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Das Rad der Zeit 13. Das OriginalDas Rad der Zeit 13. Das Original

Das Rad der Zeit 13. Das Original

Mitternachtstürme

Hardcover
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Das Rad der Zeit 13. Das Original — Inhalt

Das größte Epos der Fantasy in der Originalfassung.

Brandon Sanderson widmete sich nach Robert Jordans Tod der Vollendung des Welterfolgs »Das Rad der Zeit«. In »Mitternachtstürme« beginnt für die Helden endlich der finale Kampf, doch es sieht zunächst düster aus für die Welt des Rads: Der Einfluss des Dunklen Königs wächst, und Perrin muss sich im Wolfstraum gegen dessen finsteren Gefolgsmann behaupten. Trollocs bedrohen den Norden, und Länder versinken im Chaos, während Rand al'Thor, der Wiedergeborene Drache, vor eine schier unlösbare Herausforderung gestellt wird. Seine Mission wird das Schicksal aller bestimmen ... und mit der Letzten Schlacht kommt die Entscheidung.

€ 28,00 [D], € 28,80 [A]
Erschienen am 01.09.2016
Übersetzt von: Andreas Decker
1008 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-70228-7
€ 17,99 [D], € 17,99 [A]
Erschienen am 15.10.2013
Übersetzt von: Andreas Decker
1008 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95944-5

Leseprobe zu »Das Rad der Zeit 13. Das Original«

PROLOG

Unterschiede

 

Mandarbs Hufe trommelten einen vertrauten Rhythmus auf den unwegsamen Boden, als Lan Mandragoran seinem Tod entgegentritt. Die heiße Luft trocknete seinen Hals aus; die Erde war mit aus der Höhe gefallenen Salzkristallen weiß gesprenkelt. Im Norden erhoben sich in der Ferne rote Felsformationen, die von der Fäulnis befleckt wurden. Zeichen der Großen Fäule, sich langsam ausbreitende dunkle Ranken.

Er ritt weiter nach Osten, immer parallel zur Fäule. Das hier war noch immer Saldaea, wo ihn seine Frau abgesetzt und damit ihr [...]

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PROLOG

Unterschiede

 

Mandarbs Hufe trommelten einen vertrauten Rhythmus auf den unwegsamen Boden, als Lan Mandragoran seinem Tod entgegentritt. Die heiße Luft trocknete seinen Hals aus; die Erde war mit aus der Höhe gefallenen Salzkristallen weiß gesprenkelt. Im Norden erhoben sich in der Ferne rote Felsformationen, die von der Fäulnis befleckt wurden. Zeichen der Großen Fäule, sich langsam ausbreitende dunkle Ranken.

Er ritt weiter nach Osten, immer parallel zur Fäule. Das hier war noch immer Saldaea, wo ihn seine Frau abgesetzt und damit ihr Versprechen, ihn in die Grenzlande zu bringen, so gerade eben noch eingehalten hatte. Dieser Weg erstreckte sich nun schon lange Zeit vor ihm. Vor zwanzig Jahren hatte er ihm den Rücken gekehrt, als er einwilligte, Moiraine zu folgen, aber tief in seinem Inneren hatte er immer gewusst, dass er zurückkommen würde. Das bedeutete es, den Namen seiner Väter zu tragen sowie das Schwert an seiner Hüfte und den Hadori auf dem Haupt.

Diese felsige Gegend im nördlichen Saldaea war unter dem Namen Proskaebenen bekannt. Für einen Ritt war es ein grimmiger Ort; hier wuchs nicht eine Pflanze. Der Wind wehte aus Norden und trug einen fauligen Gestank herbei. Wie von einem tiefen brütenden Sumpf voller aufgedunsener Leichen. Der Himmel war stürmisch und finster.

Diese Frau, dachte Lan kopfschüttelnd. Wie schnell hatte Nynaeve doch gelernt, wie eine Aes Sedai zu reden und zu denken. In den Tod zu reiten bereitete ihm keine Qualen, aber das Wissen, dass sie Angst um ihn hatte … das schmerzte. Sogar sehr.

Schon seit Tagen hatte er keinen Menschen mehr gesehen. Die Saldaeaner hatten Festungen im Süden, aber das Land hier war von zerklüfteten Schluchten vernarbt, die Trolloc-Angriffe erschwerten; sie zogen es vor, in der Nähe von Maradon anzugreifen.

Dennoch bestand nicht der geringste Grund zur Nachlässigkeit. In dieser Nähe zur Fäule durfte man sich niemals entspannen. Ihm fiel ein Hügel ins Auge; ein guter Ort für einen Späherposten. Er hielt nach den geringsten Bewegungen Ausschau. Dann ritt er durch eine Bodensenke, nur für den Fall, dass dort jemand im Hinterhalt lauerte. Die Hand hielt er am Bogen. Ein Stück weiter im Osten würde er nach Saldaea hineinreiten und Kandor auf seinen guten Straßen durchqueren. Dann …

In der Nähe rollten ein paar Steinchen einen Hang hinunter.

Lan zog langsam einen Pfeil aus dem Köcher an Mandarbs Sattel. Wo war der Laut hergekommen? Von rechts, entschied er. Südlich. Der Hügel dort; jemand kam dahinter hervor.

Lan zügelte Mandarb nicht. Wenn sich der Hufschlag veränderte, war das nur eine Warnung. Er hob den Bogen und fühlte den Schweiß seiner Finger in den Hirschlederhandschuhen. Er hakte den Pfeil in die Sehne und spannte sie in aller Ruhe, zog ihn bis zur Wange und atmete seinen Duft ein. Gänsefedern, Harz.

Eine Gestalt kam um die südliche Hügelseite. Der Mann erstarrte, das alte Lastpferd mit der zotteligen Mähne an seiner Seite ging weiter. Es blieb erst stehen, als sich das Seil um seinen Hals spannte.

Der Mann trug ein braunes, mit Schnüren geschlossenes Hemd und staubige Hosen. An der Taille baumelte ein Schwert, und seine Arme waren dick und stark, aber er sah nicht bedrohlich aus. Tatsächlich erschien er sogar irgendwie vertraut.

»Lan Mandragoran!«, rief der Mann und eilte los, zerrte das Pferd hinter sich her. »Endlich habe ich Euch gefunden. Ich hatte angenommen, Ihr reist auf der Kremerstraße!«

Lan senkte den Bogen und brachte Mandarb zum Stehen. »Kenne ich Euch?«

»Ich habe Vorräte gebracht, mein Lord!« Der Mann hatte schwarze Haare und war gebräunt. Vermutlich ein Grenzländer. Übereifrig eilte er weiter und zerrte mit seinen dicken Fingern an dem Strick des überladenen Packpferdes. »Ich bin von der Annahme ausgegangen, dass Ihr nicht genügend Lebensmittel dabeihabt. Hier sind auch Zelte – vier Stück, nur für alle Fälle – und Wasser. Futter für die Pferde. Und …«

»Wer seid Ihr?«, bellte Lan. »Und woher wisst Ihr, wer ich bin?«

Der Mann richtete sich zu seiner vollen Größe auf. »Ich bin Bulen, mein Lord. Aus Kandor?«

Aus Kandor … Lan erinnerte sich an einen dürren jungen Botenjungen. Überrascht erkannte er die Ähnlichkeit. »Bulen? Aber das ist zwanzig Jahre her, Mann!«

»Ich weiß, Lord Mandragoran. Aber als sich im Palast die Neuigkeit verbreitete, dass der Goldene Kranich gehisst wird, wusste ich, was ich zu tun hatte. Ich habe gelernt, gut mit dem Schwert umzugehen. Ich bin gekommen, um an Eurer Seite zu reiten und …«

»Die Nachricht von meiner Reise hat sich bis nach Aesdaishar verbreitet?«

»Ja, mein Lord. Ihr müsst wissen, El’Nynaeve, sie kam zu uns. Berichtete uns, was Ihr getan habt. Andere sammeln sich, aber ich brach als Erster auf. Ich wusste, dass Ihr Vorräte braucht.«

Soll man diese Frau doch zu Asche verbrennen, dachte Lan. Und sie hatte ihm den Schwur abgerungen, dass er jene akzeptierte, die mit ihm reiten wollten! Nun, wenn sie ihre Spielchen mit der Wahrheit treiben konnte, dann konnte er das erst recht. Er hatte versprochen, jeden zu nehmen, der mit ihm reiten wollte. Dieser Mann war kein Reiter. Ein kleinlicher Unterschied, aber zwanzig Jahre in der Gesellschaft von Aes Sedai hatten ihn einige Dinge darüber gelehrt, dass man auf seine genauen Worte achten musste.

»Kehrt nach Aesdaishar zurück«, sagte Lan. »Sagt allen, dass sich meine Frau geirrt hat und ich den Goldenen Kranich nicht gehisst habe.«

»Aber …«

»Ich brauche Euch nicht, mein Sohn. Geht.« Lan trieb Mandarb mit den Fersen zum Schritt an und passierte den Mann am Wegesrand. Ein paar Augenblicke lang glaubte er, dass man seinem Befehl gehorchen würde, obwohl es an seinem Gewissen nagte, wie er seinen Schwur umgangen hatte.

»Mein Vater war Malkieri«, sagte Bulen hinter ihm.

Lan ritt weiter.

»Er starb, als ich fünf war«, rief Bulen. »Er heiratete eine Kandori. Beide fielen Banditen zum Opfer. Ich erinnere mich nicht an viel von ihnen. Nur an eines, was mir mein Vater einmal sagte: eines Tages würden wir für den Goldenen Kranich kämpfen. Alles, was ich von ihm habe, ist das.«

Unwillkürlich drehte sich Lan um, während Mandarb weitertrottete. Bulen hielt einen schmalen Lederstreifen in die Höhe, den Hadori, den jeder Malkieri auf dem Kopf trug, der geschworen hatte, gegen den Schatten zu kämpfen.

»Ich würde den Hadori meines Vaters tragen«, rief Bulen, dessen Stimme lauter wurde. »Aber ich habe niemanden, den ich um Erlaubnis bitten kann. Das ist doch die Tradition, oder nicht? Jemand muss mir das Recht verleihen, ihn anzulegen. Nun, ich würde gegen den Schatten kämpfen, so lange ich lebe.« Er schaute auf den Hadori, dann schaute er wieder auf und rief: »Ich würde mich der Finsternis entgegenstellen, al’Lan Mandragoran! Wollt Ihr mir sagen, dass ich das nicht darf?«

»Geht zum Wiedergeborenen Drachen«, erwiderte Lan. »Oder zur Armee Eurer Königin. Sie werden Euch beide aufnehmen.«

»Und Ihr? Ihr reitet den ganzen Weg zu den Sieben Türmen ohne Ausrüstung?«

»Ich kann mich selbst versorgen.«

»Entschuldigt, mein Lord, aber habt Ihr Euch schon dieses Land angesehen? Die Fäule breitet sich immer weiter nach Süden aus. Nichts wächst mehr, nicht einmal in einst fruchtbaren Ländern. Das Wild ist knapp.«

Lan zögerte. Er zügelte Mandarb.

»Vor diesen vielen Jahren«, rief Bulen, setzte sich in Bewegung und zog das Packpferd hinter sich her, »da wusste ich kaum, wer Ihr seid, allerdings wusste ich, dass Ihr jemanden unter uns verloren hattet, der Euch viel bedeutete. Jahrelang habe ich mich dafür verflucht, Euch nicht besser gedient zu haben. Ich schwor, dass ich eines Tages an Eurer Seite stehe.« Er hatte Lan erreicht. »Ich frage Euch, weil ich keinen Vater habe. Darf ich den Hadori tragen und an Eurer Seite kämpfen, al’Lan Mandragoran? Meinem König?«

Lan atmete langsam aus und brachte seine Gefühle unter Kontrolle. Nynaeve, wenn ich dich das nächste Mal sehe … Aber er würde sie nicht wiedersehen. Er versuchte, nicht darüber nachzudenken.

Er hatte einen Schwur geleistet. Aes Sedai mogelten sich um ihre Versprechen herum, aber gab ihm das das gleiche Recht? Nein. Ein Mann war seine Ehre. Er konnte Bulen nicht abweisen.

»Wir reiten unerkannt«, sagte er. »Wir hissen nicht den Goldenen Kranich. Ihr werdet keinem sagen, wer ich bin.«

»Ja, mein Lord«, sagte Bulen.

»Dann tragt den Hadori mit Stolz«, sagte Lan. »Viel zu wenige befolgen die alten Sitten. Und ja, Ihr dürft Euch mir anschließen.«

Lan trieb Mandarb wieder an. Bulen folgte ihm zu Fuß. Und aus einem wurden zwei.

Perrin schlug den Hammer auf das rot glühende Eisen. Funken sprühten schimmernden Insekten gleich in die Luft. Schweißtropfen perlten sein Gesicht hinunter.

So mancher fand das Klirren von Eisen auf Eisen nervtötend. Perrin nicht. Dieser Laut war beruhigend. Er hob den Hammer und schlug zu.

Funken. Fliegende Lichter, die von seiner Lederweste und seiner Schürze abprallten. Mit jedem Hieb schmolzen die Wände des Raumes – stabiles Zwerglorbeerholz – und reagierten auf die rhythmischen Schläge. Er träumte, auch wenn er sich nicht im Wolfstraum befand. Das wusste er, obwohl er nicht zu sagen vermochte, warum er es wusste.

Die Fenster waren dunkel, der einzige Lichtschein kam von dem dunkelroten Feuer, das rechts von ihm brannte. Zwei Eisenstäbe glühten zwischen den Kohlen und warteten darauf, dass sie an die Reihe kamen. Perrin ließ den Hammer wieder in die Tiefe sausen.

Das war Frieden. Das war Zuhause.

Er erschuf etwas Wichtiges. Etwas außerordentlich Wichtiges. Ein Teil von etwas Größerem. Wenn man etwas erschaffen wollte, bestand der erste Schritt darin, sich die einzelnen Teile vorzustellen. Das hatte Meister Luhhan Perrin an seinem ersten Tag in der Schmiede beigebracht. Man konnte keinen Spaten herstellen, ohne zu begreifen, wie der Stiel ins Schaufelblatt passte. Man konnte kein Scharnier herstellen, ohne zu wissen, wie sich die beiden Teile um den Bolzen bewegten. Man konnte nicht einmal einen Nagel schmieden, ohne vorher seine Teile zu kennen: Kopf, Schaft, Spitze.

Verstehe die einzelnen Teile, Perrin.

In der Ecke lag ein Wolf. Er war groß und grau; der Pelz hatte die Farbe von hellgrauen Flusskieseln und trug die Narben von einem Leben voller Kämpfe und Jagden. Der Wolf legte den Kopf auf die Pfoten und beobachtete Perrin. Das war völlig natürlich. Natürlich lag ein Wolf in der Ecke. Wie hätte es auch anders sein können? Es war Springer.

Perrin arbeitete und genoss die brennende Hitze des Schmiedefeuers, das Gefühl von an seinen Armen herunterrinnenden Schweißes, den Geruch des Feuers. Er formte das Eisenstück, einen Schlag für jeden zweiten Schlag seines Herzens. Das Metall kühlte niemals ab, sondern behielt sein formbares rotgelbes Glühen.

Was mache ich da? Perrin hob das glühende Eisenstück mit der Zange in die Höhe. Die Luft darum verformte sich.

Drauf, drauf, drauf, sagte Springer in Gedanken und kommunizierte in Bildern und Gerüchen. Wie ein Welpe, der nach Schmetterlingen springt.

Springer sah nicht ein, warum man Eisen neu formen sollte, und fand es amüsant, dass Menschen so etwas taten. Für einen Wolf war ein Ding das, was es war. Warum sich so viel Mühe machen, um daraus etwas anderes zu machen?

Perrin legte das Werkstück zur Seite. Es kühlte augenblicklich aus, wurde gelb, wurde orangerot, dann blutrot, dann mattschwarz. Perrin hatte es zu einem unförmigen Klumpen gehämmert, der ungefähr die Größe von zwei Fäusten aufwies. Meister Luhhan würde sich schämen, wenn er so schlampige Arbeit sah. Perrin musste bald in Erfahrung bringen, was genau er da eigentlich herstellen sollte, bevor sein Meister zurückkehrte.

Nein. Das war falsch. Der Traum erzitterte, und die Wände verwandelten sich in Nebel.

Ich bin kein Lehrling. Perrin hob die Hand in dem dicken Handschuh zum Kopf. Ich befinde mich nicht länger in den Zwei Flüssen. Ich bin ein Mann, ein verheirateter Mann.

Perrin ergriff den formlosen Eisenklumpen mit der Zange und stieß ihn auf den Amboss. Heiß flammte er wieder auf. Noch immer ist alles falsch. Perrin drosch mit dem Hammer zu. Mittlerweile müsste alles besser sein. Aber das ist es nicht. Irgendwie scheint es sogar schlimmer zu sein.

Er schlug weiter zu. Er hasste die Gerüchte, die die Männer am Lagerfeuer flüsternd über ihn in die Welt setzten. Perrin war krank gewesen, und Berelain hatte ihn gepflegt. Das war alles. Trotzdem kamen die Gerüchte nicht zur Ruhe.

Immer wieder schlug er mit dem Hammer zu. Funken flogen in die Luft, als wären es Wasserspritzer, für ein Eisenstück waren es viel zu viele. Er tat einen letzten Schlag, dann atmete er ein und aus.

Der Klumpen hatte sich nicht verändert. Perrin knurrte und griff nach der Zange, legte den Klumpen zur Seite und nahm eine neue Stange aus den Kohlen. Er musste dieses Werkstück fertigstellen. Es war so wichtig. Aber was stellte er da eigentlich her?

Er hämmerte drauflos. Ich muss Zeit mit Faile verbringen, die Dinge ergründen, das Unbehagen zwischen uns beseitigen. Aber dazu ist keine Zeit! Diese vom Licht geblendeten Narren um ihn herum waren nicht dazu in der Lage, sich um sich selbst zu kümmern. In den Zwei Flüssen hatte nie jemand einen Lord gebraucht.

Er arbeitete eine Weile, dann hielt er das zweite Stück Eisen in die Höhe. Es kühlte ab und verwandelte sich in eine unförmige flach gedrückte Stange von der Länge seines Unterarms. Noch eine schlampige Arbeit. Er legte sie zur Seite.

Wenn du unglücklich bist, sagte Springer, dann nimm dein Weibchen und geh. Wenn du das Rudel nicht führen willst, wird es ein anderer tun. Die Botschaft des Wolfes bestand aus dem Lauf über offene Felder, Weizen strich über seine Schnauze. Ein offener Himmel, eine kühle Brise, Lust auf Abenteuer. Es roch nach frischem Regen, nach wilden Weidegründen.

Perrin griff mit der Zange nach der letzten Eisenstange. Sie loderte in einem gefährlich aussehenden Gelb. »Ich kann nicht gehen.« Er hielt die Stange dem Wolf entgegen. »Es würde bedeuten, dem Wolf in mir nachzugeben. Es würde bedeuten, mich zu verlieren. Das werde ich nicht tun.«

Er hielt das beinahe geschmolzene Eisen zwischen sie beide, und Springer musterte ihn; gelbe Lichtpunkte spiegelten sich in den Augen des Wolfes. Dieser Traum war so seltsam. In der Vergangenheit waren Perrins gewöhnliche Träume und der Wolfstraum stets voneinander getrennt gewesen. Was hatte diese Vermischung zu bedeuten?

Perrin verspürte Angst. Er hatte einen brüchigen Waffenstillstand mit dem Wolf in ihm geschlossen. Es war gefährlich, den Wölfen zu nahe zu kommen, aber das hatte ihn nicht daran gehindert, sich auf der Suche nach Faile an sie zu wenden. Alles für Faile. Dies hatte ihn um ein Haar den Verstand gekostet, und er hatte sogar versucht, Springer zu töten.

Perrin hatte nicht annähernd die Kontrolle, die er zu haben glaubte. Der Wolf in ihm konnte noch immer die Herrschaft ergreifen.

Springer gähnte und ließ die Zunge aus dem Maul baumeln. Er roch nach süßer Belustigung.

»Das ist nicht komisch.« Perrin legte die letzte Stange zur Seite, ohne sie bearbeitet zu haben. Sie kühlte ab und nahm die Form eines dünnen Rechtecks an, das eine gewisse Ähnlichkeit mit den Anfängen eines Scharniers hatte.

Probleme sind nicht amüsant, Junger Bulle, gab Springer ihm recht. Aber du kletterst immer auf derselben Wand hin und her. Komm. Lass uns laufen.

Wölfe lebten im Jetzt; obwohl sie sich an die Vergangenheit erinnerten und ein seltsames Gespür für die Zukunft zu haben schienen, machten sie sich über beides keine Sorgen. Nicht so wie Menschen. Wölfe liefen frei und jagten den Wind. Sich ihnen anzuschließen würde bedeuten, Schmerz, Trauer und Enttäuschung zu ignorieren. Frei zu sein …

Diese Freiheit würde Perrin zu viel kosten. Er würde Faile verlieren, sein Ich. Er wollte kein Wolf sein. Er wollte ein Mensch sein. »Gibt es eine Möglichkeit, das wieder umzukehren, was mit mir passiert ist?«

Umzukehren? Springer legte den Kopf schief. Zurückzugehen war nicht die Art der Wölfe.

»Kann ich …« Perrin hatte Mühe, die richtigen Worte für eine Erklärung zu finden. »Kann ich so weit laufen, dass die Wölfe mich nicht hören können?«

Springer erschien verwirrt. Nein. »Verwirrt« beschrieb nicht die gequälten Bilder, die er übermittelte. Das Nichts, der Geruch von verfaulendem Fleisch, Wölfe, die gequält heulten. Abgeschnitten zu sein, so etwas konnte sich Springer nicht vorstellen.

Perrins Gedanken verschwammen. Warum hatte er mit der Arbeit aufgehört? Er musste fertig werden. Meister Luhhan würde so enttäuscht sein! Diese Klumpen waren schrecklich. Am besten versteckte er sie. Am besten schmiedete er etwas anderes, um zu zeigen, wozu er fähig war. Er konnte schmieden. Oder nicht?

Neben ihm ertönte ein Zischen. Perrin drehte sich um und sah überrascht, dass eines der Abschreckfässer neben dem Ofen kochte. Natürlich, dachte er. Die ersten Stücke, die ich fertiggestellt habe. Ich habe sie dort hineingeworfen.

Von plötzlicher Unruhe ergriffen, schnappte sich Perrin die Zange und griff in das aufgewühlte Wasser; Dampf hüllte sein Gesicht ein. Er entdeckte etwas am Grund des Fasses und holte es mit seiner Zange nach oben: einen Klumpen weiß glühendes Metall.

Das Glühen verblich. Tatsächlich war der Klumpen eine kleine Stahlfigur in Gestalt eines hochgewachsenen dünnen Mannes, der ein Schwert auf den Rücken geschnallt trug. Alles war in den kleinsten Einzelheiten dargestellt, die Falten des Hemdes, die Lederriemen an dem winzigen Schwertgriff. Aber das Gesicht war verzerrt, der Mund zu einem schrecklichen Schrei geöffnet.

Aram, dachte Perrin. Sein Name war Aram.

Das konnte er unmöglich Meister Luhhan zeigen! Warum hatte er so ein Ding gemacht?

Der Mund der Figur öffnete sich noch weiter und schrie lautlos. Mit einem Aufschrei ließ Perrin sie aus der Zange gleiten und sprang zurück. Die Figur fiel auf den Holzboden und zerbrach.

Warum denkst du so viel über den da nach? Springer gähnte ein großes Wolfsgähnen, seine Zunge rollte sich auf. Es ist ganz normal, dass ein junger Welpe den Rudelführer herausfordert. Er war dumm, und du hast ihn besiegt.

»Nein«, flüsterte Perrin. »Für Menschen ist das nicht normal. Nicht unter Freunden.«

Plötzlich schmolz die Seitenwand des Ofens und verwandelte sich in Rauch. Es erschien Perrin wie ein ganz normaler Vorgang. Draußen sah er eine offene Straße in hellem Tageslicht. Eine Stadt mit Geschäften, deren Fenster zerbrochen waren.

»Malden«, sagte Perrin.

Draußen stand ein rauchiges, durchsichtiges Abbild von ihm. Das Abbild trug keinen Mantel; die nackten Arme strotzten vor Muskeln. Der Bart war kurz geschnitten, aber es ließ ihn älter und energischer aussehen. Sah er tatsächlich so imposant aus? Eine gedrungene Festung von Mann mit goldenen Augen, die zu glühen schienen, in der Hand eine funkelnde Axt mit halbmondförmiger Klinge von der Größe eines Männerkopfes.

Etwas stimmte nicht mit dieser Axt. Perrin verließ die Schmiede und trat durch seine Schattenversion hindurch. Als er das tat, wurde er zu dem Abbild; die Axt lag schwer in seiner Hand, und die Arbeitskleidung verschwand und wurde durch Kampfausrüstung ersetzt.

Er rannte los. Ja, das hier war Malden. Aiel waren auf den Straßen. Er hatte diese Schlacht erlebt, obwohl er dieses Mal viel ruhiger war. Zuvor hatte er sich in der Aufregung des Kampfes und der Suche nach Faile verloren. Mitten auf der Straße blieb er stehen. »Das ist falsch. In Malden trug ich meinen Hammer. Ich habe meine Axt weggeworfen.«

Ein Horn oder ein Huf, Junger Bulle, spielt es eine Rolle, was man zur Jagd benutzt? Springer saß neben ihm auf der sonnenhellen Straße.

»Ja. Es spielt eine Rolle. Jedenfalls für mich.«

Zwei Shaido Aiel kamen um eine Hausecke gebogen. Sie beobachteten etwas links von ihnen, etwas, das Perrin nicht sehen konnte. Er lief los, um sie anzugreifen.

Er durchtrennte das Kinn des einen, dann rammte er dem anderen den Dorn der Axt in die Brust. Es war ein brutaler, schrecklicher Angriff, und alle drei landeten auf dem Boden. Es brauchte mehrere Stiche mit dem Dorn, um den zweiten Shaido zu töten.

Perrin stand auf. Er erinnerte sich daran, die beiden Aiel getötet zu haben, allerdings hatte er es mit Hammer und Messer getan. Er bedauerte ihren Tod nicht. Manchmal musste ein Mann eben kämpfen, so war das nun einmal. Der Tod war schrecklich, aber manchmal war es eben nötig. Tatsächlich war es wunderbar gewesen, mit den Aiel zu kämpfen. Er hatte sich gefühlt wie ein Wolf auf der Jagd.

Wenn Perrin kämpfte, kam er nahe daran, ein anderer zu werden. Und das war gefährlich.

Er schaute Springer anklagend an, der sich an der Straßenecke herumtrieb. »Warum lässt du mich das träumen?«

Ich mache das?, fragte Springer. Das ist nicht mein Traum, Junger Bulle. Siehst du meine Zähne an deinem Hals, die dich zwingen, das zu denken?

Perrins Axt war blutverschmiert. Er wusste, was nun kam. Er drehte sich um. Hinter ihm kam Aram heran, Mordlust in den Augen. Die eine Gesichtshälfte des ehemaligen Kesselflickers war blutig, und es tropfte von seinem Kinn und verschmutzte seinen rot gestreiften Mantel.

Aram zielte mit dem Schwert nach Perrins Hals. Stahl zischte durch die Luft. Perrin trat zurück. Er weigerte sich, noch einmal gegen den Jungen zu kämpfen.

Seine Schattenversion löste sich aus ihm und ließ den echten Perrin in seiner Schmiedkleidung zurück. Der Schatten teilte Hiebe mit Aram aus. Der Prophet hat es mir erklärt … in Wirklichkeit gehörst du dem Schattengezücht an … ich muss Lady Faile vor dir retten …

Plötzlich verwandelte sich der Schatten-Perrin in einen Wolf. Sein Fell war beinahe so dunkel wie das eines Schattenbruders; er schnellte in die Höhe und riss Aram die Kehle heraus.

»Nein! So hat sich das nicht abgespielt!«

Das ist ein Traum, sagte Springer.

»Aber ich tötete ihn nicht«, protestierte Perrin. »Ein Aiel durchbohrte ihn in dem Augenblick mit Pfeilen, bevor …«

Bevor Aram ihn getötet hätte.

Horn, Huf oder Zahn. Springer drehte sich um und hielt auf ein Gebäude zu. Seine Wand verschwand und enthüllte Meister Luhhans Schmiede. Spielt es eine Rolle? Die Toten sind tot. Zweibeiner kommen nicht her, nachdem sie gestorben sind, normalerweise nicht. Ich weiß nicht, wo sie hingehen, wenn sie gehen.

Perrin betrachtete Arams Leichnam. »Ich hätte diesem Narren das Schwert in dem Moment abnehmen sollen, indem er es ergriff. Ich hätte ihn zu seiner Familie zurückschicken sollen.«

Verdient ein Welpe nicht seine Reißzähne?, fragte Springer offensichtlich verwirrt. Warum solltest du sie ihm ziehen?

»Das ist eine Sache unter Menschen«, sagte Perrin.

Eine Sache der Zweibeiner, der Menschen. Für dich ist es immer eine Sache der Menschen. Was ist mit der Sache der Wölfe?

»Ich bin kein Wolf.«

Springer trottete in die Schmiede, und Perrin folgte ihm zögernd. Das Fass brodelte noch immer. Die Wand bildete sich neu, und Perrin trug wieder Lederweste und Schürze, die Zange in der Hand.

Er beugte sich darüber und holte eine weitere Figur heraus. Es war die Gestalt von Tod al’Caar. Als sie abkühlte, entdeckte Perrin, dass das Gesicht nicht so wie bei Aram verzerrt war, auch wenn die untere Hälfte noch immer ein umgeformter Eisenblock war. Die Figur glühte weiterhin leicht rötlich, nachdem Perrin sie auf dem Boden abstellte. Er stieß die Zange zurück ins Wasser und holte eine Figur von Jori Congar hervor, dann eine von Azi al’Thone.

Immer wieder trat Perrin zu dem brodelnden Fass und holte eine Figur nach der anderen heraus. Wie in Träumen üblich nahm es nur eine kurze Sekunde in Anspruch, sie alle zu holen, kam ihm aber wie Stunden vor. Als er fertig war, standen Hunderte von Figuren auf dem Boden und schauten ihn an. Beobachteten ihn. In jeder Stahlfigur brannte ein winziges Feuer, als warteten sie darauf, den Schmiedehammer zu spüren.

Aber derartige Figuren schmiedete man nicht; man goss sie. »Was bedeutet das?« Perrin ließ sich auf einen Hocker nieder.

Bedeuten? Springer öffnete den Rachen zu einem Wolfslachen. Es bedeutet, dass viele kleine Männer auf dem Boden stehen, von denen man keinen essen kann. Deine Art hat viel zu viel für Steine übrig und dem, was sie enthalten.

Die Figuren schienen ihn anzuklagen. Um sie herum lagen Arams Scherben, die größer zu werden schienen. Bewegung kam in die zersplitterten Hände, und sie krallten über den Boden. Sämtliche Scherben verwandelten sich in kleine Hände, die sich auf Perrin zuarbeiteten und nach ihm griffen.

Perrin keuchte auf und sprang auf die Füße. In der Ferne hörte er Gelächter, das immer näher kam und das Gebäude erzittern ließ. Springer sprang auf und krachte gegen ihn. Und dann …

Perrin fuhr in die Höhe. Er war zurück in seinem Zelt, auf dem Feld, wo sie nun schon seit ein paar Tagen lagerten. Eine Woche zuvor waren sie einer Blase des Bösen begegnet, die überall im Lager wütende rote ölige Schlangen aus dem Boden hatte kriechen lassen. Ihre Bisse hatten mehrere Hundert Menschen krank gemacht; die Aes Sedai hatten die meisten von ihnen mit ihrer Fähigkeit des Heilens am Leben halten können, sie aber nicht vollständig kuriert.

Faile schlummerte friedlich neben Perrin. Draußen schlug einer seiner Männer gegen einen Pfosten, um die Stunde zu schlagen. Drei Schläge. Noch Stunden bis zur Morgendämmerung.

Perrins Herz pochte leise, und er legte eine Hand auf die nackte Brust. Fast erwartete er, dass ein Heer winziger Eisenhände unter seinem Bettzeug hervorkroch.

Schließlich zwang er sich dazu, die Augen zu schließen und sich zu entspannen. Dieses Mal wollte der Schlaf nur langsam kommen.

Robert Jordan

Über Robert Jordan

Biografie

Robert Jordan, geboren 1948 in South Carolina, begeisterte sich schon in seiner Jugend für fantastische Literatur von Jules Verne und H.G. Wells. Als ihm der Lesestoff ausging, begann er selbst zu schreiben. 1990 erschien der Auftakt zu seinem Zyklus »Das Rad der Zeit«, einem einzigartigen epischen...

Brandon Sanderson

Über Brandon Sanderson

Biografie

Brandon Sanderson, geboren 1975 in Nebraska, ist internationaler Bestsellerautor und lebt in Utah. Nach seinem Debütroman »Elantris« widmete er sich seit 2007 der Vollendung von Robert Jordans »Das Rad der Zeit«. Zudem begeistert er mit seiner Saga um »Die Nebelgeborenen« weltweit die Fans. Er...

Weitere Titel der Serie »Das Rad der Zeit«

Pressestimmen

Chicago Sun-Times

Einzigartig – eine Saga von Weltrang!

agm Medienmagazin

»Eine einzigartige Mischung aus High-Fantasy- und Abenteuerroman.«

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