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Thriller

Taschenbuch
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Delete — Inhalt

Vier Studenten werden vermisst. Sie alle haben dasselbe Online-Computerspiel gespielt – und offenbar die reale Welt, in der sie leben, für eine Simulation gehalten. Während Hauptkommissar Eisenberg noch rätselt, ob überhaupt ein Verbrechen vorliegt, verschwindet eine weitere junge Frau spurlos. Gemeinsam mit seiner »Sonderermittlungsgruppe Internet« beginnt Eisenberg zu recherchieren. Was ist geschehen? Hat ein Serienkiller fünf Menschen auf dem Gewissen? Oder ist das ganze bloß ein perfider Scherz? Doch bald gerät Eisenberg selbst in ein grausames Spiel mit der Realität ...

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 15.10.2013
464 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-8333-0939-7
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 15.10.2013
464 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7673-1
»Eine spannende Mischung aus klassischem Kriminalroman und modernem Computerthriller bietet Karl Olsberg mit seinem Roman „Delete“. […]. Olsberg entwickelt eine von Anfang bis Ende spannende Handlung, setzt geschickt Klischees über Computerfreaks ein und unterhält bestens.«
Aachener Zeitung (dpa)
»Grandios! […] Karl Olsberg legt einen brandaktuellen, hochspannenden und toprecherchierten Thriller vor, der zeigt, welchen Beitrag moderne Technik zur Aufklärung von Verbrechen leisten kann.«
Bücher
»Karl Olsbergs intelligenter Thriller taucht tief ein in Computerwelten.«
Dresdner Morgenpost am Sonntag

Leseprobe zu »Delete«

PROLOG

Du spürst ihre Blicke. Du kannst sie nicht sehen, aber du weißt, sie sind da. Es ist, als kitzele ihr Atem dein Ohr. Menschen liegen auf der Wiese, lesend, liebend, gelangweilt. Kinder kreischen, Hunde streiten. Pollen jucken in der Nase. Es ist viel zu hell. Die Alte auf der Parkbank füttert Tauben. Sie weiß nicht, dass es keine Tauben gibt. Du willst schreien, aber das ist sinnlos. Sie kennen dein Flehen, doch sie erhören es nicht. Ihr Experiment würde nicht funktionieren, wenn alle die Wahrheit wüssten.
Deine Hand tastet nach den Schläuchen in [...]

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PROLOG

Du spürst ihre Blicke. Du kannst sie nicht sehen, aber du weißt, sie sind da. Es ist, als kitzele ihr Atem dein Ohr. Menschen liegen auf der Wiese, lesend, liebend, gelangweilt. Kinder kreischen, Hunde streiten. Pollen jucken in der Nase. Es ist viel zu hell. Die Alte auf der Parkbank füttert Tauben. Sie weiß nicht, dass es keine Tauben gibt. Du willst schreien, aber das ist sinnlos. Sie kennen dein Flehen, doch sie erhören es nicht. Ihr Experiment würde nicht funktionieren, wenn alle die Wahrheit wüssten.
Deine Hand tastet nach den Schläuchen in deinem Hals, den Drähten in deinem Hinterkopf. Doch natürlich spürst du nichts außer dem Schorf der Stellen, die du letzte Nacht blutig gekratzt hast.
Tief durchatmen.
Ein Ball rollt auf dich zu. Er trägt das verblichene Emblem der vorletzten Fußballweltmeisterschaft. Ein kleiner Junge rennt ihm hinterher. Du hebst den Ball auf, spürst sein Gewicht. Deine Finger ertasten seine aufgeplatzte Oberfläche. Du führst ihn zum Gesicht, riechst Leder, Gras, das bittere Aroma von Hundekot.
Dies ist kein Ball.
Der Junge bleibt ein paar Schritte vor dir stehen. Er ist höchstens acht. Er wirkt ängstlich. Wahrscheinlich sieht er den gehetzten Blick in deinen Augen. Du versuchst zu lächeln. Wirfst ihm den Ball zu. Er hebt ihn auf und rennt davon, als wärst du ein zähnefletschendes Monster.
Die Wahrheit isoliert dich. Die Wahrheit tut weh. Aber die Ungewissheit ist noch weitaus schlimmer. Was, wenn die Träumer doch recht haben? Was, wenn du dein ganzes Leben einer fixen Idee nachgejagt bist wie ein paranoider Irrer?
Es sind ihre Zweifel, nicht deine. Sie säen sie in deine
Gedanken. Sie wollen nicht, dass du die Wahrheit siehst. Manchmal wünschst du dir, die Zweifel wären so stark,
dass du vergisst, was du weißt. Dass du an Tauben und Fußbälle glaubst. Dass du einfach nur durch den Park gehst, die Sonne auf der Stirn spürst, den Sommer riechst, lebst.
Doch Vergessen ist unmöglich. Die Wahrheit lässt sich nicht unterdrücken. Du spürst sie einfach, ihre Blicke, ob interessiert, ob mitleidig oder voll perverser Lust an deinem Leid, was ändert das? Wut keimt in dir auf, ziellose Wut. Ein Laut entfährt dir. Die Leute drehen sich um. Du fixierst den Blick auf den Kiesweg.
Sie werden dich nicht befreien. Du bist Teil des Experiments. Dein Leid ist kalkuliert. Dein Geist bäumt sich auf. Doch wie könntest du dich je dem Willen der Allmächtigen widersetzen?

 

1.

Hauptkommissar Adam Eisenberg justierte die Optik seines Fernglases. Die Sattelzugmaschine hatte etwa zweihundert Meter entfernt auf einem abgelegenen Freigelände südlich des Hamburger Hafens gehalten, an der erwarteten Stelle. Zwei Männer stiegen aus. Einer von ihnen öffnete den Container. Der zweite sicherte die Szene aus ein paar Schritten Entfernung, die Pistole im Anschlag.
»Lotsen, bereit?«, fragte Eisenberg in sein Headset. Er sprach gedämpft, obwohl die Straftäter viel zu weit entfernt waren, um ihn zu hören, noch dazu windwärts.
»Lotse 1, bereit.«
»Lotse 2, bereit.«
»Lotse 3, bereit. Verdächtige Fahrzeuge nähern sich von
Westen. Geschätzte Ankunftszeit in etwa sieben Minuten.«
»Verstanden. Zugriff auf mein Kommando«, gab Eisenberg zurück, während er seine Augen an die Okulare presste. Das Innere des Containers war dunkel, sein Inhalt nicht erkennbar.
Einen Moment lang geschah nichts.
Obwohl die angespannte Haltung der beiden Männer das Gegenteil anzeigte, befürchtete Eisenberg, dass der Container leer war. Doch dann trat die erste bleiche Gestalt ins Licht. Es war ein Mädchen, dunkelhaarig, mit olivfarbener Haut, fünfzehn oder sechzehn Jahre alt. Sie trug ein schmutziges T-Shirt und eine Jogginghose, die an einer Stelle eingerissen war. Schützend hielt sie einen Arm über die Augen, als blende sie das Licht.
Eisenbergs Kehle schnürte sich zu. Er hörte seinen Puls in den Ohren. Seine Hand glitt unwillkürlich zur Dienstwaffe, die gesichert in ihrem Schulterhalfter hing. Er würde sie kaum brauchen – die Bewaffnung der beiden Gruppen des Spezialeinsatzkommandos, die rings um das Gelände bereitlagen, reichte aus, um einen mittleren Bandenkrieg zu entscheiden. Die beiden Mistkerle da vorne taten gerade ihre letzten Atemzüge in Freiheit für einen hoffentlich langen, langen Zeitraum. Für ihre Opfer endete dagegen eine Zeit unvorstellbaren Grauens.
Nur noch wenige Minuten. Sie mussten warten, bis die Mädchen in die Fahrzeuge einstiegen, deren Halter Eisenbergs Ermittlungsgruppe bis zu den Drahtziehern dieses perfiden Geschäfts zurückverfolgt hatte. Erst dann besaßen sie genug Beweise, um auch die Hintermänner des Mädchenhändlerrings überführen zu können.
Es hatte Monate gedauert, diese Falle vorzubereiten. Ein V-Mann hatte Zeitpunkt und Ort der Übergabe in Erfahrung gebracht. Eisenbergs Leute hatten nicht viel Zeit gehabt, den Einsatzort vorzubereiten. Doch sie hatten ganze Arbeit geleistet. Er selbst und einige SEK-Männer lagen hinter einer mit unauffälligen Gucklöchern präparierten Werbetafel auf der Lauer.
»Verdächtige Fahrzeuge nähern sich mit reduzierter Geschwindigkeit. Ankunft in etwa vier Minuten«, teilte Lotse 3 mit. Eigentlich waren solche Bezeichnungen dank der neuen abhörsicheren Kommunikationsgeräte überflüssig, doch die Gewohnheit hatte wieder einmal über die Notwendigkeit triumphiert.
Eine nach der anderen kletterten die verängstigten Mädchen aus dem Container. Einige konnten sich kaum auf den Beinen halten. Vermutlich hatten sie tagelang nichts gegessen und kaum etwas getrunken. Es waren mehr als ein Dutzend. Keines der Opfer war älter als siebzehn. Sie stammten aus Mittelamerika, wo sie von professionellen Menschenjägern entführt und in schlecht belüfteten Containern wie Vieh nach Europa verfrachtet worden waren. Eisenberg konnte nur erahnen, welche Odyssee sie hinter sich hatten.
Doch was vor ihnen gelegen hatte, war womöglich noch schlimmer. Hier in Deutschland wären sie entweder in einem Bordell gelandet oder, schlimmer noch, als Haussklavinnen an wohlhabende alleinstehende Männer verkauft worden. Eisenberg hatte es nicht für möglich gehalten, dass es so etwas in Deutschland tatsächlich gab, bis er durch einen Hinweis des Sittendezernats auf den Mädchenhändlerring aufmerksam geworden war.
Das letzte Mädchen verließ den Container. Sie war die Kleinste von ihnen, vermutlich erst vierzehn oder fünfzehn Jahre alt. Selbst auf die Entfernung konnte Eisenberg ihre angstgeweiteten Augen erkennen.
Der eine der beiden Wächter rief etwas. Die Mädchen stellten sich in einer Reihe auf. Nur die Kleine schien sich zu weigern. Sie versuchte, wieder in den Container zu klettern, als hoffe sie, damit auf magische Weise in ihre Heimat zurückzukehren. Der Wächter packte sie am Arm und zog sie zurück. Sie wehrte sich. Eisenberg konnte ihre verzweifelten Schreie trotz der Entfernung deutlich hören. Er schluckte. Nur noch ein paar Minuten, flehte er in Gedanken. Verhalt dich nur noch ein paar Minuten ruhig, dann beenden wir dein Leid!
Das Mädchen schien sich endlich zu fügen. Doch als Eisenberg schon erleichtert aufatmete, biss sie plötzlich ihren Peiniger in die Hand. Er schrie auf und ließ sie los. Ein Tumult entstand. Das Mädchen löste sich aus der Menge und rannte den Weg entlang, genau in Eisenbergs Richtung. Die Wächter wollten ihr nachstellen, wurden jedoch durch die anderen Gefangenen daran gehindert, die aufgeregt durcheinander liefen – ob vor Panik oder weil sie der Flüchtenden helfen wollten, war nicht zu erkennen. Der Vorsprung des Mädchens wuchs. Die Mädchenhändler brüllten. Dann hob einer der beiden seine Pistole und legte auf das flüchtende Mädchen an.
Eisenberg dachte nicht nach. »Zugriff!«, brüllte er und sprang hinter dem Plakat hervor. Anders als die SEK-Kräfte trug er keine Schutzkleidung – seine Rolle war es eigentlich, im Hintergrund zu bleiben und den Einsatz zu koordinieren. Doch er setzte auf das Überraschungsmoment und darauf, dass die Täter von der Übermacht der Polizei eingeschüchtert sein würden.
Die SEK-Männer sprangen aus ihren Verstecken hinter Containern und Büschen. Befehle wurden gebrüllt. Die geschockten Mädchenhändler ließen ihre Waffen fallen und hoben die Hände.
Das Mädchen blieb stehen. Erschrocken blickte sie zwischen den auf sie zustürmenden Polizisten und ihren Peinigern hin und her. Dann sank sie auf die Knie und barg das Gesicht in den Händen.
Eisenberg lief zu ihr. Er hörte die Stimme von Lotse 3 in seinem Headset: »Die verdächtigen Fahrzeuge verlangsamen ihre Fahrt. Erbitte Anweisungen!«
»Fahrzeuge anhalten, Insassen festnehmen wegen Verdachts auf Menschenhandel«, befahl Eisenberg. Er beugte sich über das schluchzende Mädchen. Sie hielt die Hände über den Kopf und neigte ihren Oberkörper nach vorn, wie um sich vor Schlägen zu schützen.
»Es bien!«, sagte Eisenberg in bruchstückhaftem Spanisch. »Soy policía! Todo es bien!«
Vorsichtig hob sie den Kopf. Ihre großen, dunklen Augen zeigten Verwirrung und Hoffnung. »Policía?«
Eisenberg nickte. Er hielt ihr seinen Dienstausweis hin. Vermutlich konnte sie nicht lesen, was darauf stand, aber das Wappen der Hamburger Polizei und das offizielle Dokument schienen sie zu beruhigen. Sie sah sich um, dann stieß sie einen Wortschwall aus, von dem Eisenberg nichts verstand.
»Cómo te llamas?«, fragte er, als eine Pause entstand.
»Maria«, sagte sie. »Maria Costado Lopez.«
Eisenberg reichte ihr die Hand und half ihr auf. »Adam
Eisenberg.«
Sie lächelte schüchtern. Dann presste sie sich an ihn und umklammerte ihn. Genau wie Emilia, vor vielen Jahren, als er sie zum letzten Mal umarmt hatte.
Behutsam löste er sich aus ihrer Umarmung und führte sie zu einem der Mannschaftswagen, die inzwischen bereitstanden, um die Mädchen, die Einsatzkräfte und die Festgenommenen abzutransportieren.
Der Gruppenführer des SEK kam auf ihn zu. Er blickte ernst.
»Nur noch zwei oder drei Minuten, dann hätten wir sie drangekriegt.«
Eisenberg nickte.
»Ich weiß. Danke, Ralf. Das war hochprofessionell.«
»Viel Glück bei dem Versuch, das deinem Chef zu erklären.«
Eisenberg seufzte. Ihm war klar, dass der Einsatz ein Reinfall war. Die Fahrer, die die Mädchen abholen sollten, würden einfach leugnen, etwas mit der Sache zu tun zu haben. Die Beweislage war viel zu dünn, um allein ihre Anwesenheit in der Nähe des Übergabeortes als hinreichenden Schuldbeweis für ihre Auftraggeber zu werten. Monatelange Ermittlungsarbeit war zunichte gemacht worden. Sie hatten das Leid dieser Mädchen beendet, doch wie viele andere würden noch verschleppt werden, weil es ihnen nicht gelungen war, die Hintermänner zu überführen?
Eisenberg wusste, er hatte richtig gehandelt. Niemals hätte er tatenlos zusehen können, wie das Mädchen verletzt oder gar getötet worden wäre. Außerdem war er dazu verpflichtet, Schaden von möglichen Opfern abzuwenden. Doch er wusste auch, dass die Umstände des Einsatzes nur allzu leicht anders interpretiert werden konnten. Niemand konnte wissen, was passiert wäre, wenn er nicht den Zugriff befohlen hätte. Vielleicht hätte der Wächter gar nicht geschossen oder das Mädchen verfehlt.
Wie so oft wäre es sicherer gewesen, nichts zu tun, einfach abzuwarten und dem vorher ausgearbeiteten Plan zu folgen. Man hätte ihm bestenfalls milde Vorwürfe gemacht, wenn das Mädchen tatsächlich zu Schaden gekommen wäre.
Doch Eisenberg hatte gehandelt, hatte den Plan über den Haufen geworfen. Er würde die Konsequenzen dafür tragen müssen. Aber er würde damit klarkommen. Es war ja nicht das erste Mal, dass er mit seinem Chef aneinandergeriet.

 

2.

Tristanleaf: Ready, group? Aufmischmaschine: Ready ShirKhan: OK Gothicflower: Ready Dernik92: Let’s go Leobrine: Rdy
Tristanleaf: Alright, then. No AFK until battle is over. For the White Tree! ATTACK!
Mina Hinrichsen alias Gothicflower ließ ihre HalborkKriegerin aus dem Gebüsch springen, in dessen Sichtschutz sie sich angeschlichen hatte. Zusammen mit den anderen stürmte sie auf die Mitglieder der feindlichen Feuergilde zu. Die Gegner waren zu neunt und somit klar in der Überzahl, doch sie hatten gerade einen Kampf mit einem Smaragddrachen hinter sich und waren noch geschwächt. Die ideale Gelegenheit für einen Raid!
Minas Gruppe hatte die Feuergildner seit Stunden verfolgt. Ein Elf namens Tristanleaf, der sich unsichtbar machen konnte, war ihnen dicht auf der Spur geblieben und hatte die anderen informiert, wo sich die feindliche Truppe befand. Der Weg durch das Nebelgebirge war nicht ungefährlich, doch die Feuergruppe hatte einen Level-42Magier dabei, der mit einem Mausklick alles aus dem Weg räumte, was kleiner als ein Eisriese war. Ohne es zu wollen, hatten sie damit Minas Gruppe den Weg frei gemacht.
Die Feuergildner bemerkten den Angriff. »Fuck off!«, schrieb der feindliche Anführer, ein Level-28-Berserker namens Killbilly. »No ganking, you gimps!«, erboste sich ein gegnerischer Halbelf darüber, dass Minas Gruppe die Schwäche der Gegner hinterhältig ausnutzte. Dies galt in Rollenspielerkreisen als unfein. Allerdings hatte die Feuergilde Ähnliches bereits mehrfach mit Angehörigen von Minas eigener Gilde des Weißen Baums getan. Somit hatten die Feinde wenig Anlass, sich zu beschweren.
Xeredor, der feindliche Magier, machte ein paar verdächtige Bewegungen mit den Armen. Mina sah, wie sich magische Energie in einem immer schnelleren Wirbel um ihn herum verdichtete. Offenbar hatte er sein Mana noch längst nicht verbraucht.
Nicht gut.
Minas Halbork stürmte los und versuchte, den Magier zu erreichen, bevor er einen Feuersturm entfachen konnte, der ihre halbe Gruppe hätte umbringen können. Doch ShirKhan der Dieb war schneller. Er traf den feindlichen Magier mit einem Bogenschuss, bevor dieser seinen Zauberspruch vollendet hatte.
Nun brach die Schlacht richtig los. Ihre Gegner waren geschwächt, doch sie leisteten erbitterten Widerstand. Obwohl es Mina gelang, Killbilly zu töten, waren sie immer noch in der Überzahl und hatten die bessere Ausrüstung. Der Kampf stand auf Messers Schneide.
ShirKhan: O mein Gott, es ist wahr!
Mina warf einen kurzen Blick auf das Textfenster. Was sollte das jetzt? Hatte ShirKhan nichts Besseres zu tun, als mitten im Kampf zu chatten?
Sie suchte den Dieb im Kampfgetümmel, während sie gleichzeitig die Angriffe eines feindlichen Mönchs abzuwehren versuchte. Sie entdeckte ihn am Rand der Lichtung, auf der die Schlacht tobte. Statt sich am Kampf zu beteiligen oder sich wenigstens nach Diebesart von hinten an einen Gegner heranzuschleichen, wanderte er offenbar ziellos umher.
ShirKhan: Es ist alles wahr!
Mina erledigte den Mönch mit einem Hieb ihrer Zweihandaxt. Dann nahm sie sich die Zeit, den Dieb zur Räson zu rufen.
Gothicflower: Was soll das jetzt, ShirKhan? Hilf uns, verdammt, oder die wipen uns!
ShirKhan: Welt am Draht! Alles ist wahr! Tristanleaf: Stop talking and fight, stupid Germans!
Mina blieb nichts anderes übrig, als der Anweisung des Engländers, dem Anführer des Raids, zu folgen. Denn nun ging ein mächtiger Erzdämon auf sie los, den der feindliche Magier beschworen hatte.
Tristanleaf: RETREAT!
Ihr Anführer hatte recht: Der Kampf war verloren. Und das alles nur, weil Thomas, dieser Dummkopf, im entscheidenden Moment die Nerven verloren hatte. Rückzug war allerdings leichter gesagt als getan. Der Dämon dachte nicht daran, mit dem Kämpfen aufzuhören, nur weil Mina keine Lust mehr hatte. Da er sich wesentlich schneller bewegen konnte als sie selbst, hatte sie keine Chance zu entkommen, ohne ihn zu zerstören.
Gothicflower: Can’t! Need help!
Doch die anderen suchten ihr Heil in der Flucht, statt sich in einem aussichtslosen Rettungsversuch aufzureiben. Mina konnte es ihnen nicht verübeln. Sie hätte sich wahrscheinlich genauso verhalten. Dennoch war sie stinksauer, als ihr Halbork von den Feinden umzingelt wurde und bald darauf tödlich getroffen zu Boden sank. All die kostbare Ausrüstung, für die sie so viele Stunden in World of Wizardry verbracht hatte, war verloren. Höchstwahrscheinlich würden die Feuergildner aus Rache für den Angriff auch noch Corpse Camping betreiben und bei der Leiche von Gothicflower warten, bis Mina versuchte, den Character wieder zum Leben zu erwecken, nur um ihn dann gleich noch einmal zu töten.
Und das alles nur wegen Thomas, der sich feige aus dem Kampf herausgehalten hatte, statt seine Gruppe zu unterstützen! Dabei war sie es gewesen, die dafür gesorgt hatte, dass er in die Gilde aufgenommen wurde und bei dem Raid mitmachen durfte. Der würde was zu hören bekommen!
Über den Gruppenchat konnte sie ihn jetzt, wo ihr Halbork im Jenseits weilte, nicht erreichen. Also versuchte sie es über Skype. Obwohl sein Status zeigte, dass er online war, meldete er sich nicht. Das war eigentlich nicht seine Art – selbst wenn er nur mal aufs Klo ging, änderte er normalerweise den Status. Was war los mit ihm? Warum hatte er sich während des Kampfes so merkwürdig verhalten? Und was hatten diese Sätze zu bedeuten, die immer noch in ihrem Chatfenster zu lesen waren? Was zum Kuckuck war »wahr«? Und was sollte das mit der »Welt am Draht«? Thomas war offensichtlich AFK – away from keyboard –, also nicht mehr am Computer. Aber es gab ja im-
mer noch Handys.
Sie wählte seine Nummer und erhielt ein Freizeichen, aber keine Antwort. Nach ein paarmal Klingeln schaltete sich die Mailbox ein.
»Hallo Thomas, hier ist Mina. Was sollte das gerade? Ist dir klar, dass du Gothicflower auf dem Gewissen hast? Meine ganze Ausrüstung ist weg. Ruf mich bitte so schnell wie möglich zurück!«
Sie legte auf und machte sich erst mal einen Tee, um wieder runterzukommen. Doch es gelang ihr nicht, die Wut in ihrem Bauch zu bändigen. Immer wieder musste sie an die zahllosen Stunden denken, die sie in World of Wizardry verbracht hatte, um ihre Spielfigur zu entwickeln. Wie viele Abenteuer hatte sie erlebt, wie viele gefährliche Situationen überstanden, um ihren Halbork auf Level 35 zu bringen? Immerhin war die Figur nicht endgültig verloren, doch allein die Doppelaxt mit dem magischen Beschleunigungseffekt hatte fast 200 000 Goldflorin gekostet – der Ertrag Dutzender Spielstunden, in denen sie gut bezahlte Aufträge erledigt oder die Schätze von Monstern geplündert hatte.
Noch schlimmer: Die Feuergilde würde sich über den misslungenen Raid lustig machen. Eine andere Gruppe in einem Moment der Schwäche anzugreifen, war per se schon nicht besonders gut fürs Image. Aber diesen Angriff dann auch noch zu vermasseln, das ging gar nicht. Ihr Ruf innerhalb und außerhalb der Gilde des Weißen Baums war ruiniert.
Sie holte tief Luft. Es ist nur ein Spiel, versuchte sie sich einzureden. Du nimmst das viel zu ernst. Es ist nicht die Wirklichkeit. Aber warum ärgerte sie sich dann ebenso sehr, als hätte jemand ihr das Portemonnaie gestohlen? War das noch verständlicher Frust über ein unbefriedigendes Freizeiterlebnis oder schon echte Spielsucht? Bisher hatten weder ihr Informatikstudium noch ihr Nebenjob bei einer Softwarefirma ernsthaft unter ihrem Engagement in World of Wizardry gelitten. Aber hatte sie in letzter Zeit nicht immer weniger Kontakt zu anderen Menschen gehabt – Menschen aus Fleisch und Blut, nicht bloß Onlinespielgefährten? Wann war sie zuletzt auf einer Party gewesen? Sie erschrak, als sie merkte, wie lange sie darüber nachdenken musste.
Mit einem unguten Gefühl im Bauch leerte sie die Teetasse und versuchte erneut, Thomas über Skype zu erreichen.

3.

Kriminaldirektor Joachim Greifswald lehnte sich in seinem Schreibtischsessel zurück, die Arme vor der Brust verschränkt.
»Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, Herr Eisenberg«, sagte er in verständnisvollem Tonfall. »In so einer Situation ist es ganz normal, dass einem mal die Nerven durchgehen.«
Eisenberg musterte seinen zehn Jahre jüngeren Vorgesetzten, der die Hauptabteilung Organisierte Kriminalität im Hamburger Landeskriminalamt seit einem halben Jahr leitete. Sein früherer Chef hätte Eisenberg wahrscheinlich angebrüllt, ihm Vorwürfe gemacht, dass er den Einsatz vermasselt hatte. Damit hätte er umgehen können. Doch diese herablassende Milde in Greifswalds Stimme war kaum zu ertragen. Er führte sich auf, als seien sämtliche Hamburger Polizisten und insbesondere die Mitarbeiter seiner eigenen Hauptabteilung Vollidioten. Er hielt sich offensichtlich für etwas Besseres, weil er im Rahmen eines internationalen Partnerschaftsabkommens eine Zeit lang bei der New Yorker Polizei gearbeitet hatte – der härtesten Polizei der Welt, wie er nicht müde wurde zu betonen.
Eisenberg bemühte sich, in neutralem, sachlichem Ton zu antworten.
»Mir sind nicht die Nerven durchgegangen. Ich habe den Befehl zum Zugriff gegeben, um das Leben des Mädchens zu schützen.«
»Aus Ihrem Einsatzbericht geht nicht hervor, dass das Leben des Mädchens akut bedroht war«, sagte Greifswald mit seinem idiotischen pseudoamerikanischen Akzent, als hätte er in gerade mal vier Jahren USA-Aufenthalt verlernt, richtig Deutsch zu sprechen. Man erzählte sich, dass er großen Wert darauf legte, von seinen Vertrauten »Joe« genannt zu werden.
»Einer der beiden Täter hatte eine Pistole auf sie gerichtet.«
»Hat er abgedrückt?«
»Nein. Genau um das zu verhindern, habe ich ja den Befehl zum Zugriff gegeben.«
»Und Sie waren sich sicher, dass er abgedrückt hätte.«
»Ich hielt diese Möglichkeit angesichts der Flucht des Mädchens und der allgemeinen Umstände für sehr wahrscheinlich.«
»Was hätten Sie anstelle des Täters getan?«
»Ich verstehe Ihre Frage nicht.«
»Was ist daran so schwer zu verstehen? Ich würde gern wissen, wie Sie sich verhalten hätten, wenn Sie der Mädchenhändler gewesen wären. Eines ihrer Mädchen flieht. Hätten Sie auf sie geschossen und damit die Ware, die Sie verkaufen wollen, beschädigt?«
Eisenberg antwortete nicht.
Greifswald seufzte theatralisch. »Wie oft habe ich schon gesagt: ›Denkt wie der Gegner‹? Wenn Sie meine Anweisung befolgt hätten, wäre Ihnen klar gewesen, dass der Täter niemals auf das Mädchen geschossen hätte. Wie alt war die Kleine? Vierzehn? Welche Chance hätte sie gehabt, einem durchtrainierten Kerl wie ihm zu entkommen, ausgehungert wie sie war? Er hatte eine Waffe in der Hand, also war es ganz natürlich, dass er sie auf die Flüchtende richtete. Wahrscheinlich hat er sie angebrüllt, stehen zu bleiben. Möglicherweise hätte er in die Luft geschossen oder in ihre Nähe. Aber er hatte wohl kaum einen Grund, sie zu verletzen oder gar zu töten. Das Leben des Mädchens war zu keiner Zeit ernsthaft in Gefahr.«
Eisenberg schwieg. Er wusste, dass ihm Argumente nicht helfen würden. Greifswald war nicht mit dabei gewesen. Er hatte nicht die Wut gesehen, die das Gesicht des Mannes verzerrt hatte. Und trotzdem glaubte er, die Situation im Nachhinein beurteilen zu können. Nichts, was Eisenberg sagte, konnte daran etwas ändern.
Greifswald beugte sich vor.
»Ihr eigenmächtiges Handeln hat Monate mühevoller Polizeiarbeit zunichtegemacht«, sagte er mit einer Stimme, die jetzt nicht mehr verständnisvoll, sondern schneidend war. »Indem Sie verhindert haben, dass wir die Hintermänner schnappen und damit den Mädchenhandel in Hamburg wirksam stoppen, haben Sie eine unbekannte Zahl junger Mädchen einem schrecklichen Schicksal ausgeliefert. Aber damit müssen zum Glück Sie leben, nicht ich.«
Eisenberg erwiderte nichts.
»Disziplinarisch habe ich keine Handhabe gegen Sie«, fuhr Greifswald fort. »Sie waren der Einsatzleiter. Es war Ihre Entscheidung. Aber ich kann Ihnen sagen, dass ich sehr enttäuscht bin. Ich will offen zu Ihnen sein: Sie werden unter meiner Führung keinen weiteren Außeneinsatz leiten. Sie können es sich aussuchen, ob Sie in meiner Hauptabteilung einen Schreibtischjob machen oder sich woandershin versetzen lassen wollen. Aber glauben Sie nicht, dass das hier ein ruhiger Job wird. Ich erwarte von allen meinen Mitarbeitern höchsten Einsatz – im Rahmen ihrer Fähigkeiten.«
Eisenberg erhob sich von seinem Besucherstuhl.
»Ist das alles, Herr Kriminaldirektor?«
»Noch nicht ganz. Ich möchte, dass Sie mir einen detaillierten Bericht über die Verbindungen der Hintermänner erstellen. Ich will alle Details: Firmenbeteiligungen, Geschäftskontakte, Wohnungen, Telefonanschlüsse, was immer Sie in Erfahrung bringen können. Rufen Sie die Kollegen in Honduras und Guatemala an. Recherchieren Sie im Internet. Sie kennen sich doch mit dem Internet aus, oder? Und, Eisenberg, ich weiß, dass Sie mich nicht leiden können. Das macht mir nichts aus. Die Cops in New York konnten mich auch nicht leiden. Auch mit denen bin ich fertiggeworden, und das sind die härtesten Cops der Welt. Also bilden Sie sich nicht ein, mich mit Ihren vorwurfsvollen Blicken und Ihrem bedeutungsvollen Schweigen einschüchtern zu können. Und denken Sie darüber nach, ob Sie wirklich die restlichen Jahre bis zu Ihrer Pensionierung in der Hauptabteilung 6 bleiben wollen.«
»Ist das alles, Herr Kriminaldirektor?«
»Das ist alles, Herr Eisenberg. Ich erwarte den Bericht nächsten Donnerstag. Die elektronische Form genügt – in dieser Behörde wird ohnehin viel zu viel Papier verschwendet.«

Udo Pape, mit dem Eisenberg sich ein kleines Büro teilte, sah von seinem Computer auf.
»Wie ist es gelaufen? Nicht gut, oder?«
Eisenberg setzte sich. Pape wartete geduldig auf eine
Antwort. Er kannte seinen Kollegen gut genug.
»Er hat mir nahegelegt, mich versetzen zu lassen.«
»Das kann doch nicht wahr sein! Dieses arrogante …«

Pape verschluckte die Bezeichnung, die er ihrem Chef zugedacht hatte. Die Wände des Büros waren nicht dick genug für Wutausbrüche. »Du ziehst das doch nicht ernsthaft in Erwägung, oder?«
»Die Vorstellung, die nächsten Jahre nur hier in diesem Büro zu verbringen, ist nicht gerade ein Anlass zur Freude.«
»Was meinst du damit?«
»Er hat mir deutlich zu verstehen gegeben, dass ich keine Außeneinsätze mehr leiten werde.«
»Du? Das kann er doch nicht ernst meinen! Du bist der beste Einsatzleiter, den er hat.«
»Das sieht er anders.«
»Eins sage ich dir: Wenn du gehst, dann bleibe ich auch nicht. Dann soll er mal sehen, wie er das organisierte Verbrechen ohne Mitarbeiter bekämpft.«
Eisenberg antwortete nicht. Papes Solidaritätsbekundungen taten gut, aber er wusste, dass sie am Ende nicht viel wert waren. Wenn es hart auf hart kam, würde kaum jemand seine Aufstiegschancen opfern, nur um gegen eine Ungerechtigkeit zu protestieren. Er hätte das auch nicht gewollt.
Er machte sich wieder an die Arbeit. Der Bericht, den Greifswald haben wollte, war natürlich längst fertig – selbstverständlich hatte Eisenbergs Team sämtliche Hintergründe sorgfältig analysiert und aufbereitet. Doch das nützte wenig. Die Drahtzieher des Menschenhändlerrings waren viel zu geschickt, um nachweisbare Straftaten zu begehen. Die einzige Chance, sie zu überführen, bestand darin, sie beziehungsweise ihre Handlanger in flagranti zu erwischen. Genau das war nun schiefgegangen, und es würde lange dauern, bis sie wieder eine ähnliche Gelegenheit bekamen, wenn überhaupt jemals.

Er nahm sich die Vernehmungsprotokolle der Fahrer vor, die die verdächtigen Fahrzeuge gesteuert hatten. Wie er vermutet hatte, leugneten sie übereinstimmend, zu dem Treffpunkt unterwegs gewesen zu sein. Sie konnten sogar Papiere vorweisen, denen zufolge sie als Kuriere beauftragt worden waren, Ladepapiere im Hafen abzuholen. Dass jemand gleich fünf Kuriere gleichzeitig losschickte, war zwar ungewöhnlich, aber natürlich keine Straftat. Die Aussagen waren absolut wasserdicht. Dass drei der fünf Fahrer vorbestraft waren, half genauso wenig weiter.
Also blieben nur die beiden Mädchenhändler. Sie würden wegen Menschenhandels angeklagt und für viele Jahre hinter Gittern verschwinden. Doch natürlich verweigerten sie auf Anraten ihrer Anwälte jede Aussage. Sie wussten, dass ihr Leben nichts mehr wert war, falls sie ihre Auftraggeber verrieten.
Eisenberg seufzte. Er sah auf die Uhr. Halb sechs. Normalerweise achtete er nicht auf Dienstzeiten, doch heute würde er nichts Sinnvolles mehr ausrichten. Also fuhr er den Computer herunter und machte Feierabend.

Seine kleine Zweizimmerwohnung in Altona kam ihm noch leerer vor als sonst. Vielleicht, weil er ungewöhnlich früh zu Hause war. Er sah sich um und erkannte, dass sein Apartment mit Ausnahme einiger Fotos seiner beiden Kinder auf dem Regal und ein paar Büchern nicht von einer anonymen Ferienwohnung zu unterscheiden war. Dieser Eindruck wurde durch den antiseptischen Duft übertriebener Hygiene verstärkt, den Consuela, die portugiesische Reinigungskraft, jeden Donnerstag hinterließ.
Er ging ins Bad und betrachtete sich im Spiegel. Sein dunkles, graumeliertes Haar war noch immer dicht. Doch sein Gesicht kam ihm auf einmal müde und alt vor. Waren die Falten über seinen Augenbrauen sonst auch so tief? Waren seine Wangen schon immer so schlaff gewesen? Nur die schiefe, leicht platt gedrückte Nase erschien ihm vertraut – wie ein asymmetrischer Fels, der der Brandung der Zeit trotzte.
Er machte sich eine Fertigsuppe. Gewöhnlich aß er abends nicht zu Hause, sondern begnügte sich mit einem Sandwich im Büro oder einem Döner unterwegs. Es fühlte sich fremd an, allein am Esstisch zu sitzen, der viel zu groß für ihn war.
Eisenberg hatte praktisch kein Privatleben. Er hatte sich immer eingebildet, keines zu brauchen. Nach einem harten Arbeitstag ein bisschen Fitnesstraining, vielleicht noch etwas Fernsehen, dann früh schlafen gehen, früh aufstehen, joggen, bevor er sich wieder zum Dienst aufmachte. Er war immer irgendwie stolz auf diese Lebensweise gewesen, die ihm asketisch vorgekommen war.
Nun hatte er plötzlich das Gefühl, etwas Wesentliches verpasst zu haben.
Er überlegte, ob er seine Kinder anrufen sollte. Michael war inzwischen vierundzwanzig und studierte Maschinenbau in Karlsruhe. Die drei Jahre jüngere Emilia machte eine Ausbildung als Krankenpflegerin. Sie lebte noch bei ihrer Mutter in München. Diese Nummer wollte Eisenberg ganz sicher nicht wählen. Und was hätte er mit Michael besprechen sollen? Ihm von seinem vermasselten Einsatz und der Zurechtweisung durch den neuen Chef vorjammern?
Er schaltete den Fernseher ein und starrte eine Weile auf die flackernden Bilder, bis er merkte, dass er eine Vorabendserie sah, die ihn nicht im Geringsten interessierte. Er schaltete das Gerät wieder ab und ging zum Bücherregal. Polizeifachliteratur, ein paar Biografien und Bücher über Geschichte und Philosophie, die er vor langer Zeit von Iris geschenkt bekommen hatte. Sie hatte immer viel gelesen, aber alle ihre Bücher mitgenommen, als sie ausgezogen war. Das war schon verdammt lange her. Trotzdem sah er ihr Gesicht immer noch überdeutlich vor sich: ihre vollen Lippen, die hohen Wangen, die leicht schrägen braunen Augen, das lange dunkle Haar.
Er nahm ein Buch heraus, stellte es wieder zurück, schlug ein anderes auf, doch nichts konnte seine Aufmerksamkeit fesseln. Seine Wohnung kam ihm plötzlich eng vor. Vielleicht sollte er irgendwo ein Bier trinken. Aber so ganz allein? Er könnte sich mit einem Kollegen verabreden, Udo Pape vielleicht, aber das hätte auch nur so gewirkt, als wolle er sich ausheulen. Verdammt, andere Leute lebten auch allein. So schwer konnte es doch nicht sein, etwas Sinnvolles mit seiner Freizeit anzufangen!
Schließlich sah er ein, dass er mit irgendwem reden musste, der mit der ganzen Sache nichts zu tun hatte, jemand, der ihm neutralen Rat geben konnte. Er überlegte einen Moment, dann wählte er eine Handynummer.
»Erik Häger?«
»Hallo Erik, hier ist Adam.«
»Hey, das ist ja ’ne Überraschung! Ich hab ja ewig nichts von dir gehört!«
Eisenberg hatte mit Erik Häger auf der Polizeihochschule in Münster studiert. Sie hatten nach dem Studium Kontakt gehalten, auch wenn ihre Karrieren sehr unterschiedlich verlaufen waren. Während Eisenberg bei der Kripo in Hamburg die traditionelle Laufbahn des gehobenen Polizeidienstes eingeschlagen hatte, war Häger direkt zum Bundeskriminalamt nach Wiesbaden gegangen. Inzwischen war er Leiter der Sicherungsgruppe des BK A in Berlin, die für den Schutz der Verfassungsorgane zuständig war. Eisenberg erzählte seinem alten Freund von dem missglückten Einsatz.
»Tut mir leid, wenn ich dir hier was vorheule, aber ich brauche einfach mal jemanden, der mir unabhängig seine Meinung sagt. Was, denkst du, soll ich tun?«
»Die Frage ist weniger, was du tun sollst, sondern was du tun willst. Wenn ich dich richtig verstanden habe, ist dein Chef ein Idiot. Selbst wenn es ein Fehler gewesen sein sollte, den Zugriffsbefehl zu geben …«
»Du glaubst also auch, dass es falsch war?«
»Ich glaube, dass diese Frage müßig ist. Ich habe selbst genug Entscheidungen getroffen, über die ich mir hinterher nicht mehr sicher war. Man kann nie wissen, was gewesen wäre, wenn man anders gehandelt hätte. Wenn das Mädchen gestorben wäre, hättest du dir dein Leben lang Vorwürfe gemacht. So machst du dir Vorwürfe wegen der Hintermänner. Das gehört einfach zum Job. Entscheidend ist, dass dieser Greifswald dir nicht vertraut. So, wie du ihn beschreibst, ist der völlig untauglich für eine verantwortungsvolle Führungsposition. Wenn du willst, kann ich mal versuchen, rauszukriegen, was er selbst schon für Mist gebaut hat.«
»Nein, lass mal. Ich werde ihm sicher nicht ans Bein pinkeln.«
»Wie du meinst. Aber du musst dich zwischen Konfrontation und Flucht entscheiden.«
»Konfrontation kann es nicht sein«, sagte Eisenberg nach kurzem Überlegen. »Erstens hat Greifswald einen sehr guten direkten Draht zum Innensenator, der ihn persönlich in seine jetzige Position gehievt hat. Zweitens halte ich nichts davon, meine Zeit und Energie mit internen Machtspielchen zu vergeuden. Dafür habe ich weder Ehrgeiz noch Talent. Ich will Straftäter überführen. Das ist mein Job, und damit werde ich erst aufhören, wenn ich pensioniert bin.«
Häger lachte.
»So, wie ich dich kenne, wirst du auch danach noch weitermachen. Aber bis dahin bleibt dir dann wohl nur die Versetzung.«
»Wenn du mich kennst, weißt du, dass ich nicht so schnell klein beigebe. Außerdem ist die Sache mit dem Mädchenhändlerring noch nicht vorbei. Sie fängt gerade erst wieder an.«
»Du wolltest meinen Rat. Hier ist er: Wenn Greifswald nicht doch noch seine Meinung ändert, wirst du wenig bis gar nichts dazu beitragen, diesen Mädchenhändlerring auffliegen zu lassen. Das wird dich zermürben. Also lass dich versetzen. Du bist ein viel zu guter Polizist, um unter einem unfähigen Chef zu versauern. Ich würde dich sofort in die Sicherungsgruppe holen, aber wir haben gerade eine Stellenkürzungsrunde hinter uns und stehen ohnehin unter Druck, weil ein Teil unserer Aufgaben an die Bundespolizei übertragen werden soll. Aber wenn du willst, höre ich mich mal um.«
»Ich weiß nicht. Mir kommt es immer noch feige vor, wenn ich das Handtuch werfe.«
»Gib’s ruhig zu: Dich wurmt, dass Greifswald selber dir das nahegelegt hat. Du hättest gern hingeworfen, aber jetzt seinem Willen zu entsprechen passt nicht in deine Vorstellung eines angemessenen Verhaltens gegenüber einem Arschloch.«
Eisenberg zögerte einen Moment.
»Na schön, du hast recht. Es stinkt mir, zu tun, was er will.«
»Vielleicht will er es ja gar nicht wirklich.«
»Wie meinst du das?«
»Überleg doch mal. Er kennt dich vermutlich gut genug, um zu wissen, dass du ein Dickkopf bist. Nehmen wir mal an, er wollte dich nur zurechtstutzen, aber auf keinen Fall verlieren. Dann war seine Versetzungsaufforderung vielleicht nur ein Psychotrick, um dich zum Bleiben zu bewegen. Immerhin kann es sich kein Chef leisten, alle Mitarbeiter zu vergraulen. Eine ungewöhnlich hohe Quote von Versetzungsanträgen wäre schlecht für sein Image. Jeder soll wissen, dass er der Boss ist, aber keiner soll freiwillig gehen. Wahrscheinlich wird er dir irgendwann wieder kleinere Einsätze übertragen und es wie eine große Gnade aussehen lassen. So versucht er, dich gefügig zu machen.«
»Hm. So habe ich das noch nicht betrachtet. Zugegeben, das würde zu ihm passen. Aber dummerweise habe ich jetzt noch weniger Lust, für ihn zu arbeiten.«
»Dann lass dich eben versetzen. Wie alt bist du jetzt? Zweiundfünfzig? Auf keinen Fall zu alt, um woanders neu anzufangen. Mit deiner Erfahrung wirst du in so ziemlich jeder Dienststelle wertvolle Arbeit leisten können. Vielleicht wird irgendwo der Leiter eines Kriminalkommissariats gesucht. Wär das nicht was für dich?«
»Ich will aber nicht irgendwo in die Provinz. Und die
Hamburger Kommissariate sind alle gut besetzt.«
»Auch noch anspruchsvoll, was?« Häger lachte trocken.
»Na schön, ich höre mich mal um. Sollte ich was Passendes finden, melde ich mich.«
»Danke, Erik. Auch für deinen Rat.«
»Gern geschehen. Wer weiß, vielleicht verschlägt es dich ja nach Berlin. Dann gehen wir auf jeden Fall mal wieder ein Bier trinken.«
»Da bin ich dabei.«
Nach dem Gespräch fühlte Eisenberg sich besser. Gerade, dass sein alter Freund nicht so getan hatte, als sei die Zugriffsentscheidung auf jeden Fall richtig gewesen, hatte ihm seltsamerweise geholfen. Er sah sich die Nachrichten und einen alten Film mit Humphrey Bogart an und ging dann ins Bett. Vor dem Einschlafen dachte er daran, dass das Mädchen, das ihm den Einsatz vermasselt hatte, jetzt irgendwo in einem ähnlich bequemen Bett lag, mit der Aussicht, bald wieder bei seiner Familie sein zu können.
Immerhin etwas.

 

4.

Am nächsten Nachmittag stand Mina vor der Tür zu Thomas’ Apartment in einem Studentenwohnheim. Ihr Zorn war inzwischen durch Sorge verdrängt worden. Etwas stimmte nicht. Sie hatte gestern bis spät in die Nacht versucht, ihn zu erreichen. Er reagierte weder auf ihre Anrufe noch auf E-Mails und Chatversuche, obwohl sein Skype-Account immer noch den Status »online« anzeigte. Auch heute Morgen hatte sie es zwischen den Vorlesungen mehrfach versucht. Vielleicht hatte er sich gestern zugedröhnt und lag einfach nur mit dickem Schädel im Bett. Aber so richtig passte diese Vorstellung nicht zu ihm.
Sie klingelte, doch niemand öffnete. Auch ihr Klopfen bewirkte keinerlei Reaktion. Die Tür hatte außen einen Knauf, sodass man sie ohne Schlüssel nicht öffnen konnte. Schließlich gab sie auf.
In einem Aufenthaltsraum des Wohnheims fragte sie zwei Tischkickerspieler nach Thomas, doch die beiden konnten ihr nicht weiterhelfen. Nicht weniger beunruhigt kehrte sie nach Hause zurück. Doch warum machte sie sich solche Sorgen? Vielleicht gab es einen ganz einfachen Grund für sein Verschwinden, und schließlich war sie nicht sein Kindermädchen.
Sie loggte sich in ihren World of Wizardry-Account ein und war darauf vorbereitet, als Rache für den Überfall sofort von einem Mitglied der Feuergilde attackiert zu werden. Ohne Waffen und Rüstung hätte ihr Halbork selbst gegen einen wesentlich schwächeren Gegner keine Chance gehabt. Doch das Schlachtfeld war verlassen. Neben ihrer nur mit einer erdfarbenen Tunika bekleideten Spielfigur lag ein Beutel mit fünfzig Goldflorin als Geste der Verachtung durch die Feuergildner.
Mina nahm den Beutel trotzdem an sich und machte sich auf den Weg in die Stadt Felsheim, in der ihre Gilde einen Außenposten hatte. Dort würde man sie mit der nötigsten Ausrüstung versorgen, sodass sie wieder Aufträge annehmen und sich bessere Waffen und Rüstungen erarbeiten konnte.
Der Weg dahin war alles andere als einfach. Sie befand sich in monsterverseuchtem Territorium, das für Anfänger und Figuren ohne geeignete Ausrüstung lebensgefährlich war. Zum Glück verfügte ihr Halbork über einige Körperkraft und die Fähigkeit des waffenlosen Kampfes, sodass sie zumindest mit den allgegenwärtigen Werwölfen, Waldschraten und Kobolden fertigwurde. Nur zweimal wurde es wirklich brenzlig, als sie von einem Höhlentroll und einem Schneetiger angegriffen wurde. Beide Male kam sie nur durch Flucht knapp mit dem Leben davon.
Schließlich erreichte sie das Gildenhaus. Dort traf sie Tristanleaf, der sich bitterlich über das »unprofessionelle« Verhalten der Deutschen beschwerte, das die Ehre des Weißen Baums befleckt habe. Auf Minas Nachfrage sagte er, Thomas alias ShirKhan nicht gesehen zu haben, mit ihm aber noch ein ernstes Wort reden zu wollen. Derartiges Verhalten könne die Gilde nicht dulden. Er müsse zumindest mit einer Verwarnung rechnen, vielleicht auch mit einer Strafzahlung von mindestens 10 000 Goldflorin an die Gilde. Und bei Wiederholung sei ein Ausschluss aus der Gemeinschaft des Weißen Baums so gut wie sicher.
Mina fragte auch andere Gildenmitglieder, doch niemand hatte ShirKhan gesehen. Man bot ihr an, an einem Raid gegen eine Gruppe von Eisriesen teilzunehmen, die angeblich einen riesigen Schatz gehortet hatten. Doch obwohl Mina ihren Anteil daran gut hätte gebrauchen können, lehnte sie ab. Ihr war nicht nach einer Spielsession, die bis in die frühen Morgenstunden dauern würde. Sie loggte sich aus und versuchte abermals, Thomas über Handy und Skype zu erreichen, ohne Ergebnis.
Warum war sie nur so nervös? Dass jemand bei einem Raid aus der Reihe tanzte, konnte vorkommen. Vielleicht war ihm sein Verhalten einfach nur peinlich, und er mied deshalb den Kontakt zu ihr und den anderen Spielern. Im Grunde kannte sie Thomas nicht besonders gut. Er studierte Informatik wie sie. Sie hatte ihn in einem Tutorium kennengelernt und sich ein paarmal mit ihm und ein paar Kommilitonen zu Klausurvorbereitungen getroffen. Hin und wieder waren sie sich in der Mensa begegnet. Als er ihr erzählt hatte, dass er gern World of Wizardry spielte, hatten sie sich dort verabredet. Seitdem hatten sie online wesentlich mehr Kontakt gehabt als in der Realität, obwohl Minas Wohnung nur ein paar Hundert Meter von seiner entfernt lag. Sie war noch nie bei ihm zu Hause gewesen.
Sein Skype-Status stand weiterhin auf »online«.
»Verdammt, Thomas, was ist los mit dir? Melde dich endlich!«, tippte sie. Doch es kam keine Reaktion.
Schließlich ging sie frustriert zu Bett.
Gegen fünf Uhr morgens wachte sie auf. Im Traum war sie von allerlei Ungeheuern verfolgt worden. Thomas hatte tatenlos dagestanden und dümmlich gegrinst, während die Monster sie bei lebendigem Leibe zerrissen. »Tut mir leid«, hatte er immer wieder gesagt.

Karl Olsberg

Über Karl Olsberg

Biografie

Karl Olsberg, geboren 1960, promovierte über Anwendungen Künstlicher Intelligenz, war Marketingdirektor eines TV-Senders, Geschäftsführer und erfolgreicher Gründer zweier Unternehmen in der »New Economy«. Er wurde unter anderem mit dem »eConomy Award« der Wirtschaftswoche für das beste Start Up...

Pressestimmen

Aachener Zeitung (dpa)

»Eine spannende Mischung aus klassischem Kriminalroman und modernem Computerthriller bietet Karl Olsberg mit seinem Roman „Delete“. […]. Olsberg entwickelt eine von Anfang bis Ende spannende Handlung, setzt geschickt Klischees über Computerfreaks ein und unterhält bestens.«

Bücher

»Grandios! […] Karl Olsberg legt einen brandaktuellen, hochspannenden und toprecherchierten Thriller vor, der zeigt, welchen Beitrag moderne Technik zur Aufklärung von Verbrechen leisten kann.«

Dresdner Morgenpost am Sonntag

»Karl Olsbergs intelligenter Thriller taucht tief ein in Computerwelten.«

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