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Denkanstöße 2012

Denkanstöße 2012

Ein Lesebuch aus Philosophie, Kultur und Wissenschaft

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Denkanstöße 2012 — Inhalt

Wer arm ist, muss früher sterben – wie funktioniert unser Gesundheitsweisen tatsächlich? Hat das Universum einen Anfang und ein Ende? Wenn ja, wie kann aus dem Nichts eigentlich Alles werden und am Ende aus Allem wieder Nichts? Die Wirtschaft braucht neue Werte – aber welche? Dieses erfolgreiche Lesebuch präsentiert alljährlich mit großem Erfolg neue Erkenntnisse aus Politik, Wirtschaft, Philosophie und Naturwissenschaften von namhaften Autoren wie Hans Küng, Teja Fiedler und Nelson Mandela. Übersichtlich nach Themen gegliedert, bringen die Texte Wichtiges und Wissenswertes zur Sprache. Ein Jahrbuch zum Mitdenken, Mitreden und Weiterdenken.

€ 4,99 [D], € 4,99 [A]
Erschienen am 06.12.2011
Herausgegeben von: Lilo Göttermann
208 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95573-7

Leseprobe zu »Denkanstöße 2012«

Vorwort

 

Kann man anständig wirtschaften – und Erfolg haben? Gehen Moral und wirtschaftlicher Erfolg überhaupt zusammen? Wer waren eigentlich die Moltkes, deren Familiendynastie die militärische Tradition Preußens ebenso verkörpert wie den Widerstand gegen Hitler? Und ist es tatsächlich so, dass derjenige früher sterben muss, der arm ist? Was läuft falsch in unserem Gesundheitssystem? Die »Denkanstöße 2012« beantworten diese und viele andere spannenden Fragen nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen.
So analysiert Hans Küng das Problem des [...]

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Vorwort

 

Kann man anständig wirtschaften – und Erfolg haben? Gehen Moral und wirtschaftlicher Erfolg überhaupt zusammen? Wer waren eigentlich die Moltkes, deren Familiendynastie die militärische Tradition Preußens ebenso verkörpert wie den Widerstand gegen Hitler? Und ist es tatsächlich so, dass derjenige früher sterben muss, der arm ist? Was läuft falsch in unserem Gesundheitssystem? Die »Denkanstöße 2012« beantworten diese und viele andere spannenden Fragen nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen.
So analysiert Hans Küng das Problem des gerechten Wirtschaftens in einer Zeit, in der der Sozialismus verschwunden ist und der Kapitalismus sich gerade selber ruiniert, erforscht Frédéric Lenoir in Buddha, Sokrates und Jesus die drei großen Schlüsselfiguren des Denkens und des Glaubens und gibt Michio Kaku einen einmaligen Einblick in Einsteins bildhaftes Denken.
Dieses beliebte Jahrbuch liefert aus dem aktuellen Sachbuch-Programm des Piper Verlags neueste Forschungen, erstaunliche Erkenntnisse und mitunter kontroverse Standpunkte. Mit den besten Texten von namhaften Autoren wie Gabor Steingart, Hans Küng oder Nelson Mandela, übersichtlich nach Themen gegliedert. All dies und mehr wird Ihnen präsentiert, zum Blättern und Lesen. Wo immer Sie das Buch aufschlagen und zu lesen beginnen – Sie werden ungewohnte Einblicke erhalten und interessante Gedanken entdecken.

 

Lilo Göttermann

 

ERKENNTNISSE

 

Aus Philosophie und Religion

 

Christopher Potter

 

Eine handliche Geschichte des Universums

 

Die materielle Welt besteht aus Dingen, und diese Dinge sind in Bewegung. Zweitausend Jahre lang wurde Bewegung so aufgefasst, wie Aristoteles sie beschrieben hatte. Aristoteles hatte eine elaborierte Metaphysik der Bewegung konstruiert, seine grundlegende Behauptung war aber, dass ein Gegenstand sich nur bewegt, wenn er angestoßen wird, und dass schwere Objekte schneller fallen als leichte.
Galilei verbrachte einen Großteil seines Lebens damit, Bewegung auf eine neue Art zu beschreiben. Sein erstes Buch hieß De motu (Über die Bewegung), und sein letztes, die Discorsi e dimostrazioni matematiche intorno a due nuove scienze (Unterredungen und mathematische Beweise über zwei neue Wissenszweige, 1638 in den Niederlanden ohne Imprimatur der Inquisition veröffentlicht), kehrte wieder zu diesem Gegenstand zurück. Galilei revolutionierte die Idee der Bewegung. Er zeigte, dass alle Gegenstände, lässt man sie aus gleicher Höhe fallen, ungeachtet ihrer Masse zur selben Zeit den Boden erreichen, zumindest in einem Vakuum. Diese Erkenntnis gewann er höchstwahrscheinlich durch Nachdenken anstatt durch ein Experiment. Die Beziehung zwischen dem Nachdenken über die Welt und ihrer Vermessung ist eng und kompliziert. Das berühmte Experiment, bei dem angeblich Kanonenkugeln verschiedener Größe vom Schiefen Turm von Pisa fallen gelassen wurden, hat nie stattgefunden. Dass in Galileis Gedankenexperiment die Kanonenkugeln nur im Vakuum gleich schnell fallen, ist eigentlich eine platonische Idealisierung der Welt – die Dinge werden so betrachtet, wie sie sein sollen, anstatt so, wie sie in unserer korrupten Welt erscheinen. Aber aus diesen idealisierten Betrachtungen heraus ist dann eine überprüfbare Theorie entwickelt worden. Experimente beweisen, dass die Welt wirklich so ideal ist und doch nicht so, wie sie erscheint. Ein Genie wie Galilei ist sich manchmal so sicher, dass die Realität so sein muss, wie er sie verstanden hat, dass der Ausgang eines Experiments schon vorweggenommen ist. Und wenn Galilei seine Theorien nicht immer überprüft haben mag, dann haben geringere Sterbliche das später nachgeholt. In Abwesenheit großer Geister arbeitet die Naturwissenschaft normalerweise umgekehrt: Die korrupte Natur wird beobachtet und gemessen, und aus den Ergebnissen wird eine idealisierte Theorie abgeleitet. Die moderne wissenschaftliche Methode könnte demnach als Erweiterung und Verschmelzung der platonischen und der aristotelischen Philosophie verstanden werden. Die Beobachtung haben wir von Aristoteles und die idealisierte mathematische Beschreibung von Platon geerbt. Es besteht allerdings die Gefahr, dass wir im Nachhinein zu große Unterschiede zwischen diesen beiden Philosophen sehen, Unterschiede, die zu ihren Lebzeiten bedeutungslos waren.
Galilei – und nicht Einstein – erkannte auch als Erster, dass alle Bewegung relativ ist. In einem weiteren Gedankenexperiment stellte er sich zwei Boote vor, die sich mit gleichmäßiger Geschwindigkeit auf einem völlig ruhigen Meer, auf dem es keinerlei Fixpunkte gibt, fortbewegen (ein Szenario, das nur in einer platonischen Welt vorkommen kann). Allein durch Nachdenken erkannte er, dass weder die Insassen des einen noch die des anderen Bootes würden feststellen können, was sich wirklich bewegt, sondern dass nur die relative Bewegung der beiden Boote zueinander ersichtlich wäre. Es gibt kein Experiment, das man durchführen könnte, um herauszufinden, ob das eigene Boot sich bewegt oder das andere Boot oder ob sich beide bewegen. Man braucht eine Küstenlinie oder irgendetwas Unbewegliches, um absolute Bewegung messen zu können. Das Universum hat allerdings keine Küste – nicht einmal die sogenannten Fixsterne helfen hier, weil sie eben nicht fixiert sind, sondern nur aufgrund ihrer weiten Entfernung so aussehen. Über die Bewegung der Körper im Universum können wir eigentlich nur sagen, dass wir sehen, wie sie sich relativ zueinander bewegen.
Im Zentrum des ptolemäischen Kosmos befindet sich eine stationäre Erde, die damit zur Küstenlinie im obigen Sinne wird, von der aus man alle Bewegungen messen kann. In Galileis Kosmos gibt es kein unbewegtes Zentrum und daher keine Küstenlinie. Es kann ja in einem Universum, das aus Dingen besteht, die sich relativ zueinander bewegen, keinen festen Punkt geben. Von keinem Ding im Universum kann man jemals sagen, dass es wirklich stillstehe. Für die Menschen auf der Erde ist die scheinbare Unbewegtheit nur eine weitere naheliegende Illusion.
Isaac Newton (1643 – 1727) formalisierte und entwickelte Galileis Gedanken in seinen drei Bewegungsgesetzen fort. Das erste Gesetz besagt, dass alle Gegenstände sich bei fehlender Reibung ununterbrochen und für immer weiterbewegen, bis sie von einer auf sie einwirkenden Kraft aufgehalten werden. Dieses Gesetz wird als Trägheitsgesetz bezeichnet. Das zweite newtonsche Gesetz beschreibt, was geschieht, wenn eine Kraft auf einen Gegenstand einwirkt (er wird beschleunigt), und das dritte besagt, dass alle Kräfte paarweise auftreten: Wann immer eine Kraft einwirkt, entsteht eine Gegenkraft in der anderen Richtung. Aristoteles war bereits nahe daran gewesen, das Trägheitsprinzip zu erkennen. Es war seine Ablehnung platonischer Idealisierungen wie Ewigkeit, Vakuum und reibungslose Oberflächen, die ihn zum entgegengesetzten Schluss brachte. Er behauptete, dass es in einem Vakuum keine Bewegung geben könne und daher auch kein Vakuum existiere. In den folgenden zweitausend Jahren sollte das Trägheitsprinzip noch mehrfach wiederentdeckt werden, insbesondere durch den chinesischen Philosophen Mo-tzu im 3. Jahrhundert und durch arabische Philosophen im 11. Jahrhundert, aber dieses neue Bewegungsverständnis konnte sich nicht durchsetzen, bis Newton es zu einem Teil seiner radikalen Neukonzeption der physikalischen Realität machte. Mit seinen drei Gesetzen begründete Newton die mathematische Beschreibung einer physikalischen Welt, in der es Begriffe wie Masse, Geschwindigkeit, Beschleunigung und Impuls gibt. In diese neue Welt führte er eine neue und gesonderte Art von Kraft ein, die er separat in seiner Theorie der universellen Gravitation beschrieb. Wie schon Kopernikus vor ihm postulierte Newton, dass aller Materie eine Neigung innewohne, die über die Leere des Raums hinweg Gegenstände zueinander hinzieht. Der Unterschied ist allerdings, dass Newton einen Weg fand, die Natur dieser Kraft mathematisch zu beschreiben. Mit einer einzigen Gleichung zeigte er, dass die Stärke der Gravitationskraft direkt von der Masse der einander anziehenden Körper abhängt und mit dem Quadrat desAbstands zwischen ihnen abnimmt. Galilei und Newton verdanken wir die Methodik der Verbindung von Mathematik und Erkenntnis. Die Natur ist »in der Sprache der Mathematik geschrieben«, schrieb Galilei, »und ihre Buchstaben sind Dreiecke, Kreise und andere geometrische Figuren, ohne die es nicht menschenmöglich ist, eines ihrer Worte zu verstehen; ohne sie irrt man in einem Labyrinth umher«.
Können wir uns vorstellen, wie die Welt aussah, bevor Newton sie in den Kategorien von Geschwindigkeit, Masse und Gravitation beschrieb, als man die Schwerkraft nur erahnen, aber nicht beschreiben konnte? Wir haben Newtons Weltbeschreibung derart verinnerlicht, dass wir von der früheren Welt vielleicht so sehr abgeschnitten sind, dass wir sie gar nicht mehr erfassen können.
Newtons Gravitationskraft ist nicht weniger mystisch als die von Kopernikus postulierte Kraft, aber in diesem Fall sind wir bereit, den Eintrittspreis zu bezahlen – unseren Unglauben zu suspendieren –, weil die Erklärungsmacht der newtonschen Theorie so umfassend ist. Die Schwerkraft vereinigt Himmel und Erde. Dieselbe Kraft, die einen Apfel zu Boden fallen lässt, zwingt auch den Mond auf seine Bahn um die Erde. In der aristotelischen Physik werden die verschiedenen Teile des Kosmos unterschiedlich beschrieben: Die Bewegung der Planeten wird anders erklärt als die Bewegung von Gegenständen auf der Erde. Der französische Philosoph René Descartes (1596 – 1650) versuchte, die Bewegung der Planeten als Ergebnis von Wirbeln in einer den Raum erfüllenden Flüssigkeit zu fassen. Newton dagegen lieferte eine gemeinsame Erklärung für große und kleine Gegenstände im ganzen Universum: keine lokale, sondern eine universelle Beschreibung. Er beschrieb, wie Kopernikus’ mystische Kraft aussehen müsste – wie sie sich mathematisch gesehen verhalten müsste –, wenn wir erklären wollen, warum wir die Bewegung der Erde durch den Raum nicht wahrnehmen. Die Gravitation hält die Dinge auf der Erde, auch ihre Atmosphäre, zusammen, als ob der Planet ein Schiff wäre, das durch die Leere pflügt. In allen Größenordnungen bewahrt die Gravitation die Strukturen des Universums, vom Planetensystem über Galaxien und Galaxienhaufen bis zu den Superhaufen.
Newtons Bewegungsgesetze sagen uns, warum die Planeten, einmal angestoßen, in Bewegung bleiben. Die Planeten stehen der platonischen Welt der Ideale näher, da sie reibungslos durch den Raum ziehen. Auf der Erde ist die Gültigkeit dieser Bewegungsgesetze weniger offensichtlich. Bewegte Gegenstände werden hier abgebremst und aufgehalten, weil es auf der Erde Reibung gibt: Die Bewegung wird behindert und ihre wahre platonische Natur verschleiert.
In einem rein mechanistischen Weltbild dürfte es eine mystische Kraft wie die Schwerkraft eigentlich nicht geben, aber Wissenschaftler sind Pragmatiker. Wenn die Theorie gut genug funktioniert, lässt man, zumindest vorläufig, lieber etwas Mystizismus zu anstatt zu viel Mysterium. Descartes’Versuch einer mechanistischen Beschreibung zur Erklärung der Planetenbewegung scheint dem Geist des Materialismus eher zu entsprechen, aber Newtons Erklärung, obwohl sie auf einer immateriellen Kraft beruht, hat die entschiedenen Vorteile von Universalität und mathematischer Eleganz. Sie heißt aus gutem Grund universelle Gravitationstheorie. Galilei und Newton hoben die Ruhe im Zentrum des Kosmos auf und ersetzten sie durch Relativität. Die Erde bewegt sich mit 30 Kilometern pro Sekunde um die Sonne. Aber auch die Sonne steht nicht still: Sie bewegt sich zum Beispiel relativ zum galaktischen Zentrum. In 225 bis 250 Millionen Jahren umrundet das Sonnensystem das Zentrum der Galaxis, und zwar mit vielfacher Schallgeschwindigkeit (217 Kilometer pro Sekunde). Die Milchstraße rast mit 88 Kilometern pro Sekunde auf die Andromeda-Galaxie zu. Die Lokale Gruppe umkreist mit 600 Kilometern pro Sekunde den Mittelpunkt des Virgo-Superhaufens. Dieser bewegt sich seinerseits um einen Galaxienkomplex, der als Großer Attraktor bezeichnet wird. Im gesamten Universum ist alles in Bewegung, in jedem Maßstab.
Stillstand ist eine Illusion. Wir messen Bewegung in Bezug auf Zeit- und Raumachsen, die wir mit uns führen. Es war Descartes, der anhand einer Fliege im Zimmer zuerst erkannte, dass man Gegenstände in einem Koordinatensystem mit drei Raumkoordinaten und einer Zeitkoordinate eindeutig beschreiben kann. Wir stellen sicher, dass eine konstante Bewegung von unterschiedlichen Beobachtern – zum Beispiel einem auf der Erde und einem anderen irgendwo am Ende eines Spiralarms in einer anderen Galaxie – als die gleiche Bewegung registriert wird, indem wir sie durch eine simple Addition oder Subtraktion aus dem einen Bezugssystem in das andere überführen. Es wäre reiner Egoismus zu behaupten, Stillstand sei dort, wo ich ihn festgelegt habe. Nur per Dekret kann man die Erde zum unbeweglichen Zentrum des Universums erklären.
Newtons Universum aus einzelnen beweglichen Gegenständen findet auf einer Bühne statt, die aus Raum und Zeit besteht und keinen Ort der Ruhe besitzt. Raum und Zeit sind unveränderlich, ewig und unendlich. Der Raum hat eine unendliche Ausdehnung, und die Zeit läuft ab wie von einem Pendel gemessen, das in alle Ewigkeit Bögen im Raum beschreibt. Die newtonsche Weltsicht versichert uns, dass es in einem vollständig leeren Universum immer noch Zeit und Raum gäbe. Die Leere hätte Bedeutung. Selbst wenn es nichts gäbe, wären Zeit und Raum immer noch da.
Mehrere Hundert Jahre lang funktionierte Newtons Beschreibung des Universums sehr gut. Aber dann ging uns Bewohnern der schnelleren, modernen Welt auf, dass selbst seine Theorie ihre Grenzen hat. Newtons Bewegungsgesetze gelten für die Geschwindigkeiten, mit denen wir in unserem täglichen Leben zu tun haben, aber wenn wir einen weniger egozentrischen Standpunkt einnehmen, stellen wir fest, dass sie nicht universell gelten. Bei sehr hohen Geschwindigkeiten treffen sie nicht mehr zu. Newtons Bewegungsvorstellung gilt, wie sich herausstellt, nur für bestimmte Arten von Bewegung. Sie ist eine Näherung, wie letztlich alle naturwissenschaftlichen Theorien.
Manchmal kann man eine Theorie durch Änderungen retten; dann wieder muss man, um die Welt genauer zu beschreiben, von einem völlig anderen Ansatz ausgehen. So auch hier.
Albert Einstein (1879 – 1955) konzipierte das Universum neu, um Phänomene erklären zu können, bei denen Newtons Mechanik versagte. Diese Neukonzeption war ziemlich grundlegend: Zeit und Raum sind keineswegs absolut, wie Newton angenommen hatte, und sehen auch nicht so aus, wie wir sie wahrnehmen. Einstein erkannte, dass es etwas noch Fundamentaleres als Raum und Zeit gibt.
Das Wort »fundamental« kann genau wie »einmalig« eigentlich nicht gesteigert werden. Nichts kann »einmaliger« oder »am einmaligsten« sein. Wenn etwas fundamental ist, dann kann es doch kein tieferes Verständnis, nichts noch Fundamentaleres geben? Aber in der wissenschaftlichen Diskussion wird der Welt ständig der Boden entzogen. Wir können nie sicher sein, dass die von uns als fundamental angenommenen Eigenschaften lange fundamental bleiben werden. In der Wissenschaft ist die Wahrheit immer nur provisorisch. Tatsächlich kann man den Begriff der Wahrheit ganz umgehen. Es gibt statt zutreffender Aussagen nur zutreffendere, und immer auch etwas noch Zutreffenderes. Man könnte den wissenschaftlichen Fortschritt sogar als das sichere Wissen verstehen, dass es immer noch eine gegenwärtig unbekannte fundamentalere Eigenschaft gibt.
Einstein stellte eine neue Definition von Bewegung auf. Er erkannte, dass alle Bewegung der Bewegung des Lichts gleicht. Daran, was das bedeutet, muss man sich erst gewöhnen. Wir sind uns so sicher zu wissen, was Bewegung ist, dass es fast unser Vorstellungsvermögen übersteigt, sie anders aufzufassen. Newtons Vorstellung von absoluter Zeit und absolutem Raum und der Bewegung der Dinge relativ zueinander in einem festgelegten Bezugsrahmen entspricht uns so sehr, dass uns Einsteins Theorie nach über hundert Jahren immer noch schockiert.
Einsteins berühmte Theorie, die heute als Spezielle Relativitätstheorie bekannt ist, wurde erstmals 1905 in einem Aufsatz mit dem Titel Zur Elektrodynamik bewegter Körper formuliert. Ihren heutigen Namen erhielt sie durch den Physiker Max Planck (1858 – 1947); Einstein selbst hielt die Bezeichnung »Relativität« für missverständlich und hätte »Invarianz« vorgezogen, was eigentlich das Gegenteil bedeutet.
Von Galilei übernahm Einstein das Prinzip der Relativität und die darin enthaltene kopernikanische Vorstellung, dass die Realität für alle Beobachter, die sich mit gleichmäßiger Geschwindigkeit bewegen, gleich aussehen muss. Außerdem inspirierte ihn das Werk des österreichischen Philosophen und Physikers Ernst Mach (1838 – 1916). Mach war durch ein Gedankenexperiment zu der Erkenntnis gelangt, dass die Bewegung eines einzigen Gegenstands in einem leeren Universum bedeutungslos ist (weil Bewegung nur relativ zur Bewegung eines anderen Gegenstands Bedeutung hat). Das bis heute nicht völlig verstandene machsche Prinzip besagt, dass an jeder Bewegung das gesamte Universum beteiligt ist. Das Universum hält dagegen, wann immer wir eine Kraft auf einen Gegenstand anwenden. Mithilfe dieses Prinzips konnte Einstein ein leichtes Schwanken der Erde erklären, das die newtonsche Mechanik außer Acht gelassen hatte und das auf den Einfluss all dessen zurückgeht, was jenseits der Sonne und der Planeten liegt. Machs seltsames Prinzip scheint zu implizieren, dass das Universum irgendwie wisse, wie es die Erde zum Schwanken bringen kann, und sogar wisse, wenn ein Apfel zu Boden fällt. Was auch immer die Implikationen sein mögen – Mach befreite jedenfalls Einstein von der Vorstellung, dass man feste Zeit- und Raumachsen benötige, um Bewegung zu beschreiben. In Newtons Konzeption der physikalischen Realität bilden Zeit und Raum den Bezugsrahmen, in dem sich das Drama des Universums abspielt. Von dieser Vorstellung befreit, ging Einstein daran, das Universum in ein anderes Theater zu verlegen.
Schon seit über einem Jahrhundert war bekannt, dass das Licht eine endliche Geschwindigkeit hat, obwohl erst 1840 dem französischen Physiker Hippolyte Fizeau (1819 – 1896 ) die erste brauchbare Messung gelang. Bis 1862 waren diese Messungen bis auf ein Prozent genau. Erst Einstein erkannte allerdings, dass die Lichtgeschwindigkeit die größte im Universum mögliche Geschwindigkeit sein muss. Diese eine Annahme unterminiert Newtons Vorstellung der relativen Bewegung. Einstein sagt uns, dass die Lichtgeschwindigkeit nicht relativ sein kann. Gleichgültig, in welcher Relation eine Bewegung zum Licht steht – diese Bewegung kann niemals schneller als die des Lichts sein (weil es keine größere Geschwindigkeit als die Lichtgeschwindigkeit gibt). In Newtons Welt wird vorausgesagt, dass die relative Geschwindigkeit zweier aufeinander zurasender Lichtstrahlen die doppelte Lichtgeschwindigkeit sei. In Einsteins Welt kann auch diese kombinierte Bewegung nicht schneller als mit Lichtgeschwindigkeit ablaufen. Wegen einer seltsamen Eigenschaft des Lichts erkannte Einstein, dass Bewegung nicht so sein kann, wie Newton sie beschreibt. Zu sagen, dass sich nichts schneller als das Licht bewegt, ist nur ein anderer Weg, zu sagen, dass die Bewegung des Lichts invariant und nicht relativ ist.
In der newtonschen Welt, in der wir uns wähnen, glauben wir zu wissen, wie sich eine Bewegung von einer anderen unterscheidet, und sei es nur, weil wir sehen, wie Gegenstände sich relativ zu uns mit verschiedener Geschwindigkeit bewegen. Wir glauben sogar, diese Relativgeschwindigkeiten messen zu können. Frontal gegen eine Wand zu krachen ist halb so schlimm wie frontal gegen ein Auto zu krachen, das uns mit gleicher Geschwindigkeit entgegenkommt.
Einstein demonstriert, dass die Welt so nicht aufgebaut ist: Sie erscheint nur bei den geringen Geschwindigkeiten so, mit denen wir es im Alltag zu tun haben. Newtons Beschreibung ist, zugegeben, eine sehr gute Näherung. Es ist aber nicht so, dass Newtons Beschreibung nur nahe der Lichtgeschwindigkeit nicht mehr stimmt: Sie stimmt vielmehr bei überhaupt keiner Geschwindigkeit. Bei niedriger Geschwindigkeit fällt das nur nicht auf. Letztlich geht es in der Wissenschaft nicht um Näherungen, sondern um immer feinere Messungen, und manchmal muss man anders messen, um genauer zu messen. Wenn sich Gegenstände mit hoher Geschwindigkeit bewegen – nahe der Lichtgeschwindigkeit –, wird klar, dass relative Geschwindigkeiten nicht so einfach addiert werden können, wie wir das gewöhnt sind. Um zu erklären, warum Newtons Erklärung nicht funktioniert, musste Einstein Bewegung anders beschreiben. Denn wie kann es in einer einheitlichen Beschreibung der Welt eine Art von Bewegung geben, die sich in ihrer Natur von der Bewegung aller anderen Gegenstände unterscheidet? Das geht nicht, und daher musste etwas an unserer Konzeption der Welt falsch sein.
Einstein überwindet die Idee der relativen Geschwindigkeiten und ersetzt sie durch das tiefere Verständnis, dass Bewegung nicht relativ ist: Sie ist invariant, und sie ist dieselbe Bewegung wie die des Lichts. Aber wie kann das sein? Wie kann ein gemächlicher Spaziergänger sich genauso bewegen wie das Licht? Das ergibt keinen Sinn. Aber das scheint nur so, weil wir zu wissen glauben, was Bewegung ist, und in newtonschen Kategorien denken. Einstein beschreibt Bewegung anders, und zwar durch eine tiefer gehende Vereinigung von Zeit und Raum. Er fasst Raum und Zeit zu einer einzigen vierdimensionalen Realität namens Raumzeit zusammen, und in dieser extradimensionalen Realität gibt es tatsächlich nur eine Art von Bewegung. Verschiedene Bewegungen wirken nur verschieden auf uns, weil wir diese Einheit von Zeit und Raum nicht erkennen.
Einstein setzt die absolute und ewige Realität von Newtons Raum und Zeit außer Kraft und ersetzt sie durch eine neue Absolutheit: die unwandelbare Natur des Lichts. Zeit und Raum werden relative Eigenschaften, weil die Lichtgeschwindigkeit nicht relativ ist. Eine der Konsequenzen dieser Erkenntnis ist, dass in dieser neuen einsteinschen Welt die Uhren für jemanden, der sich relativ zu uns bewegt, langsamer gehen (in der newtonschen Welt unserer Erfahrung). Und, vielleicht noch bizarrer, die Person, die wir beobachten, denkt dasselbe von uns: dass unsere Uhr langsamer gehe. Diese Symmetrie ist notwendig wahr, wenn das kopernikanische Prinzip, dass wir alle die Welt auf dieselbe Weise wahrnehmen, bestehen bleiben soll.
Aus der Sicht eines Lichtstrahls verlangsamt sich die Zeit so dramatisch, dass sie stillsteht. Das Licht bewegt sich nicht durch die Zeit, sondern ausschließlich durch den Raum. Aus dieser Erkenntnis heraus können wir vielleicht ein wenig besser verstehen, dass alle Bewegung der des Lichts gleicht: Andere Bewegungen finden zu einem mehr oder weniger großen Teil nicht im Raum, sondern in der Zeit statt. Der gemächliche Fußgänger scheint sich im Vergleich zum Licht langsam zu bewegen, weil der größte Teil seiner Bewegung in der Zeit statt im Raum abläuft. Sehen wir uns die Bewegung in der Raumzeit an, dann sehen wir (oder werden von einem Mathematiker überzeugt), dass die Bewegung dieses Fußgängers und die des Lichts äquivalent sind.

Pressestimmen

P.M.Magazin

»Eine Inspiration für alle Erkenntnissucher, die sich einen schnellen Überblick verschaffen wollen.«

Inhaltsangabe

Inhalt

Vorwort

ERKENNTNISSE

Aus Philosophie und Religion

Christopher Potter: Eine handliche Geschichte des Universums

Alva Noë: Eine radikale Philosophie des Bewusstseins

Frédéric Lenoir: Sokrates, Jesus, Buddha– Die Lebenslehrer

EINSICHTEN

Aus Politik und Zeitgeschichte

Nelson Mandela: Bekenntnisse

Gabor Steingart: Das Ende der Normalität

Jochen Thies: Graf Moltke und der Kreisauer Kreis

THESEN

Aus Wirtschaft, Mathematik und Medizin

Hans Küng: Anständiges Wirtschaften

Michio Kaku: Einsteins Revolution von Raum und Zeit

Christoph Lohfert: Weil du arm bist, musst du früher sterben

ERFAHRUNGEN

Aus dem Leben großer Persönlichkeiten

Marianna Butenschön: Die Preußin auf dem Zarenthron

Barbara Goldsmith: Marie Curie

Renate Hücking: Der Traum aller Pflanzenjäger

Quellen

Autoren

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