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Das wundersame Leben des Isidoro Raggiola

Das wundersame Leben des Isidoro Raggiola

Roman

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Das wundersame Leben des Isidoro Raggiola — Inhalt

Das Dorf in Süditalien, in dem Isidoro Raggiola aufwächst, ist ein kleines Paradies. Nirgendwo schmeckt die Pasta besser als bei seiner Mutter Stella, und niemand schreibt lustigere Liebesbriefe als sein Vater Quirino. Eines Tages entdeckt Isidoro, dass er in der Sprache der Vögel pfeifen kann. Die ist musikalisch und fantasievoll, in ihr klingen die schönen Dinge schön, und, so findet Vater Quirino, eigentlich sollten alle Menschen so miteinander reden. Doch dann tötet ein Erdbeben Isidoros Eltern und zerstört das Dorf. Isidoro verliert seine Sprache, aber er gewinnt etwas anderes: die Bücher. Und in Neapel begegnet er einem Menschen, der alles verändert. – Voller Sprachwitz, originell, fast magisch: Dieses Buch ist eine berauschende Liebeserklärung an die Poesie des Lebens.

€ 16,99 [D], € 16,99 [A]
Erschienen am 01.03.2016
Übersetzer: Christiane von Bechtolsheim
272 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97145-4

Leseprobe zu »Das wundersame Leben des Isidoro Raggiola«

I

Chr-jiiii
Ich heiße übrigens nicht nur Isidoro Raggiola.
Also, das ist nicht mein einziger Name, es war nur der erste, ganz am Anfang: Isidoro Raggiola, als Sohn von Quirino Raggiola und Stella Dimare. Ich weiß, der Name meiner Mutter – Seestern – klingt lustig. Ihre verschrobenen Eltern hatten sich einen Spaß daraus ­gemacht, ­einen Vornamen zu wählen, der zum Nachnamen passt wie ein T-Shirt zur Hose. Es gab im Dorf noch mehr solche Fälle, anscheinend war es damals ­üblich, den Vor­namen auf den Nachnamen abzustimmen. Zwei besonders seltsame Beispiele [...]

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I

Chr-jiiii
Ich heiße übrigens nicht nur Isidoro Raggiola.
Also, das ist nicht mein einziger Name, es war nur der erste, ganz am Anfang: Isidoro Raggiola, als Sohn von Quirino Raggiola und Stella Dimare. Ich weiß, der Name meiner Mutter – Seestern – klingt lustig. Ihre verschrobenen Eltern hatten sich einen Spaß daraus ­gemacht, ­einen Vornamen zu wählen, der zum Nachnamen passt wie ein T-Shirt zur Hose. Es gab im Dorf noch mehr solche Fälle, anscheinend war es damals ­üblich, den Vor­namen auf den Nachnamen abzustimmen. Zwei besonders seltsame Beispiele sind der Maurer Aniello Santaniello – Lamm Lammfromm – und Isola Dellamorte – Insel des ­Todes –, die Tochter von Dr. Dellamorte – dem Arzt des ­Todes. Der Pfarrer setzte Himmel und Hölle in Bewegung, als sich diese Mode im Dorf breitmachte, und irgendwann platzte ihm der Kragen:
» Auf welchen Namen soll ich das Mädchen taufen ? Santa ? Wie war noch mal der Nachname ? «
» Madonna. Ich bin Tonino Madonna, der Vater. «
» Santa Madonna ? Heilige Madonna ! Das kann doch nicht euer Ernst sein ! Was habt ihr denn gegen Giuseppina, Concetta oder Anna ? So ein Quatsch ! Letzte Woche musste ich ein Kind auf den Namen Giardino taufen ! Garten ! Den Sohn von Peppe Fiorito ! Jetzt heißt er Blühender Garten ! Es reicht ! «
» Aber wir sind fromm, wir wollen das Kind der Muttergottes anvertrauen. «
Es war ein Bauerndorf in den Bergen.

Im Dorf gab es einen einzigen Arzt, der zugleich die Apotheke betrieb, der Vater von Isola. Lieber Himmel, was für ein Nachname bei dem Beruf ! Er war zum Glück nett, und irgendwann dachte man sich nichts mehr dabei, wenn man zum Todesarzt ging, als würde man Gebäck der Firma Giftmischer, Rettungsringe der Marke Endebös oder Medizin von Wirklos kaufen.
Meine Mutter ist noch mal glimpflich davongekommen mit Seestern, auch wenn das Meer ungefähr hundert Kilo­meter entfernt war und die Straße sich auf dem Weg dorthin hügelauf und hügelab durch unzählige kleine Dörfer schlängelte. Mamas Name war das Meerigste, was es in der ganzen Gegend gab. Ich zum Beispiel war schon fast zehn, als ich zum ersten Mal am Meer war, und ob Mama überhaupt jemals dort gewesen ist, weiß ich nicht. Natürlich haben die Leute, die da waren, etwas erzählt, von Baden und Sand und all so was. Aber vielleicht sollte man einem Menschen erst am Ende, wenn er stirbt, einen Namen geben, dann hieße Mama Teig­stern, und das würde richtig gut passen.
Zum Glück hatten meine Eltern mit diesen Namenspielchen nichts am Hut. In unserem Dialekt bedeutet Raggiola – mein Familienname – Fliese, und ich mag mir gar nicht ausmalen, was dabei hätte rauskommen können. Womöglich hätten sie mich mit Vornamen Küche oder Klo genannt.
Dafür verpassten mir die Kinder in der Grundschule sofort einen neuen Nachnamen. Ich pfiff damals schon, wenn auch noch mit Stimmtechnik, ich war bekannt wie ein bunter Hund und trug alle möglichen Namen, Pfeife oder Vögelchen, weil ich dem Franzosen noch nicht begegnet war. Aber in der Schule hieß ich Isidoro Dünnbauch, weil Bauchhaut und Wirbelsäule bei mir so nah beieinanderlagen, dass kaum Platz war für meine kleine geballte Faust von Magen. Dabei aß ich, es war unmöglich, zu Hause nicht zu essen, aber ich rannte und rannte, ­immerzu rannte ich, und sogar beim Rennen pfiff ich, wie die Schwalben, die im Flug schreien, ausgelassen vor Freude. In dem Alter pfiff und zwitscherte ich wie eine Amsel. Habt ihr im Ohr, wie eine Amsel zwitschert ?

Als ich geboren wurde, hatte ich, die kleinen Fäuste blau vor Anstrengung, die Augen zusammengekniffen und den Mund aufgerissen und war rot angelaufen, wie alle Neugeborenen. Aber ich weinte nicht. Ich habe gebrüllt, aber nicht geweint. Die Luft drang mit Macht und ungefragt in meine untrainierte Lunge ein, und ich stieß sie mit aller Kraft zurück, aber ich weinte nicht, ich machte nicht » mwäääh «. Ich machte » chrrriii «. Ich pfiff. Danach war ich ein paar Stunden still. Ich beobachtete einfach nur, was um mich herum geschah, und das war Folgendes: Zuerst schob mir die Krankenschwester ­einen Schlauch in die Nase, » um meine Atemwege freizukriegen «, wie sie, soviel ich weiß, sagte, und dabei stieß ich den zweiten Pfiff aus, bei dem sie noch mehr erschrak als beim ­ersten; sie holte sogar rasch eine Taschenlampe, um mir mit ­einem spargeldicken Lichtstrahl in den Rachen zu leuchten und herauszufinden, was ich in dem ganzen ekligen Schleim Merkwürdiges hatte. Anschließend wusch und säuberte mich die Schwester gründlich, dabei zog sie allerdings an mir herum und drehte und wendete mich wie ein Zicklein. Papa saß bei Mama und hörte nicht auf, sie zu streicheln, beide sahen zufrieden aus, und die Hände meiner Mutter waren wie immer voller verkrusteter Mehlpampe. Dann wurde ich in die Wiege gelegt. Das heißt, eine richtige Wiege hatten wir nicht, aber der Nachbar eines Bekannten eines Freundes hatte in Deutschland einen Verwandten, und der besaß eine nagelneue Wiege, die er uns schenkte und im Sommer extra bringen wollte. Aber ich war zu früh auf die Welt gekommen, und die Wiege stand noch in Deutschland, wo sie, ehrlich gesagt, auch geblieben ist.
Als Mama die ersten Wehen spürte, ließ sie sich nicht aus der Ruhe bringen, obwohl es ihre erste und übrigens einzige Geburt war. Bis es richtig losging, knetete sie noch ein paar Kilo schön weichen Teig und formte ihn auf dem dicken runden Backbrett, das uns auch als Esstisch diente. Während sie den Teig knetete, mit ihren schönen, kräftigen, weißen Armen, die selbst aussahen wie aus Teig gemacht, hielt sie immer wieder inne und stöhnte: » Oh heilige Maria ! «
Papa fragte: » Was ist los, Stella ? «
» Nichts «, antwortete sie und knetete weiter. Es folgten ein » Oh Jesus ! «, ein » Oh heiliger Antonius ! «, ein » Oh heiliger Sankt Blasius ! «, bis schließlich, in einem nicht zu bremsenden Crescendo von Heiligen, zwangsläufig der große Meister dran war und sie bei der stärksten Kontraktion » Oh Gott ! « schrie. Der runde Brotlaib war fertig und eingemehlt. Sie bat Papa, ihn abzudecken, denn sie hatte etwas Hefe dazugegeben, damit er besonders weich würde. Zusammen mit der kleinen bunten Wolldecke war das mein wunderschönes erstes Bett, ein Bett aus Hefeteig. Da lag ich also im Weichen, den ganzen Abend und die ganze Nacht mit offenen Augen, ganz nah bei meinem Vater. Ich sah ihn an, und er sah mich an. Zum Glück lebte die Krankenschwester im Dorf, denn bei einer vorzei­tigen Geburt kann man keine sechzig Kilometer ins nächste Krankenhaus fahren, also kümmerte sie sich um alles.
Nach ein paar Tagen hatten sich meine Eltern an meine seltsame Art zu weinen gewöhnt, an diese schrill gepfiffenen aufsteigenden Schreie, » chr-jiiii, chr-jiii «, von denen Mama stolz behauptete, sie auf Anhieb zu verstehen.
» Chr-ji ! «
» Er hat Aa gemacht. «
» Chr-jiii ! «
» Er will trinken. «
» Chr-jiiiii ! «
» Nimm ihn auf den Arm, Quirino ! «

Ich war noch kein Jahr alt, da sprach ich schon ein paar Wörter, und das Pfeifen wurde deutlich weniger; außerdem kapierte ich allmählich ein bisschen besser, wie meine Kehle und mein Mund funktionierten, mein » Stimmapparat «, wie man mir erklärte. Wenn ich weinen wollte, dann weinte ich wie andere Kinder auch, und alle vergaßen das Pfeifen, einschließlich ich selbst. Bis Alì kam, ein wunderschöner Beo.
Streng genommen kann man nicht sagen, dass er selber ins Dorf kam, denn er wurde gebracht. Mattinella – mein Dorf – liegt nämlich nicht auf der Reiseroute von Beos, es liegt vielleicht auf der Reiseroute anderer Vögel, meiner Meinung nach aber nicht auf der von Beos. Alì war von Alfredo Zonzo gekauft worden, dem Inhaber der Zoohandlung A ZONZO, was so viel wie »bummeln« heißt. Seine Eltern hatten ihn auf ­einen ganz normalen Namen getauft, Alfredo, aber er hatte den Anfangsbuchstaben einfach so, ohne Punkt, auf das Schild geschrieben, und damit war alles hinüber. Als Tüpfelchen auf dem i war seine Tochter mit ihrem Mann Antonio Piazza in die Wohnung unter ihm gezogen, und im Erdgeschoss wohnte eine Witwe namens Dante. An der Sprechanlage las man also von oben nach unten:
Bummeln
Auf der Piazza
Dante
Unser Klingelschild war aber auch hübsch: Raggiola-Dimare. Meerfliese.
Ich habe oft darüber nachgedacht. Könnt ihr euch vorstellen, eine Fliese aus Meer zu haben ? Zwanzig auf zwanzig Zenti­meter Meer bei euch zu Hause, mit einem Fisch, der ab und zu reinschwimmt und wieder verschwindet ? Und ihr stellt euch die Fliese auf den Nachttisch und schaut sie am Morgen zehn Minuten lang an, bevor ihr zur Arbeit geht ? Wenn man eine Meerfliese haben kann, dann kann man auch einen ganzen Meerboden haben, dreißig Quadratmeter blaues Wasser, ein Esszimmer mit Tisch und Sofa und Wasser unter den Füßen, und im Sommer kommt einer vorbeigeschwommen ! Guten Tag ! Hallo, mein Freund ! Oder gleich ein ganzes Haus aus Meerfliesen, stellt euch das mal vor !

Signor Zonzo betrieb in einer Gasse hinter der Piazza eine Art Laden, in dem man auch Landmaschinen, Heuballen, Mähdrescher, Öl und all so was kaufen konnte. Im Laden war nichts. Durch das hochgezogene Rollgitter betrat man einen leeren Raum, nur in der Mitte standen ein Schreibtisch mit grüner Resopalplatte und zwei Stühle, einer davor und einer dahinter. Hinter dem Tisch saß Signor Zonzo, davor der Bauer, der etwas kaufen wollte.
Zonzo, der Geschäftsmann, fing immer mit der gleichen Aufforderung an:
» Was ist. «
Er sagte es freundlich, er wollte den anderen nur auffordern zu reden. Aber er war ungebildet und glaubte fest, es heiße » Was ist « und nicht » Was darf es sein ? « oder » Sie wünschen ? «. Zonzo hielt sich für einen leidenschaftlichen Kenner exotischer Tiere. Seine enorm große Sammlung bestand aus einem Leguan, den er in einem Haus in Caianello hatte mit­gehen lassen ( weiß der Himmel, was ein Leguan in Caianello verloren hatte ), einem haarlosen Hund, der immer dastand und zitterte – » Der kommt aus Afrika, ihr habt ja keine ­Ahnung, ist doch klar, dass er hier friert «, hatte er einmal auf der Piazza erklärt –, und jetzt noch einem Beo. Der Beo namens Alì saß in einem Käfig auf der Türschwelle und pfiff jeden an, der vorbeikam. Man hatte ihm so einiges beigebracht: einen Pfiff für vorbeilaufende Mädchen ( tui-tuiu ! ), einen, mit dem er sich über Männer lustig machte ( toi-toii ! ), dazu kam der » einfache « aufsteigende Beo-Pfiff ( ti-jong ! ).
Es gab nicht viele Straßen im Dorf, und so wollte es der Zufall – es gelang ihm ohne große Mühe ! –, dass ich zusammen mit meinem Vater Quirino eines Tages dort vorbeikam. Ich war vielleicht zwei Jahre alt. Der Käfig stand an seinem Platz, und kaum sah mich der Vogel um die Ecke biegen, stieß er schnell wie eine flüchtende Eidechse sein » Ti-jong ! « aus. Papa kam ein paar Sekunden später, er war langsamer als ich und las vor allem beim Gehen immer Zeitung.
Meine Mutter sagte jedes Mal: » Quirì, wie kannst du auf das Kind aufpassen und gleichzeitig Zeitung lesen ? «
» Mit dem Seitenblick «, antwortete er und zeigte auf sein linkes Auge, das ganz weit nach außen schielte. Ob nun mit dem Mittelblick oder dem Seitenblick, jedenfalls merkte er, dass ich wie verzaubert stehen geblieben war, denn er blieb ebenfalls stehen. Außer uns war niemand auf der Straße, es war unser Fünf-Uhr-nachmittags-Dorfspaziergang, ich bestimmte den Weg, und Papa folgte mir Zeitung lesend.
Der Beo sah mich an, ich sah ihn an. Der Beo bewegte ­ruckartig den Hals, ich tat es ihm gleich. Er reckte den Schnabel in die Höhe ? Das tat ich auch, und dazu spitzte ich meine kleinen Lippen. Plötzlich klappte sein wunderschöner gelber Schnabel auf und blieb offen, ohne dass ein Laut kam, ich machte auch den Mund auf und sah ihn von der Seite fest an. Wir waren eine Art Kind-Vogel-Spiegel, beide hielten wir still, mit offenem Mund, und beäugten uns aus dem Profil ­heraus. Hinter mir stand Quirino und las in aller Ruhe seine Zeitung, aber ich wollte mich vergewissern und drehte mich zu ihm hin, und da sah ich, dass sein abgedriftetes linkes Auge über den Rand der Zeitung und zu mir herschaute. Das mit dem Seitenblick stimmte also ! Als ich mich wieder meinem neuen Nachmittagsspielkameraden zuwandte, stieß Alì noch mal ­einen seiner melodischen Laute aus, eine absteigende Kurve und zum Ausklang einen Schlenzer nach oben, ein großartiges » Tui-i-i-i-iiii ! «. Toll ! Wie schön das klang ! Ich war ganz aufgeregt, das musste ich auch machen, und ich machte es. Ich holte tief Luft durch die Nase, wie damals bei meiner Geburt, formte mit dem Mund ein U und schrie haargenau den gleichen tollen Pfiff. » Tui-i-i-i-iiii ! « Ja, in Wirklichkeit schrie ich nämlich und pfiff nicht. Ich konnte noch nicht richtig lippenpfeifen, ich konnte keine Geburtstagskerzen ausblasen, konnte nichts aus dem ganzen Kinderrepertoire, weder blasen noch mit dem Strohhalm saugen, aber irgendwo in meinem Körper stand geschrieben: » Pfeif ! « Also pfiff und schrie und zwitscherte ich mit der ganzen Kraft meiner Kinderstimmbänder. Alì sah mich beeindruckt an. So einen Beo hatte er bestimmt noch nie gesehen, weiß, groß, ohne Flügel und mit so vielen Füßen, und er forderte mich ein zweites Mal heraus: noch so ein Pfiff, wie geriffelte Tortiglioni, mit drei Eröffnungen und drei Abschlüssen, ein » Tuii-juii-juii ! «, das ich flugs nachahmte – wie sonst als flugs sollte es auch gehen, zusammen mit einem Vogel !
Eine Zeit lang machten wir so weiter, Alì gab den Ton an, und ich wiederholte. Wir redeten miteinander. Mit Mama und Papa plapperte ich, ahmte mehr schlecht als recht ein paar Silben nach, viel mehr als » mma «, » ppa «, » aua « war noch nicht drin, aber Alì und ich brachten ein richtiges Gespräch zustande. Er erzählte mir von seiner Heimat, von der langen Flugreise, von den Wüsten, von den Tieren, die er gefressen hatte, und von denen, die versucht hatten, ihn zu fressen, von seinen Lieben, die er in seinem Dorf zurückgelassen hatte, er erzählte davon, wie Signor Zonzo ihn behandelte, und ich wiederholte alles, um ihm zu versichern, dass ich verstanden hatte. Doch nach einer Weile hatten die Erwachsenen keine Lust mehr, sich das Gepfeife und Gezwitscher anzuhören, und sie trennten uns, auch weil Papa und Zonzo sich nicht grün waren, eigentlich konnten sie sich auf den Tod nicht ausstehen.
Ich aber wollte von da an immer zu meinem indolesischen Freund Alì.

II
Willst du, Quirino ?
Das mit meinem Namen habt ihr also verstanden, und jetzt möchte ich euch von einem Wunder erzählen, das ein paar Monate vor meinem zehnten Geburtstag geschah. Vorher muss ich aber noch berichten, wie ein ganz normaler Tag bei uns zu Hause abläuft, ein wunderloser Tag sozusagen. Ein x-beliebiger Tag im Hause Raggiola-Dimare, im Meerfliesenhaus sozusagen, beginnt so: Um sechs klingelt der Wecker im Schlafzimmer meiner Eltern, ich höre ihn und drehe mich auf die andere Seite. Ich mag es, wenn ich aufwache und denke, dass ich noch anderthalb Stunden schlafen kann, also kuschele ich mich wieder in mein Kissen und schlafe noch mal tief und fest ungefähr bis zwanzig nach sieben. Quirino – Papa – schläft links im Ehebett, und er liegt auf der linken Seite. Er öffnet das linke Auge, das abgedriftete, das ganz weit nach links schielt, und macht den Wecker aus. In dieser Position muss er dazu die rechte Hand nehmen, was er ein bisschen ­bedauert, er ist immer ein Linker gewesen. Er steht auf und setzt zuerst seinen linken Fuß auf den Boden. Er öffnet die Tür des Nachtkästchens – logisch, mit welcher Hand – und holt die Anderthalbliterflasche Wasser heraus, die er schon am Abend hergerichtet hat, und das weiße Tütchen mit dem Pulver, das links neben der Flasche liegt, und geht damit ins Bad. Er ist der König der Sprudeltrinker. Schon als Kind hat er Sprudel getrunken, er war immer schon begeistert von dem durststillenden salzigen Geschmack der Bläschen, er liebte die seiner Meinung nach besonders beruhigende Prozedur der ­Zubereitung, für die man damals, erzählt er, zwei Tütchen brauchte, ein rotes und ein blaues. Er sammelte auch die gelben Schächtelchen, er schätzte ihr altmodisches » Dissain «, wie er das nennt. In den leeren Schächtelchen fand alles Platz, Bolzen, Münzen, einmal versuchte er sogar, ein Hemd hineinzustopfen, und fast wäre es ihm gelungen. Fünf Extraschächtelchen hat er auf die Seite gelegt, darin liegen die Sätze, die er aus Büchern oder Zeitungen oder sonst woher nimmt, er schneidet Sätze aus, die ihn berühren, faltet sie und ordnet sie ein. Manchmal breitet er sie abends auf dem Küchentisch aus, wie Mama ihren Teig auswalkt, und dann spielen wir das Spiel der Schönen Worte: Er nimmt einen der Schnipsel, die er vorher mit der ­beschriebenen Seite nach unten gedreht hat, und liest den Satz laut vor, und ich und Mama müssen alles sagen, was uns dazu einfällt, ins Blaue hinein, ohne Regeln. Er sagt, wir könnten wunderschön dichten, Sätze » voller Unabhängigkeit «, und wenn jemand sie in richtigen Büchern verwenden würde, gewänne er sofort den Nobelpreis für die Freiheit des Wortes.
Zum Beispiel:

Satz aus einer Tageszeitung ( obwohl der meiner Meinung nach von ihm selber stammt )
Wer nicht gelitten hat, der summt.
Wer gelitten hat, der singt.

Schöne Worte:
Peppino kaut wenig und kalauert viel ∙ Wer nicht auf Mama und Papa hört, stirbt dort, wo er nicht geboren ist ∙ Ich dreh mal eine Runde mit dem Boot ∙ Ich hab dich lieb, aber frühmorgens ∙ Wer keine geschmorten Innereien hat, der darbt, wer welche hat, der isst ! ∙ Für mich, für mich, für mich ∙ Vooo-laaa-ree – o-o-o-o ∙ Wiegt schwer, ist aber leicht ∙ Haha, du hast gut lachen, deine Mama hat Gnocchi gemacht ∙ Donnerwetter, die Kuh gibt blaue Milch, die muss vom SSC Neapel sein ∙ Gold Gold im Haar Gold in der Erinnerung ∙ Äpfel und Birnen, Äpfel und Birnen ! ∙ Das Telefon summt, es ist in den Kühlschrank verliebt ∙ Feldweg ∙ Grrrrraaaaaaauuuuuu ! !

Ich finde das nicht besonders schön gedichtet, eigentlich versteht man gar nichts, aber so ein unsinniges Wortfeuerwerk ist ein Riesenspaß. Manchmal spiele ich das Spiel auch, um Sachen zu sagen, die ich mich sonst nicht zu sagen traue; es ist wirklich nichts verboten, weder Fluchen noch sonst was, und da habe ich zum ersten Mal » einen blasen « gesagt und » leck mich « und » wichsen «, auch » Gastritis «, » Intellekt « und » Speichellecker «, und wer weiß, vielleicht merken meine Eltern bei dem Spiel auch, was mich wirklich beschäftigt, denn wenn ich so ein Wort sage, schaut Papa Mama mit einem halben Augenzwinkern an.

Quirino geht also, wie gesagt, morgens ins Bad, schließt die Tür ab – was überflüssig ist, wir wissen genau, was in der nächsten Dreiviertelstunde da drinnen los ist – und schaltet die Radionachrichten ein. Dann stöpselt er den Abfluss des ­Bidets zu, lässt gerade so viel heißes Wasser einlaufen, dass die Temperatur stimmt, und schüttelt das Brausetütchen mit zwei Fingern, damit sich der Inhalt in einer Ecke sammelt. Jetzt reißt er einen schnurgeraden schmalen Streifen ab – damit er ihn so hinkriegt, knickt er ihn vorher mehrmals hin und her, wobei er » die Drahtregel « murmelt –, drückt die Ränder des Tütchens zusammen, um es » einzuschnabeln «, wie er das mit ­einem Papawort nennt, und schüttet das Pulver – die über viele Jahre Praxis genau berechnete Dosis – in die Anderthalb­literflasche. Er lässt den Verschluss zuschnappen und beobachtet gespannt, wie der feine Schnee langsam nach unten rieselt und auf die ersten schnellen Bläschen trifft, die blitzend an die Oberfläche steigen.
» Das ist wie der Wechsel zwischen den Jungen und den ­Alten «, sagt er dann, und er sagt es auch immer, wenn er den Sprudel für das Abendessen mischt. » Die Alten gehen langsam in Richtung Boden, sie machen oben Platz für die Jungen, die ganz schnell an die Oberfläche sausen, weil sie dort wer weiß was vermuten. Dabei begegnen sie einfach nur den Alten, die auf dem Weg nach unten › nichts Besonderes ‹ murmeln … «
Ich glaube, dass Quirino erst jetzt richtig aufwacht.
Er stellt die Flasche ganz weit nach links, um sie mit dem abgedrifteten Auge zu betrachten. Von hinten könnte man meinen, er schaut gebannt geradeaus zum Fenster, dabei hat er die Flasche im Blick, die neben ihm auf der Kommode steht. Er schüttelt sie dreimal kräftig – keine Ahnung, warum er ­immer so schütteln muss ! –, hält sie ans linke Ohr und öffnet langsam den weißen Porzellanzapfen mit dem orangefarbenen Gummiring – bei diesen Verschlüssen ist der Metallbügel im Glas verankert – und freut sich an dem sprudeligen » Pfffssch «, das den Beginn eines neuen Tages ankündigt. Für ihn ist dieses Pfffssch wichtiger als der morgendliche Kaffeeduft, es flößt ihm mehr Kraft ein als das gute Bauernfrühstück, das Stella in der Küche herrichtet. Aber er hat nicht vor, aus der Flasche zu trinken, nie und nimmer !
Jetzt ist es so weit. Zehn nach sechs, das erste fahle Tageslicht dringt ins Bad, elektrisches Licht ist tabu. In diesem zauberhaften Dämmerlicht des frühen Morgens – » Ich mag es, weil es ein hoffnungsvolles Dämmerlicht ist; die Nacht ist vorbei, es ist anders als das Dämmerlicht am Abend, das ist traurig, weil das bisschen Licht ganz schnell verschwindet, von allen Winkeln geschluckt «, sagt er –, in diesem Dämmerlicht also lässt er seine Pyjamahose herunter, leert die Flasche ins Bidet, rührt rasch mit der Hand um, setzt sich breitbeinig hin und spült sich die Eier.
Er spült sie gründlich, ausgiebig, er spült sie mit Lust, er genießt den Verjüngungssprudel, er genießt die Massage des spritzigen frischen Wassers, das ihm bis zum Bauch schwappt und rasch in die dunklen Winkel seines Körpers rinnt, dieses Körpers eines kleinen, dickbäuchigen, schiefen, schielenden und behaarten Achtunddreißigjährigen, er spürt das Lieb­kosen der Güsse, sieht, wie das Wasser von den Fingern tropft, bildet sich ein – vielleicht spürt er es auch wirklich –, dass ein ganzes prickelndes Leben erwacht und ihm in die Beine fließt, dann in die dicht behaarte, von Wassertröpfchen glitzernde Brust, dann unter die Achseln. Es ist seine Art zu duschen ­geworden, er nennt es » Eierbad «. Erst seift er sich mit einer ­Olivenölpastille ein, die die Frau eines befreundeten Bauern selbst gemacht hat, anschließend schöpft er lauwarmes Sprudelwasser mit einem Glas und gießt es sich über den Oberkörper, über die Haare, über den Rücken, ins Gesicht. Gegenüber vom Bidet hat er einen kleinen Spiegel montiert, so kann er sich in dieser Position auch rasieren. Wenn das ganze Wasser aus dem Bidet im Bad verteilt ist, gilt die Aktion als beendet. Er steht auf, wischt sorgfältig den Boden auf, trocknet sich ab und cremt sich das Gesicht ausgiebig mit einer nach Zitrone duftenden Creme ein. Jetzt glänzt Papa nackt und knubbelig wie ein Babà-Gebäck.
Er hat Stella zu überreden versucht, sich ebenfalls mit dieser Methode zu waschen, und manchmal tut sie es auch, damit er sich freut, aber sie genießt es nicht so wie er. Er hingegen prahlt damit, er habe » nie Probleme gehabt « dank dieser ­Waschung, die » energetisiert, erfrischt, belebt, aufweckt und in Gang bringt, was im Körper eines Mannes in Gang zu bringen ist «. Er rühmt sich auch damit, kein einziges weißes Haar zu haben, » weil ich unter meinem Skalp frische Luft habe und nicht das Gift stichter Gedanken «. Auch dieses Wort hat Papa erfunden, er war ein Wortschöpfer. Es bedeutet » stinkend und schlecht «.
Während dieser fröhlichen Waschung werden die Radionachrichten auf die immer gleiche, sozusagen traditionelle Weise kommentiert. » Arschgeige « meint einen Politiker, nicht irgendeinen, sondern den; » noch so ein Arsch « ist ein anderer Politiker derselben Couleur, » Marodeur « und » Betrüger « sind zwei weitere Protagonisten der Landespolitik. Es folgen » Depp «, » Nichtsnutz «, » Knecht «, » Leibeigener « – keine Ahnung, wie er auf Leibeigener kommt, er liebt das Wort und bedenkt damit einen Christdemokraten aus Norditalien, vielleicht um ihm zu zeigen, dass er gebildet ist – und zum Schluss ein beunruhigendes und endgültiges » Kotzbrocken «.
Nur wenn im Radio von Enrico Berlinguer die Rede ist, Enrico Berlinguer zitiert, Enrico Berlinguer erwähnt wird, sagt Quirino mit fester, überzeugter Stimme: » Der ja. « Und noch einmal: » Der ja, der ja, der ja. «
Nicht dass er nicht argumentieren könnte, oh nein, Papa war der Gewerkschaftsdelegierte seiner Fabrik und in der ganzen Provinz beliebt, eben weil er gut reden konnte. Er war aber nicht bekannt dafür, dass er Wörter gut aneinanderreihen, sich Gehör verschaffen und überzeugen konnte und sich dann damit brüstete. Nein, er war aus einem anderen Grund beliebt. Er wendete sich den Menschen zu, denen er gegenüberstand, er redete, um zuzuhören, ja, so könnte man sagen.
Und je mehr er zuhörte, umso mehr redete er.
Dabei war er eigentlich ein schweigsamer Mensch.

Um zehn nach sechs, wenn Papa mit seinem Eierbad anfängt, steht auch Stella auf, meine Mutter, und geht in die Küche. Sie macht Frühstück für ihren Quirino: Brot und Bratwürste, eine Ochsenherztomate und ein Glas Wein. Und einen kräftigen Kaffee. Sie sagt immer, dass sie nicht verstehe, wie Quirino um sechs Uhr morgens so viel Zeug essen kann, und er antwortet, wenn sie auch so eine energetisierende Waschung vornähme, hätte sie den gesunden Appetit eines aktiven Menschen, so wie er. Mama war aber überhaupt kein dünnes Elend, sondern wog immerhin sechsundsiebzig Kilo und hatte eine üppige Oberweite.
Nach dem Frühstück geht Quirino zur Arbeit; das Mittagessen, das Mama schon gekocht und ihm eingepackt hat, hat er in seiner Tasche dabei. In der Tür gibt Mama ihm einen Kuss, dann fasst sie ihm mit der offenen Hand da unten hin und fragt: » Na, auch heute alles wieder schön frisch ? «, und er grinst und reißt die Augen auf, die vom Tyrrhenischen Meer bis zur Adria sehen, antwortet: » Ich bin energetisiert ! « und küsst sie zurück. Danach kommt sie mit einem Zettel in der Hand wieder herein. Das alles dürfte ich natürlich gar nicht wissen, weil man in meinem Alter solche Sachen nicht wissen darf, aber ich stehe eben auch um die Uhrzeit auf, weil ich in die Schule muss, und beobachte die beiden immer, tue, als ob nichts wäre, und finde es ziemlich spannend.
Wenn Mama und ich allein sind, frühstücken wir. Sie macht mir Milchsuppe mit Brot, die ich sehr gern mag. Sie gibt mir aber immer auch drei oder vier zerbrochene Kekse rein, und wenn du wie ich mit einem Mordshunger Milchsuppe isst und dabei zwischen den Brotkrumen plötzlich auf ein süßes Keksstückchen stößt, musst du einfach grinsen, auch wenn du gar nicht willst. Dafür hat Papa das Wort » Kuss « ­erfunden, aber es bedeutet nicht Kuss, sondern ist eine Fusion aus » Keks « und » Genuss « und gilt auch für andere schöne Überraschungen: Ein Sonnenstrahl, der plötzlich durchs Fenster dringt, während du mit dem Rücken zum Fenster stehst, kann ein Kuss sein, ein sommerlicher Windstoß unter einem Feigenbaum kann ein Kuss sein, Mamas unerwartete Tagliatelle am Abend sind ein Kuss.
Zu einem Kollegen, der wieder in die Arbeit kam, nachdem er überraschend ein ernstes familiäres Problem gelöst hatte, sagte Papa einmal: » Da siehst du mal, was das Leben für schöne Küsse für dich parat hält ! « Der Kollege sah ihn erstaunt an. Papa erfand seine Wörter meistens, indem er zwei Wörter miteinander verschmolz. Manchmal, wie bei Kuss, tat er es sozusagen aus technischer Notwendigkeit, also um » zwei nützliche Dinge miteinander zu verdichten «; in anderen Fällen, zum Beispiel bei sticht, machte er es, weil » manche Wörter zwischen zwei anderen stehen, sie bestehen aus zwei Hälften und sind weder das eine noch das andere «.
Dann packe ich meinen Schulranzen, hänge ihn um und mache mich auf den Weg, und Mama verwandelt sich in Stella di Pasta, den Teigstern.
Wenn Stella sich auf ihre Art von Papa verabschiedet hat, kehrt sie also mit einem Zettel in der Hand ins Haus zurück. Eigentlich ist es kein Zettel, sondern ein großes, eng beschriebenes Blatt Papier, das Papa ihr da immer gibt. Jahrelang dachte ich, das seien Liebesbriefe, die er in der morgendlichen Dreiviertelstunde im Badezimmer geschrieben hat. Doch irgend­wann habe ich gemerkt, dass Papa vor Mamas magischem Griff zwischen seine Beine und vor den leidenschaftlichen Küssen im Hinausgehen die Nudellung ( Nudelbestellung, technische Fusion ) holt. In der Tür unseres Hauses, die direkt auf die Straße hinausgeht, steckt ein Nagel. An den Nagel heftet Papa jeden Abend um sieben Uhr ein weißes Blatt Papier, außerdem hängt dort immer ein Bleistift an einer Schnur. Die Dorfbewohner, der Wirt der Trattoria Sant’Angelo und die Wirte von ein paar anderen Trattorien in den Nachbardörfern kommen an unsere Tür und schreiben auf den Zettel, welche Sorte Nudeln und wie viel sie für den nächsten Tag brauchen, und Mama stellt sie her und verkauft sie ihnen.
Morgens um acht ist es bei uns zu Hause also ziemlich ­neblig. Es ist neblig, weil Mama mehrere Kilo Mehl, lauwarmes Wasser, Eier und Salz in einen großen Trog kippt und verknetet. Sie braucht unheimlich viel Kraft zum Kneten, aber für mich ist es das größte Spektakel, wenn ich dabei sein und zuschauen kann. Sie wickelt ihre Haare in eines der weißen Kopftücher aus grobem Leinen – die Tücher liegen alle zum Dreieck gefaltet in einer Schublade, in der es nach Sakristei riecht –, setzt sich breitbeinig hin, stellt den Trog auf den Trocker, einen von Papa gezimmerten und so getauften Hocker, und macht aus dem Mehl einen Berg mit einem Krater in der Mitte. Der erste Nebel stäubt auf. Dann gibt sie Eier, Wasser und Mehl hinein und knetet und knetet, und bei jedem Drehen und Wenden pufft wieder eine weiße Wolke auf, und daher kommt bei uns morgens um acht Uhr der Mehldampfnebel. Mama arbeitet schweigend, man hört nur das Puffen und das Walken der Hände, die den Teig bearbeiten, aber es sind nicht nur die Hände, der ganze Körper arbeitet, alles ist mit von der Partie, die Muskeln, das Gehirn, der Atem und vor allem das Gefühl. Kräftig bearbeitet sie die staubige weiße Masse, die allmählich feucht und klebrig und irgendwann glatt und weich und elastisch wird. Mama formt den Klumpen, zerreißt ihn wieder, dreht und wendet und zerreißt ihn von Neuem, bis sich nach gut einer halben Stunde unter ihren Händen – und zwischen ihren Beinen – ein prächtiger weißer, lebendiger, einladender Laib bildet, wie mein erstes Bett. Sie nimmt den Laib wie ein Kind auf den Arm und verarbeitet ihn weiter auf dem Holzbrett, sie quetscht ihn zusammen und zieht ihn auseinander und quetscht ihn wieder, mit ihrem ganzen Gewicht stützt sie sich auf die Hände und drückt und schiebt. Ich glaube nicht, dass sie das jemals gemerkt hat, aber sie macht bei jedem Drücken einen Ton, ein gepresstes » Hmmm « mit geschlossenem Mund, gedankenversunken, mit entspanntem, konzentriertem Gesicht.
Papa hat erzählt, dass er sich in sie verliebt habe, als er sie beim Teigkneten sah, und dass er sie noch immer von hinten anspringen könne, wenn sie über den Tisch gebeugt dasteht und » hmmm « macht. Jedenfalls sind ihre Hände nach so vielen Jahren, die sie im Mehl herumwühlt, zart, flink und seidenweich, und im Sommer finde ich die Mehlfarbe auf ihrer gebräunten Haut so schön.
Wenn sie mit dem ersten Arbeitsgang fertig ist, schaut sie auf den Zettel und teilt den großen Teigklumpen je nach Bestellung in kleinere Klumpen und knetet einen nach dem anderen auf dem runden Holztisch. Sie streicht die Klumpen aus, macht sie platt, ohrfeigt und streichelt sie und bringt sie in Form. Anfangs gab es bei der Nudellung jede Menge Missverständnisse, denn der eine bezeichnete Tagliatelle als Lavanelle, der andere meinte Rigatoni, schrieb aber Muglitielli, und auch Tagliatelle und Tagiolini waren nicht eindeutig, denn für den einen sind Tagliatelle etwas breiter und für den anderen etwas schmaler, manche wollten die dünnen Taglioli­ni in Nestform, andere lang, es gab sogar Leute, die neue Formen erfanden, zum Beispiel wie Flintenläufe gekappte Cannelloni, glatte Rigatoni oder bunte Flicken. Papa löste das Problem ein für alle Mal, indem er die Nudellung um die Nudiste ( Nudelliste ) erweiterte, eine sehr schön gemachte zweispaltige Liste: links die gezeichnete Nudelsorte, rechts die verschiedenen Namen dafür.
Nach der Umwandlung der Teigklumpen in Nudeln müssen die Nudeln trocknen, und dann ist unser Haus am schönsten. Weil Mama dafür nie einen Extraraum haben wollte – sie sagt, die Nudeln müssten ihre Stimme hören, und sie müsse dauernd sehen, ob sie auch schön trocken und elastisch bleiben –, haben wir von zehn bis zwölf Uhr Nudelhäkeldeckchen, Nudelhussen und Nudelvorhänge, es regnet Tagliatelle von der Decke, gekappte und lange Cannelloni stapeln sich auf Stöcken, Bandnudeln liegen wie schmale Fliesen auf der Arbeitsfläche neben dem Herd. Wäre jetzt der Fußboden noch aus Meerfliesen, dann wäre mein Zuhause ein Phantand, ein Phantasieland.

Als ich fast zehn Jahre alt war, geschah, wie gesagt, ein Wunder.
Eines Morgens weckte mich die Kirchenglocke um neun Uhr. Neun Uhr ! Papas Wecker hatte nicht geklingelt, das Haus duftete nicht nach Bratwurst, obwohl es ein ganz normaler Fabrik-, Schul- und Nudelmittwoch war; im Bad war kein Wasserrauschen zu hören, kein » Arschgeige «, kein » Noch so ein Arsch «. Ich bekam Angst, dass etwas passiert war, und rannte in die Küche. Da war niemand, alles war still, nirgends ein Gramm Mehl, die Rollläden geschlossen. Als ich zu Mama und Papa ins Schlafzimmer schauen wollte, klopfte es leise an der Haustür.
» Wer ist da ? «
» Mach auf, Isido’ ! Ich bin’s, Signora Ieso ! «
Ich öffnete die Tür. Signora Ieso, unsere Nachbarin, überreichte mir einen riesigen Blumenstrauß, der eindeutig größer war als sie selbst, flüsterte mit Verschwörerstimme: » Stell ihn auf den Tisch, mach schnell, Mama und Papa stehen gleich auf «, und schon war sie wieder weg. Ich sah noch, dass die Nudellung nicht am Nagel hing, und als ich die Haustür zumachte, hörte ich Papas krächzende Stimme:
» Ohhh ! Mein Seitenblick sieht was Wunderzückendes für dich , mein Augenstern! «
» Ach ja ? Was denn ? «
Lachend kamen sie Arm in Arm aus dem Zimmer, im Schlafanzug und mit zerzausten Haaren.
» Du lieber Gott ! Was für schöne Blumen ! Für wen die wohl sind ? «
» Für wen wohl ! Für dich natürlich, meine kleine Herzenskönigin ! «
Ich sah die beiden an und kam mir echt vor wie in einem Film mit zwei Volltrotteln, ich begriff nicht, was um Himmels willen in sie gefahren war, und die Nachbarn waren ­eingeweiht, was sollte denn das ? Mama schnupperte an den ­Blumen, verteilte sie im ganzen Esszimmer, wie sie sonst um die Uhrzeit Nudeln verteilte, legte drei Blumen auf den Tisch, zwei auf den Fernseher, drei oder vier auf die Deckenlampe, ein paar stellte sie wie kleine Feuerwerke auf den Kühlschrank, und dann erst merkte sie, dass ihr Sohn nichts kapierte, und kam zu mir, während Quirino mit einem Auge Kaffee machte und mit dem anderen uns beide beobachtete und kicherte.
» Heute ist ein Spezialtag, Isidoro. Papa macht jetzt schnell sein Eierbad, du duschst dich auch und ziehst deinen Sonntagsanzug und die Krawatte an, Papa hilft dir. Und dann müssen wir drei was erledigen. «
Ich gehorchte, aber sie waren seltsam, ich verstand überhaupt nicht, was los war und was die ganze Überraschung sollte, jedenfalls duschte ich und zog auch brav die Krawatte an.
Zwei Stunden später standen wir oben im Rathaus. ­Quirino Raggiola und Stella Dimare wollten heiraten. Als sie nämlich verlobt waren und ich schon geboren, hatten sie gegen die ­Regeln verstoßen wollen und beschlossen, ein Paar zu sein und ein Kind zu haben, aber ohne zu heiraten. Das hatte ­ihnen in unserem kleinen süditalienischen Bauerndorf nicht wenige Probleme eingebracht, aber Papa sagte: » Ich werde Gelegenheit haben, mich mit den Leuten zum Thema Liebe und ­Gesetz auseinanderzusetzen, als wäre es eine griechische Tragö­die ! «
Mama sagte: » Mach nur, Quirì, ich glaube, meine Nudeln werden sie trotzdem essen. «
Und wie sie die Nudeln aßen ! Wo Quirinos Ausführungen zur Liebe zum Gesetz und zum Gesetz der Liebe nicht an­kamen, dort kamen Stellas Nudeln an. Die Meerfliesenfamilie Raggiola-Dimare war ein Gesprächsthema, neue Kunden kamen, auch aus anderen Dörfern, weil sie vom außergewöhn­lichen Pastatalent dieser Frau gehört hatten, die mit dem Schielenden in wilder Ehe lebte.
Papa spielte mit dem Provinzkarussell. Er erfand die Spa­ghedeli ( Spaghetti der Liebe, technische Fusion ), Paare von ­geflochtenen viereckigen Spaghetti, ein Loblied auf die glückliche Liebe, die man einfach anerkennt, basta, die Liebe von zwei Menschen, die sich lieben und immer weiter lieben, ohne dass die Religion oder das Gesetz sich einmischt. Die Spaghedeli verkauften sich eine Weile lang auch ziemlich gut. Eine Trattoria hatte sich nämlich die Skandalgeschichte in der Hoffnung auf einen Mythos à la Romeo und Julia – eine Geschichte über Leben und Tod, die für den Absatz von Pasta, Tassen, T-Shirts und sonstigen von verbotenen Küssen inspirierten Souvenirs sorgen würde – zunutze gemacht und die Spaghedeli Vive-l’Amour ( ein scharf gewürzter, sehr gehaltvoller Fleischsugo, der mit einem Haufen geriebenem Pecorino serviert wurde und sehr gut zu den Nudelzöpfchen passte ) auf die Speisekarte gesetzt. Jedenfalls kam das Gericht in diesem Winkel zwischen Kampanien, Basilikata und Apulien bestens an, und die Bauern, aber auch manche Touristen auf Durchreise schlugen sich den Bauch voll und tranken dazu einen rassigen Bauernwein namens » Drachenschlund «.
Aber die Geschichte von Stella und Quirino war nicht blutig oder tödlich genug, das war sie eigentlich überhaupt nicht, weswegen sie auch kein irpinischer Shakespeare mit der poe­tischen Kraft der Tragödie erzählen konnte, und so war es mit der touristischen Ressource in Form einer Liebesgeschichte bald wieder vorbei.

Die Trauung war für alle eine große Freude und klappte wie am Schnürchen, bis etwas passierte, das nach böser Über­raschung aussah. Auf die schicksalhafte Frage: » Willst du, Stella «, und so weiter und so fort, antwortete Mama mit einem Lachen und einem schallenden » Ja «, das noch auf der Piazza zu hören war. Anschließend wandte sich der Bürgermeister, der der Bruder des Pfarrers war, an Quirino, den Gewerkschafter.
» Willst du, Quirino, … «
Quirino sah ihn mit dem rechten Auge an, er lächelte spöttisch und hatte den Kopf leicht nach links gedreht, was he­r­ausfordernd wirkte.
» Willst du, Quirino, die hier anwesende Stella zur Frau nehmen ? «
Keine Reaktion.
» Ehm … Quirino ! Quirì ! «
Papa schien in Gedanken ganz woanders.
Er lächelte, und Mama erwiderte sein Lächeln schelmisch.
» Willst du, QUIRINO, … «, wiederholte der Bürgermeister und hob die Stimme, vor allem beim Namen, aber ohne ­Erfolg. Es kam keine Antwort. Die wenigen Gäste dachten an eine politische Aktion des roten Signor Raggiola und murmelten vor sich hin; jemand sagte: » Vielleicht ist ihm nicht wohl ? Hat ihn der Schlag getroffen ? «, und ein anderer sagte: » Das kommt von der Aufregung, er braucht ein Glas Wasser. « Der Pfarrer, der aus Freundschaft und zur Provokation ebenfalls eingeladen war, gab dem Bürgermeister, seinem Bruder, ein Zeichen und sagte zu laut, wie am Telefon, wenn man glaubt, man würde leise sprechen: » Der spinnt ja total. «
Papa rührte sich keinen Millimeter. Ich saß auf dem vordersten der reservierten Stühle, praktisch auf dem Ehrenplatz. Papa stand reglos da, die linke Hand in Mamas rechter, dann sah ich zu ihr hin, sie schwankte leicht nach rechts und nach links. Ich wusste auch nicht, was um Himmels willen in ihn gefahren war, aber mir schwante etwas. Ich musste daran denken, wie Papa morgens im Bad das Brausepulver in die Wasserflasche kippte und die Flasche dann links auf die Kommode stellte, um sie mit dem Seitenblick anzuschauen. Da sah es von hinten auch immer so aus, als würde er auf das Fenster vor ihm starren. Und an dem Tag trug Mama ein tief ausgeschnittenes, schönes weißes Kleid … Jetzt war alles klar. Ich ging nach vorne und stellte mich neben den Bürgermeister, und da sah ich, dass Papa ihn zwar mit dem rechten Auge anzuschauen schien, in Wirklichkeit aber hing sein linker Blick an Mamas Busen, und Mama erwiderte ihn schwankend, damit er auch was zu sehen bekam ! Und sie lächelten sich an ! Und der Bürgermeister fragte immer wieder: » Willst du, Quirino ? Willst du, Quirino ? « Da strich ich über Papas freie Hand, er erkannte meine Berührung und drehte sich sofort zu mir.
» Was gibt’s, mein Schatz ? «
» Der Bürgermeister hat dich was gefragt, Papa. «
» Was denn ? «
» Ob du, Quirino, Stella heiraten willst. «
» Sag ihm, dass er der Einzige ist, der das noch nicht weiß. «
» Aber er will, dass du es ihm sagst. «
Der Bürgermeister stellte seine Frage zum letzten Mal.
» Willst du, QUIRINO, … «
Und Quirino antwortete lächelnd: » Fümmerwig « und küsste Mama.
Der Bürgermeister zuckte mit den Schultern und sagte:
» Na gut, dann darfst du die Braut jetzt küssen. «
Als Quirino fertig war mit Küssen, antwortete er: » Ich hab nur auf deine Genehmigung gewartet ! « und entlockte dem Bürgermeister endlich ein Lächeln. Anschließend tauschten sie die Ringe. Meine Aufgabe war es gewesen, sie ihnen zu reichen, aber als ich an meinen Platz zurückwollte, hielt Papa mich am Jackett fest.
» Unser geliebter Sohn Isidoro Raggiola, im Dorf bekannt unter dem Namen Pfeife, schenkt uns jetzt eine gepfiffene ­Zusammenfassung seiner Gespräche mit Alì, dem Beo von Zonzo. «
Er küsste mich auf die Wange und flüsterte: » Danke «, und Mama machte es genauso.
Auf diese x-te Überraschung war ich nicht vorbereitet, aber ich kannte alle Leute, und alle Leute kannten mich, deshalb traute ich mich. Außerdem hatte ich dieses kehlige Pfeifen mit der Stimme in letzter Zeit immer weiter perfektioniert, und jetzt dosierte ich den Atem schon sehr gut, ich schaffte Sprünge von einer Oktave und konnte manche explosiven ­Vokale oder im Pfiff zerriebene Silben umformen. Ich begann mit einem dreifachen Triaà zum Aufwärmen. Die Akustik des Sitzungssaales im Rathaus war perfekt für mich, sie sorgte für ein langes Echo, ringelte die Triller nahtlos ineinander und ­ersparte mir viel Mühe.
» Chi-tjong-chii-tjoooong ! Zeejeeee ! Chi-jong-chiii-tjoooong ! Chij-jjjj-tikeeee ! «
Ich zwitscherte und tschilpte, dass ich mich für sie freute, dass sie schön seien und ich ihnen Glück und Söhne wünschte. Ich bekam einen Riesenapplaus, den ersten meines Lebens, und als es wieder still wurde, war durch die offenen Fenster der echte Alì zu hören, der aus seinem Käfig in der Gasse hinter der Piazza » Ti-ziziii-jong ! « antwortete.
Das hieß: » Herzlichen Glückwunsch ! «

Enrico Ianniello

Über Enrico Ianniello

Biografie

Enrico Ianniello, geboren 1970, ist ein italienischer Schriftsteller, Übersetzer, Schauspieler und Regisseur. Er arbeitete unter anderem mit Toni Servillo, Vittorio Gassman und Terence Hill und übersetzte Pau Miró aus dem Katalanischen. Für seinen Debütroman "Das wundersame Leben des jungen...

Pressestimmen

Berner Zeitung (CH)

»Enrico Ianniello hat eine zauberhafte Coming-of-Age-Geschichte geschrieben - im flötenden, leicht melancholischen Klang einer singenden Amsel.«

Toggenburger Tagblatt

»Dieses Buch ist eine berauschende Liebeserklärung an die Poesie des Lebens.«

kultur-in-bonn.de

»Das Buch ist eine liebenswerte, etwas skurrile und unterhaltsame Geschichte.«

Hamburger Morgenpost

»eine wunderbare, poetisch anmutende Geschichte über das Leben, über Träume, über Verlust und das Glück.«

buchtipp-neuerscheinungen.de

»Ein tröstliches, wunderschönes Buch, das zeigt, dass die Liebe die magische Kraft im Leben ist.«

Kommentare zum Buch

wundersam
tinaliestvor.de am 07.11.2016

Isidoro wächst sehr behütet und sehr geliebt in einem kleinen italienischen Dorf auf. Er hat ein sonderbares Talent fürs Pfeifen, kommuniziert so mit den Vögeln und tritt natürlich auch in einer Band auf.   Sein Vater, ein alter Kommunist und leidenschaftlicher Briefeschreiber, unterstützt ihn in seinem Tun und seine Mutter, die begnadete Nudelmacherin, liebt ihn über alles.   Doch als ein verheerendes Erdbeben über dem Ort niedergeht, ändert sich mit einem Pfiff einfach alles…   Eine wunderbare Geschichte über den jungen Isidoro, der seine Stimme an Worte verliert, sie aber mit seinem Pfeifen wiederfindet.

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