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Das verlorene MedaillonDas verlorene Medaillon

Das verlorene Medaillon

Roman

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Das verlorene Medaillon — Inhalt

Eine ergreifende Geschichte über den Sieg von Liebe und Mut über Unrecht und Gier

Angesichts des Elends, das in der Bergarbeiterstadt Coal River herrscht, ist Emma Malloy fassungslos. Selbst Waise, geht ihr besonders das Schicksal der Kinder zu Herzen, die halb verhungert und unter Lebensgefahr in den Kohlenminen schuften müssen. Gegen den Willen ihrer wohlhabenden Verwandten, bei denen Emma seit dem Tod ihrer Eltern lebt, verteilt sie heimlich Nahrungsmittel an die Ärmsten und bringt den Kindern Lesen und Schreiben bei. Eines Tages trifft sie dabei auf den Arbeiter Clayton Nash, der sie vor der Kohlekompanie warnt, denn die duldet keine Einmischung ...

Erschienen am 01.02.2017
Übersetzer: Claudia Franz
448 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30982-0
Erschienen am 01.02.2017
Übersetzer: Claudia Franz
448 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97492-9

Leseprobe zu »Das verlorene Medaillon«

Kapitel 1
Coal River 1912


Am letzten Junitag jenes Jahres, in dem die Welt durch den Untergang der Titanic einen wahren Schock erlitten hatte, blieb der neunzehnjährigen Emma Malloy nur die Wahl, den nächsten Zug nach Coal River, Pennsylvania, zu nehmen oder in ein Armenhaus in Brooklyn geschickt zu werden. Der Arzt hatte sie aus dem Krankenhaus in Manhattan entlassen, die katholische Gemeinde hatte ihr ein Köfferchen mit ein paar Kleidungsstücken überreicht – einschließlich des gebotenen Trauergewands, einiger Unterwäsche, einer Nagelbürste und eines [...]

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Kapitel 1
Coal River 1912


Am letzten Junitag jenes Jahres, in dem die Welt durch den Untergang der Titanic einen wahren Schock erlitten hatte, blieb der neunzehnjährigen Emma Malloy nur die Wahl, den nächsten Zug nach Coal River, Pennsylvania, zu nehmen oder in ein Armenhaus in Brooklyn geschickt zu werden. Der Arzt hatte sie aus dem Krankenhaus in Manhattan entlassen, die katholische Gemeinde hatte ihr ein Köfferchen mit ein paar Kleidungsstücken überreicht – einschließlich des gebotenen Trauergewands, einiger Unterwäsche, einer Nagelbürste und eines Stücks Seife –, und ihre Tante und ihr Onkel hatten Geld für die Fahrkarte gesandt. Kaum eine Stunde blieb ihr für die Entscheidung, dann taumelte sie auch schon wie in Trance vom Krankenhaus zum Bahnhof, verabschiedete sich von der Krankenschwester, stieg die Stufen zum Passagierwaggon hoch und begab sich zu ihrem Platz. Die Schwester hatte es als Wunder bezeichnet, dass Emma dem verheerenden Theaterbrand entkommen war – für diese zweite Chance solle sie ewig dankbar sein. Emma konnte aber nichts anderes denken, als dass sie nun eine Waise war. Was aus ihr wurde oder wo sie hinging, spielte keine Rolle. Wie schon ihr verstorbener Bruder Albert würden auch ihre Eltern immer bei ihr sein. Vor diesem entsetzlichen Kummer und dem unerträglichen Schmerz, der auf ihrer Brust lastete, gab es kein Entrinnen.
Zwei Tage später, als der Zug den langen Tunnel durch den Ash Mountain verließ und auf das hölzerne Gerippe der Brücke über den Coal River fuhr, schienen sich winzige Dornen in Emmas Haut zu bohren. Niemals hatte sie in diese abgeschiedene Bergbaustadt, die nach dem wilden, schwarzen Fluss der Gegend benannt worden war, zurückkehren wollen, das hatte sie sich geschworen. Aber da war sie nun und näherte sich in rasendem Tempo den unentrinnbaren Erinnerungen an jenen Tag, den sie um jeden Preis vergessen wollte.
Draußen vor den Zugfenstern lastete die unerbittliche Sommerhitze auf diesem Landstrich Pennsylvanias, als würde die Welt mitsamt den Dingen in einem gewaltigen Holzofen schmoren. Die Bäume ließen in der gleißenden Sonne ihre Äste hängen, die dürren Blätter wurden an den Rändern schon gelb. Über einen Monat hatte es nicht mehr geregnet. Der schwarze Fluss unter der Eisenbahnbrücke führte allerdings viel Wasser und wirbelte wie giftige Brühe an den Klippen vorbei. Stromaufwärts war das Ufer mit Bäumen und Dornengestrüpp zugewuchert, undurchdringlich für Mensch und Tier. In der Ferne fielen zerklüftete Berge zum Flussbett hin ab und versperrten mit ihren steilen Felswänden den Talausgang.
Emma dachte an das winzige Fläschchen mit der schwarzen Flüssigkeit in ihrem Kordelzugbeutel. Sie hatte es im Krankenhaus vom Nachtschränkchen geklaut, als die Krankenschwester gerade nicht hingeschaut hatte. Jetzt sehnte sie sich danach, den bitteren Geschmack der Gleichmut auf der Zunge zu spüren. Es waren aber nur noch wenige Schlucke von dem Laudanum übrig, und die wollte sie nicht vergeuden. Sie würde die Medizin weiß Gott noch brauchen, um die nächsten Tage zu überstehen. Also krallte sie die Fingernägel in den Stoffbezug der Armlehnen und zählte die Sekunden, bis der Passagierwaggon wieder festen Boden unter den Rädern hatte. Vielleicht ist ja alles ganz anders jetzt, dachte sie. Vielleicht hat sich Onkel Otis ja verändert. Oder vielleicht bin ich auch nur nervös, weil der Zug über dieses Holzgestell rattert, mehr als hundert Meter über der Erde. Sie hätte es gerne geglaubt. Aus ganzem Herzen. Aber sie war nicht gut darin, sich etwas vorzumachen.
Als der Zug schließlich das andere Ufer erreichte, schob sie einen Finger in den hohen Kragen ihres Trauergewands, wo der Bombasin-Stoff an ihrem Hals scheuerte. In dem brütend heißen Passagierwaggon fühlte sich das Kleid mit den schweren Ärmeln und dem engen Halsausschnitt wie eine Zwangsjacke oder eine Rüstung an, obwohl es etliche Nummern zu groß war. Gewiss, es gab immer noch Leute, die der Meinung waren, eine trauernde Tochter habe ein Jahr lang Schwarz zu tragen, aber warum mussten Trauergewänder so steif und un­­bequem sein? Als sei der Kummer nicht schon schlimm genug.
Wie sehr sie sich nach ihrem Matrosenkleid mit der lockeren Taille sehnte oder nach einer Sommerhose. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte sie gleich in den ersten Minuten ihrer Reise das Korsett und die Baumwollhose unter ihrem Rock ausgezogen und sie aus dem Zugfenster geworfen. Sie hätte die Ärmel hochgekrempelt, die Hutnadeln gelöst und sich der Strumpfhose entledigt. Aber die entgeisterten Blicke der anderen Passagiere, als sie den Trauerschleier vom Hut gelöst und in ihre Handtasche gestopft hatte, hatten sie schnell eines Besseren belehrt.
Da Emma ihre Kindheit in Schauspielerkreisen verbracht hatte – zwischen Personen, die sich als Wikinger oder Piraten, Gespenster oder Bettler, Nonnen oder Ägypter verkleideten –, konnte sie einfach nicht verstehen, dass viele Leute ihre Mitmenschen nach der Kleidung beurteilten. Im Theater hatte niemand auch nur einen Gedanken daran verschwendet, wenn sie in Turnhose, Schiebermütze und Jungenhemd Programmzettel verteilt oder das Viertel erkundet hatte. Zugegeben, wenn sie flache Schuhe und eine Kniehose trug, wirkte sie mit ihrer zarten Gestalt eher wie ein pubertierender Knabe als wie eine junge Frau, und wenn sie ihr hüftlanges mittelbraunes Haar zu einem Zopf flocht, statt es nach der neuesten Mode einzudrehen, wirkte sie noch einmal jünger. Aber mit langer Pluderhose und Korsett durch den Central Park zu radeln wäre kaum möglich gewesen, und mit Absätzen und Röcken konnte man eben nicht während der Proben auf den Hebebühnen herumklettern. Ihre Mutter pflegte zu scherzen, dass sie nicht einen, sondern zwei Söhne habe, und ihr Vater hatte immer gesagt, dass Emma mit ihren winzigen Händen, der Stupsnase und dem Herzmund wie eine lebensgroße Porzellanpuppe aussehe. Meine kleine Liliputanerin, hatte er sie immer genannt. Ihre Eltern hätten nichts dagegen gehabt, wenn sie das Trauergewand abgelegt und ihre eigenen Sachen angezogen hätte.
Nur dass das Trauergewand nebst dem Baumwollrock, der Bluse mit dem Schalkragen und dem Musselin-Nachthemd in dem abgewetzten Koffer alles war, was sie besaß. Ihre eigenen Sachen, einschließlich des Matrosenkleids und ihrer Lieblingshose, waren fort. Im Feuer zu Asche verbrannt.
Das Feuer. Die Worte bohrten sich ihr wie ein Messer ins Herz.
Gelächter und Gespräche wogten durch den Passagierwaggon und hallten zusammen mit dem Klappern der Eisenräder und dem Schnaufen der Lokomotive in Emmas Ohren wider. In wenigen Minuten, wenn der Zug anhalten würde, müsste sie aufstehen und aussteigen. Nichts weiter. Es bestand kein Grund, darüber nachzudenken, was dann kam. Das Atmen war schon schwer genug. Schließlich bremste der Zug mit einem Zittern, näherte sich in einer großen, langsamen Kurve dem Bahnhof und gab den Blick auf die Ebene frei, die wie eine Schwarz-Weiß-Zeichnung aus einem Schulbuch vor ihr lag.
Umgeben von Gipfeln, auf denen kaum Bäume und Blätter wuchsen, schmiegte sich das Städtchen Coal River an den Fuß des Bleak Mountain, eine verstreute Ansammlung von Holzhäusern, Steingebäuden, Geschäften und Saloons. Schotterstraßen und unbefestigte Wege führten durch die Stadt hindurch oder um sie herum, um sich dann in Richtung der Schluchten und Täler zu verlieren oder zur Bergarbeitersiedlung anzusteigen und noch darüber hinaus. Wie die dunklen Beine einer Riesenspinne zogen sie sich über die Erde.
Fast schon am Fuße des Hauptgipfels ragte hinter einem Kirchturm der neunstöckige Kohlebrecher der Bleak Mountain Mining Company auf. Wie eine gewaltige Kreatur, die unentwegt dunklen Qualm aus ihren schwarzen Nüstern blies, hockte er über der Stadt. Er bestand aus einem Sammelsurium wild aufeinandergestapelter Blöcke, als würde man jedes Jahr etwas anbauen, ohne allzu sehr über den Gesamteindruck nachzudenken. Die Stockwerke erkannte man an den Reihen kleinteiliger Sprossenfenster. Auf dem Dach wiederum befand sich eine merkwürdige Erhöhung, als habe man im letzten Moment noch ein Miniaturhaus ganz oben aufgesetzt. Zum obersten Stockwerk führte ein Holzgerüst mit Schienen, das Emma an die Achterbahn auf Coney Island erinnerte – die einzige Attraktion, die zu betreten sie sich strikt geweigert hatte, weil sie in schwindelerregende Höhen aufragte. Um den Kohlebrecher herum verteilte sich der Rest des Bergwerks: Schornsteine, ein Labyrinth aus Gebäuden und Schuppen, Eisenbahnschienen, Rohre, Straßen und Dampfmaschinen. Am Rand des Geländes lagerte in großen Halden der Ab­­raum, aus dem dichter weißer Qualm aufstieg. Als Kind hatte sich Emma immer vorgestellt, dass das rote, blaue und orangefarbene Glühen der schwelenden Kohlereste der Wi­­derschein des Höllenfeuers sei.
Rechts vom Bergwerk, ein Stück den Hang hinauf, gruppierten sich um ein tiefes Loch herum die Häuser der Berg­arbeiter. Emma war nie in der Bergarbeitersiedlung gewesen, aber sie hatte die Kinder, die dort wohnten, fernab vom steifen Prunk der besseren Gesellschaft von Coal River, immer beneidet. Sie hatte sich vorgestellt, dass sie durchs Gras liefen und auf Bäume kletterten und bis zum Sonnenuntergang draußen bleiben durften, um dann barfuß auf der Veranda zu sitzen und Limonade zu trinken. Tante Ida hätte ihr die Ohren lang gezogen, wenn sie draußen die Schuhe ausgezogen hätte, auf einen Baum geklettert wäre oder sich das Kleid schmutzig gemacht hätte. Ihre Tante legte Wert darauf, dass man beim Teetrinken den kleinen Finger abspreizte, und ließ Emma ge­­legentlich mit Büchern auf dem Kopf herumlaufen, damit sich ihre Haltung verbesserte. Emma hätte nicht sagen können, wie oft sie daran gedacht hatte, mit ihrem Bruder davonzu­laufen und sich in der Bergarbeitersiedlung zu verstecken, bis ihre Eltern aus New York zurückkommen würden. Vielleicht hätte sie es tatsächlich getan, wenn Albert nicht gestorben wäre.
Aus dem Augenwinkel sah sie etwas Rotes aufblitzen, und als sie nach links schaute, lief ihr ein weiterer Schauer über den Rücken. Auf einem Hügel am nördlichen Stadtrand stand ein dreistöckiges Herrenhaus, umgeben von Kiefern und ei­­nem penibel gestutzten Rasen. Das rote Dach leuchtete in der Nachmittagssonne. Das Anwesen sah noch genauso aus wie damals, bis hin zum Marmorbrunnen im Vorgarten. Plötzlich hatte Emma eine Gänsehaut. Dann raubte ihr der Lokschuppen die Sicht auf das Anwesen.
Der Zug verlangsamte das Tempo, und die Eisenräder blockierten quietschend, wieder und wieder. Die Passagiere standen auf und sammelten ihre Sachen zusammen, froh, nach der langen Fahrt endlich aussteigen zu können. Emma blieb sitzen und lugte aus dem Fenster, einen Kloß im Hals. Der Bahnsteig wimmelte von Menschen – Männern mit Weste und Strohhut, Kindern in sommerlichem Weiß und Frauen im Reisekostüm, die sich mit Papierfächern Luft zuwedelten.
Auf der linken Bahnhofseite standen Polizisten mit Schirmmützen und knielangen Militärjacken, Winchester-Gewehre an die Brust gedrückt. Sie versperrten einem Trupp finsterer Bergarbeiter mit abgerissenen Mänteln, Schiebermützen und speckigen Melonen den Weg. Allen Menschen schien die Hitze zuzusetzen.
Emma dachte kurz darüber nach, einfach im Zug sitzen zu bleiben oder wieder zurückzufahren. Aber wohin zurück? Nach Hause? Die winzige Wohnung ihrer Eltern über dem Theater gab es nicht mehr, da sie mitsamt Inventar in Flammen aufgegangen war. Außerdem hatte sie keine Zugfahrkarte. In ihrer Handtasche befanden sich nichts als das Laudanum, eine leere Kleingeldbörse und der Trauerschleier.
Sie biss sich auf die Lippe und suchte die wartende Menge nach Onkel Otis ab. Schließlich sah sie ihn gegenüber von
den Polizisten stehen, im Gespräch mit einem jungen Mann in Cutaway und Zylinder. Ihr Onkel war groß und drahtig; die Haut spannte sich über Gesicht und Finger wie bei einer Rinderhälfte, die man zum Trocknen in die Sonne gehängt hat. Sein weit nach unten gezogener Schnurrbart und die Koteletten waren von grauen Strähnen durchsetzt. Wie furchtbar alt er aussah, dachte Emma, wie hart und verbraucht durch das Leben und seine Liebe zum Whisky.
Immerhin hatte ihr die Zugfahrt die Zeit verschafft, einen Plan auszuhecken, wie sie aus Coal River wieder herauskommen konnte. Wenn sie es richtig anstellte, würde Onkel Otis sicher darauf anspringen. Das hoffte sie wenigstens. Nein, sie betete darum, obwohl sie seit Alberts Tod nicht mehr betete. Wenn ihr Plan fehlschlug, wusste sie nicht, was sie tun sollte. Jedenfalls würde sie nicht den Rest ihres Lebens an diesem Ort verbringen können.
Draußen auf dem Bahnsteig nickte der Mann mit dem Zylinder auf eine Äußerung von Onkel Otis hin. Gleichzeitig ließ er seine schmalen Augen über die einzelnen Zugwaggons wandern. Der schlaksige Körper und die O-Beine kamen Emma vertraut und gleichzeitig fremd vor, als sei sie diesem Mann in einem anderen Leben begegnet. Dann erkannte sie das flache, blasse Gesicht, das wie ein Brett mit Nase und Glupschaugen aussah. Es war ihr Cousin Percy, der mittlerweile in die Höhe geschossen war. Innerlich musste sie stöhnen. Percy war immer noch hier. Percy, der ihr wie ein Hündchen gefolgt war, bis sie ihm die Lippe blutig geschlagen und ihm erklärt hatte, er möge sie in Frieden lassen. Percy, der ihnen Streiche gespielt und ihre Bettlaken verknotet hatte. Und der sie an dem Tag, als Albert ertrank, an den Fluss ge­­lockt hatte.
Emma spürte, wie sämtliches Blut aus ihrem Gesicht wich, als sie das Grauen unvermittelt wieder vor sich sah: ihr achtjähriger Bruder mit seiner roten Mütze und den Winter­stiefeln, die Augen weit aufgerissen, als das Eis nachgab und seine nackten Hände auf der Suche nach Halt über die spiegelglatte Oberfläche rutschten. Sie hörte seine Schreie und seine Stimme, die panisch ihren Namen rief. Und dann war er verschwunden, fortgerissen von der schnellen, kalten Strömung des Coal River. Der Ausdruck von Entsetzen und Verwirrung in seinen Augen, bevor er unterging, hatte sich ihr ins Gedächtnis eingebrannt und verfolgte sie seither.
Sie blinzelte gegen die Tränen an und versuchte krampfhaft, das Bild zu verdrängen, wie er unter dem Eis gefangen war, die dunklen Locken in der Strömung wallend, die Augen blind und leer. Schon die Vorstellung war schier unerträglich. Du warst erst zehn. Du hattest ihn gewarnt, er solle nicht aufs Eis gehen. Und im nächsten Moment: Aber er war überhaupt nur wegen dir unten am Fluss.
Sie berührte die Stelle am Dekolleté, wo das Silberamulett ihrer Mutter gehangen hatte, bevor es mit Albert unter dem Eis verschwunden war, und plötzlich hatte sie das Gefühl, ins Nichts zu fallen. Sie musste sich an ihren Sitz klammern, um nicht umzukippen. Seit sie vor vier Tagen im Krankenhaus aufgewacht war, hatte sie immer wieder unter nervösen Anfällen gelitten, aber dieses Mal war es so heftig, dass Übelkeit und Schwindel übermächtig wurden. Wie hatte sie nur nach Coal River zurückkehren können? Wie sollte die Entscheidung, ins Haus ihres Onkels zurückzuziehen, wo sie mit Albert während der Arbeitssuche ihrer Eltern vier elende Monate verbracht hatte, ihr verkorkstes Leben retten? Dann kam ihr ein anderer Gedanke, bei dem sich sofort ihr Magen zusammenkrampfte.
Vielleicht ist das die gerechte Strafe.
Der Zug bebte ein letztes Mal, stieß eine Dampfwolke aus und kam mit einem derartigen Ruck zum Stehen, dass die Passagiere, die schon aufgestanden waren, auf ihre Plätze zu­­rückplumpsten. Emma erhob sich mit zitternden Knien, strich mit den Händen über die Seiten ihres steifen Kleids und nahm ihren Koffer. Als der letzte Fahrgast den Waggon verlassen hatte, raffte sie den schweren Saum ihres viel zu langen Kleids hoch und begab sich mit pochendem Herzen zum Ausgang. Es war, als würde sie sich selbst beobachten, in einem Traum oder auf einer Leinwand mit bewegten Bildern. Im selben Moment, als sie aus dem Waggon stieg, schlug sie die Hand vor den Mund, da der faulige Schwefelgeruch, den der schwelende Abraum verströmte, die schreckliche Wahrheit bestätigte: Sie war zurück in Coal River.
Nachdem Albert gestorben war und ihre Eltern sie nach Manhattan zurückgeholt hatten, hatte dieser Geruch monatelang in ihren Kleidern gehangen, sooft ihre Mutter sie auch ge­­waschen hatte. Jahrelang waren die Ausdünstungen der brennenden Kohlereste durch ihre Albträume gegeistert und morgens wie ein penetrantes Parfum aus ihrem Kissen aufgestiegen. Eines Tages waren sie dann fort gewesen, und sie hatte gedacht, diesen Pestgestank nie wieder riechen zu müssen.
Sie kämpfte gegen den Würgereiz an und schüttelte den Kopf, als ihr der Kofferträger seine Dienste anbot. Um sie he­­rum wuselte es von Reisenden, die sich mit ihrem Gepäck abmühten und ihren wartenden Freunden und Verwandten zuwinkten oder etwas zuriefen. Emma stellte sich auf die Zehenspitzen, um über Schultern und Rücken hinwegschauen zu können, und suchte in der Menge nach Onkel Otis und Percy.
Zwei Waggons weiter stieg eine Gruppe Männer in abgetragenen Jacken und Arbeitshosen aus dem Zug, die Mienen finster. Die Bergleute auf dem Bahnsteig schrien, sie sollten dorthin zurückgehen, wo sie hergekommen seien, und warfen mit Steinen und Stöcken nach ihnen. Die Polizei drängte die Bergleute zurück und forderte sie auf, sich zu beruhigen. Im nächsten Moment durchbrach ein Bergmann die Sperre und rannte auf den Zug zu. Vier Polizisten richteten ihre Ge­­wehre auf seine Kollegen, während sich drei andere den Ausbrecher schnappten, ihn zu Boden warfen und ihm die Arme auf den Rücken drehten. Emma eilte geduckt zum Bahn­hofsgebäude und versuchte sich daran zu erinnern, wo sie ihren Onkel gesehen hatte. Plötzlich griff eine starke Hand nach ihrem Koffer, und sie fuhr herum, bereit, sich zu wehren. Percy lächelte, entwand ihr den Koffer und tippte sich zum Gruß an den Zylinder. Seine Wimpern waren so hell, dass man sie kaum sehen konnte, und sein blondes Haar wirkte fast weiß.
»Hallo, Emma«, sagte er. »Es tut mir leid, dass du unter so traurigen Umständen nach Coal River zurückkehrst, aber es ist schön, dich zu sehen.«
Sie nickte. »Percy«, sagte sie.
In diesem Moment durchbrach ein Bergmann in einem abgerissenen Mantel die Phalanx der Polizisten und rannte mit wutentbranntem Gesicht auf Onkel Otis zu. Ein Polizist fing ihn ab, schlang ihm einen Arm um den Hals und zerrte ihn über den Bahnsteig zurück. Ein zweiter Polizist eilte ihm zu Hilfe und legte dem Mann hinter dem Rücken Handschellen an.
»Was in aller Welt ist hier los?«, fragte Emma.
»Zurzeit drehen die Leute einfach durch«, sagte Percy. »Das ist die Hitze.«
»Aber warum bewerfen die Bergarbeiter diese Männer mit Steinen?«
Er schaute über die Schulter, als würde er den Tumult jetzt erst bemerken. »Das sind Einwanderer«, sagte er. »Die Bergleute denken, dass sie ihnen die Arbeit wegnehmen.« Er hielt ihr den Ellbogen hin und fragte, ob er sie durch die Menge geleiten dürfe. »Wollen wir?«
Sie raffte den Rocksaum hoch und nahm widerwillig seinen Arm. »Meinetwegen.«
»Du siehst noch genauso aus wie früher«, sagte er. »Ich meine, ich wollte sagen, du siehst wunderschön aus.«
Sie lächelte ihm schmallippig zu und betrachtete dann be­­flissen die Gesichter der Umstehenden, um sich seinem bohrenden Blick zu entziehen. Zweifellos war er erstaunt, dass sie immer noch so klein war, obwohl seit ihrem letzten Be­­such neun Jahre vergangen waren. Es würde sicher nicht lange dauern, bis er sich über ihre Körpergröße lustig machen würde. Er führte sie durch die Menschenmenge und schob die Leute mit Emmas Koffer aus dem Weg. In der Nähe des Fahrkartenschalters stand Onkel Otis und sprach mit einem Polizisten. Sein Gesicht war knallrot, seine Augenbrauen ge­­runzelt.
»Notieren Sie die Namen aller Männer, die Unruhe stiften!«, sagte er.
»Ja, Mr. Shawcross«, sagte der Polizist.
»Vater«, sagte Percy. »Schau mal, wer hier ist.«
Onkel Otis lächelte und breitete die Arme aus. »Willkommen zurück, Emma«, sagte er. »Es tut mir leid, was mit deinen Eltern geschehen ist, aber es ist eine Freude, dich zu sehen.«
»Guten Tag, Onkel.« Sie spannte die Kiefermuskeln an und drehte den Kopf beiseite, damit er sie umarmen konnte.
»Gütiger Gott, junge Dame«, zischte er ihr ins Ohr. »Wo ist dein Trauerschleier? Hast du denn keinen Anstand im Leib?«
Sie entzog sich ihm, klammerte sich an ihren Beutel und nestelte an der Kordel herum. »Den habe ich im Zug abgenommen«, sagte sie. »Es war einfach zu unbequem, ihn auf der ganzen Fahrt zu tragen.«
»Nun, jetzt bist du aber angekommen«, sagte Onkel Otis und rang sich ein Lächeln ab. »Bevor wir durch die Stadt fahren, musst du ihn wieder anlegen.«
Sie zuckte mit den Achseln. »Es tut mir leid, aber das geht nicht«, erklärte sie. »Im Zug war es unerträglich heiß, und als ich das Fenster geöffnet habe, wurde er vom Fahrtwind rausgesogen.«
Onkel Otis runzelte die Stirn. »Mit so etwas kann ich mich jetzt nicht abgeben«, sagte er. »Die Bergleute machen mir schon genug zu schaffen. Bring sie nach Hause, Percy, und komm dann wieder zurück. Sag deiner Mutter, dass sie Emma alles zeigen soll.«
»Ja, Sir«, sagte Percy.
Onkel Otis wollte schon gehen, blieb dann aber noch einmal stehen und drehte sich zu Percy um. »Nimm Nebenstraßen«, sagte er leise.
Hinter ihm durchbrach eine Gruppe Bergarbeiter den Ring der Polizisten, rannte über den Bahnsteig und warf den Einwanderern obszöne Schimpfworte an den Kopf. Die Polizisten eilten hinterher und holten sie ein zweites Mal zurück. Onkel Otis lief gestikulierend auf den Tumult zu. Als ein Schuss fiel, packte Percy Emma am Arm, schob sie durch eine Tür und bugsierte sie dann durchs Bahnhofsgebäude hindurch.
Die unbefestigte Straße auf der anderen Seite des Lokschuppens wimmelte von Pferden, Fuhrwerken, Fußgängern, Automobilen und Fahrrädern. An einem Bohlenweg parkte ein gelber Ford Tin Lizzie. Die hohen, weißen Räder waren grau gesprenkelt, und die goldenen Scheinwerfer und die niedrige Windschutzscheibe waren mit einer feinen schwarzen Staubschicht überzogen. Wie auf allen Dingen in Coal River – Gebäuden, Fenstern, Bürgersteigen, den Vordächern der Läden, den Telefonmasten, dem Boden – hatte sich der Kohlenstaub auch auf dem Wagen abgesetzt. Percy öffnete die Beifahrertür und half Emma hinein. Sie zerrte die schwarzen Fluten ihres Rocks hinter sich her und drapierte sie um ihre Füße, dann lehnte sie sich zurück und schaute sich um.
Ein paar Meter weiter, auf der anderen Straßenseite, war ein Junge mit einer viel zu großen Kappe und einer ausgefransten Jacke an einem mit verrußten Handzetteln beklebten Telefonmast niedergesunken, den leeren Blick auf die Passanten und Pferdewagen gerichtet. Sein Gesicht war aufgedunsen und blass, die eingesunkenen Augen silbrig. Sein dunkles, dichtes Haar erinnerte an das von Albert. Sein linkes Bein war verkümmert und steckte in einer Metallschiene. Die ramponierten Stiefel und die Enden seiner Krücken ragten über die Bordsteinkante hinaus auf die Straße.
Hinter ihm saßen zwei ältere Jungen auf einer Holzkiste und rauchten, der Straße den Rücken zugewandt. Ein Polizist näherte sich den dreien, trat gegen die Krücken und forderte den Jungen barsch auf, er solle Platz machen. Mühsam versuchte der Junge, auf die Beine zu kommen, während der Polizist neben ihm stand und darauf wartete, dass er seiner Anordnung Folge leistete. Emma wollte schon aussteigen, um zu helfen, aber im nächsten Moment zogen die älteren Jungen ihn hoch und gingen mit ihm davon.
Percy stellte ihren Koffer auf die Rückbank, kletterte auf den Fahrersitz und ließ den Motor an. Dann nahm er seinen Zylinder ab und setzte eine Autofahrerbrille und eine Lederhaube auf.
»Bereit?«
Sie nickte, eine Faust auf den krampfenden Magen gepresst. Percy zog vom Bürgersteig weg und lenkte den Wagen auf die betriebsame Straße, wo er um Spurrillen herumfuhr und langsame Pferde und streunende Kinder aus dem Weg hupte. Auf den Bohlenwegen blieben Frauen stehen, um ihnen nachzuschauen und hinter ihren behandschuhten Händen zu tu­­scheln. In jedem Block patrouillierten Polizisten und gingen, Gewehr über der Schulter, Straßen und Bürgersteige ab. Einige hoben die Hand zum Gruß, andere hielten den Kopf gesenkt und spuckten Tabaksaft auf den Boden oder rauchten.
Emma konnte sich nicht erinnern, bei ihrem letzten Aufenthalt so viele Polizisten auf der Straße gesehen zu haben. Sie wollte sich schon bei Percy nach dem Grund erkundigen, aber der Motor machte einen Höllenlärm, und ihr war auch nicht nach Reden zumute. Ansonsten stellte sie bestürzt fest, wie wenig sich in Coal River getan hatte. Es war, als sei sie in der Zeit zurückgereist, in eine unveränderte Welt, die in Erwartung ihrer Rückkehr erstarrt war.
Auch der zweigeschossige Einkaufsladen der Bleak Mountain Mining Company mit seinen Ziegelschornsteinen, der ab­­geblätterten roten Holzverkleidung und den schwarzen Fensterläden war noch wie früher. Und wie früher saßen Alte in Schaukelstühlen und auf Hockern auf klapprigen Veranden und schnitzten oder spielten auf umgedrehten Fässern Schach. Das Schild mit der eingebrannten Aufschrift »Müllkippe« war immer noch an den Eselsstall genagelt, und die schmale Straße, die am Stadtpark vorbeiführte, hatte nach wie vor tausend Schlaglöcher.
Auf dem Bürgersteig kam ihnen eine alte Frau mit weißen Zöpfen entgegen, humpelnd und so tief vornübergebeugt, als wolle sie etwas vom Boden aufheben. Neben ihr ging ein Junge auf Holzkrücken, das leere Hosenbein unten zugebunden. Emma erstarrte. Der Junge hätte Alberts Zwilling sein können. Er hatte denselben Schopf dichter schwarzer Haare, dieselben braunen Sommersprossen auf der Nase, dieselben vorstehenden Zähne. Als Percy an ihm vorbeifuhr, drehte sich Emma um, unfähig, den Blick von dieser Erscheinung loszureißen. Der Junge drehte ebenfalls den Kopf und schaute ernst zurück. Dann hielt er inne und runzelte die Stirn, als habe er sie erkannt.
Die eiskalten Finger der Angst schnürten ihr die Kehle zu. War das alles nur ein furchtbarer Albtraum? Hatte Albert die ganze Zeit gelebt, gefangen in Coal River, und nur darauf ge­­wartet, dass sie ihn hier herausholte? Aber warum war er nicht älter geworden? Und was war mit seinem Bein geschehen?
Schließlich drehte sich der Junge wieder um und ging weiter, offenbar wenig beeindruckt von dieser Begegnung. Emma richtete den Blick auf die Straße, und der fahle Hauch der Trauer durchwehte sie. Das Gefühl, ins Nichts zu fallen, kehrte mit einer solchen Macht zurück, dass sie sich mühsam beherrschen musste, um nicht nach Percys Arm zu greifen.
Nein, dachte sie. Albert ist tot. Ich habe seinen gefrorenen Körper selbst gesehen, als er zwischen den Eisschollen unter dem Gerüst der Eisenbahnbrücke aus dem Wasser gezogen wurde. Ich war dabei, als sein kleiner Sarg an einem strahlenden Wintertag auf dem Freedom Hill Cemetery in die Erde gesenkt wurde. Ich habe den eiskalten Wind gespürt, der vom Bleak Mountain herabpfiff. Ich habe gesehen, wie meine Mutter schluchzend in den Armen meines Vaters lag. Es kann nicht Albert sein.
Sie atmete tief ein, hielt die Luft an und versuchte, gegen die aufsteigende Panik anzukämpfen. Würde das jetzt so weitergehen? Würde jeder kleine Junge in Coal River sie an Albert erinnern? Würden sie alle verletzt oder verkrüppelt sein? Oder verlor sie endgültig den Verstand?
Vielleicht hätte sie doch in einem Armenhaus in Brooklyn ihr Glück suchen sollen.


Kapitel 2


Percys Ford T quälte sich die steile Steigung des Flint Hill hoch. Zu beiden Seiten der Straße fiel der Wald zum Tal hin ab. Rechts konnte Emma ins Zentrum von Coal River hinabschauen, zur Linken thronte Flint Mansion über der Stadt. Das Herrenhaus im italienischen Stil lag inmitten eines penibel gestutzten Rasens, mächtig und weitläufig, mit sanft geneigten Dächern und breiten Traufrinnen. Eine mehrfach abgestufte Veranda zog sich um das Erdgeschoss herum, die weiß gestrichene, schmiedeeiserne Brüstung auf den Fassadenschmuck ab­­gestimmt. An der höchsten Stelle des Gebäudes überwölbte eine überdimensionale achteckige Kuppel das rote Ziegeldach wie ein Miniaturleuchtturm.
Emma lief ein Schauer über den Rücken. Fröstelnd schaute sie zu dem Haus hinauf und fragte sich, ob ein Gebäude seine Einwohner mit einem Fluch belegen konnte. Der Skandal und der Todesfall, die sich mit diesem Herrenhaus verbanden, hatten sich Jahre vor ihrer Geburt zugetragen, aber die tragische Legende, die daraus erwachsen war, würde feierlich von Generation zu Generation weitererzählt werden.
Die Geschichte von Hazard Flint und seiner Frau Viviane war das Einzige, was in Coal River den Rang einer lokalen Legende beanspruchen durfte. Viviane, die Alleinerbin der Bleak Mountain Mining Company, war, kaum sechzehnjährig, in einer arrangierten Ehe mit Hazard Flint verheiratet worden. Zwei Monate später starben ihre Eltern auf dem Weg nach Chicago bei einem Zugunglück, und Hazard übernahm den gesamten Besitz. Laut Haushaltshilfe war er verschlagen und hartherzig und übte neben der Herrschaft über die Bergwerksgesellschaft auch die über seine Frau aus. Nach der Ge­­burt ihres Sohns Levi bestand Viviane auf getrennten Schlafzimmern. Als sie nach fünf Jahren einen zweiten Jungen gebar, fragten sich alle, ob Hazard sich verändert hatte oder ob das Kind aus einer Affäre hervorgegangen war. Als das Baby erst sechs Tage alt war, wurde es von dem Kindermädchen und dem Knecht entführt. Die beiden hinterließen eine Nachricht in der Wiege, dass sie zehntausend Dollar verlangten, um den Jungen wohlbehalten wieder zurückzubringen. Hazard hinterlegte das Geld, wie vereinbart, auf dem Weg hinter der Schmiede, aber das Kind ward nie wieder gesehen.
Gerüchten zufolge war es Hazard, der Viviane fand, als sie im Sommer 1889 an den Streben der Kuppel hing. Auf dem Zedernholzboden zu ihren Füßen lag ein tränenbenetzter Ab­­schiedsbrief, in dem sie erklärte, dass sie ohne ihr Baby nicht weiterleben könne. Von diesem Moment an weidete sich die Jugend von Coal River an der gruseligen Fantasie, ein weib­licher Geist stehe an den Kuppelfenstern und warte auf die Rückkehr des Kindes. Und in all den Jahren mussten viele Jungen vom Grundstück verjagt werden, weil sie am Gitter vor der Kinderstube hochgeklettert waren, um einen Blick in den Raum zu werfen, in dem seit dem Verschwinden des Jungen angeblich nichts mehr verändert worden war.
Emma sah die dunkel getäfelten Flure, die Perserteppiche, die überdimensionalen Möbelstücke und die Ölporträts an den Wänden immer noch vor sich. Sie roch noch das alte Holz und den Putz, als habe sie Sägespäne oder kalten Haferflockenschleim im Mund. Warum hatte sie vor all den Jahren keinen anderen Ausgang gefunden? Wäre sie durch ein Seitenfenster oder eine Verandatür hinausgeschlüpft, würde Al­­bert jetzt vielleicht noch leben.
Sie dachte an den Winter zurück, als Percy und seine Freunde Albert dazu verleiten wollten, heimlich in das Herrenhaus einzudringen. Wochenlang hatten sie ihm zugesetzt, hatten sich über seine städtische Kleidung lustig gemacht und ihn wegen seiner dichten Locken »Mädchen« genannt. Eines Tages dann, als Emma im Laden der Bergwerksgesellschaft Kartoffeln gekauft hatte und auf dem Rückweg war, sah sie, wie Percy und seine Freunde über die schneebedeckte Hecke vor Flint Mansion lugten und kichernd Wetten abschlossen, ob der Junge, der sich auf das Grundstück gewagt hatte, ge­­schnappt werden würde. Als Percy ihr erzählte, dass sie Albert versprochen hatten, ihn nicht mehr aufzuziehen, wenn er zum Beweis seiner Heldenhaftigkeit etwas aus der Kinderstube stahl, warf sie den Kartoffelsack nach ihm und rannte los, um ihren Bruder zu befreien.
Auf Zehenspitzen schlich sie sich durch die Gartenveranda, schlüpfte durch eine Hintertür ins Haus und stahl sich durch die Sommerküche in einen rückwärtigen Flur. Auf halbem Weg stand eine Tür auf, und eine sanfte, rhythmische Stimme drang heraus, als würde jemand etwas vorlesen. Dicht an die Wand gepresst, schob sie sich mit zitternden Beinen vorwärts und lugte um den Türrahmen herum. In dem Raum saßen an einem Mahagonitisch eine ältere Frau und ein blasser, dunkelhaariger Junge und beugten die Köpfe über ein offenes Buch. Es waren eine Hauslehrerin und Vivianes erster Sohn Levi, der Tante Ida zufolge fast wie ein Gefangener gehalten wurde, weil Hazard Flint Angst hatte, ihn auch noch zu verlieren. Emma wechselte auf die andere Seite des Flurs, huschte schnell an dem Raum vorbei und fragte sich, was Mr. Flint wohl davon halten würde, wenn er wüsste, wie leicht man in sein Haus eindringen konnte.
Sie fand Albert oben in der Kinderstube, wo er zitternd und schluchzend neben einer mit Spinnennetzen überwucherten Wiege hockte, eine staubige Rassel in der Hand und den Hosenstall nass. Sie entwand ihm die Rassel, warf sie wieder in die Wiege und führte ihn aus dem Raum. Auf dem Weg nach unten wiederholte Albert unentwegt, dass im Spiegel in der Kinderstube Vivianes Geist erschienen sei und mit seinem knorrigen Finger auf ihn gezeigt habe. Ein Nachthemd habe er getragen und eine Schlinge um den Hals, und aus seinem Mund habe eine geschwollene schwarze Zunge gehangen.
Emma versuchte, ihren Bruder zu beruhigen, und begab sich mit ihm auf dem schnellsten Wege aus dem Herrenhaus hinaus: durch die Eingangshalle zur Vordertür und von dort ins Freie. Percy und seine Freunde warteten am Ende des Bürgersteigs. Sie lachten, zeigten auf Alberts nasse Hose und verspotteten ihn, als er schwor, Vivianes Geist gesehen zu haben. Als Percy ihn zu Boden schubste, verpasste Emma ihrem Cousin einen Faustschlag auf die Nase. Dann packte sie ihren Bruder am Mantel, zog ihn hoch und drehte sich um. Bevor sie allerdings gehen konnten, hielt Percy sie am Arm fest, riss ihr das Amulett ihrer Mutter vom Hals und rannte die Straße hinab. Sie jagte ihm und seinen Freunden hinterher, dicht gefolgt von Albert. Ihr Bruder bettelte, sie möge die Jungen laufen lassen, Percy würde das Amulett sicher später mit nach Hause bringen. Aber sie hörte nicht auf ihn und rannte weiter. Bis hinunter zum Fluss liefen die Jungen, Emma immer hinterher.
Als sie das Ufer erreichten, hielt Percy das Amulett so, dass Emma nicht herankam, und lachte. Sie trat ihm in den Schritt, und er ließ das Amulett in den Schnee fallen. Einer seiner Freunde hob es auf und warf es hinaus aufs Eis. Und Albert lief los, um es zu holen.
Emma gab sich alle Mühe, die Erinnerungen zu vertreiben, damit die Finsternis sie nicht verschlang.
Percy merkte, dass sie zum Herrenhaus hochsah, und verlangsamte das Tempo. »Hazard Flint wohnt immer noch da!«, rief er über den Motorenlärm hinweg.
Sie fixierte die Straße, ihr Mund war staubtrocken.
»Levi auch«, sagte Percy. »Er arbeitet für Mr. Flint. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er alles erbt.«
Emma erwiderte nichts. Sie schien in einem Albtraum ge­­fangen, dem nie ein Morgen folgen sollte. Vielleicht war sie ja doch bei dem Theaterbrand ums Leben gekommen, und dies war nun die Hölle. Percy trat aufs Gaspedal und schaltete mühsam herunter, um so die steile Straße zum Haus seiner Eltern hinaufzukommen.
Onkel Otis und Tante Ida wohnten in einem gelben, drei­ge­­schossigen Queen-Anne-Haus mit einem Ecktürmchen und Giebeln mit Schnitzwerk. Das Anwesen lag weit genug vom Bergwerk entfernt, um vom unsichtbaren Kohlenstaubregen verschont zu bleiben. Große Kiefern, Berglorbeer und Fliederbüsche rahmten das große Grundstück ein, auf den runden Veranden standen Korbmöbel und Kübel mit Farnpflanzen, und am Vorderzaun rankte sich Schwarzäugige Susanne empor. Percy parkte den Wagen in der Einfahrt, half Emma heraus und nahm ihren Koffer vom Rücksitz. Emma betrachtete die Aussicht, die in jede Richtung meilenweit den Blick freigab.
Zu ihren Füßen breitete sich Coal River aus, mit der Main Street und dem Stadtpark mitten im Tal. Wohnhäuser und andere Gebäude wirkten wie zusammengewürfelt und drängten sich zwischen Straßen und vertrockneten Wiesen aneinander. Das rote Dach des Flint Mansion glänzte in der Mittagssonne wie ein mit Blut gefülltes Becken in einem Meer aus Brauntönen. Im Osten, bei der Eisenbahnbrücke, wirbelten die schwarzen Massen des Coal River dahin, als habe sich ein Band aus Gewitterwolken über die Erde gelegt. Die fernen Kämme der Berge zogen sich wie graue Rauchfahnen durch den Himmel.
Tante Ida fanden sie im Speisezimmer, wo sie darüber wachte, dass der Tisch fürs Abendessen ordnungsgemäß ge­­deckt wurde. Wie alle Räume in dem dreistöckigen Haus war auch dieser mit überdimensionierten Mahagonimöbeln, Glasfiguren, Vasen, Ölgemälden, Teppichen und Spitzendeckchen vollgestopft, wobei es Emma schien, als habe sich das Zeug seit ihrem letzten Besuch noch einmal verdoppelt. Tante Ida trug ein doppellagiges violettes Kleid und eine Kamee, die mit ziemlicher Sicherheit aus echtem Elfenbein bestand. Die Goldkette, an der sie hing, war so fein, dass man sie kaum sehen konnte. Wie oft hatte Emma diese Kamee nicht in ihren Albträumen gesehen, wo sie an den vereisten Ufern des Coal River über ihr schwebte? Oder über Alberts Leiche. Oder über seinem Grab.
Am Tisch war eine grauhaarige Frau in Dienstmädchenkluft damit beschäftigt, pfirsichfarbene Servietten zusammenzufalten und sorgfältig unter das Tafelsilber zu schieben. Ihre Hände waren von Arthritis verunstaltet, die Knöchel geschwollen.
Als sie einen Löffel fallen ließ, riss ihr Tante Ida sofort die ­Ser­viette aus der Hand, empört die Lippen geschürzt. Dann sah sie Percy und Emma durch die Tür treten, und ihre Züge entspannten sich. Sie legte die Serviette auf den Tisch und kam mit ausgestreckten Armen auf sie zu.
»Emma«, sagte sie mit brechender Stimme. Ida war Emmas Tante mütterlicherseits, aber wenn man sie sah, würde man das kaum für möglich halten. Während Emmas Mutter blond und gertenschlank gewesen war, war Tante Ida klein und rundlich und hatte kastanienbraunes Haar. Sie trug es in der Mitte ge­­scheitelt und zurückgekämmt, was ihr Mondgesicht noch be­­tonte. »Komm her, meine arme Kleine.«
Emma schlang matt die Arme um sie. Tante Ida gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange und ließ sie dann wieder los. Als sie zurücktrat, benetzten Tränen ihre fülligen Wangen.
»Ich kann es immer noch nicht fassen, dass meine Schwester von uns gegangen ist«, sagte sie. »Und das unter so grauenvollen Umständen!« Sie zog ein Taschentuch aus dem Ärmel und tupfte sich die Augen. »Gott weiß, dass wir nicht immer ein Herz und eine Seele waren, aber sie war trotz allem meine Schwester. Ich habe sie geliebt.«
Emmas Brust schnürte sich zusammen. »Sie hat Sie auch geliebt.«
Hinter Tante Ida blieb das grauhaarige Dienstmädchen mit dem Schuh an einem Stuhlbein hängen und ließ ein Trinkglas fallen. Mit einem dumpfen Geräusch traf es auf dem dicken Teppich auf, um dann bis zum Saum von Idas Rock weiter­zurollen. Emma trat schnell vor, hob das Glas auf und reichte es dem Dienstmädchen. Die alte Frau nickte und schenkte ihr ein schwaches Lächeln.
»Was zum Teufel ist nur mit dir los, Cook?«, fragte Tante Ida, die Hände in die Hüften gestemmt. »Ich könnte schwören, dass du von Tag zu Tag ungeschickter wirst.«
»Es tut mir leid, Ma’am«, sagte Cook. »Ich werde mir Mühe geben, ab sofort vorsichtiger zu sein.«
»Das will ich dir auch geraten haben«, sagte Tante Ida. »Nun, da meine Nichte hier ist und mir zur Hand gehen kann, könntest du dich leicht ohne Arbeit wiederfinden.«
»Ja, Ma’am«, sagte Cook. Sie stellte das Glas auf den Tisch, faltete die letzte Serviette zusammen und humpelte aus dem Raum.
Tante Ida steckte das Taschentuch wieder in den Ärmel und musterte Emma von oben bis unten. »Wie um Himmels willen bist du eigentlich angezogen? Das Kleid könnte ja aus dem Kleiderschrank meiner Großmutter stammen. Abgesehen davon ist es viel zu groß!«
»Ich weiß. Aber etwas anderes habe ich …«
»Maggie!«, rief Ida über die Schulter, und Emma zuckte zusammen. Als Maggie nicht sofort antwortete, schüttelte Ida den Kopf und runzelte die Stirn. »Maggie, komm sofort her!«
Hinten im Haus war zu hören, wie Schritte die Holztreppe herabeilten. Wenige Sekunden später kam ein junges Mädchen ins Speisezimmer gestürzt, das Gesicht rot angelaufen. »Ja, Mrs. Shawcross?«
»Sorge dafür, dass wir genug Stoff haben, damit wir für meine Nichte neue Kleider anfertigen können«, sagte Tante Ida. »Sie braucht für jeden Tag eins, dann eins für die Haus­arbeit und zwei Ausgehkleider.«
»Ja, Mrs. Shawcross«, sagte Maggie. »Ich werde gleich morgen früh zum Kleiderladen laufen.«
Tante Ida drehte sich zu Maggie um. »Nein, du wirst sofort zum Kleiderladen laufen.«
»Ja, Mrs. Shawcross.« Maggie knickste und huschte aus dem Raum.
»Warum lässt du Emma nicht erst einmal ankommen, bevor du irgendetwas in die Wege leitest, Ma?«, fragte Percy.
»Das ist schon in Ordnung«, sagte Emma mit einem ge­­zwun­genen Lächeln. »Aber bitte nichts allzu Ausgefallenes, wenn ich das sagen darf. Ich mag bequeme, schlichte Kleidung.«
Ida lachte. »Da mach dir mal keine Sorgen«, erklärte sie. »Wir werden sicher nicht Unsummen ausgeben, um dich wie ein Püppchen auszustaffieren. Die Zeiten sind hart, Emma. Es reicht schon, dass wir uns bereit erklärt haben, dir ein Dach über dem Kopf zu verschaffen, meinst du nicht auch?«
Emma nickte und spürte, dass ihre Wangen heiß wurden.
»Soll ich Emma ihr Zimmer zeigen, damit sie sich frisch machen kann?«, fragte Percy.
»Nein, nein«, sagte Ida. »Das mach ich schon. Hol deinen Vater. Das Abendessen ist in einer halben Stunde fertig.«
»In Ordnung, Ma«, sagte Percy, nickte Emma noch einmal zu und ging.
Tante Ida hakte Emma unter, führte sie aus dem Speisezimmer in einen Flur und tätschelte mit ihrer pummeligen Hand ihre Hüfte. Durch den Flur erreichten sie den Salon, wo Tante Ida immer hinter Percy gestanden und überwacht hatte, dass er auch richtig Klavier übte. Bei jedem falschen Ton hatte sie ihm eine Kopfnuss verpasst, aber es war ihm einfach nicht ge­­lungen, auch nur ein einziges Stück fehlerfrei zu spielen. Einmal, als niemand im Salon gewesen war, hatte Emma vorsichtig auf die Tasten gedrückt und versucht, nach Gehör »Oh My Darling, Clementine« zu spielen. Im nächsten Moment war Tante Ida in den Raum ge­­stürmt, hatte Emma fast den Klavierdeckel auf die Finger ge­­knallt und ihr verboten, das Klavier je wieder anzufassen. Sie hatte sich daran gehalten.
Als sie den Salon betraten, schnürte sich Emmas Kehle zu­­sammen. Ihr war klar gewesen, dass dieser Raum schmerzhafte Erinnerungen heraufbeschwören würde, aber sie hatte gehofft, dass er in den vergangenen neun Jahren wenigstens umgestaltet oder renoviert worden wäre. Er wirkte vollkommen un­­verändert. Sofort sah sie Alberts kleinen Körper dort liegen, aufgebahrt unter dem Messingleuchter. An jeder Tür hatten schwarzer Trauerflor und Veilchen gehangen; die Spiegel wa­­ren mit Kreppstoff verhängt und die Uhren angehalten worden. Emma hatte sich nicht gesträubt, als ihre Tante darauf bestanden hatte, dass sie sich für ein Trauerporträt neben ihren Bruder setzte. Danach weigerte sie sich, den abgedunkelten Raum wieder zu verlassen, und wollte weder schlafen noch essen noch von seiner Seite weichen, bis ihre Eltern aus Manhattan kommen würden. Sie setzte sich in den Ohrensessel in der Ecke und schaute zu, wie winzige Wassertropfen von Alberts auftauendem Körper herabtropften und den Perserteppich unter der Bahre dunkel färbten.
Als sie ihre Eltern schließlich durch die Salontür kommen sah, hielt sie die Luft an und erstarrte, felsenfest davon überzeugt, dass die beiden nie wieder mit ihr sprechen würden. Als sie an Albert herantraten, ihre Mutter die zitternde Hand vor dem Mund, ihr Vater mit schmerzverzerrtem Gesicht, stand Emma endlich auf.
»Mama«, sagte sie, dann gaben ihre Beine nach.
Ihre Mutter rannte quer durch den Salon und fing sie auf. Sie fiel auf die Knie und drückte Emma an ihre Brust. Als Emma zu zittern begann und zum ersten Mal seit dem Tod ihres Bruders Tränen vergoss, hielt ihre Mutter sie in den Armen und sagte ein ums andere Mal, dass alles gut werden würde. Ihr Vater strich ihr mit der Hand über die Wange und bat sie inständig, stark zu sein, weil ihre Mutter und er es nicht ertragen würden, wenn ihr auch etwas zustieße.
Emma hatte nicht geahnt, dass man bis fast zum Ersticken weinen konnte; die Schluchzer brachen aus der Brust hervor, als wären sie tief aus der Seele gekommen. Sie konnte sich noch erinnern, dass sie sich gefragt hatte, ob man im Alter von zehn Jahren den Verstand verlieren konnte. Dann starben ihre Eltern im Feuer, und wieder zerbrach sie innerlich, überzeugt davon, dass die Qualen dieses Verlusts sie dahinraffen würden. Dieses Mal befand sie sich in einem weißen Krankenhauszimmer, zusammen mit einem Arzt mit versteinerter Miene und einer ungerührt dreinschauenden Krankenschwester, und niemand nahm sie in den Arm oder erklärte ihr, dass alles gut werden würde, oder küsste sie auf die schweißnassen Augenbrauen. Als sie jetzt daran zurückdachte, wurde sie von der neuerlichen Welle des Schmerzes fast in die Knie gezwungen.
»Emma?«, fragte Tante Ida und holte sie ins Hier und Jetzt zurück.
Sie blinzelte. »Entschuldigung. Was haben Sie gesagt?«
»Ich wollte wissen, wie dir die neuen Vorhänge gefallen«, sagte Tante Ida stolz, als habe sie sie selbst genäht. »Die alten waren so verblichen, dass ich sie einfach nicht mehr sehen konnte!«
»Die sind sehr schön«, sagte Emma im Bemühen, Interesse zu heucheln. Wenn sie ehrlich war, sahen die Vorhänge ge­­nauso aus wie die vor neun Jahren.
Tante Ida führte sie durch die weiß gekachelte Küche in den hinteren Teil des Hauses, wo ihre Schritte von den Dielen widerhallten. Sie traten durch eine Tür in einen kurzen Flur und stiegen dann die steile, enge Treppe zu den Dienstbotenkammern hoch.
»Ich hoffe, du wirst es mir nachsehen«, sagte Tante Ida, »aber der Raum, den du und …« Sie hielt inne und blieb stehen. »Oh, verzeih mir. Ich kann seinen Namen kaum aussprechen, ohne dass mir ganz anders wird.«
»Albert?«
»Ja, dein armer Bruder, Albert. Gott hab ihn selig.« Sie be­­kreuzigte sich und stieg dann weiter die Treppe hoch. »Was für eine Schande. Das ganze Leben lag noch vor ihm. Und jetzt ist meine arme Schwester auch noch von uns gegangen.« Sie schüttelte den Kopf, und ihr Gesicht legte sich in tausend Falten. »Entschuldige bitte«, sagte sie. »Es ist nur … Das ist alles so schwer für mich. Ich hätte niemals gedacht, dass ich so viel Leid im Leben erfahren muss.«
Emma klammerte sich ans Treppengeländer. »Ich weiß, was Sie meinen.«
»Es gibt so viele schreckliche Dinge in der Welt«, sagte Tante Ida schniefend. »Für einen empfindlichen Menschen wie mich ist das nur schwer zu ertragen. Ich wünschte, ich würde von all diesem Elend gar nichts mitbekommen. Aus diesem Grund versuche ich auch, vor allem das Schöne im Leben zu sehen, schon um mich selbst zu schützen.«
Wenn es nur so einfach wäre, dachte Emma. Dann fiel ihr wieder der Junge ein, der an dem Telefonmast in sich zusammengesunken war, und Alberts Zwilling mit dem einen Bein. »Wo wir schon von Leiden reden«, begann sie, »darf ich Sie etwas fragen?«
»Natürlich, Liebes«, sagte Tante Ida. »Was auch immer du willst.«
»Auf dem Weg hierher habe ich zwei Jungen gesehen«, er­­zählte sie. »Dem einen fehlte ein Bein, und der andere trug eine Beinschiene. Wissen Sie, was ihnen zugestoßen sein könnte?«
Wieder blieb Tante Ida auf der Treppe stehen und nestelte an ihrer Brosche herum. »Ach du liebe Güte«, sagte sie. »Meinst du etwa zwei von diesen armen Kohlejungen?«
»Kohlejungen? Was ist denn das?«
Tante Ida hob einen Finger, um Emma zum Schweigen zu bringen. »Bitte«, sagte sie. »Das ist jetzt zu belastend für mich. Wir haben in letzter Zeit genug Kummer erlitten, meinst du nicht auch?«
»Ja, Ma’am«, sagte Emma.
Ihre Tante stieg weiter die Treppe hinauf, keuchend vor Anstrengung. Dann lächelte sie plötzlich, und ihre Stimmung war wie umgewandelt. »Was ich eigentlich sagen wollte: Das Zimmer, in dem du und Albert das letzte Mal geschlafen habt, ist jetzt der Nähraum. Maggie kann nämlich ausgezeichnet nähen. Warte ab, bis du erst die wunderschönen Kleider siehst, die sie für mich anfertigt! Jedenfalls ist im Haupthaus kein Platz mehr für dich.«
»Das ist schon in Ordnung«, sagte Emma. »Ich bin nicht anspruchsvoll.«
In Wahrheit war Emma heilfroh. Das Zimmer, das sie sich mit Albert geteilt hatte, würde ständig irgendwelche Erin­nerungen wecken: wie sie in den Schränken und unter den ­Betten Verstecken gespielt hatten; wie sie aus dem Fenster gelinst hatten, um zuzuschauen, wie Percy im Garten Unterricht bekam; wie sie Mikado und »Wer bin ich?« gespielt hatten, wenn Onkel Otis sie während irgendwelcher Dinner­partys in ihrem Zimmer eingeschlossen hatte. Dort wohnen zu müssen wäre eine große Belastung für sie.
Oben angekommen, führte Tante Ida sie durch einen en­­gen, gekalkten Flur, blieb vor einer niedrigen Tür stehen und schnappte nach Luft. Nach einer Weile sagte sie: »Von den meisten Haushaltshilfen mussten wir uns wieder trennen, es sind einfach keine guten Leute mehr zu finden.« Sie zeigte ans andere Ende des Flurs. »Das Wasserklosett ist dort hinten. Du wirst es mit Maggie und Cook teilen müssen, aber es wird schon genügen.« Sie holte einen Schlüsselbund aus ihrer Schürzentasche und schloss die Tür auf. »Ich denke, dass du hier genug Platz hast.«
In dem engen Raum stand ein Bett mit einem Kopfende aus Eisen an der Wand. Die Matratze war mit einer braunen Wolldecke bezogen. Gegenüber dem Bett ging ein sechstei­liges Sprossenfenster auf den Garten an der Hausseite hinaus. Es gab einen hölzernen Waschtisch, einen blauen Frisiertisch, einen Stuhl mit Holzstreben als Rückenlehne und einen fa­­denscheinigen grünen Teppich, der die Hälfte des Dielenbodens bedeckte. An der hinteren Wand hing eine gelbe Tapete mit kleinen Röschen. Die anderen Wände waren weiß gestrichen.
Emma rang sich ein Lächeln ab. »Das Zimmer ist wunderbar«, erklärte sie.
»Ich bin so froh, dass du das sagst«, erwiderte Tante Ida. »Ich war schon besorgt, du könntest empört sein, weil du nicht bei uns im Haupthaus wohnst.«
»Überhaupt nicht. Der Raum ist größer als mein Schlafzimmer in Manhattan.« Emma stellte den Koffer ab, zog die Hutnadeln heraus und legte den Hut und den Beutel aufs Bett. »Aber wenn es Ihnen nichts ausmacht, könnte ich etwas Ruhe gebrauchen, die Zugfahrt war sehr anstrengend.«
»Jetzt?« Tante Ida rümpfte die Nase, als habe sie etwas Fauliges gerochen. »Aber dein Onkel wird dich beim Dinner erwarten! Du weißt doch, wie er ist, wenn …«
»Entschuldigung«, sagte Emma. »Sie haben recht. Dann mache ich mich nur ein bisschen frisch und komm gleich he­­runter.«
Tante Ida legte die Hände unter dem Kinn zusammen, als würde sie inständig beten. »Das wird das Beste sein«, sagte sie. »Es gibt eine Menge zu bereden, Emma. Dies ist jetzt dein Zuhause, und dein Onkel hat bestimmte Erwartungen und besteht darauf, dass gewisse Regeln eingehalten werden. Du möchtest ihn sicher nicht gleich am ersten Tag vor den Kopf stoßen.«
»Natürlich nicht«, sagte Emma. Um ihre Lippen herum begann es zu kribbeln. Schnell griff sie nach dem Türknauf, schob Tante Ida hinaus und wollte die Tür schließen.
»Zwanzig Minuten«, sagte Tante Ida. »Keine Minute länger.«
»Ja, Ma’am.«
»Weißt du noch, was dein Onkel immer sagt?«, fügte Tante Ida hinzu. »Die Uhr wurde nicht aus Jux und Tollerei erfunden.«
»Ja, Tante Ida. Ich weiß.«
Die Tür fiel ins Schloss. Emma trat einen Schritt zurück, starrte auf den weißen Knauf und versuchte sich zusammenzureißen, vergeblich. Die Panik krallte sich in ihrem Innern fest wie eine Katze in einem Sack. Mit zitternden Händen ­öffnete sie den Zugbandbeutel, riss den Trauerschleier heraus und griff nach dem Fläschchen. Nachdem sie den Pfropfen herausgezerrt hatte, nahm sie einen Schluck von der bitteren Flüssigkeit. Dann zog sie die Schuhe aus und brach auf dem Bett zusammen, die Augen geschlossen und die Hände vor dem Gesicht, während Heimweh und Kummer wie gewaltige Wellen über ihr zusammenschlugen.
Nach langen, unerträglichen Minuten spürte sie, wie sich das Laudanum in ihren Adern und Muskeln verteilte und die niederschmetternde Angst auflöste. Als sie das Gefühl hatte, sich aufsetzen zu können, ohne dass ihr schwindelig wurde, schwang sie die Beine von der Matratze und erhob sich. Sie knöpfte die langen Ärmel und den hohen Kragen des Trauergewands auf, löste das Taillenband und wollte das Gewand über den Kopf ziehen. Ein Versteifungsbügel vom Rock verfing sich in ihrem Haar, und sie steckte eine Weile fest. Schließlich zerrte sie das schwere Kleidungsstück gewaltsam über den Kopf und riss sich dabei ein Büschel Haare aus. Vor Schmerz schossen ihr die Tränen in die Augen, und sie blinzelte, um nicht wieder von Verzweiflung übermannt zu werden. Dann stieg sie aus dem Unterrock, schnürte das Korsett auf und zog die Strumpfhose aus.
Als sie endlich Luft bekam, öffnete sie ihren Koffer und nahm die Ausgabe der New York Times heraus. Die Krankenschwester hatte sie ihr gegeben, bevor sie das Krankenhaus verlassen hatte. Sie setzte sich aufs Bett, blätterte zu der Seite, auf der die im Brand verstorbenen Theaterleute aufgelistet wa­­ren, und las wohl zum hundertsten Mal die Namen ihrer Eltern.
Wenn Emma mit ihrem Vater an den Büros der New York Times vorbeigekommen war, hatte er immer gewitzelt, dass sein Name wohl erst nach seinem Tod in der Zeitung stehen würde. Sollte es irgendwann so weit sein, hatte er hinzugefügt, solle sie sich stets in Erinnerung rufen, dass er das Leben gelebt habe, das er wollte, und dass er sie, Emma, über alles in der Welt geliebt habe. Egal, wie sehr sie ihn vermissen würde, sie müsse in die Zukunft schauen, auf das Leben, das noch vor ihr lag, und sich für das Glück entscheiden.
Die Druckerschwärze verschwamm vor ihren Augen, als sie versuchte, die Entscheidung zu treffen, glücklich sein zu wollen. Es gelang ihr nicht. Sie legte die Zeitung wieder in den Koffer und zog ihre Bluse aus.
Am Waschtisch hing an einem schmiedeeisernen Haken ein dünnes Handtuch, und auf einem zusammengefalteten Waschlappen lag ein Stück Lavendelseife. Erleichtert stellte sie fest, dass der Krug mit Wasser gefüllt war. Sie goss es in die Waschschüssel, wusch sich das Gesicht und rieb sich mit Waschlappen und Seife den Schweiß und Dreck von drei Tagen von Armen, Händen und Hals. Wie sehr sie sich danach sehnte, in einer Wanne mit heißem Seifenwasser zu liegen, sich die schmutzigen Haare zu waschen und ihre müden Muskeln zu entspannen. Aber dazu war keine Zeit.
Nachdem sie die Wäsche beendet hatte, löste sie die Haarnadeln, bürstete die Knoten aus ihrem Haar und flocht es zu einem langen Zopf, den sie einfach auf den Rücken herabhängen ließ. Sie zog ihren Petticoat und den Walkrock an und schnürte den Gürtel straff um die Taille, damit sie den Rock nicht verlor. Dann zog sie die unförmige Bluse mit dem Schalkragen und ihr einziges Paar Schuhe an – spitz zulaufende Schnürstiefel mit Absätzen. Schließlich atmete sie einmal tief durch, öffnete die Tür und stieg die Treppe hinab.

Ellen Marie Wiseman

Über Ellen Marie Wiseman

Biografie

Ellen Marie Wiseman wurde in Three Mile Bay, einer kleinen Ortschaft im Bundesstaat New York, geboren. Sie besucht häufig ihre Verwandten in Deutschland und interessiert sich sehr für deutsche Geschichte und Kultur. Wiseman lebt zusammen mit ihrem Mann, ihren beiden Kindern und drei Hunden am Ufer...

Kommentare zum Buch

Verloren
Carmen Dauer am 09.02.2017

Ellen Marie Wiseman nimmt uns mit "Das verlorene Madaillon" in eine Bergarbeiterstadt in Coal River. Emma Malloy, die nach Coal River kommt, weil sie ihre Eltern verloren hat, ist fassungslos über das ganze Elend das in der Stadt herrscht. Das die Schwester ihrer Mutter alles andere als nett ist, das wusste sie schon zuvor, nur leider blieb ihr als Waise nichts anderes übrig. Wo hätte sie hingehen sollen, ohne Geld? Es blieben nur ihre wohlhabenden Verwandten, bei denen sie aber auch für ihren Unterhalt arbeiten musste. Als sie dann bei ihrem Schwager in dem Laden zu arbeiten anfängt, wo die Bergarbeiterfamilien einkaufen mussten um dort überteuerte Ware zu kaufen, weil sie sonst ihre Arbeit verloren hätten, versuchte sie schnell den Familien irgendwie zu helfen. Sie fängt an Nachts Lebensmittel zu verteilen und ihre größte Sorge sind die Kinder die dort schon in jüngsten Jahren arbeiten müssen, damit die Familie überleben kann.     Ich habe mich sehr auf das Buch gefreut und muss ehrlich sagen, das ich ziemlich große Erwartungen an Ellen Marie Wiseman neuen Buch hatte, da mir ihr letztes Buch wirklich sehr gut gefallen hat. Leider konnte sie das ganze meiner Meinung nach leider nicht erreichen, obwohl der Schreibstil wieder wirklich toll und fließend zu lesen ist. Es lag einfach daran das ich keine wirkliche Beziehung zu Emma aufbauen konnte, weil sie ständig gegen den Strom geschwommen ist und sich viele Dinge raus genommen hat, wo sie eigentlich schneller im Waisenhaus gelandet wäre, wie sie bis 3 hätte zählen können. Das sich ihre Tante und ihr Onkel das alles gefallen lassen haben, das wirkt auf mich einfach nur unglaubhaft und hat die Lesefreude schon mal ziemlich getrübt. Ellen Marie Wiseman hat zwar das leid der Bergarbeiter gut beschrieben, aber hat es nicht geschafft das ich Emotional in der Geschichte gefangen war. Mir war das ganze einfach zu Oberflächlich und ich finde hier wurde einiges an Potenzial verschenkt.

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