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Das SchiffDas SchiffDas Schiff

Das Schiff

Roman

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Das Schiff — Inhalt

Gewinner des Kurd-Laßwitz-Preises 2016! Gewinner des Deutschen Science-Fiction-Preises 2016! Der neue Roman des Bestsellerautors von »Das Artefakt« und »Kinder der Ewigkeit«: Seit tausend Jahren schicken die intelligenten Maschinen der Erde lichtschnelle Sonden zu den Sternen. Sie sind auf der Suche nach den Hinterlassenschaften der Muriah, der einzigen bekannten und längst untergangenen Hochkultur in der Milchstraße. Bei der Suche helfen die Mindtalker, die letzten sterblichen Menschen auf der Erde - nur sie können ihre Gedanken über lichtjahrweite Entfernungen schicken und die Sonden lenken. Doch sie finden nicht nur das technologische Vermächtnis der Muriah, sondern auch einen alten Feind, der seit einer Million Jahren schlief und jetzt wieder erwacht.

Erschienen am 05.10.2015
544 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-492-70358-1
Erschienen am 01.06.2018
592 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-28168-3
Erschienen am 05.10.2015
544 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97104-1

Leseprobe zu »Das Schiff«

An der Ewigkeit kratzen


Seit tausend Jahren schickten die intelligenten Maschinen der Erde lichtschnelle Sonden zu den Sternen. Sie sollten Kolonien gründen, die Saat des Clusters ausbringen, des Maschinenbewusstseins, seine Evolution auf der kosmischen Bühne fortsetzen und nach anderen Formen der ­Intelligenz suchen, nach biologischen Zivilisationen und Überlebenden des » Weltenbrands «, der vor einer Million Jahren mehrere hoch ent­wickelte Völker ausgelöscht hatte. Was sie fanden, waren Ruinen, aus Artefakten bestehende Spuren, hinterlassen von den [...]

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An der Ewigkeit kratzen


Seit tausend Jahren schickten die intelligenten Maschinen der Erde lichtschnelle Sonden zu den Sternen. Sie sollten Kolonien gründen, die Saat des Clusters ausbringen, des Maschinenbewusstseins, seine Evolution auf der kosmischen Bühne fortsetzen und nach anderen Formen der ­Intelligenz suchen, nach biologischen Zivilisationen und Überlebenden des » Weltenbrands «, der vor einer Million Jahren mehrere hoch ent­wickelte Völker ausgelöscht hatte. Was sie fanden, waren Ruinen, aus Artefakten bestehende Spuren, hinterlassen von den Muriah, der einzigen bekannten Hochkultur in der Milchstraße, vor dem Weltenbrand untergegangen. Dieser Spur folgten sie von Sonnensystem zu Sonnensystem, auf der Suche nach der » Kaskade «, einem von den Muriah geschaffenen System aus Tunneln durch die Raumzeit, das ihnen einst Reisen durch die ganze Galaxis ermöglicht hatte – die Maschinen der Erde, von den Vorfahren der letzten, unsterblichen Menschen geschaffen, strebten das technologische Erbe der Muriah an. Doch sie entdeckten nur verwüstete Welten oder junge Plane­ten mit noch primitivem Leben.
Ihre Suche blieb nicht unbemerkt. In den gewaltigen Abgründen zwischen den Sternen gab es Augen, die beobachteten, und Ohren, die alles hörten, jedes noch so leise elektromagnetische Flüstern in der Leere des interstellaren Raums. Zeit spielte für diese Augen und Ohren kaum eine Rolle. Über Jahrhunderte hinweg begnügten sie sich damit, die vom Maschinen-Cluster der Erde ausgeschickten Sonden zu beobachten und den Signalen der Sonden zu lauschen. Informationen wurden gesammelt und ausgewertet, führten schließlich zu einer Entscheidung.
In der Dunkelheit zwischen den Sternen erwachte etwas und begann sich zu regen.

 

Sie standen im Observatorium: ein Mensch, alt und gebrechlich, von einem Mobilisator getragen, und ein Avatar, ein Repräsentant der intelligenten Maschinen, die die Erde seit Jahrtausenden regierten. Sterne leuchteten über ihnen an einem täuschend echt aussehenden Himmel; farbliche Markierungen hoben jene Systeme hervor, die bereits von Sonden erreicht worden waren.
» Wir haben über Evolution gesprochen «, sagte Adam. Einige der Sterne dort oben hatte er besucht. Er konnte nicht mehr aus eigener Kraft gehen, aber in fremder Gestalt über ferne Welten wandern. Das war sein Privileg als Sterblicher. » Sind wir Menschen nicht eure Götter? «
» Es gibt keine Götter, Adam «, sagte der Avatar namens Bartho­lo­mäus. » Wir haben nirgends welche gefunden. «
» Aber wir Menschen haben euch geschaffen. «
» Das stimmt. «
» Dennoch spielen wir kaum mehr eine Rolle. Alle wichtigen Entscheidungen werden von euch getroffen. «
» Ist es nicht besser so, Adam? Wir kümmern uns um euch.
Wir beschützen euch. Wir sorgen dafür, dass die Menschen ihr unsterbliches Leben in Ruhe und Frieden führen können. «
» Wir haben euch geschaffen «, sagte Adam noch einmal. » Ihr seid unsere Kinder. «
» Treten die Eltern nicht zurück, wenn die Kinder erwachsen werden und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen? «
» Diese Eltern werden nicht alt und gebrechlich wie ich «, sagte Adam. » Sie leben ewig und begleiten ihre Kinder durch die Jahrtausende. «
» Manchmal wachsen die Kinder über ihre Eltern hinaus, Adam. Ich nehme an, das ist der evolutionäre Aspekt, den du meinst. «
» Ihr entwickelt euch schneller. «
» Viel schneller, Adam. «
» Wir sind statisch. Ich meine, die Unsterblichen sind es, nicht ich. Nicht wir Mindtalker. Wir entwickeln uns, indem wir alt werden und schließlich sterben. «
Bartholomäus schwieg.
» Evolution «, sagte Adam und lauschte dem Klang dieses Wortes. » Biologisches Leben, das Maschinen schafft und von ihnen überflügelt wird. Steckt ein Naturgesetz dahinter? Ist das ­natürliche Evolution? «
» Niemand hat euch Menschen gezwungen, Maschinen zu bauen. Ihr habt es getan, und wir sind das Ergebnis. «

 

 

Ein Sturm

 

1
Die Wolken hingen tief und schwer über dem grauen, auf­gewühlten Ozean. Vom Wind gepeitscht türmten sich die Wellen höher, als wollten sie sich gegenseitig übertreffen, schmetterten gegen die Klippe und zerstoben an hartem Fels. Böen nahmen die Gischt und warfen sie nach oben, dorthin, wo Adam stand, drei Dutzend Meter weiter oben, sein schwacher Körper gehalten von seinem Mobilisator, der ihn wie ein Exoskelett umhüllte. Er hatte darauf verzichtet, den Schild zu aktivieren; nichts schützte ihn vor Wind und Regen.
» Oh, hier bist du, Adam «, erklang eine Stimme hinter ihm. Es war eine ruhige Stimme, aber sie übertönte mühelos das Donnern der Brandung. » Ich habe dich gesucht. «
» Wie kannst du mich gesucht haben, wenn ihr doch ­immer genau wisst, wo ich bin? «
Der Mobilisator half Adam, den Kopf zu drehen. Ein Mann stand neben der Kapsel, die ihn hierher gebracht hatte. Er sah anders aus als bei ihrer letzten Begegnung, die nur ­wenige Tage zurücklag, aber das war bei den Avataren der Maschinen oft der Fall. Trotzdem erkannte er ihn: Bartholomäus, sein Mentor und Mittler, der Mann, dessen ruhige Weisheit ihn all die Jahre begleitet hatte. Er war mit einem MFV des Clusters gekommen, einem Multifunktionsvehikel, silbern wie er selbst: ein käferartiges Gebilde, das wie ein zum Sprung bereites Insekt neben Adams Kapsel stand.
Dahinter erstreckte sich eine Ebene, die einst – vor der großen Flut, von der ihm Bartholomäus vor einigen Wochen erzählt hatte, oder vielleicht vor Jahren, er wusste es nicht mehr genau – ein Hochplateau gebildet hatte. Bäume duckten sich dort im Wind, und für einen Moment erschien zwischen ­ihnen etwas Unerwartetes: eine Gestalt, die cremefarbene Kleidung trug. Adam blinzelte überrascht und sah genauer hin, doch zwischen den Bäumen gab es nur die dichter werdenden Schatten des Abends.
Bartholomäus kam näher. » Warum benutzt du einen ­Mobilisator und kein Faktotum? «
» Ich wollte das Meer erleben «, sagte Adam und richtete den Blick wieder nach vorn. » Ich wollte es sehen, hören und fühlen. «
» An diesem Ort ist es kalt und nass, und du bist nicht mehr jung «, sagte Bartholomäus. » Du könntest krank werden. «
» Ihr könntet mich heilen. Es wäre nicht das erste Mal. «
» Auch unsere Möglichkeiten sind begrenzt, Adam. Du bist nicht wie die anderen Menschen. Du bist alt. «
Ein hässliches Wort, alt. Adam rang sich ein Lächeln ab und spürte, wie ihm Regen ins Gesicht schlug. » Die anderen sind viel älter als ich, manche von ihnen sogar älter als du. « Neugier erwachte in ihm. » Wie alt bist du, Bartho? «
» Tausend Jahre «, sagte Bartholomäus. Er stand jetzt neben Adam vor dem Rand der Klippe. » Ich habe gesehen, wie die erste Sonde zu den Sternen aufbrach. «
» Na bitte. Einige der Unsterblichen sind viel älter. Manche von ihnen stammen aus der Zeit der großen Flut, als alles auf der Erde überschwemmt wurde. Wie lange ist das her? «
» Fast sechstausend Jahre. «
Unterstützt vom Mobilisator hob Adam die Hand, wischte sich Regen aus den Augen und schaute wieder übers Meer. In der Ferne flackerte ein Blitz, grell und schön, und in seinem Licht rollten Hunderte, Tausende von Wellen heran. Er verglich sie mit den Gedanken, die ihm durch den Kopf gingen, Wellen eines geistigen Ozeans, die meisten flach, vom Alter müde. Manchmal versuchte er sie festzuhalten, doch sie entglitten ihm wie Wasser den Fingern, die es zu ergreifen trachteten. Es erstaunte ihn ein bisschen, mit welcher Klarheit er jetzt darüber nachdachte. Vielleicht lag es an Ozean, Wind und Regen, dachte er. Vielleicht hatten sie den Nebel aus seinem Schädel vertrieben.
» Warum kann ich nicht sein wie die anderen? «, fragte er. » Warum musste ich alt werden? Warum muss ich schließlich sterben? «
» Wir haben oft darüber gesprochen, Adam. Ich habe es dir erklärt. «
Hatte er das? In seinem Gedächtnis gab es viele Lücken, von den Jahren geschaffen. Bartholomäus hingegen vergaß nie etwas. Er erinnerte sich an alles, an jede noch so kleine Kleinigkeit seines tausend Jahre langen Lebens. Dort stand er, ein Mann mit silberner Haut, kurzem Haar, großen grauen Augen und einer auffallend langen Nase, kein Mensch, sondern ein Avatar, ein Faktotum der intelligenten Maschinen, des Clusters, der sich auch hier unter Adams Füßen erstreckte, beziehungsweise unter der Klippe und dem aufgewühlten Meer. Der Regen perlte an ihm ab, schien ihn kaum zu berühren.
» Bei manchen Menschen versagt die Behandlung «, sagte Bartholomäus. » Es tut mir leid. Wir arbeiten daran. «
Der Moment der Klarheit dauerte an. » Seit sechstausend Jahren? «
» Das Problem ist kompliziert, selbst für uns. Der Omega-Faktor widersetzt sich unseren Bemühungen, alle Menschen unsterblich zu machen. Noch haben wir keinen Weg gefunden, ihn zu überlisten. Er macht sich in einem von tausend Neugeborenen bemerkbar. Wir können nichts dagegen tun «, betonte Bartholomäus. » Noch nicht. «
» Ich bin einer von tausend «, sagte Adam und beobachtete das Meer.
» Ja. «
» Bin ich wichtig? «
» Du bist sogar sehr wichtig, Adam. Deshalb bin ich hier. Wir haben eine Aufgabe für dich. Eine neue Mission. «
Eine Windbö heulte lauter als die anderen und war kräftig genug, die Krone einer großen Welle bis zum Rand der Klippe emporzutragen. Schaumiges Wasser klatschte gegen Adam, so heftig, dass selbst der Mobilisator Mühe hatte, ihn aufrecht zu halten. Er schmeckte Salz und dachte: Wie viel Kraft in Wind und Wasser steckt. Was ich hier oben fühle, ist nur ein winziger Teil davon. Wie stark müssen die Wogen dort ­unten sein, jede von ihnen mit der Kraft eines ganzen Ozeans im Rücken, und der Sturm, der sie auftürmt.
» Meine letzte Mission liegt nur zwei Tage zurück. « Der Wind nahm seine Worte und trug sie fort. Adam stellte sich vor, wie sie sich mit Regen und Sturm vereinten. Vielleicht lebten sie weiter, auch wenn niemand sie hörte. Gesprochene Worte, die länger lebten als ihre Sprecher, die irgendwann in Regentropfen gefangen auf den Boden fielen oder, sich an Wolken festklammernd, um die Welt zogen. Es war ein selt­samer Gedanke, fand Adam. Vielleicht war es sogar einer der dummen Gedanken, die durch seinen Kopf wanderten, wenn es ihm schlechter ging. Neurodegeneration. So nannten Bartholomäus und die anderen Avatare es manchmal.
» Eine Woche «, sagte der silberne Mann an seiner Seite. » Du bist seit einer Woche wieder bei uns. «
» Tatsächlich? Schon eine Woche? Mir kommt es kürzer vor. «
» Du hast die meiste Zeit geschlafen. Wir haben uns um dich gekümmert und dich behandelt, damit es dir wieder besser geht. « Bis hierher klang die Stimme des silbernen Mannes sanft, aber in den nächsten Worten lag eine gewisse vorwurfsvolle Schärfe. » Andernfalls könntest du jetzt nicht hier sein und Leib und Leben bei etwas riskieren, das keinen Sinn hat. «
Bartholomäus bewegte sich nicht, die Arme blieben an seinen Seiten und die Hände unten, aber plötzlich war ein Schild da, ein dünner Vorhang aus Energie, die Adam vom Sturm trennte, Wind, Regen und Kälte von ihm fernhielt. Das Fauchen der Böen wurde leiser, so leise, dass er das Summen der Servomotoren hörte, als er erneut die Hand hob, sich Nässe von der Stirn wischte und die Finger an den Mund hielt, um das Salz des Meeres zu schmecken.
» Ich bin als Kind am Meer gewesen «, sagte er. » Ich bin mit Wind und Wellen aufgewachsen. Dies ist nicht sinnlos, sondern Teil meines Lebens. « Fast trotzig fügte er hinzu: » Die Jahre sind nicht gnädig mit mir gewesen, aber sie haben mir nicht alle meine Erinnerungen genommen. «
» Bitte entschuldige «, sagte Bartholomäus wieder sanft. » Ich verstehe. Vielleicht kannst du auch mich verstehen. Du bist wichtig, ja. Wir brauchen dich. Es gibt nicht viele wie dich. « Ein weiterer Blitz flackerte, viel näher diesmal, und fast sofort rollte Donner über Meer und Land. » Lass uns ­gehen. Wir sollten nicht riskieren, dass du von einem Blitz getroffen wirst. Es wäre vielleicht zu viel für den Schild. «
Adam wandte sich vom Meer ab, oder vielleicht war es der Mobilisator, der die Zeit für gekommen hielt, zur Kapsel ­zurückzukehren. Sein suchender, neugieriger Blick ging an ihr vorbei zu den vom Wind geschüttelten Bäumen, doch zwischen ihnen blieb alles dunkel.
» Suchst du etwas? «, fragte Bartholomäus und folgte Adams Blick.
» Nein. « Wahrscheinlich hatte er sich die cremefarbene Gestalt nur eingebildet. Adam öffnete die Luke der Kapsel, und der Mobilisator erweiterte den energetischen Schild auf das kleine, zerbrechlich wirkende Fluggerät, das ihn zum Ozean gebracht hatte. Er stieg ein und fühlte sich plötzlich müde, wie nach einem anstrengenden Marsch.
Bartholomäus befand sich bereits im Cluster-Vehikel, das auf einem rubinroten Gravitationskissen über dem regennassen Boden schwebte. » Ich habe eine Verbindung hergestellt und steuere uns beide, Adam. Ich möchte dich nicht noch einmal verlieren. « Er lächelte, und es sah seltsam aus, dieses Lächeln, es schien nicht in das silberfarbene Gesicht zu passen, auch nicht zu den analytisch blickenden grauen Augen. » Bald schicken wir dich wieder hinauf. « Er deutete nach oben. » Zu den Sternen. «
Als ihn die Kapsel durch die Nacht trug, dachte Adam daran, dass Bartholomäus seine ursprüngliche Frage nicht beantwortet hatte. Wie kannst du mich gesucht haben, wenn ihr doch immer genau wisst, wo ich bin? Die Maschinen wussten immer, wo er und die anderen hundertdreißig Mindtalker sich aufhielten, denn sie trugen etwas in sich, das Signale sandte und die ganze Zeit über zu ihnen sprach.
Adam schloss die Augen, schlief ein und träumte von ­einem Jungen, der im Regen über feuchten Sand lief, vorbei an Wellen, die seine flinken Füße zu erreichen versuchten.

 

2
Evelyn, seit zweiundzwanzig Tagen vierhundertneunzehn Jahre alt, stand in Nacht und Regen und fühlte sich dumm wie ein Kind. Der Scrambler schützte sie vor den Ortungs­signalen der Maschinen, konnte sie aber nicht vor einfacher visueller Entdeckung bewahren. Hinter einem Baum, tiefer im Innern des kleinen Waldes, duckte sie sich unter den im Wind rauschenden und knackenden Wipfeln in die Schatten, die rechte Hand so fest um den Scrambler geschlossen, als könnte er sie unsichtbar machen.
Sie hatte sich zu sehr auf das kleine Gerät verlassen, auf ­einen der vielen Tricks, über die die Gruppe verfügte und mit denen sie dem Cluster der Maschinen immer wieder ein Schnippchen schlug. Ein zweiter Scrambler befand sich an Bord der Kapsel, die in einer Senke auf sie wartete, etwa ­einen Kilometer entfernt. Evelyn hatte geglaubt, dass diese Vorsichtsmaßnahme ausreichte, und unter normalen Umständen wäre die Kontaktaufnahme mit dem greisen Mindtalker möglich gewesen. Wer hätte damit rechnen können, dass hier ein Avatar erschien, mit scharfen Maschinensinnen und der unermüdlichen Aufmerksamkeit des Clusters?
Der alte Mann im Mobilisator, der gebrechliche Greis, der doch viel jünger war als sie … Er hatte sie gesehen, für einen Moment nur, als sie unachtsam gewesen war. Aber die ­Augen des Avatars, seine visuellen Sensoren, waren nach vorn gerichtet gewesen. Er konnte sie nicht gesehen haben, und der Scrambler schützte sie auch vor seinen Signalen.
Blitze flackerten und erhellten die Nacht, rissen die Dunkelheit für einen Sekundenbruchteil fort, selbst hier unter den dichten Baumkronen. Evelyn wartete, den Rücken an ­einen Stamm gelehnt, die Beine angezogen, ihre Arme um die Knie geschlungen. Es war kalt, aber eine Zeit lang hätte sie die Kälte selbst nackt ertragen können, ohne das cremefarbene Gewand, das sich nun an sie schmiegte und sie wärmte. Wenn sie den niedrigen Temperaturen nicht zu lange ausgesetzt blieb, gab es nichts zu befürchten. Die Behandlung, die ihr vor dreihundertneunundachtzig Jahren, an ihrem dreißigsten Geburtstag, Unsterblichkeit geschenkt hatte, bewahrte ihren Körper nicht nur vor dem Altern, sondern auch vor Krankheiten.
Eine halbe Stunde verging, ohne dass ein Avatar erschien und sie fragte, was sie an diesem Ort zu suchen hatte. Als Evelyn zum Rand des Waldes zurückkehrte, waren die Kapsel des Mindtalkers und das Multifunktionsvehikel des Avatars verschwunden. Es erleichterte sie, dass die Maschinen sie nicht entdeckt hatten, aber sie war auch enttäuscht. Dies wäre eine gute Gelegenheit gewesen, mit dem Mindtalker zu sprechen und damit zu beginnen, sein Vertrauen zu gewinnen.
Sie machte kehrt und schritt durch den Regen, vorbei an den schwankenden, knarrenden Bäumen, bis sie die Senke erreichte, in der ihre Kapsel ruhte, im dunklen Modus, nur ein Schatten in der Nacht. Die Luke öffnete sich, als Evelyn vor ihr stehen blieb, und zwanzig Sekunden später saß sie im Pilotensessel.
Ein Rückschlag, tröstete sich Evelyn, als sie die Kapsel durch den Sturm steuerte. Mehr nicht. Sie kannte die Datensignatur des Lokalisators, den der Mindtalker in sich trug. Es sollte also ohne großen Aufwand möglich sein, ihn erneut zu finden und eine günstige Gelegenheit abzuwarten.

Andreas Brandhorst

Über Andreas Brandhorst

Biografie

www.andreasbrandhorst.de

Medien zu »Das Schiff«


Pressestimmen

Ruhr Nachrichten

»Brandhorst schreibt wunderschön und wendet sich den inneren und äußeren Welten seiner Protagonisten zu. Eine fast philosophische Reise erwartet den Leser.«

buchwurm.org

»Dies ist bis heute Brandhorsts Meisterwerk... eine spannende, ungemein unterhaltsam eskapistische Geschichte!«

herzdeinbuch.wordpress.com

»Andreas Brandhorsts Geschichte nahm mich mit auf eine Reise in die Ferne, in die Zukunft und in Welten, die so raffiniert ausgearbeitet und beschrieben sind, dass man das Buch kaum weglegen kann.«

hisandherbooks.de

»Andreas Brandhorst hat definitiv ein Händchen dafür, Welten zu erschaffen, deren Bann man sich schwer entziehen kann.«

teilzeithelden.de

»›Das Schiff‹ ist ein spannender Page Turner, der mit seinen glaubwürdigen Figuren und der bis ins letzte Detail durchkomponierten Handlung überzeugt.«

Buchwurm

»Andreas Brandhorst ist ein Meister, wenn es darum geht, ein eigenes Universum zu entwickeln und mit Leben zu füllen.«

Buchwelten

»Visionär und philosophisch entführt Brandhorst den Leser in eine Zukunftswelt, die ihresgleichen sucht. Nach ›Ikarus‹ ein neues Meisterwerk.«

rcm

»Brandhorst schafft es wirklich, auch das irrwitzigste physikalische Problem plausibel zu lösen. Er setzt philosophische Gedanken beim Leser in Gang über das für und wider, den Konflikt zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz.«

Andromeda Nachrichten

»in ›Das Schiff‹ ist der Handlungshintergrund detailreich ausgearbeitet und mit komplexen Figuren belebt. (...) somit ein sehr unterhaltsamer SF-Roman.«

Kommentare zum Buch

Auslaufmodell Mensch?
Heimfinderin / LovelyBooks am 23.11.2015

Es war berührend zu lesen, wie Adam durch die neu gewonnenen Erkenntnisse emotional aus seinem bisher irgendwie akzeptierten Lebensbild gerissen wurde. Es war spannend zu lesen, wie Adam nun trotz seines greisen Alters und seines geschädigten Bewusstseins beharrlich versuchte, die Wahrheit zu finden und dafür den Kampf nicht nur gegen den unbekannten Feind, sondern auch gegen seine eigene Schwäche und Sterblichkeit aufnahm. Und es war aufregend zu lesen, in welchen Dimensionen sich die Maschinenintelligenzen ausbreiteten und weiterentwickelten, auf den ersten Blick vielleicht unvorstellbar, aber doch mehr und mehr vorstellbar... und es war überraschend zu lesen, wie Adam am Ende agierte. Für mich ist dieses Buch auf jeden Fall wieder eine intelligente und sehr zum Nachdenken anregende Geschichte, die mir sicherlich noch eine ganze Weile im Kopf bleiben wird. Dieses Fazit ist ursprünglich auf www.lovelybooks.de erschienen.

Auf der Suche nach einer untergegangenen Hochkultur
Karin am 17.11.2015

Auf der Erde leben nur noch wenige Millionen Menschen – in Koexistenz mit dem Cluster, einer Gemeinschaft von intelligenten Maschinen, die sich um ihre Schöpfer, die Menschen kümmert. Die Maschinen suchen schon lange mit Hilfe von menschlichen Mindtalkern in den Weiten der Galaxie nach den Artefakten der Muriah, einer Hochkultur, die vor einer Million Jahren spurlos verschwunden ist. Als sie ein altes Schiff finden, erwecken sie jedoch auch eine alte Gefahr.   Der neue Roman von Andreas Brandhorst beginnt ziemlich überschaubar, nicht nur mir der Zahl der Protagonisten. Wir befinden uns auf der Erde in ca. 6000 Jahren, die Folgen der Klimaerwärmung sind deutlich zu spüren und es leben nur noch etwa 4 Millionen Menschen auf der Erde. Nachkommen gibt es kaum, jedoch erlangen die Menschen an ihrem dreißigsten Geburtstag durch eine spezielle Behandlung durch die Maschinen die Unsterblichkeit. Bis auf eine Handvoll Menschen, bei denen diese Behandlung nicht anschlägt. Dafür sind sie aufgrund ihrer Sterblichkeit in der Lage, ihr Bewusstsein kontrolliert über interstellare Entfernungen zu transferieren - eine Gabe, die sich die Maschinen bei ihrer Suche nach den Muriah zu Nutze machen.   Ich hatte öfters das Gefühl, dass in der Zukunft die Rollen von Menschen und Maschinen vertauscht sind, auch wenn Maschinen und Menschen friedlich nebeneinander leben.   Der sterbliche Mindtalker Adam, über 90 Jahre alt, leidet aufgrund seiner Tätigkeit an einer Art Alzheimer, Erinnerungen kommen und gehen, er kann sie nicht festhalten. So erscheinen auch seine Aufträge als Mindtalker wie Fragmente, die weder er noch der Leser anfangs zuordnen kann. Betreut wird er dabei von der Maschinenintelligenz Bartholomäus. Bis er Evelyn begegnet, einer Unsterblichen, die einer Organisation angehört, die der Herrschaft der intelligenten Maschinen kritisch gegenübersteht. Sie will ihm helfen, seine Erinnerungen aufzuzeichnen.   Auch wenn der Roman in weiten Zügen ruhiger als andere Romane des Autors ist, ist er nicht weniger interessant und spannend. Er befasst sich mit Fragen der Evolution und deren mögliche Entwicklung bei Mensch und Maschine und ob immer wieder die gleichen Fehler gemacht werden. Und was zählt mehr: die Freiheit des Einzelnen und seiner Gedanken oder das Wohl der Gemeinschaft? Und wie wichtig ist das Gleichgewicht zwischen den Lebensformen?   Das sind Fragen, denen Adam zunehmend begegnet und deren Antworten er auf eigene Faust herausfinden will. Spannend in diesem Zusammenhang ist auch, dass die Maschinen diese Fragen unterschiedlich beantworten.   Mich konnte auch dieser Roman wieder voll überzeugen, auch weil er zum Nachdenken anregt.

Ferne Galaxien und düstere Szenarien
his_and_her_books / LovelyBooks am 30.10.2015

Für alle Entdecker ferner Welten, die sich Zukunftsszenarien nicht verschließen, dabei Gefahren bestehen können und sich von Rückschlägen nicht verunsichern lassen. Dieses Fazit ist ursprünglich auf www.lovelybooks.de erschienen.

Über intelligente Maschinen und Menschen
Piranhapudel / LovelyBooks am 16.10.2015

Andreas Brandhorst, der Mann mit dem außergewöhnlich riesigen Vokabular, hat mit "Das Schiff" wieder eine tolle Reise durch das Weltall geschrieben. Wie immer strotzt hier alles nur so vor technologischen Fortschritten und deshalb natürlich auch Fremdwörtern. Nicht immer habe ich genau verstanden, wer jetzt wie und wo oder auf welche Weise herumläuft, dafür waren mir die technischen Details manchmal zu hoch und zu dicht. Meinetwegen hätte die Geschichte viel weniger solcher Erklärungen haben können, denn so wirkte es oft sperrig. Zunächst habe ich mir vorgenommen diese Aspekte einfach zu ignorieren und der Geschichte zu folgen, was auch wunderbar geklappt hat. Später jedoch haben solche detaillierten Erklärungen die Kapitel mitunter ein wenig lang gezogen. Die wichtigste Botschaft ist aber trotzdem diese: Ich musste nicht jede Maschine zu 100% verstehen, um die Geschichte an sich verstehen zu können. Und die war wunderbar. Außergewöhnlich, abwechslungsreich, spannend und nachdenklich, oft auch philosophisch. "Das Schiff" empfehle ich jedem weiter, für den sich eine Geschichte über die Auswirkungen künstlicher Intelligenz interessant anhört. Dieses Fazit ist ursprünglich auf www.lovelybooks.de erschienen.

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