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Das Südsee-Virus

Das Südsee-Virus

Öko-Thriller

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Das Südsee-Virus — Inhalt

Februar 2028: Angesichts der globalen Ökokrise begibt sich die junge Tahitianerin Maeva auf eine rettende Mission rund um den Erdball. Ob in Australien, China, Deutschland oder Kalifornien: Überall berührt Maeva die Menschen mit ihren Ideen für eine bessere Zukunft. Doch je mehr sich ihre fortschrittliche »Politik des Herzens« wie ein positives Virus unter ihren Anhängern verbreitet, desto stärker gerät sie ins Visier mächtiger Konzerne, die sich dem alten Denken verschrieben haben ...

€ 4,99 [D], € 4,99 [A]
Erschienen am 08.12.2014
336 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98188-0

Leseprobe zu »Das Südsee-Virus«

Die Berufung

Boston, Massachusetts, 29. Februar 2028. Die schwarze Limousine, die um Punkt 22 Uhr auf den Parkplatz der Marina rollte, hielt direkt auf den Bootssteg Nummer 4 zu. Ihre Scheinwerfer erhellten die langen Bohlen, als wollten sie der Person, die ihr gleich entsteigen würde, den Weg weisen. Nach zwei Minuten aber hatte sich die Tür zum Fond noch immer nicht geöffnet. Der Mann von der Security entsicherte seine Pistole und beobachtete die Szene nervös aus dem Wachhäuschen. Es vergingen weitere zwei Minuten, bevor eine sportlich gekleidete [...]

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Die Berufung

Boston, Massachusetts, 29. Februar 2028. Die schwarze Limousine, die um Punkt 22 Uhr auf den Parkplatz der Marina rollte, hielt direkt auf den Bootssteg Nummer 4 zu. Ihre Scheinwerfer erhellten die langen Bohlen, als wollten sie der Person, die ihr gleich entsteigen würde, den Weg weisen. Nach zwei Minuten aber hatte sich die Tür zum Fond noch immer nicht geöffnet. Der Mann von der Security entsicherte seine Pistole und beobachtete die Szene nervös aus dem Wachhäuschen. Es vergingen weitere zwei Minuten, bevor eine sportlich gekleidete junge Dame ihren Fuß auf das Pflaster setzte. Sie trug einen weißen Rollkragenpullover, Jeans und Joggingschuhe. An der Schulter baumelte ein roter Lederbeutel.

»Zu wem möchten Sie, Ma’am?«, fragte der Wachmann, der sein Häuschen inzwischen verlassen hatte.

»General Morgan erwartet mich.«

»Das Stichwort, Ma’am …«

»Bitte?«

»Wie lautet Ihr Stichwort, Ma’am?«

»Rosebud.«

»In Ordnung. Aber ich muss noch einen kurzen Blick in Ihre Tasche werfen.«

Die junge Frau streifte den Lederbeutel von der Schulter. ­Lächelnd sah sie zu, wie sich die Hände des Wachmannes durch aller­lei Reizwäsche, Strapse und Perücken bis auf den Grund wühlten.

»Sie dürfen passieren«, sagte er schließlich, ohne sich seine Verblüffung anmerken zu lassen. »Es ist das vorletzte Boot auf der linken Seite. Wen darf ich melden?«

»Yvonne.«

Der Security-Mann gab den Weg frei und verschwand in seinem blau-weiß gestreiften Häuschen, während die junge Frau im Lichtkegel der Scheinwerfer an den dümpelnden Luxusjachten vorbei ihrem Ziel entgegenschritt. Sie hatte das Gefühl, übers Meer zu laufen, und ihre weicher werdenden Knie verstärkten den Eindruck noch. Endlich stand sie vor dem Boot des pensionierten Generals, das sich zwischen den protzigen Wasserkutschen bescheiden ausnahm. »BUTROSE, Miami« stand in goldenen Lettern am Heck. Sie gab sich einen Ruck und stieg die schmale Gangway hinauf an Deck. Die Tür zur Kajüte stand offen, also ging sie hinein.

Der Raum verströmte einen merkwürdigen, von Des­infek­tions­mit­teln gesättigten Geruch. Die Einrichtung war erstaunlich bieder. Die gerüschten Gardinen korrespondierten auf geschmacklose Weise mit dem grell gemusterten Teppich. An den Wänden hingen ein Dutzend Kupferstiche, auf denen alte Viermaster mehr oder weniger schräg in der Dünung lagen. Der antike Sekretär mit dem blätternden Furnier war mit gerahmten Familienfotos bestückt, über denen ein goldgefasstes Barometer Aufschluss über die Wetterlage gab.

»Nimm doch Platz, Yvonne!«, rief eine brüchige Männerstimme. »Und schenk uns schon mal von dem Champagner ein!«

Auf dem gekachelten Tisch zwischen den drei Ledersesseln stand eine Flasche »Krug« im Kübel. Die junge Frau versuchte sich am Drahtverschluss der Flasche, als ein etwa siebzigjähriger Mann die Stufen hinunterstieg und auf halber Strecke stehen blieb.

»Wer sind Sie?!«, fragte er sichtlich perplex. »Was tun Sie hier!?«

Kaum dass er ausgesprochen hatte, löste sich der Korken und knallte unter die Decke. Die Frau hielt die schäumende Flasche am ausgestreckten Arm von sich. General Morgan eilte nach nebenan und kehrte mit einem Stapel Papiertaschentücher zurück, die er auf dem Teppich ausbreitete, bis sie sich vollgesogen hatten. Wie lächerlich er aussah mit seiner Kapitänsmütze, dem blauen Blazer und der weißen Hose, dachte die Frau mit der Flasche in der Hand.

»Also«, sagte Morgan und blickte an ihr hoch, »wer sind Sie?«

»Mein Name ist Jasmin, ich komme anstelle von Yvonne, sie musste kurzfristig umdisponieren.«

Der General erhob sich, rückte die Mütze zurecht und schüttelte den Kopf. »So geht das nicht«, presste er schwer atmend hervor. »Ich werde mich bei der Agentur beschweren, so geht das nun wirklich nicht. Entweder Yvonne oder keine, das sind die Regeln, so ist es mit Monique verabredet.« Seine wässrigen Augen taxierten abschätzig den Ersatzkörper, den man ihm geschickt hatte. Die Blicke des Generals streiften über die langen Beine bis hin zu den Brüsten, die sich unter dem weißen Pullover der fremden Lady deutlich abzeichneten. »Monique weiß doch, dass ich ausschließlich blonde Frauen um mich dulde«, erregte er sich und ging erneut auf die Knie, um die gesättigten Papiertaschentücher aufzuklauben.

Die junge Frau kramte in ihrem Lederbeutel nach der Perücke.

»Was lungern Sie hier noch herum?«, ließ sich der General, ohne aufzublicken, vernehmen. Dabei machte er eine wegwerfende Handbewegung, als wollte er die Ungebetene vom Schiff scheuchen. »Oder soll ich die Security rufen?«

»Möchten Sie das wirklich?«, flötete Jasmin, während sie ihr Bein an seinem knochigen Hintern rieb.

Morgan fuhr hoch, aber seine Empörung fiel augenblicklich in sich zusammen. Vor ihm stand in koketter Pose das, was er ein Traumweib nannte. Eine Figur zum Zungeschnalzen, dazu ein aufgewecktes Gesicht mit prallen Lippen, umrahmt von einer wallenden blonden Mähne, die bis weit über die Schultern reichte.

»Yvonne …«, stammelte er und umklammerte die Füße seiner Besucherin, »mein Liebchen. Du bist also doch gekommen …«

Der Frau, die sich Jasmin nannte, wurde plötzlich bewusst, dass sie in einem Rollenspiel gefangen war. Leider wusste sie nicht, welche Rolle ihr dabei zugedacht war. Also zog sie es vor zu schweigen.

»Lass uns hinaussegeln!«, rief der General euphorisch, während er unablässig ihre Schuhe küsste. »Hinaus aufs weite Meer, nur du und ich, nur du und ich, Liebchen … Ich werde jetzt ans Ruder gehen, und du machst dich inzwischen schön für mich, ja? Ja, Liebchen?«

»Ich werde mich schön machen für dich«, antwortete die Frau.

Der alte Mann gluckste auf wie ein Kleinkind und verschwand an Deck, um die Leinen zu lichten. Wenig später nahm die Jacht Kurs auf die offene See. Die junge Frau schüttete den Inhalt des Lederbeutels auf den Sessel und sortierte das Nuttengeschirr, wie sie die mitgebrachten Utensilien verächtlich nannte. Sie zwängte sich in die rote Korsage, band den Strapsgürtel um, streifte die Nylons über, schlüpfte in die roten High Heels und betrachtete das Ergebnis ihrer wundersamen Verwandlung im Spiegel. Nicht schlecht, dachte sie leicht amüsiert, während sie sich mit dem Lippenstift noch einmal über den Mund fuhr. Nicht schlecht … aber auch nicht ungefährlich. Hoffentlich lassen mich die Jungs mit diesem devoten Sack nicht allzu lange allein, hoffentlich kommt der General nicht auf die Idee, sich eine andere Bucht für seine perversen Spiele mit Yvonne zu suchen­ als gewöhnlich. Als das Motorengeräusch wenig später erstarb und sie nur noch sanft dahindümpelten, war sie jedoch sicher, dass Francis Morgan seine Obsessionen immer nach demselben Muster auslebte – Ausführung, Ambiente und Örtlichkeit schienen sich in diesem Lustspiel endlos zu wiederholen.

Die junge Frau wunderte sich, dass sie immer noch allein saß, obwohl der Anker bereits vor Minuten zu Wasser gelassen worden war. Vielleicht beobachtete er sie. Lange musste sie sich darum nicht sorgen, denn der General kam pfeifend die Treppe hinuntergestiegen. Zunächst sah sie seine dürren Beine, die in karierten Kniestrümpfen steckten, er hatte Sandalen an und trug eine kurze Lederhose, in der ein blütenweißes Hemd steckte, das über der Brust mit frischer Marmelade bekleckert war.

»Hi Mum«, bemerkte er in kindlicher Manier. Als sie nicht reagierte, zischte er: »Wie siehst du denn aus, Francis?! Los, sag es!«

»Mein Gott, Francis«, schimpfte die junge Frau weisungs­gemäß, »wie siehst du denn aus!«

Der General, oder das, was von ihm übrig geblieben war, trat verlegen auf der Stelle. Nach einer Weile stampfte er auf: »Du bist nicht bei der Sache, Yvonne! Die Peitsche! Im Sekretär!«

Während sie in den Schubladen wühlte, hörte sie Morgan in ihrem Rücken wimmern: »Bitte, Mum, nicht schlagen. Nicht schlagen, Mum …«

»Halt den Mund, Francis!«, schrie sie und war selbst überrascht über die Wucht ihrer Worte. Sie griff sich die lederne Gerte, die zusammengerollt zwischen der Wäsche steckte. Morgan lag in Erwartung seiner Strafe mit heruntergelassener Hose über der Sessellehne. Sie war drauf und dran, den dürren Hintern dieses Schweins mit einem einzigen Hieb zum Platzen zu bringen, als vier vermummte Gestalten die Kajüte stürmten. Der Anführer riss ihr die Peitsche aus der Hand und nahm sie in den Arm.

»Es ist vorbei, Laureen«, flüsterte er der Zitternden ins Ohr, wobei er zärtlich über ihren Rücken streichelte, »es ist vorbei …«

General Morgan kauerte mit aufgerissenen Augen auf dem Boden. Er fühlte sich um die Wonnen des Schmerzes betrogen, das war zu sehen.

»Ziehen Sie sich etwas Vernünftiges an, General«, sagte der Anführer, »wir sind nicht daran interessiert, Ihr Sexualleben zu kolportieren.«

Er half Morgan auf und begleitete ihn nach nebenan, wo sich der General seiner Kinderklamotten entledigte, um wieder in die Uniform des Freizeitkapitäns zu schlüpfen.

»Was wollen Sie von mir?«, fragte er seinen vermummten Aufpasser.

»Die Wahrheit«, antwortete dieser und schubste seine prominente Geisel zurück in die Kajüte, wo seine Mitstreiter gerade dabei waren, eine Minikamera auf einem Stativ zu installieren. Sie drückten Morgan in den Sessel, zwangen ihn, die aktuelle Ausgabe des »Boston Globe« hochzuhalten, und hängten ihm ein handgeschriebenes Plakat um den Hals: »GENERAL FRANCIS MORGAN IM INTERVIEW MIT EARTH FIRST!«

»Ist es richtig, General«, hörte Morgan den Vermummten sagen, »dass Sie Mitglied eines von der NATO gebildeten trans­atlantischen Thinktanks waren, dessen Aufgabe es war, neue Militär­strate­gien zu entwickeln, damit die Regierungen der Industriestaaten im Zeichen des Klimawandels ordnungspolitisch gerüstet sind?«

»Das ist richtig«, antwortete Morgan leise.

»Wer außer Ihnen gehörte dieser illustren Gesellschaft noch an?«

Morgan wischte nervös mit den flachen Händen über die Lehne: »Es handelte sich um die fünf ehemaligen Generäle und Generalstabschefs Jacques Lacroix aus Frankreich, Henk van den Breunen aus den Niederlanden, Klaus Neukirchen aus Deutschland, Lord Peter Inglewood aus Großbritannien und John Shakashvili aus den USA.« Er sagte das in einem Ton, als würde er sein eigenes Todesurteil verlesen.

»Erzählen Sie uns über die Motive dieser Veranstaltung.«

»Vor dem Hintergrund der klimatischen Umwälzungen und Ressourcenkonflikte waren die USA und andere westliche ­Staaten daran interessiert, sich eine unangreifbare Position zu ­sichern, nach innen wie nach außen.«

»Können Sie uns das bitte näher erläutern?«

»Natürlich. Eine der Hauptgefahren, der sich die Regierungen der Industriestaaten heute gegenübersehen, sind die enormen Bevölkerungswanderungen, die durch den globalen Klimawandel ausgelöst werden. Auch im Inneren eines Landes. Wasserknappheit, Dürre, Naturkatastrophen – das alles führt zu chaotischen, ja anarchischen Zuständen, denen nur mit mili­tärischen Mitteln begegnet werden kann, wenn man einen Rest an Ordnung und sozialer Sicherheit aufrechterhalten will. Das dürfte selbst Ihnen einleuchten …«

Der General schien seine anfängliche Überraschung über den Überfall abgeschüttelt zu haben. Er war nicht gefesselt worden, niemand zielte mit der Waffe auf ihn, so schlimm konnte es also nicht sein. Daher schien es ihm ratsam, in die Offensive zu gehen. Schließlich verteidigte er ein Strategiepapier, das längst Bestandteil offizieller Politik geworden war, auch wenn die Öffent­lichkeit davon nicht die geringste Ahnung hatte.

»Im Zeichen des Klimawandels bleibt uns unter sicherheitspolitischen Erwägungen gar nichts anderes übrig, als genau so zu handeln«, fuhr er süffisant fort. »Es geht um die Frage, wie angesichts von Überschwemmungen, Dauerdürren und dem massiven Verlust an Grund- und Trinkwasser die staatliche Ordnung aufrechterhalten werden kann. Um diese Aufgabe er­füllen zu können, wurden und werden seitens der NATO weitreichende politische, rechtliche und selbstverständlich auch militärische Strukturen geschaffen, die sowohl gegen die eigene Bevölkerung als auch gegen andere Staaten in Stellung gebracht werden.«

Laureen, die sich inzwischen aus ihrem Nuttengeschirr geschält hatte, verpasste dem General eine so kräftige Ohrfeige, dass seine Kapitänsmütze bis vor die Kommode segelte. Morgan wischte sich das Blut von der Nase.

»Das schneiden Sie sicher raus …«, bemerkte er zynisch. »Herrgottnochmal«, entfuhr es ihm, »seien Sie doch nicht so verdammt blauäugig! Es ist davon auszugehen, dass der Meeresspiegel noch in diesem Jahrhundert um mehrere Dezimeter steigt. Dann sind außer den flachen Küstenregionen 21 Mega­städte von Überschwemmungen betroffen. Es wird also zu enormen Versorgungsengpässen kommen. Auch in den USA und Europa. Die Frage lautet somit: Wer besitzt die Verfügungs­gewalt über die knappen Ressourcen, wer entscheidet über Versorgung oder Nichtversorgung der Menschen?«

Er blickte seine Bewacher höhnisch an. »Die Weltgetreidevorräte sind in diesem Jahr auf den niedrigsten Stand geschrumpft, der je gemessen wurde«, fügte er triumphierend hinzu. »Vergessen Sie die Tortillaunruhen in Mexiko, die Pastademonstra­tionen in Italien und den Aufruhr in Pakistan, Mauretanien und im Senegal im vergangenen Jahr, das war erst das Vorgeplänkel zu sehr viel vehementeren Hungeraufständen. Wie wollen wir das in den Griff kriegen, wenn nicht durch militärische Gewalt? Armee, Polizei, private Sicherheitsdienste – das sind die Garanten des sozialen Friedens, falls man überhaupt noch davon sprechen kann.«

»Ist es wahr«, fragte Laureen mit zitternder Stimme, »dass der Thinktank, dem Sie angehörten, den Regierungen empfohlen hat, Klima- und Umweltschützer in Zukunft als Terroristen, als sogenannte ungesetzliche Kämpfer zu behandeln?«

Morgan wandte unwirsch den Kopf. Das Mädchen mit dem weißen Pullover war ja immer noch da. Hatte er sie nicht vorhin von Bord gejagt?

»Stimmt es, dass die Earth Liberation Front, die Wilderness Society, die Animal Liberation Front, Earth First!, Greenpeace, Amnesty International und zahlreiche andere Menschenrechts- und Umweltschutzorganisationen vom FBI als Terrorgruppen behandelt werden?«

Morgan zog es vor zu schweigen.

»Sie müssen nicht antworten«, sagte der Mann mit der Maske. »Uns liegt eine Kopie des Strategiepapiers vor. Und wenn ich den Text richtig interpretiere, hat das Kriegsrecht längst Einzug gehalten in unseren gesellschaftlichen Alltag. Erzählen Sie uns von den zwölf Milliarden Dollar, die der Militärausrüster Kellogg, Brown & Root aus Washington bezogen hat.«

Der General senkte den Kopf, zu einer Erklärung war er nicht zu bewegen.

»Gut, dann werden wir es Ihnen sagen. Mit dem Geld wurden im Auftrag der Einwanderungs- und Zollbehörde gigantische Internierungslager gebaut. Sie befinden sich weit abgelegen in Nevada, Oregon, Oklahoma und Utah. In diesen sogenannten Detention Camps landen jene Menschen, die von Natur­katas­tro­phen heimgesucht oder von den Militärs bei der Verteidigung des Firmen- und Privateigentums als Störfaktor angesehen werden. Wer in die Detention Camps verbracht wird, darf dort ohne Anklage auf unbestimmte Zeit festgehalten werden. Ist das so?«

Morgan nickte müde.

»Halten wir also fest«, sagte der Vermummte, »während der einfache Bürger jederzeit ohne Rechtsbeistand beliebig lange interniert werden kann, werden die Reichen dieses Landes mit Waffengewalt geschützt. Ihre Enklaven werden immer gut versorgt, betreten darf sie nur, wer die erforderliche Zugangs­berechtigung besitzt. Interpretiere ich das richtig, General?!«

»Ja.«

»So hat der Klimawandel also dafür gesorgt, dass sich die Mächtigen des Landes auf die letzten natürlichen Schutzgebiete zurückziehen können, ohne dass der von ihnen gelenkte Staatsapparat die Kontrolle über die übrigen Landesregionen aus der Hand geben muss. Bravo, General, das ist doch mal eine Sicherheitspolitik nach dem Geschmack der Allgemeinheit …«

Morgan nahm die Kapitänsmütze ab, er merkte wohl selbst, was für eine lächerliche Figur er abgab.

»Eine letzte Frage noch«, sagte der Mann mit der Maske. »Aus der Kopie, die uns vorliegt, geht hervor, dass Sie und Ihre Kollegen vehement dafür plädiert haben, einen Kernwaffen-Präventivschlag auch gegen Nichtnuklearstaaten durchzuführen, wenn nach Einschätzung der Militärs die eigene Sicherheit gefährdet ist. Wie ist Ihre Empfehlung von den Auftraggebern aufgenommen worden, General?«

»Wohlwollend«, murmelte Morgan.

Laureen war drauf und dran, dem General an die Gurgel zu gehen, wurde aber von einem ihrer Mitstreiter daran gehindert. Die Männer bauten das Stativ ab und kletterten in das Zodiac, das am Heck der Jacht vertäut war. Der General wartete noch einige Sekunden, dann stemmte er sich aus dem Sessel, schlurfte auf den Sekretär zu, öffnete die oberste Schublade und wühlte fahrig zwischen den Wäschestücken herum.

»Suchen Sie die hier?«

Der alte Mann drehte sich um und blickte in das Gesicht dieser jungen Frau mit dem weißen Pullover und seiner Pistole in der Hand. Hatte er sie nicht längst von Bord …?

Laureen drückte ab. Morgan sackte zu ihren Füßen zusammen wie eine Marionette, die man zu Boden legte. Erstaunt bemerkte das Mädchen, wie das Barometer von der Wand fiel und ihrem Opfer eine zusätzliche Platzwunde am Kopf bescherte. Sie ließ die Pistole fallen und taumelte an Deck. Unter ihr heulte der Motor des Zodiac auf.

Dirk C. Fleck

Über Dirk C. Fleck

Biografie

Dirk C. Fleck, geboren 1943 in Hamburg, studierte an der Journalistenschule in München. Er war Lokalchef der Hamburger Morgenpost, Redakteur bei Tempo, Merian und Die Woche. Seit 1995 ist er als freier Autor unter anderem für Spiegel, Stern, Geo und die Welt tätig. Neben »Palmers Krieg«...

Weitere Titel der Serie »Maeva-Trilogie«

Band 1 und 2 der Trilogie von Dirk C. Fleck. Der Hamburger Journalist Cording und die Tahitianerin Maeva kämpfen darum, die letzten ökologischen Paradiese der Welt zu retten und geraten damit ins Visier mächtiger Konzerne, die ihre eigenen Pläne verfolgen.

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