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Der beste Roman des JahresDer beste Roman des Jahres

Der beste Roman des Jahres

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Der beste Roman des Jahres — Inhalt

»Dieser Roman ist glänzend geschrieben, sehr komisch und höchst unterhaltsam.« FAZ

Wie immer steigt in den letzten Wochen vor der Verleihung des begehrten Elysia Preises die Spannung ins Unermessliche. Während die überforderten Jurymitglieder feilschen, streiten und intrigieren, bringen sich die verzweifelt auf Ruhm hoffenden Autoren in Stellung und verlieren sich in erotischen Eskapaden und schierer Selbstüberschätzung. Bis eine missliche Fügung des Schicksals für eine außerordentlich originelle Entscheidung sorgt ...

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 01.02.2016
Übersetzer: Nikolaus Hansen
256 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30774-1
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 01.09.2014
Übersetzer: Nikolaus Hansen
256 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96859-1
»›Der beste Roman des Jahres‹ ist ein hinreißend kluges kleines Buch geworden.«
Stern
»Dieser Roman stammt von einem der scharfsinnigsten, wortgewandtesten englischen Schriftsteller, er ist glänzend geschrieben, sehr komisch und höchst unterhaltsam.«
FAZ

Leseprobe zu »Der beste Roman des Jahres«

1

Als Sir David Hampshire, ein wahres Relikt aus dem Kalten Krieg, ihn darauf ansprach, ob er den Vorsitz der Jury für den Elysia Preis übernehmen wolle, hatte Malcolm Craig um vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit gebeten. Er empfand eine tief sitzende Abneigung gegen Hampshire, in seinen Augen der Inbegriff eines Internats-Snobs, der noch Staatssekretär im Auswärtigen Amt gewesen war, als Malcolm zum ersten Mal als Abgeordneter ins Parlament einzog. Nach seiner Pensionierung übernahm Hampshire den üblichen Strauß an Aufsichtsratsmandaten, wie sie Leuten [...]

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1

Als Sir David Hampshire, ein wahres Relikt aus dem Kalten Krieg, ihn darauf ansprach, ob er den Vorsitz der Jury für den Elysia Preis übernehmen wolle, hatte Malcolm Craig um vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit gebeten. Er empfand eine tief sitzende Abneigung gegen Hampshire, in seinen Augen der Inbegriff eines Internats-Snobs, der noch Staatssekretär im Auswärtigen Amt gewesen war, als Malcolm zum ersten Mal als Abgeordneter ins Parlament einzog. Nach seiner Pensionierung übernahm Hampshire den üblichen Strauß an Aufsichtsratsmandaten, wie sie Leuten wie ihm angeboten wurden, darunter ein Posten im Vorstand der Elysia Group, wo ihm aus unerfindlichen Gründen die Aufgabe zugefallen war, die Jury des von der Gruppe ausgelobten Literaturpreises zu besetzen. Zur Rechtfertigung wurden seine große Erfahrung und exzellente Vernetzung angeführt, doch in Wahrheit liebte David nur jede Art von Macht; die Macht des Einflusses, die Macht des Geldes und die Macht des Mäzenatentums.

Malcolms Bedenken beschränkten sich nicht auf Hampshire. Elysia war ein höchst innovatives, aber umstrittenes Unternehmen der Agrarwirtschaft. Zu seinen Produkten zählten einige der radikalsten Herbizide und Pestizide weltweit, man war führend in der Entwicklung von genetisch verändertem Saatgut, wobei Weizen, um ihn frostresistent zu machen, mit arktischem Kabeljau gekreuzt wurde, oder Zitronen mit tropischen Riesenameisen, um die Schale zu verstärken. Die mit den Genen der Giraffe gekreuzten Karotten der Firma waren eine erhebliche Erleichterung für die viel beschäftigte Hausfrau, da sie für das Sonntagsessen nur noch eine einzige statt eines ganzen Bündels oder Beutels Karotten schälen musste.

Dessen ungeachtet hatten Umweltaktivisten die Produkte von Elysia scharf kritisiert und behauptet, sie verursachten Krebs, unterbrächen die Nahrungskette, vernichteten Bienenvölker oder verwandelten Rinder in Rindfleisch fressende Kannibalen. Als sich die Schlinge der britischen, europäischen und amerikanischen Rechtsprechung enger zog, musste sich das Unternehmen der Herausforderung stellen und neue Märkte in den weniger hysterisch regulierten Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas erschließen. Was schließlich der Moment war, in dem das Auswärtige Amt in Abstimmung mit dem Wirtschaftsministerium auf den Plan trat und Elysia seine Fachkenntnisse sowohl in Fragen des Exports als auch auf dem Feld der Diplomatie anbot. Letzteres war besonders gefragt, angesichts der bedauerlichen Selbstmorde einiger indischer Bauern, die Missernten eingefahren hatten, nachdem man ihnen den Kabeljau-Weizen verkauft hatte, der ursprünglich entwickelt worden war, um der eisigen Unbill in Kanada und Norwegen zu trotzen, nicht aber der Gluthitze in der indischen Tiefebene. Und obgleich das Unternehmen jegliche Verantwortung von sich wies, löste die ungewöhnlich großzügige Lieferung von Salamander-Weizen eine derartige Dankbarkeit aus, dass Elysia ein Foto der glücklich winkenden Dorfbewohner in einer seiner Werbekampagnen einsetzen konnte, die kunterbunten Kleider vom Wind, der durch die Rotorblätter eines abhebenden Helikopters erzeugt wurde, gegen die eleganten schmalen Körper gepresst.

Die Kriegstauglichkeit von Elysias agrarwirtschaftlichen Beratern war Malcolm zum ersten Mal bewusst aufgefallen, als er in den Regierungsausschuss berufen wurde, der für die »Check-out-Liste« zuständig war. Check-out kam aus der Luft zum Einsatz und ließ unverzüglich jegliche Bodenvegetation in Flammen aufgehen, was gegnerische Soldaten zur Flucht ins offene Feld zwang, wo sie dann mit konventionelleren Methoden vernichtet werden konnten. Die Debatten über die Check-out-Liste fanden natürlich hinter verschlossenen Türen statt, sodass in der Öffentlichkeit der Name Elysia weiterhin fast ausschließlich mit dem durch das Unternehmen verliehenen Literaturpreis in Verbindung gebracht wurde.

Am Ende war es die Langeweile des Hinterbänklers, die Malcolm veranlasste, den Vorsitz der Jury zu übernehmen. Ein unauffälliger Abgeordneter der Opposition musste sich gelegentlich etwas einfallen lassen, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zu ziehen. Wer konnte vorab schon sagen, was sein neues Betätigungsfeld an Möglichkeiten mit sich bringen würde? Ein Auftritt als Unterstaatssekretär für Schottland unter der bleichen kaledonischen Sonne war sowohl der Höhepunkt seiner bisherigen Karriere als auch, so hoffte er zumindest, sein persönlicher Tiefpunkt gewesen. Er hatte sein Amt verloren, weil er eine draufgängerische Rede über die schottische Unabhängigkeit gehalten hatte, die der offiziellen Position seiner Partei diametral zuwiderlief und ihn zum Rücktritt zwang. Er hoffte, eines Tages auf seinen alten Posten zurückkehren zu können, doch für den Augenblick war es ratsam, sich aus den Staatsangelegenheiten herauszuhalten und sich vergleichsweise nebensächlichen Dingen zu widmen – was zumeist bei einem ausgedehnten Mittagessen und einer guten Flasche Rotwein geschah. Als er Hampshire anrief, um ihm die frohe Botschaft zu überbringen, konnte er der Versuchung nicht widerstehen und fragte, warum der Preis auf den imperialen Aschehaufen des Commonwealth beschränkt sei.

»So steht es in den Statuten der Stiftung«, sagte Hampshire trocken. »Und auf die logische Frage, warum ein geistloses und unzusammenhängendes Gebilde wie der Commonwealth weiter zu bestehen vermag, antworte ich Folgendes: Die Königin hat ihre Freude daran, und das ist Grund genug, an der Sache festzuhalten.«

»Nun, für mich genügt das als Auskunft allemal«, sagte Malcolm und wartete taktvoll, bis er den Hörer aufgelegt hatte. »Du seniler Wichser«, fügte er dann hinzu.

Ganz generell bedauerte er seine Entscheidung nicht. Seine Sekretärin hatte wieder mehr zu tun, da sie sämtliche Zeitungsausschnitte und Radiointerviews zu archivieren begann, die im Zusammenhang mit dem Preis standen. Malcolm bemerkte, dass er auf Dinnerpartys deutlich angeregtere Gespräche führte. Das einzig Ärgerliche an dem ganzen Prozess war Hampshires Weigerung, ihn hinsichtlich der anderen Jury-Mitglieder zu konsultieren.

Jo Cross, die Erste, die berufen wurde, war eine bekannte Kolumnistin und Medienpersönlichkeit, und sie bedeutete insofern eine gute Wahl, als dass sie das öffentliche Ansehen des Preises hob. Sie erwies sich als sprudelnder Quell mit Inbrunst vorgetragener Meinungen, wobei sich in einem ihrer ersten Gespräche allerdings herausstellte, dass ihre größte Leidenschaft die »Relevanz« war.

»Die Frage, die ich mir stellen werde, wenn ich ein Buch lese«, erklärte sie, »ist einzig die: Wie relevant ist der Text für meine Leser?«

»Für Ihre Leser?«, sagte Malcolm.

»Ja, für meine Leser. Für die Menschen, die ich verstehe und denen ich mich bis zum Äußersten treu verbunden fühle. Meine Leser sind das, was mich ausmacht.«

»Wie gut, dass Sie das für mich noch einmal in leicht verständlichen Worten zusammengefasst haben«, sagte Malcolm, ohne dass die arrogante Ziege auch nur den leisesten Hauch von Ironie zu spüren schien.

Die Berufung einer Oxbridge-Akadamikerin – namentlich Vanessa Shaw, die zweite Jury-Nominierung – war vermutlich unvermeidlich. Es konnte nicht schaden, dass eine Expertin für Literaturgeschichte mit von der Partie war und man so das Vertrauen der Öffentlichkeit gewann. Als Malcolm sie in der Bar des House of Commons zum Tee einlud, wiederholte sie unverdrossen, sie sei interessiert an »gut Geschriebenem«.

»Ich gehe davon aus, dass wir alle an gut Geschriebenem interessiert sind«, sagte Malcolm, »Aber haben Sie irgendwelche besonderen literarischen Interessen?«

»Besonders gut Geschriebenes«, sagte Vanessa starrköpfig.

Das Jury-Mitglied, über das sich Malcolm am meisten ärgerte, war Penny Feathers, eine von Hampshires alten Freundinnen aus dem Auswärtigen Amt. Sie war weder prominent noch empfahl eine bemerkenswerte öffentliche Karriere sie für ihre Nominierung, und nach einiger Recherche im Internet war auch die Haltlosigkeit der Behauptung Hampshires entlarvt, sie selbst sei eine »erstklassige« Autorin. Wann immer Malcolm sie ansah, fragte er sich, was in Gottes Namen sie in seiner Jury machte? Er musste sich in diesen Momenten stets daran erinnern, dass sie lediglich eine von fünf Stimmen hatte und dass seine Aufgabe darin bestand, dafür zu sorgen, dass sie diese Stimme in seinem Sinne abgab.

Der letzte Nominierte war ein Schauspieler, von dem Malcolm noch nie gehört hatte. Tobias Benedict war ein Patensohn Hampshires und »seit frühester Kindheit ein begeisterter Leser«. Er verpasste, weil er Proben hatte, die ersten beiden Sitzungen, schickte aber per handgeschriebener Karte eine überschwängliche Entschuldigung, in der es hieß, dass er, »wenn auch nicht körperlich, so doch im Geiste« bei ihnen sei, dass er lese »wie ein Wahnsinniger« und dass er »total verliebt« sei in Die ganze Welt ist eine Bühne, einen Roman, mit dessen Lektüre Malcolm noch nicht begonnen hatte. Sowieso hatte er die Absicht, lediglich einen kleinen Teil der zweihundert Romane zu lesen, die der Jury ursprünglich eingereicht worden waren. Seine Rolle war es, zu inspirieren, zu leiten, zu sortieren und vor allem zu delegieren. In diesem Fall bat er Penny Feathers, einmal einen Blick in Tobias’ Lieblingsbuch zu werfen, denn es schien ihm richtig, dass die eine Niete von der anderen beurteilt würde.

Er hatte seine Sekretärin gebeten, die frühen Einreichungen nach Kandidaten durchzusehen, die für sein höchst eigenes Interesse infrage kamen – worunter alles fiel, was irgendwie mit Schottland zu tun hatte. Sie hatte ihm drei Romane herausgefischt, von denen er erst einen genauer anzuschauen die Zeit gefunden hatte. Ein greller, aber moralisch motivierender Bericht über das Leben in einer Sozialbausiedlung in Glasgow, Was guckstu!, der außerordentlich glaubwürdig die Sorgen der einfachen Leute und die düstere Kehrseite des Wohlfahrtsstaates thematisierte. Er nahm sich vor, dem Buch seine Unterstützung zukommen zu lassen und eine diskrete Kampagne zu seinen Gunsten zu lancieren. Auch war er, aus rein persönlichen Gründen, erfreut darüber, dass seine Sekretärin Die glitschige Stange, einen Roman von Alistair Mackintosh, ausgegraben hatte, doch musste er sich vorsehen und durfte ihn nicht allzu offenkundig gutheißen.

Was die Leitung der Jury anging, bevorzugte Malcolm einen kollegialen Stil: Es gab keinen besseren Weg, um seinen Willen durchzusetzen, als stets unter Beweis zu stellen, dass man ein Team-Player war. Es kam darauf an, einen Konsens herzustellen und die Vision eines England zu beschreiben, das sie alle mithilfe dieses Preises fördern wollten: facettenreich, multikulturell, dezentral und natürlich perspektivreich für junge Schriftsteller. Schließlich waren junge Schriftsteller die Zukunft, zumindest würden sie die Zukunft sein – wenn es sie dann noch gäbe und sie publiziert würden. Mit der Zukunft lag man immer richtig. Selbst wenn sie von Pessimismus durchdrungen war, ging dieser Pessimismus vollkommen in Ordnung, bis er irgendwann von unerwartet guten Nachrichten abgelöst oder gar vergiftet wurde von jener heimtückischen und gefährlichen Stimmungslage, die wir Enttäuschung nennen. Auch das Vielversprechende an den jungen Schriftstellern ging vollkommen in Ordnung, zumindest so lange, bis die Herrschaften irgendwann ausgebrannt waren, Mist bauten oder starben. Aber das würde unter einer anderen Regierung geschehen und von einer anderen Jury beurteilt werden.

 

 

2

Sam Black hatte an diesem Tag nichts geschrieben. Er war in Gedanken zu sehr mit den psychologischen Arbeitsverträgen beschäftigt, unter denen ihm das Schreiben bislang vergönnt gewesen war. Worin bestanden diese Verträge? Und würden sie sich neu verhandeln lassen?

Einer der Arbeitsverträge war faustisch, zwar in einer weltlichen und verinnerlichten Version, aber nichtsdestoweniger faustisch. Heimgesucht von der Zwangsvorstellung, den Verstand zu verlieren und schließlich Selbstmord begehen zu müssen, war der moderne Faust quasi zum Schreiben verurteilt, um sein Leben zu retten. Seine Verdammnis war die eigene Depressionshölle, und begleitet wurde er von einem Mephisto, der nicht mehr universelles Wissen und grenzenlose weltliche Macht versprach, sondern ganz einfach ein Verfahren, das den Künstler mithilfe der Sublimation eines Tages von den zerstörerischen Kräften seiner rasenden Psyche befreien könnte.

Sam erkannte, dass sein Schreiben ein raffinierter Köder war, der seine Aufmerksamkeit fortzog vom Verfall seines eigenen Körpers und hinwandte zu jenem potenziell makellosen Gebilde, das sein Werk darstellte. Er nannte diese Ablenkung den »Hephaistos-Komplex«, als wäre der Begriff schon immer Teil des psychoanalytischen Vokabulars gewesen. Hephaistos war von seinem zornigen Vater Zeus aus dem Olymp geworfen worden, nachdem er in einem elterlichen Streit Partei für seine Mutter ergriffen hatte. Bei seinem Sturz wurde eines seiner Beine zerschmettert, sodass er von da an lahmte, doch die Menschen von Lemnos, der Insel, auf der er landete, nahmen ihn auf und lehrten ihn die Schmiedekunst. Er lebte unterhalb des Ätna und nutzte den Vulkan als Schmelzofen – er war fortan der hinkende Gott des Feuers, dem wunderbare Kunstwerke gelangen und dem Aphrodite, die Schönste aller Göttinnen, zum Weibe gegeben wurde. Als sie ihn betrog, nutzte er seine Kunst, um sich für seinen Schmerz zu rächen; er fing sie in einem reißfesten, aber unsichtbar feinen Netz, aus dem weder sie noch Aries, der Nebenbuhler, zu entkommen vermochten.

Natürlich gehörte auch Orpheus zur Gruppe der antiken Vollstrecker. Der Kerl, der sich den Weg aus der Hölle freigesungen hatte, dann aber jene Frau, die zu erretten er sich dorthinab begeben hatte, wieder sausen ließ, war der Weltexperte für quälenden Verlust, dem sich jeder artiste maudit verschreiben musste. Seine klebrige Melancholie wurde mit der Enthauptung bestraft, aber sein abgetrennter Schädel sang noch immer von Eurydike, als er schon flussabwärts trieb.

Zunächst hatte Sam sich von seinen psychologischen Arbeitsverträgen mittels einer akribischen Negativität befreien wollen. Wie ein Mann, der rückwärts einen Pfad entlangging und mit einem Besen seine Fußabdrücke verwischte, hatte sich bemüht, mittels Widersprüchlichkeit, Negation, unzuverlässiger Erzählweise und diversen anderen Methoden, die Spuren auszulöschen, die seine Worte hinterließen; er hatte sein Schreiben von jenem erbärmlichen Positivismus zu säubern versucht, der im Prinzip der Bejahung bestand. Er hoffte, seinen verklumpten Geist zu entrümpeln und eine große Leere und Klarheit schaffen zu können, indem er seine Sätze von jeglichen Formen des Glaubens befreite. Eine Erscheinung war die Vorbereitung eines Verschwindens – nicht dass nicht auch ein Verschwinden im Grunde eine Erscheinung war, aber das Verschwinden hatte den rückwirkenden Effekt, das zu verfestigen, was verschwunden war, und darin lag ganz offensichtlich ein Fehler. Nichts konnte ihn aufhalten oder in die Falle locken – ausgenommen eben sein eigener Glaube, dass Freiheit allein dadurch zu erlangen sei, dass man sich weigerte, sich aufhalten oder in die Falle locken zu lassen.

Als er für seine zweiflerischen Texte keinen Verleger fand, war er frustriert. Er wollte genug Erfolg haben, um aus eigener Erfahrung zu wissen, dass Erfolg eine verführerische Sackgasse war. Also verstaute Sam das Typoskript von Blüten in einer Schachtel auf dem Schlafzimmerschrank, unterwarf sich den düsteren Regeln von Faust, Orpheus und Hephaistos und schrieb sein erstes Buch, das tatsächlich veröffentlicht wurde, einen Bildungsroman von makelloser Seelenqual und mit eindeutig autobiografischen Zügen. Er wusste, dass sein Verleger hohe Erwartungen an Der gefrorene Wildbach knüpfte, und er teilte mit ihm die Hoffnung, dass der Roman es auf die Shortlist für den Elysia-Literaturpreis schaffen würde und er anschließend Blüten neu anbieten und sich am Ende von der Tyrannei jeder auf Schmerz gegründeten Kunst befreien könnte.

Diese schwerwiegenden Überlegungen waren nicht das Einzige, was Sam von der Arbeit ablenkte. Es war ihm darüber hinaus unmöglich, auch nur wenige Sekunden verstreichen zu lassen, ohne an Katherine Burns zu denken. Sie war berühmt dafür, dass man sich im Handumdrehen in sie verliebte. Er wartete seit Februar auf ihre Rückkehr aus Indien, und heute endlich hatte sie ihm aus Delhi geschrieben und angekündigt, dass sie sich zu Hause gleich Tag und Nacht hinsetzen müsse, um die Deadline für den Elysia zu schaffen. Gleichzeitig lud sie ihn ein, auf einen Drink zu ihr zu kommen, in der Woche nach Ostern.

Wenn sie doch nur nicht mit ihrem Lektor zusammenleben würde. Sam hasste es, wenn seine Leidenschaft von Eifersucht befleckt wurde. Er hatte nichts gegen Alan Oaks persönlich – er kannte ihn kaum, und ohnehin war Alan erbarmungslos freundlich –, es war eher eine geografische Abneigung: Wie konnte er es wagen, neben ihr im Bett zu liegen?

Es lag etwas irgendwie Französisches in der Art, wie sich Katherine mit Künstlern, Denkern und Schriftstellern umgab, sie hatte etwas von einer altmodischen Salonière, die – wenn schon nicht in einer Enfilade von in Gold und Weiß gestrichenen, durch Doppeltüren verbundenen Räumen in der Rue de Bac – in ihrem Bayswater-Apartment Hof hielt, mit Büchern auf den Fensterbänken und Büchern auf dem Boden. Affären schien sie ausschließlich mit Männern zu haben, die zwanzig Jahre älter waren als sie (auch wenn sie Frauen ihres Alters bevorzugte), und Sam befürchtete, dass er ohne Geschlechtsumwandlung ganz einfach zu jung für sie war. Sie verlangte standhafte Hingabe von ihren Liebhabern, und sie tat dies auf eine Weise, die ihn an eine bestimmte Wespenart erinnerte, die ihre Beute lähmte, ohne sie zu töten, und so ihrer Nachkommenschaft die Versorgung mit lebendigem Fleisch sicherte; wobei er wusste, dass er sich mit diesen dunklen Phantasien lediglich vor der Zurückweisung schützen wollte. In Wahrheit war sie ganz und gar wundervoll, und er vergötterte sie.

 

 

3

»Mir hat es seinerzeit an der Universität in Delhi sehr gut gefallen«, sagte Sonny über den Lärm der wirkungslosen Klimaanlage hinweg. »Wir haben die verrücktesten Klamotten angehabt, uns ständig gegenseitig verarscht und die großartigsten Ausflüge unternommen.«

Seine Augenlider, die in Erinnerung an jene trägen Tage herabgehangen hatten, schnellten auf einmal in die Höhe.

»Und dann«, sagte er und beugte sich mit gequältem Blick zu Katherine hinüber, »kamen die Ladys.«

»Die was?«, sagte Katherine.

»Die Ladys«, wiederholte Sonny. Er lehnte sich zurück und versuchte, mit einer wegwerfenden Handbewegung die schmerzvolle Erinnerung zu verscheuchen. »Ab da ging die Hektik los, die Jungs sind komplett durchgedreht – haben sich sogar die Zähne geputzt.«

Sonny schloss die Augen, um die Ladys auszublenden, die vorbeirasenden Jahre, die ihn mittlerweile von jenen Tagen trennten. Was ihn auf der Stelle tröstete, war das Wissen, dass er all die scheinbar verschwendete Zeit mit seinem Opus magnum, Der Maulbeerelefant, kompensiert hatte. Außerdem genoss er die deliziöse Ironie, die darin bestand, dass Katherine Burns, die als erstklassige Schriftstellerin galt, nicht den Hauch einer Ahnung hatte, dass vor ihr ein literarisches Genie saß, das ihr in jeder Hinsicht überlegen war.

Schweigen war das Gebot der Stunde. Wenn der Maulbeerelefant erst einmal auf der Elysia-Longlist auftauchte, würde er nach England fliegen. Mit den Interviews würde es losgehen, wenn er auf der Shortlist stand, und wenn dann beim Elysia-Dinner sein unvermeidlicher Triumph verkündet würde, hielte er jene witzige und großherzige Dankesrede, die er schon ein Dutzend Mal in Gedanken entworfen hatte. »Ich möchte der Jury für ihre von Erleuchtung geprägte Entscheidung danken. Erleuchtung gehört zu den Dingen, von denen wir Inder einiges verstehen, aber heute Abend ist England an der Reihe …« Er stellte sich das juchzende Gelächter vor, das im Bankettsaal der erlauchten Fishmongers’ Hall erschallen würde. Seine Worte wären eine Ermutigung für die weniger Begabten, seine Gedanken zeugten von Demut in der Stunde der Erhabenheit.

Katherine beobachtete, wie Sonny vor sich hin murmelte. Er ruhte auf zahlreichen Seidenkissen in der Ecke eines mit überbordenden Schnitzereien verzierten Ruhebetts, hatte die Beine unter den Rumpf gezogen und hielt mit feingliedriger Hand eine seiner Fesseln umschlossen. Sie sah, wie sich die Augäpfel unter seinen Lidern bewegten, was sie sowohl an die Augen eines Träumenden erinnerte als auch an die stete Wachsamkeit eines Blinden. Ein paar gelbe Pantoffeln lagen lässig auf dem Teppich. Zwei Turban tragende Diener kamen herein und stellten Dutzende silberner Kannen auf den mit Gravuren verzierten silbernen Tisch in der Mitte des Zimmers. Der zinnenbewehrte Mahagoni-Thron, auf dem sie saß und der zu niedrig war, um es sich bequem zu machen, weckte in ihr das Verlangen, zu gehen.

Sie wünschte, sie hätte Didier nicht gebeten, Sonny anzurufen, bevor sie aus England abfuhr. Wie alle ihre Exlover, von dem einen oder anderen Spartacus abgesehen, der eine galante, aber vergebliche Revolte versucht hatte, die mittels einer freundlichen E-Mail oder einer zufälligen Begegnung niederzuschlagen ihr ein Leichtes gewesen war, blieb auch Didier ihr sklavisch ergeben. Wäre er doch nur ein bisschen weniger versessen darauf gewesen, den Kontakt zu seinem erhabenen indischen Bekannten aufzunehmen. Er hatte Sonny seit zehn Jahren nicht gesehen, und er warnte Katherine, dass sie einem »exotischen, aber total verrückten« Mann begegnen werde. Vor ihrer Abreise schien »total verrückt« ein angemessener Preis für »exotisch«, doch nach drei Wochen in Indien sah sie das radikal anders. Heute Abend flog sie Gott sei Dank zurück nach London, wo sie sich den für Anfang März typischen grauen Alltag erhoffte.

Sonny wandte den Kopf, wie magnetisch angezogen von der Erscheinung jener älteren Dame, die jetzt in einem kastanienbraun und gold gemusterten Sari in der Tür stand.

»Tantchen«, sagte Sonny und erhob sich von seinem Ruhebett. »Darf ich dir Katherine Burns vorstellen, eine Schriftstellerin aus London.«

»Oh, mit dem größtem Vergnügen«, sagte Tantchen, um dann, als sie bemerkte, dass Katherine sich nicht rührte, hinzuzufügen: »Bleiben Sie sitzen, meine Liebe, kein Mensch macht heutzutage noch einen Hofknicks; abgesehen vielleicht von ein paar alten Schabracken vom Lande«, und in ihrer Stimme schwang bei der Erwähnung dieser Spezies eine gehörige Portion Pseudohorror mit. »Das hier ist ja nur ein gemütliches kleines Mittagessen, nichts Besonderes, ganz informell.«

Sie setzte sich auf den Rand des Ruhebetts und spielte mit den Falten ihres Sari.

»Sie sind genau die Frau, die ich brauche«, hob sie an und war sich der Gefälligkeit bewusst, die sie Katherine in diesem Moment erwies. »Ich habe ein zauberhaftes Kochbuch geschrieben – voller Familienporträts und natürlich mit Rezepten, die unter den Köchen des Alten Palastes von Generation zu Generation weitergereicht wurden.« Sie ging eilig über diesen Punkt hinweg, als sei er kaum der Rede wert. »Sie sind im Verlagswesen, können Sie eine Kopie des Manuskripts mitnehmen und es für mich bei einem Londoner Verlag unterbringen? Wir waren früher mit den großen englischen Schriftstellern, Somerset Maugham und dem lieben alte Paddy Leigh Fermor bekannt, aber die scheinen inzwischen alle tot zu sein oder zumindest nicht mehr im Dienst. Sie sehen also, meine Liebe, ich bin ganz auf Sie angewiesen.«

»Natürlich«, sagte Katherine und versuchte ein Lächeln.

Edward St Aubyn

Über Edward St Aubyn

Biografie

Edward St Aubyn wurde 1960 in England geboren und wuchs dort und in Südfrankreich auf. Er ist Vater von zwei Kindern und lebt in Notting Hill, London. Er etablierte sich als einer der wichtigsten englischsprachigen Autoren der Gegenwart mit seinen Romanen um die Familie Melrose. Für »Muttermilch«,...

Pressestimmen

Stern

»›Der beste Roman des Jahres‹ ist ein hinreißend kluges kleines Buch geworden.«

FAZ

»Dieser Roman stammt von einem der scharfsinnigsten, wortgewandtesten englischen Schriftsteller, er ist glänzend geschrieben, sehr komisch und höchst unterhaltsam.«

Süddeutsche Zeitung

»Die Posse des Oscar Wilde-Verehrers über die Vergabe eines Literaturpreises, über eitle Autoren, dumme Juroren und den Zufallssieg des Außenseiters ist böse wie unterhaltsam.«

Heilbronner Stimme

»Eine hinreißende Komödie, Parodie, Satire und Studie über den Literaturbetrieb.«

Badische Zeitung

»›Lost for Words‹(so der Originaltitel) ist nicht der beste, aber vielleicht lustigste Roman des Jahres.«

Vilsbiburger Zeitung

»Sprachästhet St Aubyn ist sein bisher unterhaltsamstes Werk gelungen.«

guenterkeil.wordpress.com

»Eine furiose, bitterböse Satire – köstlich!«

Brigitte

»Mit gewohnt spitzer Feder spießt St Aubyn die Absurditäten des Literaturbetriebs auf.«

Tages-Anzeiger (CH)

»Edward St Aubyn gehört zu den feinsten Stilisten der englischen Literatur.«

Neue Zürcher Zeitung

»Edward St Aubyn selbst war einmal für den Booker Prize nominiert, ging aber leer aus. Dennoch fehlt der beleidigte Ton des Zukurzgekommenen hier erfreulicherweise. Dafür ist die Temperatur dieser Prosa zu kühl, die intelektuelle Messlatte zu hoch, der Witz zu schneidend.«

Weilheimer Tagblatt

»Höchst amüsante Lektüre, nicht nur für Buchliebhaber!«

BUNTE

»Grandiose Satire, die einen amüsanten Einblick in den Literaturbetrieb gibt.«

feinerbuchstoff.wordpress.com

»Eines kann St Aubyn wirklich: Schreiben. Und das in den unterschiedlichsten Genres... Ausgefeilt humorig, umwerfend detailreich und von Beginn an zum Schlapplachen für ironie- und satiregeneigte Leser.«

RBB, INFOradio

»Es macht unglaublichen Spaß, diesen besten Roman des Jahres zu lesen, der ja auch irgendwie mehrere Romane zugleich ist, inklusive Tatsachenbericht. Es ist - nicht nur literarisch - eine Wonne, Edward St Aubyn beim Sezieren des - nicht nur britischen - Literaturbetriebs zu folgen, beim Zerlegen der literarischen Macken, Mimosen und Neurosen dabei zu sein.«

ORF, ex libris

»›Der beste Roman des Jahres‹ ist eine gelungene Fingerübung in Sachen Parodie und Komödie, sein Witz ist geschliffen, seine Beobachtung scharf.«

Rolling Stone

»Die Kritiker wittern wieder einen autobiografischen Kern, sehen darin eine Abrechnung mit dem Booker-Prize, der ihm bisher vorenthalten wurde. Dabei ist ›Der beste Roman des Jahres‹ so viel mehr, eine Ästhetik etwa und eine Reflexion des Verhältnisses von Sprache und Wirklichkeit, Literatur und Leben, Körpern und Wörtern.«

InStyle

»St. Aubyn offenbart in seinem achten Roman nicht seine Familienhistorie, sondern seziert die literarische Welt. Böse!«

Die Rheinpfalz

»Edward St Aubyn beherrscht die ganze Klaviatur von Milieuschilderungen perfekt.«

Leipziger Volkszeitung

»Die Prosa des Autors ist ebenso scharf wie seine Figurenzeichnungen scharfsinnig sind.«

taz. die tageszeitung

»›Der beste Roman des Jahres‹ ist eine überdrehte Posse über Eitelkeit und Macht, Kunst und Geschäft, durchaus amüsant.«

Spiegel Online

»Der preisgekrönte Schriftsteller Edward St Aubyn hat ein Buch über die Vergabe eines Literaturpreises geschrieben: nicht die peinlich Abrechnung eines Enttäuschten – sondern ein sehr lustiges Buch.«

Ruhr Nachrichten

»Pointensicher erzählt der Autor von den persönlichen Interessen, die die Jury-Mitglieder verfolgen, und verfasst auch kleine Passagen der fiktiven nominierten Werke – amüsant, wie St Aubyn die Genres karikiert.«

Augsburger Allgemeine - Bücherjournal

»Wenn sich Schriftsteller ärgern, müssen sie das nicht für sich behalten. Sie können ihre Unmut mit dem Leser teilen. Und wenn sie dabei so lustig sind wie Edward St Aubyn, sollten sie es sogar unbedingt tun. (...) ›Der beste Roman des Jahres‹ heißt seine satirische Abrechnung, in dem er den Literaturbetrieb samt seinem Preisgedöns durch den Kakao zieht.«

BuchMarkt

»Eine bitterböse und urkomische Abrechnung mit dem Literaturzirkus unserer Tage.«

Bielefelder

»Nein, keine enttäuschte Abrechnung über die Vergabe von Literaturpreisen! Vielmehr erzählt der Brite in seinem köstlich-satirischen Roman scharfzüngig vom treiben hinter den Kulissen der Verleihung.«

FOCUS

»Herrliche englische Literaturbetriebskomödie.«

BüCHER

»Was soll man sagen ... ›Der beste Roman des Jahres‹ könnte durchaus der beste Roman des Jahres sein. Lesen und amüsieren!«

BüCHER

»Vertauschte Manuskripte, erotische Verwicklungen, Intrigen: der Literaturbetrieb als literarische Satire. Lachhaft!«

ÖKO-Test

»Hintersinnig und scharfzüngig – und zweifellos einer der witzigsten Romane des Jahres.«

Buchkultur

»Messerscharfe Ironie und echt britischer Humor.«

BüCHER

»Amüsant, hintersinnig und böse.«

Buchwelt

»Schwarzhumorig, sardonisch und sehr, sehr lustig.«

Münchner Feuilleton

»Das furiose Stück um Einfluss und Macht sorgt für großes Vergnügen – ein literarisches Muss für Kulturmenschen.«

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