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Das RosenhausDas Rosenhaus

Das Rosenhaus

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Das Rosenhaus — Inhalt

Als Lily mit ihrem Ehemann Liam von London nach Cornwall zieht, ahnt sie nicht, wie sehr diese Entscheidung ihr Leben verändern wird. In dem einsamen Haus an der Küste und der nebligen Kälte des südenglischen Winters entfremdet sie sich zunehmend von dem Mann, der einst ihre große Liebe war. Liam ist fast nie zu Hause, scheint nur noch für seine Arbeit zu leben. Oder betrügt er Lily mit der Frau seines Partners? Ausgerechnet, als es zu einer erneuten Annäherung zwischen Lily und Liam zu kommen scheint, passiert ein dramatischer Unfall …

Erschienen am 01.09.2011
Übersetzer: Marieke Heimburger
384 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-25935-4
Erschienen am 22.08.2011
Übersetzer: Marieke Heimburger
352 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95190-6

Leseprobe zu »Das Rosenhaus«

Für den einen, den ich liebe.
Für immer.


1

Peter Trevethan war die fünf Stunden von Truro nach London ohne Pause durchgefahren. Er hatte die Reise – wie alles in seinem Leben – mit einem bestimmten Ziel vor Augen angetreten, und jede Unterbrechung hätte ihn nur unnötig aufgehalten. Als er dann im Londoner Berufsverkehr feststeckte, ließ er mit der gewohnten Geduld und wie immer gut gelaunt die CD ein ums andere Mal abspielen und freute sich, dass der stockende Verkehr es ihm erlaubte, mit den Fingern im Takt zur Musik aufs Lenkrad zu trommeln. Es hatte [...]

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Für den einen, den ich liebe.
Für immer.


1

Peter Trevethan war die fünf Stunden von Truro nach London ohne Pause durchgefahren. Er hatte die Reise – wie alles in seinem Leben – mit einem bestimmten Ziel vor Augen angetreten, und jede Unterbrechung hätte ihn nur unnötig aufgehalten. Als er dann im Londoner Berufsverkehr feststeckte, ließ er mit der gewohnten Geduld und wie immer gut gelaunt die CD ein ums andere Mal abspielen und freute sich, dass der stockende Verkehr es ihm erlaubte, mit den Fingern im Takt zur Musik aufs Lenkrad zu trommeln. Es hatte ja doch keinen Sinn, sich aufzuregen, er konnte ja nichts daran ändern.
Außerdem war es schon ein halbes Jahr her, seit er zuletzt in London gewesen war, und die Betriebsamkeit der Metropole bescherte ihm ein wohliges Kribbeln. Würde er immer noch täglich pendeln, hätte er den Stau natürlich auch ertragen, aber vielleicht nicht gerade mit dem Lächeln, das jetzt sein jungenhaftes Gesicht zierte. Er sog die warme, beißende, schmutzige Londoner Luft ein und freute sich auch daran, wie es nur jemand konnte, der lange genug weg gewesen war, um sich gründlich davon erholt zu haben.
Peter empfand einen Anflug von Bedauern, aus dieser Stadt weggezogen zu sein, in der er so viele Jahre seines jungen Erwachsenenlebens verbracht hatte, bereute seine Entscheidung aber nicht. Er bog in den Ladbroke Grove ab und dann schließlich in die kleine, ihm so vertraute Seitenstraße in Notting Hill, wo sich die viktorianischen Häuser Schulter an Schulter aufreihten und der Kampf um Parkplätze zu erbitterten Fehden unter den nach außen so anständigen Anwohnern führte. Als er mit etwas Glück einen dieser kostbaren Plätze eroberte, bemerkte er, dass sein bester Freund Liam bereits breit lächelnd am Fenster seines Arbeitszimmers nach ihm Ausschau hielt. Und dicht hinter ihm stand auch schon Lily.
Nur wenige Sekunden später kamen beide aus dem Haus gestürzt, um ihn zu begrüßen, und stritten sich darum, wer ihm als Erstes um den Hals fallen durfte. Ihre unverhohlene Freude über seine Ankunft machte ihm ein schlechtes Gewissen, weil sein letzter Besuch so viele Monate her war. Natürlich hatte das seine Gründe, aber die behielt er zunächst für sich.
Nachdem er seine Tasche im Gästezimmer abgestellt hatte, nahm er an dem Tisch in Liams und Lilys kleiner, gemütlicher Küche Platz. Der geschnitzte Holzstuhl war einen Tick zu klein für seine massige Gestalt und darum ein wenig unbequem.
Peter räkelte sich und streckte seinen strapazierten Rücken. Die Geräusche eines frühen Freitagabends in London drangen über den winzigen Garten zu ihnen herein – das ungeduldige Hupen der im Stau stehenden Autos, das zum Glück weit entfernte Schlagen eines Presslufthammers, die Sirene eines Polizeifahrzeugs, das sich einen Weg durch den zum Erliegen gekommenen Verkehr auf der Holland Park Avenue bahnen wollte, das Geschrei von Kindern, die sich vor ihrem mit zwei Pulloverhaufen markierten Tor über einen Elfmeter stritten.
Es war Anfang September. Der Sommer ging gerade in einen wunderschönen Herbst über, und die Hortensie im Garten bog ihre Zweige unter der Last der Blüten bis aufs Gras hinunter. Der Duft des Geißblatts vermischte sich mit dem Geruch nach Essen. Peter zog die Schuhe aus, streckte nun auch noch die Füße und schwelgte in dem Gefühl, zu Hause zu sein. Er genoss die Wärme, den Duft von Knoblauch, das Bukett des vollmundigen, fruchtigen Rotweins, von dem Liam ihm ein Glas eingeschenkt hatte, und die Gegenwart seiner beiden allerbesten Freunde.
Lily machte eine kurze Kochpause, nahm das Glas entgegen, das Liam ihr reichte, und strich sich eine Strähne ihres kastanienbraunen Haars aus dem Gesicht. Die Freude über Peters Besuch ließ sie mit ihrer Küche um die Wette strahlen.
»Auf gute Freunde.« Liam hob das Glas, Lily trat auf Peter zu und stieß mit ihm an.
»Und auf gutes Essen«, fügte Peter hinzu. »Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich deine Kochkünste vermisst habe, Lily. «
»Aber ich will doch nicht hoffen, dass das alles ist, was du vermisst hast ! « Sie lachte und hauchte ihm einen Kuss auf die dunklen Haare.
» Natürlich nicht. «
Peter sah zu ihr auf und lächelte. Dann genehmigte er sich einen großen Schluck Wein, bevor er das Glas abstellte, um das Gespräch fortzusetzen und zum eigentlichen Anliegen seines Besuches zu kommen.
»Ich vermisse euch beide sehr. Einer der Hauptgründe, weshalb ich hier bin.«
»Neben deiner Absicht, vor uns mal mächtig mit deinem tollen neuen Projekt anzugeben, stimmt’s?« Liam grinste ihn breit an und setzte sich ebenfalls an den Tisch.
»Ja, natürlich, aber eigentlich hängt das zusammen – das Vermissen und das Angeben. Entspringt beides der gleichen Wurzel«, entgegnete er kryptisch und sah sie herausfordernd an.
Liam und Lily wechselten verwirrte Blicke und ließen Peter weiterreden.
»Die Sache ist die, Liam … also, dieses Projekt … ist ziemlich groß, verdammt groß … es ist eine einmalige Chance … Die bekommt man im Leben nur einmal.«
Liam nickte zustimmend.
»Nach allem, was du mir erzählt hast, klingt es tatsächlich so, Peter. «
»Ganz bestimmt. Dieses Bauwerk wird genauso viel öffentliches Interesse wecken wie … wie … der Millennium Dome – hm, vielleicht nicht das beste Beispiel … Ich weiß auch nicht, wie das neue Wembley-Stadion, ja, genau, ein neues Wembley, nur weniger kontrovers, oder wie das National Exhibition Centre in Birmingham … Es wird die größte Kunsthalle in Cornwall werden, womöglich sogar die größte in ganz Großbritannien! Das ist die Chance, Geschichte zu schreiben, Liam! Wie die Saint Paul’s Cathedral oder Windsor Castle oder Tintagel! Die Presse wird darüber genauso viel berichten wie über den Engel des Nordens, nur wird dieses Projekt der Heiland des Südwestens heißen. Es wird Hunderte Arbeitsplätze schaffen, es wird Tausende von Touristen anlocken, es wird so viel Medieninteresse wecken wie das Eden Project. Auf den Punkt gebracht: Mit diesem Projekt werden sich die dafür verantwortlichen Architekten für immer einen Namen machen.«
»Das freut mich wirklich für dich, Peter, es ist einfach großartig. «
Peter nickte langsam.
» Unglaublich … «
Er hielt inne und sah seinen Freund fest an.
»Es gibt da allerdings ein kleines Problem.«
»Ein Problem?« Liam war überrascht.
Peter schürzte die Lippen und schob einen Stapel Papierkram über den Tisch zu Liam. Auf dem oberen Blatt waren noch die Bleistiftpunkte zu sehen, die er darauf gemacht hatte, als er Liam zum ersten Mal von dem Projekt erzählte.
»Das hier ist das Briefing von Duncan Corday.«
Liam sah sich die Papiere an. Seine hellblauen Augen verengten sich dabei immer mehr.
»Den Lageplan habe ich in meiner Aktentasche«, fuhr Peter fort, » und das hier « – er reichte Liam einige Zeichnungen – » sind meine ersten Entwürfe. Das Problem ist nur, dass sie nicht gut genug sind …«
Liam gab Lily die Weinflasche, schob Salz- und Pfefferstreuer sowie Teller beiseite und breitete die Zeichnungen vor sich auf dem Tisch aus.
»Also, ich finde, die sehen ziemlich gut aus. Verdammt gut sogar«, lautete sein Kommentar, nachdem er sie eine Weile studiert hatte.
Peter nickte, allerdings nicht, um Zustimmung zu bekunden.
»Immerhin hast du damit doch den Zuschlag erhalten, oder?« Liam konnte die Zurückhaltung seines Freundes nicht ganz einordnen.
»Corday schenkt mir seine ungeteilte Aufmerksamkeit«, erklärte Peter. »Jedenfalls bis auf Weiteres. Jetzt mal ehrlich, Liam, Duncan Corday fand meine ersten Entwürfe besser als die aller anderen Bewerber, er fand sie innovativ – aber er ist und bleibt ein alter Freund meines Vaters, von daher könnte seine Wahl auch ein klein wenig befangen ausgefallen sein. Es ist das wichtigste Projekt, das die Corday-Gruppe je gebaut beziehungsweise finanziert hat, Liam …«
Er zog die Zeichnungen wieder an sich heran und betrachtete sie, während er weitersprach.
»Die sind wirklich okay, wer weiß, vielleicht sind sie sogar ziemlich gut oder verdammt gut, aber selbst das reicht jetzt nicht mehr, Liam. Die wollen etwas Überragendes, etwas Atemberaubendes, etwas Überwältigendes! Sie wollen etwas, bei dessen Anblick die Leute reihenweise in Ohnmacht fallen, vor dessen Schönheit die Leute voller Ehrfurcht in die Knie gehen …«
Peter unterbrach sich und blickte auf. Forschend sah er Liam an und biss sich unbewusst auf die Unterlippe.
»Und genau das ist einer der Gründe, weshalb ich heute hier bin … «
Lily, die sich wieder am Herd zu schaffen gemacht hatte und nun gerade Parmesan rieb, drehte sich um und hörte zu.
»Meinem Vater geht es mit jedem Tag besser«, sagte Peter.
»Das freut mich zu hören.« Liam nickte. »Wie lange ist das jetzt her ? «
»Anderthalb Jahre, seit ich nach Cornwall zurückgezogen bin, um sein Geschäft für ihn zu schmeißen … Kaum zu glauben. Wie gesagt, es geht ihm täglich besser, die Ärzte meinen, er könnte vollständig genesen, wenn er nur endlich mit dem Rauchen aufhören würde. Er behauptet steif und fest, dass er aufgehört hat, aber meine Mutter sagt, er verbringt unter dem Vorwand, nicht vorhandene Blumen von ihren welken Blüten zu befreien, auffällig viel Zeit ganz hinten im Garten, umgeben von einer ominösen Dunstwolke. Der Punkt ist, Liam« – Peter hielt inne und trank noch einen großen Schluck, als wolle er seine Nerven beruhigen –, »jetzt, wo er mich tatsächlich endlich wieder an seiner Seite und in seinem Geschäft hat, wovon er ja immer geträumt hatte, obwohl ich nicht glaube, dass er den Herzinfarkt nur deshalb bekommen hat, damit sein Traum erfüllt wird …« – er lächelte schief – »… also, jetzt, wo ich in Cornwall bin, hat er beschlossen, dass er gar nicht wieder arbeiten möchte.«
» Das ist nicht dein Ernst ? « Liam runzelte überrascht die Stirn.
Peter schüttelte den Kopf.
» Ich weiß, ich hätte auch nicht gedacht, dass ich das noch erleben würde, aber mein Vater geht Ende des Monats offiziell in Rente. Meine Eltern wollen dann fest in ihrem Haus in Marseille wohnen. Er sagt, er möchte nächsten Sommer angeln gehen – und zwar Fische statt Kunden – und am Strand entlanglaufen, statt auf einer Baustelle zu stehen. Er ist natürlich total aus dem Häuschen wegen dieses Auftrags, aber eigentlich mehr, weil er sich dann über die Zukunft der Firma nach der Übergabe zunächst mal keine Sorgen machen muss.«
Peter schwieg und trank noch einen Schluck Wein. Als er dann unter seinen langen, dunklen Wimpern zu Liam aufsah, war sein Blick sehr ernst.
»Und er würde sich noch weniger Sorgen machen, wenn er wüsste, dass ich nicht ganz allein wäre …«
»Was willst du damit sagen, Peter?«
» Ich will damit sagen, dass ich dich gerne mit ins Boot nehmen würde … «
Es folgte Schweigen. Peter sah erst zu Liam und dann zu Lily, die gerade die Nudeln abgoss.
Lily stellte den dampfenden Pastatopf auf einem Holzbrett ab und sah ihren Mann aus leicht zusammengekniffenen Augen an. Auch Peters Blick wanderte zurück zu Liam, und dann, endlich, sprach er das aus, was er während der gesamten Fahrt im Geiste geübt hatte :
»Ich will dich mit ins Boot nehmen. Ich habe mir lange das Hirn darüber zermartert, was genau meinen Entwürfen eigentlich fehlt. Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen : Du, Liam. Du fehlst diesem Projekt. Du bist der Schlüssel, wenn es darum geht, Duncan Corday bei Laune zu halten. Du bist es, der aus den verdammt guten Entwürfen überwältigende Entwürfe machen kann, und darum wollte ich dich fragen, ich wollte dich bitten, ich wollte dir vorschlagen … dass du mitmachst. Ich wünsche mir, dass du nach Cornwall kommst und mein Partner wirst, Liam. «


2

Peter war am nächsten Morgen wieder abgereist, aber er hatte mehr hinterlassen als nur die üblichen Mitbringsel aus Cornwall – Fudge, Clotted Cream und den von Liam und Lily heiß und innig geliebten Safrankuchen. Er hatte auch eine nachdenkliche Stimmung hinterlassen, denn er hatte ihnen eine neue Perspektive aufgezeigt. Plötzlich bot sich Liam und Lily die Möglichkeit, ihr bisheriges Leben vollkommen umzukrempeln – nur weil er eine Tür geöffnet hatte, durch die sie gehen konnten.
Dabei waren sie mit ihrem Leben in London nicht unzufrieden. Sie hatten sich hier niedergelassen, nachdem sie aus den USA zurückgekehrt waren, wo Liam sein Studium abgeschlossen hatte. Zwar waren sie sich stillschweigend immer einig gewesen, dass sie nicht den Rest ihres Lebens in London verbringen wollten, aber wann genau sie weiterziehen und wo genau sie sich dann niederlassen würden, hatten sie nie thematisiert.
Beide liebten sie Cornwall, sie waren häufig dort, vor allem seit Peter wieder dort lebte, und so manches Mal hatten sie, begleitet von einem Stoßseufzer, gesagt »Was wäre, wenn …« und »Wäre das nicht toll … «. Das waren aber immer eher wehmütige Bemerkungen am Urlaubsende gewesen, nie ernsthafte Überlegungen – selbst dann nicht, als Peter nach dem Herzinfarkt seines Vaters in den westlichsten Zipfel Englands zurückgekehrt war.
Aber jetzt.
Kaum hatte Peter seinen Vorschlag ausgesprochen, hatten sie Blicke gewechselt, um die Reaktion des jeweils anderen zu prüfen.
Peter hatte von einem zum anderen gesehen und dabei erwartungsvoll, aber auch entschuldigend gelächelt.
»Ich meine das verdammt ernst«, fügte er angesichts ihrer ungläubigen Mienen hinzu. »Aber wir müssen jetzt nicht darüber reden. Ich habe euch überrumpelt. Wie mit einem Zehntonner. Typisch für mich. Denkt drüber nach, besprecht das unter euch, und sagt mir Bescheid. Das hier schmeckt einfach phantastisch, Lily, ich habe seit Monaten keine selbst gekochte Mahlzeit mehr zu mir genommen …«
Sein Versuch, das Thema zu wechseln, wurde sofort vereitelt.
»Was soll das denn heißen, wir müssen jetzt nicht darüber reden? Wie kannst du so eine Bombe hochgehen lassen und erwarten, dass wir sie ignorieren und fröhlich weiteressen?«, sagte Lily.
Peter rümpfte auf liebenswerte Weise die Nase und zuckte entschuldigend die Achseln.
»Ja, gut, das Timing war vielleicht nicht das beste …«
»Wieso? Meinst du, als Dessert wäre der Vorschlag bekömmlicher gewesen ? «
»Ich hätte erst anrufen sollen. Euch Zeit geben, darüber nachzudenken und darüber zu reden. Ohne mich. Tut mir leid.«
Liam hatte die ganze Zeit geschwiegen.
Lily drehte sich zu ihm um.
» Liam … «
Statt ihr zu antworten, wandte er sich seinem Freund zu.
»Nur damit ich das richtig verstehe, Peter: Du bietest mir an, in die Firma deines Vaters einzusteigen?«
»Na ja.« Peter lächelte bescheiden. »Also, seit gestern ist es offiziell meine Firma. Ich habe meinen Vater ausgezahlt. Hatte endlich genug auf der hohen Kante …«
»Wow, Peter, das ist ja toll! Herzlichen Glückwunsch!«
Zwar waren sie immer noch perplex nach all den Neuigkeiten, aber das hinderte sie nicht daran, ihm sofort von Herzen zu gratulieren. Sie wussten, wie lange und intensiv er daran gearbeitet hatte, genau das zu tun – er hatte nie einfach nur das Glück haben wollen, dass ihm eine gut laufende Firma auf dem Silbertablett serviert wurde.
»Ich danke euch … Hat ja auch nur zwölf Jahre gedauert … Zwölf Jahre seit meinem Abschluss … Zwölf lange Jahre, in denen ich mich von nichts als Baked Beans, Ofenkartoffeln und Leitungswasser ernährt habe …« Er ließ die Unterlippe beben, um sein gespieltes Selbstmitleid zu unterstreichen.
»Also, ich glaube, da muss mal etwas Besseres her als nur schnöder Rioja.« Liam nickte stolz.
»Ach, ich habe überhaupt nichts gegen Rioja!« Peter grinste und hielt Liam sein Glas zum Nachschenken hin.
» Kein Wunder, nach all dem Leitungswasser … «, scherzte Lily, während Liam alle Gläser neu füllte.
»Auf Peter.« Sie stießen wieder an. »Und auf seine neue … na ja, eigentlich ja alte, aber ihr wisst schon, was ich meine … Auf Peter und seine neue Firma.«
»Auf Peters neue Firma«, erklärte auch Lily.
»Aber genau darum geht’s mir doch.« Peter nippte an seinem Wein, stellte dann das Glas ab und sah Liam hoffnungsvoll an. »Wenn ich sage, dass ich möchte, dass du in die Firma mit einsteigst, dann meine ich mit Haut und Haaren. Als Partner. Als Teilhaber. Ich wünsche mir, dass wir bald auf unsere Firma anstoßen werden. «
Jetzt stellte auch Liam sein Glas ab und sah seinen Freund erstaunt an.
»Du willst, dass ich Anteile an der Firma erwerbe?«
Peter nickte.
»Fifty-fifty, Liam. Du und ich, das alte Team neu vereint … Was meinst du? Ach, Quatsch, nein, streich das«, korrigierte er sich selbst, als Liam den Mund öffnete und kein Laut herauskam. »Ich will nicht wissen, was du meinst, jedenfalls jetzt noch nicht. Lass dir Zeit … Und jetzt« – er wandte sich Lily zu – »will ich en détail hören, was du so getrieben hast, seit ich dich zuletzt gesehen habe, Lily! Noch ein paar millionenschwere Gemälde verkauft ? «
» Gemälde ? «
»Ja, Gemälde. Du arbeitest doch wohl immer noch in Londons exklusivster und teuerster Kunstgalerie? Oder hat man dich gefeuert, weil du der Mona Lisa einen Schnurrbart gemalt hast ? «
»Nein, aber ich habe eine schriftliche Verwarnung dafür bekommen, dass ich bei einem Renoir ein Korsett dazuretouschiert habe. «
» Das Ganze gilt jetzt sicher als moderne Kunst und ist doppelt so viel wert wie vorher.« Lächelnd legte Liam seiner Frau den Arm um die Schultern.

 

Und das war es gewesen.
Die beiden Männer hatten es irgendwie geschafft, das Thema einfach auszublenden und den Abend weiterlaufen zu lassen, als sei nichts gewesen. Lily dagegen kam überhaupt nicht mehr zur Ruhe, ihre Gedanken schäumten über wie die Flasche Sekt, die sie noch geöffnet hatten, und jedes Mal, wenn sie die Sprache wieder darauf brachte, hielt sich das Thema genauso lange wie der Sekt in den Gläsern. Die Männer redeten im Handumdrehen wieder über etwas anderes.
Liam war immer der Pragmatische von ihnen beiden gewesen. Er hatte sein Leben seit jeher in einzelne Bereiche aufteilen und diese voneinander getrennt halten können, ganz gleich, wie das Leben ihm mitspielte. Selbst seine Kreativität und seine außerordentliche zeichnerische Begabung hatte er immer so eingesetzt, dass er zwar eine gewisse Befriedigung erlangte, aber auch ein gutes Einkommen erwirtschaftete.
Abgesehen von Lily. Die Heirat mit ihr, sagte er immer, war ein köstlicher Akt unbekümmerter Hingabe gewesen.
Lily war fest entschlossen gewesen, noch am gleichen Abend mit Liam zu reden. Doch da – wie immer, wenn Peter zu Besuch war – reichlich Alkohol geflossen war, hatte Liam kaum sein Haupt gebettet, als er auch schon schlief.
Sie blieb mit ihren Gedanken und Gefühlen allein.
Natürlich war das Angebot verlockend. Nicht umsonst fuhren sie im Urlaub so gerne nach Cornwall – aber dort zu leben, war doch noch mal eine ganz andere Geschichte. So, wie es jetzt war, genoss Lily, sich die Rosinen beider Welten herauspicken zu können. Sie konnten zu Peter fahren, wenn sie die Gesellschaft eines guten Freundes, Meerluft und Sonne brauchten – und in London pflegten sie das großstädtische Leben, das sie seit Jahren gewöhnt waren.
»Liam?«, flüsterte sie.
Doch statt einer Antwort kam nur ein leises Schnarchen.

 

Und so besprachen sie die Sache erst am nächsten Tag nach Peters Abreise.
»Und? Was meinst du?«, fragte Liam, als sie ins Haus zurückgekehrt waren.
»Was meinst du denn?«, entgegnete sie prompt.
»Ich weiß nicht«, antwortete er wahrheitsgemäß. »Es ist ein wahnsinniges Angebot, Lily. Er würde mir die Anteile zu einem Spottpreis überlassen …«
»Typisch Peter.« Lily nickte lächelnd, dann runzelte sie die Stirn. »Ihr habt also noch etwas mehr darüber geredet? Ohne mich ? «
»Nur darüber, dass … er nicht möchte, dass es am Geld scheitert. «
»Können wir es uns leisten?«
Liam nickte.
»Wir müssten das Haus verkaufen … Aber das würden wir ja sowieso machen, wenn wir von hier wegziehen, oder ? « Er lächelte sie an.
»Und möchtest du von hier wegziehen? Ich meine, ich habe wirklich volles Verständnis dafür, dass diese Teilhaberschaft mit Peter eine großartige Chance für dich ist – aber willst du auch alles andere, was damit verbunden ist ? Willst du hier weg ? Willst du London hinter dir lassen? London und …« Sie unterbrach sich selbst, und obwohl er genau wusste, woran sie dachte, war ihm auch klar, dass sie das niemals zugeben würde. Sie sah zu Boden. »… London und alles …?«
Liam konnte ihr darauf nicht sofort antworten. Auch er konnte nur schwer loslassen. Konnte er wirklich sein ganzes Leben hinter sich lassen? Ihr Leben.
Alle Zelte abbrechen und noch mal von vorne anfangen?
Bei null ?
Konnte er das?
Er sah seine Frau an, sah ihr banges Gesicht, ihre Angst davor, dass er jetzt ja sagen würde, ja, das will ich.
Also sagte er nicht, was er wirklich dachte, sondern nahm ihr besorgtes Gesicht in beide Hände, küsste sie sachte und doch fest auf die Lippen und schüttelte den Kopf.
»Unser Lebensmittelpunkt ist hier … in London«, sagte er deutlich, und es klang, als wolle er sich selbst überzeugen. »Mit allem, was wir haben.« Und hatten, fügte er in Gedanken hinzu.
Und Lily nickte zustimmend.
Heftig.
Damit war das Thema abgehakt.
Vorläufig.
Denn sie konnte spüren, dass es immer noch in ihm rumorte. Es nagte an ihm, es piekte und juckte ihn wie ein lästiger Insektenstich, an dem er früher oder später wieder kratzen würde.

 

Es dauerte eine Woche. Nach einem schlechten Arbeitstag voller Ärgernisse brachte er das Thema wieder auf.
» Was hält uns eigentlich hier, Lily ? «, fragte er. Einfach so, ohne Einleitung, ohne Vorwarnung.
Sie saßen beim Abendessen, taten, als würden sie essen, indem sie die Spaghetti auf ihren Tellern herumschoben. Sie hatten keinen Appetit. Überrascht blickte sie von der langsam kalt werdenden Mahlzeit auf.
»Was hält uns eigentlich hier?«, wiederholte sie. Sie wusste genau, was er gesagt hatte und was er meinte, aber sie musste einfach nachhaken, in der Hoffnung, dass seine Worte, wenn er sie aus ihrem Mund hörte, in seinen Ohren genauso klangen wie in ihren. Absurd.
Doch er wiederholte dieselben Worte noch einmal.
Deutlich entschlossener als vorher.
»Was hält uns eigentlich hier?«
Lily legte die Gabel ab und kniff die Augen zusammen, während eiskalte Unruhe ihr den Rücken hochkroch und sich ihr wie die Finger der Schneekönigin um den Hals legte.
»Unser Zuhause«, sagte sie.
»Das ist doch nur ein Haus.« Er zuckte die Achseln. »Wir sind es, die daraus ein Zuhause machen. Und das können wir überall. «
» Meine Arbeit ? «
»Du kannst was anderes finden.«
»Mir macht meine Arbeit aber Spaß …«
»Die meisten unserer Freunde sind doch sowieso schon aus London weggezogen «, fuhr er fort, als habe er sie gar nicht gehört. »Vielleicht würde es uns guttun, von hier wegzugehen. Und wir sind doch immer wieder begeistert von Cornwall …«
»Nur, weil wir da gerne Urlaub machen, heißt das noch lange nicht, dass wir auch gerne dort leben würden. Das ist etwas völlig anderes … «
» Ja, und etwas anderes würde uns vielleicht guttun … « Er griff über den Tisch, nahm ihre Hände und sah sie ernst an. »Vielleicht ist ›etwas anderes‹ genau das, was wir brauchen, Lily. Was du brauchst. Um wieder glücklich zu werden.«
»Ach, ich weiß nicht, Liam …«
»Denk drüber nach, Lily.«
»Ich habe schon drüber nachgedacht. Ich liege nachts wach deswegen. Und du ? Hast du denn wirklich drüber nachgedacht ? «
»Ich habe die ganze letzte Woche nichts anderes getan, und je länger ich drüber nachdenke, desto weniger Gründe sprechen dagegen. Ich weiß, dass es etwas ganz Neues wäre, eine dramatische Veränderung, und das kann einem ganz schön Angst einjagen, aber wir wären doch zusammen, Lily, wir beide, und nur das allein zählt. Und wir hätten Peter in der Nähe. Überleg doch mal, wie sehr er uns in den letzten anderthalb Jahren gefehlt hat …«
Lily nickte.
» Stimmt. «
»Die alte Gang wäre wieder beieinander.«
»Der stubenreine Dreier …« Lily rang sich ein Lächeln ab. So hatten sie sich selbst genannt, als Peter ihr – seine Worte – wadenbeißender Anstandswauwau war.
»Es könnte richtig schön werden.« Lilys Lächeln ermutigte Liam. »Es ist so wunderschön dort, Lily. Wir könnten direkt am Wasser wohnen … Aus dem Fenster sehen und direkt auf den Atlantik blicken …« Er zeichnete einen imaginären Horizont in die Luft.
Sie nickte und ließ seine Begeisterung und Fantasie auf sich abfärben.
»Wir könnten jeden Tag am Strand spazieren gehen, jederzeit in dem Restaurant in der Nähe von Truro essen, das du so magst, die Kunstausstellungen in St. Ives besuchen … Vielleicht würdest du da sogar einen Job finden, in St. Ives gibt es doch jede Menge Galerien. Oder einfach mal Pause machen … « Er biss sich auf die Lippe und sah sie an, als überlege er, ob er wirklich sagen sollte, was er dachte. »Vielleicht könntest du sogar selbst wieder anfangen zu malen …«
Jetzt hatte er den Bogen überspannt.
Ihr Lächeln erstarb, und sie schüttelte vehement den Kopf.
»Nein. Nein, ich glaube nicht …«
» Na gut, dann malst du eben nicht wieder, aber es gibt doch so viele Dinge, die wir dort tun können … Lily. Bitte. Denk drüber nach. «
»Das habe ich bereits«, wiederholte sie.
»Es ist eine so einmalige Gelegenheit für mich …«
»Ich weiß, aber …«
»Ich glaube, dass ich das wirklich will, Lily.«
Als sie hörte, mit welcher Inbrunst er das sagte, gab Lily es auf, ihre Bedenken zu formulieren, und sah ihren Mann nachdenklich an.
»Du willst das wirklich?«
Er nickte. In seinem Blick stand die Hoffnung, sie möge seine Vision und seine Begeisterung mit ihm teilen.
»Ja …« Seine Augen glänzten, und er zog seine Frau dicht an sich heran, als wolle er sie auf seine Seite ziehen. »Je länger ich drüber nachdenke … desto mehr glaube ich daran, dass es die richtige Entscheidung ist … desto sicherer bin ich mir, dass es das ist, was ich will … Lass es uns wagen, Lily. Bitte … Lass uns die negativen Wenns und Abers vergessen, die Gelegenheit beim Schopf packen und von hier abhauen.«

Sarah Harvey

Über Sarah Harvey

Biografie

Sarah Harvey, geboren 1969, lebte viele Jahre in einem alten Herrensitz in Cornwall. Vor Kurzem ist sie wieder zurück in ihre Heimat Northhampton gezogen, wo sie heute gemeinsam mit ihren Hunden in einem Cottage wohnt. Mit ihren atmosphärischen Romanen, die häufig den Schauplatz Cornwall haben,...

Pressestimmen

Braunschweiger Zeitung

»Liebesgeschichte mit englischem Humor – wer keinen Urlaub mehr hat, soll dieses Buch lesen.«

Schweizer Familie

»Ein gefühlvoller Frauenroman, (…) der trotzdem bestens unterhält und mit bissigem englischem Humor gespickt ist.«

Kommentare zum Buch

Eine wundertraurige Liebesgeschichte!
Janine2610 am 03.05.2015

Ich möchte gerne so weit gehen und das Buch mit "Ein ganzes halbes Jahr" vergleichen, denn die Geschichte hat mich doch sehr an die von Jojo Moyes erinnert. Ein Mann hat einen Arbeitsunfall, sitzt danach im Rollstuhl und wird von einer Frau, in diesem Fall ist es seine Frau Lily, gepflegt, oder zumindest versucht sie es, denn Lilys Mann Liam ist ein richtiges Ekel und hält Lily auf Abstand, ist unerhört unfreundlich und abweisend. Immer wieder hieß es, das liege daran, dass Liam schon sehr früh selbstständig geworden ist und es jetzt nicht ertragen kann, von seiner Frau vorübergehend abhängig zu sein, und dass dieses widerliche Verhalten Lily gegenüber völlig normal sei. Und ich habe mich dann immer wieder gefragt: und wieso ist Liam dann bei allen anderen gut aufgelegt und zum Scherzen zumute? Auch das Wissen, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis er wieder vollständig rehabilitiert ist, sollte Liam eigentlich beruhigen - und man könnte eigentlich auch meinen, dass es für Liam ja sogar ganz schön sein könnte, sich von seiner Frau beispielsweise verwöhnen zu lassen, während er so hilfsbedürftig ist. Aber nein, er hat Lily einfach nicht an sich herangelassen und ich hatte die ganze Zeit so das Gefühl, dass da mehr dahintersteckt, dass Liam sie vielleicht für irgendetwas bestrafen will ...   Von Lily war ich einerseits enttäuscht, dass sie sich das alles von Liam gefallen lassen hat, aber gleichzeitig habe ich sie dafür bewundert, dass sie so eine starke Persönlichkeit war, die nicht auf seine Spitzen eingegangen ist und so keinen Streit entstehen hat lassen. Das ist bei den Aussagen, die Liam manchmal geschoben hat, gar nicht so einfach. Ich hätte mich wahrscheinlich nicht so gut unter Kontrolle gehabt. - Das hat auch meine Vermutung bestätigt, dass er Lily für irgendwas büßen lassen wollte und sie der Meinung war, dass sie es wohl verdient hätte.   Dass hinter all diesem Verhalten eigentlich eine wahnsinnig große Traurigkeit und ganz viel Schmerz wegen einer Sache, die noch gar nicht so lange zurückliegt, steckt, konnte man als Leser schon erahnen. Aber was genau, und wie es schlussendlich offenbart wurde, war so berührend und herzzerreißend zu lesen, dass mir sogar die Tränen gekommen sind - und das will was heißen, denn das kommt bei mir wirklich nicht oft vor!   Das Ende habe ich geliebt! Also ich stehe ja generell auf "Happy Ends" - und ich denke, es ist auch okay, wenn ich das hier erwähne - wenn es allerdings allzu kitschig (und somit unglaubwürdig) wird, habe ich auch ein 'Problem' damit. In diesem Fall war es aber schlicht und einfach wunderschön!

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