Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Das zweite Schiff

Das zweite Schiff

Rho Agenda 1

E-Book
€ 9,99
€ 9,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
Jetzt kaufen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Das zweite Schiff — Inhalt

Im Jahr 1947 landete ein Raumschiff im US-Bundesstaat New Mexico – und verschwand sofort hinter den unüberwindlichen Mauern eines Geheimlabors. Seit diesem Tag hat das amerikanische Militär die außerirdische Technik erforscht, um sie für eigene Zwecke zu nutzen. Das sogenannte Rho-Projekt drang nie an die Öffentlichkeit. Nun, über sechzig Jahre später, glaubt die Regierung, alles über das fremde Schiff zu wissen. Doch dies ist ein fataler Irrtum. Denn es gibt ein zweites Schiff, das über Jahrzehnte in einem abgelegenen Canyon verschollen war. Und als drei Studenten es zufällig entdecken, stoßen sie auf ein Geheimnis, das alles infrage stellt, woran die Menschheit je geglaubt hat ...

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 10.06.2014
Übersetzer: Birgit Reß-Bohusch
432 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96497-5

Leseprobe zu »Das zweite Schiff«

Prolog

 

Obwohl man so tief unter dem Groom Lake die Richtung unmöglich genau abschätzen konnte, wusste Donald Stephenson, dass der Tunnel mit dem Schienenstrang in der Mitte nach Südwesten verlief. Ein elektrischer Triebwagen hatte ihn bis zu dem mächtigen Stahltor an seinem Ende gebracht, durch das vor vielen Jahren eine ganz andere Fracht gerollt war. Doppelschlitze an der Unterkante des Tores fügten sich passgenau über die Schienen, die im Innern verschwanden.

Don stellte den Kragen seiner Armeejacke hoch und zog die Kordel fest, ehe er sich auf den [...]

weiterlesen

Prolog

 

Obwohl man so tief unter dem Groom Lake die Richtung unmöglich genau abschätzen konnte, wusste Donald Stephenson, dass der Tunnel mit dem Schienenstrang in der Mitte nach Südwesten verlief. Ein elektrischer Triebwagen hatte ihn bis zu dem mächtigen Stahltor an seinem Ende gebracht, durch das vor vielen Jahren eine ganz andere Fracht gerollt war. Doppelschlitze an der Unterkante des Tores fügten sich passgenau über die Schienen, die im Innern verschwanden.

Don stellte den Kragen seiner Armeejacke hoch und zog die Kordel fest, ehe er sich auf den kleineren Personendurchgang rechts zubewegte. Er hielt kurz davor an, um seinen Dienstausweis durch den Kartenleser zu ziehen. Die Tür öffnete sich mit einem leisen Zischen, da sich der Luftdruck anglich.

Ein plötzlicher Schauder zwang ihn, einen Blick über die Schulter zu werfen. Der Tunnel erstreckte sich lang und leer hinter ihm, bis er eine leichte Linkskurve machte und verschwand. Nur das schwache Summen der hoch in der Decke festgeschraubten Glühbirnen begleitete Don noch.

Er zuckte die Achseln, um das unheimliche Kribbeln im Nacken zu vertreiben, als würde er gerade sein Grab betreten. Himmel, war er heute Abend nervös!

Alles Gute zum Erntedankfest, dachte Don.

Er war allein in der gigantischen Kaverne, wie so oft um diese Nachtzeit und wie fast immer an den hohen Feiertagen. Auch wenn er selbst das nicht verstehen konnte, hatte das Ding offenbar den Reiz des Neuen verloren für den Rest der Forschergruppe, die sich seit mehreren Jahrzehnten an seiner Hülle zu schaffen machte, ohne je den entscheidenden Durchbruch zu erzielen und seine inneren Geheimnisse zu enträtseln.

Es nahm einen Großteil im Zentrum der Höhle ein, umschlossen vom Gitterwerk eines Aluminiumgerüsts, das mit Laufplanken und Arbeitsbühnen für die Wissenschaftler und Hilfskräfte sowie Halterungen für die elektronischen Geräte ausgestattet war, die an seiner Außenhaut klebten wie Muscheln am Rumpf eines alten Walfängers.

Selbst jetzt, all die Jahre nach jenem Tag Ende März 1948, als einige Bewohner von Aztec in New Mexico die Spuren eines abgestürzten UFOs entdeckt hatten, konnten nur einige Dutzend Leute zweifelsfrei bestätigen, dass die Einheimischen recht gehabt hatten. Ironischerweise hatte der im Jahr zuvor durch den Roswell-Zwischenfall ausgelöste Medienrummel die Vertuschung der Situation bei Aztec vereinfacht. Bis endlich ein Reporter in der Gegend von Farmington auftauchte, um der Angelegenheit nachzugehen, hatte man so viele falsche und widersprüchliche Gerüchte gestreut, dass dem Bericht der Ortsansässigen wenig Glauben geschenkt wurde.

Während Don quer durch die Kaverne auf das Gerüst zuging, musterte er das Schiff mit prüfenden Blicken. Es war in jeder Hinsicht erstaunlich. Das ursprüngliche Forschungsteam hatte zunächst vermutet, dass ein technischer Defekt zu seinem Absturz geführt hatte, aber diese Annahme war schon bald von einer anderen, sehr beunruhigenden Schlussfolgerung verdrängt worden.

Erstens hatte das Schiff nach dem Absturz versucht, sich durch eine Art elektro-optisches Interferenzmuster zu tarnen. Seine glatte Zigarrenform verschwamm mit der Umgebung und hob sich erst dann gegen den Hintergrund ab, wenn man direkt neben dem Rumpf stand. Zumindest dieser Teil der Bordsysteme funktionierte noch.

Zweitens, und das war weitaus gravierender, löste die Art der Beschädigung eine tiefe Beunruhigung aus. Obwohl der Rumpf keine Löcher oder Risse aufwies, war er an vielen Stellen verbeult und eingedrückt. Und Tests hatten ergeben, dass diese Schrammen auf keinen Fall auf den Zusammenprall mit der Erdoberfläche zurückzuführen waren.

Alles deutete bislang darauf hin, dass die Schäden, wer oder was auch immer sie verursacht hatte, zum Absturz des Raumschiffs geführt hatten.

Viele Jahre waren vergangen, seit man das Schiff hierher gebracht hatte, und trotz einer Vielzahl an hochenergetischen Experimenten, von denen einige den Rumpf auf Temperaturen wie im Sonneninnern erhitzt hatten, war es nie gelungen, die Hülle zu durchdringen. Diamantbohrer, Schneidbrenner, Elektroschweißgeräte, Laserstrahlen und zuletzt der Beschuss mit hochenergetischen Teilchen hatten dem fremden Material nicht das Geringste anhaben können. Diese Drachenhaut blieb kühl, ganz gleich, welchen Typ und welche Mengen an Energie das Forscherteam gegen das Monster richtete.

Obwohl nichts davon in den offiziellen Berichten Erwähnung fand, waren die meisten Wissenschaftler der Ansicht, dass nur eine dem Raumschiffstandard ebenbürtige Technologie die Schäden angerichtet haben konnte, was zwangsläufig eine Art Alien-Waffe implizierte. Don teilte die Meinung seiner Kollegen, und er dankte Gott, dass die unbekannten Angreifer des Schiffs die Erde nicht interessant genug für einen längeren Aufenthalt gefunden hatten.

Der Forschergruppe war es nicht geglückt, auch nur einen Metallspan von der Hülle zu lösen, geschweige denn ins Schiffsinnere vorzudringen. So viel zur »Genialität« der Leute, die das Programm leiteten. Aber nun sollte Don seine Chance bekommen. Das Glück hatte ihn schon immer begünstigt, und in den letzten beiden Wochen war es mehr denn je auf seiner Seite gestanden. Man hatte ihm genehmigt, ein selbst entwickeltes Experiment an der Außenhaut des fremden Raumschiffs durchzuführen. Von seinem Glück mal abgesehen, schrieb er seinen Erfolg auch und vor allem der Tatsache zu, dass er wie ein Tier geschuftet hatte, seit er vor drei Jahren sein Master-Studium abgeschlossen und eine Stelle bei diesem streng geheimen Programm erhalten hatte. Glücklicherweise waren all die zermürbenden Stunden, die er über seinen Büchern gesessen hatte, nicht umsonst gewesen.

Auf der Gegenseite des Schiffsrumpfs hatte Don einen Ringwulst angebracht, dessen Elektromagneten so viel Energie erzeugten, dass sie Elektronen auf Fast-Lichtgeschwindigkeit beschleunigten. An der Stelle, die das Team für den Schiffseingang hielt, ragte aus dem Torus ein langer Metallkegel. Er endete in einem Satz von Röhren, die Tscherenkow-Strahlung und damit eine Stoßwelle erzeugen sollten.

Was genau ihn auf diese Idee gebracht hatte, wusste Don nicht mehr so recht. Vermutlich eine Stelle in den unter Verschluss gehaltenen Augenzeugenberichten, die ihn stutzig gemacht hatte, diese Sache mit dem schwachblauen Schimmer, der angeblich von dem Schiff ausgegangen war, als es über den Himmel von New Mexico jagte.

Das Ganze klang wie eine Beschreibung der Tscherenkow-Strahlung. Dieses prächtige blaue Leuchten entstand immer dann, wenn ein Objekt, das mit Fast-Lichtgeschwindigkeit durch ein Vakuum raste, beim Eintauchen in ein Medium wie Luft oder Wasser abgebremst wurde.

Seiner Ansicht nach ergab jedoch eine Tscherenkow-Strahlung hier keinen Sinn, da die Augenzeugen die Geschwindigkeit des UFOs auf höchstens Mach 2 geschätzt hatten. Wenn Tscherenkow-Strahlung dennoch vorhanden war, musste sie also von irgendwelchen Steuer- oder Antriebsmechanismen des Raumschiffs herrühren. Und wenn diese Systeme den blauen Schein erzeugt hatten, dann zeigten sie vielleicht auch eine messbare Reaktion auf die richtige Kombination von Tscherenkow-Wellen.

Don war sich im Klaren darüber, dass er die Erlaubnis zur Durchführung seiner eigenen Experimente an diesem freien Erntedank-Wochenende nur erhalten hatte, weil das Forscherteam in all den Jahren keinerlei Fortschritte erzielt hatte. Und so liefen seine Versuche seit letzter Nacht rund um die Uhr.

Als er am Terminal Platz nahm, über dem Tausende von Leuchtdioden flimmerten, fiel sein Blick auf eine blinkende Error-Notiz. Er beugte sich vor.

»Was zum Henker …?«

Mehrere Geräte seines Versuchsaufbaus zeigten fehlerhafte Werte an oder waren total offline. Außerdem kam eine Error-Meldung von den Instrumenten, die für die exakte Ausrichtung der Tscherenkow-Spiegel sorgten.

Don fluchte leise vor sich hin, als er die Daten auf dem Computerausdruck überprüfte, der als langer Streifen aus dem Printer quoll und sich auf dem Boden verteilte. Die Störung war um 18 Uhr 53 aufgetreten.

»Verdammt!«

Das gesamte System war vom Netz gegangen, kurz nachdem er den Raum verlassen hatte, um eine Kleinigkeit zu essen. Mehr als zwei kostbare Stunden waren verloren, nicht mit eingerechnet die Zeit, die er benötigen würde, um die Ursache der Störung zu finden und zu beseitigen.

Nachdem er sich vergewissert hatte, dass der Defekt nicht an der Rechnersteuerung, sondern an den Geräten selbst lag, ging Don mit raschen Schritten um das Gerüst herum und auf die Stelle zu, wo die Teilchensonde seinem Versuchsaufbau hoch oben an der Schiffsflanke einen steten Strom von Elektronen zuführte.

Am Heck des zigarrenförmigen Raumschiffs verfing sich Don mit einem Fuß in dem Kabelgewirr und wäre gestürzt, wenn er nicht im letzten Moment das Gerüst umklammert hätte. Er richtete sich auf und starrte fassungslos nach oben. Die Kabel seiner Geräte baumelten lose herab, die Halterungen waren verbogen, die Tscherenkow-Spiegel aus ihren Verankerungen gerissen und zu Boden gefallen. Aber den Zustand seiner Instrumente registrierte er kaum.

Stattdessen starrte er die breite Rampe an, die aus der Schiffsflanke geklappt war und auf ihrem Weg in die Tiefe das Gerüst unter sich begraben hatte. Ein schwacher Schimmer drang aus der Öffnung.

Don presste die Knie zusammen, als er merkte, dass seine Beine nachgaben und das Hyperventilieren ihm das Bewusstsein zu rauben drohte. Keuchend umklammerte er das eingestürzte Gerüst und warf einen Blick auf die Instrumente entlang der Wand, welche die Luft- und Strahlungswerte überwachten. Alles normal. Sollte er hier und heute sterben, dann ganz sicher nicht durch irgendeine Banalität.

Er wusste, dass er jetzt eigentlich das rote Telefon nehmen und den diensthabenden Offizier am Hauptstützpunkt anrufen müsste, damit der unverzüglich sämtliche an dem Projekt beteiligten Wissenschaftler und Militärs verständigte. Wenn er das unterließ, riskierte er, dass man ihn aus dem Team warf und seine Einstufung als Geheimnisträger rückgängig machte.

Schweiß lief ihm über die Stirn und brannte in seinen Augen, als er die Blicke über die Rampe bis zum Eingang des Raumschiffs wandern ließ. Ein Gedanke nahm Gestalt in seinem Innern an – ein gefährlicher Gedanke.

Warum sollte er den Anruf absetzen, bevor er nicht wenigstens die Schräge erklommen und einen Blick ins Innere geworfen hatte? Schließlich war der Durchbruch seinem Experiment zu verdanken, oder?

Wenn er jetzt ans Telefon ging, bekam er höchstwahrscheinlich nie mehr die Gelegenheit, dieses Schiff von innen zu sehen. Dieselben Schwachköpfe, die sich seit Jahrzehnten hilflos die Schädel gekratzt hatten, würden aus ihren Löchern hervorkriechen und das Ding hermetisch abriegeln. Niemand außer den ranghöchsten Forschern und Geheimdiensttypen bekäme die Erlaubnis, sich dem Schiff zu nähern.

Don dachte nicht im Traum daran, das geschehen zu lassen, zumindest nicht, bis er sich selbst im Innern des UFOs umgesehen hatte. Mit hämmernden Schläfen erklomm er die Rampe, hielt oben kurz an, um einmal tief Luft zu holen, und trat dann über die Schwelle.

Ein einzelnes Oszilloskop in den Instrumenten-Racks an der rückwärtigen Wand der Kaverne verzeichnete einen kurzen Anstieg des elektronischen Datenflusses, doch gleich darauf normalisierten sich die Messwerte wieder.

Fünf Meilen entfernt, in einer kleinen Wachstube dicht neben Hangar One, schrieb der Offizier vom Dienst, ein Major der Air Force namens Stuart Greeley, den nächsten Eintrag in sein Berichtsbuch.

24. November 1987, 21 Uhr 15: Groom Lake, Area 51, Nevada. Keine besonderen Vorkommnisse.

 

 

 

Kapitel 1

 

Der Magenta-Schimmer der Archenhöhle tauchte die zaundürre Gestalt in ein so reines Licht, dass es von seinen fettigen blonden Rastalocken zu tropfen schien.

Perry Symons hatte die Stimme des Herrn zum ersten Mal im Juli des Jahres 1998 vernommen, als das Fischmesser die Kehle seiner schönen Vanessa aufschlitzte. All das Blut, das aus der Wunde quoll und sich heiß und glitschig über seine Arme und Hände ergoss, sodass es ihn große Mühe gekostet hatte, sie an den Haaren zu fassen und zugleich das Messer zu halten, während sie unter ihm zusammensackte.

Vanessa war das Opfer gewesen, das ihn würdig gemacht hatte, unter die Augen des Herrn zu treten. Perry hatte Ihm die Liebe seines Lebens dargebracht, seine süße Vanessa, auf dass Gott den neuen Erzengel Gabriel erkannte, der Seine Kinder durch die nächste Apokalypse führen würde.

Und während Vanessas Blut im Rückraum seines grünen VW-Busses wie ein Tränenstrom in einen Fünf-Gallonen-Eimer floss, hatte Gott im Geiste zu ihm gesprochen.

»Harre aus, und du wirst ein Zeichen erhalten, wenn das Ende aller Tage naht!«

Im Bottomless Lakes State Park, ganz in der Nähe von Roswell in New Mexico, hatte Perry seine süße Vanessa zu einem Ruderboot getragen und war weit auf den See hinausgepaddelt, ehe er den in eine Plastikplane gehüllten und mit Ketten gefesselten Leichnam seitlich über Bord kippte. Obwohl er die Tote gründlich ausgeblutet hatte, schaukelte sie noch eine Weile an der Oberfläche, bis sie, umperlt von kleinen roten Blasen, in den salzigen Tiefen versank.

Wieder ein Zeichen. Trotz des endgültigen Abschieds, den er dem Herrn zuliebe von ihr genommen hatte, wollte ihn die geliebte Vanessa nicht verlassen und kämpfte noch darum, in seiner Nähe zu bleiben, während das Gewicht der Ketten sie unweigerlich in die ewige Schwärze zog.

Nach der Rückkehr in sein Apartment an der South Main Street hatte Perry seinen gesamten Besitz veräußert und sich eine Überlebensausrüstung besorgt. Dann war er nach Norden gezogen, in den Bandelier-Naturpark bei Los Alamos, in dessen Canyons einst die Vorläufer der Pueblo-Indianer ihre Felsendörfer errichtet hatten.

Perry war überzeugt davon, dass Gott im Jahr 2000 das verheißene Zeichen senden würde, aber keine der Katastrophen, auf die er so sehnlich wartete, traf ein. Als auch nach der Jahrtausendwende nichts geschah, erfasste ihn eine tiefe Depression. Perry begann an seinem eigenen Verstand zu zweifeln. Hatte er seine Seelengefährtin umsonst geopfert? Er suchte Zuflucht bei Heroin, Kokain und Crystal Meth, versumpfte mehr und mehr und wanderte ziellos durch das zerklüftete Land, mehr als einmal versucht, durch einen Sprung von den Klippen Erlösung zu finden.

Gott hatte ihm Leiden auferlegt, die an die Prüfungen Hiobs erinnerten, und ihn in einen ungepflegten Penner verwandelt, der kaum noch Ähnlichkeit mit dem stolzen Glaubenskrieger von früher hatte. Dann, eines Tages im Herbst des Jahres 2002, begegnete er Schreiender Adler. Und Schreiender Adler führte ihn in die alten Bräuche seiner Vorväter ein und zeigte ihm die wundersamen Wege, die nur im Dampf einer Schwitzhütte sichtbar wurden.

Es geschah in einem jener Traumzustände, die man mithilfe des Peyote-Kaktus zu erreichen vermochte: Er wankte aus der Schwitzhütte, tastete sich an den steilen Canyon-Wänden entlang und stieß zum ersten Mal auf den verborgenen Eingang der Archenhöhle, in der ihn das lang ersehnte Zeichen des Herrn erwartete.

Die Erinnerungen verblassten, als er sich in der Kaverne umschaute, die er mittlerweile so gründlich erforscht hatte. Gottes Arche befand sich im hinteren Teil der Höhle, die sie in die Felswand des Canyons gefräst hatte, als sie vor vielen Jahren aus dem Himmel gestürzt war.

An der Unterseite des glatten, sich nach innen verjüngenden Ringwulsts fand er die Stelle, wo die Waffe Satans ein Loch durch den Rumpf gestanzt hatte. Er zog sich mühelos hoch und ins Innere, wie er es unzählige Male in der Vergangenheit getan hatte. Am untersten Deck vorbei schwang er sich durch das glatte Bohrloch gleich in die zweite Ebene hinauf.

Das tiefrote, alles durchdringende Licht umfloss eine Arbeitsplatte aus Metall, die aus der Wand herausgeformt zu sein schien und sich so glatt wie Seide anfühlte. Und da lagen sie, die vier metallisch glänzenden Stirnreife, die an Heiligenscheine erinnerten. Allerdings gab es auf der ganzen Erde kein so leichtes, elastisches Metall, das obendrein in allen Farben des Regenbogens schillerte. Wie immer fühlte er sich nur von dem vierten Heiligenschein angezogen.

Perry hob ihn auf und ließ ihn langsam durch die Finger gleiten, versunken in Erinnerungen an das erste Mal, da er den geschmeidigen Reif über die Schläfen gestreift hatte.

Schmerz. Noch jetzt zuckten bei dem Gedanken an das weiße Feuer, das in seinem Kopf gelodert hatte, Ausläufer der Qual durch seine Glieder. Ihm war, als müssten aus seinen Fingerspitzen Funken sprühen und diese Welt in Brand setzen. Nach seiner Taufe in diesem Fluss der Pein war er nicht mehr Perry Symons, sondern der Vierte Reiter der Apokalypse, schnell und stark wie Gott selbst, dazu schlauer und gerissener als jeder gewöhnliche Sterbliche.

Aber es waren weder die erlittenen Qualen noch die neu erlangten Kräfte und Fähigkeiten, die ihn zum Eremiten werden ließen, sondern seine Traumvisionen. Die Arche Gottes war nicht allein auf die Erde gekommen. Ein Feind hatte sie verfolgt … Satans Streitwagen. In seinen Visionen hatte er die Gegner am Nachthimmel kämpfen und dann in einem gewaltigen Feuerregen auf die Erde stürzen sehen, beide beschädigt, aber nicht völlig zerstört. Seitdem warteten sie im Verborgenen und scharten neue Krieger um sich. Armageddons Jünger.

All die Jahre hatte Perry nun geduldig ausgeharrt, all die Jahre hatte er auf das endgültige Zeichen gewartet, auf ein Signal, dass die Arche Gottes die anderen drei Reiter versammeln würde, auf ein Signal, dass die drei ungenutzten Heiligenscheine zum Leben erwachen und ihre einzigartige Aufgabe in der nahenden Apokalypse erfüllen würden. Nun hatte die Arche entschieden, dass es an der Zeit war, Perrys Mitstreiter einzuberufen.

Als Perry den Stirnreif überstreifte und die göttlichen Visionen auf ihn einströmten, umspielte ein dünnes Lächeln seine Lippen. Das lange Warten war fast vorbei.

Richard Phillips

Über Richard Phillips

Biografie

Richard Phillips, geboren 1956 in Roswell, New Mexico, schloss die Akademie West Point 1979 als Army Ranger ab und diente mehrere Jahre der amerikanischen Armee. 1989 erwarb er einen Master der Physik und arbeitete in mehreren wissenschaftlichen Labors, die Projekte für die US-Regierung entwickeln....

Pressestimmen

literatopia.de

»Richard Philipps nimmt einen mit auf eine spannende Reise in eine Welt angefüllt mit phantastischen Erfindungen, brillanten Wissenschaftlern und Ideen sowie der Spionage. Sein Sci-Fi-Thriller ›Rho Agenda - Das zweite Schiff‹ ist der Auftakt zu einem Kampf um die Welt, die eher durch Gewitztheit, denn durch Waffengewalt entschieden wird.«

Hamburger Morgenpost

»Science-Fiction vom Feinsten.«

GEEK!

»Phillips gelangt das Kunstsstück, aus durchwegs altbekannten Handlungsmustern neue Ideen zu entwickeln und einen spannenden und durchaus realistischen SF-Roman mit interessanten Figuren zu verfassen, der Jugendliche wie erwachsene Leser gleichermaßen anspricht.«

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden