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Das SonntagsmädchenDas Sonntagsmädchen

Das Sonntagsmädchen

Roman

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Das Sonntagsmädchen — Inhalt

Immer sonntags öffnet die herrschaftliche Villa in Marseille ihre schmiedeeisernen Tore und wird zum Treffpunkt für Künstler und Intellektuelle, die aus allen Ecken des Landes herbeiströmen. Auch der junge Maler Gabriel Lambert macht sich auf den Weg nach Südfrankreich. Doch es ist das Nachbarhaus, das ihn schon bald in seinen Bann zieht. Denn dort wohnt ein Mädchen, dessen Schönheit ihn vom ersten Augenblick an fesselt. Ein Mädchen, für das er alles zu tun bereit ist - koste es, was es wolle ...

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 15.09.2014
Übersetzt von: Elke Link
464 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30545-7
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 15.09.2014
Übersetzt von: Elke Link
464 Seiten, NDEPUB
EAN 978-3-492-96493-7

Leseprobe zu »Das Sonntagsmädchen«

Vom Schreibtisch von Sophie CassNew York – 28. August 2000

Sehr geehrter Mr Lambert,

die Sache ist die: Sie können meine Briefe ignorieren, wenn Sie wollen, aber die New York Times bringt meinenArtikel, ob es Ihnen beziehungsweise Ihren Anwälten passt oder nicht. Wäre da nicht unsere familiäre Verbindung, würde ich Sie auf der Stelle verklagen. Ich mag Drohungen nicht. Ich bin Berufsjournalistin und arbeite investigativ, Mr Lambert, und ich mache nichts anderes als meine Arbeit. Hier geht es nicht um einen persönlichen Racheakt, wie Sie behaupten, [...]

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Vom Schreibtisch von Sophie CassNew York – 28. August 2000

Sehr geehrter Mr Lambert,

die Sache ist die: Sie können meine Briefe ignorieren, wenn Sie wollen, aber die New York Times bringt meinenArtikel, ob es Ihnen beziehungsweise Ihren Anwälten passt oder nicht. Wäre da nicht unsere familiäre Verbindung, würde ich Sie auf der Stelle verklagen. Ich mag Drohungen nicht. Ich bin Berufsjournalistin und arbeite investigativ, Mr Lambert, und ich mache nichts anderes als meine Arbeit. Hier geht es nicht um einen persönlichen Racheakt, wie Sie behaupten, und ich habe auch keine hinterhältige Taktik angewandt. Als Künstler werden Sie sicherlich verstehen, dass es darauf ankommt, hinzusehen, gut zuzuhören und die Dinge wahrzunehmen, die anderen entgehen. Ich habe hingesehen und die Wahrheit erkannt – schlicht und einfach.

Meine Quellen sind absolut zuverlässig, und was noch wichtiger ist, ich habe darüber hinaus neue Beweise für meine Behauptungen. Mr Lambert, ich habe Fotos entdeckt, die Alistair Quimby 1940 aufgenommen hat, in dem Sommer, bevor Sie Varian Fry in Marseille getroffen haben. Es sind nicht nur phantastische Bilder von meiner Großtante Vita, sondern auch Bilder von Ihnen bei der Arbeit im Atelier des Château d’Oc. Von Ihnen beiden. Mehr muss ich nicht erklären, nehme ich an.Ihr Anwälte haben sich verdammt angestrengt, mich zu warnen, aber jetzt warne ich Sie – dieser Artikel über Ihre glorreiche Karriere und Ihren angeblichen 90. Geburtstag wird gedruckt. Ich biete Ihnen eine allerletzteChance, Ihre Sichtweise zu schildern, bevor ich den Text abgebe. Ich besuche Sie nach dem Labor Day, am 7., Donnerstag- mittag. Ich kann mir vorstellen, dass Sie mittlerweile zu sprechen bereit sind.

Mit freundlichen Grüßen

Sophie Cass

 

Gabriel LambertFlying Point, Long Island – September 2000

 

Viele staunen über unser Haus. Von dem bedeutenden Mann erwartet man etwas Protzigeres, aber niemand sieht, dass ich hier alles habe, wovon ich je träumte: Ich habe das klare Licht der See, das durch die eckigen offenen Tore in die Scheune dringt, in der ich arbeite, und ich habe Annie. Eines Sommers bezahlte ich ein paar Jungs aus Pennsylvania dafür, dass sie mir die Scheune aufbauten – es ist eine alte rote im Kolonialstil, mit Walmdach und Toren, die sich weit in Richtung Norden öffnen. Ich brauche Platz, um zu arbeiten, um meine Leinwände auszubreiten, aber Annie wollte nie ein Atelier. Als ich ihr anbot, eines zu bauen, sagte sie: »Was soll ich denn damit?« Sie stellte sich nur einen kleinen Tisch bei der Küche auf, an der Wand. Sie ist gerne mitten im Geschehen, sagt sie, dann können die Kinder kommen und gehen, während sie ihre schönen Kleider näht. Ihre Arbeiten sind in Kollektionen im ganzen Land enthalten, aber wenn man sie so mit gebeugtem Kopf über ihrer Stickerei sitzen sieht, würde man das nicht vermuten. Immer hockt ihr ein Hund zu Füßen, und eine Katze rollt sich im warmen Schein ihrer Lampe ein, wenn sie näht. Zuerst waren es unsere eigenen Kinder, und jetzt sitzt oft irgendein Enkelkind neben ihr im Hochstuhl oder spielt mit Bauklötzen oder Puppen auf dem Boden, und das Radio tönt im Hintergrund. Vielleicht mögen die Leute deshalb ihre Kunst – in jedem ihrer Stiche pulsiert und glänzt das Leben. Meine Bilder machen den Leuten Angst, schüchtern sie ein. Sie sind groß und intensiv, genau richtig für kompromisslose White-Cube- Galerien und himmelhohe Innenhöfe von Firmengebäuden. Mit der Zeit haben mich die Leute mit meinen Bildern verwechselt. Eines habe ich gelernt: Wenn man gute Arbeit leistet, es bis in mein Alter schafft und die Klappe hält, dann wird man zum zurückgezogen lebenden Genie verklärt. Ich mag meinen Ruf, befördere ihn sogar noch: der undurchschaubare alte Mann der Abstraktion. Die Leute haben Angst, mir zu viele Fragen zu stellen, und das ist mir nur recht. Lediglich die Mutigsten belästigen mich hier draußen. Ich werfe einen Blick auf den Brief des Mädchens auf dem Tisch. Nur die Frechsten finden mich.

Mein Kaffee ist kalt geworden, während ich das Kind in den Armen wiege und hinaus aufs Meer schaue. Billie Holiday singt It’s a Sin To Tell A Lie auf meinem Magnavox Imperial von 1959, und die Stimme von Lady Day tanzt mit den Engeln oben zwischen den Dachsparren, das Calder-Mobile schwingt mit der Melodie, die in die Luft aufsteigt wie Blasen in klarem Wasser. Das ist Annies Lieblingslied. Sie hat immer ein schelmisches Funkeln in den Augen und singt leise mit, wenn wir dazu tanzen und unsere bloßen Füße über die sandige Veranda gleiten, von der aus man das Meer überblickt. Meine Frau kennt mich gut. Ich habe in meinem Leben viele Lügen erzählt, habe aber nie gelogen, was meine Liebe zu ihr betraf.

Ich liebe auch diese Jahreszeit, schon immer. Für mich gibt es nichts Schöneres als einen leeren Strand mit blendend weißem Sand, das Meer mit seinem winterlichen Wellengang und den klaren blauen Himmel über allem. Hier kann ich atmen. Jeden Tag fühle ich mich beim Aufwachen wie der erste Mann auf der Erde, mit Eva an seiner Seite. Nach dem Labor Day, wenn all die schicken Cottages an den Dünen winterfest gemacht und die Hecken abgedeckt sind, schleudern Annie und ich uns die Schuhe von den Füßen, gehen hinunter zu unserem Strand und stecken die Zehen in den Sand. Wir machen ein Lagerfeuer, grillen ein paar Fische und trinken ein Glas Chardonnay darauf, dass wieder ein Sommer vergangen ist. Annie trinkt nicht viel, aber an diesen Abenden rollt sie sich unter einer alten Karodecke zusammen und erzählt, die Wangen gerötet, von der Vergangenheit, unserem Leben und unserer Zukunft, wie früher das Mädchen, das ich kennengelernt hatte, als wir in den Wäldern bei Air Bel wie Kinder in einem Märchen herumspazierten.

 

Gabriel LambertVilla Air Bel, Marseille – November 1940

 

Ich war ziemlich nervös, als ich an diesem Sonntag mit der Tram nach La Pomme fuhr. Ein paarmal wäre ich fast umgekehrt, wenn ich an dieses Haus dachte, das voller Menschen war, die ich mein ganzes Leben lang bewundert hatte. Sonntage in Air Bel wurden legendär in Marseille – alle jungen Künstler und Schriftsteller sprachen darüber, und ich wartete hier in La Canebière auf eine Straßenbahn nach La Pomme. Die Stadt sah im Schnee wunderschön aus. Es war bitterkalt, und meine Schuhe waren bereits durchgeweicht, aber der Schnee bedeckte den schlimmsten Schmutz und Dreck in der Stadt, sodass sich alles ganz neu anfühlte, ich eingeschlossen.

Ein paar Leute sprangen in La Pomme aus der Tram, kurz vor der Eisenbahnbrücke, und ich folgte ihnen in einigem Abstand. Ich klappte den Kragen meines Mantels hoch und zog den Kopf ein, der Wind peitschte mir durch die Haare. Die Leute schwatzten – sie waren offensichtlich Freunde, die sich miteinander wohlfühlten und entspannt waren. Sie bogen in eine lange Zufahrt ein, und der Letzte von ihnen – ein großer, gut aussehender Mann mit einer schönen Frau am Arm – hielt das eiserne Tor für mich auf. Er hatte feine Gesichtszüge, seine Hand am Tor war schlank, mit langen Fingern, und seine Haut hatte die Farbe von poliertem Teakholz.

»Wollen Sie auch in den Salon?«, fragte er. »Ja. Ich bin Gabriel Lambert.« Ich reichte ihm die Hand. »Wifredo Lam«, sagte er. »Das ist Helena.« Die Frau lächelte mir zu und ging weiter. »Sind Sie Maler?« »Ja. Ich habe bei Picasso gelernt.« »Picasso?« Der Name des bedeutenden Mannes blieb mir im Hals stecken wie eine Gräte. Fast wäre ich in dem Moment davongelaufen, so überfordert fühlte ich mich. »Schaffen Sie es in diesen Zeiten zu arbeiten?« »Ein wenig.« Meine Stimme klang unnatürlich hoch. »Es ist der einzige Weg«, sagte er, während er die Zufahrt zum Haus hinaufging. »Ich habe das Gefühl, meine Zeichnungen verändern sich hier. Ich illustriere Andrés neues Gedicht.« »André?« »Breton«, sagte Wifredo lachend. »Haben Sie ihn schon kennengelernt?« Er erzählte weiter von dem Gedicht, Fata Morgana, und stellte mich den anderen auf der Terrasse vor, Oscar Dominguez und Masson. Ich war so froh, dass Wifredo mich unter seine Fittiche genommen hatte, dass ich nicht die geringste Erinnerung daran habe, worüber wir gesprochen haben. Ich weiß noch, dass er erzählte, er hätte mit den Republikanern im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft, und dass ich mir dachte, wie merkwürdig es war, dass dieser große, sanfte Mann in einen Konflikt geraten sollte. Ich war einfach froh, ihnen allen zuzuhören, froh, mich unter die Gruppe mischen zu können. Aus dem Haus trieb Radiomusik herüber, wilder Jazz von Count Basie, mit kreischenden Trompeten und donnerndem Schlagzeug. Ich begann zu schwitzen, dachte an die Nacht mit Vita vor nur wenigen Monaten, an die Band und den hämmernden Beat.

»Lambert!«, rief Varian, aber ich sah ihn nicht. Durch die offene Terrassentür sah ich André Breton mit Jacqueline tanzen. Er hatte den Kopf gesenkt, seine Wange ruhte zärtlich an ihrer Schläfe. Sie waren umgeben von Leuten, wirkten aber ineinander verloren. »Hier oben!«, rief Varian und lachte. Ich drehte mich um und schaute von der Terrasse aus zu den Bäumen hinauf.

»Herr im Himmel«, rief ich, »was machen Sie denn da?« »Wir machen eine kleine Auktion.« Er winkte zwischen den Ästen des Baums hervor. »Könnten Sie mir die letzte Leinwand geben?« Ich drehte sie um und reichte sie ihm vorsichtig. Mir stockte der Atem, als ich merkte, dass ich einen Max Ernst in der Hand hatte. Varian zog das Bild hinauf in die Äste, nahm ein Stück Schnur und befestigte das Bild an dem Baum. Ein Ende der Schnur hielt er beim Zubinden mit den Zähnen fest. »Da«, sagte er und kletterte herunter. Die Bilder drehten sich im Wind, bunte Farben leuchteten vor den Bäumen, der Luft wie Blumen im Park.

Hinter mir wurden Stimmen und Rufe laut, während Breton seine Freunde begrüßte. Ich war zu nervös, um mich umzudrehen und mich selbst vorzustellen. »Wie finden Sie das?«, fragte mich Varian.

»Es ist unglaublich …«, begann ich. »Es ist großartig!«, rief Breton und klatschte in die Hände. An den Bäumen auf der Terrasse hingen dreißig, vierzig Bilder. Rückblickend war es eine Sammlung, um die sich jedes Kunstmuseum heute reißen würde. »Wir halten die Auktion später ab, aber zuerst spielen wir!« Ich ging mit hinein, folgte den Jungen, die ich im Büro des American Relief Centre gesehen hatte, immer noch zu schüchtern, um Breton zu begrüßen.

Ich hielt mich abseits und betrachtete die Künstler von der Ecke des Zimmers aus. Es war eisig kalt – es heißt, 1940/41 war der kälteste Winter jemals, und alle trugen Mäntel und Schals, als sie um den großen polierten Holztisch herumsaßen. Es war unmöglich, länger als fünf Minuten still zu sitzen, ohne dass die Kälte unerträglich wurde, und alle waren unruhig und rieben sich die Hände. Breton hatte Zeitschriften, Scheren, Papier und Klebstoff in die Mitte des Tisches gelegt und Gläser mit Malstiften und Wachsmalkreiden dazugestellt. Ich verstand nicht genau, was sie machten. Ein paar schienen eine Art Gemeinschaftskunstwerk herzustellen. Ein Blatt Papier wurde von einem Künstler zum nächsten gereicht, und jeder knickte den Bereich um, den er gezeichnet hatte, bevor er es seinem Nachbarn weitergab. »Was machen die da?«, flüsterte ich Varian zu. »Sie spielen«, sagte er. »Das Jeu de la Verité ist relativ klar. Es ist so etwas wie öffentliche Psychotherapie. Wenn Sie mich fragen, dreht sich alles um Sex«, flüsterte er und lachte. »Das hier nennen sie ›cadavre exquis‹. Ich glaube, bisher haben sie das mit Wörtern gemacht, haben Zufallssätze entstehen lassen. Jetzt scheinen sie mit Bildern zu experimentieren. Breton nennt sie ›les petits personnages‹. Nachdem sie ein paar Bilder gemalt haben, wählt er das Beste davon aus.« Es kommt selten vor, dass Menschen die Erwartungen, die ihnen entgegengebracht werden, übertreffen, aber André war großartig – genauso provokant und außergewöhnlich, wie mich seine Texte hatten hoffen lassen. Er führte den Vorsitz der Versammlung, beugte sich manchmal vor, um den Künstlern ermutigende Worte ins Ohr zu flüstern. Als sie fertig waren, sah er einen Stapel Papier durch und hielt die Zeichnung von einem Kopf in die Luft. »Stupéfiant!«, rief er. »Ein echtes Gemeinschaftswerk. Wir nennen das ›Der letzte Romantiker, der von Marschall Pétain verarscht wird‹!« Alle am Tisch brachen in Jubel und Gelächter aus. »Großartig.«

»Wollen Sie nicht mitmachen?«, fragte mich Varian. »Nein, nein«, sagte ich. »Ich sehe gerne zu.« »Sie sollten aber! Viele ihrer Spiele sind zum Mitmachen.« Er zeigte auf einen Stapel Collagen auf dem Tisch.

Erst jetzt begreife ich, was diese Spiele bedeuteten. Als die ganze Welt um uns herum dunkel wurde, konzentrierten sich die Surrealisten auf das Licht. Sie glaubten an die absolute Freiheit, und genau darum drehten sich diese seltsamen Spiele. Sie wollten das unterbewusste Denken befreien. Sie zeigten uns die leuchtende Schönheit um uns herum und in unseren Träumen, und alles, was Breton und die anderen taten, veränderte unseren Blick auf die Welt für immer. Air Bel wurde das Haus der Träume. In diesem kleinen Raum sah ich im schwindenden Licht des Winters Männern und Frauen zu, die einen Nachmittag pro Woche ihre Angst und ihren Hunger vergaßen und kreativ waren. Und ihr Zentrum war Breton. Ich wünschte immer noch, ich hätte den Mut gehabt, mit ihm zu reden, aber die größte Lektion, die mir Breton beigebracht hat, lautete, dass daswirksamste Mittel gegen die Verzweiflung ist, seine geistige Freiheit zu bewahren.

»Ich habe es schon oft gesagt«, erklärte Breton einem der Männer und erhob die Stimme. »Wenn man aufhört zu empfinden, dann sollte man still sein, mein Freund.« Die Gruppe brach in Gelächter aus, und einer der Künstler schritt mit hochrotem Gesicht davon. Es war, als hätte ein Junges, das sich schlecht benommen hatte, vom Rudelführer eins hinter die Ohren bekommen. Ich öffnete den Mund, um ihn zu fragen, was er meinte, was dieser »reine psychische Automatismus« sei, von dem sie ständig redeten, aber ich brachte kein Wort heraus. Ich hatte Angst, genauso behandelt zu werden.

In ihrer Gegenwart fühlte ich mich völlig überfordert, wie ein neuer Schüler in einer Klasse. Ich wollte dazugehören, in dieses schöne Haus, zu diesen unglaublichen Menschen, aber ich fühlte mich wie ein Scharlatan. Ich trat hinaus auf die Terrasse und atmete die kalte Luft ein. Das Stimmengewirr, die klaren Töne der Musik verstummten nach und nach, während ich über die Rasenflächen schlenderte. Noch mehr Leute kamen die Zufahrt hoch, sie hatten die Köpfe gegen den Wind eingezogen wie Pilger. Ich wandte mich in Richtung der Parklandschaft auf der Rückseite des Hauses und ging weiter.

Ein Stück vor mir hörte ich lachende Kinder und folgte dem Klang. Ich stieß auf ein kleines blondes Mädchen mit einer roten Schleife im Haar und einen kleinen Jungen, beide fünf oder sechs Jahre alt, schätze ich. Sie lagen auf dem Boden, breiteten Arme und Beine aus und erschufen Schneeengel. Das schien Spaß zu machen, und so legte ich mich neben sie und bewegte Arme und Beine genauso wie sie. Der milchige Himmel über mir war schwer mit Schnee beladen, und die Geräusche waren gedämpft. Ein Mädchen lachte hinter der Gartenmauer, seine Stimme klang klar und glockenhell. »Wer ist da?«, fragte ich und wandte den Kopf. Der Schnee kühlte meine Wange. »Wer ist da, habe ich gefragt?« Ein Schneeball flog in hohem Bogen über die Mauer und traf mich mitten auf die Brust. Ich blinzelte, nasse Flocken in den Wimpern, auf den Lippen. »Hey!«, rief ich und rappelte mich hoch. Auf der anderen Seite der Mauer waren knirschende Schritte zu hören, jemand rannte weg. Ich jagte ihnen nach, tiefer in den Wald hinein, wo die Mauer endete und eine hohe dunkle Hecke die Grenze markierte. Ich war atemlos und hatte Herzklopfen. So weit vom Haus entfernt war die Anlage nicht gut gepflegt, und die Hecke war alt und von Unkraut durchwachsen. Ein-, zweimal erhaschte ich einen Blick auf sie – blonde Haare blitzten zwischen den dunklen Blättern auf, eine blasse Hand oder Wange. Ich hockte mich hin und atmete tief durch, die kalte Luft stach mir in der Lunge, mein Atem bildete eine bleiche Wolke vor meinem Gesicht. Ich sah ihre schlanken Beine zwischen den Stämmen der Hecke – ihre dunklen Strümpfe und Stiefel, den Saum ihres Kleids. Sie stand mit dem Rücken zu den Blättern und versteckte sich an einem Baumstamm. Ich kroch vorwärts, ganz leise, und schob mich ein Stück weiter vorn durch einen Spalt in der Hecke. Alles schien sich zu verlangsamen. Mein Atem zitterte in meiner Kehle. Dann, gerade als ich den Kopf ins Licht streckte, musste sich mein Fuß an einem trockenen Ast verfangen haben. Ein Zweig knickte ab, und sie wirbelte überrascht herum, die Augen weit aufgerissen und wachsam wie ein Rehkitz. Ihre Haare schwangen mit, hell und leuchtend. Ihr Gesicht drückte Angst aus, dann Belustigung, als sie mich sah. Sie nahm eine Handvoll Schnee und formte einen Ball daraus, während sie zurückwich. Gerade als ich mich von den Wurzeln befreite, holte sie aus. Sie grinste, und ich sah, dass sie eine kleine Lücke zwischen den Vorderzähnen hatte. Ihre Lippen waren unnatürlich farbig, voll und rot in der Kälte, die Wangen waren rosa. Sie war, sie ist das schönste Mädchen, das ich je gesehen hatte. Ich war ungeschützt, das wusste sie. Sie warf den Schneeball mit der Treffsicherheit eines Meisterschützen und traf mich genau zwischen die Augen. »Jetzt reicht’s aber«, rief ich und nahm eine große Handvoll Schnee. Im freien Gelände war sie mir nicht gewachsen, und ich rannte ihr stolpernd nach. Der Schneeball traf sie am Hinterkopf. Sie kreischte ängstlich und aufgeregt, als ich sie an der Taille packte und wir in den Schnee fielen. »Jetzt sind wir quitt.« Wir lagen schweigend einander gegenüber, und uns wurde wohl bewusst, dass wir uns noch nie gesehen hatten. Plötzlich wirkte sie unsicher. »Ich heiße Gabriel«, sagte ich. Sie blickte mich mit ihren blauen Augen an. Die Wahrheit ist, ich hatte das Gefühl, ich hätte sie schon mein ganzes Leben gekannt, hätte auf sie gewartet. »Ich bin Marianne«, sagte sie. Wie ein Echo rief eine Frau: »Marianne! Annie!« Sie setzte sich rasch auf. »Ich muss los.« Sie drehte sich zum Wald um, zu dem kleinen Steinhaus an der Straße. Ich erkannte eine rundliche, zänkisch aussehende Frau in einem schwarzen Mantel, die durch das hintere Gartentor eilte. »Warte!« Ich packte ihre Hand. »Wer bist du? Wo wohnst du?« »Ich bin immer hier«, sagte sie und entwischte mir. »Kann ich dich wiedersehen?« Sie lachte, als wäre es die selbstverständlichste Frage der Welt. Sie warf einen Blick den Hügel hinunter, die Frau – ihre Mutter, nahm ich an – stapfte herauf, schnaufend wie eine Eisenbahn. »Wohnst du hier mit diesen ganzen Spinnern?« »Ich? Nein. Aber ich bin Künstler. Ich … ich bin nur auf Besuch.« »Gut.« Sie neigte den Kopf in Richtung ihrer Mutter. »Das würde ihr nämlich nicht gefallen. Meine Eltern glauben, in Air Bel sind nur Kommunisten und Sexbesessene«, sagte sie. »Es ist ein ziemlicher Skandal im Dorf, dass der alte Geizhals Thumin ihnen die Villa vermietet hat. Wer ist die Frau, die mit Ketten um den Knöchel und einem ausgestopften Vogel in den Haaren zum Einkaufen geht?« »Das muss Madame Breton sein.« »Die Leute reden. Sie mögen hier keine Sachen, die anders sind.« »Ist dir das wichtig?«, fragte ich und schob mich aus dem Schnee hoch. Ich war etwa einen Kopf größer als sie, und als ich auf sie hinabblickte, wollte ich nur ihre Hand nehmen und mit ihr wegrennen, weg von ihren Eltern, dem Dorf, dem Krieg, weg von allem. »Natürlich nicht.« Sie warf schnell einen Blick über die Schulter. »Ich liebe Kunst, ich will sogar studieren, nach der Schule.« Es war unmöglich zu sagen, wie alt sie war. Sechzehn, vielleicht siebzehn Jahre. Sie wirkte älter. Manchmal denke ich heute, dass junge Menschen wie sie, die nur an einem Ort aufwachsen, die nichts als Gewissheit kennen, die Sicherheit, wo sie in der Welt hingehören, ein Selbstvertrauen haben, sogar schon als Kind, das ich nie besitzen werde. Natürlich war sie schön und beglückend, aber ich glaube, dass es dieses Selbstvertrauen war, was mich an ihr anzog wie der Süden den Norden. Wenn wir gefragt werden, wie wir uns kennenlernten, sagt sie immer, es war Liebe auf den ersten Blick – und das stimmt auch. Aber es war mehr als nur Verlangen. Ich erkannte etwas in ihr, das ich brauchte wie Luft, wie Wasser. Ich mochte ihre Verwurzelung – ihre Echtheit. Marianne, meine Annie, war immer nur sie selbst. Im Gegensatz zu mir. »Ich würde mir gerne deine Arbeiten ansehen«, sagte ich. Sie musterte mich mit ihrem klaren blauen Blick. »Treffen wir uns nächstes Wochenende im Ort. Ich habe am Samstag um zwei Uhr in einer Halle in der Nähe der Vieille Charité Ballett. In der Straße ist ein kleines Café mit roten Fensterläden.« Sie wich zurück, hob die Arme zu einer anmutigen fünften Position, ihr spitzer Fuß streckte sich über den Schnee. »Du gehst jetzt besser, meine Mutter mag keine Eindringlinge.« Ich kroch durch die Lücke in der Hecke zurück und rannte, bis ich auf gleicher Höhe mit Marianne war. Sie streifte mit der Hand an den Zweigen entlang, und ich griff hinauf und tat dasselbe. Ein- oder zweimal erwischte ich sie, wie sie mich ansah – ein kurzer Blick, ihre Lippen. Ich hörte ihre Mutter kommen, mit einer ganzen Tirade von Vorwürfen, wie Schlüssel in einer Blechdose. Als ich mich dem Garten näherte, hatte gerade die Auktion auf der Terrasse begonnen. »Marianne«, flüsterte ich ihr zu, und sie blieb stehen und wandte sich um. Ich griff durch die Blätter zu ihr hinüber, bewegte den Kopf, bis ich sie fand, ihren Blick, ihr Lächeln. Ich schob die Zweige zur Seite und berührte ihre Fingerspitzen. Als ich dann die Stimme ihrer Mutter klar und deutlich vernahm, wandte sie sich um und war verschwunden, schnell und leise wie ein fliegender Vogel.

 

Flying Point, Long Island – September 2000

Manchmal denke ich, ich hätte mein Herz in der Villa Air Bel in Marseille gelassen. Wenn ich an den Krieg zurückdenke, habe ich nur Erinnerungen an das Haus der Träume. Unsere größten Freuden und Tragödien spielten sich dort ab. Fragen Sie Varian, fragen Sie jeden von ihnen, sie hätten alle das Gleiche gesagt. Schon damals wussten wir, dass das Leben nie wieder so lebendig werden würde, wir hatten sogar Gewissensbisse, dass wir ein so unerwartetes Glück fanden. Air Bel war ein Refugium. Dort sah ich André Breton Wunder heraufbeschwören. Wenn der Schrecken des Krieges einen umgibt, wenn einem alles – sogar das Leben selbst – von einem Augenblick auf den anderen weggenommen werden kann, dann reagieren Menschen wie André und Varian so. Sie werden zu Göttern, wehren sich, so gut sie können. Manche von uns – Maler und Schriftsteller, Liebespaare und Kinder –, nun ja, während andere aufgeben und auf den Tod warten, kämpfen manche von uns auf die einzige Art und Weise, die ihnen möglich ist, und erschaffen etwas Wunderbares. Ich sehe noch vor mir, wie sie zum letzten Mal die Zufahrt des Châteaus hinuntergehen: Varian, die Polizei dicht neben ihm, sein treuer Hund Clovis an der Seite. Nach dem Regen schienen sogar die Zedern zu weinen. Varian sagte, in einem Jahr hätten wir zwanzig Jahre gelebt. Ich hatte noch nie solche Angst und habe mich doch noch nie so lebendig gefühlt.

Als er seine Erinnerungen schrieb, sagte Varian, er hätte seine Geister austreiben müssen. Vielleicht muss ich das heute tun. Er fand, er könne sie nicht einfach ruhen lassen, bis er seine Geschichte erzählt hatte – und zwar ganz. Nun, das hier ist meine Geschichte. Ich will kein Mitleid erregen – die Welt ist voll mit erbärmlichen Kindheiten; es ist unglaublich, dass überhaupt jemand von uns überlebt. Es kommt darauf an, wohin man im Leben geht, nicht darauf, woher man kommt. Wenn man schlechte Karten bekommt, muss man das Beste daraus machen. Jeden Tag danke ich den Sternen für mein Glück. Ich habe mir meinen Lebensunterhalt verdienen können, habe mein Leben mit etwas verbracht, das ich liebe, mit einer Frau an meiner Seite, die ich liebe, und ich habe meinen Kindern die Kindheit ermöglicht, die ich nie hatte. Vielleicht wurde ich unter einem Glücksstern geboren, der mich zu Annie führte. Ich habe mein ganzes Leben mit Schuldgefühlen gelebt, aber ich kann mich glücklich schätzen. Fünfzig friedliche Jahre lang habe ich auf diesen Tag gewartet, und nun ist er gekommen. Ich sehe sie, wenn ich die Augen schließe. Die Journalistin, Sophie, geht allein über die Straße auf mich zu, ihre schlanke, dunkle Gestalt kommt näher, und ich habe wieder Angst. Her mit den Geistern. Es ist an der Zeit.

 

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Kate Lord Brown

Über Kate Lord Brown

Biografie

Kate Lord Brown wuchs in der englischen Grafschaft Devon auf. Nach ihrem Studium am Courtauld Institute of Art war sie zunächst als internationale Kunstberaterin tätig. Später zog sie mit ihrer Familie nach Valencia und widmete sich dort dem Schreiben. »Das Haus der Tänzerin«, ihr erster auf...

Pressestimmen

Lahn-Dill-Anzeiger

»Mit ›Das Sonntagsmädchen‹ legt Kate Lord Brown einen unterhaltsamen und spannungsgeladenen Roman vor. 464 Seiten versprechen beste Unterhaltung an trüben Herbsttagen.«

Freundin

»Hochspannung bis zur letzten Seite.«

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