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Der Anfang der Welt

Der Anfang der Welt

Roman

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Der Anfang der Welt — Inhalt

Seit Generationen sind sie geflohen, durch Wüsten, über Ozeane und Berge. Nun sind sie angekommen im tiefsten karpatischen Wald, in Zalischik. Es ist 1939, es ist Krieg, und es gibt keinen Ort mehr, an den sie noch fliehen können. Nur eines kann ihnen helfen, ihre Fantasie. Deshalb folgen die Bewohner von Zalischik der Idee eines elfjährigen Mädchens - sie tun einfach so, als gäbe es die Wirklichkeit nicht mehr. Ihre Fantasie und ein unbändiger Wille lassen sie das Schicksal leugnen und alles neu erfinden. Töchter bekommen neue Väter, der Bäcker wird zum Schreiner. So vergehen die Jahre, und die Hoffnung auf Rettung wächst. Doch schließlich bricht die Grausamkeit der Welt in ihr Dorf ein – und für das kleine Mädchen, aus dem eine junge Frau geworden ist, beginnt eine Flucht, die sie weit hinaus in die Fremde treibt.

Funkelnde, von seltener Vorstellungskraft getragene Prosa über ein märchenhaftes Dorf und das Erwachsenwerden in außergewöhnlichen Zeiten.

€ 16,99 [D], € 16,99 [A]
Erschienen am 31.03.2014
Übersetzer: Barbara Schaden
416 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96495-1

Leseprobe zu »Der Anfang der Welt«

Liebe Chaya,

mit Dir auf dem Schoß sitze ich hier am Fenster. An der Scheibe blühen Eisblumen. Wenn ich das Ohr nahe genug an das Glas halte, kann ich ein Knacken hören. Die Blumen wachsen. Den ganzen Vormittag hat es geschneit; jetzt nicht mehr. Du bist erst seit ein paar Tagen auf der Welt, aber Deine Geschichte, unsere Geschichte, hat vor langer Zeit begonnen. Ich kenne sie, unsere Geschichte, ich weiß nicht nur das, was ich mit eigenen Augen gesehen habe, sondern auch alles andere. Dieses Wissen steckt mir in den Knochen, im Herzen. Eines Tages [...]

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Liebe Chaya,

mit Dir auf dem Schoß sitze ich hier am Fenster. An der Scheibe blühen Eisblumen. Wenn ich das Ohr nahe genug an das Glas halte, kann ich ein Knacken hören. Die Blumen wachsen. Den ganzen Vormittag hat es geschneit; jetzt nicht mehr. Du bist erst seit ein paar Tagen auf der Welt, aber Deine Geschichte, unsere Geschichte, hat vor langer Zeit begonnen. Ich kenne sie, unsere Geschichte, ich weiß nicht nur das, was ich mit eigenen Augen gesehen habe, sondern auch alles andere. Dieses Wissen steckt mir in den Knochen, im Herzen. Eines Tages werden Deine Kinder Dich fragen, wie alles war, und Du wirst ihnen eine neue Version erzählen; so wird die Geschichte fortgeführt. Die Wahrheit liegt nicht in den Fakten. Die Wahrheit liegt im Erzählen.

Angefangen hat es 1939, am nördlichen Rand Rumäniens, auf einer kleinen Halbinsel in der Schleife eines lehmigen Flusses. Die Tage zogen still und friedlich dahin. Morgens wurden die Kühe gemolken, der Brotteig wurde geknetet. Wir hoben unsere Säuglinge hoch in die Luft und küssten sie. Der Bäcker nahm das Brot pünktlich am Mittag aus dem Ofen, wenn wir hungrig wurden. Die Kinder addierten, dividierten und multiplizierten Zahlen und bekamen dafür den Kopf getätschelt. Der Bankier zählte seine Münzrollen und schloss sie sorgfältig ein. Der Gemüsehändler füllte seine Regale mit Kohlköpfen, die ihm der Kohlbauer gebracht hatte, und mit Kartoffeln, die unsere halbwüchsigen Jungen auf den Äckern hinter den Häusern der alten Frauen zusammenklaubten. Und die alten Frauen sahen aus ihren Fenstern zu, wie die Armmuskeln der Jungen zum Leben erwachten.

Neun Familien nannten das Tal ihre Heimat. Jenseits der bewirtschafteten Hügel standen zu allen Himmelsrichtungen dunkel bewaldete Berge. Der Fluss war unser eigenes Wasser, wir nannten ihn einfach »Fluss«, auch wenn er auf den Landkarten Dniester hieß. Unser Dorf war vollkommen, ebenso wie unser Leben hier; unsere Geister lagen in Ruhe unter der Erde, und wir Lebenden schritten in ebensolcher Ruhe über den festen Boden dahin.

Unser Dorf gehörte hierher – wir wollten es nicht verpflanzen, nirgendwohin, obwohl wir wussten, dass in einem anderen Land, nicht weit von uns, ein Mann mit einem viereckigen Schnurrbart die Welt umgestalten wollte. Menschen wie wir wurden gezwungen, alles Vermögen und Eigentum registrieren zu lassen. In unsere Pässe wurde ein großes rotes J gestempelt. Eine abendliche Ausgangssperre wurde verhängt. Es war ein neues Kapitel in einer alten Geschichte. Irgendwo ging ein Tempel in Flammen auf. Die Tschechoslowakei wurde besetzt, Warschau ebenfalls. Menschen wie wir wurden in Gettos gesteckt. Alle Männer hießen Israel und alle Frauen Sarah.

»Ganz bestimmt hört das bald auf«, sagten wir. »Das Schlimmste ist vorbei«, nahmen wir an. »Irgendwer erzählt doch immer, dass die Welt bald untergeht.«

Wir erinnerten uns an keine Zeit ohne Krieg, ohne Hass, ohne Verfolgung. Ohne Pogrome, ohne Wehrdienst. Vielleicht war zu Beginn der Welt alles sauber und rein gewesen. Wir kannten eine Geschichte von einem Mann und einer Frau und ein paar schönen Tagen in einem Garten, aber von uns Dorfbewohnern konnte sich niemand tatsächlich an diese Zeit erinnern. Unsere Ahnen könnten einander auch angeknurrt oder sich in die Hände gespuckt haben. Wir könnten uns auf der dünnhäutigen Erde gewälzt, gegenseitig unsere geschlossenen Lider berührt oder vor den Fußabdrücken gekniet haben, die wir überall hinterlassen hatten. Egal, wie das Leben auf Erden begonnen hatte, wir machten weiter, bis wir vergaßen, dass es einen Anfang gegeben hatte. Die Zeit schlug mit ihren Tatzen nach uns und legte uns jeden neuen Tag wie ein knorpeliges Stück Fleisch vor die Tür. Für uns war es immer das erste Mal, wenn ein Kind zur Welt kam, das erste Mal, wenn es seine kleinen salzigen Fäuste in die Luft reckte. Es war immer das erste Heute …

I

VORHER

Eines Freitagabends, als die Sonne schwer über dem Horizont hing und drauf und dran war, zähflüssig in die Weizenfelder hinabzutropfen, gingen die Männer mit dem Nachweis ihres Tagwerks – Sense, ledernem Ranzen mit Spitz- und Flachzangen, zusammengerollten Quittungen, Kohlköpfen im Sack, leerer Butterbrotdose – nach Hause. In den Türen standen Kinder wie ich mit sauber geschrubbten Backen, die wie reife, saftige Früchte aussahen. »Schabbat schalom«, sagten wir Kinder zu unseren Vätern, und die Väter antworteten: »Gut Schabbes.« Auf dem Tisch eine Spitzendecke. Auf der Spitzendecke zugedeckte Schüsseln. »Schabbat schalom«, sagten die Frauen der Ehemänner und bekamen zur Begrüßung einen Kuss.

In meinem Elternhaus kochte ein Hühnerbein in Suppe, bis das Fleisch vom Knochen fiel. Mein Bruder hatte kurz vor Sonnenuntergang Holz hereingebracht, und ich wollte wissen, ob Winterwolken im Ganzen gefroren waren oder nur der Schnee, der herausfiel. Meine Schwester drückte einen Wattebausch auf ihre Fingerspitze, in die sie sich beim Nähen gestochen hatte. Das brachte uns drei auf unser Lieblingsspiel – wir verglichen unsere Wunden, die Souvenirs der Kindheit. Moische, der dreizehn war und der Älteste, hatte nach dem Zusammenstoß mit einem Baumstamm im Fluss eine violette Blüte an der Wade. Regina, ein Jahr jünger als Moische und ein Jahr älter als ich, ließ einen Tropfen dunkelrotes Blut aus der Nadelwunde in die andere Handfläche fallen. Ich konnte mit einer langen Schramme auf der Wange aufwarten, die ich mir beim Fangenspielen im Zusammenstoß mit einem Ast geholt hatte. Die Haut unserer Körper war eine Landkarte in drei Teilen, auf der das Gelände unserer Freuden verzeichnet war.

Meine Mutter verzwirbelte die Fransen am Tischtuch zu einem Knoten, der sich sofort wieder löste. Sie las ein Buch, in dem es um die aussichtslose Liebesgeschichte eines jungen russischen Paares mitten im Winter ging; er ein rotwangiger Knabe, der in die Armee des Zaren eintritt, und sie ein schönes, aber dummes Mädchen. Meine Mutter runzelte die Stirn über die Liebenden, denen kein Glück beschieden war, die aber trotzdem eisern an ihrer hoffnungslosen Illusion festhielten. Meine Mutter empfand das als persönliche Kränkung. Mit jeder neuen Seite, die sie aufschlug, zwirbelte sie noch hektischer an den Fransen herum.

»Hoffentlich überlebt er bis zum Frühling«, sagte sie. »Sie ist einfach zu dumm, um diese Kälte allein zu überstehen, wenn obendrein ihr Herz gebrochen ist.«

Mein Vater war noch nicht zu Hause, und das Zimmer war wie ein Bild, das wir für ihn gemalt hatten. Kaum war die Tür aufgegangen, und er hatte Gelegenheit gehabt, den Anblick in sich aufzunehmen, verfielen wir wieder in Betriebsamkeit – Mutter stand auf und rührte die Suppe, während wir drei auf unseren Vater zustürmten und ihm bewiesen, dass auch wir den ganzen Tag gelebt hatten – Blut auf Stoff, sauber gestapeltes Feuerholz, eine Frage nach der Herkunft des Schnees.

»Die schönste Frau auf der Welt«, sagte mein Vater und berührte mit den Lippen die Hand meiner Mutter. Der Raum war erfüllt von Essensgeruch, und ich legte neben jedes Gedeck eine weiche alte Serviette.

Alle im Dorf, Mütter und Väter, Großeltern und Kinder, Onkel und Großtanten, Metzger, Bäcker, Sattler, Flickschuster, Weizenmäher, Kohlbauer, wir alle standen um unsere Esstische und zündeten Kerzen an, wir alle hüllten den Raum in Gebete. Wir zogen gleichzeitig an den Brotzöpfen, und der weiche Teig gab nach.

In strömendem Regen ging ich an der Hand meines Vaters zum wöchentlichen Gebet. Die Dorfbewohner nickten einander lächelnd zu und versuchten den Platz zu würdigen, den wir auf der sich drehenden Erde einnahmen. Wir beschäftigten uns nicht mit den vielfältigen Schrecken der Welt, sondern kümmerten uns um die banalsten Kleinigkeiten. Meine Mutter sagte zu meiner verrückten Tante Kayla: »Das ist vielleicht ein Regen!« und: »Gut, dass ich die Wäsche gestern Abend reingeholt habe.« Sie dachte nicht: Ob dieses Unwetter wohl den Rest unseres Lebens dauern wird?

Kayla sagte: »Noch ein Tag im Paradies« und nahm meinem Onkel Hersch den schwarzen Zylinder vom Kopf, um das Regenwasser aus der Krempe zu gießen.

Eine alte Geschichte besagte, dass der Prophet Elias für Regen und Donnerwetter verantwortlich sei – sein einziger Zeitvertreib, während er auf den großen, schrecklichen Tag des Herrn wartete. »Ja, ja, wir hören dich«, rief der Bäcker zum Himmel hinauf.

Für einen richtigen Tempel war unser Dorf zu klein – wir waren kaum mehr als hundert Menschen –, das Haus des Heilers genügte uns. In seiner Küche: die Frauen und Kinder, die still zusahen, wie der Regen vor dem Fenster seine Kräfte sammelte. Ich beobachtete, wie sich Pfützen bildeten, und ich wünschte, ich wäre draußen und könnte hineinspringen und alles schmutzig machen, was meine Mutter mühsam sauber geschrubbt hatte. Die Mütter hatten die Sabbatregeln im Lauf der Jahre nach und nach gelockert und erledigten jetzt kleine, leichte Arbeiten, während sie dem Gottesdienst zuhörten; die einen stopften Socken, andere strickten. Tanta Kayla hatte ein halb fertiges Stickbild vor sich, das einen Korb voller Babys in Bonbonrosa auf einer hellblauen Decke darstellte. Die Babys waren im Moment noch blinde kleine Ungeheuer ohne Augen und Hände. Neben Kayla, die Neid absonderte wie einen zähen Schleim, stopfte sich die runde, schwangere Frau des Bankiers einen Pullover zwischen Kopf und Nacken und schloss die Augen. Igor, ihr ältester Sohn, versammelte seine kleineren Geschwister zu den Füßen seiner Mutter, verteilte Spielzeugtassen und tat, als schenkte er ihnen Tee ein.

Im Wohnzimmer waren unterdessen die Männer damit beschäftigt, die Glut des Glaubens neu zu entfachen. Nur der Heiler war unruhig. Er zog eine raschelnde Zeitung aus der Tasche. »Wir haben was zu besprechen«, sagte er nervös. »Bevor wir anfangen.« Er breitete das Blatt auf dem Boden aus. KRIEG. 3. september 1939, 11 uhr, stand in riesigen Buchstaben auf der Titelseite. Der Metzger, der seine Fingernägel von getrocknetem Blut säuberte, hielt inne. Der zaundürre, bebrillte Goldschmied befingerte seine Taschenuhr. Der Gemüsehändler strich sich über seine glänzende Glatze. Der Barbier las die Schlagzeile laut vor, seine Stimme brach.

»Es ist unser Ruhetag«, sagte die Witwe entrüstet.

»Das ist schon Wochen her«, sagte der Heiler leise. Er zog ein zusammengefaltetes Zeitungsblatt aus seiner Westentasche und breitete es so auseinander, dass es wie eine Blume erblühte. Er las laut vor: »Das jüdische Volk müsste mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Dann wäre Polen mit einem Schlag von dieser Seuche befreit.«

Natürlich begriff ich nicht, was das hieß, aber meine Mutter zupfte ich lieber nicht am Rock; ihr schreckensbleiches Gesicht machte mir Angst. Die Mütter hatten ihre Socken und Nadeln in den Schoß sinken lassen, das Klappern der Stricknadeln war verstummt. Die Frau des Bankiers schlief immer noch friedlich, ihre Kinder aber rückten näher an sie heran. Igor bemühte sich unermüdlich, seine Geschwister aufzuheitern, indem er ihnen unsichtbare Kekse anbot, die sie in ihren Tee tunken könnten.

Meinen Onkel Hersch sah ich nicht, aber ich erkannte seine Stimme. »Das kann nicht so weitergehen. Bestimmt wird sich dem jemand in den Weg stellen.«

»Ich habe einen Bruder in Amerika, der sagt, sie werden Deutschland den Krieg nicht gewinnen lassen«, sagte der Goldschmied.

»Wir sind vierzig Tage Fußmarsch von Jassy entfernt, und es sind zwei Wochen bis Lemberg. Hier sind wir sicher«, sagte der Bäcker.

»Tschernowitz ist nur siebenundvierzig Kilometer weg«, sagte der Heiler.

Die nun einsetzende Stille war verzweifelt, müde, wütend. Niemand rührte sich. Wir waren ein Haus voller Statuen, die als fehlerhaft aussortiert worden waren. Statuen, die darauf warteten, dass sie zertrümmert und in den Fluss geworfen wurden. Und wenn ich jetzt sterbe?, dachte ich. Wenn ich gar nicht mehr erwachsen werde? Aber noch während mir der Gedanke durch den Kopf ging, kam er mir völlig abwegig vor. Meine rosaroten Hände, meine zerschrammte Wange, mein braunes Kleid, das an drei Stellen geflickt war – nichts davon schien unmittelbar von der Auflösung bedroht zu sein.

Meine Mutter griff geistesabwesend nach meinen Zöpfen und hielt sie wie Zügel. Ich wäre gern mit ihr davongaloppiert, schneller als der Wind, ich hätte sie in Sicherheit gebracht. Aber wir blieben in der Küche des Heilers sitzen, und die Gefahr kroch zwischen uns herum wie ein Salamander. Die Frau des Bankiers erwachte und wedelte über ihre zusammengedrängten elf Kindern hin, als verscheuchte sie Fliegen vom Kuchen. »Mutter«, sagte Igor. »Es gibt Ärger.« Sie legte die Hände auf ihren mächtigen Leib und starrte ihn mit hitzefunkelnden Augen an. Lass mich, sagten die Augen. Weck mich nicht aus meinen Träumen.

Wir waren wie vor den Kopf geschlagen. Unser Herz raste, aber wir wussten nicht, was zu tun war.

Der Heiler fuhr mit dem Zeigefinger über den abgestoßenen Ledereinband des großen Buchs auf seinem Schoß. Er hatte diesen Buchrücken wohl schon zehntausendmal auseinandergebogen. Reglos saß er da; nur sein Mund öffnete sich, und er begann zu lesen. Er fing am Anfang an, und die Wörter rannen über uns hin wie ein altvertrauter Fluss.

Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.

Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal. Finsternis über Urwirbels Antlitz. Braus Gottes schwingend über dem Antlitz der Wasser.

Gott sprach: Licht werde! Licht ward.

Gott sah das Licht: dass es gut ist.

Gott schied zwischen dem Licht und der Finsternis.

Gott rief dem Licht: Tag! und der Finsternis rief er: Nacht!

Abend ward und Morgen ward: ein Tag.

Seine Stimme ersetzte das Blut in meinen Adern. Draußen goss es aus Kübeln; über die kopfsteingepflasterten Straßen flossen Bäche.

Dem Trocknen rief Gott: Erde! und der Stauung der Wasser rief er: Meere!

Gott sah, dass es gut ist.

Gott sprach: Sprießen lasse die Erde Gespross,

Kraut, das Samen samt, Fruchtbaum, der nach seiner Art Frucht macht, darin sein Same ist, auf der Erde.

Es ward so.

Auf einmal, als hätte es uns als sein Publikum zusammengerufen, flog ein silbernes Flugzeug über uns hinweg, sein mächtiger Propeller zermahlte den Himmel. Meine Mutter ließ meine Zöpfe los, die mir handgewärmt in den Nacken fielen. Wir pressten die Gesichter an die Scheiben und erstarrten in Schweigen. Die Jungen prägten sich das Aussehen des Flugzeugs ein, um es später zeichnen zu können. Die Mädchen waren für den Zauber weniger empfänglich, sie sahen eine glänzende Drohung. Moische warf mir einen erschrockenen Blick zu. Regina hielt ihre Hände mit weißen Knöcheln zusammengepresst. Das Flugzeug flog niedrig, der Lärm war ohrenbetäubend. Igor hatte nicht genug Hände, um allen zehn Geschwistern die Augen zuzuhalten. Er beschirmte die Jüngsten und beschwichtigte den Rest.

Ich stellte mir vor, wie die Welt von dort oben wohl aussah. Der Pilot, dachte ich, sah wahrscheinlich drei konzentrische Ringe. Der äußere war das aufgewühlte braune Wasser, die Flussschleife rund um unser Dorf; dann die aneinandergelegten Vierecke unserer Felder, die frisch gepflügten Äcker, keimende Saat, hellgrüner Teppich aus Sprösslingen, dazwischen reparierte oder ins weiche Gras gefallene Zäune, windschiefe Heuschober, unsere Rinderherde, unsere Schafherde, unsere Ziegen, kahle Birken, die kerzengerade in den Himmel ragten; und zuletzt in der Mitte, im Herzen, unsere Dächer aus roten Ziegeln oder grauem Schiefer und unsere Straßen und Wege, gepflasterte und ungepflasterte, die sternförmig auf den Dorfplatz zuliefen, wo das Denkmal eines Kriegshelden aus ferner Vergangenheit stand. Jedes Ladenfenster barg Verheißungen – im Fenster des Metzgers hing ein frisch geschlachtetes Lamm am Haken, beim Gemüsehändler standen ein Korb roter Rüben und ein Bottich Zwiebeln, beim Barbier der jetzt leere Stuhl im Kreis der blinkenden Scheren, in der Apotheke des Heilers lauter braune, etikettierte Glasfläschchen und beim Goldschmied ein von Ketten umwundener schwarzsamtener Hals.

Wir sahen dem Flugzeug nach, das in den grauen Himmel davonflog, aber es kam wieder, und der herannahende Lärm ratterte in unseren Adern. Ich folgte ihm mit dem Blick, als es über den Bergen jenseits des Flusses wendete. Dann wurden meine Ohren von einem Donnerknall betäubt, der die Zeit stillstehen ließ und an den sich eine knisternde Stille anschloss. Die Erinnerung an dieses Geräusch umkreiste uns, während das Flugzeug in den Wolken verschwand.

Unruhig erwarteten wir, dass alles ringsum in Flammen aufgehen würde. Dass die Oberfläche der Erde aufbräche. Dass das Flugzeug zurückkäme und das Ende über unsere Halbinsel brächte. Der Himmel riss nicht auf, um uns erkennen zu lassen, ob jenseits der Berge Rauch aufstieg. Mögliche Feuer wurden vom Regen gelöscht. Die Stille wischte mit ihrer dicken Pranke, wischte alle meine Fragen beiseite.

Aber die Leute fingen zu schreien an. Die elf Kinder des Bankiers kreischten Fragen, aneinander gerichtet und an ihre Mutter, die wach war, sich aber nicht aus ihrem Sessel erhob. Wie eine Schaumblase quoll das Wort Krieg aus meines Vaters Mund. Das Wort Tod folgte unmittelbar darauf. Es wurde um Vergebung gefleht. Entschuldigungen prasselten zum Himmel hinauf wie der Regen umgekehrt auf den Boden. Ich stellte mir vor, was ein Mensch aus der Höhe alles hinabwerfen konnte: Schweine, Holzscheite, Ziegelsteine. Ein Blatt Papier mit der Mitteilung du bist tot. Das Wort Bombe kannte ich, aber ich hatte noch nicht erlebt, wie es war, wenn eine explodierte. Meine Mutter sagte kein Wort, umklammerte nur meine Hand, die vollständig in die ihre hineinpasste, wie ein Samenkorn. Es war zweifellos derselbe Himmel wie zuvor, aber er war wie ausgeleert, lichtlos.

Die Schranke zwischen Küche und Wohnzimmer fiel. Männer und Frauen mischten sich durcheinander, Eheleute umarmten einander, Kinder versuchten sich in die Umarmungen hineinzuzwängen.

Der Fluss schwoll an, Regen donnerte herab, und das Rauschen von so viel Wasser verwirrte unsere Worte. Wir hörten Diebe, wenn jemand Liebe sagte. Hörten Zeit statt Leid und Brot statt Gott. Wir waren wie ein Sturm, peitschten uns, bis uns schwindelte, und kamen doch nicht vom Fleck.

Es hatte keinen Sinn zu raten, in wie vielen Minuten oder Tagen wieder ein Propeller unseren Himmel in wogende blaue Fetzen zerschneiden würde. Allmählich dämmerte uns – erst in den Füßen, dann in den Beinen, diesen wurzellosen Stümpfen, in unseren verkrampften Eingeweiden und lärmenden Herzen –, dass wir auf dieser Insel festsaßen. Dieser sinkenden Insel. Warum ließen wir uns nicht mit all dem Regenwasser flussabwärts treiben? Warum standen wir hier, stumm wie die Fahnenstangen, wenn alles, was fliehen konnte, floh?

Der Heiler setzte sich auf den Boden. Er schlug das Buch auf und fing wieder zu lesen an, seine Stimme war laut und sicher.

Gott sprach: Gewölb werde inmitten der Wasser und sei Scheide von Wasser und Wasser!

Gott sprach: Leuchten seien am Gewölb des Himmels, zwischen dem Tag und der Nacht zu scheiden; dass sie werden zu Zeichen, so für Gezeiten, so für Tage und Jahre.

Nach kurzer Zeit aber wurde seine Stimme heiser, und er begann zu husten. Was die Tränen bedeuteten, die ihm übers Gesicht rannen, wusste ich nicht. Mein Vater reichte ihm ein zerschlissenes Taschentuch, und der Heiler wischte sich das Gesicht ab.

Ich schloss die Tür und ging zur Schwelle zwischen Küche und Wohnzimmer. »Bitte lies weiter«, sagte ich. Er tat es; er presste die Worte hervor.

Gott schuf die großen Ungetüme und alle lebenden regen Wesen, von denen das Wasser wimmelte, nach ihren Arten, und allen befittichten Vogel nach seiner Art. Gott sah, dass es gut ist.

Er, Gott, bildete aus dem Acker alles Lebendige des Feldes und allen Vogel des Himmels und brachte sie zum Menschen, zu sehen, wie er ihnen rufe, und wie alles der Mensch einem rufe, als einem lebenden Wesen, das sei sein Name.

Mein Vater musterte mich. Bei diesem Licht waren seine braunen Augen grau. Sein Bart wirkte stachlig und struppig, seine Hände kurz und dick. Wir standen alle reglos. Wir beobachteten die Berge, von denen dort, wo der silberne Flieger verschwunden war, noch immer kein Rauch aufstieg. Die Explosion kam uns schon vor wie geträumt, bedeutungslos, sie konnte unmöglich stattgefunden haben.

Weizenhalme legten sich kapitulierend auf den Boden. Der Himmel sank herab, die Pappeln schlugen Blatt gegen Blatt. Es regnete unentwegt, und wir blickten unentwegt in den Regen. Der gischtweiße Fluss ließ die Steine in seinem Bett durcheinanderpurzeln.

Aus der Erde stieg da ein Dunst und netzte all das Antlitz
des Ackers.

Nachdem wir stundenlang auf die Rückkehr des Flugzeugs gewartet hatten, nachdem der Regen unter der gewölbten Hand eines kühlen, rosaroten Himmels zu einem weichen Geniesel verebbt war und unser Fluss wieder klang wie unser Fluss, schlichen wir hinaus, um zu sehen, wie die Welt jetzt aussah, da sie auseinanderfiel. Die Luft war schwer vom Geruch nasser Schafe. Unsere Füße versanken im Schlamm, windzerzaustes Geäst hielt uns fest. Wir standen im vom Sturm verknickten Gras und blickten über den Fluss. Die Berge, in denen die Explosion stattgefunden hatte, sahen nicht anders aus als sonst. Der Himmel war der Himmel, unermesslich und schimmernd im Licht.

Am Flussufer wimmelte es von klatschenden, gestrandeten Fischen, die sich in Todesangst krümmten wie Fragezeichen. »Hier wird Hilfe gebraucht«, sagte ich froh und sammelte die Fische in meinen Rock. Ich bewegte mich vorsichtig im glitschigen, tiefen Schlamm, meine dünnen weißen Beine färbten sich braun, meine Socken rutschten, bis ich endlich meine Beute in einem silbern glänzenden Schwall in den Fluss zurückwerfen konnte. Wieder im Wasser, schnippten die Fische einmal mit dem Schwanz und waren fort. Auch die anderen Dorfbewohner halfen mit und füllten Kleider und Hosentaschen und Arme mit zuckenden, schnellenden Fischen, und wir mussten lachen, denn die Fische waren stärker, als sie aussahen, und entwischten unserem Zugriff. Während wir Jagd auf sie machten, versicherten wir ihnen: »Wir tun euch nicht weh! Wir bringen euch nach Hause.«

Je länger wir arbeiteten, desto weniger Fischjuwelen schimmerten im Schlamm, aber der Fluss wich immer noch weiter zurück und gab weitere Schätze frei. Ich zog eine schlickgefüllte Teekanne an ihrer Tülle heraus. Die vordere Hälfte eines Klaviers lächelte uns mit teils ausgeschlagenen Zähnen an. Der Metzger fand einen Herrenhut aus Filz mit Hutband. Außerdem zogen wir zwei Schüsseln aus dem Fluss, eine Schmuckschatulle voller Schlamm, eine beinlose Puppe, einen verfilzten Pullover, etliche Holzscheite, eine handgezeichnete Sternkarte des Sommerhimmels, verschmiert, aber lesbar, und eine Frau. Eine Frau – Haare, Zähne, Füße, Finger, alles war noch dran. Und sie lebte.


DER ANFANG DER WELT

Im Wohnzimmer des Heilers waren die Wände hellgelb gestrichen und die Fenster blau umrahmt. Er hatte ein riesiges Bücherregal, das bis zur Decke reichte. Ich las die Titel auf den Buchrücken: Gewebeproben diverser Weichteile, in Kupfer gestochen. Die medizinische und chirurgische Geschichte des Kriegs. Eine Belehrung junger Männer über Keuschheit, zur ernsten Betrachtung von Eltern und Vormündern gedacht. Die Wissenschaft des Lebens oder: Selbsterhalt.

Mit dem Ruhetag war es jetzt vorbei. Gott würde uns die ungewohnte Betriebsamkeit verzeihen müssen, denn es war nicht unsere Schuld. Der Heiler schürte den Holzofen ein und setzte mehrere Töpfe Teewasser auf. Das feuchte Holz wimmerte. Der Heiler suchte alle Vorräte aus seinen Küchenschränken zusammen – einen alterstrockenen Kuchen, einen halben Laib Brot, eine Honigwabe, ein Einmachglas mit Apfelkompott vom vorletzten Sommer. Wir trockneten die Frau aus dem Fluss, diese nasse, übel zugerichtete Fremde, die lediglich ein paar fadenscheinige Lumpen am Leib trug. »Was ist passiert?«, fragten wir sie immer wieder, aber sie schüttelte nur den Kopf.

»Wer bist du?«, fragte meine Mutter die Frau, während sie ihr die Zehenzwischenräume vom Schlamm säuberte und sie anschließend in Decken wickelte. Igor brachte ihr echten Tee in einer Spielzeugtasse, den sie in puppenhaften Schlucken trank. Niemand sprach das Wort Prophetin aus, aber jeder dachte es.

Dann redete sie. Sie sagte: »Die Pflaumen sind hinter mir gefallen und blutig aufgeplatzt.«

Der Wind pfiff in den Bäumen. Es war etwas Lebendiges, etwas Hungriges. Wir rückten noch enger zusammen, spürten die warme Haut der anderen, als die Fremde flüsterte: »Die Lebenden wurden am Nacken gepackt wie Welpen, und sie haben auch so gejault.«

»Vom Wasser?«, fragten wir. »Von dem schrecklichen Fluss?«

»Der Fluss hat mich gerettet. Ich konnte nicht mehr laufen. Meine Füße waren blutig. Der Fluss hat mich fortgetragen. Der Fluss hat mich zur Fremden gemacht.«

»Jetzt bist du in Sicherheit. Jetzt bist du unsere Fremde«, sagte ich. Sie begann zu weinen.

»Die Soldaten durften vierundzwanzig Stunden lang mit uns tun, was sie wollten«, sagte sie. »Zur Belohnung für sie, zur Strafe für uns. Meiner Mutter haben sie die Brüste abgeschnitten und meiner Schwester die Ohren. Meinem Mann haben sie den Bart angezündet.«

Wir rückten noch enger aneinander. Die gierigen Arme der Nacht rissen alles Lebende, alles Tote an sich. Draußen die glotzenden Häuser und die Krallen der Bäume. Jede Wand konnte im Handumdrehen ein Fenster werden, jedes Dach ein offener Weg zu Gott.

Die Fremde verstummte wieder. Ihr Atem veränderte sich, und sie begann zu heulen wie ein einsamer Hund. Ihre Stimme wurde voll und gewaltig und ließ die Wände erzittern. Wir waren ebenfalls erschüttert, nicht nur von diesem Geheul, sondern von dem Meer der Verzweiflung, das in ihren Augen zu sehen war, von der Landkarte der Schnitte an ihren Armen, auf ihrer Brust. Die Flut ihrer Stimme war wie das Hochwasser des Flusses, jäh und unaufhaltsam riss sie alles mit sich fort.

»Musst du versteckt werden?«, fragte ich.

»Wovor sollte ich mich noch verstecken?«, fragte die Fremde zurück.

In der Stille des Augenblicks hielten unsere Herzen uns am Leben, ohne zu fragen, ob das denn auch recht sei.

»Sind alle fort?«, fragte ich.

»Alle«, sagte die Fremde.

»Auch alle Kinder?«, wollte Igor wissen, den Blick auf seine Geschwisterschar gerichtet.

Eine alte Frau sagte: »Ich muss mich hinlegen«, und eine andere Alte bot ihren Schoß an; dann fuhr sie der Liegenden mit den Fingern durch die warmen, zerzausten Haarsträhnen.

Wir zündeten ein paar Laternen an, weil der Tag kein Licht mehr hergab.

Jemand schob der Fremden eine Tasse Suppe hin und klopfte mit dem Löffel auf den Rand, wie um zu sagen: Ist das etwas, das wir dir anbieten können?

Die Fremde nahm einen winzigen Schluck und reichte die Schale weiter. Jeder von uns legte lediglich die Oberlippe an die Tasse, um gerade einen Tropfen von der heißen Flüssigkeit zu nehmen, und gab sie dann gleich an den Nächsten weiter, damit sie noch voll zu der Fremden zurückkäme. »Danke«, sagten wir, »köstlich.« Und wir waren froh, als die Schale wirklich noch voll war, als sie wieder bei ihr ankam, und sie diesmal wirklich zulangte, volle Löffel zum Mund führte und sauber wieder hervorbrachte.

Der Augenblick, den wir erlebten, war ein Scharnier – die Vergangenheit schwang zur einen Seite, die Zukunft zur anderen. Alles, was jemals geschehen war, vom allerersten Tag an, hatte uns hierhergeführt, zu diesem Augenblick.

Schon ganz zu Anfang waren wir ein Wandervolk gewesen. Der erste Mann und die erste Frau, in die unbekannte Welt gesetzt. Felder wurden bestellt, Lämmer geboren. Kinder wurden gezeugt und zeugten ihrerseits Kinder. Ein Stamm Lautenbauer, ein Stamm Schmiede. Kellermeister, Pflüger, Söhne und Töchter.

Das Volk zog aus, fruchtbar und sich mehrend, wie es geheißen worden war. Die Erde spürte das Tapsen von Menschenfüßen. Die Stämme teilten sich, Gott besuchte sie im Traum, in Wüsten, verhieß denen, die er lieb gewonnen, neues Land. Männer errichteten Steine als Wegzeichen, opferten Kälber. Und währenddessen erzählten sie die Geschichte weiter: Am Anfang gab es einen wunderschönen Garten, wir sind daraus vertrieben worden, wir begannen von vorn.

Zweimal haben wir einen mächtigen, schönen Tempel gebaut, um Gott und alles, was er uns gegeben hatte, anzuerkennen. Zweimal ist unser Tempel zerstört worden.

Der zweite Tempel enthielt, wie der erste, eine Kammer der Messer, eine Kammer der Öle und Weine, eine Kammer voller Aussätziger, eine Kammer voller Holz. Der Bau war errichtet aus weißem Marmor mit goldenen Kanten und stand Jahrhunderte, und unser Volk lebte im Tal unterhalb dieses Tempels. Jene Zeit eine friedliche zu nennen wäre falsch, doch aus dem Abstand, aus unserer großen zeitlichen Entfernung träumen wir nun von diesen Tagen, denn was als Nächstes geschah, war, dass am Horizont ein Heer auftauchte, ein Schwarm Männer, auf deren Helmen das Sonnenlicht blitzte, und wir gewannen die Schlacht nicht. Wir zerstreuten uns in eine Million unterschiedlicher Richtungen: Manche gingen in die olivgrünen Hügel, andere überquerten das Gebirge, wieder andere setzten übers Meer. Dünen brachen unter unseren Füßen zusammen. Wir schliefen im Bauch knarzender Schiffe, gingen an unbekannten Ufern an Land. Und währenddessen erzählten wir die Geschichten weiter, und sie hielten uns als Volk am Leben. Unsere Körper hätten ohne sie vielleicht überlebt, unsere Herzen sicher nicht.

Wieder und wieder, überall auf der Welt, begannen wir von vorn.

Auf einer abgelegenen Insel lebte ein mächtiger König mit hundertfünfzigtausend Untertanen, die mit spitzen Speeren bewaffnet waren. Der König ritt einen Leoparden, seine Männer saßen auf furchterregenden Rössern, die gekochtes Lamm fraßen und nur Wein tranken. Diese Männer waren unserer Ururururgroßeltern. Während sie die schwarzen, ölglatten Mähnen ihrer Rösser striegelten, erzählte der König eine Geschichte: Einmal stellte Gott den Glauben unseres Stammvaters Abraham auf die Probe, indem er ihm befahl, seinen Erstgeborenen zu opfern, und weil Abraham gehorsam war und mit seinem Sohn auf den Berg stieg und sein Messer schwang, weiß Gott, dass wir treu sind.

In der Stadt Mekka ließen sich unsere Urururgroßeltern nieder. Sie wollten kein Fleisch essen und füllten ihre Teller mit Erbsen, Butter, Zucker und Früchten. Sie wohnten in dachlosen Häusern und trugen Seidengewänder, die mit langen Perlenschnüren bestickt waren. Während sie würzige Speisen rührten, erzählten die Mütter eine Geschichte: Einmal sprach Gott zu einem, der vor ihm Gnade gefunden hatte: »Unter den Menschen bist du allein meiner Schöpfung wert. Geh hin und bau dir ein gutes Schiff. Bau es aus Zypressenholz und Pech, und nimm von jedem Geschöpf ein Paar mit dir.« Nach Tagen und Tagen und Tagen, in denen der Regen nicht ablassen wollte, nach wochenlangem Dahintreiben kam: eine Taube mit einem Olivenzweig im Schnabel. Und der Mann ging an Land, und jedes zahn-, schnabel-, rüssel-, schnurrbarttragende Geschöpf ging mit ihm, und die Welt, die ganze Welt war wieder neu.

In Äthiopien nahmen die Juden ein sonderbares Geschenk entgegen. Woher es kam, wissen wir nicht – die alten Männer sagten, es sei ein Schiff mit vielen Segeln gewesen; die alten Frauen meinten, es sei im Bauch eines Wals gereist; die jungen Männer glaubten, ein Greif habe es übers Meer getragen; die Huren schworen, es sei die mächtige Hand Gottes selbst gewesen. Jedenfalls: In die Wüste kam ein Wilder, der keinen Kopf hatte; seine Augen und sein Mund saßen in seiner Brust. Er trug vierzig klare Saphire. Mit ihm kam eine Nachricht von einem Ort namens Kalikut.

Liebe Brüder, wir sind auf der anderen Seite des Ozeans, haben Euch aber nicht vergessen. Wir werden immer Eure Familie sein. Das Papier trug zwei Prägungen, einen Elefanten und einen Tiger.

Die Juden von Äthiopien schickten ein Ruderboot mit sechs Botschaftern, zwei gefleckten Ziegen, einer Thorarolle, der Pranke eines Löwen und einem Brief: Liebe Brüder, danke für den kopflosen Wilden. Er ist das Schönste, was wir je erblickt haben. Wir kennen Euch nicht, und trotzdem lieben wir Euch. Die Zurückgebliebenen legten den Wilden in Ketten und erzählten sich folgende Geschichte: Einst waren wir Sklaven im Land des Pharaos, aber wir entkamen. Das Meer teilte sich, die Gebote wurden uns gegeben, und wir begannen jenseits der Wüste von vorn.

Wochenlang tanzte das Ruderboot dahin, bis ein Sturm, schon in Sichtweite einer fremden Küste, das Gefährt zerschellen ließ und unsere Ururgroßeltern von den Wellen an den Strand gespült wurden. Die Thorarolle war verloren. Mit der Zeit vergaßen sie alle Gebete bis auf eines, das sie bei jeder Gelegenheit wiederholten. Bei Hochzeiten sprachen sie: »Es gibt nur einen Gott.« Bei Beschneidungen: »Es gibt nur einen Gott.« Sie zerteilten eine Orange, brachen eine Kokosnuss entzwei, töteten einen Hahn und sprachen: »Es gibt nur einen Gott.«

Im Kaukasusgebirge, hoch über dem Kaspischen Meer, kleideten sich unsere Urgroßmütter, wenn sie zum Brunnen gingen, in Kopftücher und Umhänge, die bunt waren wie Blumen. Sie trugen Wasserkrüge auf dem Kopf und rauchten lange Pfeifen. Die Älteren bildeten einen besonderen Berufsstand, sie wurden Klageweiber. Von den Angehörigen der frisch Verstorbenen wurden sie dafür bezahlt, dass sie sich gramerfüllt zu Boden warfen, mit den Fäusten auf die gefrorene Erde trommelten und wehklagten, bis allen, auch Gott, von der Trauer um den Verlorenen die Ohren klangen. Nachts, wenn von ihren Tränen alles salzig war, erzählten sie: »Einst, nach einem ganzen Leben der Kinderlosigkeit, wurde Sarah mit neunzig Jahren schwanger, und was tat sie? Sie lachte.«

In Spanien sagte die Königin zu unseren Urgroßeltern: »Bitte, eröffnet Geschäfte und verleiht Geld.« Und eine kurze Weile später sagte sie: »Seht euch an mit euren Rechnungen und Münzen. Schmutzig seid ihr, und ich will euch nicht mehr sehen.« Also veränderten unsere Urgroßeltern ihre Haartracht, verbargen ihre Kerzenleuchter im Schrank und hängten in ihren Zimmern Kreuze an die Wand, ihr Glaube aber blieb derselbe. Sie wurden zu Señor Henríquez, zu Señora Estrada. Sie zeichneten Landkarten, schlossen sich Expeditionen durch die Welt an, handelten um Inkagold und um Frauen vom Amazonas. Manchmal kamen sie durch, und manchmal wurden sie zusammengetrieben und umgebracht. Manchmal standen sie in der Obhut des Königs, und manchmal richtete sich sein Dolch gegen sie. Sie beteten, sie arbeiteten, sie entkamen.

Jemand sagte: »Ihr seid schmutzig und fremd, ich will euch los sein«, und unser Volk überquerte den Fluss. Dort hörten sie: »Euresgleichen ist hier nicht willkommen«, und sie stiegen ins Gebirge hinauf. Auf dem höchsten Gipfel verschränkten die Einheimischen die Arme und schüttelten den Kopf, und unsere Ururgroßeltern zogen weiter.

Jahrhundertelang: ein bisschen Frieden, die Wochen bestimmt von Ritualen, von Arbeit. Kinder wurden geboren, männliche Säuglinge beschnitten, Festmahle gefeiert, der zusätzliche Platz am Tisch für den Propheten gedeckt, Ehen geschlossen, die Kerzen im Tempel angezündet. Aus Urur- wurden Ur- wurden Großeltern. Sie sagten: »Dies ist der Tag des Herrn. Lasst ihn uns feiern und froh sein.«

Und dann eine Beschuldigung in Bukarest, eine andere in Sofia – »Juden opfern christliches Kind zu rituellen Zwecken« –, und der Pöbel trat Türen ein, raffte sämtliche Wertsachen im Haus an sich, ermordete die Familienoberhäupter und steckte die Synagogen in Brand, in die sich die Menschen geflüchtet hatten. Die Überlebenden packten abermals zusammen, wichen tiefer ins Gebirge zurück, ließen sich nieder, folgten dem Wochenrhythmus. Das Leben war die Pause zwischen den Katastrophen. Jedes Mal mussten sie entscheiden, was sie zuerst wieder aufbauen sollten, den Tempel oder den Friedhof. Aus allen Himmelsrichtungen kamen Schreckensmeldungen. Im Norden Kosaken, im Süden Aberkennung der Staatsbürgerschaft. Die großen Städte waren nicht sicher, in den Kleinstädten und Dörfern war es noch schlimmer. Ein Herrscher trieb sämtliche Juden über die Donau, und als sie von den Osmanen auf der anderen Seite wieder zurückgeschickt wurden, sagte der Herrscher: »Ach, ertränkt sie doch einfach«, und so geschah es.

Die kleine Gruppe unserer sturköpfigen und müden Großeltern, die wenigen, die das letzte Pogrom überlebt hatten, zogen mit ihren Ziegen-, Schaf-, Hunde- und Pferdepaaren einundvierzig Tage lang von der Stadt Ia¸si durch die Bukowina. Die Großeltern brachten Sprachen und Münzen von allen Orten mit, an denen sie gelebt hatten – spanische Peseten, italienische Lire, österreichisch-ungarische Kronen, polnische Złotys, osmanisches Silber, jugoslawisches Kupfer, altes syrisches Gold und neues russisches Papiergeld. Sie hatten deutsche Flüche auf den Lippen, polnische Liebeslieder, englische Gedichte, hebräische Gebete und jiddische Schimpfwörter. Sie waren gewandert und hatten gehandelt, und das viele Wandern und Handeln hatte sie mit Wörtern angefüllt.

Sie kamen an Weilern und Hütten vorbei, an Zigeunerlagern und vielen Straßen, die sie in die Stadt zurückgebracht hätten. Die Hügellandschaft war hellgrün und gelb gesprenkelt mit Wiesenblumen, dazwischen dunkle Tannen, Bäche und Wiesen. Trotz Kummer und Schmerz wussten die Großeltern die Schönheit zu schätzen. Während der letzten sechs Tage, als sie die Karpaten auf der anderen Seite wieder hinabstiegen, trafen sie keine Seele. Sie durchquerten die Narbe eines Waldbrands. Vor ihnen schlängelte sich der lehmige Fluss Dniester, und in der Biegung des Flusses erblickten sie das erste Dorf in fast einer Woche. Wäre nicht am anderen Ende die Straße gewesen, gerade breit genug für ein Fuhrwerk, hätte man von einer Insel sprechen müssen.

Paarweise überquerten die Großeltern eine alte Brücke. In dem Moment, als der Letzte von ihnen, der Ziegenhirt mit zwei Ziegen, drüben war, sackte die Brücke in der Mitte ein und brach entzwei. Sie mussten bleiben. Ein kleines hölzernes Schild stand da und darauf, mit weißen Buchstaben, der Name des Dorfes: Zalischik. Und auf dieser Beinahe-Insel standen unbewohnte Steinhäuser, die dem Zerfall nahe waren. Es war ein verlassener Ort, ein vergessenes Dorf, und die Großeltern sahen sich alles an und sagten sich: Vergessen, ja, lasst uns vergessen sein. Lasst uns für uns sein. Sie sahen brachliegende Felder und Wasser in rauen Mengen, einen alten Getreidespeicher und einen tiefen Brunnen. Die Säuberer hatten ihr Werk hier bereits getan – die Juden und Zigeuner waren vertrieben, das Problem erledigt. Das Dorf auf der Landkarte abgehakt. Das kreisförmige Land in der Flussbiegung stand ihnen zur Besiedlung zur Verfügung, eine neue Welt. Sie krempelten die Ärmel auf, gruben die Erde um und begannen mit der Aussaat.

Zwanzig Jahre lang lebten sie als vergessene Menschen. Sie waren weit weg von anderen Dörfern und noch weiter von allen Städten. Dass sie lebten, wussten auch sie selbst nur, weil sie sich ihre Geschichten immer wieder erzählten: der erste Mann und die erste Frau, die große Flut, die vielen Plagen, Blut, Frösche, Heuschrecken, Finsternis. Alle Geschichten waren Geschichten vom Wandern, vom Verlorensein, vom Neubeginn. Unterdessen reparierten die Großeltern die eingestürzten Mauern, flickten die Löcher in den Dächern, ersetzten fehlende Pflastersteine, und die Matratzen bekamen neue Füllungen aus Heu und Rosshaar.

Meine Mutter und mein Vater wurden geboren. Mein Onkel und meine Tante. Der Bankier, der Metzger, die Witwe, der Gemüsehändler, alle künftigen Ehefrauen und Ehemänner. Sie wuchsen heran, lernten ihre Schuhe zu binden, einen Vorhang auszubessern, Kartoffeln zu ernten, das monatliche Haushaltsbuch zu führen. Sie lernten sämtliche Sprachen, die in ihrer Gemeinschaft bekannt waren. Sie heirateten und bekamen wiederum Kinder. Ihre Eltern wurden schwach und vergesslich. Eines sonnigen Nachmittags im Frühling entschlossen sich die Eltern meiner Mutter zu einem Bad im Fluss, ihre weichen alten Körper waren nicht stark genug für die Strömung, und sie wurden mitgerissen. Auf dem Kohlacker fand eine Trauerfeier statt, Gebete wurden gesprochen. Der Heiler erzählte eine Geschichte: Einmal wurde der Prophet Ezechiel im Abgrund der Verzweiflung zu einer Stätte dürrer alter Knochen gebracht, und Ezechiel sprach den Namen des Herrn, und die Knochen erhoben sich, Haut überwuchs sie, und sie erwachten zum Leben. Immer wieder ein Neubeginn.

Alle paar Wochen kam ein Mann und brachte Post von einem Bruder, einer Schwester, einem Vetter in der Ferne. Die Briefe enthielten Nachrichten von Geburten und Todesfällen, Pogromopfern und Davongekommenen, von Fluchten und Neuanfängen. In jedem Frühjahr und jedem Herbst beluden Männer das Fuhrwerk mit Handelsware – mit Lämmern, Rüben, Kohlköpfen, Wollpullovern und Socken, die von den Müttern und Großmüttern gestrickt worden waren, mit Pferdesätteln – und machten sich auf in die Welt. Zwei Wochen später kam das Fuhrwerk mit anderen Waren wieder zurück – mit Säcken aus grober Leinwand, Baumwollhosen für die Männer und Baumwollkleidern für die Frauen, Holzspielsachen für die Kinder, Glasflaschen, in denen die Milch, Holzeimern, in denen die Butter aufbewahrt werden konnte, sowie einem jungen Apfelbaum, der gleich gepflanzt werden musste, und einer Zeitung.

Auf diese Weise erfuhren die Großeltern, dass ein Krieg begonnen, gewütet, geendet hatte. Sie sahen Bilder von den ausgebombten Gebäuden in Deutschland und den erschöpften österreichisch-ungarischen Soldaten in Sarajewo. Die Großeltern erkannten manche Orte, weil sie schon dort gewesen waren. Unterdessen änderte sich auf ihrer Beinahe-Insel nichts. Sie sagten sich immer wieder ein Wort: vergessen. Wir erinnern uns an die Geschichte, sagten sie sich, aber möge sich die Geschichte bitte nicht an uns erinnern. Lasst uns hier versteckt bleiben, wo wir in Sicherheit sind. Und so war es gewesen, bis jetzt.

Ramona Ausubel

Über Ramona Ausubel

Biografie

Ramona Ausubel lebt in Kalifornien und New York. Ihre vielfach preisgekrönten Stories erschienen unter anderem in The Best American Short Stories, The New Yorker und The Paris Review. »Der Anfang der Welt« ist ihr erster Roman und wurde von der amerikanischen Kritik mit höchstem Lob bedacht und...

Pressestimmen

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