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Das Sonntagsmädchen

Das Sonntagsmädchen

Roman

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Das Sonntagsmädchen — Inhalt

Immer sonntags öffnet die herrschaftliche Villa in Marseille ihre schmiedeeisernen Tore und wird zum Treffpunkt für Künstler und Intellektuelle, die aus allen Ecken des Landes herbeiströmen. Auch der junge Maler Gabriel Lambert macht sich auf den Weg nach Südfrankreich. Doch es ist das Nachbarhaus, das ihn schon bald in seinen Bann zieht. Denn dort wohnt ein Mädchen, dessen Schönheit ihn vom ersten Augenblick an fesselt. Ein Mädchen, für das er alles zu tun bereit ist - koste es, was es wolle ...

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 15.09.2014
Übersetzt von: Elke Link
464 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-96493-7
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Leseprobe zu „Das Sonntagsmädchen“

Vom Schreibtisch von Sophie Cass

New York – 28. August 2000

Sehr geehrter Mr Lambert,

die Sache ist die: Sie können meine Briefe ignorieren, wenn Sie wollen, aber die New York Times bringt meinen Artikel, ob es Ihnen beziehungsweise Ihren Anwälten passt oder nicht. Wäre da nicht unsere familiäre Verbindung, würde ich Sie auf der Stelle verklagen. Ich mag Drohungen nicht. Ich bin Berufsjournalistin und arbeite investigativ, Mr Lambert, und ich mache nichts anderes als meine Arbeit. Hier geht es nicht um einen persönlichen Racheakt, wie Sie behaupten, und [...]

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Vom Schreibtisch von Sophie Cass

New York – 28. August 2000

Sehr geehrter Mr Lambert,

die Sache ist die: Sie können meine Briefe ignorieren, wenn Sie wollen, aber die New York Times bringt meinen Artikel, ob es Ihnen beziehungsweise Ihren Anwälten passt oder nicht. Wäre da nicht unsere familiäre Verbindung, würde ich Sie auf der Stelle verklagen. Ich mag Drohungen nicht. Ich bin Berufsjournalistin und arbeite investigativ, Mr Lambert, und ich mache nichts anderes als meine Arbeit. Hier geht es nicht um einen persönlichen Racheakt, wie Sie behaupten, und ich habe auch keine hinterhältige Taktik angewandt. Als Künstler werden Sie sicherlich verstehen, dass es darauf ankommt, hinzusehen, gut zuzuhören und die Dinge wahrzunehmen, die anderen entgehen. Ich habe hingesehen und die Wahrheit erkannt – schlicht und einfach.

Meine Quellen sind absolut zuverlässig, und was noch wichtiger ist, ich habe darüber hinaus neue Beweise für meine Behauptungen. Mr Lambert, ich habe Fotos entdeckt, die Alistair Quimby 1940 aufgenommen hat, in dem Sommer, bevor Sie Varian Fry in Marseille getroffen haben. Es sind nicht nur phantastische Bilder von meiner Großtante Vita, sondern auch Bilder von Ihnen bei der Arbeit im Atelier des Château d’Oc. Von Ihnen beiden. Mehr muss ich nicht erklären, nehme ich an.

Ihr Anwälte haben sich verdammt angestrengt, mich zu warnen, aber jetzt warne ich Sie – dieser Artikel über Ihre glorreiche Karriere und Ihren angeblichen 90. Geburtstag wird gedruckt. Ich biete Ihnen eine allerletzte Chance, Ihre Sichtweise zu schildern, bevor ich den Text abgebe. Ich besuche Sie nach dem Labor Day, am 7., Donnerstagmittag. Ich kann mir vorstellen, dass Sie mittlerweile zu sprechen bereit sind.

Mit freundlichen Grüßen

Sophie Cass

 

1

Flying Point, Long Island – September 2000

Es gibt kaum etwas, was leerer ist als die Stelle, an der zuvor ein Christbaum stand. Zumindest sagt Annie das immer. Wenn es nach meinem lieben Mädchen ginge, hätten wir das ganze Jahr über einen Baum, und die weiße Lichterkette würde immer draußen auf der Veranda hängen. Als ich jünger war, schwamm ich bei Sonnenuntergang hinaus und sah die Venus und die Sterne über mir, und dieser Strang von Lichtern führte mich nach Hause – wie schimmernde Perlen am dunklen Hals der Bucht. Wenn wir nachts mit den Hunden am Strand spazieren gingen, nahm sie meine Hand oder legte den Arm um mich. Gabe, sagte sie, schau, das ist wie unsere eigene Galaxie an der Küste.

Viele staunen über unser Haus. Von dem bedeutenden Mann erwartet man etwas Protzigeres, aber niemand sieht, dass ich hier alles habe, wovon ich je träumte: Ich habe das klare Licht der See, das durch die eckigen offenen Tore in die Scheune dringt, in der ich arbeite, und ich habe Annie. Eines Sommers bezahlte ich ein paar Jungs aus Pennsylvania dafür, dass sie mir die Scheune aufbauten – es ist eine alte rote im Kolonialstil, mit Walmdach und Toren, die sich weit in Richtung Norden öffnen. Ich brauche Platz, um zu arbeiten, um meine Leinwände auszubreiten, aber Annie wollte nie ein Atelier. Als ich ihr anbot, ihr eines zu bauen, sagte sie: „Was soll ich denn damit?“ Sie stellte sich nur einen kleinen Tisch bei der Küche auf, an der Wand. Sie ist gerne mitten im Geschehen, sagt sie, dann können die Kinder kommen und gehen, während sie ihre schönen Kleider näht. Ihre Arbeiten sind in Kollektionen im ganzen Land enthalten, aber wenn man sie so mit gebeugtem Kopf über ihrer Stickerei sitzen sieht, würde man das nicht vermuten. Immer hockt ihr ein Hund zu Füßen, und eine Katze rollt sich im warmen Schein ihrer Lampe ein, wenn sie näht. Zuerst waren es unsere eigenen Kinder, und jetzt sitzt oft irgendein Enkelkind neben ihr im Hochstuhl oder spielt mit Bauklötzen oder Puppen auf dem Boden, und das Radio tönt im Hintergrund. Vielleicht mögen die Leute deshalb ihre Kunst – in jedem ihrer Stiche pulsiert und glänzt das Leben. Meine Bilder machen den Leuten Angst, schüchtern sie ein. Sie sind groß und intensiv, genau richtig für kompromisslose White-Cube-Galerien und himmelhohe Innenhöfe von Firmengebäuden. Ich weiß, womit ich lieber leben würde. Mit der Zeit haben mich die Leute mit meinen Bildern verwechselt. Eines habe ich gelernt: Wenn man gute Arbeit leistet, es bis in mein Alter schafft und die Klappe hält, dann wird man zum zurückgezogen lebenden Genie verklärt. Ich mag meinen Ruf, befördere ihn noch: der undurchschaubare alte Mann der Abstraktion. Die Leute haben Angst, mir zu viele Fragen zu stellen, und das ist mir nur recht. Lediglich die Mutigsten belästigen mich hier draußen. Ich werfe einen Blick auf den Brief des Mädchens auf dem Tisch. Nur die Frechsten finden mich.

Mein Kaffee ist kalt geworden, während ich das Kind in den Armen wiege und hinaus aufs Meer schaue. Billie Holiday singt It’s a Sin To Tell A Lie auf meinem Magnavox Imperial von 1959, und die Stimme von Lady Day tanzt mit den Engeln oben zwischen den Dachsparren, das Calder-Mobile schwingt mit der Melodie, die in die Luft aufsteigt wie Blasen in klarem Wasser. Das ist Annies Lieblingslied. Sie hat immer ein schelmisches Funkeln in den Augen und singt leise mit, wenn wir dazu tanzen und unsere bloßen Füße über die sandige Veranda gleiten, von der man das Meer überblickt. Meine Frau kennt mich gut. Ich habe in meinem Leben über vieles Lügen erzählt, habe aber nie gelogen, was meine Liebe zu ihr betraf.

Ich liebe auch diese Jahreszeit, schon immer. Für mich gibt es nichts Schöneres als einen leeren Strand mit dem blendend weißen Sand, dem Meer mit seinem winterlichen Wellengang und dem klaren blauen Himmel über allem. Hier kann ich atmen. Jeden Tag fühle ich mich beim Aufwachen wie der erste Mensch auf der Erde, mit Eva an seiner Seite. Nach dem Labor Day, wenn all die schicken Cottages an den Dünen winterfest gemacht und die Hecken abgedeckt sind, schleudern Annie und ich uns die Schuhe von den Füßen, gehen hinunter zu unserem Strand und stecken die Zehen in den Sand. Wir machen ein Lagerfeuer, grillen ein paar Fische und trinken ein Glas Chardonnay darauf, dass wieder ein Sommer vergangen ist. Annie trinkt nicht viel, aber an diesen Abenden rollt sie sich unter einer alten Karodecke zusammen und erzählt, die Wangen gerötet, von der Vergangenheit, unserem Leben und unserer Zukunft, wie früher das Mädchen, das ich kennengelernt hatte, als wir in den Wäldern bei Air Bel wie Kinder in einem Märchen herumspazierten.

Ich bin ein zufriedener Mensch. Mehr wünsche ich mir nicht für meine Kinder. Ich habe ihnen allen genug gegeben, um ins Leben zu starten, aber nicht so viel, dass sie nicht daran arbeiten müssten. Zu viel Bequemlichkeit kann einen Menschen ruinieren, das habe ich mir oft gedacht, wenn ich manche von den Kindern der Reichen anschaue, die ich kannte. Man verliert den Biss. Ich wollte nicht, dass die Kinder so kämpfen müssen wie Annie und ich, aber den Rest des Geldes habe ich in aller Stille weggegeben. Wenn irgendein Idiot von Banker meinen Händlern eine Million Dollar für eines meiner frühen abstrakten Bilder zahlen will, soll er doch. Zum Teufel, ich bin der Robin Hood der Kunstwelt. Es gibt genügend Menschen auf der Welt, die das Geld dringender brauchen als wir, und ich muss für so vieles in dem Leben, das ich gelebt habe, dankbar sein, in diesem guten und einfachen Leben, das ich nicht verdiene.

 

 

2

Williamsburg, Brooklyn – Mittwoch, 6. September 2000

Sie wird vom Flattern weißer Flügel geweckt, ein Wirbel, dessen Silhouette sich vor dem hellen Morgenlicht abzeichnet, das durch das vorhanglose Loftfenster dringt. Sophie schreckt aus ihrem tiefen Schlaf auf, schützt das Gesicht mit dem Arm vor dem Licht, vor dem Vogel. Sie kneift die Augen zusammen, der Vogel sucht verzweifelt den schmalen Spalt, durch den er geschlüpft ist, die Flügel schlagen hilflos gegen die hohen Glasscheiben.

„Wie bist du denn hier reingekommen?“ Sophie öffnet das Fenster weit. Die Geräusche der aufwachenden Stadt dringen mit dem leichten, warmen Wind ins Studio: unten Verkehrshupen, das Brummen von Klimaanlagen auf dem Dach über ihr, irgendwo ein blechernes Radio, auf dem Said I Loved You spielt …

Jess’ Lieblingslied, denkt sie sofort. Pawlowartig rauscht ihr ein Cocktail von Erinnerungen durch den Kopf. Sie erinnert sich, wie sie ihn wegen seines Musikgeschmacks geneckt hat, als sie sich kennenlernten, wie seine seltsame Vorliebe für Powerballaden zu einem Dauerscherz wurde: Allen Ernstes? Unter diesem Brooks-Brothers-Anzug trägst du Mähne und ausgewaschene Jeans? Sophie denkt an den Abend, als sie bei irgendeiner Party auf einer Veranda in East Hampton langsam zu dem Lied tanzten – ein Wunsch von ihm. Alle hatten gelacht und gestöhnt, als der DJ das Stück spielte, aber das verlieh dem Augenblick, der Art, wie Jess mit ausgestreckter Hand auf sie zukam, eine vollkommene Leichtigkeit. Sie erinnert sich an seine Sicherheit, wie er sich allein auf sie konzentrierte, an das Rauschen der Brandung und den süßen Erdbeergeschmack, den sie noch auf den Lippen hatte, als er sie küsste. Sie dreht die Hand, da sie daran denkt, wie ihr der Ring über den Finger rutschte, wie der Stein im Mondlicht glitzerte. Sophie hebt die weiße Bettdecke hoch. Von allen Liedern. Unser Lied … Sie korrigiert sich. Sein Lied. Die Melodie treibt von einem offenen Eingang in der Grand Street nach oben, hinauf in den Morgenhimmel, und trägt ihre Gedanken mit sich.

Sophie spricht langsam mit dem Vogel, beruhigt ihn in seiner hektischen Suche nach Freiheit. „Na komm schon“, sagt sie und wirft das Betttuch in dem Moment über ihn, als er in der Ecke des Studios landet. Sanft umfasst sie den Vogel mit beiden Händen, spürt das Stakkato seines Herzschlags an den Fingern, den feinen, kuppelförmigen Bogen seines Brustkorbs.

Am Fenster lässt sie ihn frei, sieht zu, wie er in dem dunstigen Morgenhimmel über Brooklyn aufsteigt. Die Luft ist heiß, greifbar, durchsetzt von den Gerüchen der Straßen – Benzin, Kaffee, die Schalen reifer Melonen in den Müllcontainern hinter dem Laden. Die Taube gesellt sich zu ihren mit faden Federn geschmückten Freunden, die auf dem Giebel des gegenüberliegenden Gebäudes hocken, ein bleiches Satzzeichen in dem Morsecode aus gurrenden Vögeln, die sich die Nacht aus den Federn schütteln.

Sophie setzt sich in die Sonne aufs Fensterbrett, die Ziegel wärmen ihr durch ihr dünnes weißes Baumwollhemdchen den schmerzenden Rücken. Sie schließt die Augen, hält das Gesicht in die Morgensonne und dreht den Kopf von einer Seite zur anderen, um die Verspannungen im Nacken zu lösen. Ihr goldblondes Haar fällt ihr über die Schultern, ein glänzender Kranz, den sie nimmt und mit geübter Leichtigkeit zu einem lockeren Knoten dreht. Auf dem durchhängenden, mit rotem Samt bezogenen Sofa und dem einzelnen Kissen ist noch der Abdruck ihres ruhelosen Schlafs zu sehen. Das Lied ist zu Ende, und als der Jingle des Radiosenders sie von den Gedanken an Jess erlöst, geht ihr der Brief wieder durch den Kopf, die Endlosschleife, seit sie morgens um vier Uhr aufgewacht war. War ich zu hart?, denkt sie. Was ist, wenn Lambert mich nicht sprechen will? Sie hat den Brief so oft gelesen, dass sie ihn auswendig kann. „Ich bin Berufsjournalistin und arbeite investigativ.“ Sie zuckt innerlich zusammen. Was für einen Eindruck hätte wohl „Feuilletonmitarbeiterin mit frischem Abschluss und null beruflicher Erfahrung“ auf seine Superanwälte gemacht?

Als sie Pfoten über den bloßen Betonboden trapsen hört, dreht Sophie sich lächelnd um. „Hey, Mutt.“ Der Dackel gähnt und dehnt sich, die Vorderbeine ausgestreckt, den wackelnden Schwanz aufgestellt. „Na komm“, sagt Sophie und schwingt sich vom Fensterbrett herunter. Sie macht sich frisch, nimmt ein sauberes weißes Hemd und schlüpft hinein. Dann greift sie nach der Leine, die zusammengerollt auf ihrem Koffer liegt, und tappt durch das Studio. Das Sonnenlicht fällt in breiten Parallelogrammen in den offenen Raum und heizt ihn auf. Sie schaltet die Kaffeemaschine ein, nimmt eine frische Packung Kaffee von Zabar’s aus dem Lebensmittelpaket, das ihre Mutter ihr aufgedrängt hatte, reißt die Versiegelung auf und atmet den intensiven Duft des gerösteten Kaffees ein, während sie ihn in den Filter schüttet. Sie wirft einen Blick in die Einkaufstüte, entdeckt die vertraute geschwungene Handschrift ihrer Mutter auf einem Zettel unter ein paar Bagels. Sophie streicht ihn glatt. Halte durch. Ich hab dich lieb. Kuss, Mama. Er steckt an einem Essay von Henry James, sie hat einen Absatz unterstrichen.

Sophie bleibt kurz an der Tür stehen, um mit ihren gebräunten Füßen in weiße Converse-Sportschuhe zu schlüpfen, knöpft sich das Hemd locker zu, krempelt die Ärmel hoch und knotet es in der Taille über ihren Chinos zusammen. Mutt scharrt ungeduldig mit den Pfoten über den Boden und stupst ihr Bein mit dem Kopf an.

„Ich weiß, ich weiß“, sagt sie, „nur noch eine Sekunde, ja?“ Sie steckt sich eine Ray Ban in die Haare, überprüft ihr Bild im Spiegel, reibt einen Wimperntuschefleck unter ihren meergrünen Augen weg, wischt mit dem Daumen ein wenig Zahnpasta aus der Vertiefung in ihrer Unterlippe ab. Du kannst das, sagt sie sich, und in Gedanken ist sie schon bei dem Treffen mit Lambert. Ihr Magen zieht sich vor Nervosität und Anspannung zusammen. Sie hat sich schon tausendmal vorgestellt, wie es sein wird, ihn endlich zu treffen. „Sei großzügig, sei feinfühlig, und verliere niemals dein Ziel aus den Augen“, zitiert sie murmelnd aus dem Essay von James. Sie steckt die Papiere in ihren abgenutzten Lederbeutel, nimmt sich ihre Schlüssel und ein paar Dollarscheine, dann schiebt sie die Riegel an der schweren Metalltür zurück. „Gehen wir.“

Auf der Straße löst sich ihre Anspannung, während sie um den Block zur Bedford Avenue laufen, der Puls einer Basslinie, der aus einem aufgemotzten Chevy in einer Seitenstraße zu ihr dringt, schlägt im Rhythmus ihres Herzens, während sie darauf wartet, dass Mutt seinen Lieblingslaternenmast in der Nähe des Restaurants Kam Sing tauft. Die metallene Kellertür steht offen, und der Geruch von Bratöl und Gewürzen vom gestrigen Abend weht herauf. Sophie holt ihr Handy aus der Tasche, wählt die Nummer ihrer Mutter und weicht einer Gruppe graugesichtiger Pendler aus, die auf dem Weg zur Linie L sind. Während sie wartet, bis die Leute vorbeigegangen sind, erblickt sie kurz ihr Spiegelbild im Fenster, eine weiße Glückskatze aus Keramik winkt ihr von der Theke aus zu. Es ist besetzt. Mit gerunzelter Stirn steckt Sophie das Telefon wieder ein.

„Fertig? Ganz sicher?“, fragt sie, als der Hund weiterläuft. Sie bindet ihn vor dem Lebensmittelladen an einer mit Graffiti bekritzelten Wand fest. Sie kauft frischen Orangensaft, währenddessen hält er den Blick starr auf sie gerichtet. Sophie nimmt eine New York Times aus dem Zeitungskasten. Sofort erspäht sie seinen Namen, gleich unter der Schlagzeile. Alle Buchstaben verschwimmen, und nur noch zwei Wörter bleiben stehen: Jess Wallace, verblüffend deutlich. Mutt bellt ungeduldig, und Sophie muss unwillkürlich lächeln, als sie zu ihm geht und ihn losbindet. „Na, das ging doch ganz fix.“ Die gute Laune des Hundes ist ansteckend, das freudige Wackeln mit dem Schwanz überträgt sich auf seinen ganzen Körper – sie sind wieder zusammen, so einfach ist das. Sophie hängt sich die Leine und die Tüte über das Handgelenk und blättert beim Gehen die Zeitung durch. Den Artikel auf der ersten Seite liest sie absichtlich nicht, sondern sucht ihre aktuelle Kolumne über eine neue Ausstellung, die gerade eröffnet worden war. Sie findet sie ganz hinten im Feuilleton, irgendwo zwischen den Anzeigen. Wie ein Nachgedanke.

Im Studio läuft die Dusche. Mica singt aus voller Kehle zu Macy Gray im Radio. Sophie schenkt sich eine Tasse Kaffee ein und schafft Platz zwischen den Skizzen und den Stoffrollen auf dem Esstisch. Sie breitet die Fotos und Dokumente aus ihrem Beutel aus, als würde sie Spielkarten austeilen. Auf jedem Bild klebt ein gelber Post-it-Zettel, auf dem in schwarzer Tinte deutlich geschrieben steht: Gabriel Lambert 1970? Letztes bekanntes Bild. Varian Fry, André Breton 1940. JC: Gabriel und Annie Lambert, Party, Long Island, 1960er. Sophie nimmt dieses letzte Bild in die Hand, betrachtet es genau. Die junge Frau trägt ihre blonden Haare modisch offen, ein schwerer, gerade geschnittener Pony hängt über den mit Kajal dunkel geschminkten Augen, die den schlanken, sonnengebräunten Mann neben ihr voller Liebe anblicken. Seine schwarzen Haare werden an den Schläfen grau, er trägt sie so lang, dass sie an den Kragen seines ausgewaschenen Jeanshemds stoßen. Sein Blick ist wild, die Augen haben die Farbe des Himmels. Die Chemie zwischen den beiden ist greifbar, selbst nach all den Jahren, zwischen ihren Körpern ist keine Luft, er hat ihr den Arm schützend um die Taille gelegt, ihre Hand ruht flach auf seiner Brust. Wie geht das?, denkt sie. Wie erhält man diese Leidenschaft ein Leben lang aufrecht? Ihr Magen krampft sich zusammen, als sie daran denkt, die beiden endlich kennenzulernen. Ihre legendäre Liebesaffäre fasziniert Sophie, die Vorstellung, dass es manchmal ein „glücklich bis an ihr Lebensende“ gibt, ist ein Hoffnungsschimmer in der Dunkelheit.

„Na, Süße, ich habe gar nicht bemerkt, wann du gestern Abend heimgekommen bist“, sagt Mica. Ihr roter Sarong leuchtet, als sie durch das Sonnenlicht geht, Wasser perlt auf ihrer frisch eingeölten Haut.

„Ich wollte dich nicht wecken. Wie war dein Kurzurlaub?“

„Du weißt schon, Tag der Arbeit, meine Familie.“ Mica schürzt die Lippen. „Wie geht’s deiner Mutter?“

„Sie schickt liebe Grüße.“

„Hast du es geschafft, dein ganzes Zeug bei ihr im Schuppen unterzubringen?“

„Fast.“ Sophie hebt eine Augenbraue, als sie zu Mutt hinunterschaut. „Mom hat vorgeschlagen, wir sollten einfach dort einziehen. Was meinst du?“ Der Hund legt den Kopf schräg und hört zu.

„Wo wohnt sie noch mal?“

„In Montauk.“

„Könnte schlechter sein.“ Mica zuckt mit den Schultern, nimmt sich einen leuchtend grünen Apfel aus der Schüssel auf der Theke. „Wenn dich die Times nicht Vollzeit nimmt, könntest du dir einen Job in einem dieser schicken Hummerrestaurants suchen.“

„Danke für das Vertrauensvotum“, sagt Sophie. „Die machen gerade alle dicht, aber ich fahre morgen wieder nach Long Island, um zu sehen, ob noch irgendwer jemanden einstellt, nur für den Fall.“

„Haha.“ Mica beißt in den Apfel. „Mann, du verbringst mittlerweile mehr Zeit dort draußen als in der Stadt. Der Artikel, an dem du schreibst?“

„Ja.“ Sophie reibt sich die Nasenwurzel, legt den Zeigefinger auf die Lippen, während sie das Foto von Gabriel und Annie ansieht. „Ich bin froh, wenn es vorbei ist.“

„Schläfst du besser?“

Sophie blickt von dem Bild auf. „Na ja, mir gehen immer diese vielen Fragen durch den Kopf.“

„Heute nimmst du zur Abwechslung mal das Schlafzimmer. Du musst ausgeschlafen sein, wenn du endlich dem großen Gabriel Lambert von Angesicht zu Angesicht gegenübertrittst, meine Kleine.“ Mica kommt zu ihr. „Hast du wieder die ganze Nacht durchgearbeitet?“

„Es muss perfekt sein.“ Muss es einfach, denkt sie. Was hat ihr Redakteur noch mal gesagt? Bei deinen Artikeln muss noch zu viel korrigiert werden, Sophie. Bei der Times ist Genauigkeit das Wichtigste. Du bist schnell, du bist engagiert, aber du machst zu viele Anfängerfehler. Wenn du es schaffen willst, musst du jeden Hinweis, jede Zeile prüfen und nochmals prüfen. Ich weiß, dass du ein paar schwere Monate hinter dir hast, aber wenn du diesen Lambert-Artikel nicht niet- und nagelfest machst, dann muss ich dich ziehen lassen.

„Wo wir gerade von perfekt reden, hast du das gesehen?“ Sophie zeigt auf die Titelseite der Zeitung.

„Jess? Ist er wieder da?“

„Wer weiß? Es gibt irgendein großes Gipfeltreffen bei den UN, vielleicht ist er deshalb in der Stadt.“ Ihr dreht sich der Magen um bei dem Gedanken daran. „Ich habe seit Wochen nicht mehr mit ihm gesprochen.“

„Gut.“ Mica wirft einen Blick auf die Uhr. „Das ist am besten so, Schatz. Ein klarer Bruch. Du wirst sehen, du bist bald wieder obenauf.“ Sie hebt den Kopf. „Musst du nicht los?“

„Ist es schon so spät?“ Sophie sammelt ihre Unterlagen zusammen, hängt sich den Beutel über die Schulter. „Danke, Mish.“ Sie umarmt ihre Freundin. „Ich verspreche dir, es ist nicht mehr für lange.“

„Nimm dir alle Zeit, die du brauchst, um etwas zu finden. Mutt und ich kommen bestens miteinander aus, oder?“, sagt sie zu dem Hund. „Meine Kunden sind alle begeistert.“ Der Hund blickt zu ihr hoch.

Sophie sieht auf die Uhr und schiebt ihr Fahrrad zur Tür. „Kommt heute jemand?“

„Ja.“ Mica zeigt auf eine mit Musselin behängte Schaufensterpuppe in der Ecke des Studios, in der Nähe ihres Zeichenbretts. Die Form deutet die vollen Röcke eines Hochzeitskleids an, eine funkelnde, kristallene Tiara sitzt obenauf. „Verdammt, ich …“ Sie zögert und wirft einen Blick zu Sophie hinüber.

„Schon gut“, sagt diese, ihre Stimme wird weich. „Ich habe das Gleiche gedacht. Es wäre letztes Wochenende gewesen.“ Sophie öffnet die Tür. „Schon absurd, dass ich jetzt ausgerechnet in einem Studio für Brautkleider untergekommen bin.“ Sie sieht Mica an und zwingt sich zu einem Lächeln. „Ich sage ja immer, das Universum hat einen Sinn für Humor.“

Sophie zieht das Gitter auf und schiebt das Fahrrad in den Aufzug. „Sehen wir uns später?“

„Um fünf im MoMA?“ Mica hebt die Hand, als Sophie verschwindet.

Auf der Straße bleibt Sophie stehen, da ihr Mobiltelefon in der Tasche vibriert, der alte Klingelton ist über den Verkehr hinweg zu hören. Mit einer Hand schiebt sie das Rad über den Gehsteig und klemmt sich das Handy unter das Kinn. „Mom?“

„Hallo, Schatz, entschuldige, ich war gerade beim Pilates. Ich habe gesehen, dass du angerufen hast. Alles in Ordnung?“ Im Hintergrund läuft ein altes Stück von James Taylor.

„Ja …“ Sophie hält inne. „Nein, eigentlich nicht“, sagt sie. „Ich habe das Gefühl, ich drehe mich bei diesem Artikel im Kreis …“

„Aber will er dich treffen?“ Sophie hört, wie ihre Mutter das Radio ausschaltet. „Ich habe mit Gabes Sohn gesprochen, wie du mich gebeten hast.“

„Ich komme mir wirklich blöd vor, dass ich meine Mutter bitte, für mich anzurufen. Aber danke.“

„Na, dafür bin ich doch da. Und glaub mir, Schatz, so wie ich sie kenne, hätten sie dich nicht näher als eine Meile an Gabe herangelassen, wenn du nicht zur Familie gehören würdest.“

„Ich will nur Gerechtigkeit. Für Vita. Diese Geschichte ist mir wichtig …“ Unsere Geschichte, wird Sophie klar. „Er fehlt mir.“

„Dein Dad? Mir auch, Schatz, mir auch. Jeden einzelnen Tag.“ Sie hört die Trauer in der Stimme ihrer Mutter. „Er wäre sehr stolz auf dich. Du hast viel dafür geopfert.“

„Du meinst Paris und Jess?“ Sophie hält inne. Glücklich bis an ihr Lebensende?, denkt sie. „Er hat es überhaupt nicht verstanden, oder? Andererseits habe ich ihm nie den wahren Grund dafür erzählt, warum ich diesen Artikel schreiben will.“

„Siehst du, wir haben schließlich alle unsere Geheimnisse, Liebes …“

Kate Lord Brown

Über Kate Lord Brown

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Lahn-Dill-Anzeiger

„Mit ›Das Sonntagsmädchen‹ legt Kate Lord Brown einen unterhaltsamen und spannungsgeladenen Roman vor. 464 Seiten versprechen beste Unterhaltung an trüben Herbsttagen.“

Freundin

„Hochspannung bis zur letzten Seite.“

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