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Das Wesen der Dinge und der LiebeDas Wesen der Dinge und der Liebe

Das Wesen der Dinge und der Liebe

Roman

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Das Wesen der Dinge und der Liebe — Inhalt

Am Ende ihres Lebens wird Alma auf ein großes Jahrhundert zurückblicken. Sie wird in die Aufbruchsphase Amerikas geboren, die Welt wird erforscht und erobert, Altes durch Neues abgelöst. Ihr umtriebiger Vater ist mit Pflanzenhandel reich geworden und der jungen Alma wird es an nichts fehlen, auch nicht an Bildung. Und so wächst sie zwischen den Pflanzen der prächtigen Gewächshäuser heran. Ihre ganze Leidenschaft gilt der Natur und während ihrer Studien, die sie ihr ganzes Leben begleiten, gelingen ihr ähnlich revolutionäre Einsichten, wie sie dann Charles Darwin der Welt vorführen wird. Doch Alma selbst bewegen Zweifel. Warum sehnt sich der Mensch nach Liebe? Was ist Liebe? Warum sind wir selbstlos und uneigennützig? Wie ihre Adoptivschwester Prudence, die schon früh sich für die Befreiung der Sklaven einsetzt. Alma wird Antworten finden, ebenso wie die Liebe.

 

 

»Eine Abenteuererzählung, die große Fragen verhandelt.« Jobst-Ulrich Brandt, Focus

»Die Entdeckungsreise einer ganz und gar ungewöhnlichen Frau - und eine große Liebesgeschichte.« Neues Deutschland

»Ein 699 Seiten dickes Buch über eine Frau, die Pflanzen sammelt - wie fesselnd kann das schon sein? Sehr sogar, wenn es von Bestsellerautorin Elizabeth Gilbert stammt. Spannend und ungewöhnlich.« Cosmoplitan

Erschienen am 10.11.2014
Übersetzer: Tanja Handels, Sabine Schwenk
704 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-8333-0989-2
Erschienen am 01.10.2013
Übersetzer: Tanja Handels, Sabine Schwenk
704 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7654-0
»Eine exotische Reise in die Welt der Gefühle jenseits der puren Vernunft.«
NDR Kultur "Neue Bücher"

Leseprobe zu »Das Wesen der Dinge und der Liebe«

Prolog

Zusammen mit dem neuen Jahrhundert erblickte Alma
Whittaker am 5. Januar des Jahres 1800 das Licht der Welt.
Es dauerte nicht lange, da gab es bereits allerlei Meinungen
zu ihr.
Als Almas Mutter den Säugling zum ersten Mal sah, war
sie durchaus zufrieden mit dem Ergebnis. Beatrix Whittaker
hatte in puncto Nachkommenschaft bis zu diesem Tag
wenig Glück gehabt. Ihre ersten drei Versuche, ein Kind zu
bekommen, waren wie traurige Bächlein versiegt, anstatt
zu wachsen und anzuschwellen. Ihr jüngster Versuch – ein
nahezu vollkommener Sohn – hatte es bis zur [...]

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Prolog

Zusammen mit dem neuen Jahrhundert erblickte Alma
Whittaker am 5. Januar des Jahres 1800 das Licht der Welt.
Es dauerte nicht lange, da gab es bereits allerlei Meinungen
zu ihr.
Als Almas Mutter den Säugling zum ersten Mal sah, war
sie durchaus zufrieden mit dem Ergebnis. Beatrix Whittaker
hatte in puncto Nachkommenschaft bis zu diesem Tag
wenig Glück gehabt. Ihre ersten drei Versuche, ein Kind zu
bekommen, waren wie traurige Bächlein versiegt, anstatt
zu wachsen und anzuschwellen. Ihr jüngster Versuch – ein
nahezu vollkommener Sohn – hatte es bis zur Schwelle des
Lebens geschafft, sich just am Morgen seiner Geburt jedoch
eines anderen besonnen: Er kam bereits tot zur Welt. Nach
solchen Verlusten ist jedes Kind, das überlebt, ein gelungenes
Kind.
Den kräftigen Säugling im Arm, flüsterte Beatrix in ihrer
holländischen Muttersprache ein Gebet. Sie betete, ihre
Tochter möge zu einer gesunden, vernünftigen, intelligenten
jungen Frau heranwachsen, sich nicht in Gesellschaft allzu
gepuderter Mädchen begeben, nicht über vulgäre Geschichten
lachen, sich nicht mit leichtsinnigen Männern an Kartentische
setzen, keine französischen Romane lesen und sich
nicht schlimmer als wilde Indianer benehmen oder sonst
wie dem Ruf einer guten Familie Schaden zufügen, mit anderen
Worten een onnozelaar werden, ein Einfaltspinsel.
Darin gipfelte ihr Segenswunsch – oder das, was bei einer
strengen Frau wie Beatrix Whittaker als Segenswunsch gelten
darf.
Die Hebamme, eine deutschstämmige Einheimische,
war der Ansicht, dass es eine anständige Geburt in einem
anständigen Haus gewesen sei, also müsse Alma Whittaker
auch ein anständiges Baby sein. Die Kammer geheizt, Suppe
und Bier umsonst, und dazu eine Mutter, so robust, wie es
von einer Holländerin nicht anders zu erwarten war.
Zudem wusste die Hebamme, dass sie ihren Lohn bekommen
würde, und zwar einen stattlichen. Jedes Baby, das
Geld bringt, ist ein willkommenes Baby. Also gab auch sie
Alma ihren Segen, wenn auch ohne große Inbrunst.
Hanneke de Groot hingegen, die Hauswirtschafterin
des Anwesens, war weniger begeistert. Das Baby war kein
Junge und nicht einmal hübsch. Es hatte ein Gesicht wie
ein Pfannkuchen und war so blass wie ein ausgeblichener
Dielenboden. Es würde Arbeit machen, wie alle Kinder.
Und wie alle Arbeit würde auch diese vermutlich auf ihren
Schultern landen. Trotzdem segnete sie das Kind, denn das
Segnen eines Babys ist Pflicht, und Hanneke de Groot war
ein pflichtbewusster Mensch. Hanneke zahlte die Hebamme
aus und wechselte die Bettlaken. Dabei half ihr mehr
schlecht als recht eine junge Magd – ein schwatzhaftes
Mädchen vom Land und neuester Zuwachs der Hausgemeinschaft
–, die lieber das Baby angaffte, als die Kammer
aufzuräumen. Der Name dieser Magd tut hier nichts zur
Sache, denn Hanneke de Groot würde sie am nächsten Tag
als unbrauchbar entlassen und ohne Empfehlungsschreiben
fortschicken. Doch an diesem Abend ließ die unbrauchbare
Magd, die sich selbst nach einem Baby sehnte, nicht von
dem Neugeborenen ab und gewährte der jungen Alma einen
warmen, herzlichen Segenswunsch.
Dick Yancey – ein großgewachsener, imposanter Mann
aus Yorkshire, der mit eiserner Hand die internationalen
Geschäftsinteressen des Hausherrn vertrat (und zufällig in
jenem Januar auf dem Anwesen der Whittakers weilte, wo er
auf Tauwetter im Hafen von Philadelphia wartete, um sich
nach Niederländisch-Ostindien zu begeben) – hatte zu dem
Neugeborenen nicht viel zu sagen. Fairerweise wollen wir
nicht verschweigen, dass Plaudereien generell nicht seine
Stärke waren. Als Mr Yancey erfuhr, dass Mrs Whittaker ein
gesundes Mädchen zur Welt gebracht hatte, runzelte er nur
die Stirn und sagte, wortkarg wie immer: »Hartes Geschäft,
das Leben.« War das eine Segnung? Schwer zu sagen. Ent-
scheiden wir im Zweifel zu seinen Gunsten und betrachten
es als solche. Bestimmt sollte es kein Fluch sein.
Was nun Almas Vater betraf – Henry Whittaker, den
Hausherrn –, so freute sich dieser über sein Kind. Ja, er
war sogar hocherfreut. Es störte ihn weder, dass das Baby
kein Junge, noch dass es nicht hübsch war. Er gab Alma
zwar nicht seinen Segen, aber nur deshalb, weil er nichts
von Segenswünschen hielt. (»Worum Gott sich kümmert,
das geht mich nichts an«, sagte er häufig.) Nichtsdestotrotz
bewunderte Henry sein Kind ohne Wenn und Aber. Was
auch nicht weiter erstaunlich war: Schließlich hatte er es
gezeugt, und Henry Whittaker neigte zu bedingungsloser
Bewunderung für alle seine Erzeugnisse. Zur Feier des Tages
pflückte er in seinem größten Gewächshaus eine Ananas und
gab sie, zu gleichen Teilen aufgeschnitten, seinen Bediensteten.
Draußen schneite es, ein pennsylvanischer Winter
par excellence, doch dieser Mann besaß mehrere selbstentworfene,
mit Kohle beheizte Treibhäuser – die ihm nicht
nur den Neid jedes Gärtners und Botanikers auf dem amerikanischen
Kontinent einbrachten, sondern auch einen unerhörten
Reichtum
–, und wenn er im Januar eine Ananas
haben wollte, bei Gott, dann bekam er im Januar eine Ananas.
Und auch Kirschen im März.
Anschließend zog er sich in sein Arbeitszimmer zurück
und schlug das Wirtschaftsbuch auf, in dem er wie jeden
Abend alle offiziellen wie auch vertraulichen Vorgänge auf
dem Anwesen festhielt. »Eine ehrbare noia mittreisende ist
Zu uns geschtossen«, fing er an und notierte sodann die Einzelheiten,
den zeitlichen Ablauf und die Kosten von Alma
Whittakers Geburt. Sein Umgang mit der Feder war beschämend.
Die Sätze glichen überfüllten Dörfern, in denen
Groß- und Kleinbuchstaben in drangvoller Enge nebeneinanderlebten,
ein Drunter und Drüber, als wollte jeder
von ihnen der Buchseite entfliehen. Seine Rechtschreibung
war mehr als willkürlich und seine Zeichensetzung Grund
genug für traurige Stoßseufzer.
Aber Henry schrieb seinen Bericht dennoch nieder. Es
war ihm wichtig, den Überblick zu behalten. Er wusste zwar,
dass diese Seiten für jeden gebildeten Menschen ein haarsträubender
Anblick gewesen wären, doch er wusste auch,
dass niemand sie jemals zu Gesicht bekommen würde – mit
Ausnahme seiner Frau. Wenn Beatrix wieder bei Kräften
war, würde sie sein Gekrakel wie immer in ihre elegant
geführten Wirtschaftsbücher übertragen, wo es als offizieller
Haushaltsbericht firmieren würde. Sie war seine Partnerin –
und machte ihre Sache wirklich gut. Sie übernahm diese
Aufgabe für ihn … neben hundert anderen.
Sie würde sich, so Gott es wollte, binnen kurzem wieder
daransetzen.
Der Schreibkram türmte sich bereits.


Teil 1
Der Fieberbaum

Kapitel 1
In den ersten fünf Jahren ihres Lebens war Alma Whittaker
– wie wir alle in unserer frühesten Jugend – tatsächlich
nur eine Mitreisende in dieser Welt, weshalb ihre Geschichte
zu diesem Zeitpunkt weder ehrbar noch sonderlich
interessant war, wenn man von der Tatsache absieht, dass
dieser unscheinbare Knirps ohne Krankheiten oder sonstige
Zwischenfälle durchs Leben ging und von einem Reichtum
umgeben war, der im damaligen Amerika und selbst im
eleganten Philadelphia seinesgleichen suchte. Wie es ihr
Vater zu solchem Wohlstand gebracht hatte, ist hingegen
eine erzählenswerte Geschichte, der wir uns widmen wollen,
während wir darauf warten, dass das Mädchen heranwächst
und wieder interessant für uns wird. Tatsächlich war es im
Jahre 1800 genauso ungewöhnlich wie zu allen Zeiten, dass
ein in armen Verhältnissen geborener, des Schreibens und
Lesens praktisch unkundiger Mann reichster Bürger seiner
Stadt wurde. Insofern sind Henry Whittakers Wege zum
Erfolg außerordentlich interessant – wenn auch nicht unbedingt
ehrbar, woraus er selbst im Übrigen keinen Hehl
gemacht hätte.
Henry Whittaker wurde 1760 in Richmond geboren,
einem an der Themse gelegenen Dorf unterhalb von London.
Er war der jüngste Sohn mittelloser Eltern, die schon
ein paar Kinder zu viel hatten. Er wuchs in zwei kleinen
Zimmern auf, gestampfter Lehmboden, ein einigermaßen
passables Dach, auf der Kochstelle fast täglich eine Mahlzeit,
eine Mutter, die nicht trank, und ein Vater, der seine
Angehörigen nicht schlug – mit anderen Worten eine
nahezu vornehme Herkunft, verglichen mit vielen anderen
Familien seiner Zeit. Seine Mutter besaß hinter dem Haus
ein staubiges Stückchen Erde, wo sie – wie eine richtige
Dame – nur zur Dekoration Rittersporn und Lupinen zog.
Aber Henry ließ sich von Rittersporn und Lupinen nicht
täuschen. Seine ganze Kindheit hindurch trennte ihn, wenn
er schlief, nur eine Wand von den Schweinen, und es gab
keinen Moment in seinem Leben, in dem er die Armut nicht
als demütigend empfand.
Vielleicht hätte Henry die Kränkung weniger stark empfunden,
wenn er den Reichtum, an dem er sein armseliges
Leben messen konnte, nicht vor Augen gehabt hätte – doch
der Junge erlebte schon als Kind, was Wohlstand bedeutet.
Königlicher Wohlstand. In Richmond gab es einen Palast
und auch einen Lustgarten namens Kew, um dessen sachkundige
Pflege sich Prinzessin Auguste kümmerte. Sie hatte
sich aus Deutschland ein ganzes Gefolge von Gärtnern mitgebracht,
die darauf brannten, ein echtes, aber bescheidenes
englisches Wiesengebiet in eine falsche, aber majestätische
Landschaft zu verwandeln. Ihr Sohn, der zukünftige
George III ., verbrachte als Kind jeden Sommer dort. Als
George König wurde, wollte er Kew zu einem botanischen
Garten umgestalten, der seinen Konkurrenten auf dem Festland
in nichts nachstehen sollte. Im Bereich der Botanik waren
die Engländer auf ihrer kalten, nassen, abgeschiedenen
Insel im Vergleich zum restlichen Europa ins Hintertreffen
geraten, ein Rückstand, den George III . unbedingt aufholen
wollte.
Henrys Vater war Obstgärtner in Kew – ein bescheidener,
von seinen Dienstherren respektierter Mann, soweit
man einen bescheidenen Obstgärtner respektieren kann. Mr
Whittaker hatte ein Händchen für Obstbäume, denen er
mit großer Achtung begegnete. (»Sie geben dem Land etwas
für seine Mühe zurück«, pflegte er zu sagen. »Im Gegensatz
zu den anderen.«) Einmal hatte er den Lieblingsapfelbaum
des Königs gerettet, indem er einen Sprössling des dahinsiechenden
Baums auf einen robusteren Wurzelstock pfropfte.
Noch im selben Jahr hatte der neue Spross Früchte getragen
und bald scheffelweise Äpfel hervorgebracht. Für dieses
Wunder hatte der König höchstpersönlich Mr Whittaker
den Spitznamen »Der Apfelmagier« gegeben.
Bei allem Talent war der Apfelmagier ein einfacher
Mann mit einer scheuen Ehefrau. Nichtsdestotrotz bekamen
die beiden, aus welchem Grund auch immer, sechs
ruppige, geradezu brutale Söhne, darunter ein Junge, den
man den »Schrecken von Richmond« nannte, und zwei weitere,
die in Wirtshausprügeleien ihr Leben ließen.
Henry, der jüngste, war in gewisser Weise der ruppigste
von allen, aber vielleicht musste er das ja sein, um sich gegen
seine Brüder zu behaupten. Er war ein störrischer, hartnäckiger,
magerer kleiner Kerl und ein Ausbund an ungezügeltem
Erfindungsreichtum. Bei ihm konnte man sich darauf
verlassen, dass er die Schläge der Brüder stoisch ertrug und
immer wieder die eigene Unerschrockenheit unter Beweis
stellte, wenn andere ihn dazu provozierten. Doch auch ohne
seine Brüder verfügte Henry über eine gefährliche Experimentierfreude
und einen gewagten Hang zum Zündeln,
er war ein auf Dächern herumtollender Spottvogel, der
die Hausfrauen verhöhnte, eine Gefahr für alle kleineren
Kinder, kurzum ein Junge, bei dem es niemanden überrascht
hätte, wenn er von einem Kirchturm gestürzt oder in der
Themse ertrunken wäre – wenngleich es zu derlei Dingen,
dem Zufall sei’s gedankt, niemals kam.
Im Gegensatz zu seinen Brüdern hatte Henry allerdings
eine rettende Eigenschaft. Eigentlich sogar zwei, um genau
zu sein: Er war intelligent, und er interessierte sich für
Bäume. Es wäre übertrieben, zu behaupten, dass er Bäume
genauso verehrte wie sein Vater, aber er interessierte sich für
sie, weil sie in seiner ärmlichen Welt zu den wenigen Dingen
gehörten, die er ohne weiteres studieren konnte und somit
studieren wollte. Die Schreibkunst, das Bogenschießen, Reiten,
Tanzen, Latein – das alles war Henry verwehrt. Doch er
hatte die Bäume und seinen Vater, den Apfelmagier, der es
geduldig auf sich nahm, ihn zu unterrichten.
So lernte Henry alles über die Werkzeuge des Pfropfens,
über Lehm, Wachs und Messer und darüber, wie man mit
kluger Hand Pflanzen beschnitt. Er lernte, wie man Bäume
im Frühling umpflanzte, wenn der Boden feucht und dicht
war, oder im Herbst, wenn der Boden locker und trocken
war. Er lernte, wie man Aprikosen mit Pfählen stützte, um
sie vor Wind zu schützen, wie man in der Orangerie Zitrusgewächse
züchtete, wie man mit Rauch dem Mehltau auf
den Stachelbeeren zu Leibe rückte, wie man den Feigen ihre
kranken Teile abschnitt und wann man es sein lassen konnte.
Er lernte, wie man ohne Gefühlsduselei oder schlechtes
Gewissen einem alten Baum die ramponierte Rinde abzog,
damit sich für die kommenden Jahreszeiten wieder Leben
in ihm regte.
Henry lernte viel von seinem Vater, obgleich er sich auch
für ihn schämte, denn er spürte seine Schwäche. Wenn Mr
Whittaker wirklich der große Apfelmagier war, überlegte
Henry, warum hatte sich die Bewunderung des Königs
dann in keinerlei Wohlstand niedergeschlagen? Dümmere
Männer waren reich – und zwar in großer Zahl. Warum
lebten die Whittakers immer noch bei den Schweinen, wo
doch die weiten grünen Rasenflächen des Palastes und die
hübschen Häuser der Maid of Honor Row, in denen die Bediensteten
der Königin auf französischem Leinen schliefen,
so nah waren? Einmal war Henry auf eine mächtige Gartenmauer
geklettert und hatte heimlich eine Lady in ihrem
elfenbeinfarbenen Kleid beim Dressurreiten beobachtet, auf
einem makellos weißen Pferd, während ein Diener zu ihrer
Erheiterung Geigenmusik spielte. Hier in Richmond gab
es Leute, die so lebten. Und die Whittakers hatten nicht
einmal einen Fußboden.
Aber Henrys Vater kämpfte um nichts. Seit dreißig Jahren
empfing er klaglos denselben kümmerlichen Lohn und
hatte sich auch niemals darüber beschwert, selbst bei übelstem
Wetter so lange im Freien arbeiten zu müssen, dass es
ihm die Gesundheit ruiniert hatte. Henrys Vater hatte den
vorsichtigsten Weg durchs Leben gewählt, insbesondere im
Umgang mit Höhergestellten – und wer stand in seinen Augen
eigentlich nicht höher als er? Er legte großen Wert darauf,
niemanden zu kränken und sich niemals einen Vorteil
zu verschaffen, selbst wenn ihm dieser fast in den Schoß fiel.
»Sei niemals dreist, Henry«, erklärte Mr Whittaker seinem
Sohn. »Man kann das Schaf nur ein Mal schlachten. Wenn
du aber vorsichtig bist, kannst du es jedes Jahr scheren.«
Was konnte Henry angesichts eines so schwachen, genügsamen
Vaters vom Leben erwarten, wenn er nicht mit
eigenen Händen danach griff? Ein Mann sollte zulangen,
nahm er sich vor, als er gerade erst dreizehn war. Ein Mann
sollte täglich ein Schaf schlachten.
Aber wo war das Schaf zu finden?
Dies war der Zeitpunkt, da Henry Whittaker zu stehlen
begann.

Schon um das Jahr 1775 waren die Gärten von Kew eine
botanische Arche Noah mit einer Tausende von Exemplaren
umfassenden Sammlung, die durch wöchentliche Lieferungen
ständig erweitert wurde – Hortensien aus dem Fernen
Osten, Magnolien aus China, Farne von den Westindischen
Inseln. Zudem hatte Kew einen neuen, ehrgeizigen Direktor:
Sir Joseph Banks, frisch heimgekehrt von seiner triumphalen
Weltreise als leitender Botaniker auf Kapitän Cooks
Endeavor. Banks, der ohne Salär arbeitete (ihn interessierte
nach eigener Auskunft nur der Ruhm des Britischen Weltreichs,
wiewohl einige Zeitgenossen andeuteten, dass er sich
vielleicht doch auch ein kleines bisschen für den Ruhm
von Sir Joseph Banks interessierte), hatte sich mit furioser
Leidenschaft dem Sammeln von Pflanzen verschrieben, um
einen aufsehenerregenden botanischen Garten von Rang
und Namen zu schaffen.
Oh, Sir Joseph Banks! Dieser gutaussehende, lasterhafte,
ehrgeizige, wetteifernde Abenteurer! Er war alles, was
Henrys Vater nicht war. Im Alter von dreiundzwanzig Jahren
hatte eine üppige Erbschaft von jährlich sechstausend
Pfund Joseph Banks zu einem der reichsten Männer Eng
lands gemacht. Der attraktivste dürfte er wohl auch gewesen
sein. Banks hätte ein luxuriöses Leben im Müßiggang führen
können, doch stattdessen strebte er danach, der verwegenste
unter den botanischen Forschern zu werden – ein Ruf, dem
er folgte, ohne auch nur im Geringsten auf Prunk und Glanz
zu verzichten. Finanziell hatte Banks aus eigener Tasche beträchtlich
zu Kapitän Cooks erster Expedition beigetragen,
was ihm erlaubte, zwei schwarze Diener,
zwei weiße Diener,
einen zusätzlichen Botaniker, einen wissenschaftlichen
Sekretär, zwei Maler, einen Zeichner und zwei italienische
Windspiele mit auf das enge Schiff zu nehmen. Im Laufe
seines zweijährigen Abenteuers hatte Banks tahitianische
Königinnen verführt, an Stränden nackt mit Wilden getanzt
und im Mondlicht jungen heidnischen Mädchen beim
Tätowieren ihrer Gesäßbacken zugesehen. Er hatte einen
Tahitianer namens Omai mit nach England genommen, den
er dort wie ein Haustier hielt, und zudem an die viertausend
Pflanzenproben heimgebracht – von denen knapp die Hälfte
der wissenschaftlichen Welt bis dahin unbekannt war. Sir
Joseph Banks war der berühmteste und draufgängerischste
Mann Englands, und Henry bewunderte ihn ungemein.
Trotzdem bestahl er ihn.

Elizabeth Gilbert

Über Elizabeth Gilbert

Biografie

Elizabeth Gilbert ist Autorin des Bestsellers »Eat, Pray, Love«, der in über dreißig Sprachen übersetzt und mit Julia Roberts in der Hauptrolle verfilmt wurde. Sie lebt in New Jersey.

Pressestimmen

NDR Kultur "Neue Bücher"

»Eine exotische Reise in die Welt der Gefühle jenseits der puren Vernunft.«

Land & Forst

»Eine bedingungslose, unvorhersehbare und ehrliche Erzählung.«

annabelle

»"Das Wesen der Dinge und der Liebe" ist fantastisch recherchiert und toll erzählt.«

Bild der Wissenschaft

»Mit der fiktiven Figur der Alma Whittaker hat die amerikanische Erfolgsautorin Elizabeth Gilbert eine Protagonistin geschaffen, deren Geschichte den Leser fesselt, und die Darwins Zeitalter als große Umbruchsphase der Biologie begreifbar macht.«

Nordwestschweiz

»Die Schriftstellerin Jane Austen, so Elizabeth Gilbert, gehört zu ihren "besten Freunden": "Ich werde ihr nie auch nur bis zur Kniekehle reichen. Aber ich möchte wenigstens im selben Sandkasten spielen wie sie." Sense and Sensibility - Alma verinnerlicht, je älter sie wird, in höchstem Mass beides. Und Elizabeth Gilbert behauptet sich mit ihrem hervorragend recherchierten Roman und ihrer grossen Erfindungskraft bestens im Sandkasten.«

Wienerin

»Ein Buch, das deutlich weniger auf Selbstfindung zielt und eine faszinierende Frau in den Mittelpunkt stellt: die Moosforscherin Alma Whittaker. Klasse Wissenschafts- & Historienroman.«

Bücher

»Ein gelungener historischer Roman, im Mittelpunkt eine faszinierende Frauenfigur, die ein modernes Leben führt.«

Emotion

»Ein wunderbares Buch, um für eine Weile Abschied vom Alltäglichen zu nehmen, und sich in der Welt der Botanik niederzulassen.«

Cosmopolitan

»Ein 699 Seiten dickes Buch über eine Frau, die Pflanzen sammelt - wie fesselnd kann das schon sein? Sehr sogar, wenn es von Bestsellerautorin Elizabeth Gilbert stammt. [...]. Spannend und ungewöhnlich.«

Die Presse am Sonntag

»Ein wunderbarer Roman über eine außergewöhnliche Frau. [...]. Mit jener scharfen Beobachtungsgabe und milden Ironie, mit der auch Jane Austen ihre Figuren beschrieben hat, zeichnet Gilbert ihre Personen. [...]. In der Zeit und dem Sujet entsprechenender wohltuender Gemächlichkeit rollt dieser Text dahin und schildert dabei mit erstaunlichem botanischen Fachwissen das Leben und schließlich die Reise einer ungewöhnlichen Frau.«

Missy Magazine

»Mit merklich großem Recherchewissen erzählt Elizabeth Gilbert, die Autorin von ‚Eat, Pray, Love‘, ein Epos über die Entzauberung und Eroberung der Welt, über die Struktur in allen Dingen. Mit Alma Witthaker hat Gilbert eine wissbegierige, leidenschaftliche und ungewöhnliche Frau geschaffen, die es intellektuell locker mit einem Charles Darwin aufnehmen kann.«

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