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Das RosenpalaisDas Rosenpalais

Das Rosenpalais

Roman

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Das Rosenpalais — Inhalt

Zeiten des Umbruchs verlangen mutige Entscheidungen
 
Koblenz in den Goldenen Zwanzigern: Die Firma des einstmals erfolgreichen Süßwarenfabrikanten Felix Dorn steht kurz vor dem Bankrott. Sein Sohn Eric, der traumatisiert aus dem Krieg zurückgekehrt ist, zeigt kein Interesse daran, sich um das Geschäft zu kümmern. Ganz anders seine Tochter Ella, die mit einer neuen Idee den einstigen Wohlstand der Familie zurückerobern möchte – gegen den Willen ihrer Verwandten, die andere Pläne mit ihr haben. Sie will sich auf Schokolade spezialisieren, ein Luxusgut, das großen Gewinn verspricht ...
 
Der große Traum einer jungen Chocolatière – der Auftakt einer opulenten Familiensaga

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 04.06.2019
448 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-22836-7
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 04.06.2019
496 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99300-5

Leseprobe zu „Das Rosenpalais“

Teil 1


1

Oktober 1924

Ella stand auf dem Balkon der elterlichen Villa am Rhein, sah auf das sich im Wind kräuselnde Wasser, ein graues Spiegelbild des Himmels. Es war der Moment, in dem ein Strahl der Herbstsonne durch die Wolken brach, als sie entschied, dass es in ihrem Leben so nicht weitergehen konnte. Obwohl sie fror, blieb sie noch einen Augenblick lang draußen stehen, musste die Worte lautlos in den kalten Wind sprechen. So geht es nicht mehr weiter.

„So geht es nicht mehr weiter“, sagte sie hiernach, als sie in den Salon trat, in dem ihr Bruder [...]

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Teil 1


1

Oktober 1924

Ella stand auf dem Balkon der elterlichen Villa am Rhein, sah auf das sich im Wind kräuselnde Wasser, ein graues Spiegelbild des Himmels. Es war der Moment, in dem ein Strahl der Herbstsonne durch die Wolken brach, als sie entschied, dass es in ihrem Leben so nicht weitergehen konnte. Obwohl sie fror, blieb sie noch einen Augenblick lang draußen stehen, musste die Worte lautlos in den kalten Wind sprechen. So geht es nicht mehr weiter.

„So geht es nicht mehr weiter“, sagte sie hiernach, als sie in den Salon trat, in dem ihr Bruder saß, in stiller Melancholie, die doch so gar nichts mit jener romantischen Verklärung zu tun hatte, die ihr oftmals anhaftete. Eric beschrieb seinen eigenen Zustand gerne wie die Stille unter dem Schnee. Das war es auch, was er bei seiner Rückkehr aus dem Krieg beständig wiederholt hatte. „Stille, Ella, da war so viel Stille unter dem Schnee.“ Und die hatte er mit heimgebracht, sie füllte ihn aus, dröhnte ihm in den Ohren, während sein Äußeres zu einer Maske kalten Gleichmuts erstarrt war.

Auf ihre energische Ankündigung hin sah er sie nur an, fragte nicht, was sie entschieden hatte. Entweder, weil es ihn nicht interessierte, oder aber, weil er wusste, sie würde es ihm ohnehin erzählen.

„Sie sitzen da und lauern“, erklärte Ella, „Tante Elisabeth, Onkel Georg, Onkel Heinrich. Wie die Spinnen in ihrem Netz.“ Und würden sofort zuschlagen, wenn sich die Geschwister endgültig darin verheddert hätten.

„Was für ein reizendes Bild, Ella.“ Eric wirkte milde belustigt.

Sie hatte es nie gemocht, wenn er sich über sie lustig machte, aber früher hatte er es in jener ritterlichen Nachsicht getan, die ältere Brüder sich allein für ihre kleinen Schwestern aufzuheben schienen. Dann war der Krieg gekommen, und aus dem draufgängerischen Eric mit dem spöttischen Lächeln war ein grüblerischer Mann geworden, dessen Spott in seinen Augen zu Zynismus erkaltet war. Einst war er so sprachgewandt gewesen, doch wenn er sich nun äußerte, diente dies meist nur noch dazu, das weltliche Elend in stetig andere Gewänder zu kleiden. Wenn er sich denn überhaupt dazu herabließ, Unterhaltungen mit Menschen außer Ella zu führen.

„Morgen fahre ich ins Werk“, erklärte sie.

„Und darf ich auch erfahren, was du dort zu tun gedenkst?“

„Das, was du seit Vaters Tod hättest tun müssen. Verantwortung übernehmen. Also werde ich mich nun darum kümmern.“

Jetzt verzogen sich seine Lippen zu einem seiner seltenen Lächeln, wölfisch, kalt. „Du?“

Ein Wort nur, und er schaffte es, eine ganze Lebensgeschichte hineinzulegen. Ella, die verwöhnte Tochter des Hauses. Ella, die parlieren konnte. Ella, die tanzen konnte. Ella, die zu kokettieren wusste. Ella, die zu sonst nichts taugte. Für die Bücher nur von unterhaltsamer Natur waren und die Mathematik Zahlen, mit denen man die Preise für die neue Garderobe beglich.

Ein Jahr war der Tod ihres Vaters nun her. Damals war er mit dem Automobil verunglückt, am Uferweg von der Straße abgekommen. Ihre Mutter hatte wenige Jahre zuvor die Spanische Grippe dahingerafft. Zu Lebzeiten war der Vater in gewisser Weise ein Anker für Eric gewesen, aber nun lastete alles auf Ellas Schultern. Und ihr Bruder tat das ab mit einem einzigen Wort. Du?

„Ja“, antwortete sie nun. „Ich.“ Ihre Bemühungen, in dieses Wort ein neues Leben zu legen, fanden keinen Widerhall in seinen Augen, die zynische Belustigung blieb.

„Und was wirst du dort tun?“

„Mir zunächst einen Überblick verschaffen.“

Sein Wolfslächeln ging über in ein kurzes Auflachen. „In der Tat, ja?“

Die Herablassung machte sie wütend. „Wenn du einen besseren Vorschlag hast, dann nur her damit.“

Erwartungsgemäß schwieg er. Dann, als Ella sich abwenden und gehen wollte, sagte er: „Ich sollte das Werk verkaufen.“

„Ich mag kaufmännisch nicht so bewandert sein wie du, aber selbst ich weiß, dass wir für eine Süßwarenfabrik, die kaum noch Gewinn abwirft, nicht viel bekommen.“

„Es kann sein, dass jemand ihr wieder Leben einhaucht.“

„Gewiss. Und das kann ich ebenso gut wie jeder andere.“

Jetzt war es wieder da, das Lächeln frostiger Belustigung. Ohne ein weiteres Wort wandte Ella sich ab und verließ den Salon.

Im Arbeitszimmer ihres Vaters roch es nach altem Leder, Holzrauch und Bienenwachs. Obwohl der Raum seit einem Jahr ungenutzt war, hafteten ihm immer noch die vertrauten Gerüche an, als könne ihr Vater jeden Moment durch diese Tür treten. Dass dem nicht so war, dafür sprach lediglich die Kälte, die im Zimmer hing. Normalerweise war hier täglich eingeheizt worden, aber dazu bestand ja derzeit keine Notwendigkeit mehr.

Sie setzte sich auf den bequemen Stuhl dessen hölzerne Rücken- und Armlehne mit von Rosshaar unterfüttertem Leder überzogen waren. Hier hatte ihr Vater lange Abende verbracht, umwabert von würzig duftenden Tabakwolken, die seiner Pfeife entstiegen. Es hatte stets arbeitsam angemutet, wie er hier gesessen hatte, und vermutlich hatte er sogar gearbeitet, hatte versucht, sich die immensen Summen, die er verschleuderte, schönzurechnen, hatte seiner Frau Geschenke gemacht, die er sich nicht hatte leisten können, in der Hoffnung, sie an seiner Seite zu halten. Während alle Welt ahnte, dass sie sich durch die Betten reicherer Männer schlief. Früher hatte Ella davon freilich keine Ahnung gehabt, mittlerweile aber wusste sie sich auf diffuse Andeutungen einen Reim zu machen.

Ella schüttelte den Kopf, als könne sie damit gleichsam jeden unwillkommenen Gedanken abschütteln, wollte sich lieber an schöne Zeiten erinnern, an Tage vor dem Krieg, als alles noch so vollkommen erschienen war. Weihnachtsabende, bei denen sie voller Vorfreude auf dem Flur stand, während Eric – älter und abgebrühter – nachsichtig gelächelt hatte. Winternachmittage, an denen sie hier mit einem Buch in dem Sessel vor dem Kamin gekauert hatte, während ihr Vater in Dokumente vertieft gewesen war.

Behutsam zog Ella die Schublade unter der Tischplatte auf, ziellos, denn irgendwo musste sie anfangen. In der Lade fand sie gebündelte Briefe, die sie beim flüchtigen Durchblättern als ausschließlich privater Natur erkannte. Feldpost von ihrem Bruder, alles sorgsam aufbewahrt. Briefe von guten Freunden und nahen Verwandten. Ella schob die Schublade zu und wandte sich den Dingen auf dem Schreibtisch zu. Vor ihr war eine lederne Unterlage auf der Schreibplatte befestigt, die hier und da kleine Tintenflecke zierte. Rechts stand ein Füllfederhalter in einer Halterung neben einem gläsernen Fässchen, das nur noch ausgetrocknete Reste schwarzer Tinte enthielt. Dokumente, an denen ihr Vater zuletzt gearbeitet hatte, lagen in einem Stapel auf der linken Seite, die letzten beantworteten Briefe in der Ablage zu Ellas rechter Hand.

Sie griff nach dem Stapel Unterlagen und ging ihn durch, sah sich Bilanzen an, lange Zahlenkolonnen mit Kürzeln versehen, deren Bedeutung sich ihr nicht erschließen wollten. Sie las sich die ersten Seiten durch, krauste die Stirn, blätterte weiter durch, überflog einige Seiten und legte die Unterlagen zurück, ohne etwas von dem, was sie gelesen hatte, so recht verstanden zu haben.

Ella beschloss, sich am kommenden Tag im Werk einen ersten Überblick zu verschaffen. Für den Papierkram hatten sie schließlich Mitarbeiter, sollten die sich damit befassen. Jemand musste sich ja in der Zwischenzeit gekümmert haben, schließlich herrschte in der Fabrik kein Stillstand. Ella zog den schweren gläsernen Aschenbecher heran, entnahm einem silbernen Etui eine Zigarette, steckte sie zwischen die Lippen und fand nach einigem Suchen Streichhölzer. Zwischen halb geöffneten Lippen atmete sie Rauchkringel in die Luft und drückte dem Raum einen ersten zaghaften Stempel auf.

 

„Das schaffst du schon. Verdun hast du ja auch überlebt.“

Seine Schwester Ava sagte es lapidar dahin, aber Sebastian Lombard hatte über dergleichen Scherze noch nie lachen können. So etwas konnte nur sagen, wer nicht dabei gewesen war, wenngleich seine ältere Schwester stets behauptete, auch für sie daheim sei es ja alles so furchtbar gewesen. Gar so schlimm konnte es jedoch nicht gewesen sein, wenn sie eine Tanzveranstaltung, zu der er keine Lust hatte, mit der Knochenmühle Verdun verglich. Sebastian stand vor dem hohen Spiegel in der Eingangshalle, rückte seine Krawatte zurecht und beschloss, das Gesagte nicht zu kommentieren, um vor ihrem Aufbruch nicht noch einen handfesten Streit vom Zaun zu brechen.

„Ich wäre dir dankbar“, sagte sein Schwager Paul Falkoven stattdessen, „wenn du es unterlassen könntest, unpassende Vergleiche zu ziehen.“

Ava lief rot an. „Es war ein Scherz. Sebastian hat das sehr wohl verstanden. Du musst dich hier also nicht echauffieren.“

Sebastian tauschte einen verständnisinnigen Blick mit seinem Schwager, der es dabei beließ und nur die Schultern zuckte. Es war ja gar nicht so, dass Sebastian ungern ausging, ganz im Gegenteil. Aber diese Art von Soireen, diese steifen Veranstaltungen, bei denen man seinen Reichtum – und in Sebastians Fall die hübsche Frischverlobte – präsentierte, waren ihm ein Graus. Und nicht einmal die Aussicht, Helene zu treffen, konnte ihn damit aussöhnen.

Ehe seine Eltern erschienen, eilte Ava noch einmal die Treppe hoch, um nach den Kindern zu sehen, wie sie erklärte, als sei zu befürchten, jemand habe diese in ihrer Abwesenheit geraubt. Ava machte stets viel Aufhebens um ihre Mutterschaft, beharrte darauf, dass die Kinder mindestens zwei Tage bräuchten, um sich einzugewöhnen, obwohl sie bei jedem Besuch wie eine Horde Berserker durchs Haus tobten und keinerlei Anzeichen fremdelnder Scheu zeigten. Stets war sie in Angst um sie, flatterte um sie herum und beobachtete jede Bewegung, die von dem abwich, was sie kannte, um es auf „veränderte Umstände“ zu schieben. Und das konnte alles sein, vom Essen, das nicht schmeckte, bis hin zu einer fiebrigen Erkrankung. Und im Haus der Großeltern zu verweilen war nun ein „veränderter Umstand“, der von kaum einem anderen übertroffen werden konnte.

So standen die Eltern lange vor Ava in der Halle, und seine Mutter sah mehrmals zu der großen Standuhr, die bereits vor fünf Minuten zur vollen Stunde geschlagen hatte. Sie kamen nie genau pünktlich zu abendlichen Veranstaltungen, schließlich sollten die Leute nicht denken, man habe sonst nichts vorgehabt und hätte nur darauf gewartet, eine Einladung für diesen Abend zu erhalten. Aber man sollte auch nicht in einem Maße zu spät kommen, das an Unhöflichkeit grenzte, und darauf steuerten sie derzeit zu.

„Wo bleibt sie denn?“, fragte Sebastians Mutter entnervt.

Paul wollte eben die Treppe hoch, um seine Frau zu holen, als Ava hinuntereilte. „Es tut mir leid, aber ich hatte den Eindruck, als hätte die Kleine Fieber.“

Die Kleine war ein zweijähriger Wildfang, ihre Jüngste, die vermutlich erhitzt war, weil sie bis zu ihrem Eintreten im Bett herumgesprungen war.

„Und?“, fragte Paul. „Hatte sie?“

„Das weiß ich nicht, Hanne behält sie im Auge.“

„Dafür wird sie bezahlt“, antwortete Paul.

Sebastian hoffte, dass dies nicht das Leben war, das ihn nach der Eheschließung erwartete. Allerdings war Ava immer schon anstrengend gewesen, im Gegensatz zu seinen beiden anderen Schwestern, von denen eine im Alter zwischen ihm und Ava stand und die andere jünger war als er. Die Ältere hatte nach München geheiratet, die Jüngere nach Insterburg, und beide hätte er eher jeden Monat ertragen als Ava, die leider nur nach Bonn geheiratet hatte.

Der Chauffeur fuhr das Automobil der Lombards vor, während der Ehemann seiner Schwester sich selbst ans Steuer setzte. Paul Falkoven war ein passionierter Rennfahrer, und auch privat stieg er am liebsten in seinen Sportwagen. Dass er der Familie zuliebe für die Fahrt nach Koblenz auf einen etwas familientauglicheren Wagen umsteigen musste, tat seinen Rennfahrerqualitäten indes keinen Abbruch, und so war er mit Ava längst um die Ecke gebraust, noch ehe Sebastian seiner Mutter in den Wagen geholfen hatte.

„Irgendwann bricht er sich noch den Hals“, prophezeite sein Vater. „Hoffentlich sitzt Ava dann nicht im Wagen.“

Als sie fünfzehn Minuten später durch das Portal in die Einfahrt des hell erleuchteten Hauses der Familie Georg Dorn rollten, stand Pauls Wagen bereits eingereiht neben den Fahrzeugen der anderen Gäste.

„Irgendwann bricht er sich den Hals“, wiederholte Sebastians Vater.

„Wenn dann nur nicht unsere Ava bei ihm im Wagen sitzt“, fügte seine Mutter hinzu.

Wenn dieser Moment sinnbildlich war für den weiteren Verlauf des Abends, dann stand ihm eine todlangweilige Veranstaltung bevor, und Sebastian überlegte bereits, wie er frühzeitig das Weite suchen konnte, ohne die Gastgeber zu brüskieren.

Georg Dorn und seine Frau Dorothea begrüßten sie in der Eingangshalle, und seine künftige Schwiegermutter umfasste seine Hand bei der Begrüßung mit beiden Händen. „Helene ist bereits im Salon.“ Sie sagte das in jenem Ton verschwörerischer Mitwisserschaft, den ältere Menschen – aus Gründen, die Sebastian nicht bekannt waren – jüngeren gegenüber anschlugen, wenn es sich um Liebesdinge drehte. Als ginge Sebastian gänzlich unbedarft und unerfahren an die Sache heran und befinde sich bereits in fieberhafter Aufregung, endlich seine Verlobte zu sehen.

Er spielte das Spiel jedoch mit, lächelte und dankte ihr in gesenktem Tonfall. Dann ging er hinüber in den Salon, wo Helene sich mit einigen Freundinnen unterhielt. Dass sie dabei die linke Hand vorstreckte und die anderen jungen Frauen sich interessiert darüber neigten, ließ den Gegenstand der Unterhaltung erahnen. Der Ring hatte ein kleines Vermögen gekostet, aber wenn es eines gab, um das Sebastian sich niemals hatte sorgen müssen, dann war es Geld.

Eine der jungen Frauen wurde auf ihn aufmerksam, und sie stieß ihre Nachbarin an. Kurz darauf drehten sich alle zu ihm um, und auf Helenes Lippen erschien jenes siegesgewisse Lächeln der Besitzenden. Er trat zu ihr, gab ihr einen galanten Handkuss und führte sie unter dem Gekicher ihrer Freundinnen davon. Erstaunlich, wie wenig es bedurfte, damit aus jungen Frauen wieder Backfische wurden.

Dabei war Helene im Grunde genommen nicht einmal seine Wahl gewesen, sondern die seiner Mutter, er hatte sich lediglich einverstanden erklärt. Ebenso wenig, wie er vermutlich Helenes Wahl gewesen war. Ihre Eltern hatten sich um die diffizilen Arrangements aus Geld und noch mehr Geld gekümmert. Natürlich spielten auch die Namen eine Rolle. Die Lombards, reich geworden durch den Gewürzhandel, heirateten in die Familie Dorn, noch reicher geworden durch eine florierende Reederei. Es passte einfach in jeder Hinsicht. Und da Helene darüber hinaus recht hübsch war mit ihren karamellbraunen Locken und den blauen Augen, machte er keinen schlechten Schnitt bei der Sache. Ebenso wenig wie sie, denn Sebastian hatte sich über einen Mangel weiblicher Aufmerksamkeit – und das konnte er bar jeder Selbstgefälligkeit sagen – nie beschweren können.

Allerdings täuschte auch alle Schönheit nicht darüber hinweg, dass sie sich ermüdend wenig zu erzählen hatten, und während Sebastian sich in gesellschaftlicher Plauderei erging, überlegte er erneut, wie er sich von dieser Feier verabschieden konnte, ohne grob unhöflich zu werden. Etwas Spannenderes als die Pianospielerin, von der seine künftige Schwiegermutter schwärmte, sie sei die Neuentdeckung des Jahres, würde der Abend wohl mitnichten zu bieten haben.

Er war beinahe erleichtert, als Helene sich entschuldigte, da sie eine Freundin erspäht hatte, und er sich einigen Freunden zuwenden konnte, die an diesem Abend ebenfalls den Weg hierher gefunden hatten.

„Eine Dorn-Tochter also?“, fragte einer von ihnen. „Guter Fang, in jeder Hinsicht.“

„Lässt du dafür jetzt die Kleine aus dem Theater fallen?“

Die Kleine aus dem Theater war eine begabte junge Schauspielerin und Sebastians neueste Eroberung. Allerdings war dies mitnichten ein Thema, das er auf der Soiree seiner künftigen Schwiegereltern erörtert wissen wollte, und so begnügte er sich mit einem vielsagenden Blick, was seine Freunde mit einem leicht anzüglichen Grinsen beantworteten. Man verstand sich. Sebastian sah kurz auf die Uhr. Wenn er es schaffte, sich hier in spätestens zwei Stunden loszusagen, dann konnte er sie von ihrer letzten Vorstellung direkt abholen und den Abend weitaus erquicklicher ausklingen lassen, als es ihm hier in Aussicht gestellt wurde.

 

Ella war früh zu Bett gegangen, wälzte sich erst eine Weile hin und her und sank schließlich in einen unruhigen Schlaf. Sie träumte, mit einem Schiff auf wild brodelnder See zu fahren. Weit und breit kein Land, und immer wieder riss das Wasser seinen Schlund auf, türmte haushohe Wellen auf. Erst als sie die Augen öffnete und die lauten Schreie immer noch nicht verstummten, wusste sie, dass sie kein Teil ihres Traums gewesen waren, sondern aus dem Zimmer ihres Bruders kamen.

Mit wild klopfendem Herzen richtete Ella sich auf, schweißnass trotz der herbstlichen Kälte im Zimmer, und warf die Decke zur Seite. Rasch verließ sie ihr Bett und lief hinüber in Erics Zimmer, sah, wie ihr Bruder im Bett saß, die Augen weit aufgerissen, auf einen Punkt starrend, auf Bilder, die außer ihm niemand zu sehen vermochte. Neben seinem Bett brannte eine Lampe, er schlief nicht mehr ohne Licht, seit er heimgekommen war.

„Eric.“ Sie ging zu ihm, rüttelte ihn an der Schulter, und er fuhr herum, sah sie mit wildem Blick an, ergriff sie und schleuderte sie so heftig zur Seite, dass ihr Kopf gegen den Bettpfosten schlug. Der Schmerz trieb ihr die Tränen in die Augen, und sie wollte sich von ihrem Bruder losmachen, aber sein Griff war stahlhart. „Eric! Eric, ich bin es“, schrie sie, als er sie aufs Bett drückte und sie einen aberwitzigen Moment lang dachte, er würde sie erwürgen. Dann jedoch veränderte sich sein Blick, und sein Griff lockerte sich. Er keuchte, als sei er gerannt, schluchzte.

Ein wenig benommen richtete Ella sich auf, berührte die Stelle, wo ihr Kopf gegen das Bett geknallt war und wo sie bereits eine Schwellung ertasten konnte. Himmel, tat das weh.

„Was habe ich getan, Ella?“

„Ist nicht schlimm.“ Sie schüttelte seine Decke auf und setzte sich vor ihn, umfasste seine Schultern. „Es ist nicht schlimm.“

„Was habe ich getan? Was um alles in der Welt habe ich getan?“ Er schluchzte erneut auf.

„Es hat nicht wehgetan“, log sie, um ihn zu beruhigen, und erst jetzt sah er sie an, irritiert, fragend.

„Wovon sprichst du?“

„Von …“ Sie stockte. „Wovon sprichst du?“

Wieder wurde sein Blick gehetzt. „Die Dunkelheit, Ella. Wenn sie einmal da ist, wird es nie wieder licht.“

Sie erhob sich, wusste nicht, was sie tun sollte. „Schlaf jetzt“, sagte sie, da ihr nichts Besseres einfiel.

„Wenn ich schlafe, kommen sie zurück.“

„Dann sag ihnen, sie sollen sich fortscheren.“

Etwas blitzte in Erics Augen auf, etwas, das wieder ihren Bruder zeigte, den sie kannte, den Bruder, der Angst in belustigtem Spott bannte. Ihre Großmutter hatte ihr seinerzeit mit der unsäglichen Geschichte über Nachtmahre, die böse Menschen holten und dabei ungehorsame Kinder besonders gerne mochten, Albträume beschert. Eric hatte gesagt, dass jeder Nachtmahr sie nach einem Tag freiwillig zurückbringen würde. Außerdem – wenn die Nachtmahre böse Menschen holten, warum war die Großmutter denn dann noch hier?

Ella wünschte ihm eine gute Nacht, was ihr angesichts der Umstände geradezu höhnisch vorkam, aber sie wusste auch nicht, was sie sonst sagen sollte. Er war dreißig, sie gerade einundzwanzig geworden. Es wäre an ihm, das Zepter zu übernehmen, sie zu beschützen, das Haus für sie zu bewahren, die Firma vor dem Untergang zu retten. Und obwohl Ella wusste, dass Eric nichts dafürkonnte, dass die Dinge nun einmal waren, wie sie waren, erfasste sie eine verzehrende Wut. Unmöglich, jetzt wieder zu Bett zu gehen.

Langsam schritt sie die Treppe hinab, durchquerte die finstere Halle und ging in den Salon, wo es stets am einfachsten war, einer schönen Vergangenheit nachzuspüren, einer, die dazu geeignet war, Mut für die Zukunft aus ihr schöpfen zu können. Aber heute Nacht lauerten selbst hier Gespenster, und es waren nicht mehr die schönen Dinge, die den Raum bevölkerten, sondern all die Schrecken, die dahinter lauerten und den Moment der Schwäche nutzten, um hervorzubrechen. Das letzte Weihnachten vor dem Krieg, an dem Ella strahlend vor dem Baum gestanden hatte, während ihr Vater ihrer Mutter ein teures Schmuckstück schenkte und ihre Mutter beim Anlegen an ihm vorbei in die Ferne lächelte. Es war, als wolle der Raum ihr sagen, dass schon damals alles dabei gewesen war zu zerbröckeln, dass die Hoffnungslosigkeit selbst in jenen rückblickend so glücklichen Zeiten zäh aus jeder Ritze und jedem Spalt quoll.

Sie ging zur Verandatür und öffnete sie. Kalte Luft strömte in den Raum. Hinter Ellas geschlossenen Lidern tauchte indes der Sommer auf, flirrende Wärme über dem Garten, die Vorfreude auf sonnenwarmes Gras unter den bloßen Füßen. August vor zehn Jahren. Hinter ihr Schritte, dann Erics Stimme, voller Vorfreude. Ella, ich werde ein Held! Sie öffnete die Augen, drehte sich ruckartig um. Es war kalt, und der Raum hinter ihr war leer. Langsam stieß sie den Atem aus und dachte unwillkürlich an die Einladung, die Onkel Georg ihnen hatte zukommen lassen. In seinem Haus pulsierte in dieser Nacht das Leben. Ein Jahr war der Tod ihres Vaters nun her, Zeit, die Trauer abzulegen, so seine Worte. Vielleicht hätte sie gehen sollen. All die Stille. Darüber konnte man ja nur den Verstand verlieren.

 

 

Das Werksgebäude der Firma Süßwaren Dorn lag an der Mosel. Als Kind hatte Ella ihren Vater gelegentlich begleitet, was immer ein großartiges Erlebnis gewesen und von dem aus sie mit Taschen voller Süßigkeiten heimgekehrt war. Lutscher und Bonbons in allen Farben, klebrig süß und nach Kirschen, Äpfeln oder Zitronen schmeckend – Ella vermeinte in diesem Moment noch die zuckrigen Aromen am Gaumen zu spüren, und sah sich auf dem Teppich in ihrem Kinderzimmer sitzen, die Schätze vor sich ausgebreitet. Nachdem sie eine Nacht mit schlimmen Bauchschmerzen im Bett gelegen hatte, unterband ihre Mutter diese Maßlosigkeit und verbot ihrem Vater, sie mit ins Werk zu nehmen, wenn die Folge davon war, dass sie sich hernach an der Seite ihres Kindes die Nacht um die Ohren schlagen musste.

Die Süßwarenfabrik florierte, und die Familie Felix Dorn führte ein überaus glamouröses Leben. Für Ella, die damals noch zu klein für Partys und Ballnächte gewesen war, hatte es ein Leben bedeutet, in dem es an nichts fehlte, in dem Wünsche nur ausgesprochen werden mussten, um sich zu erfüllen. Ein eigenes Kindermädchen, Geburtstagsfeiern mit unzähligen Kindern im Garten der Villa, Picknickausflüge an den Rhein, Übernachtungspartys mit Freundinnen, zu denen ihrem Vater immer eine Überraschung einfiel und er sich auch nicht zu schade dafür war, mit einem übergezogenen Laken den kopflosen Hausgeist zu spielen. Ehe Ella jedoch das ersehnte Pony bekommen konnte, war auf einmal Schluss mit all der Herrlichkeit. Plötzlich fielen Worte wie „Sparen“, dann wurde das Kindermädchen entlassen, und schließlich ging Eric fort, um ein Held zu werden.

Während des Krieges schränkten sie sich zunehmend ein, was ihr Vater auf die veränderten Umstände schob. Ihre Eltern stritten lautstark, und während Ella auf der Treppe hockte und lauschte, fielen Wörter wie „Hörner aufgesetzt“, „Versager“, „Hure“ und unzählige weitere, deren volle Bedeutsamkeit ihr erst später aufging. Dann starb ihre Mutter nach kurzer und heftiger Krankheit, während im ganzen Land die Grippe wütete. Eric war zwar aus dem Krieg zurückgekehrt, aber irgendwie auch nicht, denn manchmal kam es ihr so vor, als sei seine Gestalt nur Tünche über einem Fremden. Als ihr Vater den tödlichen Unfall gehabt hatte, munkelte man, er habe sich absichtlich davongestohlen. Die Frau tot, der Sohn gebrochen, das Vermögen verprasst. Na ja, da war noch die Tochter, aber für die lohnte das Weiterleben offenbar nicht.

Als Ella an diesem Tag nach langer Zeit zum ersten Mal wieder das gusseiserne Portal durchschritt und auf den weitläufigen Hof vor dem hohen Backsteinbau trat, fluteten Erinnerungen auf sie ein, und wieder schmeckte sie klebrige Aromen auf der Zunge. Früher einmal hatte hier reger Betrieb geherrscht, nun jedoch lag der Hof wie ausgestorben da. Unkraut wucherte zwischen den Ritzen der Pflastersteine empor, wuchs entlang der Mauer, die das Gelände umgab. Einen Moment lang befürchtete Ella, dass hier gar niemand wäre, aber dann bemerkte sie, dass Licht im Gebäude brannte, und ging auf den Eingang zu.

Ein Mann saß in der Pförtnerloge der Eingangshalle und musterte sie argwöhnisch. „Sie wünschen?“

„Ich bin Eleonora Dorn“, stellte Ella sich förmlich vor. „Ich möchte im Werk nach dem Rechten sehen.“

Der Mann nahm unwillkürlich Haltung an. „Fräulein Dorn, was für eine Freude, Sie hier begrüßen zu dürfen. Und bitte erlauben Sie mir, Ihnen noch einmal persönlich herzliches Beileid zum Verlust Ihres Vaters auszusprechen.“ Von den Mitarbeitern der Fabrik war eine Karte an die Dorn-Kinder geschickt worden, und bei der Beerdigung waren erstaunlich viele Angestellte und Arbeiter erschienen, um zu kondolieren.

„Vielen Dank“, antwortete Ella.

„Darf ich Sie bei jemandem anmelden?“

„Nein, bemühen Sie sich nicht, ich möchte mir nur einen Überblick verschaffen.“

„Sehr gerne, gnädiges Fräulein.“

Langsam schritt Ella durch die Eingangshalle, wusste noch genau, wie sie zu den Bureauräumen gelangte. In den weitläufigen Fabrikhallen indes kannte sie sich nicht aus, aber das war an diesem ersten Tag wohl auch nicht nötig. Während sie die Treppe emporstieg, fiel ihr wieder auf, wie bestürzend wenig hier los war. Irgendwie schien es sich wohl noch zu rechnen, sonst wäre es mitnichten möglich, die laufenden Kosten und die Löhne zu zahlen, so viel konnte selbst sie sich zusammenreimen. Und Eric und sie kamen ja auch noch über die Runden, wenngleich mehr schlecht als recht und mit großen Abstrichen. Ella graute schon vor dem nächsten Winter, wenn das Heizmaterial wieder knapp werden würde.

Der Korridor, in dem die Bureaus lagen, war mit einem verschlissenen Teppich ausgelegt. Alles war schäbiger und vernachlässigter, als sie es in Erinnerung hatte. Einige der Bureautüren standen offen, und Ella konnte verwaiste Schreibtische erkennen, die von der Herbstsonne in kaltes Licht getaucht wurden. Langsam ging sie auf das ehemalige Arbeitszimmer ihres Vaters zu, das am Ende des Korridors lag, ein großer Raum, dessen hohe Fenster zur Mosel gingen. Den Ausblick aufs Wasser hatte er immer geliebt, was auch der Grund dafür war, dass die heimatliche Villa am Rhein lag.

Ella öffnete die Tür und hielt überrascht inne, als der Raum nicht leer war, wie von ihr erwartet, sondern Herbert Mayer an dem großen Schreibtisch aus dunklem Holz saß. Der ehemalige Stellvertreter ihres Vaters war nicht minder erstaunt als sie, und seine Hand, die soeben noch geschäftig über das Papier geglitten war, ruhte nun untätig, während sich Herbert Mayers Blick auf Ella heftete.

„Vorsicht, die Tinte“, war das Erste, was Ella zu sagen einfiel, und in diesem Moment hatte sich auch schon ein großer Tropfen von der Schreibfeder gelöst und zerplatzte als Fleck auf dem Geschriebenen.

„Ach, herrje, verdammt“, entfuhr es dem Mann, der sich im nächsten Moment jedoch wieder seiner Manieren entsann. „Verzeihung, Fräulein Dorn.“ Er legte ein Löschblatt auf den Fleck, als könne er ihn damit ungeschehen machen, aber vermutlich drohte ihm das, was Ella schon zu Schulzeiten immer wieder hatte tun müssen – das Verunzierte ein weiteres Mal zu Papier bringen. Herbert Mayer erhob sich und kam auf sie zu. „Was verschafft mir die Ehre des Besuchs?“

„Ich möchte mir einen Überblick verschaffen.“

Das löste unübersehbares Erstaunen aus. „Tatsächlich? Hat Ihr Bruder meine Geschäftsberichte nicht bekommen?“

„Das weiß ich nicht.“

„So? Ich freue mich natürlich, dass Sie hier sind, aber warum ist Herr Dorn nicht gekommen? Ist er verhindert?“

„In der Tat. Ich übernehme nun die Geschäfte.“

Herbert Mayer starrte sie an, dann brach das Lachen in einem Prusten aus ihm heraus. „Tatsächlich, Mädchen? Ich kannte Sie schon, da waren Sie noch so klein.“ Er hob die Hand in Hüfthöhe über den Boden. „Damals habe ich Ihnen immer Lutscher geschenkt, erinnern Sie sich?“

„Ja, aber ich weiß nicht, was das zur Sache tut.“

»Damit meine ich, bleiben Sie bei dem, was Sie können – unsere Produkte genießen. Für die profane Arbeit sind wir Männer da, damit sollten Sie ihr hübsches Köpfchen nicht belasten.« Er hob die Hand, schien ihr in einer jovialen Geste die Schulter tätscheln zu wollen, ehe ihm aufging, dass sie aus diesem Alter inzwischen heraus war.

„Glücklicherweise weiß ich selbst am besten, was ich kann und was nicht. Mein Vater ist nun seit einem Jahr nicht mehr unter uns, und sogar mein hübscher Kopf ist dazu in der Lage, sich vorzustellen, dass die Fabrik ohne ihren Eigentümer auf Dauer nicht funktionieren wird.“

„Das stimmt, daher hatten wir darauf gehofft, dass Herr Eric Dorn hier die Führung übernehmen wird.“

„Mein Bruder ist krank.“

Betroffenheit verdrängte jede Belustigung. „Das war mir nicht bekannt. Was fehlt ihm denn?“

Schwermut würde man mitnichten als Krankheit für einen Mann gelten lassen, dergleichen erlaubte man nur Frauen. „Er möchte es lieber privat halten.“

Herbert Mayers Blick veränderte sich auf eine Art, die Ella nicht zu deuten vermochte. „Ich habe ihn vor einigen Wochen noch gesehen, da wirkte er recht gesund.“

Ella wusste nicht, wie sie erklären sollte, dass ihr Bruder durchaus auch das Haus verließ, aber eben doch krank war. „Es wird ihm gewiss bald wieder besser gehen.“ Sie sah sich im Bureau um. „Wenn Sie mich nun bitte ins Bild setzen würden?“

„Wie bitte?“

„Das Werk“, erinnerte Ella ihn. „Wenn ich hier anfange, muss ich wissen, wo wir stehen und was zu tun ist.“

Wieder lachte der Mann. „Mein liebes Kind, ich wüsste gar nicht, wo ich anfangen soll. Mit Volksschulrechnen lässt sich kein Unternehmen leiten. Und getanzt wird nur auf dem Weihnachtsball.“

„Versuchen Sie es. Beginnen wir damit, dass Sie mich durch das Werk führen.“

Herbert Mayers Blick zeigte weiterhin nichts als Belustigung, aber er neigte den Kopf und deutete mit der Hand auf die Tür. „Es ist mir ein Vergnügen.“

 

Eine Zeit lang hatte Eric Dorn versucht, die Dunkelheit zu verdrängen, indem er sich ins Nachtleben stürzte. Als das nicht half, waren lange Liebesnächte das Mittel der Wahl gewesen, und er hungerte regelrecht nach jenen Momenten beseligenden Vergessens, die ihn in den Armen einer Frau erwarteten. Aber auch das half auf Dauer nicht, und die Lust schmeckte irgendwann schal, war nichts als Begierde geworden, die nach schneller Erfüllung strebte – ein Bedürfnis wie das nach Nahrung und Schlaf.

Letzte Nacht waren die Träume zurückgekehrt, Bilder, die auf ihn einstürmten, wenn er wehrlos war, wenn er im Schlaf lag und nicht die Möglichkeit hatte, sie einfach abzuschütteln. Das Erste, was Eric wieder wahrgenommen hatte, war das schreckensbleiche Gesicht seiner Schwester gewesen, seine Hände gefährlich nah an ihrem schlanken Hals. Hätte er, wenn es ihr nicht gelungen wäre, ihn zu wecken, die Finger von ihren Schultern genommen und sie erwürgt? Nein, dachte Eric. Nein. Er war ein Verfolgter, Getriebener, aber er war nicht verrückt.

Dennoch hatte er sie an diesem Morgen nicht sehen wollen, hatte dem Frühstück nicht beigewohnt und war von seinem Zimmer aus direkt in die Bibliothek gegangen. Er hatte nach heiterer Literatur gesucht, war dann aber nicht imstande gewesen, auch nur einen Witz zu lesen, ohne diesen innerlich zynisch zu kommentieren.

Dass Ella das Haus verließ, hatte er nicht mitbekommen, wohl aber, dass sie heimkehrte. Da sie ihm angekündigt hatte, ins Werk zu wollen, war er in gewisse Weise neugierig, wie sich dieser Besuch gestaltet hatte, und dass sie darauf verzichtete, ihn ins Bild zu setzen, war ihm eigentlich Antwort genug gewesen. Als er sie dann jedoch in den Garten gehen sah, wo sie das von Rosen überrankte, laubenartig angelegte Häuschen aufsuchte, beschloss er, nun doch mit ihr zu sprechen. Der gesamte Garten war mit Rosen bepflanzt, die im Sommer in allen Farben üppig blühten, und inmitten dieser Pracht befand sich ein Lusthaus, verspielt angelegt aus weißem Marmor und schwarzem, ziseliertem Gusseisen. Seine Mutter hatte vor vielen Jahren einmal eine Party gegeben, auf deren Einladung stand Ballnacht im Rosenpalais. Diesen Namen hatte das Gartenhaus seither weg. Das Rosenpalais. Eric hatte darin seine erste Liebesnacht mit einem beständig kichernden Stubenmädchen verbracht.

Ella saß in dem laubenartigen Vorbau auf einem der zierlichen Stühle und aß Konfekt aus einer Schachtel mit dem Aufdruck Lindt. Sie sah kurz auf, als er kam, und wandte sich dann wieder der Schokolade zu, schob sich ein weiteres Stück in den Mund und starrte finster vor sich hin.

„Wie ist es denn gelaufen?“, fragte Eric, obwohl es doch so offensichtlich war.

Es dauerte eine Weile, bis Ella antwortete, und währenddessen verschwanden drei weitere Pralinen. „Wo sind die Berichte, die dir Herr Mayer regelmäßig zukommen lässt?“

„Ich glaube, in meinem Sekretär.“

„Hast du sie auch gelesen?“

„Hm, überflogen.“

„Verstehe.“ Ella starrte auf die leere Schachtel, als fragte sie sich, wohin der Inhalt auf einmal verschwunden war. „Sie haben mich behandelt wie ein Kind, ein Kind, das bei den Erwachsenen mitspielen will.“

Das hatte Eric erwartet, und obwohl ihn der Gedanke an Ella als Werksleiterin ebenfalls amüsiert hatte, fand er den Anblick seiner kleinen Schwester, die dasaß, enttäuscht und verständnislos, alles andere als belustigend. Er ließ sich auf dem Stuhl ihr gegenüber nieder.

„Verkaufen wir alles“, sagte er. „Das habe ich gleich gesagt.“

Sie blickte hoch, und Zorn flammte in ihren Augen auf. „Und dann? Verkaufen wir auch dieses Haus hier, sobald das Geld aufgebraucht ist? Wo leben wir dann? In einer Wohnung, solange wir die Miete aufbringen können, ehe auch der Verkaufserlös des Hauses aufgebraucht ist? Was kommt als Nächstes? Soll ich mich selbst verkaufen?“

Eric spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht stieg. „Rede keinen Unsinn!“

Sie biss sich auf die Unterlippe und schwieg, wandte den Blick ab und sah in den Garten. Eric spürte, wie sich das schlechte Gewissen in seinen Magen grub, darin auf Übelkeit erregende Weise wühlte. In ihrem Alter sollte seine Schwester feiern und tanzen gehen, sollte Herzen erobern und die Liebe kennenlernen. Stattdessen saß sie da und haderte mit sich, weil sie in der Welt der Männer nicht ernst genommen wurde.

„Sie sehen eine hirnlose Puppe in mir“, sprach sie seinen Gedanken aus. „Im Werk waren alle Männer amüsiert, als habe jemand einen Witz gemacht, den außer mir niemand versteht. Und Herr Mayer hat mich über die Firmenfinanzen in Kenntnis gesetzt, von denen ich nichts verstanden habe.“

„Er hätte es auf eine Art formulieren können, der du folgen kannst, wenn er etwas von dem versteht, was er macht.“

Hoffnung flackerte in ihren Augen auf. „Ja, nicht wahr? Er wollte nicht, dass ich es verstehe, er wollte mir meine Grenzen aufzeigen.“

Es wäre an Eric gewesen, sie zu beschützen, für sie zu sorgen, aber er konnte ja nicht einmal sich selbst vor seinen Erinnerungen beschützen. Tatenlos dasitzen und ihrem Scheitern zusehen wollte er jedoch auch nicht, und so beugte er sich vor, sah sie an. „Dann solltest du ihm wiederum zeigen, dass deine Grenzen nicht gar so eng gesteckt sind, wie er denkt.“

„Und wie soll ich das tun?“

„Ich werde mir die Unterlagen noch einmal ansehen und sie dir so erklären, dass du alles verstehst.“ Vielleicht würde ihn das auch endlich aus dieser unseligen Lethargie reißen.

 

 

„Ich wollte meinen Ohren nicht trauen!“ Heinrich Dorn hatte die Hände in die Seiten gestemmt, das Gesicht puterrot. „Hörst du mir überhaupt zu, Eleonora?“

Ella hatte den Blick aus dem Fenster gerichtet, starrte gedankenverloren auf die entlaubten Zweige eines Baumes, die sich im Wind bogen. Das sommerlich anmutende Herbstwetter schien sich endgültig verabschiedet zu haben. Langsam wandte sie sich ihrem Onkel zu, vor dem sie stand wie ein gescholtenes Kind. „Ja, Onkel Heinrich, ich höre dir zu.“

„Da stehe ich in Georgs Reederei und bekomme mit, wie man sich lachend erzählt, dass meine Nichte in der heruntergekommenen Fabrik ihres Vaters auftaucht und dort das Ruder übernehmen möchte. Kannst du dir vorstellen, wie peinlich das für uns war?“ Seine Stimme wurde mit jedem Wort lauter.

Da Ella vermutete, dass er auf diese Frage keine Antwort erwartete, schwieg sie.

„Du kannst froh sein, dass ich hier stehe und nicht dein Onkel Georg, der ist nämlich fast die Wände hochgegangen. Und das jetzt, wo seine Helene gerade eine so gute Partie gemacht hat. Da ist das Letzte, was sie braucht, eine Cousine, die den Namen Dorn öffentlich ins Lächerliche zieht. Schlimm genug, dass uns der Ruf deiner Eltern anhaftet und wir die Altlasten dieses Süßigkeiten-Molochs mit uns herumschleppen müssen. Und als würde das nicht genügen, gehst du hin und machst uns zum Gespött.“

„Jemand musste sich kümmern.“

„Jemand musste sich kümmern“, äffte er sie nach. „Wo, um alles in der Welt, ist Eric? Kriegt der seinen Hintern immer noch nicht hoch?“

„Du weißt, dass es ihm nicht gut geht.“

„Ach was, nicht gut geht. Meine Söhne waren auch im Krieg. Georgs Ältester hat seinen Bruder fallen sehen, von Elisabeths dreien ist nur einer zurückgekehrt. Und sitzen die den ganzen Tag da und blasen Trübsal? Das sind Männer, die nehmen das Leben wieder in die Hände und sorgen für die Familie. Während Eric wie ein Muttersöhnchen zu Hause hockt und zulässt, dass seine Schwester sich öffentlich zum Gespött der Leute macht.“ Er schnaufte, als hätten ihn die Worte verausgabt, dann wurde seine Miene unvermittelt milder. „Gib diese Zurückgezogenheit auf, Mädchen. Wir geben zu Beginn der Saison einen Ball, komm und lern neue Menschen kennen, amüsiere dich und halte dich fern von Dingen, von denen du nichts verstehst. Wir suchen einen Mann für dich, irgendeine gute Partie, hübsch genug bist du immerhin.“

Ella hatte nicht vor, ihre Pläne aufzugeben, aber sie hatte auch nicht die Kraft, diesen fruchtlosen Disput fortzusetzen. „Ja, Onkel Heinrich, ich komme sehr gerne.“ Das war nicht einmal gelogen, sie tanzte für ihr Leben gern. Und was alles andere anging, so würde er schon noch dahinterkommen, dass sie nicht so schnell klein beigab.

„Ich sage Elisabeth, sie soll hier gelegentlich mal nach dem Rechten sehen. Ist ja nichts für so ein junges Ding ohne Mutter.“

Folgsam nickte Ella, da sie wusste, sie konnte ihre Tante nicht daran hindern, bei ihnen zu Hause aufzutauchen.

„Und dann werden wir im kommenden Jahr sehen, was sich hier machen lässt“, fuhr Heinrich Dorn fort, den die plötzliche Fügsamkeit keinen Moment zu irritieren schien und dessen ausgreifende Handbewegung offen ließ, ob er den Raum, das Haus oder die darin befindlichen Menschen meinte.

„Ja, Onkel Heinrich.“

Er neigte wohlwollend den Kopf, keinerlei Argwohn im Blick ob dieses allzu leicht errungenen Sieges. „Wir lassen euch in dieser Situation natürlich nicht allein. Dieses Haus, die Firma, das geht doch alles vor die Hunde.“

Darauf indes gab Ella keine Antwort, aber offenbar wurde das auch nicht von ihr erwartet, denn ihr Onkel hielt ihr nun einen langen Monolog, in dem viel geredet, aber wenig gesagt wurde. Vor allem ging es dabei um die Vergangenheit, das Versagen ihres Vaters insbesondere. Ella warf einen verstohlenen Blick auf die Uhr und unterdrückte ein Seufzen. Wenn ihr Onkel das Gefühl bekam, sie hörte nicht mit dem nötigen Ernst zu, würde er seinen Sermon nur mit noch mehr Vehemenz fortsetzen, und dann wurde sie ihn an diesem Tag gewiss nicht mehr los.

„Wo ist dein Bruder?“, schloss er unvermittelt.

Ellas Blick zuckte flüchtig zur Tür. „Er hat sich hingelegt.“

„Hingelegt? Ist er ein altes Weib oder was?“

„Seine Kopfschmerzen setzen ihm arg zu. Er kann kein Licht ertragen.“

Heinrich Dorn sah aus, als wolle er platzen vor Entrüstung. „Liegt im abgedunkelten Zimmer wie ein melancholisches Weibsbild mit Kopfschmerzen. Kein Wunder, dass du solche Flausen im Kopf hast, Mädchen, wenn es das ist, was der Mann im Haus dir vorlebt. Du musst ja annehmen, es seien die Rollen vertauscht. Mir und auch deinem Onkel Georg ist durchaus bewusst, dass dich im Grunde genommen keine Schuld trifft. Vielleicht bin ich dich zu hart angegangen. Es ist dein Bruder, den wir uns zur Brust nehmen sollten.“ Und Heinrich, der sich stets eher als Mann der Tat als der Worte sah – wenngleich er Letzterer stets viele machte – schritt auf die Tür zu.

„Was hast du vor?“, fragte Ella überflüssigerweise.

„Das, was dein Vater bereits vor Jahren hätte tun sollen. Diesen verweichlichten Bengel Mores lehren.“

„Onkel Heinrich!“ Ella lief ihm hinterher, aber er hatte den Salon bereits verlassen und durchquerte die Halle. „Onkel Heinrich!“ Er lief die Treppe hoch, gefolgt von Ella, die es nicht schaffte, ihn einzuholen, ehe er die Tür zu Erics Zimmer aufstieß. „Onkel Heinrich, nicht!“ Sie war an der Tür angelangt, als er bereits die zugezogenen Vorhänge aufzog.

Eric stieß einen wimmernden Laut aus und barg sein Gesicht im Kissen. Wenn er diese Art von Schmerzen hatte, war das Licht wie Nadelstiche, die ihm durch die Augen direkt in den Kopf fuhren, hatte er ihr einmal erklärt.

„Bist du betrunken oder was?“ Heinrich Dorn schnappte sich die Karaffe vom Beistelltisch, ging zum angrenzenden Bad, und als Ella eben zu den Vorhängen lief, um diese wieder zuzuziehen, tauchte ihr Onkel auf – in der Hand die Karaffe, aus der Wasser schwappte. Es dauerte einen Moment, ehe sie verstand, was er zu tun im Begriff war, und sie stürzte auf ihn zu, um ihm die Karaffe aus der Hand zu reißen, aber er entleerte sie bereits über Erics dunklem Schopf. Der fuhr mit einem Laut, der halb Wimmern, halb Brüllen war, hoch.

„Verschwinde!“, fuhr Eric ihn an, die Augen glasig, erschreckend rot. „Ella, sorg dafür, dass er verschwindet.“ Der Satz endete in einem Schluchzen. Er kniff die Augen zusammen, strich sich das Haar zurück, indes ihm das Wasser auf die Schultern tropfte und in Rinnsalen über die Brust lief.

„Du solltest jetzt besser gehen“, sagte Ella bestimmt und zog die Vorhänge wieder vollständig zu.

Heinrich Dorn starrte zum Bett, dann sah er seine Nichte an, ehe sein Blick erneut zum Bett zuckte. „Zustände sind das hier, Grundgütiger. Das ist schlimmer, als ich erwartet hatte.“ Er verließ das Zimmer und bedeutete ihr mit einer Handbewegung, ihm zu folgen. „Dein Bruder ist nicht krank, sondern ein Trinker. Einen erbärmlicheren Anblick habe ich mein Lebtag noch nicht gesehen. Gut, dass dein Vater das nicht erleben muss. Der war bei all seinen Fehlern ein gestandener Mann. Ich spreche mit Georg, und dann wird einer von uns kommen, wenn Eric wieder nüchtern ist, und ihn sich vornehmen.“

„Er trinkt nicht!“

Ihr Onkel sah sie mitleidig an, tätschelte ihr die Schulter und wandte sich ab, um zur Treppe zu gehen. Ella folgte ihm, weniger aus Höflichkeit, sondern weil sie sicher gehen wollte, dass er auch wirklich das Haus verließ. Unten öffnete er die Tür. „Wie viel Personal habt ihr noch?“

„Eine Köchin und das Stubenmädchen. Einmal in der Woche kommt eine Zugehfrau.“

Er nickte nur, sah sich um. „All diese Pracht. Ein Jammer ist das.“ Dann öffnete er die Tür und verließ endlich das Haus.

Anna Jonas

Über Anna Jonas

Biografie

Anna Jonas wurde im Münsterland geboren, hat einen Teil ihrer Kindheit im hohen Norden verbracht und lebt seit ihren Studententagen in Bonn. Nach ihrem Germanistikstudium widmete sie sich dem Schreiben. Die DELIA-Preisträgerin reist gerne und liebt das Stöbern in Bibliotheken, wo...

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Opulente Familiensaga um eine Chocolatier-Familie in Koblenz im zwanzigsten Jahrhundert.
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