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Dem Mut ist keine Gefahr gewachsenDem Mut ist keine Gefahr gewachsen

Dem Mut ist keine Gefahr gewachsen

Ein abenteuerliches Leben

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Dem Mut ist keine Gefahr gewachsen — Inhalt

Lebenskrimi und packendes Manifest

Rüdiger Nehberg blickt auf 1001 Erlebnisse – die Basis für seine Erfolge in der Menschenrechtsarbeit. In seiner neuen Autobiografie erzählt er, wie er mit siebzehn nach Marokko radelte, in den USA „Survival“ kennenlernte und zu uns brachte; 1000 Kilometer ohne Nahrung auskam, Ekel und Angst überwand. Wie er Zeuge schlimmster Menschenrechtsverletzungen und Erfinder aberwitziger Aktionen wurde, um Aufmerksamkeit auf die Not anderer zu lenken. Er berichtet von der Zeit im jordanischen Gefängnis und seinen Wüstenkarawanen: Erfahrungen, die ihn mit Muslimen vertraut machten. Von der Idee, gegen den Zeitgeist den Islam als Partner zu gewinnen. Und von seinem Fernziel, für das er mit nie erlahmender Kreativität kämpft: das Verbrechen Weibliche Genitalverstümmelung zu beenden.

€ 22,00 [D], € 22,70 [A]
Erschienen am 06.04.2020
432 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-89029-537-4
€ 18,99 [D], € 18,99 [A]
Erschienen am 06.04.2020
432 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97975-7

Leseprobe zu „Dem Mut ist keine Gefahr gewachsen“

1. Vorwort
„Ohne Aufbruch kein Durchbruch.“
Ulvi Gündüz

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
mit diesem Buch möchte ich euch mitnehmen auf einen Streifzug durch mein Leben. Ich möchte diejenigen Geschichten erzählen, die bewirkt haben, dass mein Dasein so ganz anders verlaufen ist, als es ursprünglich geplant war.
Es begann 1935 in Bielefeld, zwischen Botanischem Garten und Tierpark Olderdissen, im Dunstkreis der Fabrik von Dr. Oetkers Vanilleduft. Doch der Mensch lebt nicht allein vom Wohlgeruch. Er macht nicht satt. Das weiß auch ein Vierjähriger. Inzwischen [...]

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1. Vorwort
„Ohne Aufbruch kein Durchbruch.“
Ulvi Gündüz

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
mit diesem Buch möchte ich euch mitnehmen auf einen Streifzug durch mein Leben. Ich möchte diejenigen Geschichten erzählen, die bewirkt haben, dass mein Dasein so ganz anders verlaufen ist, als es ursprünglich geplant war.
Es begann 1935 in Bielefeld, zwischen Botanischem Garten und Tierpark Olderdissen, im Dunstkreis der Fabrik von Dr. Oetkers Vanilleduft. Doch der Mensch lebt nicht allein vom Wohlgeruch. Er macht nicht satt. Das weiß auch ein Vierjähriger. Inzwischen hatte ich die Trockenäpfel meiner Oma kennengelernt. Ihnen galt mein ganzes Streben. Oft schon war ich an den Händen meiner Mutter dort gewesen. Den Weg kannte ich. Irgendwo Richtung Schildesche. Heute würde ich sagen, die Distanz betrug fünf Kilometer. Für die Beine eines kleinen Knirpses waren das aber mindestens zehn und ohne Muttis ziehende Hand sogar 15. Ich verlief mich. Es wurde Abend. Ich wurde müde und verkroch mich an der Ulmenstraße unter einem Rhododendronbusch. Meine Mutter in Elternpanik, ich im Tiefschlaf. Morgens fand mich die Polizei. Mutti glücklich, doch seither stets auf der Hut.
Das währte bis zum siebzehnten Lebensjahr. Erst da gelang mir der ganz große Ausbruch. Doch zuvor, der Nachkriegszeit und dem Hunger geschuldet, ging es mit 15 Jahren ganz solide und krisenfest los als Bäcker und Konditor in Münster mit dem Ziel der Selbstständigkeit. Mit 68, so prophezeite es die Statistik meiner Lebensversicherung, würde ich den Teigschaber aus der Hand legen und meinen Beitrag leisten zur Reduzierung der Überbevölkerung und zum Wohle der Lebensversicherung.
Zum Glück dominierte nicht nur der Hunger mein Leben. Viel stärker noch als der sich wiederholende Alltag zwischen Sauerteigbottich und Ofen war die unstillbare Neugier auf die Welt, gepaart mit Abenteuerlust, der Freude am Risiko und einem Schuss Unbedarftheit und Fatalismus. Mit 17 war es dann so weit. Ohne Wissen meiner Eltern radelte ich nach Marokko mit dem vielversprechenden Ziel, Schlangenbeschwörung zu lernen. Das Fahrrad hatte ich mir aus Teilen beim Schrotthändler selbst zusammengebaut. Ein Gang, ein Gepäckträger. So, bestens ausgerüstet und mit einer Mark pro Tag in der Tasche, machte ich mich auf den Weg. 1952. Ich tauschte Torten gegen Torturen.
Meine Erwartungen wurden mehr als erfüllt. Ich erfuhr ein Stückchen Orient, erlebte eine komplett andere Kultur und die große Gastfreundschaft der Menschen. Ich war infiziert. Mehrfach trieb es mich in Richtung Nordafrika. Per Autostopp. Mit eigenen Kamelkarawanen. In Jordanien geriet ich verschuldet ins Gefängnis. Am Blauen Nil verlor ich einen Freund durch Mord. Unvergessliche, prägende Lebensstationen.
Das Thema Survival, importiert aus den USA, veränderte die Reisen. Ich versetzte mich in die Lage, allein in der Natur klarzukommen wie jedes frei lebende Tier. Ohne Ausrüstung, verfolgt, auf simulierter Flucht. Mit dem neuen Wissen konnte ich mich in den brasilianischen Regenwald wagen. Ich wurde Augenzeuge des drohenden Völkermordes an den Yanomami-Indianern durch eine Armee mafiös gesteuerter Goldsucher. Flinten gegen Pfeile. Die Verlierer standen fest. Ich entschloss mich, ihnen beizustehen. Zunächst allein, dann mit wechselnden Partnern. Augenzeuge geworden zu sein wurde zu meiner stärksten Motivation. Mein Abenteuer erhielt Sinn, das Leben Erfüllung. Dass dieses Vorhaben fast 20 Jahre währen würde, habe ich zu Beginn nicht ahnen können.
Ich musste lernen, Geduld zu akzeptieren, Niederlagen in Siege zu verwandeln, Betrügern und Feinden nicht auf den Leim zu gehen. Irgendwann habe ich sogar meine gut gehende Konditorei verkauft. Ich lernte auch, Berater und Verbündete zu finden. Vom Polizisten, der mich das Schießen aus der Hüfte lehrte, über den Jäger, der mich in die Instinkte der Tiere einweihte, oder die Kampfschwimmer, die mir die Angst vorm Atlantik abtrainierten. Ich war beim Papst und bei der Weltbank. Mit Kreativität und meiner Freude an spektakulären Aktionen alarmierte ich so systematisch eine wachsende Öffentlichkeit und stärkte die brasilianische pro-indianische Lobby. Die Waffen meiner Möglichkeiten wurden Bücher, Filme, Vorträge und die brasilianische Verfassung. Ich wurde vom Abenteurer zum Aktivisten für Menschenrechte, zum Frontmann. Letztlich ein Kampf des David gegen Goliath. Und endlich, im Jahre 2000, erhielten die Yanomami einen akzeptablen Frieden. Die Zeit war reif für Neues, ohne das Alte im Stich zu lassen.
Genau zu dem Zeitpunkt lernte ich Annette kennen. Sie war der Deckel auf meinen kochenden Topf. Sie träumte, wie ich, vom Regenwald und der medizinischen Betreuung der Indianer. Weil die Yanomami inzwischen international bekannt waren und unter vertrauenswürdiger Beobachtung standen, wurden wir aktiv bei den Waiãpi-Indianern, einem vergleichsweise kleinen Volk. Es hatte zwar schon ein eigenes Schutzgebiet, aber keine medizinische Versorgung. Das haben wir geändert. Bis heute kümmern wir uns darum.
Doch dann geschah der totale Umbruch. Die Schandtat Weibliche Genitalverstümmelung explodierte in unser Leben. Eine neue Art von Verbrechen. Sowohl im Ausmaß wie in der Grausamkeit. Die Erfahrungen, die ich bei den Yanomami und auf den Reisen in den Orient gesammelt hatte, kamen uns auch hier zugute. Als wir hörten, dass die meisten der täglich 8000 Opfer Muslimas waren, stand die Strategie schnell fest. Wir wollten dem 5000 Jahre alten Brauch mit der Kraft und Ethik des Islam ein Ende setzen.
Als uns alle Bekannten für weltfremd erklärten, als sich keine Organisation unserer Vision anschließen konnte, gründeten wir kurz entschlossen TARGET e. V. Es war der beste Entschluss unseres Lebens. Er machte uns unabhängig von allen Bedenkenträgern. Vom ersten Moment an erlebten wir Erfolg auf Erfolg. Es kam zu Entwicklungen, die unsere Kritiker schnell verstummen ließen. Wir erreichten etwas Historisches, was niemand zuvor für möglich gehalten hatte.
Was mit TARGET e. V. wirklich geleistet wird, welche Berge, papierne und echte, schon versetzt wurden und welcher Segen und Frust und Kampf damit verbunden ist – das ist in den Jahresbriefen nachzulesen, die wir jeweils Ende November an unsere Förderer schicken und die alle auf unserer Webseite veröffentlicht sind (www.target-nehberg.de).
Ich erzähle in diesem Buch die Ereignisse aus meiner Sicht als Abenteurer, Bäcker, Aktivist und Visionär. Ich möchte unterhalten, aufrütteln, Mut machen zur Verwirklichung eigener Lebensträume und Visionen. Und, ganz wichtig, motivieren, gemeinsam mit uns und TARGET die Welt ein Stück besser zu machen. Für die Zukunft heutiger und kommender Generationen mit unseren Projekten für den Erhalt des Regenwaldes und die Gesundheit der Ureinwohner – und mit dem vehementen und unermüdlichen Einsatz gegen den größten Bürgerkrieg aller Zeiten, dem in den betroffenen Gebieten die Hälfte der Menschen, nämlich die Mädchen und Frauen, zum Opfer fallen: die genitale Verstümmelung.
Euer Rüdiger
Rausdorf, im Frühjahr 2020


2. Der Uranfang
„Und dann ging ich zu weit.
Denn wo hätte ich sonst hingehen sollen?“
Alison Louise Kennedy

Gerade habe ich mein Fahrrad mit einem dünnen schwarzen Seil an meinem Bein gegen Diebstahl gesichert und mich todmüde ausgestreckt. Es ist stockdunkel. Neben mir in Hüfthöhe mein Dolch, griffbereit im Sand. Wellenschliff. Scharf wie ein Haigebiss. Daneben die Taschenlampe. Eine halbe Stunde lang war ich noch ohne Licht gefahren. Niemand sollte sehen, wenn ich irgendwo die staubige Straße verließ und im Gebüsch verschwand.
Ich war 17 Jahre jung. Mein Chef hatte mir zu den zwei bezahlten noch sechs Wochen unbezahlten Urlaub gegeben, wenn ich nach der Bäckerlehre bei ihm bliebe, um auch eine Konditorlehre zu beginnen. Ein Superdeal, befand ich, denn Marokko, damals noch französische Kolonie, war meine erste große Welterkundung. Mein Chef und meine Eltern ahnten nichts. Sie wähnten mich in Paris. Statt dort Französisch, will ich in Marrakesch die Kunst der Schlangenbeschwörung erlernen. Mein Freund Jean-Paul wird ihnen jede Woche eine vorgefertigte Ansichtskarte mit bunten Briefmarken schicken. Jedenfalls hat er das versprochen.
Mein Vater würde glücklich sein. Jeden Abend erinnere ich mich an seine Abschiedsworte: „Paris! Das ist sehr gut, mein Sohn, weil du so auf natürliche Weise die Weltsprache Französisch lernst! Vor Ort lernt man sie viel besser als in der Schule.“
Da war er endlich mal meiner Meinung! Lebende Sprachen mochte ich.
Noch während der Gymnasialzeit hatte seine Devise ganz anders geklungen. Da war ihm Latein wichtig gewesen. „Es ist die Basis aller romanischen Sprachen“, argumentierte er. Und prompt erwähnte er wieder einmal sein kleines Latinum. Gesehen habe ich es nie.
„Ich möchte lieber Spanisch lernen. Das ist die mit dem Latein verwandteste Sprache, und man kann etwas damit anfangen“, begründete ich meinen zaghaften Widerspruch. Nein, es musste partout Latein sein. Und so paukte ich zeitvergeudend und dennoch vergeblich diese tote Sprache.
Der Albtraum Latein verfolgt mich übrigens heute noch. Da sitze ich wieder in meinem alten Gymnasium, das penetrant nach Bohnerwachs riecht, und soll irgendein Buchstabengewürfel ins Lateinische oder umgekehrt transportieren, was nicht einmal der Google-Übersetzer schafft. Und wie die alten Römer damals redeten! Mir taten ihre Kinder leid. Die mussten garantiert ständig Zungenschmerzen und Hunger gehabt haben, weil es lebensnahe praktische Sätze wie „Ich möchte ein Stück Brot essen“ gar nicht gab. Oder die Römer waren so genügsam wie Bakterien. Oder sie mochten gar kein Brot. Und Spaghetti gab es damals ebenfalls noch nicht. Da kann ich nur in meinem Realolatein sagen: „Tu Roma pauper, ›Du armes Rom!‹“ Mit Ach und Krach habe ich dennoch die Mittlere Reife geschafft. Was mich wirklich interessierte, habe ich später in ungezählten Kursen an den Volkshochschulen gelernt. Drei Kurse parallel. Ich avancierte zu deren bestem Kunden.

Doch jetzt bin ich auf dem Weg nach Marrakesch und schon mitten in Marokko. Ich lebe von Brot und Tomaten. Für Hotels ist kein Geld eingeplant. Deshalb das Tausend-Sterne-Hotel unter freiem Himmel zwischen Kakteen und Akazien.
Und plötzlich der Schrei! Ich muss gerade eingeschlafen sein. Wie elektrisiert fahre ich hoch. Den Dolch rausreißen, das Seil zum Fahrrad kappen und die Taschenlampe greifen – drei Reflexe verschmelzen zu einem einzigen. Ich ducke mich hinter einem höheren Grasbüschel und zittere, dass die Gräser gar nicht so schnell mitvibrieren können. Noch nie habe ich solch einen Schrei gehört. Mir ist instinktiv klar: Das kann nur ein Todesschrei sein, lang gezogen, grauenerregend. Er erstirbt mit einem Gurgeln. Dann Männerstimmen.
Ich bin Ohrenzeuge eines Mordes geworden. Er muss in Steinwurfweite hinter einer buschbewachsenen Düne geschehen sein. Das nächste Opfer bin ich, wenn sie mich entdecken. Kein Mörder toleriert Zeugen. Da kann ich noch so viel Verschwiegenheit versprechen und mein Fahrrad als Geschenk offerieren.
Im selben Moment lodern Flammen auf. Hinter der Düne wird es hell wie ein zweiter Sonnenuntergang. Ich vernehme ein Lachen. Jemand singt und schlägt dazu rhythmisch auf eine Trommel. Meine Angst schwindet schlagartig. Das ermutigt mich irgendwann, den Hügel vorsichtig hinaufzukriechen. Sofort ist mir klar, wer da um sein Leben geschrien hat. Es war ein Schaf. Der Schlächter zieht ihm gerade das Fell über die Ohren. Ein anderer Mann hilft ihm dabei. Ein weiterer wirft Holz in die Flammen. Der letzte Stein fällt mir vom Herzen. Ein völlig friedliches Bild. In einem Kessel dampft Wasser. Mir fällt ein, dass ich vorhin gar nichts gegessen habe und vor Müdigkeit gleich weggedämmert sein muss. Immerhin habe ich heute 165 Kilometer hinter mir.
Ohne weitere Überlegung, aber noch mit wackeligen Beinen richte ich mich auf, leuchte mich mit der Taschenlampe an und rufe „Salaam alaykum!“
„Wa alaykum as-salaam“, antworten sie überrascht, aber wie aus einem Mund. Die nächsten Worte verstehe ich nicht, marokkanisches Arabisch, aber ihre Handbewegung bedeutet: „Komm her! Was bist du denn für einer?“
Das lasse ich mir nicht zweimal sagen. Es sind nur 20 Schritte zu ihnen. Ich lege die rechte Hand aufs Herz, verneige mich tief und wiederhole den Gruß. Dann sage ich auf Französisch „Je suis allemand. Je veux aller à Marrakech. Avec un vélo.“ Mein Vater hätte sich gefreut: Ich lerne Französisch vor Ort!
„Mit dem Fahrrad?“, staunen sie ungläubig.
„Ja, alles per Rad. Es liegt hinter dem Hügel.“
Zwei von ihnen kommen mit. Sie zweifeln offenbar. Ich soll es ihnen zeigen. Und so führe ich sie zu meinem einfachen Fahrrad, genauer gesagt, meiner zusammengestückelten Schrottkiste. Da war keine Schraube zu viel. Aber auch keine zu wenig. Eine Lampe mit Dynamo, ein Gepäckträger mit stabilisierten Streben und einer Gepäcktasche, eine Handbremse, ein Rücktritt, ein steinharter Ledersattel. Und mein kleiner Rucksack. Alles einfach. Genauso einfach die Gangschaltung mit dem sage und schreibe einen einzigen Gang. Auf jedes Teil meiner spärlichen Ausrüstung bin ich stolz.
Wenn die Bauern auf den Feldern mich sahen, riefen sie mich zu sich, schenkten mir Tomaten oder Zitronen. Je nachdem, was gerade reif war. Wenn ich den Bäckern erzählte, dass ich ein Kollege aus Deutschland war, gab’s das Brot prompt umsonst. Meine eine deutsche Mark Reisespesen pro Tag konnte ich oft sparen. Ich kam mir richtig reich vor.
Zunächst geht meine Reise weiter nach Marrakesch, dem eigentlichen Ziel meiner Anstrengungen, der Stadt am Wüstenrand und Inbegriff des romantischen Orients. Auf dem Djemaa el-Fna, dem großen Marktplatz, will ich die Kunst der Schlangenbeschwörung erlernen. Im Prinzip weiß ich zwar, wie sie funktioniert, schließlich sind Schlangen mein Hobby. Aber ich will die Atmosphäre erleben, sie einatmen und vielleicht einmal nachahmen. Denn einer meiner Träume ist es, selbst als Schlangenbeschwörer aufzutreten und mir damit Geld nebenbei zu verdienen, um schneller selbstständig zu werden. Die Selbstständigkeit ist mein erklärtes Lebensziel. Das hat mein Vater mir vom ersten Tag der Lehre an implantiert. „Du darfst keinesfalls lebenslang Angestellter bleiben.“ Da hat er mich endlich mal richtig eingeschätzt.
In Marrakesch angekommen, kann ich kaum den späten Nachmittag erwarten. Dann belebt sich der Platz mit Händlern und Gauklern aller Art. Ich hocke dort, das Fahrrad auf dem Stützständer neben mir, das marokkanische und das deutsche Fähnchen hängen erschöpft im lauen, sandstaubigen Wüstenwind.
Schließlich kommt er! Er mag 60 Jahre alt sein, zerknittertes Gesicht, zerrissene Hose (heute wäre sie modern und würde viel Geld kosten), flatteriges Hemd, Sandalen aus Autoreifen. Viel verdienen kann man mit der Vorführung offensichtlich nicht, geht es mir augenblicklich durch den Kopf.
Er ruft etwas in die Menge, gebietet gestenreich Freiraum um sich herum – weil doch die Schlangen so lebensgefährlich sind – und hockt sich auf einen verschlissenen Teppich. Vor ihm ein geschlossener Korb, in der Hand eine Flöte, auf die vorne ein kindskopfgroßer Flaschenkürbis montiert ist. Sofort bleiben viele Neugierige stehen. Ich an vorderster Front.
Er beginnt, eine simple Melodie in seine dekorative Flöte zu blasen. Der Abstand zum Korb: ein Meter. Offenbar das musikalische Vorspiel, die Ouvertüre, die Erkennungsmelodie. Ich möchte ihn am liebsten auf meiner Fahrradklingel begleiten, wage es aber nicht. Ich will ihn nicht verärgern, ich brauche ihn noch. Sein Spiel zieht immer mehr Leute an. Aber niemand kommt dem Korb zu nah. Man weiß, was gleich geboten wird, und wahrt gebührenden Abstand. Neugier, Respekt, Angst.
Genauso wird der Effekt sein, wenn ich eines Tages mit derselben Darbietung in Deutschland auftrete! Natürlich nur in ausgewählten Häusern der Sonderklasse, rede ich mir aufgeregt ein. Für diesen großen Moment bin ich schließlich von Deutschland hierhergekommen. Ich bin am Ziel.
Der Alte genießt den Zuspruch. Endlich hebt er den Deckel vom Korb.
Nichts.
Er bläst einige Phon lauter.
Nichts.
Dann stößt er mit der Flöte gegen den Korb. Augenblicklich schnellt die Kobra in die Höhe. Sie zischt, spreizt ihren Nackenschild und verharrt dann bewegungslos. Diese Reaktion ist reines Imponiergehabe.
Eltern halten ihre Kinder fest. „Um Himmels willen, seid vorsichtig! Die Schlange ist tödlich“, bedeuten ihre Gesten. Das verstehe ich, ohne ihre Worte zu hören. Es ist einfach typisch. Von genau dem Effekt wird meine eigene Show leben.
Die Schlange zeigt sich unbeeindruckt. Sie züngelt nicht einmal. Er kann noch so laut spielen. Schlangen sind taub. Die Musik ist für die Leute. Schlangen „hören“ mit ihren Bauchnerven. Sie reagieren auf Vibrationen. Nur wer auf leisen Sohlen durch die Natur geht, wird sie je zu sehen kriegen. Wer laut durch die Landschaft poltert, wird solche Begegnungen nicht erleben.
Der Senior und seine Flöte bewegen sich langsam zur Seite. Die Schlange folgt der Bewegung. Der Alte ist eine Gefahr für sie. Sein Kürbis an der Flöte ist sein ihr am nächsten befindliches Körperteil. Davor muss sie sich hüten. Sie fixiert den Kürbis vor ihren Augen. Dass sie nicht beißt, ist Überlebensökonomie. Sie muss sparsam mit ihrem Gift sein. Wenn sie beißt, muss der Biss sitzen und den Gegner ausschalten. Solange Kürbis und Mann sich ruhig bewegen, bleibt auch sie ruhig und folgt einfach nur genau den Bewegungen. Mann und Tier pendeln langsam von einer Seite zur anderen, vor und zurück. Das ist der ganze Trick. Sollte sie doch einmal zubeißen, bisse sie in den Kürbis.
Auf mich wirkt die Schlange müde und mager. Ihr fehlt die natürliche Spannung. Mein Gefühl wird bestätigt, als der Mann aufsteht und das Reptil mit bloßer Hand aus dem Korb angelt. Hilflos hängt sie von der Hand herunter wie ein Seil. Sie macht nicht einmal den Versuch eines Bisses. Die Leute sind dennoch beeindruckt. Wenn er sich den Zuschauern nähert, preschen sie zurück. Irgendwann lässt er das Tier in den Korb zurückgleiten und verschließt ihn mit dem Deckel.
Er fordert Spenden. Sein zehnjähriger Sohn geht mit einer Blechtasse herum. Bis zu diesem Moment war mir der Junge noch nicht aufgefallen. Ich hatte ihn für ein Zuschauerkind gehalten. Nur spärlich klimpern die Münzen. Minispenden.
Die Leute verkrümeln sich. Das nutze ich, um dem Jungen vor den Augen des Vaters eine dicke Deutsche Mark geräuschvoll in den Topf zu klackern.
Er merkt, dass ich ein anderes Interesse habe als die Menschen.
„Ich komme aus Deutschland“, verrate ich. „Ich habe dort auch Giftschlangen.“ Alles in Französisch. Es wurde im Laufe meiner Reise tatsächlich immer besser.
Dass meine zwei Kreuzottern so klein sind wie zwei gekochte Makkaroni im Vergleich zu seinen Ankerseilen, verschweige ich geflissentlich. Ich darf Platz nehmen neben seinem Teppich. Die nächste Show startet erst in 15 Minuten.
„Hast du zu Hause noch mehr Kobras?“, will ich wissen.
„O ja, zwei“, antwortet er.
„Dürfte ich sie nachher mal sehen? Ich würde dir dafür fünf Deutsche Mark geben.“ Das kann ich locker riskieren, weil mich ja die Bäcker aller Nationen reichlich mit Brot beschenkt haben und mein Hosentaschensparbuch somit gut gefüllt ist.
Der Mann beißt an. Es ist nicht nur das Geld, das ihn lockt. Es ist wohl auch das Exotische an mir, diesem Jüngling mit dem Fahrrad aus Deutschland. Er will mich der Familie zeigen. Touristen waren zu jenen Zeiten noch nicht erfunden. Nicht einmal die Vokabel gab es.

Endlich beendet er seine Vorstellungen. Aufgeregt folge ich ihm. Das Fahrrad muss ich schieben. Die Gassen werden immer enger. Die Häuser sind ebenerdig und umso ärmlicher, je mehr wir uns vom Djemaa el-Fna entfernen. Schließlich betreten wir einen Hinterhof. Eine der Türen führt in seine Wohnung. Sie ist bedrückend einfach. Zwei kleine Mädchen und seine Frau kommen aus einem Hinterraum. Natürlich herrscht erst einmal große Aufregung. „Wer ist das denn?“, werden sie gefragt haben, und er wird ihnen weiß der Teufel was geantwortet haben. Sein Sohn entleert die Blechtasse. Das Ergebnis wird die hungrigen Mäuler kaum stopfen, denke ich mit einem Blick darauf. Umso wertvoller sind meine fünf Deutschen Mark.
Trotz aller Lebensbescheidenheit bietet man mir den obligatorischen Tee an. In einer der Sammeltasse sehr ähnlichen Blechtasse. Waren da womöglich gestern die staubigen Münzen drin, frage ich mich im Stillen und im Hinblick auf meine Gesundheit. Aber sehr schnell ist der Durst größer als mein Verstand. Das Betörende sind die frischen Pfefferminzblätter. Pfefferminz – der Weihrauch des kleinen Radlers. Er gibt dem winzigen Raum gleich eine ganz andere Atmosphäre.
Schließlich kann ich es nicht mehr aushalten. „Wo sind denn deine anderen Schlangen?“, will ich wissen. Bis jetzt habe ich vergeblich Ausschau gehalten nach einem Terrarium.
„Ali, hol sie mal!“, muss er seinem Sohn gesagt haben, denn der barfußt sofort los und kommt mit einem Sack wieder. Er legt ihn dem Vater vor die Füße. Der Sack bewegt sich, und mir wird klar: So sieht ein marokkanisches Terrarium aus.
Geduldig öffnet der Alte im Halbdunkel des Raumes den unentwirrbaren Knoten. Den sollte er sich patentieren lassen, denke ich noch. Er ist so sicher wie ein Vorhängeschloss. Endlich hat er es geschafft und kippt den Inhalt unerwartet direkt zwischen seine und meine Füße. Ohne jede Aufregung. So als präsentiere er mir zwei Seile. Ich springe zurück. Zu Kobras sollte man einen Meter Sicherheitsabstand einhalten.
„Du brauchst keine Angst zu haben, die beißen nicht“, lacht er.
„Wieso denn das nicht?“ Hat er neben dem Wunderknoten auch noch ungiftige Kobras zu bieten?
Die zwei Reptilien versuchen, in irgendeine Richtung zu entkommen. Er greift sie ohne jede Vorsicht irgendwo am Körper und zieht sie zu sich heran. Wie Kuscheltiere. Oder wie Stoffschlangen. Und tatsächlich – sie machen nicht einmal den Versuch eines Bisses. Wie vorhin auf dem Platz. „Schau her“, klärt er mich auf. „Ich habe ihnen den Mund zugenäht. Die können gar nicht beißen.“
Ich bin entsetzt. Bin ich dafür den weiten Weg von Deutschland nach Marrakesch geradelt? Da hatte ich mir meine Vorstellung auf deutschen Bühnen aber völlig anders vorgestellt. Ich wollte in einem drei mal drei Meter großen Glaskäfig mit sechs gesunden Tieren gleichzeitig auftreten, und nicht mit solchen Placebo-Kobras.
„Wie fütterst du sie denn?“, würge ich immerhin noch hervor. Kaum kriege ich meine eigenen Lippen bewegt. Gleichzeitig überlege ich, ob ich ihm die versprochenen fünf Mark überhaupt noch geben soll. Der Mann sackt die Tiere wieder ein und ersinnt geschickt einen weiteren patentverdächtigen Knoten.
„Die kriegen gar nichts zu essen. Wenn sie zu schlapp werden, töte ich sie und besorge mir neue. Die Wüste ist voll davon. Acht Wochen halten sie meistens durch.“
Ich lege ihm wortlos das Geld hin und verabschiede mich.
Das Erlebnis beschäftigt mich die ganzen nächsten Tage. Ich beschließe, bei meiner eigenen Schlangenbeschwörung den Zuschauern davon zu erzählen. Als Ziel meiner Welturaufführung mit sechs Brillenschlangen habe ich das Hansa Varieté Theater am Steindamm in Hamburg erkoren. Dort treten Akrobaten auf, Zauberer und Menschen mit Tieren, die Außergewöhnliches leisten. Theaterslogan: „Nie im Fernsehen, nur im Hansa-Theater!“ Um das zu beweisen, soll dann ein beliebiger Zuschauer irgendeins der sechs Tiere auswählen. Ich werde es aus dem Korb nehmen und in ein folienbespanntes Weinglas beißen lassen. Man soll die Zähne sehen und das im Glas runterlaufende Gift. Die Musik würde ich vom Band abspielen. Ich kann ebenso wenig Flöte spielen, wie Schlangen hören können. Irgendwie ergänzen wir uns.
Kobras haben den Vorteil für den Beschwörer, dass sie auch kerngesund relativ langsam sind im Zuschlagen. Ganz anders als eine Mamba. Mit einer Mamba würde ich das Wagnis niemals eingehen. Ihr Biss ist wie ein Peitschenschlag. Nein, wie ein Blitz. Es bleibt keine Zeit zu reagieren. Und er ist augenblicklich tödlich. Aber Kobras richten sich auf. „Hallo, da bin ich. Komm mir nicht zu nah!“ Das nenne ich Partnerschaft. Sie schlagen erst zu, wenn die Bedrohung ihnen zu nah kommt. Mir ist auch klar, dass man bei sechs Schlangen um einiges alarmbereiter sein muss. Doch das erhöht die Attraktion. Ich fühle mich der Anforderung gewachsen. Ich male mir schon die Schlagzeilen aus. „Einer gegen sechs Kobras!“ – „Rüdiger in der Schlangengrube!“ – „Das Kobra-Sinfonieorchester!“ Doch es sollte etwas anders kommen als geplant.
Irgendwann hatte ich in Hamburg eine Stelle als Konditorgeselle angenommen. Jetzt war die Gelegenheit da, abends meine Kobravorstellung im Hansa-Theater zu präsentieren. Ich bat die Direktion schriftlich um ein Gespräch und erhielt prompt einen Termin beim Theaterdirektor persönlich. Geködert hatte ich ihn mit meinem Vorhaben: „... eine Darbietung mit Schlangen zu präsentieren, die man weder in seinem Theater noch im Fernsehen je gesehen hat.“ Welturaufführung gewissermaßen. Wahrscheinlich hatte er das Übliche erwartet: eine große, menschenfreundliche Boa, die sich um männerheischende Frauenkörper windet. Jedenfalls erhielt ich umgehend ein Vorstellungsgespräch.
Da saß ich nun vor ihm, einen kleinen geschlossenen Korb unterm Arm, eine Zauberflöte in der Hand und ein bezauberndes Lächeln im unteren Gesichtsteil. Er wirkte irritiert.
„Verdammt winzige Boa!“, mäkelte er zur Begrüßung und ließ den Kenner raushängen. Oder er versuchte, die Hellseher zu imitieren, wie sie manchmal bei ihm im Varieté auftraten.
Ich stellte den Korb mitten in den Raum, öffnete den Verschluss und hob den Deckel. Bewusst langsam. Um die Spannung zu erhöhen. Bevor die Kobra sich zeigte, kam aus dem Inneren des Korbes ein lautes und deutliches Zischen. Ein Geräusch wie bei einem Fahrradreifen, aus dem die Luft hörbar entweicht. Damit kannte ich mich ja schließlich aus. Zwei Sekunden später schnellte die Kobra senkrecht in die Höhe. Bestimmt 60 Zentimeter. Sie spreizte den Nackenschild, verteidigungsbereit in alle Richtungen. Aufgeregt vibrierte ihr Körper. Sie züngelte. Sie atmete tief und sichtbar ein und zischte die Luft gleich wieder aus. Welch ein Tier! Genauso hatte ich mir die Präsentation erhofft.
Der Direktor schien hellauf begeistert und tat es ihr gleich. Er schnellte vom Stuhl in die Höhe. Volle 180 Zentimeter. Ich wertete das als Ausdruck höchster Zustimmung.
„Was ist denn das? Ist das eine Kobra? Ist die giftig?“
„Ja, eine Brillenschlange aus Kalkutta, eine Kobra frisch aus dem Regenwald. Mit Giftzähnen und Giftdrüsen, unbehandelt, kerngesund. Das ist ja das Besondere.“
Da war er schon raus aus der Tür. Von draußen hörte ich ihn dann rufen. „Packen Sie die ganz schnell wieder ein. Für so was Gefährliches ist in diesem Hause kein Platz.“
Geschockt und enttäuscht, Korb und Kopf unterm Arm, verließ ich den Raum und machte einen letzten Versuch. Ich redete von sicherem Glaskäfig, sogar sechs Kobras gleichzeitig, dem Publikum den Trick erklären – da war ich längst von seiner Vorzimmer-Lady hinauskomplimentiert worden und stand wieder auf dem Steindamm. Mit allem hatte ich gerechnet. Nur nicht mit einer solch kompromisslosen Abfuhr.

Zum Glück ahne ich das noch nicht in Marokko. Zunächst geht es zurück zur heißen Landstraße Richtung Heimat. Dreieinhalbtausend Kilometer die Hinfahrt, dreieinhalb die Retourkutsche. Macht zusammen 7000 in 60 Tagen. Ich muss mein Tagespensum von über 120 Kilometern schaffen. Freie Tage sind in der Rechnung nicht eingeplant. Jeder freie Tag erhöht mein verbleibendes Tagespensum. Die Zeit drängt. Ich darf meinen Chef nicht enttäuschen und muss pünktlich zurück sein. Mein Gesäß ist nach wie vor wund, meine Arme sind vereitert. Sonnenbrand höchsten Grades. Ich habe mangels Erfahrung den Fehler begangen, wegen der Hitze meine Ärmel aufzukrempeln. Es ist zum Verzweifeln.
Und dann kommt der befürchtete Moment, dass ich schlappmache. Absolut groggy, hohes Fieber. Zwischen zwei Dörfern verlasse ich abends die Straße und falle erschöpft hinter einen Busch. Ich komme mir vor wie ein sterbendes Tier, das sich verkriecht. Nicht einmal die Zeit zum Anbinden meines Fahrrades ans Bein bleibt mir – da bin ich schon eingeschlafen. Plumps und weg.
„Monsieur“, vernehme ich zum wiederholten Mal eine Stimme. Zunächst halte ich sie für einen Traum. Bis ich eine Berührung verspüre. Also kein Traum.
Vor mir steht ein etwa elfjähriger Junge. Er erschreckt sich, als ich die Augen öffne, und weicht einen Schritt zurück. Um ihn herum viele Ziegen. Der junge Hirte trägt ein verschlissenes Unterhemd. Seine Hose wird von einem Seil in Position gehalten. Über seiner Schulter trägt er eine verbeulte Militärfeldflasche, Marke „Viel durchgemacht“. Er ist barfuß trotz der Dornen überall. Ich versuche ein müdes Lächeln. Zurückhaltend erwidert er es. Mir wird klar, dass ich hier nicht länger liegen bleiben kann. Bald wird es die ganze Umgebung wissen. Ich fürchte um mein Fahrrad. Schon der Junge hätte es locker entwenden können.
„Hast du Durst?“, deute ich seinen ausgestreckten Arm mit der Flasche. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen. Das Fieber hat mich ausgetrocknet. Gierig trinke ich einen großen Schluck. Kaum ist der Mund feucht, überwiegt wieder die Skepsis. Hoffentlich hole ich mir nicht noch zusätzlich orientalischen Durchfall.
Der Junge muss weiter, den Ziegen hinterher. Ich schlafe ein. Aber nur für kurze Zeit. Diesmal sind es die Eltern des Jungen, die mich wecken. Der Junge hat sie herbeigerufen. Ob ich mit zu ihnen nach Hause kommen will, ich müsse mich doch ausruhen, ob sie einen Arzt holen sollen. Sie sind echt besorgt.
„Nein“, wiegele ich schnell ab, „ich habe kein Geld.“ Ich bin mir sicher, dass Wunderdoktoren teuer sind. Was ich brauche, ist nichts als Ruhe.
„Du bist krank“, meint der Vater und befühlt meine Stirn. „Du kannst bei uns schlafen.“ Die Mutter fragt gar nicht erst. Sie schnappt sich kurzerhand das Fahrrad. Der Vater packt mich und hilft mir auf die Beine. Ich weiß bis heute nicht, wie weit es war. Ich wurde mehr getragen, als ich selbst gegangen bin.
In einem sehr bescheidenen Haus aus Lehm darf ich die einzige Matratze benutzen. Die Frau deckt mich zu mit allen möglichen Decken und flößt mir heißen Pfefferminztee ein. Ich soll schwitzen. Sie gibt mir zwei Tabletten. Ich schlucke widerstandslos alles. Dann kühlt sie meine Stirn mit Wasser und einem Stück Pappe als Fächer. Ich glühe wie ein Autodach in der prallen Sonne und falle von einem Schlaf in den nächsten.
Als ich endlich wach werde, sind zwei Tage vergangen. Ich fühle mich spürbar erholt und rechne automatisch aus, um wie viele Kilometer ich nun mein Tagespensum erhöhen muss. Neben meiner Schlafstelle hockt der Mann und putzt mein Fahrrad. Als er sieht, dass ich endlich wach bin, gibt er mir Ziegenmilchbrei mit Zucker. Ungebremst rutscht der Leckerbissen in den Magen.
Das Fieber ist weg. Jetzt gewahre ich die bescheidenen Lebensverhältnisse erst richtig. Ein hinfälliger Schrank für Garderobe. Ein Tisch aus einem breiten, ungehobelten Brett, zwei Bänke. Kein fließendes Wasser, keine Toilette, kein Strom. Neben dem Haus ein Schutzwall aus Dornengestrüpp für die Ziegen. Die Matratze, auf der ich liege, ist tatsächlich die einzige. Die Familie hat auf Zeitungen geschlafen und sich mit löcherigen Decken zugedeckt. Kaum wage ich noch, den Tee zu trinken oder den Haferbrei zu essen. Sie haben ihn sich vom Munde abgespart. Ich überlege, wie ich mich revanchieren kann. Kurz entschlossen trenne ich mich von meinem Zweithemd. Mir genügt eins. Das muss bis Münster reichen. Dazu lege ich mein Zweiklingen-Taschenmesser. Ich brauche es nicht, mir genügt mein Dolch. Der mit dem Haifisch-Wellenschliff. Bis heute trage ich solche Messer. Auch von meiner einzigen Militär-Dreieck-Zeltplane kann ich mich leichten Herzens trennen. Ich habe sie erst ein einziges Mal in Frankreich verwendet, als es regnete. Jetzt haben wir August. Da wird es nicht mehr regnen. Also weg damit. Zumal es mein Gepäck um ein Kilo leichter macht. Dazu noch das Kochgeschirr. Ein großes Staunen und gehuschtes Lächeln meiner Gastgeber dankt mir. Wir tauschen Adressen aus.
Es war genau dieses kleine Erlebnis mit solch großen Menschen, das mich tief berührt und meine Liebe zu Nordafrika, den Menschen, ihrer Kultur und der Exotik des Orients begründet hat. Es war die Urkeimzelle meiner Verbundenheit mit der Wüste und nomadischer Gastfreundschaft. Und es wurde der Zündfunke für meinen ganz besonderen Lebenslauf, einen Thriller prallvoll mit Erlebnissen zwischen eigenen Karawanen und monatelangen Märschen, Krieg und Gefangenschaft, Überfällen und Mord. Das ahnte ich da natürlich nicht. Verglichen mit all dem noch viel Dramatischeren, das ich noch erleben sollte, geriet Marokko fast in Vergessenheit.
Nach genau 59 Tagen stehe ich daheim vor dem Mehrfamilienhaus meiner Eltern. Meine Tagesleistung hatte ich gesteigert, so gut es ging. Ich parke das Fahrrad und schließe es ab. Wie eh und je. Viel Gepäck ist nicht übrig geblieben. Ich kann es leicht mit einer Hand tragen. Lange habe ich überlegt, wie ich meinen Eltern den Marrakesch-Ausflug erklären soll. Hatte mein Freund Jean-Paul ihnen wirklich immer die vorgefertigten Ansichtskarten geschickt?
Die Frage erübrigt sich, denn in diesem Moment kommt der Briefträger.
„Haben Sie Post für Nehberg?“
Ja, hat er. Und darunter ist eine meiner Karten aus Paris. Mehr Zufall geht nicht. Darin schreibe ich, dass es leider regnet und ich mit dem überdachten Fährboot einen Ausflug auf der Seine gemacht habe. Ich finde, das hatte ich gut prophezeit.
Mehr Zufall geht nicht? Doch, einer geht noch. Denn genau da kommen meine Eltern vom samstäglichen Großeinkauf nach Hause. Sie sehen das staubige Rad, sie sehen meine entzündeten Arme, meine Bräune, die langen Haare, meinen klapperdürren Körper und die deutsche, französische, spanische und marokkanische Flagge am Vorderrad. Zwei links, zwei rechts.
Mein Vater kann sie alle genau zuordnen. „Warst du etwa in Marokko?“
Ich glaube, die Frage war als lockere Bemerkung, als kleiner Scherz gedacht. Als ich unumwunden Ja sage, herrscht Sprachlosigkeit. Ich komme mir vor wie ein Verräter. Aber ich bin sicher, meine Eltern hätten mir die Reise nie und nimmer erlaubt. Doch nun bin ich wieder da. Ich bin gesund und habe einen Mordshunger und mordsviele Geschichten, die erzählt werden wollen. Zum Schluss hat meine Mutter Tränen der Freude und des Stolzes in den Augen. Ihre früheren Sorgen haben sich in Respekt und Bewunderung verwandelt. Ab jetzt genieße ich Narrenfreiheit.


3. Ein Rattenschwanz von Erfolgen
„Gute Tiere, spricht der Weise,
musst du züchten, musst du kaufen.
Nur die Ratten und die Mäuse
kommen ganz von selbst gelaufen.“
Wilhelm Busch

Ich bin also wieder daheim und mäste mich mit Muttis Apfelkuchen. Schmatzend lasse ich auch die Mühsal Revue passieren, mit der ich jede einzelne Mark für die Radtour zusammengeklaubt hatte, um mir diese Traumreise erlauben zu können. Vom Lohn war kein einziger Pfennig dabei. Wie auch? Ich erhielt ja nur zwei Mark pro 80-Stunden-Woche. Das war normal, zweites Lehrjahr. Im ersten Lehrjahr war es sogar nur eine einzige Mark gewesen.
Vom Lohn floss jeweils die Hälfte auf mein Bausparkonto. Das hatte ich meinem Vater versprochen. Den Bausparvertrag hatten wir gemeinsam abgeschlossen. Da war ich 15 und minderjährig. Volljährig war man damals erst mit 21.
„Die Sparkasse muss sehen, dass du regelmäßig sparen kannst. Das schafft Vertrauen. Die Menge des Geldes ist dabei zunächst noch unwichtig.“
Mein Reisegeld hatte ich vielmehr verdient mit dem Verkauf von Rattenschwänzen.
Ja, richtig gelesen. Die Stadt Münster zahlte nach dem Krieg zur Seuchenvermeidung pro Rattenschwanz eine Deutsche Mark. Und Ratten gab es in den Trümmern der Stadt in Armeestärke. Diese Einnahmequelle hatte ich lange vor der Marokkoreise entdeckt.
Ich besaß vier Fallen. Mein Chef Theo Pohlmeyer hatte sie mir geschenkt, um eventuelle Nager-Eindringlinge in der Backstube zu eliminieren. Er war Jäger und hatte mir die Tricks verraten, mit denen man ein guter Fallensteller wird.
„Wichtig ist, immer mit Handschuhen zu arbeiten. Und stell niemals eine Falle zweimal am selben Ort auf, da, wo du bereits ein Tier gefangen hast.“
Ja, Ratten sind schlau. Das lernte ich sehr schnell. In der Backstube fing ich nur eine einzige. Die Fallen langweilten sich. Ich hörte sie stöhnen mit ihren Spiralfedern, und ich sah sie einstauben. Deshalb weitete ich mein Jagdrevier aus, denn schließlich wimmelte es in der Trümmerstadt ja von Nagern aller Art: Ratten, Mäuse, Kaninchen.
Mit 16 war ich bereits stolzer Besitzer eines Luftgewehrs und konnte im Sommer an hellen Sonntagmorgen jeweils eine bis zwei Ratten schießen. Futter, um sie anzulocken, lieferte die Restekiste in der Backstube. Sonntags deshalb, weil ich da erst um acht statt um vier Uhr anfangen musste und es im Sommer schon sehr früh hell ist. Büchsenlicht. Statt vorm Backofen hockte ich in meinem Versteck vor dem zerbombten Nachbargrundstück.
Doch das und auch die Rattenfallen-Fangstrecke stellten mich nicht zufrieden. Einmal hatte ich sogar nur eine Maus in der Falle. Egal, dachte ich, „Schwanz ist Schwanz.“ Dem Zahlmeister im Gesundheitsamt erzählte ich was von einer jungen Ratte. Leider konnte er das eine vom anderen unterscheiden. So wie ich Mohnbrötchen von Sesambrötchen. Es war vielmehr sein überhebliches Lächeln, das mich beleidigte. Und kreativ machte. Die durch die geplante Marokkoreise genährte Sehnsucht nach der großen weiten Welt befeuerte meine Kreativität weiter. Ich konnte es kaum erwarten, die Idee in die Praxis umzusetzen.
Und das war bald getan: Ich legte eine umfangreiche Rattenzucht an! Sie sollte mir die Reisekosten sichern. Mithilfe einer selbst gebauten Lebendfalle hatte ich sehr schnell vier Rättinnen und einen Ratterich, ein fleißiges Quintett, Grundstock meiner Zucht. Im benachbarten Trümmergrundstück hatte ich einen großen Drahtkäfig installiert, drei mal drei Meter groß, aber nur anderthalb Meter hoch. Das erforderliche Baumaterial gab es nicht im Baumarkt. Der war noch nicht erfunden. Baumaterial lag zuhauf in den zerbombten Häusern. Nur einen einzigen Kollegen weihte ich in mein großes Geheimnis ein. Nicht einmal meine Eltern wussten davon. Ein Wanderratten züchtender Bäcker wäre mit ihren Hygieneansprüchen nicht kompatibel gewesen. Außerdem fürchtete ich, dass ich vereinbarungsgemäß sogar vom Nebenverdienst die Hälfte in den Bausparvertrag hätte einzahlen müssen. Oder dass Tierfreunde die Ratten befreiten. Also: topsecret!
Potenziert hatte sich mein Entschluss, als ich im Brockhaus-Lexikon las, wie vermehrungsfreudig diese munteren Eine-Mark-Münzen auf vier Beinen sind. Theoretisch kann ein Weibchen bis zu einem Dutzend Junge haben, hieß es da – sprich: zwölf Deutsche Mark! Und die Jungen sind ihrerseits bereits nach nur drei Wochen vermehrungsbereit. Man muss nur darauf achten, Männchen und Weibchen zu trennen. Sonst käme es zu Inzuchten, hatte ich gelesen. Das war für mich kein Problem. Waren die Männchen drei Wochen alt, war ihr Schwanz deutlich größer als der in schmerzlicher Erinnerung gebliebene kümmerliche Mäuseschwanz, stand ich schon wieder beim Zahlmeister des Gesundheitsamtes auf der Matte und machte ihn arm. Für die unverkäuflichen Weibchen genügten mir drei Geld zeugende Männchen.
„Du bist ja ein fleißiger junger Mann“, lobte mich der Zahlmeister. Wenn du wüsstest, dachte ich und bedankte mich mit artig angedeutetem Diener. Das war damals so üblich.
Während der Marokkofahrt wollte der besagte Kollege meines Vertrauens die Tiere pflegen. Denn aufgeben wollte ich meine Zucht nicht, auch wenn das Reisegeld längst zusammengekommen war. Fast täglich musste ich unterwegs an ihn denken und fragte mich, ob er seinen Verpflichtungen wohl gewissenhaft nachkäme und wie hoch mein Kontostand inzwischen sein würde. Immer wieder rumorte der alte Brockhaus in meinem Gehirn: Ein Rattenweibchen kann es theoretisch auf 1000 Nachkommen im Jahr bringen! Rechnerisch kam ich auf Unsummen für die Zeit meiner Lehre und sah meine Selbstständigkeit als Bäcker und Konditor in greifbarer Nähe.
Doch wie überall auf der Welt klafften Wunsch und Wirklichkeit weit auseinander. Sie sind gewissermaßen Todfeinde. Eines sonnigen Morgens – ich war gerade zurück – erschien ein Bagger und schaffte ausgerechnet die Trümmer auf dem Grundstück meines Vertrauens kurzerhand beiseite. Wo bis gestern die Geldquelle sprudelte, wurde am Abend die Abmessungsleine für das Fundament des Neubaus gespannt.
„Hier hat es vor Ratten nur so gewimmelt“, hörte ich den Baggerführer zum Bauherrn sagen. Ich wollte ihn am liebsten erwürgen. Denn hier hatte es nicht nur vor Ratten gewimmelt, sondern für meine Ohren vor Münzen geklingelt!
So viel und so wenig zu meinen ersten Erfahrungen mit Nebenverdiensten, Kreativität, der Finanzierung meiner „Weltreise“ und des Geschickes Mächten, mit denen kein ewig Zaun zu flechten ist.


4. In jordanischen Gefängnissen
„Im Knast denkt mancher,
Gott sei Dank gibt’s Feilchen,
die im Verborgenen blühen.“
Joachim Ringelnatz

Wir sind gerade zehn Minuten auf dem Wasser, da heulen die Sirenen los. So schneidend laut, als wären sie an unserem Bug installiert. Suchscheinwerfer huschen hastig, panikartig übers dunkle Meer. Nicht nur von jordanischer Seite. Augenblicklich auch von Israel und Saudi-Arabien. Es ist die Hölle los. Uns ist klar: Man hat uns entdeckt, da bleibt kein Zweifel. Wir haben die Wachsamkeit der Soldaten unterschätzt. Dabei hatten wir extra bis halb drei Uhr nachts gewartet, wenn sie im Tiefschlaf wären. Pustekuchen.
Wir befinden uns in einem kleinen Ruderboot im Vierländereck auf dem Golf von Aqaba, Rotes Meer. Wir wollen rüber nach Bir Taba, einem kleinen Fischerhafen auf Sinai, Ägypten, geschätzte 15 Kilometer entfernt. Genau wissen wir das nicht. Unsere Karten sind mickrig. Aber bei Tage kann man den Ort drüben erahnen. Eigentlich ein Katzensprung.
Der erste Motor wird angeworfen. Dann noch einer und noch einer. Gerd ahnt es: „Die wollen bestimmt nicht zum großen Nachtangeln. Das gilt uns.“
Mit Höchstgeschwindigkeit brausen sie aus Richtung Aqaba übers Wasser. Wir hören augenblicklich auf zu rudern. Bloß keine falsche Bewegung! Die uns da fangen sollen, stehen unter Hochspannung. Ein einziger Millimeter ihrer nervösen Finger am Abzug der Maschinengewehre genügt, um uns zu durchsieben. Wir hören ihre lauten Rufe. Was sie da rufen, ist unverständlich. Aber klar ist, das heißt „Hände hoch! Keine Bewegung!“. Das haben wir längst auch ohne Aufforderung getan.
Schon sind sie ran. Es sind zwei Boote, die voll abbremsen und deren Bugwellen uns ins Wanken bringen. Die MG-Schützen verheddern sich in den Patronengurten. Wir rufen immer wieder: „Almaani! Deutscher!“ Es wäre fatal, wenn sie uns für Israelis, ihre Todfeinde, hielten. Israel liegt in Reichweite, vielleicht 500 Meter entfernt. Theoretisch hätte auch das unser Ziel sein können. Wir müssen in ihre Boote umsteigen. Dann brausen sie mit uns zurück ins Militärcamp am Rand von Aqaba.
Erstes Verhör. Wir sind drei Deutsche: Gerd, Hans und ich. Wir haben in Hamburg die Konditoren-Meisterprüfung gemacht und uns dafür etwas Besonderes gönnen wollen: eine Trampreise ums Mittelmeer. Das ersehnte Besondere erleben wir in ebendiesem Moment.
Hier in diesem verflixten Hafen am Vierländereck von Saudi-Arabien, Jordanien, Israel und Ägypten hatten wir zwei Wochen ausgeharrt. Es ging einfach nicht mehr weiter. Kein Schiff wollte uns bis zum Suezkanal mitnehmen, weil hier nur Frachtschiffe anlegten, denen der Personentransport verboten war. Dann hatten wir bei den Fischern von Aqaba gefragt. Sie lehnten ab. Sie dürften sich der Golfmitte nicht nähern. Bei der Polizei hatten wir vorgesprochen wegen einer Ausnahmegenehmigung für die Fischer. Fehlanzeige. Jordanien und Ägypten waren 1959 nicht gut aufeinander zu sprechen.
Das brachte mich dann auf die verhängnisvolle Idee, mit eigener Kraft in einem der kleinen Holzboote nach Sinai zu rudern. Nachts, wenn alle schliefen. Zwei Tage zuvor hatten wir aus alten Kistenbrettern Ruder improvisiert. Hans wollte den Kahn wieder zurückbringen. Er würde drüben keine Einreiseerlaubnis erhalten. Man hatte ihm am Strand vor ein paar Tagen den Pass geklaut. Er musste zurück zur deutschen Botschaft in Amman und sich ein Ersatzdokument holen.
„Ihr wolltet nach Israel! Ihr seid Spione! Ihr seid Juden!“, brüllt der Mann, der uns verhört.
Jetzt geht uns doch die Muffe. Spionage hat weltweit einen anderen Stellenwert als unbefugte Bootsbenutzung. Vor allem in einem Königreich, das sich vom Nachbarstaat in seiner Existenz bedroht fühlt.
„Nein, wir wollten nach Ägypten, nach Bir Taba“, versichern wir erneut.
Sie glauben es nicht. Sie wiederholen ihre Beschuldigungen. Wir wiederholen unsere Antworten. Wie Pingpongbälle fliegen die zwei Sätze hin und her, verschieden nur in ihrer Lautstärke.
Als die Sonne aufgeht, werden wir dem Polizeichef überstellt. Zum Glück ist er ehrlich und bestätigt, dass wir Tage zuvor um eine Genehmigung für die Überfahrt nach Ägypten gebeten haben.
Die Situation entspannt sich spürbar. Also doch keine Feinde! Das Gepäck wird durchsucht. Da ist nichts, das nach Spionage riecht. Außer meinem uralten 38er-Revolver. Er sollte unsere Sicherheit erhöhen während der folgenden Wochen, wenn es durch endlos einsame Gebiete in Libyen ging, wo man schnell zum Freiwild werden konnte. Ich hatte die funktionierende Antiquität auf dem Schwarzmarkt in Jerusalem (damals noch Jordanien) erworben, zusammen mit sechs Patronen. Gern hätte ich ein paar mehr gehabt.
„Mehr braucht man nicht“, wusste der Händler. „Wenn du mit sechs Schüssen dein Ziel nicht triffst, nützen dir auch weitere Patronen nichts. Dann bist du ein schlechter Schütze. Oder du bist tot.“
Eine überzeugende Argumentation. Sie entsprach irgendwie auch meiner Denke. Immer schon wollte ich lieber einen Revolver als eine Pistole haben. Wenn ich je schießen müsste, so meine Überzeugung, wäre es nur im äußersten Notwehrfall. Dann hat man nicht mehr die Zeit zum Entsichern und Durchladen, sondern muss ziehen und abdrücken. Eine lebensentscheidende Sekunde. Abgesehen davon ist der Revolver weniger schmutz- und reparaturanfällig als die Pistole. Jahre später, am Blauen Nil, sollte sich das noch bewähren. Sonst gäbe es dieses Buch nicht.
Interessanterweise spielt der gefundene Revolver für die Soldaten überhaupt keine Rolle. Er wird konfisziert, und damit basta. Wir werden ins Gefängnis gebracht.

1959 ist Aqaba ein beschauliches Dorf. Eine kleine Kaimauer, an der zwei Schiffe festmachen können. Ein Sandstrand mit Dattelpalmen, Korallen bis an die Meeresoberfläche, ein Militärcamp, Schützengräben und – das romantische Gefängnis, unser neues Zuhause. Kost und Logis inbegriffen. Eine vier Meter hohe quadratische Mauer aus behauenen Sandsteinen umschließt den Gefängnishof. In zwei gegenüberliegenden Ecken des Quadrats erheben sich sechseckige zweigeschossige Türme mit schmalen Schießscharten anstelle von Fenstern. Das ganze Areal misst circa 30 Meter im Quadrat.
In dem Turm neben dem Gefängnistor wohnen unsere Gastgeber, die Wachen. Das sind schlanke, hochgewachsene Beduinen, Elitesoldaten des Königs. Sie fallen auf durch ihre dekorativen langen, braunen Gewänder und das traditionelle rot-weiß karierte Kopftuch, die Kufija. Sie wird gehalten von einem schwarzen Doppelseilring, dem Agal. Vor der Brust kreuzen sich zwei Patronengurte. Ein weiterer umspannt die Taille. Auf der Schulter ein schweres Repetiergewehr aus dem letzten Weltkrieg. Sie begrüßen uns freundlich, wohl auch neugierig. Der Chef stellt sich vor. Das geht schnell, denn er heißt schlicht und einfach Ali. Keine Silbe zu viel.
Äußerlich wirkt das Anwesen gepflegt. Wäre es meine Immobilie, würde ich im Hof drei Bäume pflanzen. Aber mich fragt ja keiner. Wir werden in dem anderen Turm einquartiert. Einziger Unterschied zum Beduinenturm: Aus den Schießscharten bei uns laufen schwarze Schmutzspuren nach unten und verschandeln die freundliche Sandsteinoptik.
„Da muss man mal mit Wasser ran“, löst Gerd das Problem im Vorbeigehen. Da wissen wir noch nicht, dass man sich durch die Mauerschlitze des Nachts seiner flüssigen Notdurft entledigt.
Zu diesen markanten Sehschlitzen müssen wir hochklettern in die erste Etage. Nicht per Wendeltreppe, sondern per Leiter.
„Na“, kritisiert Hans, „die ist aber nicht für die Ewigkeit gebaut!“ Hans ist Österreicher. Bei ihm muss alles solide und ewig haltbar sein. Wie die Alpen.
„Ist doch egal“, beruhige ich ihn. „So lange will ich ohnehin nicht bleiben.“
Die anderen beiden auch nicht. Einer der wiederkehrenden Momente, wo sich die Frage aufdrängt, wie das Abenteuer wohl weitergehen wird. Wie lange wird man uns hier Gastfreundschaft gewähren? Oder Asyl? Wir gehen einer ungewissen Zukunft entgegen.
Wahrscheinlich stammt die Möchtegern-Leiter aus einer Probeübung des örtlichen Kindergartens, wenn es denn je so was gegeben haben sollte. Sie ist windschief, wackelig und geräuschintensiv. Beduine Ibrahim weist uns die Matratzen an. Sie sind aus nacktem Beton. Aber wir haben Kopftücher. So liegt wenigstens der Kopf einigermaßen weich. Vor allem aber ist es hier oben heiß. Kein Windhauch zwängt sich durch die Schießscharten. Der Wind ist froh, draußen in der Freiheit zu sein und in alle Richtungen Sand aufwirbeln zu können. Wir beneiden ihn. Durch die Scharten sehen wir den verhängnisvollen Golf von Aqaba, am Horizont Bir Taba als weißen Punkt und, zum Greifen nah, unser entliehenes Boot. Sein Eigner vertäut es soeben an der Schwimmboje im Wasser. Das Meer kräuselt sich. Entweder weil es uns auslacht oder weil der Bootseigner erleichtert ausgeatmet hat.
Gleich neben Gerd liegt Abdoulkader. Er hat den besten Platz, weil der Wind, wenn überhaupt, dann aus seiner Scharte haucht. Über ihr hat er seine Kufija angebracht. Sie fängt das Windgesäusel auf und lässt es hinab über seinen Bauch streicheln. Die anderen Mithäftlinge müssen sich mit Schwitzen begnügen. So auch wir. Nur manchmal spüren wir einen Luftzug als Geste der Gastfreundschaft und Zeichen dafür, dass es noch eine andere Welt gibt. Die da draußen, die der Freiheit. Unserem erklärten Ziel.
Abdoulkader hat das Privileg, hier Gast zu sein, nicht so einfach erworben wie wir. Es hat ihn einige Anstrengung gekostet. Und seine Schwester das Leben. Und ihren Freund auch. Abdoulkader hat die beiden Unvorsichtigen in flagranti beim Schmusen in einem Zimmer ertappt und fühlte nicht nur unbändige Abscheu vor der Schwester, sondern sich auch der Familienehre verpflichtet. Er schloss die Schmuser ein. Dann begab er sich mit viel Verantwortung auf seinen Schultern und noch mehr Seelenruhe zum suuq, dem Markt, und erwarb ein Messer. Damit tötete er sie. Hätte er es sofort getan, im Affekt gleich nach der Entdeckung, wäre er straffrei geblieben. Nun aber muss er sich ein Jahr lang Auszeit gönnen. Im Knast zu Aqaba ist er ob der Tat der ungekrönte König. Er gibt sogar Autogramme. Alle bewundern ihn. Auch seine Familie, jedenfalls diejenigen davon, die noch leben. Für sie ist das Tatmesser eine Reliquie, die einen Platz mitten im Esszimmer erhalten hat. Alle paar Tage schickt die Familie ihm eine große Kiste leckerster Lebensmittel. Davon partizipieren auch wir. Wir erhalten jeder eine Orange.
„In Zukunft werde ich immer ein Messer am Körper tragen“, vertraut er uns an. Wahrscheinlich hat er noch mehr Schwestern. Als wir ihm sagen, dass jeder von uns während der Reise immer einen Dolch trägt, ist er ganz begeistert. „Habt ihr denn auch Schwestern?“ Wofür sonst sollte man ein Messer bei sich tragen?
Die anderen Leidensgenossen können sich solcher Heldentaten nicht rühmen. Sie sind einfache Diebe. Einer hat Geld geklaut, zwei andere je einen Esel.
„Wie lange müsst ihr bleiben?“, interessiert es uns.
„Ein Jahr“, rufen alle im Chor.
„Ich zwei. Sauerei“, flucht der eine Eselklauer. Das verstehen wir nicht. Schließlich ist Esel gleich Esel.
Die anderen in der Diebesgruppe lachen sich kringelig. „Sein Esel war trächtig.“
Also hatte er zwei Esel gestohlen. Ja denn!
„Die Familie lebte vom Verkauf der Fohlen.“
Aha, arabische Justiz. Wir sollten sie noch näher kennenlernen.
„Gut, dass unser Boot nicht schwanger war“, witzelt Hans. „Dann kommen wir vielleicht mit einem Jahr davon.“ Denn den betreffenden Paragrafen lernen wir heute: Für Diebstahl gibt es normalerweise ein Jahr. Und damit basta.
Sind die Beduinenwachen in Hörweite, klingen die Taten der Männer ganz anders. Alle sind sie übelsten Verleumdungen aufgesessen. Alle sind sie unschuldig inhaftiert. „Wehe den Verleumdern, wenn wir rauskommen!“
„Wenn ihr vernommen werdet, gebt bloß nichts zu!“, empfehlen sie uns einhellig. Sie überhäufen uns mit guten Ratschlägen. Jeder hält sich für den besten Anwalt.
„Blödsinn, wir sind doch auf frischer Tat ertappt worden“, übt sich Gerd in Realität. „Jeder Richter wird sich verarscht vorkommen und die Strafe erhöhen.“
Um nicht ständig an die Ungerechtigkeiten dieser Welt denken zu müssen, hocken die Männer ganztagsüber im wandernden Schatten der Hofmauern und dösen vor sich hin.
Die Enge, die unterschiedlichen Menschen, die einfache und knapp bemessene Kost erinnern mich schlagartig an meine erste Gefangenschaft. Ich war der einzige Profi unter uns dreien.
Meine erste Gefangenschaft ereignete sich nach dem Krieg in Dänemark. Die Flucht kurz vor dem Einmarsch der Russen hatte uns ins Nachbarland verschlagen. Zunächst noch als freie Menschen. Das änderte sich über Nacht im Moment der Kapitulation am 8. Mai 1945. Da fuhren dänische Militärlastwagen vor und rollten rund um unsere Schule Stacheldrahtrollen aus. Wir waren gefangen. Es war eng, Typhus brach aus. Mein jüngster Bruder Reimar starb. Schon bald wurden wir in ein großes Lager verlegt, wo wir mit 35 000 anderen Deutschen in Pferdeställen untergebracht wurden. Wir lagen in „U 12“, unvergessen bis heute. Verglichen mit dem Nachkriegschaos, das in Deutschland herrschte, ging es uns allerdings saugut. Das Essen war in Ordnung, die Wachen zurückhaltend bis freundlich. Was es nicht gab, war Tabak. Die Männer verzweifelten. Auch mein Vater. Beide Eltern waren starke Raucher.
„Jenseits des Zaunes wächst Waldmeister im Wald. Die anderen Männer haben mit den Händen einen schmalen Graben unter dem Zaun gegraben. Das Zaunareal ist nicht vermint. Kannst du nicht nächste Nacht mit ihnen rauskrabbeln und mir Waldmeister pflücken? Wenn Kinder gefangen werden, müssen sie nichts befürchten.“ So wurde ich zum Tabakbeschaffer der Familie ernannt.
Die reingeschmuggelten Pflanzen wurden am Ofen schnellgetrocknet und die ersten halb trockenen Blätter sofort geraucht – mit geschlossenen Augen und nie zuvor beobachteter Gier. Bis alle Männer nach einigen Wochen über starke Kopfschmerzen klagten. Da war der Spuk schnell vorbei. Als ich bei einer der Wachen hin und wieder eine Zigarette erbetteln konnte, wurde ich zum Lieblingssohn befördert. Selten habe ich glücklichere Eltern erlebt. Vielleicht waren das Schlüsselerlebnisse, weshalb ich selbst noch niemals geraucht habe. Ich wollte instinktiv nie abhängig werden.
Nach zwei Jahren wurden wir schließlich entlassen, weil meine Großmutter, die in Bielefeld ausgebombt worden war, uns aufnehmen konnte. Bis mein Vater in Münster wieder als Banker arbeiten konnte. Dort, in Münster, kam ich in die Bäckerlehre.
Mit Gefangenschaft, Schmuggeln, Bestechung und Flucht hatte ich also Erfahrung. Das war Alltag in unserem Lager. Vielleicht ließ sich das auch hier in Jordanien verwenden. Ich erzähle meinen beiden Freunden von den Erfahrungen.
„Hör auf!“, klagt Gerd, „ich würde wahnsinnig. Ich brauche etwas zu tun.“ Dabei sitzen wir doch erst einen Tag. Wie wird das in einem Jahr aussehen? Haben wir dann einen Lagerkoller? Während der Gefangenschaft in Dänemark waren Lagerkoller an der Tagesordnung. Wird unsere Freundschaft zerbrechen? Aber er spricht Hans und mir aus der Seele. Wir brauchen etwas zu tun. Unvorstellbar, wenn diese Lethargie ein Jahr dauern sollte.
Dabei gibt es Arbeit genug. Sie lacht uns von allen Seiten an. Gerd übernimmt eigenständig das Brunnenseil. Es hängt nur noch an zwei Fasern und muss neu geflochten oder geknotet werden. Sonst reißt es, wie gerade eben wieder einmal. Dann muss jemand auf wackeligen Eisensprossen in die dunkle Tiefe. Das macht niemand gern. Da unten ist es kühl und finster. Auch die Eisensprossen sind nicht die jüngsten. Gerd macht das nichts aus. Es soll seine Haupttätigkeit werden. Wenn seine Knoten geschafft sind, holen die anderen für ihn Eimer um Eimer voll Wasser herauf, und er schrubbt den Innenhof. Ich helfe ihm.
Direktor Ali steht sprachlos daneben und bestaunt nach jeder Eimerentleerung den geheimnisvollen Knoten. Ehrfürchtig streichelt er ihn.
„Das sind zwei miteinander verbundene Prusikknoten, die Könige der Knoten“, erklärt Gerd mit Fingerfertigkeit und in Deutsch.
Was Ali am meisten beeindruckt, ist, dass sich die Knoten trotz der schweren Belastung kinderleicht wieder öffnen lassen. Er hat es sofort begriffen und beordert seine vier diensthabenden Beduinenwachen zu sich, um sein Wissen weiterzugeben. Ich überlege derweil, ob man mithilfe des Seils irgendwann über die Mauern entkommen könnte. Gerd errät meine Gedanken. „Über die Mauer ist kein Problem. Aber die Distanz zur nächsten Stadt im Norden schaffen wir niemals ohne fremde Hilfe. Alles Wüste.“
Um nicht Gerd und mich allein arbeiten zu lassen und untätig herumzustehen, entmistet Hans die kleine Küche. Sie hat Einmaligkeitswert. Da gibt es einen kleinen Petroleumkocher auf schmutzverkrustetem Tisch vor gesprungenen Kacheln, deren Grundfarbe nicht mehr erkennbar ist. Aber er bietet die Möglichkeit, sich etwas zu kochen. Sofern man denn etwas hat. Meist ist es Tschai, Tee.
Aber offensichtlich erhält der eine oder andere Mitgefangene Zuwendungen von außen. Wie Abdoulkader. Davon künden die Abfälle in einer Ecke, ein Komposthaufen der Sonderklasse. Im ersten Moment denken wir, man habe den Kompost mit einem dunklen Tuch abgedeckt. Das täuscht. Beim Näherkommen entpuppt sich das Tuch als ein Schwarm Fliegen. Ein regelrechter Insektenzoo. Grüne Schmeißfliegen, schwarze Stubenfliegen und die kleinen Obstfliegen lassen es sich wohlergehen.
Hans stochert mit einem Stock darin herum. Er weiß offenbar, dass Kompost von Zeit zu Zeit gewendet werden muss. Zwei Mäuse stört diese Hektik. Sie entfliehen in eine Mauerspalte. Nicht fliehen können Heerscharen von Kakerlaken. Sie laufen in Panik durcheinander. Hans zertritt sie mit den Sandalen. Ich bremse ihn. Nicht aus Tierliebe.
„Lass uns ein paar einsammeln. Damit veranstalten wir Derbys!“ Spontaner Gedanke, geboren aus Langeweile, die bekanntlich erfinderisch macht. Ich erprobe die Idee sogleich in der Praxis. Wie kann man mittels Strohhalm sein Renninsekt am schnellsten ins Ziel dirigieren? Die anderen Häftlinge sind begeistert. Alle wollen mitspielen. Den Kakerlaken droht ein Herzinfarkt. Egal, wir haben genug Reservespieler. Ich erhöhe den Spielanreiz. Ab jetzt kann der Coach der Siegerkakerlake den morgendlichen Teelöffel Zucker gewinnen.
Mit Gerds Wasser aus dem Brunnen rückverwandelt Hans die Küche derweil in ihre Urform. Immer wieder muss er sich wegen der mittäglichen Hitze einen Schluck des kostbaren Nasses gönnen.
„Es schmeckt wirklich vorzüglich“, strahlt er dann. „Wie Wasser aus unseren Gebirgsbächen. Man müsste es verkaufen an Beduinen. Ich hab auch schon einen Verkaufsslogan: ›Aqua ja! Aus Aqaba!‹“
Gefängnisdirektor Ali staunt immer wieder. Ihm fehlen einfach die Worte, nicht aber das Lächeln. Solche arbeitswütigen Gäste, die noch dazu immer lachen, hat er noch nie erlebt! Gerd erkennt Alis Wohlwollen sogar vom Brunnen aus, während er mal wieder Interessierten den Prusikknoten zeigt.
Der Knast blitzt wie bei seiner Neueröffnung vor irgendwelchen Jahren. Vielleicht stammt er sogar aus der Zeit, als der Engländer Lawrence von Arabien Aqaba vom Osten her erobert und von türkischer Herrschaft befreit hat mit einer Armee von Beduinensoldaten. Bunte Gestalten wie unsere Wachen. Wir sitzen in historischer Umgebung.
Weil die Kommunikation schwierig bis unmöglich ist, wollen wir Arabisch lernen. Jeder unserer Hobby-Rechtsberater will uns dabei helfen, jeder ist plötzlich auch Sprachlehrer. Als Gegenleistung sollen wir ihnen Deutsch beibringen.
„Mann, das sind ja komplett andere Wörter. Nichts davon ist mit dem Germanischen oder Romanischen verwandt“, beklage ich mich. Außerdem gibt es fast jeden Laut doppelt. Da ist das A, das wie das deutsche A klingt. Sie nennen es Alif. Dann gibt es das andere A, das man hinten im Rachen auswürgt, als hätte man sich verschluckt. Es heißt A’in. Ausländische Anfänger, die das zehnmal versucht haben, beklagen sich über Halsweh. Diese Komplikationen gibt es auch mit dem S, T, D, H, K, R. Dafür vermissen wir ein P.
Die Araber hingegen haben nur eine einzige Schwierigkeit mit dem Deutschen. Man kann ihnen leicht ein U für ein O vormachen. Das können sie nicht unterscheiden. Uhr und Ohr klingt für sie gleich.
Das nutzen wir sofort. Wir zeigen auf die Armbanduhr: „Uhr!“ Dann zeigen wir auf das Ohr: „Ohr!“ Sie mühen sich redlich wie wir mit den beiden A’s. Aber sie kriegen’s nicht hin. Wir schadfreuen uns. Als es dann doch endlich jemand schafft, bedauern wir scheinheilig.
„Nein, genau umgekehrt.“ Wir zeigen auf die Uhr und behaupten: „Ooohr, mein Freund! Das hier ist Uuuhr!“, und tippen das Ohr an. Endlich sind sie so verzweifelt wie wir.

Es ist Abend. Um sechs Uhr wird’s dunkel. Wir müssen nach oben in den Turm. Die Leiter wird weggezogen, die Luke zugeklappt und von unten verriegelt. Das starke Eisentor im Erdgeschoss wird abgeschlossen. Nun sind wir allein mit den Häftlingen, der Stauhitze, dem Betonboden. Wenn jetzt ein Feuer ausbräche, könnte man höchstens einen seiner Arme retten, indem man ihn in eine der Schießscharten nach draußen steckt. Aber wem nützt das? Bei dem Gedanken bekommen wir Beklemmungen. Zum Glück kann hier aber nichts brennen.
Gerd schläft neben Abdoulkader. Es ist stockdunkel. Gerade, als wir alle eingedöst sind, wälzt sich der Doppelmörder unruhig im Schlaf hin und her. Womöglich träumt er von seinen Heldentaten. Wie zufällig patscht seine Hand genau neben Gerds Unterleib. Da bleibt sie dann liegen. Gerd schiebt sie behutsam beiseite. Abdulkader entlockt das nur ein Schnarchen. Sein Traum geht weiter. Wahrscheinlich ringt er jetzt mit dem Liebhaber der Schwester. Die Folge: Die Hand, die Finger, landen erneut bei Gerd. Nach zeitlich kaum messbarer Zeitspanne beginnen die Finger, sich zu verselbstständigen. Und zielsicher finden sie zu Gerds Genital.
Gerd kriecht näher zu uns heran. „Der Typ neben mir ist hackeschwul. Ich kann nicht schlafen.“ Wir drei krabbeln zusammen. Abdoulkiller rückt nach. Hans tauscht den Platz mit Gerd. Das ändert nichts an der Belästigung.
„Ich lege meinen Rucksack zwischen ihn und mich“, beschließt Hans.
Das spornt auch Abdoulkaders Fantasie an. Er strampelt im Schlaf und will den Rucksack zur Mitte unseres Turmrunds wegschieben.
„Morgen früh sagen wir ihm die Meinung“, beschließen wir. Aber wie macht man das, wenn man der Sprache nicht mächtig ist? Wie stellt man es an, Klartext zu reden mit jemandem, in dessen Kultur das Thema Homosexualität nach außen hin streng tabuisiert, aber reichlich verbreitet ist?
Wir vertrauen auf unsere Pantomime, als wir mit ihm allein im Turm sind. War es dort eben noch mucksmäuschenstill, bricht urplötzlich ein Wüstensturm der verbalen Art über uns herein. Er weiß sofort, wovon die Rede ist. Er springt auf. Er und schwul? Uns belästigt? Das sei ja wohl die größte Beleidigung seines Lebens, wir seien wohl nicht ganz dicht, man sollte uns zusammenschlagen. Zum Glück hat er sein Messer nicht dabei. Dafür hat er Schaum vorm Mund. Jähzorn – als hätte er seine Schwester vor sich.
Wir ziehen es vor, nach draußen zu gehen, bevor er noch mehr ausrastet und dafür sorgt, dass wir seiner toten Schwester Gesellschaft leisten. Immerhin haben wir nun Ruhe. Jeden Abend legen wir demonstrativ unsere drei Rucksäcke als Trennwand zwischen ihn und uns.

Nach zwei Wochen werden wir verlegt. Ein Lkw bringt uns zum Kittchen von El-Kerak. Unterwegs machen wir Rast in einer Teebude und treffen auf zwei Deutsche. Wir dürfen mit ihnen sprechen. „Könnt ihr die deutsche Botschaft benachrichtigen? Wir sitzen wegen Diebstahls und werden nach El-Kerak gebracht. Man verweigert uns jeden Kontakt.“ Sie versprechen es. Wir kritzeln unsere Adressen auf ein Stück Papier. Die neue Hoffnung beflügelt uns. Mehr noch als der Tee.
„Hoffentlich halten sie Wort“, zweifelt Hans. Er misstraut jedem Fremden, seit man ihm in Aqaba den Pass geklaut hat.
Unser neues Gefängnis war früher Teil einer Kreuzritterburg. Es liegt auf einer schroffen Felswand. Das Dorf wirkt sauber. Wahrscheinlich, weil der Höhenwind die Abfälle davonbläst in die umliegenden Tiefen. Die Fenster sind mit schweren Eisenstäben vergittert. Fluchtchance durch die Fenster gleich null. Gegenüber ein ansehnlicher Garten. Irgendwo grasen zwei Kamele.
Ein sympathischer Mann stellt sich uns vor. „Abu Mohammed, Direktor!“ Zur Aufnahme der Personalien bittet er uns in sein Büro. Er spricht zehn Worte Englisch. Damit bestreitet er geschickt und verständlich ganze Vorträge. Hans denkt schon wieder in Zahlen. „Der Direktor sitzt in seinem Leben bestimmt mehr hinter Gittern als wir.“ Das tröstet ungemein.
Unsere neue Herberge ist vor allem romantisch. Sie besteht aus zwei Räumen, die vom kleinen Gefängnishof abgehen. Dort werden wir neugierig begutachtet von etwa zehn anderen Häftlingen. Ob sie schuldig oder nicht schuldig hier einsitzen, brauchen wir sie morgen nicht zu fragen. Die Antwort kennen wir: „Unschuldig.“ Erst wenn sie uns vertrauen, packen sie aus.
Im Gegensatz zu Aqaba gibt es hier komfortable Matratzen. Sehr bald merken wir, dass wir die Unterlagen nicht allein nutzen können. Dutzende von Wanzen teilen sich das Lager mit uns. Ob wir sie töten oder nicht, sie werden nie weniger. Oben an der Decke sieht man deutlich ihre Wechsel, ihre Wanderwege. Dort marschieren sie dreist und ohne Furcht und Respekt vor uns entlang und lassen sich zielgenau herunterfallen. Schlagen wir sie tot, nehmen ihre Nachkommen sofort die frei gewordenen Plätze ein.
Wir werden zerstochen bis zum Ausrasten. Als Erschwernis kommt hinzu, dass in den Zellen während der ganzen Nacht das Licht brennen muss. Auf Nachfrage erlaubt Abu Mohammed uns, eine braune Papiertüte darüberzustülpen. Das schafft Gemütlichkeit, fast Lagerfeueratmosphäre. Aber andererseits spornt es die Wanzen an. Sie lieben die Dämmerung.
„Hast du nicht irgendeine Arbeit für uns?“, fragen wir Abu Mohammed sogleich. „Kamele putzen, den Kamelstall ausmisten?“ Hauptsache, raus aus den engen Mauern.
Abu Mohammed ist entsetzt. „Wie soll ich das rechtfertigen vor meinen Vorgesetzten, wenn ich euch solche Arbeiten machen lasse? Ihr seid meine Gäste.“
„Was ist mit dem Garten? Wir könnten ihn von Unkraut befreien.“ Er ist arg verwildert. Man könnte mehr daraus machen.
„Der Garten gehört Madam Officer“, erklärt er uns. Aber er will sie fragen. Gartenarbeit ist nicht so schändlich wie Kamelstallausmistung.
Madam Officer ist einverstanden. Aber mit höchster Besorgnis und geschickten Handbewegungen ermahnt er uns: „Rose down, grass up!“ Also um Himmels willen keine Blume rausrupfen! Alle halbe Stunde taucht er auf und wiederholt: „Grass up, rose down.“ Dabei ist von Rosen nichts zu entdecken, doch vorsichtshalber lassen wir jedes Unkraut am Leben, das den Hauch einer Blüte hat. Abu Mohammed ist zufrieden. Madam Officer schaut aus dem Fenster und winkt. Also ist sie auch zufrieden. Der Lohn: eine Sonderration Brot mit hommos. Und den obligatorischen Tee.

Rüdiger Nehberg

Über Rüdiger Nehberg

Biografie

Rüdiger Nehberg (1935 - 2020), Deutschlands bekanntester Abenteurer, Survival-Experte und Menschenrechtsaktivist, machte seit Anfang der 1970er-Jahre immer wieder mit spektakulären Expeditionen und Survival-Aktionen Schlagzeilen. Ab den 1980ern rückte sein Engagement für die Rettung der Yanomami in...

Medien zu „Dem Mut ist keine Gefahr gewachsen“
Pressestimmen
bergbuch.info

„Das Buch ist ein spannend zu lesender Lebenskrimi in 1001 Geschichten – und als Vermächtnis des 2020 verstorbenen ›Sir Vival‹ ein packendes Manifest für Menschenrechte.“

Deutsche Jagdzeitung

„Spannend und schnörkellos. Ein typisches Nehberg-Buch. Leider sein letztes.“

stadtmagazin07.de

„Was für ein packender finaler Lebensbericht – was für ein unterhaltsamer Autobiograf.“

bergfieber.de

„Nehbergs literarische Expeditionen, auf die er uns mitnimmt, sind kurzweilig, gerade heraus, mitfühlend, schlichtweg: authentisch und 100% Nehberg! Stets in seiner unnachahmlichen Art geschrieben und mit einem Bildteil in der Mitte des Buches gelingt Rüdiger Nehberg ein, wie heißt es auf dem Cover sehr treffend, ›ungewöhnlicher Lebenskrimi und ein packendes Manifest für Menschenrechte‹ - wie wahr!“

Hörzu

„Keiner hatte so viel zu erzählen wie ›Sir Vival‹, keiner tat es spannender. Sein neues Buch wird zum eindringlichen Vermächtnis.“

Outdoor Guide

„Das kann sich lesen lassen!“

Stern

„Fesselnd geschrieben wie ein Roman“

Inhaltsangabe
1. Vorwort
2. Der Uranfang
3. Ein Rattenschwanz von Erfolgen
4. In jordanischen Gefängnissen
5. Survival : Die Kunst zu überleben
6. Der Mord am Blauen Nil
7. Wendepunkte
8. Das harte Gesetz des Dschungels
9. Der Deutschlandmarsch ohne Nahrung
10. Die Morde um Tatunca Nara
11. Bei den Yanomami-Indianern
12. Von der Flut davongespült
13. Rettet die Yanomami!
14. Dreikampf in Australien
15. Bedrohungen durch Goldsucher
16. Annette
17. Die Karl-May-Klinik im Regenwald
18. Dschungel-Survival
19. Das Verbrechen Weibliche Genitalverstümmelung
20. TARGET e. V. : Unabhängig. Visionär. Respektvoll. Pragmatisch
21. Ab an die Front!
22. Die Wüstenkonferenz
23. Die Fahrende Krankenstation
24. Beim Großsheikh Al-Azhar
25. Die Karawane der Hoffnung
26. Wechselbäder der Gefühle in Dschibuti
27. Unsere historische Azhar-Konferenz
28. Die „andere“ Kairo-Konferenz
29. Das Goldene Buch
30. Hilfe zur Selbsthilfe
31. Verstümmlerin wird Mitkämpferin
32. Unsere Geburtshilfeklinik in Äthiopien
33. Verrat
34. Auge um Auge
35. Das mutige Bekenntnis
36. Helmut Schmidt vermittelt
37. Bei der OIC, der „islamischen UNO“
38. Beim saudischen Großmufti
39. Der Golden Islam Award
40. Hoffen und Warten
41. In den Mühlen der Politik
42. Der Bäcker und der König
43. Wer rastet, der rostet : Meine Art Vermächtnis

Meine Vorträge
Stationen meines Lebens
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