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Denkanstöße 2014

Denkanstöße 2014

Ein Lesebuch aus Philosophie, Kultur und Wissenschaft

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Denkanstöße 2014 — Inhalt

Wer war der Mann, den sie Jesus nannten? Und was geschieht, wenn Kohle, Gas, Öl und Uran endgültig aufgebraucht sind?

Das erfolgreiche Lesebuch präsentiert die wichtigsten aktuellen Erkenntnisse und Themen – kompetent und kompakt, zum Nachdenken und Mitreden. Erschließen Sie sich unbekannte Wissensgebiete durch Beiträge namhafter Autoren wie Hans Küng, Robert Laughlin, Beatrice von Weizsäcker, Harald Fritzsch, Cay Rademacher und vielen mehr.

€ 4,99 [D], € 4,99 [A]
Erschienen am 11.12.2013
Herausgegeben von: Isabella Nelte
240 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96466-1

Leseprobe zu »Denkanstöße 2014«

Vorwort

 

 

Stets fehlt uns die Zeit. Die Zeit für Gespräche, die Zeit, innezuhalten, die Zeit, abzuwägen. Immer treibt es uns vorwärts.

Doch was oft als Symptom der modernen Informationsgesellschaft wahrgenommen wird, ist in Wirklichkeit ein schon immer gültiger Drang nach Erkenntnis: Die Sehnsucht nach Antworten, nach Unabhängigkeit – stets ist der Mensch auf der Suche nach mehr.

Mit einem breit gefächerten Wissenspanorama lädt die neue Ausgabe der »Denkanstöße« dazu ein, dieser Suche mit aktuellen Erkenntnissen aus Philosophie, Kultur und [...]

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Vorwort

 

 

Stets fehlt uns die Zeit. Die Zeit für Gespräche, die Zeit, innezuhalten, die Zeit, abzuwägen. Immer treibt es uns vorwärts.

Doch was oft als Symptom der modernen Informationsgesellschaft wahrgenommen wird, ist in Wirklichkeit ein schon immer gültiger Drang nach Erkenntnis: Die Sehnsucht nach Antworten, nach Unabhängigkeit – stets ist der Mensch auf der Suche nach mehr.

Mit einem breit gefächerten Wissenspanorama lädt die neue Ausgabe der »Denkanstöße« dazu ein, dieser Suche mit aktuellen Erkenntnissen aus Philosophie, Kultur und Wissenschaft Nahrung zu geben: »Eine bessere Welt ist möglich« stellt Michael Schmidt-Salomon gegen allen Zynismus in der Philosophie fest. Petra Anwar und John von Düffel beschreiben »Was am Ende wichtig ist« und finden Trost spendende und ehrliche Worte für Sterbende und ihre Angehörigen. Ingeborg Gleichauf nähert sich der unmöglichen Liebe von Ingeborg Bachmann und Max Frisch zwischen Intimität und Öffentlichkeit an und Jochen Thies schildert, wie Otto von Bismarck vor mehr als hundert Jahren die Gründung des deutschen Reiches ermöglichte. Auch die Muße kommt nicht zu kurz, und so erklärt Ronald Reng in »Spieltage«, warum Fußball als Stoff für ganz große Heldengeschichten dienen kann.

In acht kurzweiligen, klugen und komprimierten Texten bietet »Denkanstöße« perfekten Lesestoff für alle, die nie aufhören, Fragen zu stellen.

Isabella Nelte

 

 

 

ERKENNTNISSE

Aus Religion und Philosophie

 

 

John Cornwell Die Beichte. Eine dunkle Geschichte

 

Als ich mit den Recherchen zu meinem Buch über die Beichte begann, fragte ich katholische Freunde: »Wann warst du zum letzten Mal bei der Beichte?« – »Vor 20 Jahren«, lauteten die Antworten, »vor 30 Jahren«, aber gelegentlich auch: »Vor zwei Monaten.« Manche meinten, das gehe mich nichts an.

Und ich selbst? Dazu muss ich ein wenig ausholen. Wie meine vier Geschwister wurde ich von einer frommen Mutter mit irischen Wurzeln katholisch erzogen. Ab meinem fünften Lebensjahr erhielt ich von Nonnen Religionsunterricht. Mit sieben Jahren, am Tag vor meiner Erstkommunion, legte ich meine erste Beichte ab. Abgesehen von meinem Vater, der nur katholisch geworden war, um meine Mutter heiraten zu können, reihten sich samstagnachmittags alle aus meiner Familie in die lange Schlange der Beichtwilligen ein.

Zu Beginn der Beichte erzählt der Pönitent, wie viele Wochen oder Monate seit der letzten Beichte vergangen sind. Er zählt die Sünden auf, die er seit seiner letzten Beichte begangen hat, dann spricht er ein Reuegebet. Der Priester kann ein paar Fragen stellen, um abzuklären, welche Art von Sünden gebeichtet wurden. Er kann auch geistlichen Beistand anbieten. Der Beichtende muss ernsthaft bereuen, dass er Gott beleidigt hat, und erklären, dass er versuchen wird, die gebeichteten Sünden nicht erneut zu begehen. Wenn es möglich ist, bei den Menschen, denen er Schaden zugefügt hat, Wiedergutmachung zu leisten, soll er dazu bereit sein. Schließlich verhängt der Priester eine Buße, in der Regel ein paar Gebete, dann spricht er die Absolutionsformel.

Als Kinder sagte man uns, dass wir durch die Absolution von den Sünden befreit wurden, die wir begangen hatten. Man lehrte uns, dass die Absolution uns im Fall einer Todsünde (einer schweren Sünde, für die man die Hölle verdient hat) die schwere Bestrafung mit ewigen Höllenqualen ersparte. Heute erzählt man den Katholiken in der Regel, dass sie die Absolution wieder mit Gottes Liebe versöhnt.

Mein Vater war, wie viele Nichtkatholiken, überzeugt davon, dass die Katholiken dank der Beichte Sünden begehen, sie sich vergeben lassen und sie dann wieder begehen könnten. Als gebildeter Katholik weiß ich es besser. Die Absolution funktionierte nur, wenn man eine »ernste Absicht zur Besserung« hatte. Diese Absicht war, wie wir erkannten, so zerbrechlich wie die menschliche Natur selbst.

Ab meinem zehnten Lebensjahr leistete ich in unserer Kirche jeden Morgen Dienst in der Messe. Mit zwölf Jahren gestand ich unserem Gemeindepriester, dass ich seinen Beruf ergreifen wolle

Im Rückblick erscheint dies seltsam, denn Pater James Cooney – streng, etwas vertrocknet, humorlos – war schwerlich ein attraktives Vorbild. Meine Mutter sagte, bei ihm zu beichten sei, als ob man »für sein Leben vor Gericht gestellt wird«. Aber ich hatte mich in das Ritual der Messe verliebt und verbrachte allein in meinem Schlafzimmer viele Stunden damit, vor einem improvisierten Altar herumzuturnen und ein erfundenes Pseudolatein zu murmeln. Im Jahr darauf kam ich ins Knabenseminar, ein klösterliches Internat, 240 Kilometer von zu Hause entfernt. Dort verbrachte ich fünf Jahre und erhielt in Vorbereitung auf das Priesterseminar eine besonders gute Ausbildung, die unter anderem Griechisch und Latein umfasste.

Ich hatte ein gutes Verhältnis zu den meisten unserer Lehrer: Sie bemühten sich sehr, uns einen hohen Bildungsstandard zu vermitteln, und waren im Allgemeinen liebenswert und gute Vorbilder als Priester.

Als ich eines Tages bei einem Seminarpriester die Beichte ablegte, bedrängte er mich sexuell. Ich begriff, dass die nach außen getragene Frömmigkeit des Geistlichen keine Garantie für echten Glauben war, und mein Vertrauen in die Integrität von Priestern war fortan erschüttert. Trotzdem trat ich mit 18 Jahren ins Priesterseminar ein, absolvierte den Kurs in Religionsphilosophie und blieb lange genug, um Erfahrungen mit der damals strengen Priesterausbildung zu machen. Ich war angehender »katholischer Geistlicher«.

Meine Berufung war indes eher eine Sache der Gewohnheit als eine bewusste Entscheidung. Ich hatte jede Woche meines Lebens gebeichtet – von der Knabenzeit bis zum 21. Lebensjahr. Doch nach sieben Jahren im Seminar – zunächst für Knaben, dann für Männer – erkannte ich, dass ich für das Priesteramt nicht geschaffen war.

Das Versäumte in der Welt nachzuholen – Musik, Tanz, Mädchen, moderne Kleidung und eigene Entscheidungen –, fiel mir nach den sittenstrengen Jahren im Seminar keineswegs leicht. In Oxford, wo ich ein Studium der englischen Literatur aufgenommen hatte, witzelte eines Tages mein verständnisvoller Tutor: »Man muss das Leben einfach so nehmen, wie es ist … also auch mit den angenehmen Seiten.«

Ich gelangte zu der Überzeugung, dass der Katholizismus, wenigstens für mich, nicht der richtige Weg zu Reife und Glück war. Gleichzeitig fand ich es schwierig, das Christentum mit meiner Weltsicht in Einklang zu bringen, die zunehmend positivistisch geprägt war. Als graduierter Student in Cambridge gab ich schließlich meinen Katholizismus bewusst auf. In den folgenden 20 Jahren schwankte ich zwischen Atheismus und Agnostizismus. Doch die Zeit, meine Träume und ein schrittweises Verständnis für die Macht der religiösen Imagination ließen mich wenigstens die Möglichkeit der Existenz eines Gottes wieder in Betracht ziehen.

Die Ehe mit einer gläubigen Katholikin, die unsere Kinder im katholischen Glauben erzog, und eine nostalgische Sehnsucht nach den Rhythmen der katholischen Liturgie bewirkten bei mir einen Sinneswandel, der freilich eher eine Weiterentwicklung als eine Rückkehr war.

Und doch bin ich noch immer auf der Hut. Es war schwer für mich, die Vorstellung von einem rachsüchtigen Gott gänzlich zu verbannen. Außerdem habe ich bis heute manchmal den vagen Verdacht, dass sich hinter der neuen Suche nach einem einst verworfenen Gott die Suche nach den verlorenen Peinigern der eigenen Kindheit verbirgt.

Dieses Buch entstammt zwar der Perspektive eines einzelnen Mitglieds der katholischen Gemeinschaft der Gläubigen, es stützt sich dabei jedoch auf ein breites Spektrum historischer Quellen und auf die persönlichen Aussagen einer Vielzahl meiner katholischen Glaubensgenossen.

Dass man anderen seine Sünden erzählt in der Hoffnung, Vergebung zu erlangen, ist so alt wie das Christentum selbst. Anfangs gestanden die Büßer schwere Sünden wie Mord und Ehebruch öffentlich. Im Mittelalter beichteten sie ihre Sünden einem Priester, vor dem sie knieten, sodass er sie berühren konnte. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts, im Gefolge der Reformation, wurde in der römisch-katholischen Kirche der Beichtstuhl, der dunkle Kasten, eingeführt – er trennt den Büßer physisch vom Beichtvater. Ihr Gespräch führen die beiden durch ein eingelassenes Gitter, das ihre Gesichter unkenntlich macht.

Während die meisten gläubigen Katholiken, die vor 1970 zur Welt kamen, häufig und manche sogar wöchentlich in diesem Beichtstuhl knieten, findet die katholische Beichte, ob innerhalb oder außerhalb des Beichtstuhls, heute kaum noch statt – ungeachtet der Appelle des letzten Papstes Benedikt XVI. und vieler Bischöfe.

Rom hat in den letzten Jahrzehnten versucht, die Beichte wieder attraktiver zu machen. Inzwischen reden Katholiken vom »Sakrament der Versöhnung«, das die Beichtväter den Pönitenten auf der Kirchenbank, auf bequemen Sitzen in einem Gemeinderaum oder am Altar spenden, wo beide für die Gemeinde sichtbar sind. Doch die benutzerfreundlichere Gestaltung hat nicht dazu geführt, dass wieder mehr Gläubige beichten.

In vielen Gemeinden wird die Beichte nur noch auf Nachfrage angeboten. Von manchen Priestern ist zu erfahren, dass sie seit Wochen, ja Monaten niemanden mehr in der Beichte hatten. Tritt man allerdings in eine Kathedrale, sieht man noch immer Schlangen von Gläubigen, die darauf warten, dass ihnen das Sakrament gespendet wird. Aber das ist ein Phänomen, das dem zufälligen, nichtkatholischen Besucher einen falschen Eindruck vermittelt.

Denn die meisten dieser Beichtwilligen der alten Schule, von denen manche vielleicht noch keine 30 Jahre alt sind, halten an einer Version des Katholizismus fest, den viele Katholiken inzwischen ablehnen. Sie reisen von weit her an, weil es in ihrer Gemeinde niemanden mehr gibt, der Beichten abnimmt, oder weil sie nicht wollen, dass der Priester sie kennt.

In den 1970er-Jahren, unter Papst Paul VI., wurde den Gläubigen noch die Möglichkeit einer »Gruppenabsolution« eingeräumt – auch als Generalabsolution bekannt. Doch sein Nachfolger Johannes Paul II. schaffte dies 1983 wieder ab. Er bestand darauf, dass Todsünden nur durch Privatbeichte durch einen Priester absolviert werden durften. Und zu diesen »Todsünden« zählten nicht nur Mord oder Ehebruch, sondern auch der Gebrauch von Kondomen, außerehelicher Sex oder die Hingabe an »unreine Gedanken«.

Vieles spricht dafür, dass der Niedergang der Beichte auch ein Symptom für eine größere Krise der katholischen Kirche ist. Denn eine Kluft hat sich aufgetan zwischen offizieller Lehre und Praxis, ein Paradigmenwechsel, wie es manche Theologen nennen, der die Art und Weise beeinflusst, welchen Begriff viele Katholiken heutzutage von Sünde und Tugend haben.

Dass die Geschichte der Beichte bis heute aber auch eine Geschichte von Macht und Unterdrückung ist, hat indes mit einem besonderen Aspekt der Beichtpraxis zu tun – dass nämlich Kinder schon im Alter von sieben Jahren die Beichte ablegen. Wie diese Regel im frühen 20. Jahrhundert entstand, wie dies als Machtinstrument ausgenutzt wurde und zugleich den Freiraum für Missbrauch eröffnete – das ist die dunkle Geschichte der Beichte, deren Folgen bis heute spürbar sind.

 

***

 

Das große Beichtexperiment

 

»Schon in einem frühen Alter, ich war noch keine acht Jahre alt, musste ich zur Beichte gehen. […] Und dann sagte man uns: ›Das ist eine Sünde, und jetzt weint dein Schutzengel wegen dir.‹ Ich werde nie vergessen, wie wir behandelt wurden und wie man uns mit dem ›bösen Geist‹, dem Teufel und der Hölle in Angst und Schrecken versetzte.« Nicht genannter Briefschreiber

 

Die Folgen von Papst Pius X. (1835–1914) Experiment mit der katholischen Jugend – zum Beispiel die Beichte ab dem siebten Lebensjahr –, das vom zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts bis in die frühen 1960er-Jahre hinein reichte, lassen sich aus den fiktionalen und nichtfiktionalen schriftlichen Zeugnissen von Personen ablesen, die in jener Zeit Kinder waren. Das katholische Leben war damals von einer zugleich defensiven und kämpferischen Religiosität geprägt. Der Feind war klar: Der atheistische Kommunismus stellte in den Zwischenkriegs- und Nachkriegsjahren eine ernste Bedrohung für die Existenz der Kirche dar. Großes Aufheben wurde in dieser Ära vom Satan in der Welt gemacht. Wie uns allen beigebracht wurde, hatte jeder von uns einen Schutzengel, der die Einflüsterungen unseres persönlichen Teufels abwehren sollte. Am Ende der Messe wurde die Gemeinde in einem Gebet an den Erzengel Michael daran erinnert, dass der Teufel »durch die Welt streift, um Seelen zu zerstören«. Katholiken, die in vorwiegend protestantischen Ländern oder Regionen wohnten, lagen oft mit lokalen Nichtkatholiken im Streit. Meine Mutter, die im Londoner East End aufwuchs, erlebte böse Konfrontationen mit den Schülern einer militant protestantischen Schule, bei denen gegenseitige Beleidigungen, Backsteine und Fäuste flogen. Die Spannungen in Nordirland wurden von den Kindern in den Großstädten Englands und Schottlands auf der Straße nachgespielt.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs besuchte ich an meiner Klosterschule die erste Klasse, als in der anglikanischen Kirche des Ortes eine von Hitlers Raketen einschlug und 15 Gemeindemitglieder tötete. Unsere fromme Lehrerin, Miss Doonan, sagte, Gott habe diese Leute bestraft, weil sie Protestanten seien. Man brachte uns bei, dass es eine schwere Sünde sei, eine Kirche der Protestanten zu betreten oder an »den Riten ihrer falschen Religion teilzunehmen«. Der Verachtung, die manche Katholiken aus dem East End für Protestanten empfanden, kam nur ihrer Verachtung für die Juden gleich. Ich hörte einmal, wie einer meiner irisch-katholischen Onkel meine großartige jüdische Großmutter Cornwell als »diese Jüdin, die Mutter des Vaters [der Kinder]« bezeichnete.

Der Papst war das lebende Symbol für Einheit und Kontinuität der katholischen Kirche. Die Loyalität gegenüber dem Papsttum war militant und unerschütterlich, ganz im Sinne des Kirchenlieds »Gott segne unseren Papst, den Großen, den Guten«. Der Katholizismus war konfrontativ: sichtbar, öffentlich. In den Medien der Vereinigten Staaten war Evangelisation sehr populär – erst im Radio, dann im Fernsehen: Die atomare Bedrohung durch Russland sollte mit Rosenkränzen bekämpft werden. Auf der ganzen Welt veranstalteten katholische Gemeinden Prozessionen außerhalb ihrer Kirchen. Die Pilgerschaft zu Marienaltären wurde in ganz Europa zu einem beliebten Sport, insbesondere die nach Lourdes in Frankreich, nach Fátima in Portugal und nach Knock in Irland. Die Räume armer wie reicher Katholiken waren mit Devotionalien geschmückt: In jedem Zimmer hing ein Kruzifix, im Wohnzimmer ein Bild des Heiligen Herzens, und im Schlafzimmer der Eltern stand eine Statue der Jungfrau Maria. Katholiken hatten die Wundertätige Medaille bei sich, feierten die unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria und trugen Skapuliere, kleine Stoffstücke, kaum größer als Briefmarken, die an einer Seidenschnur auf Brust und Rücken getragen wurden. Wer beim Sterben ein Skapulier trug, kam am Freitag nach seinem Tod aus dem Fegefeuer, so der Volksglaube. Auch einen Rosenkranz musste man unbedingt haben. Das katholische Ambiente war von Bildern, heiligem Schnickschnack und »Sakramentalien« geprägt: Andachtsbildern, geweihten Kerzen, Weihrauch, Weihwasser, Litaneien, Novenen.

Im Zentrum des Katholizismus standen die häufige Beichte und die heilige Kommunion. Die Vorbereitung auf diese Sakramente begann typischerweise mit fünf oder sechs Jahren und wurde durch lebendige Darstellungen religiöser Themen auf Öldrucken unterstützt, die zum Beispiel das Paradies, das Himmelreich, die Hölle, das Fegefeuer oder Kreuzigung und Auferstehung zeigten. Den Kindern brachte man bei, dass sie durch die Sünden Gottes Regeln brachen. Die Regeln der Kirche waren gleichwertig den Regeln Gottes.

Die Fragen und Antworten im offiziellen Katechismus lauteten wie folgt:

Frage: Was ist Sünde?

Antwort: Sünde ist ein Vergehen gegen Gott, durch jeden Gedanken, jedes Wort, jede Tat und jede Unterlassung, die gegen das Gebot Gottes verstößt.

Man brachte uns bei, dass es zwei Arten von Sünden gab. Erstens die Ursünde, »die Adam beging […], als er die verbotene Frucht aß«, der Makel und die Schuld dieser Tat hatte sich auf die ganze Menschheit »mit Ausnahme der Heiligen Jungfrau« übertragen. Zweitens die »Tatsünden […], die wir selbst begehen«. Sie gliedern sich wiederum in zwei Arten: »Todsünden und lässliche Sünden«. Das bedeutete, schlimme Sünden und weniger schlimme Sünden. Und damit wären wir beim Kernpunkt der Sache:

Frage: Warum heißt es Todsünde?

Antwort: Es heißt Todsünde, weil die Sünde so schlimm ist, dass sie die Seele tötet und man dafür die Hölle verdient. Frage: Wie tötet eine Todsünde die Seele?

Antwort: Eine Todsünde tötet die Seele, indem sie sie der heiligmachenden Gnade beraubt, die das übernatürliche Leben der Seele darstellt.

Frage: Ist es sehr schlimm, wenn man der Todsünde verfällt?

Antwort: Es ist das größte aller Übel, der Todsünde zu verfallen. Kaum oder gar nicht erwähnt wurde die Sünde als eine Handlung, die auch bei Sünden der »Unreinheit« individuell oder kollektiv anderen schadet. Sünden der Unreinheit beleidigten Gott und die eigene Seele. Außerdem wurde behauptet, dass es viel schlimmer sei, an der Seele Schaden zu nehmen als am Körper. Dies vermittelte den Eindruck, als sei es nicht so schlimm, dem Körper einer anderen Person Schaden zuzufügen. Der Katechismus fragte: »Warum ist die Seele wichtiger als der Körper?« Antwort: »Weil sie ein Geist und unsterblich ist.«

Dass Gott primär als ein Wesen dargestellt wird, das leicht zu beleidigen ist, lässt Rachsucht als einen zentralen Wesenszug Gottes erscheinen. Dies lag weniger daran, dass die christlich-jüdische Geschichte, wenigstens für einen Gläubigen, grundsätzlich schlecht wäre (wenngleich sie zahlreiche Schwierigkeiten aufweist), sondern vielmehr daran, dass sie von unseren Lehrern und durch den Katechismus mangelhaft vermittelt wurde. Eine schlimme Sünde oder Todsünde bedeutet gemäß der orthodoxen christlichen Theologie, dass man die bedingungslose Liebe eines allbarmherzigen Gottes zurückweist. Stattdessen brachte man den Kindern ein halbes Jahrhundert lang bei, dass Gottes Liebe von unserem Verhalten abhängig sei, dass er seine Meinung über uns ändern könne; dass er uns seine Liebe entziehen und uns mit ewigem Feuer bestrafen könne, wenn wir ihn beleidigten. Diese Vorstellung wurde unterstützt durch Formeln der Reue, die wir auswendig lernten. Wir baten um Vergebung für unsere Sünden und sagten, wir würden diese »vor allem« deshalb verabscheuen, weil sie »deine unendliche Güte beleidigen«.

Zu weiten Teilen des 20. Jahrhunderts ließ das Sündenverständnis, das Kindern vermittelt wurde, einen trivialen, launischen Gott vermuten, der einen Reinlichkeitsfimmel hatte. Sünden wurden als schmutzige Flecken auf dem Gewand der Seele beschrieben. Für ein Kind war dieses Gewand real, obwohl die Seele ein Geist und unsterblich war. Am Tag der Taufe bekam ich ein sauberes weißes Gewand. Wenn ich log oder meine Schwester schlug oder meiner Mutter nicht gehorchte, bekam es schwarze Flecken. Und wenn etwas richtig schiefging, wurde es ganz schwarz und ich war für die Hölle bestimmt.

Gutsein, oft auch »Heiligkeit« genannt, war keine gelebte Tugend, die den ganzen Alltag eines Menschen und seine Beziehungen zu anderen bestimmte und seinen Beitrag zum Gemeinwesen ausmachte, sondern das Gefühl, das er hatte, wenn er mit einem sauber gewaschenen Gewand aus dem Beichtstuhl kam.

 

Der amerikanische Journalist Christopher Buckley vergleicht die Angst eines Kindes vor der Beichte mit der Angst, seine Eltern zu verlieren. Dem Kind, schreibt er, wird befohlen »in einen schwarzen Kasten mit einem schwarzgekleideten Mann zu gehen und ihm […] Dinge zu erzählen, die es nicht einmal seiner Mutter erzählt hat. […] Es ist wirklich das deprimierendste Ereignis, das ich mir vorstellen kann […], fast so schlimm, wie Vater oder Mutter zu verlieren.«

Eine Briefschreiberin aus Australien spricht für viele, als sie sich an ihre »große Angst« beim Betreten des schwarzen Kastens erinnert: »Meine Füße waren von meinem eigenen Urin getränkt, so groß war meine Angst.« Als sie den Beichtstuhl verließ, zog eine Nonne sie »vor allen anderen am Ohr, um den Eimer und den Mopp zu holen und die Pfütze aufzuwischen«.

In Frank O’Connors Kurzgeschichte »First Confession« steht die finstere Geografie des Beichtstuhls für einen Subtext der akuten Angst. Jackie, der die Geschichte erzählt, erinnert sich an die Schwelle zum Erwachsenenalter: »Ich hatte eine Todesangst vor der Beichte.« Und er fährt fort: »Es war stockfinster und ich sah weder einen Priester noch sonst irgendwas. Da bekam ich richtig Angst.« Jackie fängt an, seine Beichte an die getäfelte Wand zu sprechen, bis er seinen Fehler bemerkt. Verwirrt durch das stockfinstere Innere des Beichtstuhls klettert er auf die Ablage vor der Kniebank des Beichtkinds (er wird nicht der Erste oder der Letzte gewesen sein), sodass der Priester, als er die Schiebetür vor dem Gitter zurückschiebt, nur die Knie des Jungen sieht.

Die ersten Sakramente wurden für katholische Kinder zu einem Initiationsritus – Taufe und Ehe vergleichbar. Sie waren mit zahlreichen Vorschriften und Regeln und mit der schrecklichen Sünde des »Sakrilegs« verbunden. Unter den Päpsten Pius X. und Pius XI. mussten Kinder wie Erwachsene am Tag der Kommunion ab Mitternacht fasten – nicht sonderlich schwierig für einen Erwachsenen, aber schwierig für Kinder, die ihre letzte Mahlzeit in der Regel um 18 Uhr zu sich nehmen. Schon ein Schluck Wasser reichte aus, um das Fasten zu brechen. Wer die Vorschrift missachtete und die Kommunion trotzdem empfing, beging eine Todsünde und war zu ewiger Hölle verdammt, wenn er sie nicht beichtete.

In Eine katholische Kindheit verrät die Schriftstellerin Mary McCarthy, dass sie bei ihrer ersten Kommunion ein Sakrileg beging. »Ich hatte Wasser getrunken. Gedankenlos natürlich, denn war mir nicht eingedrillt worden, dass die Hostie nüchtern empfangen werden musste, der Mensch sich andernfalls einer Todsünde strafbar machte?« Mit dem teuren Kleid, dem Schleier und dem Gebetbuch traute sie sich nicht das Fest abzusagen. Sie empfing die Kommunion. Es sei ja nur ein Schluck Wasser gewesen, schreibt sie, »doch das machte keinen Unterschied«. Sie weiß noch, dass sie an jenem Sonntagmorgen »Verzweiflung« empfand und fügt den schwachen Trost hinzu: »Tatsächlich ereignet sich ein solches Missgeschick bei Erstkommunikanten häufig.« Viele Informanten haben mir von ähnlichen Missgeschicken berichtet und von den Schuldgefühlen, die sie in den folgenden Jahren hatten. Ein Frau, die mit mir zusammen die Erstkommunion feierte, gestand mir viele Jahre später, dass sie danach vier Jahre Höllenqualen litt, nicht nur weil sie vor der Erstkommunion das Fasten brach, sondern auch weil sie diese schreckliche Sünde in den folgenden Beichten nicht gestand und so einen Berg von Schuld anhäufte, denn sie war überzeugt davon, dass sie viele Male gegen die Regeln von Beichte und Kommunion verstoßen hatte.

Wie Anthony Burgess berichtet, glaubte er, das Fasten gebrochen zu haben, weil er bei seiner Erstkommunion auf dem Weg zur Kirche im Regen den Mund öffnete und Regentropfen schluckte. »War das nicht flüssige Ernährung?«, dämmerte es ihm auf dem Weg zur Kommunionbank.

Todsünden warten auf das heranwachsende Kind wie Minen auf einem schwer verminten Feld. »Es war nur allzu leicht zu sündigen«, schreibt Burgess. »Tatsächlich schien das Leben nur noch aus Sünden zu bestehen. Ich kaufte mir für zwei Pennys ein wurstgefülltes Brötchen bei Price, und dann fiel mir ein, dass es Freitag war. Ich aß es trotzdem. Noch kauend rannte ich zur abendlichen Beichte. Als ich den letzten Bissen hinunterschluckte, begann ich zu wimmern.«

Für viele Kinder begann die mentale Folter der Beichte mit der Schwierigkeit, »Sünden« zu finden, die sie erzählen konnten. Viele erfanden Sünden und bereuten es heftig, wenn sie erkannten, dass sie ein Sakrileg begangen hatten, weil sie in der Beichte logen. In seinen Memoiren This Boy’s Life erinnert sich Tobias Wolff daran, dass ihm für seine erste Beichte keine einzige Sünde einfiel. Er wird aus dem Beichtstuhl verbannt und solle wiederkommen, wenn er etwas zu erzählen hat. Beim zweiten Versuch gesteht er Sünden, die ihm seine Katechetin, eine Nonne, als Beispiele erzählt hat. Er hat es nicht geschafft, eine einzelne Sünde in seinem Gedächtnis zu isolieren: »Der Versuch, eine einzelne Sünde herauszulösen, war Angeln in einem Sumpf, wo man einen Ruck verspürt, der zunächst ganz vielversprechend ist, dann widerspenstig und schließlich hoffnungslos, da man merkt, dass der Haken sich in den Grund gebohrt hat und dass man den ganzen Planeten am anderen Ende der Angel hat.«[5] Das Problem war die Erstellung der »Liste« von etikettierten, durchnummerierten Tatbeständen, unabhängig von Beziehungen und isoliert vom narrativen Fluss des Lebens, wie man es erfährt und sich vorstellt.

Der Junge ist ganz erstaunt darüber, wie ungerecht die Höllenstrafen sind. In den 1960er-Jahren bedeutete die Hölle, wie sie von den Nonnen im Klassenzimmer gelehrt und im Rahmen der Gemeindemission von Franziskanern, Redemptoristen und Passionisten gepredigt wurde, dass auf einen ohne Beichte gestorbenen Massenmörder die gleichen ewigen Qualen warteten wie auf ein Kind, das einmal die Messe versäumt hatte und von einem Bus überfahren wurde, bevor es die Sünde beichten konnte. Die Generation katholischer Kinder, die im Kalten Krieg aufwuchs, als die Vorwarnzeit bis zur atomaren Apokalypse angeblich nur vier Minuten betrug, litt unter der zusätzlichen Furcht, dieses plötzlichen Todes mit einer nicht gebeichteten Todsünde zu sterben.

In O’Connors Kurzgeschichte zieht eine Nonne einen der für Generationen von Katecheten typischen Vergleiche, um Kindern eine Vorstellung von der Ewigkeit zu vermitteln. Sie zündet eine Kerze an und bietet dem Jungen, der einen Finger in die Flamme halten kann, bis auf der Schuluhr fünf Minuten verstrichen sind, eine halbe Krone … Keiner meldet sich. Dann sagt sie: »Ihr habt also Angst, einen Finger – nur einen Finger! – in eine kleine Kerzenflamme zu halten, aber keine Angst, für immer und ewig in einem heißen Ofen am ganzen Leib zu brennen?« Und sie führt weiter aus: »Für immer und ewig! Stellt euch das vor! Ein ganzes Leben geht vorbei, und es ist nichts, nicht einmal ein Tropfen im Ozean unserer Qualen.«

Dann war da noch das Fegefeuer, in dem die Zeit wie auf der Erde in Tagen, Wochen, Monaten und Jahren gemessen wurde. Roddy Doyle lässt seinen Helden in dem Roman Paddy Clarke Ha Ha Ha die Absurdität dieser Einrichtung kommentieren. Sie war wie die Hölle, bloß nicht für immer: »Rund eine Million Jahre für eine lässliche Sünde; je nach Sünde und ob du eigentlich versprochen hattest, es nicht wieder zu tun. Die Eltern anlügen, fluchen, den Namen des Herrn unnütz führen – dafür gab es jedes Mal eine Million Jahre. […] Wenn du gebeichtet und deine Sünden herzlich bereut hast, ehe du stirbst, brauchst du überhaupt nicht ins Fegefeuer, sondern kommst gleich in den Himmel. Sogar wenn einer ganz viele Leute umgebracht hat? Sogar dann.«

Und die Höllenqualen bestanden nicht nur aus Feuer und Schwefel. In Christopher Durangs Theaterstück Sister Mary Ignatius explains it all for you gibt es bei der Darstellung der Hölle in der Beichtvorbereitung noch ein kleines Extra: »Wenn ich es richtig verstanden hatte, kommt man für Todsünden nicht nur in die Hölle, sondern sie hauen auch Nägel in den Körper Christi – sozusagen rückwirkend. Und du weißt, dass du unserem allliebenden Herrn durch eine deiner Taten diese ewige Agonie verursachst.«

In Antonia Whites Roman Frost in May notiert eine Klosterschülerin ihre Gedanken nach der jährlichen Freizeit, bei der ein Priester auf Besuch kam und eine schreckliche Predigt über Tod, Jüngstes Gericht und Hölle hielt. Sie schreibt, dass die grausamen körperlichen Qualen, die die Verdammten erdulden müssen, durch eine psychische Qual noch verstärkt werden: »Die Verdammten litten immer unter schrecklichem Durst, ihre geschwollenen Zungen waren ausgetrocknet und rissig.« Noch mehr jedoch litten sie unter »furchtbaren Schmerzen des Geistes wegen der Trennung von Gott, nach dem sie sich nun so schrecklich sehnten«. Sie würden gerne »zehntausend Jahre Qualen erdulden, wenn sie dafür nur eine Sekunde wieder auf der Erde leben könnten, um zu bereuen und sich mit Ihm zu versöhnen«.

Die Katecheten gaben sich alle Mühe, ihren kleinen Schutzbefohlenen einen Begriff von der Ewigkeit zu vermitteln. In The Inside Story erinnert sich Neil McKenty (für den der Beichtstuhl ein »senkrecht aufgestellter Sarg« war) an eine Schilderung, mit der ihn ein redemptoristischer Gastprediger in seiner Heimatgemeinde im kanadischen Ontario traktierte, als er erst sieben Jahre als war: »Stellt euch vor, ein Vogel fliegt über einen Sandstrand, der tausend Meilen lang und hundert Meilen breit und fünfzig Fuß tief ist. Der Vogel fliegt nur einmal im Jahr über den Strand und pickt jedes Jahr ein einziges Sandkorn auf. Wenn der ganze Sand weg ist, dann fängt die Ewigkeit in den Öfen der Hölle gerade erst an.« McKenty fügt hinzu: »Die Beschreibung eines feurigen und ewigen Infernos mag heute lächerlich erscheinen, aber mir kam sie mit sieben Jahren im Jahr 1932 nicht lächerlich vor.«

Wenn die Kinder sich der Pubertät näherten, mussten die Sünden und die Sprache der »Unreinheit« behandelt werden. Der Philosoph Michel Foucault vertritt im ersten Band von Sexualität und Wahrheit die Ansicht, die Beichte habe die moderne Wahrnehmung der Sexualität und des Körpers sowie den Diskurs über sie geprägt. Ein bittersüßes Beispiel dafür ist Molly Blooms dramatischer Monolog in James Joyce’ Ulysses, in dem sie sich daran erinnert, wie sie ein bisschen pubertäres Gefummel beichtete: »[U]nd dann kann ich diese ganze Beichterei auf den Tod nicht ausstehen wie ich immer zu Pater Corrigan gegangen bin er hat mich angefasst Pater na wenn schon was ist denn dabei und er gleich wo und ich wie ein richtiges Doofchen als Antwort am Kanalufer aber ich meine doch wo an deinem Körper mein Kind am Bein hinten oben ja ziemlich hoch oben wars dort wo du sitzt etwa ja o mein Gott konnt er nicht einfach Hintern sagen und fertig […].«

Für die Schriftstellerin und Missionarin Margaret Hebblethwaite war die Beichte verwirrend, weil es so schwierig war, die richtige Sprache für Sexualität und Körper zu finden: »Wie konnten wir zur Beichte gehen, wenn wir die Namen unserer Sünden nicht kannten? Angenommen, es gab Sünden, die mit Sex zu tun hatten, und wir wussten nicht, wie wir Worte für sie finden sollten?«

Die Fachsprache der Reue mit Formeln wie »Gelegenheit zur Sünde« und »fester Vorsatz der Besserung« war leicht zu begreifen, aber nicht so leicht auf Situationen im wirklichen Leben anzuwenden. Es konnte Missverständnisse geben, die ein ganzes Leben veränderten. Edna O’Brien hatte gelernt, dass schon ein Kuss eine »Gelegenheit zur Sünde« und deshalb eine Todsünde sei, und dass ihre Beichte ungültig war, weil sie nicht den »festen Vorsatz« fassen konnte, es nie wieder zu tun. Ihr Bericht ruft eine ganze Ära neurotischer Gewissensbisse wieder ins Gedächtnis, die bei Generationen junger Katholiken erzeugt wurden.

Viele Zeugen berichten von exzentrischen Informationen über das Wesen der Beichte, die Gewissensbisse auslösten, eine Art ängstliche Besessenheit, die zum Teil durch Angst und zum Teil durch unangemessene Schuldgefühle verursacht war.

So berichtet Dr. S. in einem Brief von einem Lerninhalt, den auch viele andere Betroffene erwähnten: »Man hatte uns auch erzählt, dass es wahrscheinlich am besten ist, unmittelbar nach der Beichte zu sterben, weil man dann direkt in den Himmel kommt.« Laut Dr. S. war der Religionsunterricht damals »einfach unglaublich schädlich« und hinterließ viele Kinder »in einer Marinade von Schuld und Gewissensbissen – mich eingeschlossen«.

Eine andere Zeugin berichtet in ihrem Brief, sie sei in ihrer Kindheit einer langen Reihe von »zornigen oder verrückten Priestern« begegnet. Viele andere berichten von Priestern, die ihnen unter unangemessenen Umständen die Beichte abnahmen. Ein Priester verprügelte einen Knaben wegen eines angeblichen Vergehens mit dem Stock, dann stellte er ihn zwischen seine Knie und nahm ihm so die Beichte ab. »Ich war zu klein, um zu knien«, schreibt sein ehemaliges Beichtkind. Die Erstkommunion von Ms C. L. fand im Kirchenschiff auf einer Bank statt: »Er nahm mich und setzte mich auf seinen Schoß.« Ein anderer Briefschreiber berichtet von seiner »Großnichte«. Ihre erste Beichte war im »Gang der Kirche. Er hatte zwei große Hunde an jeder Seite, und dieses kleine Mädchen stand vor ihm. Es war ein abscheuliches Erlebnis.« Ein Junge mit sechs Geschwistern, der aus einer irischen Migrantenfamilie stammte, berichtet von seinen Erfahrungen als Sohn eines Gefängniswärters. Der Gefängnispfarrer fungierte als Gemeindepfarrer für die Familie, und der Sonntagsgottesdienst einschließlich der Beichte fand in der Gefängniskapelle statt: »Es gab keinen abgeschlossenen Raum, in dem die Beichte abgenommen werden konnte, außer den zellenartigen Klos für Damen und Herren neben dem Haupteingang. Also fand die Beichte auf dem Herrenklo statt. Der Pater saß auf der Toilettenschüssel, und ich kniete vor ihm.«

Pressestimmen

Kleine Zeitung

»Kompetent und kompakt, zum Nachdenken und Mitreden. Es bietet die Möglichkeit, sich bisher unbekannte Wissensgebiete zu erschließen.«

Inhaltsangabe

Inhalt

Vorwort

Erkenntnisse

Aus Religion und Philosophie

  • Hans Küng : Was ist christlich ?
  • Beatrice von Weizsäcker : Liebe deinen Nächsten wie dich selbst ! Warum sollte ich ?

EINSICHTEN

Aus Geschichte und Gesellschaft

  • Felix Römer : Kameraden. Die Wehrmacht von innen
  • John Casti : Wie wird ein Ereignis zum X-Event ?

THESEN

Aus Naturwissenschaft und Medizin

  • Robert B. Laughlin : Der Letzte macht das Licht aus
  • David Agus : Das Ende der Krankheit

ERFAHRUNGEN

Aus dem Leben großer Persönlichkeiten

  • Eva Rieger : Friedelind Wagner. Die rebellische Enkelin Richard Wagners
  • Ursula Ludz und Thomas Wild : Hannah Arendt und Joachim Fest über die » Banalität des Bösen «

Quellen

Autoren

Kommentare zum Buch

Denkanstöße
Gabriele Voigt-Weise am 01.08.2013

Das ist mein Buch, ich freue mich unbändig darauf!

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