinen unermüdlichen Echoklängen zurück.

Das heißt nicht, dass sie nicht entspannt ist. Sie ist entspannt. Der Abschied von Asia war leicht, es gab keinen Grund zur Sorge. Noch ein Kuss, noch eine Umarmung. Kein Weinen, als Asia neben den Taschen auf dem Rücksitz von Umas Fiat Platz nahm – nur ein übertriebenes Winken des Mädchens im Rückfenster; eine kleine englische Königin mit hochgezogenen Augenbrauen und einem Lächeln, das sich in den Winkeln der zusammengepressten Lippen sammelte. Und ausgerechnet das, die Tatsache, dass das Mädchen die Sache für ein großes Vergnügen hielt, beunruhigt Nili. Denn natürlich verstand Asia nicht, was es bedeutet, eine Woche lang nicht zu Hause zu sein, ohne die Mutter. Was versteht eine Fünfeinhalbjährige schon von Entfernung und Zeit?

Nili hat seit ihrer Abreise schon einige Male mit ihnen telefoniert, sie weiß, dass die beiden ihren Spaß haben. Uma hat für beide breitkrempige Hüte gekauft, rot mit schwarzen Punkten. Sie genießen den Strand von Eilat wie Marienkäfer und lutschen Eis am Stiel. Sie saugen Sonne aus der Luft. Und jedes Mal, wenn Nili mit Uma sprach, war Asias Stimme im Hintergrund zu hören, und am Schluss nahm sie ihrer Tante das Telefon aus der Hand: »Mama! Ich bin’s!« Und alle Fragen, die gestellt wurden, beantwortete sie mit der Stimme eines Mädchens, das tief im Schoß seiner Ferien versunken ist, als wäre das Glück umsonst.

Nili ist also ruhig. Mehr oder weniger. Weniger, denn gestern Abend hat sie die beiden nicht erreichen können, obwohl sie es immer wieder versucht hat. Vor allem ist sie müde. Seit Asia weggefahren ist, kann sie kaum schlafen. Die nächtlichen Geräusche verwirren sie. Geräusche, genau auf der Frequenz des Weinens ihrer Tochter. Die Luft, die in den Rohren des Hauses gurgelt, die Seufzer der hölzernen Fensterrahmen, das Stöhnen des Kühlschranks. Schon die dritte Nacht, dass ihre Ohren sich auf die leeren Kanäle konzentrieren.

Als Nati das Wasser in der Dusche laufen lässt, steht sie auf. Seit Asias Geburt sind ihre Morgen kurz und effizient. Unter die Dusche geht sie abends, sie sucht auch abends die Sachen heraus, die sie am nächsten Tag anziehen wird – morgens ist sie farbenblind. Sie zieht sich an, fährt sich mit zehn Fingern durch die Haare, legt Ohrringe an. An normalen Tagen pudert sie sich nur schnell, aber heute benutzt sie auch Mascara. Sogar Parfüm benutzt sie heute, obwohl Nati sie ohne Parfüm lieber mag. Mascara. Parfüm. Ein anerkennender Blick in den Spiegel. Die Brille gerade rücken.

Sie fängt schon an, sich festlich zu fühlen. Repräsentativ. Eine Vertreterin ihrer Familie, der Schoenfelers, die eine halb öffentliche Affäre mit einem französischen Millionär hat, einem Mann, der sie morgen zum Abendessen treffen möchte. Der Teufel weiß warum.

Das heißt, wer ist er überhaupt?

Niemand, nichts.

Aber sie ist sich schon nicht mehr sicher.

An diesem Morgen zieht sie auch die Tagesdecke über das Bett, tritt zurück, wendet den Kopf. In Ordnung. Sie geht durch den Flur, betritt das Wohnzimmer, versucht es so zu sehen, wie es ein Gast sehen würde. Sie schließt die Augen und macht sie dann weit auf – ein schönes Wohnzimmer, denkt sie, geschmackvoll eingerichtet. Wenn Duclos nach dem Abendessen noch auf ein Glas zu ihnen kommt, brauchen sie sich nicht zu schämen.

Sie geht schnell an den Zimmern der Mädchen vorbei, ohne hineinzuschauen und ohne sich zum Eintreten verführen zu lassen. Seit Asia abgefahren ist, macht sie das Bett nicht. Sie räumt keine Kleidungsstücke in den Schrank und streicht den Teppich nicht glatt. Eine geheime Kraft wohnt diesen Dingen inne, jede ordnende Tätigkeit könnte zu einer größeren Aktion in der Welt führen. Und wenn in der Welt alles in Ordnung ist, ist es am besten, nicht daran zu rühren. Didas Zimmer hat sie schon lange nicht mehr betreten. Kleidungsstücke, Papiere und Stoffe, aber auch Insekten in Gläsern, Schrauben, Elektroschrott, ein Minenfeld.

Was für ein Verhau, Dida.

Und natürlich ihre Bücher, die überall verstreut herumliegen. Keine Bücher, Bände von Enzyklopädien. Das ist etwas anderes. Die Fiktion hat in Didas Augen ihre Kraft verloren, ihre Leidenschaft für Fakten ist gewachsen. Didas wahre Liebe gilt Ordnungssystemen, Klassifizierungen, kartographierten Welten.

Am Samstagabend, zwei Tage bevor Dida nach Amsterdam flog, hat Nili ihr ein Glas Tee ans Bett gebracht. Ihr Gesicht war rot vom Fieber – plötzlich neununddreißig Grad. Ihre Augen glänzten. Etwas Heiseres lag in ihrer Stimme, ein raues Vibrato, wie ein Bonbonpapier, das unter dem Absatz hängen geblieben ist und bei jedem Schritt raschelt. Erstaunlich, wie der Chamsin über dieses Mädchen herfallen kann, genau wie Kälte, sie reagiert auf alles. Aber als sie eine Viertelstunde später erneut das Zimmer betrat, stand das volle Glas noch immer auf der Kommode und Dida betrachtete das bernsteinfarbene Getränk, als handle es sich um eine Probe des Ozeans.

»Warum trinkst du nicht?«

»Das Licht bricht sich.«

»Was?«

»Das Licht fällt durch die verschiedenen Dichten«, sagte sie. »Hier.« Sie schob das Teeglas ein Stück weiter, damit Nili es ebenfalls sehen könnte. »Das Löffelchen ist im Glas zerbrochen.«

»Es ist zerbrochen?«

»Von der Seite sieht das Löffelchen aus, als wäre es zerbrochen. Wenn das Licht zwischen verschiedene Materialdichten fällt, weicht es von seiner Bahn ab. Das führt dazu, dass das Löffelchen wie zerbrochen aussieht.«

»Okay«, sagte Nili.

Dida bewegte sich in einer Welt der Teilchen, der brechenden Strahlen, der wirbelnden Wellen.

»Es ist wie mit den Sternen«, fuhr Dida fort. »Wenn du auf der Erde stehst und versuchst einen Pfeil auf einen Stern zu richten, wirst du ihn bestimmt verfehlen. Denn wenn ein Lichtstrahl durch die Atmosphäre dringt, weicht er von seiner Bahn ab. Es kommt dir nur so vor, als wäre der Stern dort. Aber in Wirklichkeit ist er links davon. Oder rechts.«

»Okay«, sagte Nili noch einmal. »Jetzt trink ein bisschen.« Damit verließ sie das Zimmer. Eine halbe Stunde später ging sie wieder hinein – Dida war eingeschlafen –, sie nahm das volle Glas und goss den Inhalt ins Waschbecken.

Es kommt dir nur so vor, als wäre das Mädchen dort. Schon seit Jahren ist ihr Blick auf einen leeren Punkt in der Luft gerichtet.

Hila Blum

Über Hila Blum

Biografie

Hila Blum, 1969 in Jerusalem geboren, lebte auf Hawaii, in Paris und New York. Sie war als Journalistin tätig und arbeitet seit vielen Jahren als Lektorin. »Der Besuch« ist ihr erster Roman. Hila Blum lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Jerusalem.

Pressestimmen

buch aktuell - Taschenbuch Magazin

»Ein großer Liebes- und Familienroman, dessen Intensität zu Herzen geht. Aus dem Hebräischen übersetzt von Mirjam Pressler.«

Rheinische Post

»Mit behutsamen Worten erzählt die Israelin Hila Blum von der Liebe, einer Hochzeitsreise, einem jungen Paar, einer Familiengründung und all den Abgründen, die sich selbst im sensibelsten Miteinander auftun. Ihr Ton ist sanft, doch Blum erzählt mit größter, psychologischer Tiefenschärfe – bis es schmerzt. Dieses Debüt ist eine Entdeckung.«

NDR "Kulturspiegel"

»Ein erstaunliches Debüt! […]. Hila Blum schreibt genauso, wie Menschen in außergewöhnlichen Situationen leben, denken, fühlen.«

rbb Inforadio "Quergelesen"

»Ein sensibles Porträt von einer Patchworkfamilie vor dem Hintergrund der geteilten Stadt Jerusalem.«

ZEIT Magazin

»Roman über eine lang vergessene Nacht in Paris«

emotion

»Die intensive Sezierung einer Beziehung: klug, einfühlsam, poetisch - und nahe am Abgrund.«

Missy Magazine

»In unchronologischen Vignetten widmet sich Autorin Hila Blum einer Patchwork-Familiengeschichte. Dabei kehrt sie immer wieder zu anfänglich skizzierten Ereignissen zurück, geht ins Detail, ohne je an Tempo und Zusammenhalt zu verlieren. Ein filmreifer Debütroman.«

Stuttgarter Nachrichten

»Sehr subtil untersucht die Autorin die Ringe der Vergangenheit, die sich in all den Jahren um diese Familie gelegt haben. Bildstark sind Blums Szenen.«

Hamburger Morgenpost

»Hila Blum legt mit "Der Besuch" einen großartigen Debütroman vor, der vor Poesie und kluger Beobachtungsgabe strotzt, in leisen aber wortgewaltigen Tönen. [...]. Ein feinsinniger, kluger, sprachgewaltiger Roman. Einfach großartig!«

Mannheimer Morgen

»"Der Besuch" ist das fulminante Roman-Debüt der 1969 in Jerusalem geborenen Hila Blum. Die Autorin zeichnet ein sensibles Porträt eines modernen Paares und legt die Risse in der Fassade einer vermeintlich glücklichen Familie frei.«

Myself

»Sehr gefühlvoll und sprachlich brillant erzählt die israelische Autorin die Geschichte einer Familie, die so heil gar nicht ist.«

Der Freitag

»Das Sprechen über die Familie und ihre Anlagerungen, das soziale Moos aus gescheiterten und gar nicht erst zustande gekommenen Ehen, aus Verwandten und Rivalen und Anschlägen, wäre uferlos, säße es nicht fest in einer Kathedrale, so wie Diamanten über ihren Ringen in Kathedralen eingespannt sein können. Eine Form der Fixierung auf der Basis von Kunst & Handwerk - Hila Blum beherrscht sie. [...]. Das macht den "Besuch" großartig: Nicht gnädig, sondern grausam ist Nilis Perspektive, wenn der Verlobte am Superformat seiner Balz scheitert. Das schildert der Roman ohne fromme Floskeln.«

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