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Das rote Band

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Roman

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Das rote Band — Inhalt

Geboren im London des Jahres 1748 in ein Leben voller Armut, Arbeit und Entbehrungen … Mary Saunders will mehr. Die Tochter einer Näherin gelüstet es nach schönen Stoffen, Spitze, nach einem leuchtendroten Satinband – und sie landet, kaum vierzehnjährig, auf der Straße. Atemlos verfolgt man das Leben des begabten, intelligenten Mädchen aus den Slums, das doch nur einen Platz auf der Sonnenseite des Lebens will ...Die Geschichte einer ungewöhnlichen Heldin - aber auch eine Geschichte Londons. Es ist die Zeit, in der Buckingham Palace, aber auch die Elendsviertel des East End entstehen. "Farbenfroh, wild und unwiderstehlich. Donoghue malt ein beseeltes Bild - fantastisch." The New York Times Book Review<

Erschienen am 16.04.2013
Übersetzer: Armin Gontermann
528 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96183-7

Leseprobe zu »Das rote Band«

Prolog

Es war einmal ein Flickschuster namens Saunders, der elf Tage lang starb. So jedenfalls erinnerte es seine Tochter.

Im Jahr 1752 wurde verkündet, dass auf den 2. September der 14. folgen werde. Natürlich ging es hierbei lediglich um die Benennung, die Zeit selbst in ihrem Lauf sollte keinerlei Änderung erfahren. Und was war schon eine kurze Ungelegenheit, ein Augenblick der Konfusion, gemessen an der Tatsache, dass diese kalendarische Reform das Königreich endlich in Einklang mit seinen Nachbarn bringen würde? Die Londoner Zeitungen druckten zwar [...]

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Prolog

Es war einmal ein Flickschuster namens Saunders, der elf Tage lang starb. So jedenfalls erinnerte es seine Tochter.

Im Jahr 1752 wurde verkündet, dass auf den 2. September der 14. folgen werde. Natürlich ging es hierbei lediglich um die Benennung, die Zeit selbst in ihrem Lauf sollte keinerlei Änderung erfahren. Und was war schon eine kurze Ungelegenheit, ein Augenblick der Konfusion, gemessen an der Tatsache, dass diese kalendarische Reform das Königreich endlich in Einklang mit seinen Nachbarn bringen würde? Die Londoner Zeitungen druckten zwar spöttische Verse über die »Auslöschung der Zeit«, doch niemand zweifelte an den gewichtigen Gründen der Regierung. Noch kam jemand auf den Gedanken, sie Menschen ohne jede Bedeutung zu erklären, wie Cob Saunders einer war.

Der jedoch wusste eines immerhin: Das war eine Ungerechtigkeit! Für elf Tage Lederstanzen würde man ihn niemals entlohnen, elfmal würde man ihm das Nachtmahl vom Munde rauben und ihn elf Nächte um die süße Wohltat betrügen, dass er auf seine Strohmatratze sinken konnte.

Am 14. September – im »Neuen Stil«, wie er genannt wurde – wachte Cob Saunders mit dröhnendem Kopf auf und wusste, dass elf Tage seines Lebens verloren waren. Besser gesagt, sie waren ihm gestohlen worden, aus der ihm beschiedenen Zeitspanne herausgeschnitten wie ein Wurmloch aus einem Apfel. Er hatte keine Ahnung, wie man ihm diese Tage abspenstig gemacht hatte oder wie er sie vielleicht zurückbekommen könnte. Ihm wollte schier der Kopf zerspringen, wenn er versuchte, es zu ergründen. Er war nun ein Mann, der seinem Tod um elf Tage näher gerückt war, und nichts konnte er dagegen tun.

Oder vielleicht ja doch. Cob hatte zwar keinen Anteil am Ausbruch der Kalenderunruhen, doch als sie einmal begonnen hatten, beteiligte er sich mit voller Lungenkraft daran und ergoss seine Wut in das kollektive Fegefeuer. Der Ruf erscholl: Gebt uns unsere elf Tage wieder!

Die Regierung ließ Gnade walten. Cob Saunders wurde nicht hingerichtet. Er starb am Kerkerfieber.

Weihnachten kam in diesem Jahr elf Tage früher. Das Gedröhn der Kirchenglocken spannte die Luft so stramm wie Katzendärme, und die fünfjährige Tochter des Schusters kniete sich vors Fenster und hielt Ausschau nach Schnee, der nie fiel.

Elf Jahre später war Mary Saunders wieder auf Knien und selbst im Kerker.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

Der Schlafsaal im Kerker von Monmouth war gut einundzwanzig Fuß lang und knapp fünfzehn Fuß breit. Sie hatte ihn abgeschritten, an ihrem ersten Abend. Vier Mauern, keine Fenster. Die Männer und Frauen, die hier darauf warteten, dass ihnen im Frühjahr der Prozess gemacht wurde, lebten wie Ratten. Manche wurden nach Einbruch der Dunkelheit angekettet, aber nicht unbedingt die Mörder. Ein System konnte Mary dahinter nicht erkennen. Doch sie lernte, dass im Dunklen alles Mögliche geschehen konnte. Vergewaltigungen, begleitet nur von einem Keuchen, oder Schläge, deren einziges Geräusch ein Klatschen auf Fleisch war. Stroh wurde keines bereitgestellt, deshalb häufte sich in den Ecken der Kot an. Die Luft hätte man zerschneiden können. Eines Morgens fand man einen alten Waliser, mit dem Gesicht nach unten lag er reglos da. Aber das konnte Mary Saunders schon nicht mehr erschüttern. Sie ließ nichts mehr an sich heran.

Im September war es noch schlimmer gewesen, als die Mücken durch die nächtliche Hitze surrten und die Wachen kein Wasser brachten. Einmal hatte es vor Sonnenaufgang so heftig geregnet, dass durch die rissige Decke Wasser gesickert war. Die Gefangenen hatten schrill wie Geisteskranke gelacht und die Wände abgeleckt.

Jetzt war es kurz vor Weihnachten, und Mary Saunders hockte im Tagessaal des Gefängnisses da wie eine Schnitzfigur, Stunde um Stunde. Solange sie sich nicht rührte, würde sie auch nichts empfinden. Ihre Hände ruhten auf dem groben braunen Kleid, das ihr die Kerkerwächter vor drei Monaten gegeben hatten. Es fühlte sich an wie Sackleinen und starrte vor Dreck. Ihr Blick war auf das vergitterte viereckige Fenster geheftet, er folgte den Krähen, die über dem frostig weißen Himmel nahe der walisischen Grenze ihre Kreise zogen. Ihr spöttisches Krächzen drang an Marys Ohren.

Die anderen Gefangenen hatten sich inzwischen angewöhnt, die Londonerin wie Luft zu behandeln. Die dreckigen Lieder der anderen hörte sie nicht, ihr Geschwätz kam ihr vor wie eine fremde Sprache. Ihre Kopulationen bedeuteten ihr nicht mehr als das Scharren der Mäuse. Wenn geworfene Würfel zufällig an ihre Knie kullerten, zuckte sie nicht zurück. Als ein Junge ihr das blauschimmelige Brot aus der Hand stahl, krümmte Mary Saunders nur die Finger und schloss die Augen. Sie würde im Kerker sterben, genau wie ihr Vater.

Dann kam jener Morgen, als sie ein leichtes Ziehen in der Brust spürte, so als würde ihr Herz aufklappen. Ein Gestank von Gin erfüllte die Luft. Sie machte die Augen auf und sah, dass eine einarmige Diebin gerade über ihr hockte und sachte ein verblichenes rotes Band aus Marys Mieder zupfte.

»Das gehört mir«, sagte Mary, die ungeübte Stimme belegt. Mit einer Hand griff sie nach dem Band, mit der anderen packte sie das Weib an der weichen Kehle. Sie umklammerte das graue, schlaffe Fleisch und drückte fest zu, während die Diebin sich röchelnd zu entwinden versuchte.

Mary ließ los und wischte sich an ihrem Rock die Hand ab. Dann wickelte sie das Band um ihren Daumen, bis daraus ein enger, rostfarbener Ring geworden war, und steckte es wieder in ihr Mieder, wo es hingehörte.

 

London

Band so rot

Dieses Band war noch leuchtend rot gewesen, als Mary Saunders es damals in London zum ersten Mal zu Gesicht bekam. Im Jahr 1760, da war sie dreizehn Jahre alt. Der breite Streifen hatte genau dieselbe Farbe wie die Mohnblumen auf Lambs Conduit Fields am Ende von Holborn, wo sich die Bogenschützen übten. Er war in das silberne Haar eines Mädchens geflochten, nach dem Mary an den Seven Dials stets Ausschau hielt.

Marys Mutter – nun unter dem Namen Mrs Susan Digot bekannt, sie hatte wieder geheiratet, diesmal einen Kohlenmann – hatte ihre Tochter nicht nur einmal ermahnt, von der Armenschule nicht den Rückweg über die Seven Dials zu nehmen. Einen Pfuhl mit dem übelsten Abschaum von London, nannte sie die Dials. Doch die Ermahnungen lockten das Kind nur an wie ein warmes Feuer an einem Winterabend.

Ohnehin hatte Mary es nie eilig, nach Hause zu kommen. Sofern sie den Zweizimmerkeller auf der Charing Cross Road, in dem die Familie lebte, überhaupt noch im Hellen erreichte, wusste sie schon vorher, was sie durch das niedrige, verkratzte Fenster zu sehen bekommen würde: ihre Mutter nämlich, die wie eine Schiffbrüchige in einem Meer aus billigem Leinen die Nadel in den rissigen Fingern hielt und mit Kreuz- und Zierstichen unzählige Stoffquadrate säumte, während daneben in seinem Korb der neue Säugling schrie. Nirgends konnte man sitzen oder stehen, ohne dass man entweder im Weg oder im Licht war. Es wäre an Mary, den Kleinen aus seinen stinkenden Windeln zu wickeln, und zwar ohne ein Wort des Murrens, denn schließlich war er ein Junge, das kostbarste Gut der Familie. William Digot – der Digot-Mann, wie sie ihren Stiefvater insgeheim nannte – würde erst Stunden später nach Hause kommen. Und dann würde es Marys Aufgabe sein, für zwei Eimer Wasser vor der Pumpe in der Long Acre bis Einbruch der Nacht Schlange zu stehen, damit er sich vor dem Schlafengehen noch das Gesicht waschen konnte.

Wen wunderte es da, dass sie den restlichen Nachmittag lieber an den Dials vertrödelte, von wo aus sieben Straßen in sieben verschiedene Richtungen abgingen? Wo es Stände voll mit Seidenstoffen gab. Wo sich in großen Eimern lebende Karpfen tummelten, während über ihnen die Möwen krächzten. Wo der Krämer mit seinen Röcken stand, jeder mit Schnüren und Bändern verziert, deren Farben Mary geradezu auf der Zunge schmecken konnte: gelb wie frische Butter, schwarz wie Tinte und blau wie Feuer. Wo Jungen, halb so groß wie sie selbst, lange Pfeifen rauchten und schwarze Flatschen auf die Straße spuckten, derweil sich die Spatzen um Pastetenkrümel stritten. Wo Mary den eigenen Atem nicht mehr hören konnte vor lauter Fußgetrappel, dem Gepolter der Karren, den Kirchenglocken, der Schelle des Briefausträgers, den Fiedeln und Schellentrommeln und über allem dem wetteifernden Geschrei der Krämer, die Lavendel und Brunnenkresse oder Quark und Molke und überhaupt alles feilboten, was es nur gab. Was darf es sein, was darf es sein?

Und dann die Mädchen. Immer zwei oder drei Mädchen standen an jeder spitzen Straßenecke der Dials, die Wangen gebleicht und die Münder dunkel wie Kirschen. Mary war nicht dumm. Sie wusste, dass das Dirnen waren. Sie sahen einfach durch Mary hindurch, und etwas anderes erwartete sie auch nicht. Was kümmerte die schon ein schlaksiges Kind in einem grauen Knöpfkittel, aus dem es schon längst herauswuchs, und einer Haube, die seine verschwitzten schwarzen Haare verbarg? Außer dem Mädchen mit dem glänzenden scharlachroten Band, das aus dem Haarknoten wippte, und einer Narbe, die quer über die kreideweiße Maske ihrer Wange lief. Sie lächelte Mary gelegentlich aus einem Winkel ihres schiefen Mundes an. Ohne dieses schartige Mal vom Auge bis zum Kinn wäre dieses Mädchen das schönste Wesen gewesen, das Mary je gesehen hatte. Ihre Röcke waren mal smaragdgrün, mal erdbeerfarben, mal violett und immer aufgebauscht, als wären sie voller Luft. Ihre Brüste quollen über den Rand ihres Mieders wie in der Pfanne aufschäumende Milch. Ihr hochgetürmtes Haar war silbrig gepudert, und das rote Band wand sich hindurch wie ein blutiges Rinnsal.

Mary wusste, dass Dirnen der allerniederste Abschaum waren. Manche von ihnen sahen zwar fröhlich aus, aber das war nur dreiste Verstellung. »Ein Mädchen, das seine Unschuld verliert, verliert alles«, hatte ihre Mutter einmal erklärt und sich im Eingang abgewandt, als zwei dieser Mädchen Arm in Arm vorbeistolzierten und dabei die üppigen Röcke schwingen ließen wie Glocken. »Alles, Mary, hörst du mich? Wenn du nicht rein bleibst, wirst du niemals einen Mann finden.«

Außerdem waren sie verdammt. Das wusste Mary aus einem der Reime, die sie in der Schule lernen musste.

Auf Zecher, Lügner, Dieb und Hur

Wartet’s ew’ge Feuer nur.

Wenn sie in kalten Nächten unter ihrer fadenscheinigen Decke lag, versuchte sie sich diese Hitze vorzustellen, die ihre Handflächen röstete. Alle Farben, die eine Flamme annehmen konnte, sah sie vor sich.

Mary besaß überhaupt nichts Buntes und wurde daher von entsprechenden Gelüsten heimgesucht. Wann immer sie eine halbe Stunde Zeit hatte, schlenderte sie am liebsten die Picadilly entlang und unter den riesigen Holzschildern hindurch, die dort an Ketten baumelten. Das beste war das des Goldschlägers, es hatte die Form eines riesigen vergoldeten Arms mit einem Hammer. Vor jedem der großen Schaufensterrundbögen blieb sie stehen und drückte das Gesicht ans kühle Glas. Wie hell die Lampen schienen, sogar bei Tageslicht! Wie schmuck und farbenfroh die Hüte und Handschuhe und Schuhe ausgelegt waren, die sich ihren Augen darboten! Silbrige, güldene und elfenbeinfarbene Stoffe türmten sich bis in Kopfhöhe der Menschen, die Farben ließen ihr das Wasser im Munde zusammenlaufen. Nie wagte sie es, eines dieser Geschäfte zu betreten – sie wusste ja, man würde sie hinausscheuchen. Aber am Schauen konnte niemand sie hindern.

Ihr eigener Kittel war kieselgrau – damit die Gönner der Schule auch wüssten, dass die Mädchen bescheiden und gehorsam seien, erklärte der Schulleiter. Dasselbe galt für die Hauben und Pelerinen, die am Ende jedes Tages gemeinsam mit den Büchern in der Schule zu bleiben hatten, damit die Eltern sie nicht versetzten. Einmal hatte Mary versucht, Die Könige und Königinnen von England über Nacht in die Charing Cross Road zu schmuggeln, damit sie im fahlen Licht der Straßenlampen, das in den Keller drang, unter der Decke darin lesen konnte. Aber vor der Schultür war sie mit dem Buch unter dem Arm erwischt und mit dem Rohrstock geschlagen worden, bis ihre Handflächen voller roter Striemen waren. Nicht, dass dies sie aufgehalten hätte, es machte sie nur erfinderischer. Als die Lehrerin das nächste Mal vergaß, die Bücher am Ende des Tages zu zählen, klemmte Mary sich Ein Kinderbuch der Märtyrer zwischen die Oberschenkel und tippelte mit steifen kleinen Schritten hinaus, als ob sie Schmerzen hätte. Dieses Buch brachte sie überhaupt nicht mehr in die Schule zurück. Ihre Lieblingszeichnung war die von dem Heiligen, der auf einem riesigen Rost verbrannt wurde.

Obwohl die Digots nur zweimal im Jahr zum Abendmahl in St. Martin-in-the-Fields gingen, besaß Mary neben ihrem Alltagskleid auch eines für sonntags, das aber schon lange zu einem Beige verblasst war. Das Brot, von dem die Familie sich ernährte, war grobkörnig von der Kreide, die der Bäcker zum Weißen hineingab. Der wässrige Käse war bleich und schwitzte. Falls es bei den Digots überhaupt Fleisch gab, einmal alle paar Wochen, wenn Marys Mutter eine große Charge an Näharbeit pünktlich fertiggestellt hatte, dann war es hellbraun wie Sägemehl.

Nicht, dass sie wirklich arm gewesen wären. Mary Saunders und ihre Mutter und der Mann, den sie Vater nennen sollte, besaßen jeweils ein Paar Schuhe, und falls der Säugling Billy nicht zu schnell laufen lernte, würde er, sobald er sie benötigte, auch welche haben. Arm war etwas gänzlich anderes, das wusste Mary. Arm war, wenn man durch die Löcher in den Kleidern das nackte Fleisch sah. Arm war, wenn man eine Prise Tee wochenlang immer wieder aufbrühte, bis er nur noch die Farbe von Wasser hatte. Wenn man auf der Straße zusammenbrach. Oder wenn der Atem nach Metall roch wie bei dem Jungen, der in der Schule beim Beten umgekippt war. »Selig sind die Sanftmütigen«, hatte der Schulleiter gerade feierlich angehoben, dann, verärgert über diese Störung, einen Moment innegehalten, um schließlich fortzufahren: »… denn sie werden das Erdreich besitzen.« Aber dieser Junge hatte gar nichts besessen. Er war lediglich am nächsten Morgen abermals ohnmächtig geworden und dann nie mehr zur Schule gekommen.

Ja, Mary wusste, dass sie für vieles dankbar sein musste, von den Ledersohlen unter ihren Füßen über das Brot in ihrem Mund bis hin zu der Tatsache, dass sie überhaupt zur Schule gehen konnte. So langweilig es auch sein mochte, es war immer noch besser, als mit acht Jahren in einer Schenke den Boden zu wischen wie die Kleine von nebenan. Es gab nicht viele Mädchen, die mit dreizehn immer noch zur Schule gingen. Die meisten Eltern hielten derart viel Bildung für überflüssig. Aber es war Cob Saunders’ Lieblingsmarotte gewesen, dass seine Tochter einmal lernen sollte, was er nie gelernt hatte – Lesen, Schreiben und die Rechnerei. Und für seine Witwe war es Ehrensache, dafür zu sorgen, dass das Mädchen nie die Schule versäumte. Ja, Mary war dankbar für das, was sie hatte; die harschen Ermahnungen ihrer Mutter brauchte sie gar nicht. »Wir kommen doch zurecht, oder etwa nicht?«, war Susan Digots Antwort auf jede Klage, und sie zeigte mit ihrem langen, schwieligen Finger auf die Tochter. »Wir kommen über die Runden, dem Schöpfer sei Dank.«

Als Mary noch sehr klein gewesen war, hatte sie einmal gehört, wie man Gott den Allmächtigen genannt hatte, und seitdem neigte sie dazu, ihn mit dem Mann zu verwechseln, für den ihre Mutter stickte. Ungefähr einmal pro Woche kam der Austräger mit einem Sack voller Leinen vorbei und warf ihn Susan Digot vor die Füße. »Der Herr sagt, das hier muss bis Dienstag fertig sein, sonst kostet es dich ein Vermögen. Und keine Flecken mehr, oder er zieht dir zwei Pennys pro Schilling ab.« So kam es, dass in der Vorstellung des Kindes dem allmächtigen Herrn alle Dinge und Menschen auf der Erde gehörten, und jeden Moment konnte man für alles, was man damit getan hatte, zur Rechenschaft gezogen werden.

Neuerdings träumte Mary des Nachts, dass schnauzbärtige Franzosen vor ihr knieten, während sie selbst ihr Gesicht hinter einem steifen Spitzenfächer verbarg. Die narbengesichtige Dirne von den Dials schüttelte den Kopf wie eine Silberbirke im Wind, und das rote Band glitt just in Marys Hände, so weich wie Wasser.

»Jetzt aber aufstehen, Mädchen.« Dieser Ruf der Mutter war das Erste, was sie am Morgen hörte. Mary musste den randvollen Nachttopf der Digots in die Gosse leeren, die Glut vom Abend zuvor anfachen und an einer rußschwarzen Gabel Brotkanten rösten. »Nun beeil dich mal. Dein Vater kann nicht den ganzen Tag hier vertrödeln.« Als ob das ihr Vater wäre; als ob seine Freundlichkeit ihr gegenüber einen Deut länger gedauert hätte als das Werben um die Witwe Saunders. »Los jetzt, hörst du nicht, wie der kleine Billy jammert?« Als ob Mary das gekümmert hätte.

Ein Junge war zehnmal mehr wert als ein Mädchen, das musste man Mary nicht erst sagen. Doch seit der Halbbruder des Mädchens auf der Welt war, sah Susan Digot nicht etwa zufriedener aus, eher im Gegenteil. Ihre Ellbogen waren noch spitzer, ihre Stimmung noch gereizter. Manchmal schien sie beim Anblick ihrer Tochter von einem regelrechten Zorn erfasst. »Vier Mäuler habe ich zu stopfen«, murrte sie einmal, »und eines davon gehört einem großen, nutzlosen Mädchen.«

Jeden Morgen, wenn Mary an der Ecke auf den Milchhändler wartete, und besonders dann, wenn er die Milch mit Schneckensaft vergällt hatte, damit sie schäumte wie frische, suchte sie Zuflucht in ihren Lieblingserinnerungen: an den Tag etwa, als ihre Mutter sie mitgenommen hatte, um die Parade des Oberbürgermeisters anzuschauen, oder an letztes Silvester das Feuerwerk am Tower Hill, das schier den Himmel aufgerissen hatte. Während sie beide Hände um ihre Teeschale legte und ihre Brotkanten hineintunkte, damit sie weich wurden, malte sie sich eine Zukunft im Überfluss aus. Sie gab sich der Vorstellung hin, wie sie das Hausmädchen jeden Morgen hieß, ihr ein scharlachrotes Band in die Zöpfe zu flechten, wie dieser grelle Fleck ihr Haar kohlrabenschwarz schimmern ließe. Die Klänge ihrer Zukunft würden exotisch sein: Flöten und galoppierende Pferde und glockenhelles Lachen.

In der Schule stellte Mary sich bunte Farben vor, während sie die Verhaltensmaßregeln abschrieb oder die Rechtschreibung der Mädchen an den Nachbartischen korrigierte. Keine der Aufgaben, die man ihr stellte, verlangte ihr mehr als einen Bruchteil ihres Hirns ab, das war das Problem. Der Schulleiter schalt sie zwar stolz, aber Mary hielt es für Unsinn, so zu tun, als wisse sie nicht, wie gescheit sie war. So weit sie sich zurückerinnern konnte, hatte sie ihre Schularbeiten immer lächerlich einfach gefunden. Inzwischen lenkte sie sich mit Tagträumen über Reifröcke mit drei Meter langen Schleppen ab, während sie – einen Kopf größer als die übrigen Kinder – dastand und die Leitsätze der Tugend aufsagte.

Arbeit ist des Daseins Pflicht,

Nur böse Kinder schaffen nicht.

Mary waren diese Verse inzwischen schon so vertraut, dass sie in den Chor einstimmen konnte, während sie in Gedanken ganz woanders war. So konnte sie zum Beispiel die fünf Gebote zur Erlösung singen und gleichzeitig beschließen, dass sie, wenn sie erst zur Frau herangewachsen war, nie mehr Beige tragen würde. Sie versuchte, nicht daran zu denken, wie leer ihr Magen war, und auch nicht an den Allmächtigen im Himmel oder welche Stücklohnarbeit er ihr zuteilen würde und wie lange in ihrem Leben sie diese würde verrichten müssen. Oder an die unsterbliche Seele, auf der die Lehrer immer so herumritten. Mary wusste, die würde sie im Nu eintauschen für nur ein kleines bisschen Pracht. Für ein einziges leuchtend rotes Band.

Emma Donoghue

Über Emma Donoghue

Biographie

Emma Donoghue wurde 1969 als jüngstes von acht Kindern in Dublin geboren. Sie studierte in Dublin und Cambridge. Nach einem Aufenthalt in London zog sie 1998 nach Ontario in Kanada, wo sie mit ihrer Lebensgefährtin und ihren beiden Kindern lebt. Emma Donoghue ist Autorin zahlreicher Romane und...

Pressestimmen

Neues Deutschland

»Ein leidenschaftlicher Roman.«

Brigitte

»Drastisch, manchmal derb, aber zugleich mit psychologischem Feingefühl erzählt Emma Donoghue aus Dublin einen echten Fall. (...) ein spannendes Kapitel Sozialgeschichte mit Oliver-Twist-Potenzial.«

Ostthüringer Zeitung

»Donoghue erzählt sinnlich und hautnah von einer dunklen Zeit, in der Frauen ein beschränktes Leben führten.«

Lea

»Fesselnd.«

Buchmedia Magazin

»Atemlos verfolgt man das Leben des begabten, intelligenten Mädchens aus den Slums, das doch nur einen Platz auf der Sonnenseite des Lebens will.«

Zuhause Wohnen

»Emma Donoghue ließ sich von der wahren Geschichte einer 16-Jährigen zu diesem aufregenden, gnadenlosen Roman inspirieren.«

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