Lieferung innerhalb 1-3 Werktage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Kostenloser Versand
Blick ins Buch
Das Rätsel der MaskenDas Rätsel der Masken

Das Rätsel der Masken

Roman

Taschenbuch
€ 12,00
E-Book
€ 8,99
€ 12,00 inkl. MwSt.
Lieferzeit 1-3 Werktage
In den Warenkorb Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 8,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Das Rätsel der Masken — Inhalt

Was Amelia und Raúl verband, scheint unzerstörbar. Bis ein anderer Mann in Amelias Leben tritt und die dunklen Schatten der Vergangenheit heraufbeschwört. Ein Maskenball der Gefühle beginnt. Und ein diabolisches Spiel namens Liebe …

€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erschienen am 01.09.2017
Übersetzt von: Stefanie Gerhold
528 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31127-4
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 20.08.2012
Übersetzt von: Stefanie Gerhold
528 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96042-7

Leseprobe zu „Das Rätsel der Masken“

0


Gestern nacht bin ich im Traum in die Wohnung in der Rue
de Belleville zurückgekehrt. Mir klopfte das Herz vor Freude,
mein Atem überschlug sich, die Bilder jagten einander in meinem
Kopf, und alle Gegenstände, auf die mein Blick fiel, leuchteten
in bunten Farben auf, so daß mir schwindlig wurde, selbst
im Traum – und daß ich träumte, wußte ich. Taumelnd bin
ich noch einmal durch die weiten Räume gegangen, habe noch
einmal die Fensterläden geöffnet, um dieses Licht hereinzulassen,
wie ich es seitdem nicht wieder erlebt habe, ein jubelndes,
goldenes Licht, das [...]

weiterlesen

0


Gestern nacht bin ich im Traum in die Wohnung in der Rue
de Belleville zurückgekehrt. Mir klopfte das Herz vor Freude,
mein Atem überschlug sich, die Bilder jagten einander in meinem
Kopf, und alle Gegenstände, auf die mein Blick fiel, leuchteten
in bunten Farben auf, so daß mir schwindlig wurde, selbst
im Traum – und daß ich träumte, wußte ich. Taumelnd bin
ich noch einmal durch die weiten Räume gegangen, habe noch
einmal die Fensterläden geöffnet, um dieses Licht hereinzulassen,
wie ich es seitdem nicht wieder erlebt habe, ein jubelndes,
goldenes Licht, das die Bücherregale, die auf dem Boden verstreuten
Blätter, die auf dem Tisch herumstehenden Gläser und
Flaschen in glänzende Juwelen verwandelte, in ein Fest warmer,
betörender Farben: Farben des Glücks.
Aus allem sprach ein rauschhaftes Leben, eingefangen in
einem Augenblick der Ruhe und doch greifbar und lebendig;
lange Nächte mit Freunden bei Kerzenschein; ein gemeinsames
Glas Rotwein im dichten Qualm des schwarzen Tabaks, endlose
Gespräche über Literatur; Lachen und bissige Bemerkungen;
glänzende Augen und feuchte Lippen; Menschen, die das
Hier und Jetzt genießen und die Vergangenheit mißachten, die
wissen, daß die Zukunft sich vor ihnen ausdehnt wie eine Autobahn
am Meer.
Wie jung wir waren! Was konnten wir schon wissen?
Und ich war zurückgekehrt – in meinen Körper von damals,

mein Denken, meine Fröhlichkeit, meine Gewißheit, daß das
Leben ein niemals endendes Fest ist. „Paris war ein Fest.“ Das
stimmte. Das Leben war für uns wie ein junges Pferd, das nur
wir zu zähmen wußten, es war ein einziges Fest.
Während ich durch die Zimmer ging, blieb mein Blick immer
wieder an Einzelheiten hängen, an kleinen alltäglichen Gegenständen,
die vergessen in einer Ecke lagen und auf ihre Besitzer
warteten: ein Hut mit blauen Stoffblumen, den Marita
im Frühling vergessen hatte, er saß noch immer auf der entsetzlichen
Mozartbüste neben dem Klavier, die wir an einem
Sonntag auf dem Flohmarkt gekauft hatten; eine Meerschaumpfeife,
die irgendeiner der vielen Leute, die in unserer Wohnung
ein- und ausgingen, im Wohnzimmer zwischen den Büchern
liegengelassen hatte; ein Gedichtbändchen mit Widmung des
Autors, das aufgeschlagen auf dem Tisch lag, erdrückt unter
einem von filterlosen Zigarettenstummeln überquellenden
Aschenbecher.
Die Morgensonne fiel durch die leeren Flaschen aufs Parkett
und zeichnete grüne Lichtseen, goldene Staubmotten tanzten
darin, so daß es aussah, als regnete es Gold: Das war unser
Reichtum, mehr besaßen wir damals nicht und mehr brauchten
wir auch nicht für unser vivre d’amour et d’air frais.
Die Tür zu unserem Schlafzimmer stand offen; man sah eine
Ecke des zerwühlten Betts, von dem der indische Überwurf,
scharlachrot, grün und gold, auf den Parkettboden herabwallte
und einen meiner türkischen Pantoffeln gefangen hatte, der
wehrlos in den üppigen Falten lag. Raúl würde noch im Bett
liegen und mit dem Arm das Licht von seinem Gesicht abschirmen.
Wenn ich die Tür öffnen würde – sachte, ganz sachte,
damit das Quietschen ihn nicht weckte –, könnte ich ihn sehen,
wie er damals gewesen war, einen jungen heidnischen Gott
in den Tiefen des Kaminspiegels, schlafend wie ein Faun von
Debussy.

Meine Hand sank auf den Lesesessel, und ich spürte die
Wolle unter meinen Fingern, nahm ihren Geruch wahr. Wie
immer würde Raúl sich auf dem Weg ins Bett ausgezogen und
seinen Pullover auf dem Sessel liegengelassen haben. Ich nahm
ihn an mich wie ein schlafendes Kind und hielt ihn mir ans
Gesicht, spürte seine Weichheit, seine Wärme, labte mich an
dem satten Bordeauxrot – es war sein Lieblingspulli – und
dem Geruch, den ich fast vergessen hatte, Raúls unverwechselbaren
Geruch.
Unabsichtlich schmiegte ich mein Gesicht in die flauschige
Wolle, rieb meine Haut an ihr, eine flüchtige, nur wenige Sekunden
andauernde Liebkosung.
Als ich den Pullover wegnahm, war ich benommen vor
Glück, aber als ich in den Spiegel links neben der Zimmertür
schaute, sah ich, daß ich blutete, daß mein ganzes Gesicht
mit kleinen Wunden übersät war, aus denen mein Blut quoll,
rot wie Bordeaux. Ich blickte zurück auf den Pullover, den ich
noch in der Hand hielt, er war nun braun, und in seinen Falten
steckten Hunderte, Tausende winziger Glassplitter, wie Sternenstaub,
die mir die Haut zerschnitten und sie in ein Schlachtfeld
verwandelt hatten.
Da wußte ich, daß ich es schon wieder geträumt hatte; ich
erwachte mit einem Schrei, schweißgebadet und gealtert, allein
in meiner Wohnung, in der ich schon seit Jahren lebe, und
der Gedanke, alles, was schon fast vergessen war, noch einmal
durchleben zu müssen, erfüllte mich mit Grauen.

 

Kapitel 1


Es war bereits zehn nach acht, als André sich einen Weg durch
die Zuhörer bahnte und ihm ins Ohr flüsterte: „Ari, du mußt
anfangen.“
Ari blickte noch einmal in den Saal, der viel voller war, als
er zu hoffen gewagt hatte, dann sah er erneut zur Tür und
seufzte.
„Ich habe gewartet, ob sie nicht vielleicht doch noch
kommt.“
Er brauchte nicht zu sagen, wen er meinte, André wußte es
ganz genau.
„Sie wird nicht kommen, Ari. Fangen wir an.“
„Hat sie dir gesagt, daß sie nicht kommt? Mir hat sie im Juli
geschrieben, sie werde für zwei Monate unerreichbar sein und
in einer amerikanischen Klinik eine Schönheitskur machen.
Sie müßte längst zurück sein, aber sie hat seitdem keinen Brief
mehr von mir beantwortet, noch nicht einmal ein paar Zeilen
hat sie geschrieben, als ich ihr das fertige Buch geschickt habe;
ich habe gehofft, daß sie vielleicht zu der Lesung kommen
würde.“
André schüttelte ungeduldig den Kopf und blickte demonstrativ
auf die Uhr. In den drei Monaten seit ihrer letzten Begegnung
war André alt geworden. Zum ersten Mal war ihm
anzusehen, daß er über sechzig war.
„Bist du dir sicher, daß sie nicht kommt?“
„Absolut sicher.“

„Was habe ich jetzt schon wieder falsch gemacht, André? Als
wir uns verabschiedet haben, stand fest, daß es nur für zwei
Monate sein würde. Sie hat mich doch Ende Juni zum Flughafen
gebracht, weißt du noch? Alles war gut. Gestern, bevor
ich losgefahren bin, habe ich bei ihr angerufen; das Signal klang
so merkwürdig, als stimme mit der Nummer etwas nicht. Hast
du eine Ahnung, was los ist?“
André zeigte ihm erneut seine Ungeduld.
„Sag mir endlich, was du weißt. Vorher fange ich nicht an.“
„Gut. Wie du willst“, sagte André und führte ihn am Arm zu
dem Tisch auf dem Podium. „Es ist nicht gerade der passende
Moment, aber wenn du darauf bestehst . . .“
Sie setzten sich, und da die Leute sich auf die Lesung einstellten,
wurde es langsam still im Saal.
„Amelia ist am 22. August gestorben. Darum weiß ich so
sicher, daß sie nicht kommen wird“, sagte André und sah ihn
durch seine randlose Brille durchdringend an. „Siewollte nicht,
daß ich es dir sage.“
Ari hatte plötzlich das Gefühl, daß der Saal verschwände und
die Zuhörer sich in körperlose Gespenster auflösten.
„Ich habe von ihr irgendwelche Papiere für dich bekommen.
Sie hat mich gebeten, sie dir nach der Lesung zu geben.“
Ari nickte stumm, er schluckte, als müßte er nachhelfen, daß
diese Nachricht sackte.
„Woran ist sie gestorben?“
„An Leukämie. Als du sie kennengelernt hast, war sie bereits
krank.“
„Sie hat mir nie etwas gesagt.“
André stieß ein kurzes Lachen aus.
„Ist dir nie aufgefallen, daß Amelia nur erzählt hat, was sie
erzählen wollte? Amelia war wie eine Sphinx. Ich kenne sie seit
Ewigkeiten, und trotzdem wird mir so einiges immer ein Rätsel
bleiben. Und dabei habe ich mich nie gescheut, zu fragen!“

„Trotzdem hast du sie geliebt“, sagte Ari und suchte seinen
Blick.
André antwortete, ohne ihn aus den Augen zu lassen: „Aus
tiefstem Herzen.“
Bevor Ari noch eine Frage stellen konnte, stand André auf
und begann mit der Einführung, ein Wortschwall, der an dem
von der Nachricht betäubten Ari vorbeirauschte: „ein großes
dokumentarisches Werk“, „mehr als vier Jahre Arbeit“, „Zeitungsarchive
“, „Dutzende Interviews mit nahestehenden Personen
“, „die Zusammenfügung eines schillernden Mosaiks“,
„der Mensch, das Werk, die Gesellschaft seiner Zeit“, „eine
außergewöhnliche Biographie“, „Raúl de la Torre, der Wortakrobat
“.
Während die Lichter im Saal erloschen, schaltete er mechanisch
die Leselampe an, blickte leer über das Publikum, das
noch immer auf den Stühlen hin und her rutschte, dann räusperte
er sich und begann zu lesen – nur für sie.


~


Sie waren um zehn Uhr morgens verabredet, doch um Viertel
vor zehn stand Ariel Lenormand – Elsässer, zweiundvierzig
Jahre alt, einsachtzig groß, sechsundsiebzig Kilo schwer, Lesebrille,
geschieden und kinderlos, Hispanist, bedingungsloser
Bewunderer des Werks von Raúl de la Torre – bereits vor der
Tür des Hauses, an dessen Adresse er in den letzten Monaten
so viele Briefe geschickt hatte.
Er bekam vor Nervosität kaum Luft, und um sich zu beruhigen,
spazierte er noch einmal langsam zu der Straßenecke
zurück, an der er glaubte, ein kleines Blumengeschäft gesehen
zu haben. Er könnte ihr einen Blumenstrauß mitbringen, das
wäre vielleicht eine nette Geste, und so die Zeit herumbringen,
bis er sich in die Höhle der Löwin wagen durfte.

Die Informationen, die er über Raúls Witwe zusammengetragen
hatte, waren widersprüchlich, doch in einem Punkt
stimmten sie alle überein: Amelia Gayarre galt als unnahbar,
und ihr beharrliches Schweigen auf alle seine Anfragen und
Briefe bestätigten ihren Ruf. Ohne den glücklichen Zufall, daß
André Terrasse, sein französischer Verleger und auch der erste
französische Verleger Raúls, mit der Witwe eng befreundet war,
hätte sie sich niemals auf ein Gespräch eingelassen.
Aber André hatte ihn gewarnt: „Sie hat sich bereiterklärt,
dich dieses eine Mal zu empfangen. Von diesem Gespräch wird
es abhängen, ob sie weiterhin deine Fragen beantworten will.
Sieh selbst, wie du mit ihr klarkommst, Ari. Amelia ist eine
Naturgewalt, wenn sie nein sagt, ist nichts zu machen.“
Während die Blumenverkäuferin den Strauß band, betrachtete
Ari verstohlen sein Spiegelbild im Schaufenster. Neue
Jeans, blaues Hemd ohne Krawatte, dunkles Sakko, geputzte
Schuhe. Für einen Filmstar hätte es nicht gereicht, aber er
konnte sich sehen lassen. Die Krawatte hatte er in der Tasche,
denn als er vorhin von seinem Zimmer im Studentenwohnheim
aus aufgebrochen war – dort hatte ihn die Universität untergebracht
–, hatte er sich nicht entscheiden können, ob er sie
umbinden sollte oder nicht. Aber schließlich ging er nicht zu
einem Rendezvous. Er war einfach ein Akademiker, der eine
Biographie über Raúl de la Torre schreiben wollte, und sie eine
ältere Dame, von der er vielleicht viel Wissenswertes über ihn
erfahren konnte. Ihr Treffen war also eher geschäftlich, mit der
Einschränkung, daß er ihr im Tausch nichts zu bieten hatte
außer diesem zukünftigen Buch, das in seinem Kopf schon
Gestalt angenommen hatte und das er mit oder ohne Hilfe der
Witwe schreiben würde.
Wären da nicht die vielenweißen Flecken . . . Niemand wußte
Näheres über Raúl de la Torres Kindheit; nur mit Mühe hatte
Ari die genaueren Umstände seines Tods in Erfahrung bringen

können; keiner seiner Gesprächspartner hatte ihm die Gründe
nennen können, wieso es zu Raúls plötzlicher politischer Radikalisierung
gekommen war und schließlich zu der überraschenden
Enthüllung . . .
„Voilà, monsieur!“ – Die Stimme der Blumenverkäuferin riß
ihn vorübergehend aus seinen Gedanken, und er lächelte sie anerkennend
an, bezahlte und ging wieder auf die Straße.
Er wußte nicht, wieviel Zeit sie ihm für dieses vorerst einzige
Gespräch geben würde, und dabei hatte er so viele Fragen an
sie. Viele waren noch dazu heikel, ziemlich heikel sogar, und sie
würde bestimmt nicht mit dem erstbesten Fremden offen über
all das reden wollen. Wie, wußte er nicht, aber auf irgendeine
Weise mußte er ihr Vertrauen gewinnen, sie davon überzeugen,
daß ihn nicht krankhafte Neugierde oder Sensationslüsternheit
trieben, sondern ein wissenschaftliches, akademisches Interesse,
sein Bestreben, das Leben und Werk Raúl de la Torres,
eines der brillantesten Erzähler, Romanciers und Dichter der
zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, endlich von allen
Seiten zu beleuchten.
An der Haustür angekommen, band er sich die Krawatte um
und fluchte dabei leise, daß er in keinem Spiegel den Knoten
überprüfen konnte. Die Portiersloge war leer, und die großzügige
und elegante, ebenfalls menschenleere Treppe verlor
sich in der Dunkelheit der oberen Stockwerke. Obwohl es
nicht nötig gewesen wäre, sah er in seinem Kalender noch einmal
die Nummer der Wohnungstür nach und stieg, den altertümlichen
Aufzug links liegen lassend, in den dritten Stock.
Vor Tür Nummer sieben angekommen, verweilte er kurz, damit
sein Atem zur Ruhe kam und der Zeiger seiner Uhr nach oben
rückte, dann drückte er die Klingel, woraufhin ein schrilles
Läuten aus dem Wohnungsinnern herausdrang.
Er wartete, trat von einem Fuß auf den anderen, aber auch
nach über einer Minute konnte er sich nicht entschließen, noch

einmal zu klingeln, schließlich reagieren ältere Leute nicht
mehr so schnell und Pariser Nobelwohnungen sind weitläufig:
Wenn sich die Dame in der Küche aufhielt, konnte es schon ein
paar Minuten dauern, bis sie den Gang entlanggegangen sein
würde.
Oder sie hatte ihre Ansicht geändert und wollte nicht öffnen.
Auf einmal hörte er das Klappern von Absätzen, das hinter
der geschlossenen Tür näher kam. Er umklammerte haltsuchend
den Blumenstrauß, und ihm schossen alle möglichen
Bilder dieser Frau durch den Kopf, die er nur von über dreißig
Jahre alten Fotos kannte und nun zum ersten Mal vor sich
sehen würde.
Die Frau, die ihm die Tür öffnete, sah ganz anders aus, als
er erwartet hatte, auch wenn er in dem düsteren Flur eigentlich
nur ihre kleine, zerbrechliche Statur wahrnahm – und die halblangen
silbrigen Haare, die zu beiden Seiten ihres Gesichts wie
auf dem Negativ einer Kleopatraperücke herabfielen.
„Ariel Lenormand, madame“ – sagte er und streckte ihr
ungeschickt den Blumenstrauß hin, den er, wie er jetzt mit
Schrecken feststellte, nicht ausgewickelt hatte. Die Frau
machte keinerlei Anstalten, ihn anzunehmen.
„Vous êtes bien Madame de la Torre, n’est-ce pas?“ fragte er
vorsichtig nach.
„Ich bin Amelia Gayarre, und wenn Sie der Herr sind, auf
den ich warte, gehe ich davon aus, daß Sie spanisch sprechen.
Oder sind Sie einer dieser typischen Akademiker, die so vermessen
sind, über die Literatur eines Landes zu forschen, ohne
selbst einen geraden Satz in der entsprechenden Sprache herauszubekommen?

„Aber nein, señora, ich meine, selbstverständlich spreche
ich spanisch.“
„Mit argentinischem Akzent.“
„Ich war zwei Jahre in Buenos Aires. Um mich mit dem

Werk Raúl de la Torres vertraut zu machen“, fügte er hinzu und
fühlte sich immer idiotischer, wie er mit dem eingewickelten
Blumenstrauß in der Hand vor der Tür stand, den Namen des
Blumenladens gut lesbar auf dem Seidenpapier.
„Sie vergeuden wohl gern Ihre Zeit. Raúl hat keine zwei Jahre
in Argentinien gelebt.“
Ari bemühte sich, trotz Magenschmerzen zu lächeln.
„Ja. Jetzt weiß ich das.“
Die Frau drehte sich um, entfernte sich von der Tür, und er
ging einen Schritt auf den Wohnungsflur zu.
„Würden Sie mir freundlicherweise sagen, wo Sie hinwollen?

Ari war wie versteinert, zum Glück mußte er nicht antworten,
denn sie hatte bereits ihre Jacke genommen und kam
wieder an die Tür.
„Ich lasse keine Fremden in die Wohnung. Wir machen das
Interview im Café de Guy.“
„Aber . . .“, wagte er einzuwenden, „ich bin kein Fremder.
Zumindest nicht ganz. Ich komme von André.“
„André ist ein Einfaltspinsel. Kennen Sie den Ausdruck?“
Ari nickte verwirrt und etwas gekränkt: „Ach, wissen Sie,
ich . . . ich hätte gern die Wohnung gesehen. Wenigstens den Salon
“, schob er zaghaft nach.
„Raúl hat nie in dieser Wohnung gelebt. Hier wohne ich. Es
gibt nichts zu sehen.“
Seine Augen hatten sich an das Halbdunkel gewöhnt, und
so erspähte Ari im Weggehen im Flur ein Foto, über das er alles
gute Benehmen vergaß.
„Kann ich das Foto sehen? Bitte . . .“
Amelia trat schweigend zur Seite, und Ari ging zu dem Bild,
um es sich eingehend anzusehen. Er kannte das Foto nicht; man
sah darauf Raúl als jungen Mann auf einem Geländer sitzen
und im Hintergrund Sacré-Coeur. 

Elia Barceló

Über Elia Barceló

Biografie

Elia Barceló, in Elda bei Alicante geboren, lebt seit vielen Jahren in Innsbruck, wo sie an der Universität spanische Literatur unterrichtet hat. Sie ist mit einem Österreicher verheiratet und hat zwei Kinder. Bereits mit ihrem ersten auf Deutsch erschienenen Buch „Das Geheimnis des Goldschmieds“,...

Kommentare zum Buch
Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden