Lieferung innerhalb 3-4 Werktage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Kostenloser Versand*
Das Museum der unerfüllten Versprechen

Das Museum der unerfüllten Versprechen

Roman

Hardcover
€ 20,00
€ 20,00 inkl. MwSt. Vorbestellung möglich
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 9,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Das Museum der unerfüllten Versprechen — Inhalt

In ihrem neuen Roman erzählt Elizabeth Buchan von einem besonderen Ort voller Wunder und Traurigkeit, Hoffnung und Verlust: „Das Museum der unerfüllten Versprechen“. Auf zwei Zeitebenen und in zwei atmosphärischen Städten – das Paris der Gegenwart und Prag in den 80er-Jahren – entfaltet sich die Geschichte einer zarten und zugleich gefährlichen Liebe und einer bewegenden inneren Reise.  

Mitten in Paris befindet sich ein außergewöhnliches Museum, das Museum der unerfüllten Versprechen. Jedes seiner Ausstellungsstücke – eine leere Keksdose, ein Zugticket, ein Babyschuh – steht für einen Moment voller Trauer und Verrat. Doch wer hier einen Gegenstand abgibt, macht sich damit frei von den Dämonen der Vergangenheit. Auch Laure, die Besitzerin des Museums, hofft auf diesen befreienden Effekt. Unter den Exponaten sind Zeugnisse ihrer eigenen Jugend. Sie führen ins Prag des Jahres 1985, wo Laure als Au-pair gearbeitet hat. Als sie sich in einen rebellischen jungen Musiker verliebt, hat das schreckliche Konsequenzen. Denn das Leben hinter dem Eisernen Vorhang ist kompliziert – und Gefahr lauert überall.  

„Eine Perle von einem Buch – elegant geschrieben und wunderschön!“ Marian Keyes

€ 20,00 [D], € 20,60 [A]
Erscheint am 31.08.2020
Übersetzt von: Alexandra Baisch
480 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-86612-469-1

Leseprobe zu „Das Museum der unerfüllten Versprechen“

Österreich, 1986

Ein zwanzigjähriges Mädchen mit einer verbundenen Hand wartet auf dem Bahnsteig, neben sich einen Koffer, in den es einen Rucksack gestopft hat, der ansonsten jedoch leer ist, denn er dient nur dem Schein.

Der Bahnsteig ist grau und so schlecht instand gehalten, dass Pflanzen durch den rissigen Asphalt drängen. Dasselbe gilt für die Schienen, wo das Unkraut fröhlich zwischen den Schwellen hervorsprießt.

Der Blick des Mädchens wandert von rechts nach links, sucht nach einem Informanten. Einem dieser schmuddeligen, manchmal aber so [...]

weiterlesen

Österreich, 1986

Ein zwanzigjähriges Mädchen mit einer verbundenen Hand wartet auf dem Bahnsteig, neben sich einen Koffer, in den es einen Rucksack gestopft hat, der ansonsten jedoch leer ist, denn er dient nur dem Schein.

Der Bahnsteig ist grau und so schlecht instand gehalten, dass Pflanzen durch den rissigen Asphalt drängen. Dasselbe gilt für die Schienen, wo das Unkraut fröhlich zwischen den Schwellen hervorsprießt.

Der Blick des Mädchens wandert von rechts nach links, sucht nach einem Informanten. Einem dieser schmuddeligen, manchmal aber so verzweifelten Menschen, die sich damit über Wasser halten, andere anzuschwärzen. Langsam wird sie eine Expertin darin, sie zu erkennen.

Angestrengt sieht sie in die Ferne. Der Bahnhof ist klein und abgeschieden, umgeben von Wald. Eschen, Kiefern und wunderschöne Weißbirken. Durch eine Lücke zwischen den Bäumen entdeckt sie die Ansammlung von roten Dächern des Zentrums, aus der sich die barocke Kirche mit dem Zwiebelturm erhebt. So typisch für Mitteleuropa, denkt sie, und ihr stockt der Atem. Für das freie Europa.

Ein Paar kommt auf den Bahnsteig. Die Frau hat eine Reisetasche bei sich, er einen größeren Koffer, den er abstellt. Die Frau ist schlank, eingehüllt in einen cremefarbenen Mantel. Er ist gedrungener und trägt einen Tirolerhut mit einer Feder im Hutband. Sie sind wohlhabend und selbstgefällig, und das Mädchen hasst sie auf den ersten Blick. Sie können ihre Hintern im Zug platzieren und in aller Ruhe bis Wien sitzen bleiben.

Das Mädchen dreht sich in die Richtung, aus der der Zug auftauchen wird, von der Grenze zwischen der kommunistischen Tschechoslowakei und Österreich, wo das Mädchen gerade wartet. Obwohl die Bahnstrecke zur Blütezeit der Habsburger errichtet und gut geplant wurde, würde es keine einfache Reise sein – aber das war es wohl noch nie.

Sollte der Fahrplan wie vorgesehen eingehalten werden – worauf man in der Tschechoslowakei besser nicht zählte –, dann müsste die tankartige, rußgeschwärzte Lokomotive des Sowjetblocks mit dem roten Stern jetzt in den Grenzbahnhof zwischen der Tschechoslowakei und Österreich einfahren, wo die Lokomotiven gewechselt werden. Da sie eine Woche zuvor die gleiche Reise zwischen Prag und Wien absolvierte, weiß sie, dass es einen Extrabahnsteig gibt, abgetrennt durch eine Mauer und Stacheldraht, auf dem die Beamten der Ausweis- und Zollkontrolle warten.

Sie ist keine Tschechoslowakin. Ihre Reisefreiheit war nicht infrage gestellt worden. Dennoch hatte sie bei der Zugreise bemerkt, dass sie mit dem Erreger der Unterdrückung infiziert war. Schweißnasse Handflächen. Beständiger Harndrang. Kontrollzwang, Überprüfen ihrer Mitreisenden. Paranoia ist verworren. Ihr ist es egal, von welcher Philosophie sie sich nährt.

In České Velenice an der Grenze waren die tschechoslowakischen Grenzrüpel durch die Waggons gestapft, wie sie das wohl auch in diesem Moment tun würden. Mucksmäuschenstill hatten sie und die anderen Reisenden dagesessen. Polizisten mit Hunden waren auf dem Bahnsteig am Fahrwerk des Zuges entlanggelaufen und hatten überprüft, ob es irgendwelche blinden Passagiere gab, die sich unten am Zug festhielten.

Als das Entwarnungssignal ertönt war, hatte sich die tschechoslowakische Lokomotive abgekoppelt, dann ein kurzes Rumpeln, als sie durch die glänzende westliche Lok ersetzt wurde.

Sie weiß noch, wie sie ihren britischen Pass mit der verletzten Hand umklammert und versucht hatte, nicht an die blinden Passagiere zu denken. Wie sie sich stattdessen auf ihn konzentriert hatte – darauf, wie sie sich kennengelernt hatten und wie es zu dem wurde, was es jetzt war.

Dann, genau wie jetzt auch, hatte sie über die Liebe nachgedacht und darüber, von welch außergewöhnlichem, aufrührerischem Wesen sie doch war und wie diese Liebe sie aufzehrte. Darüber, wie sich ihr Leben verändert hatte.

Wenn sie die Augen schließt, kann sie ihn heraufbeschwören. Seine Berührung, seinen Geruch, seinen Körper.

Die einzige Bank auf dem Bahnsteig beim Warteraum ist frei, und sie setzt sich. Das Holz ist knorrig und splittert, ein absoluter Garant für Laufmaschen in Strumpfhosen.

Sie zündet sich eine Zigarette an.

Milos würde den Plan unzählige Male mit Tomas durchgegangen sein. Die Details, darauf kommt es an. Sie erinnert sich, wie Milos ihr von den Fluchtplänen erzählt hatte. Lerne sie auswendig. Der richtige Sitzplatz, der richtige Bahnhof, die richtige Kleidung … Du musst sie davon überzeugen, dass deine Reise normal ist und du die Erlaubnis hast, sie zu unternehmen.

Bestimmt war eine Kiste Champagner zum Wachturm geschickt worden.

Das funktioniert fast immer, hatte Milos gesagt. Mach sie betrunken.

Schritt für Schritt. Das genaue Ausarbeiten und Konzipieren eines Fluchtplans war schrecklich riskant, weil er in Teilen auf Vertrauen basierte.

Ihr Herzschlag beschleunigt sich. Nicht über einen Fehlschlag nachdenken.

Es wäre Wahnsinn, würde man am Grenzpunkt in Gmünd einen Fluchtversuch starten. Selbstmörderisch. Jeder weiß das. Da wählte man besser diesen unauffälligen Bahnhof auf der anderen Seite der Grenze, deshalb ist sie hier.

On arrive, versprach er ihr in schrecklichem Französisch. „Ich komme.“

Der Herbstwind peitscht die Baumwipfel. Ihre Zigarette flammt auf und erlischt. Sie tritt den Stummel mit dem Stiefel aus und erzittert.

Die Informanten. Wer sind sie? Die Antwort: jeder, selbst deine Großmutter. Sobald man verstanden hat, dass eine ältere Frau mit einem Einkaufsnetz voller Gemüse ebenso gefährlich ist wie der Rowdy in der Lederjacke, wird klar, dass jeder jeden manipulieren kann. Sie weiß, dass die Informanten, sehr viel häufiger, als sie gedacht hatte, ebenso ängstlich sind wie die Zielpersonen, die sie ausspionieren.

Warten.

Warten ist eine Kunstform. Diejenigen, die in Osteuropa leben, sind damit sehr vertraut. Die trockenen Lippen. Das pochende Herz.

Sie steckt die kalten Hände in die Taschen ihres Mantels. Mit der Linken umklammert sie das Zugticket, das sie für ihre Flucht benutzte. Prag, Tábor, Gmünd … Sie weigert sich, es wegzuwerfen.

Der ältliche VW, den sie bei einer Werkstatt erstanden hat, steht vor dem Bahnhof. Weiß Gott, in welchem Zustand er ist, Hauptsache, er bringt sie nach England, alles andere ist ihr völlig egal. Auf dem Rücksitz liegen ein Laib Brot, Wurst, Äpfel und Bier.

„Du wirst mich heiraten müssen, wenn du in England bleiben willst.“

„Ach tatsächlich?“

Ihr Magen krampft sich schmerzhaft zusammen, und sie fängt an zu zittern.

Sie weiß, was sie getan hat.

Sie weiß es.

Sie sieht auf die Uhr. In der Welt, aus der sie unlängst geflohen ist, werden viele Witze über Fahrpläne gemacht: Sie seien so dehnbar wie Kaugummi, sagt man. Jetzt lacht sie nicht darüber.

Wieder sieht sie auf die Uhr.

Wenn alles gut geht, dann fährt die frisch angehängte Lokomotive jetzt zur Grenze, wo die Grenzpolizei im Begriff ist, die Betonschranken hochzufahren, damit der Zug passieren und in Richtung Wien an Geschwindigkeit zulegen kann.

Wenn alles gut geht.

Die Instruktionen würden sehr genau sein, das weiß sie. Er würde seine Haare kurz geschnitten und einen Anzug tragen müssen – so gar nicht sein Stil. Außerdem müsste er seinen gefälschten Pass immer griffbereit haben.

„Ich hoffe, dein Name wird nicht Wilhelm sein“, hatte sie ihm gesagt, als sie sich voneinander verabschiedeten. „Ich weigere mich, einen Wilhelm zu lieben. Es sollte Viktor sein, für Victory.“

Auf der Bahnhofsbank betet sie darum, dass er einen Sitzplatz am Gang hat – Gangplätze liegen besser, um einen Fluchtversuch zu starten. In seinem Aktenkoffer müssten sich ein fingierter Ablauf der Geschäftstermine für seinen viertägigen Aufenthalt in Wien und eine gefälschte Hotelbuchung befinden.

Mit zusammengekniffenen Augen späht sie in die Ferne. Ganz weit hinten bewegt sich ein Zug vor der herbstlichen Kulisse. Langsam wird er größer, hält auf den Bahnhof zu; die Räder quietschen beim Bremsen auf den Schienen, als er seine Geschwindigkeit drosselt. Ein Gestank von Anthrazit und billiger Kohle schwebt über dem Bahnhof.

Was ist Liebe? Was ist ihre Liebe? Tief, unendlich, brennend, zart … all diese Worte.

Schuldig?

Ihre Hände ballen sich zu Fäusten.

Steile Tritte führen von den Waggons nach unten, die Fahrgäste steigen aus. Einem Kleinkind wird gut zugeredet. Ein älterer Mann klammert sich am Geländer fest und nimmt allen Mut zusammen.

Das blasierte, wohlhabende Paar wartet etwas weiter vorn am Gleis darauf, einsteigen zu können.

Der Wind dreht sich, treibt ihr Tränen in die Augen. Aus dem dritten Waggon steigt ein Mann in einem Nadelstreifenanzug und schwarzen Budapestern aus. Ein Hut verdeckt sein Gesicht, aber er hat kurze Haare und ein rotes Taschentuch in der Brusttasche stecken.

Ihre Augen tränen inzwischen so sehr, dass sie kaum etwas erkennen kann.

Ihr Herz pocht vor Erleichterung.

Aber dann …

Die Gestalt bleibt vor ihr stehen. „Laure.“

Ihre Sicht ist nicht länger verschleiert. O Gott.

Ihr Innerstes löst sich auf, ihre Knie geben nach. Gleich wird sie auf dem grauen Bahnsteig zusammenbrechen.

Petr streckt eine Hand aus.

Ihre hängt reglos neben ihr herunter. „Wo ist Tomas? Sag mir, wo er ist.“

„Das kann ich dir nicht sagen.“

„Lebt er noch?“

„Das kann ich dir nicht sagen.“

Er betrachtet sie mit einer Mischung aus Mitleid und Geringschätzung. In einem kurzen, lichten Moment wird ihr klar, dass Petrs Gefühle für sie nicht so weit gehen, dass er ihr Glück sichern würde. Er hat sein Leben. Seine Familie. Seine Politik.

Sie weicht zurück, setzt einen schwankenden Fuß hinter den anderen. „Mein Gott … du hast ihn verraten.“

Er packt sie an ihrem verletzten Arm, und sie unterdrückt einen Aufschrei. „Ich habe ihn verraten?“, sagt er.


1

Paris, heute

Ihr Leben war nicht ganz intakt. Würde es vermutlich niemals sein – aber es war nicht schlecht. Man hatte sich arrangiert. Sie hatte das Museum.

Um neun Uhr öffnete Laure die Fensterläden in Raum 2 und blickte auf ein Paris, das sich ihr im Morgenlicht darbot. Ein paar Tauben stolzierten über das Nachbardach und veranstalteten ihr übliches Spektakel aus Gurren und Flattern.

Im Sommer ließ die Sonne die Farbe der Dachziegel leuchten. Im Herbst glänzten sie regennass, und im Winter kränzte der Frost ihre Ränder manchmal, sodass sie einem Fantasiegebilde von Fabergé ähnelten.

Ansonsten änderte sich das Jahr über nicht viel, und genau das brauchte Laure. Sie wollte den immer gleichen Blick aus dem Fenster haben, die immer gleichen Fensterläden öffnen und sich dann umdrehen und die Glasvitrinen inspizieren, in denen die Rastlosigkeit jener aufbewahrt wurde, die Erlösung suchten.

Diese Gegenstände konnten verstörend sein. Ergreifend. Oder amüsant. Ließen fast niemanden unbeeindruckt. Es war durchaus üblich, dass ein Besucher sagte, beim Betrachten der Vitrinen habe er eine Art Déjà-vu gehabt. Manche berichteten, sie hätten das Gefühl gehabt, außer ihnen und den anderen Besuchern sei noch jemand im Raum gewesen. Wieder andere sagten, die Gegenstände besäßen eine greifbare Seele, mit all ihrer Undeutlichkeit und Rätselhaftigkeit. Sie blieb stehen, um einen kleinen Fleck auf der Scheibe der Vitrine gleich neben der Tür wegzureiben, und ging dann weiter in den nächsten Raum. Der Tag hatte angefangen.

Kurz vor der Mittagszeit erklang ein unterdrückter Aufschrei im Museum.

In ihrem Büro im oberen Stock sahen Laure und ihr Assistent, Nic Arnold, von ihren Schreibtischen auf. Wieder einer. Ein einschneidender Moment, wenn bei einem Besucher ein Damm brach und … nun ja … ganz viele Dinge an die Oberfläche gelangten.

Sie zeigte zur Tür. „Du oder ich?“ Der Schrei wiederholte sich, und Laure traf eine Entscheidung. „Wir beide, würde ich sagen.“

Es war Herbstanfang, die Besucherzahlen gingen zurück, wie jedes Mal nach dem Sommer. Eigentlich war es ein normaler Tag. Allerdings konnten normale Tage täuschen. Aus ihnen konnte eine Rastlosigkeit herausbrechen, manchmal sogar eine gewisse Unerbittlichkeit. Ganz sicher aber starke Emotionen. Die Ausstellungsstücke in Laures bescheidenem, unprätentiös erscheinendem Museum besaßen die Macht, eine solche Reaktion hervorzurufen, insbesondere bei den Menschen, die an einem Tiefpunkt angelangt waren.

Sie griff zu ihrem Erste-Hilfe-Kasten. Nic schnappte sich das Klemmbrett. Zusammen hasteten sie die Treppe hinunter. Würde die vereinbarte Vorgehensweise eingehalten, dann wäre Chantal vom Empfangsbereich bereits nach oben geeilt, um die Besucher von dem Raum wegzuführen, in dem sich der Zwischenfall ereignete.

In Raum 3 kämpften ein Mann und eine Frau miteinander. Oder vielmehr wehrte er ihren Angriff ab, während sie ihm den Museumskatalog um die Ohren schlug. Laure und Nic wechselten einen kurzen Blick. Nic legte sein Klemmbrett zur Seite, trat vor und zog die Frau – so höflich, wie es unter diesen Umständen möglich war – von dem Mann weg.

Keuchend machte dieser einen Schritt zurück – seinem Gesicht war eine Mischung aus Enttäuschung und Wut abzulesen. Er fuhr sich über die Wange, auf der eine Ecke des Katalogs einen roten Striemen hinterlassen hatte. „Was soll das, Odile?“

„Am liebsten würde ich dich umbringen.“ Sie brachte das ganz nüchtern hervor, wodurch das Gesagte noch erschreckender wirkte. Eine Hand hatte sie im Gürtel ihrer Jeans eingehängt, der, wie Laure bemerkte, mit einer breiten Metallschnalle versehen war. „Vielleicht mache ich das irgendwann demnächst mal.“

Sie waren Franzosen. Nicht sonderlich überraschend, schließlich war man ja in Paris, aber in diesem – oder vielleicht auch in egal welchem? – Museum konnte man niemals vorhersehen, welche Nationalität ein Besucher hatte.

Die Knie der Frau gaben nach, zwangen Nic, seinen Griff etwas fester werden zu lassen. Laure schob den Stuhl, der genau für solche Notfälle an der Wand stand, unter die Frau, die darauf zusammensackte.

Das Erste-Hilfe-Set war so konzipiert, dass es sich einfach öffnen ließ, und Laure holte einen Becher und eine Wasserflasche heraus. „Hilft Ihnen das?“ Sie war ruhig und bedächtig. „Medikamente darf ich nicht ausgeben, aber ich kann einen Arzt oder den Rettungswagen rufen, wenn Sie meinen, dass Sie einen brauchen.“

Nic nahm das Klemmbrett und schrieb Datum und Uhrzeit in die dafür vorgesehenen Felder des Vordrucks, der mit „Zwischenfall“ überschrieben war.

Laure hielt der Frau den Plastikbecher an die Lippen; sie nahm einen Schluck und schob Laures Arm dann von sich weg. „Danke.“

Laure richtete sich auf und wandte sich an den Mann. „Sind Sie derjenige, der bei einem Notfall benachrichtigt werden soll?“

Groß. Bekleidet mit Jeans und einer Cordweste. Vermutlich um die vierzig … „Wenn Sie wissen wollen, ob ich ihr Ehemann bin, dann ja“, antwortete er. „Yves Brun.“

Leicht angefressen.

Nic notierte sich den Namen. „Geht es Ihrer Frau nicht gut, oder war es etwas im Museum, das sie so aus der Fassung gebracht hat?“

Ein Schatten legte sich über das Gesicht des Mannes. „Ich nehme an, es war etwas hier.“

Selbst für einen ungeübten Beobachter – und Laure und Nic kannten eine Skala mit sieben Täuschungsgraden, die in der Öffentlichkeit zur Schau gestellt wurden – war offensichtlich, dass Yves sich um die Wahrheit herumwand.

Odile zitterte. „Er weiß, was nicht stimmt.“

Nic schrieb auch das auf. Geltende Rechtsvorschriften verlangten nach einem detaillierten Bericht, also bat er Yves um eine Telefonnummer.

Yves beugte sich über seine Frau. „Das kannst du nicht in aller Öffentlichkeit machen, Odile. Das wird allmählich zu einem Problem.“

Sie sah zu ihm auf und spuckte dann ohne Vorwarnung zu seinen Füßen aus. „Diese Art Problem?“

„Putain.“ Er trat einen Schritt zurück.

Wieder wechselten Laure und Nic einen Blick. Anscheinend war die Situation komplizierter, als sie auf den ersten Blick erschien.

„Diese Schuhe …“ Odile wischte sich über den Mund. „Sie gehören meiner Tochter.“

Nic schrieb: „Raum 3. Ehelicher Zwischenfall.“

Laure wusste, worauf Odile sich bezog. Vorn in der Vitrine stand eine rechteckige Schachtel, in der eine sorgfältig zusammengelegte Babyausstattung lag. Sie umfasste ein Kaschmirtuch, zwei winzige Hemdchen und unverwechselbare grün-weiße Babyschühchen. Auf dem Hinweisschild war auf Französisch, Englisch und Italienisch zu lesen: „Durch Fahrlässigkeit hat es mein Baby nicht auf diese Welt geschafft.“

Laure stellte sich so hin, dass Odile die Vitrine mit den Gegenständen nicht mehr sehen konnte. „Sollen wir Hilfe rufen?“

Der Ehemann zuckte zusammen. „Nein.“

„Wir alle brauchen Hilfe. Die ganze Welt braucht Hilfe“, sagte Odile. „Und er hat die Sachen meiner Tochter genommen und sie ohne meine Erlaubnis hierhergebracht.“

„Das sind die Medikamente“, erklärte Yves. Inzwischen war seine Wut einer Traurigkeit gewichen, einer ungeheuchelten, wie Laure, die in Sachen Traurigkeit bewandert war, erkannte. „Sie weiß es nicht mehr.“

„Gott sei Dank“, sagte Odile. „Wer will schon wissen, dass er am Leben ist. Sie etwa?“ Sie wirbelte herum und sah Laure an. „Sie sehen auch nicht gerade aus, als würden Sie vor Begeisterung übersprudeln.“

„Odile … Darf ich Sie Odile nennen?“, fragte Laure. „Diese Babysachen wurden von jemandem hergeschickt, der in Italien lebt. Ich habe die Unterlagen dazu.“ Sie wartete, bis diese Information angekommen war, und fügte dann sanft hinzu: „Die Gegenstände hier können einen sehr berühren, und es ist gut möglich, dass man Dinge durcheinanderbringt.“

„Reden Sie doch nicht so gönnerhaft.“ Odile ignorierte ihren Mann, öffnete ihre Handtasche, holte eine Blisterverpackung mit Tabletten hervor und drückte sich ein paar davon in die Hand. Yves fluchte kurz und wandte sich dann ab. „Halt die Klappe“, sagte sie nur.

„Als du aus dem Krankenhaus rausgekommen bist, hast du es versprochen.“ Yves stopfte die Hände in die Hosentaschen.

„O ja, ich habe es versprochen.“ Sie würgte etwas an den Tabletten, bis sie sie schließlich hinuntergeschluckt hatte. „Mein Baby … unser Baby … hat es auf diese Welt geschafft, aber nur für ein paar Stunden. Ich hatte die Anziehsachen für die Kleine gekauft“, dabei zeigte sie auf die Vitrine. „Genau diese Sachen. Aber ich habe sie nie darin gesehen.“

Sich kümmern. Notieren. Unterstützen. Sie und Nic waren mit der Vorgehensweise gut vertraut.

Chantal hatte die Besucher, deren Aufmerksamkeit inzwischen sicherlich ihren pinken Haaren und den vielen Piercings galt, im angrenzenden Raum 4 zusammengepfercht und sie gebeten, fünf Minuten hier zu warten. Kurz darauf halfen Laure und Nic der zitternden Odile die Treppe hinunter. Yves folgte ihnen und griff widerstrebend nach dem Arm seiner Frau, um sie zusammen mit Laure nach draußen zu begleiten.

„Kommen Sie zurecht?“, fragte Laure. Er zuckte mit den Schultern, und sie fügte noch hinzu: „Es tut mir leid.“

„Was nützt das schon?“, blaffte Odile, machte sich aus dem Griff ihres Mannes frei und ging weiter Richtung Straße. „Sie können sagen, dass es Ihnen leidtut, bis Ihnen die Zunge herausfällt, aber das ändert nichts. Das bringt die Toten nicht zurück.“

Yves warf Laure einen entschuldigenden Blick zu, ehe er seiner Frau nachging.

Laure drehte sich um, wollte wieder hineingehen.

„Sie sind Laure Carlyle, die Kuratorin, nicht wahr?“

Ein hochgewachsenes, nordisch blondes Mädchen mit dunkler Sonnenbrille hatte Laure angesprochen, allerdings legte ihr Akzent nahe, dass sie Amerikanerin war und aus den Südstaaten stammte. Tennessee? Georgia?

Für gewöhnlich schirmten die Mitarbeiter des Museums Laure von den verrückteren und aufsässigeren Bittstellern ab. Aber dieses Mädchen machte einen normalen Eindruck. Dynamisch. Außerdem sah sie ganz so aus, als würde sie keine Furcht kennen.

Einem anderen ein Gespräch aufzuzwingen schien für sie etwas Selbstverständliches zu sein, denn sie fuhr fort: „Ich bin freie Journalistin und arbeite gerade in Paris an verschiedenen Artikeln. Ich habe von Ihrem Museum gehört und würde mich gern mit Ihnen darüber unterhalten.“ Sie wühlte in ihrem schwarzen Neoprenrucksack herum und hielt Laure eine Visitenkarte hin. „Ich war gerade im Museum. Es ist etwas Besonderes. Darüber muss geschrieben werden. Über Sie muss geschrieben werden.“ Sie fügte hinzu: „Ich erledige die ganze Vorarbeit, darüber brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen. Sie müssen einfach nur reden.“

Das war nicht ungewöhnlich. Das Museum hatte durch Reiseführer und Presse an Besucherzahlen und Anziehungskraft gewonnen. Journalisten waren neugierig auf das Konzept und den Ort – oh, es ist in Paris! Auch in den sozialen Medien wurde darüber berichtet. Sogar Newsweek hatte ihr ein Angebot per Mail unterbreitet: „Wir werden Sie bekannt machen.“

„Ich gebe nur selten Interviews.“ Laure steckte die Visitenkarte ein, ohne sie sich anzusehen.

„Ich habe Sie gegoogelt“, sagte das Mädchen, und in Laure sträubte sich etwas – wie das immer der Fall war. „Sie haben vor wenigen Monaten einer italienischen Zeitschrift ein Interview gegeben. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit für ein weiteres?“

„Nein.“

„Ich habe einen guten Kontakt bei Vanity Fair“, sagte das Mädchen. „Für die wäre das ein gefundenes Fressen.“

Die Karotte. Da hing sie.

Dieses Mädchen wollte es zu etwas bringen. Wollte Karriere machen. War bereit, Risiken einzugehen, ein bisschen zu flunkern. Oder die Wahrheit zurechtzubiegen. Laure war schon häufig mit dieser Sorte Mensch zusammengerasselt. „Bitte betrachten Sie das nicht als unhöflich, aber nein.“

„Nicht unhöflich, aber vielleicht ein bisschen verschlossen?“ Das Mädchen nahm die kategorische Absage nicht einfach hin, blieb aber ihrerseits höflich, charmant und hartnäckig. „Dieser Ort muss bekannt werden. Er hilft den Menschen doch, oder?“

Das stimmte. „Ja, das tut er.“

„Hätte ich diesen Ort ins Leben gerufen, dann vermutlich deshalb, weil es in meiner Vergangenheit etwas gibt, das ich austreiben muss. Was sagen Sie dazu?“

Die Frage war etwas ungelenk gestellt, unverhohlen ambitioniert, aber clever.

„Dass Sie damit falschliegen.“ Laure ließ sich nichts von ihrer Bestürzung anmerken und ging zum Eingang weiter. „Ich muss weiterarbeiten.“

An der Tür warf sie noch einen Blick über die Schulter.

 

Chantal war wieder zu ihrem Schreibtisch am Eingang zurückgekehrt. Sie sah zu Laure auf. „Quelle scène.“ Ihr Gesichtsausdruck zeigte eine Mischung aus Faszination und Empörung, die Laure schon früher bei ihr gesehen hatte. „Nic meint, sie wäre leicht verrückt gewesen.“

„Vielleicht.“ Laure setzte einen Fuß auf die erste Treppenstufe. „Ist oben wieder alles normal?“

„Alle wollten wissen, wer hier wen und warum umbringen will.“ Chantals Lächeln ließ ihre perfekten Zahnreihen erkennen. „Das war das i-Tüpfelchen für ihren Besuch. Sie werden allen davon erzählen, und morgen werden wir doppelt so viele Besucher haben.“ Sie deutete zum Drehständer mit den Postkarten. „Letztlich wissen wir nie, was passiert.“

„Nein“, sagte Laure. „Aber genau darum geht es.“

„Dommage.“ Chantal neigte den Kopf. „Geht es dir gut?“

Chantals pinkfarbene Haare und ihre Piercings kaschierten ganz hervorragend ihr mütterliches Wesen, denn natürlich hoffte sie, Laure würde die Frage verneinen und ihr so die Erlaubnis erteilen, ihre Chefin zu bemuttern.

„Du bist ein Schatz, Chantal, aber es geht mir gut.“

„Diese Leute immer …“ Sie spielte an einem ihrer Ohrstecker herum. „Denken, sie könnten sich überall wer weiß wie aufführen.“

„Nein, sie denken, sie können das hier tun. Und das ist in Ordnung. Absolut in Ordnung.“

Laure ging nach oben, um in den Räumen nach dem Rechten zu sehen. Die Räume 3 und 4 waren rappelvoll mit Besuchern, wodurch immer eine zusätzliche Aufregung in der Luft lag. Eine große Gruppe japanischer Touristen mit orangefarbenen Baseballkappen wurde gerade durch die Räume 6 und 7 geleitet. Laure trat zur Seite, um sie vorbeizulassen. Die meisten von ihnen ignorierten sie und rauschten durch die Tür, blind gegenüber allem, außer ihrer Entschlossenheit, das Ende zu erreichen.

Raum 5 war leer, und die zwei Videos auf den Bildschirmen zu beiden Seiten des Raumes liefen in Endlosschleife. Das erste Video zeigte einen eingezäunten Garten. Die ersten Aufnahmen waren im Schnee gemacht, mit einer erstarrten Galerie von Bäumen und Büschen, die den Rasen säumten. Die nächsten Aufnahmen stammten aus dem Frühling – Blüten und Blätter hatten die Kahlheit abgelöst. Der Sommer brachte gekräuselte Pfingstrosen und stolze Dahlien in Orange- und Rottönen hervor. Die herbstlichen Aufnahmen zeigten Beeren und voll hängende Apfelbäume ganz hinten im Garten.

Die letzte Aufnahme war die eines Gartens, der kein Garten mehr war. Statt des Blumenbeetes, das in den Herbstfarben erstrahlte, und des Fallobstes, an dem sich trunkene Wespen gütlich taten, waren innerhalb des Zaunes vier Häuser entstanden. Fantasielose Gebilde mit Spiegelglasfenstern, errichtet von der Sorte Bauunternehmer, die auf schnelle Profite aus war. Diese Häuser dienten nicht der Schönheit oder dem Vergnügen, sie sollten Geld einbringen. Auf der Beschreibung unter dem Video stand: „Mein älterer Bruder versprach meinen Eltern, er würde diesen Garten niemals verkaufen. Doch sechs Monate nach ihrem Tod hat er ihn für viel Geld veräußert. Ich werde ihm nie vergeben, dass er dieses kleine Stück Paradies zerstört hat.“

Vor ein paar Jahren hatte Laure einen Vortrag für Kuratoren in Ausbildung im Alter von Anfang zwanzig bis Anfang vierzig gehalten, in dem sie das zweite Video von Raum 5 beschrieben hatte.

„Das Video ist in Schwarz-Weiß und zeigt ein kleines Zimmer, in dem ein Tisch und zwei einander zugewandte Stühle stehen. In der Aufnahme ist kein Fenster zu sehen. Ein schwarzes Bakelittelefon, ein gedrungenes, altmodisches Modell mit einer Wählscheibe und einem umflochtenen Kabel, steht mitten auf dem Tisch. Die billigen Plastikstühle sind mit Brandflecken von Zigaretten übersät, der Boden besteht aus groben Dielen. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, wo dieser Raum sein könnte. Der Fokus ist fest auf diese mise en scène gerichtet, und das einzige Geräusch ist das Surren der Kamera. Dann klingelt ohne Vorwarnung das Telefon in der Stille.“ Sie fuhr fort. „Die Aufnahme ist beeindruckend und verstörend, und das Bild des klingelnden Telefons scheint direkt das kollektive Unwohlsein anzuzapfen, das viele von uns in sich tragen. Ich habe mir das Video unzählige Male angesehen, und wie die meisten Betrachter zucke ich noch immer zusammen. Manchen Besuchern entfährt dabei sogar ein Aufschrei. Auf dem Rückmeldebogen, den wir von den Besuchern ausfüllen lassen, bitten wir sie unter anderem darum, uns mitzuteilen, welcher der Gegenstände sie am meisten beschäftigt hat. Eine beachtliche Mehrheit nennt dieses Video. Wir haben Briefe bekommen, in denen gefragt wurde, ob es sich um einen Horrorfilm handle. Oder ob es politisch gemeint sei. Oder einfach eine Installation.“

Das war der Zeitpunkt, zu dem sie ihrem Publikum das Video zeigte.

Schlussfolgernd sagte sie mit einem Blick auf die erwartungsvollen Gesichter: „Die Antwort lautet, dass diese drei Elemente alle darin kombiniert sind, was, wie ich finde, das Merkmal eines gut gewählten Ausstellungsgegenstandes ist. Natürlich werden Sie sich jetzt aber fragen, inwiefern das Video sich für das Museum der unerfüllten Versprechen qualifiziert, nicht wahr?“

Erwartungsvolles Rascheln war zu hören, und die Frauen in der Zuhörerschaft – für gewöhnlich waren Frauen diejenigen, die sich Notizen machten – griffen zu ihrem Stift.

„Ich sollte hinzufügen, dass dieser besondere Ausstellungsgegenstand in den Anfangstagen des Museums anonym eingesandt wurde, und Sie werden verstehen, weshalb, wenn ich Ihnen das Hinweisschild vorlese, das auf Französisch, Englisch und Tschechisch verfasst ist. ›Von 1948 bis 1989 hat man uns in der kommunistischen Tschechoslowakei Arbeit, eine friedliche Politik, einen angenehmen Lebensstandard und keine Korruption versprochen. Das haben wir bekommen.‹“

 

Am späten Nachmittag hatte sich Laure mit einer Kuchendose aus Raum 1, die jetzt zwischen ihr und der lächelnden Frau ihr gegenüber stand, in den Konferenzraum zurückgezogen.

„Wie schön, Sie wiederzusehen, Myrna.“

„Es ist eine ziemlich lange Reise von St. Louis“, antwortete Myrna, „aber ich musste Sie sehen. Und das hier mitnehmen.“

Die Veränderung bei ihr war verblüffend. Vor drei Jahren, im mittleren Alter, frisch geschieden und aufgelöst, hatte Myrna so heftig weinend in diesem Raum gesessen, dass Laure eine zweite Schachtel Taschentücher holen musste. Heute war sie nicht weniger blass oder unscheinbar, aber etwas hatte sich grundlegend verändert: Sie sah entschlossener aus, versprühte Witz, hatte ein selbstsicheres, bestimmtes Auftreten. Es wirkte sehr anziehend.

Damals war es etwas anderes gewesen. Tiefgründige, schwere Schluchzer, wie Myrna sie von sich gegeben hatte, waren ein Weg, wie man zu einer Erklärung zu gelangen versuchte.

„Mein Mann konnte nicht verstehen, dass ich in meinem Kopf noch ein anderes Leben hatte“, hatte sie damals erzählt. „Als wir heirateten, hatte er versprochen, mir das Malen zu ermöglichen, aber das hat er nicht getan.“ Sie warf einen Blick über Laures Schulter. „Er hat keine Mühen gescheut, es nahezu unmöglich zu machen. Dann wurde mir klar, dass ich nicht malen sollte, weil das meine Aufmerksamkeit von ihm weglenken würde. Er wollte nicht, dass ich male, weil er mich liebt.“

Es war stets verlockend, ein Urteil abzugeben. „Tut das niemals“, wies Laure ihr Team immer an.

Die Kuchendose war mit einer Bildsequenz versehen, Szenen aus einem häuslichen Alltag, deren erste eine Frau beim Kochen am Herd zeigte. Darüber schwebte dieselbe Frau mit dauergewelltem Haar, bekleidet mit einer Rüschenbluse, einen Pinsel in der Hand, und malte einen Himmel in Dunkelblau.

Jedes Bild zeigte eine weitere Szene, wie Myrna ihre alltägliche Arbeit als Hausfrau erledigte, und darüber schwebte das vorgestellte Alter Ego und schuf eine überweltliche, magische Szene. Laure erinnerte sich daran, wie sie gedacht hatte, die unerfüllten Versprechen müssten beim Öffnen des Deckels zusammen mit den Kuchen, über denen Myrna beim Backen geweint hatte, herausquellen.

„Es war ja nicht so, als wäre ich überambitioniert“, hatte Myrna durch die Taschentücher geschnieft. „Ich brauche einfach nur Ruhe für meine Malerei.“ Sie hatte um Fassung gerungen. „Ich habe meinen Mann verlassen. Die Bilder auf dieser Dose erzählen, weshalb.“ Dann hatte sie den Blick von der Dose abgewandt und gesagt: „Darin ist ein Angel Cake. Pink und weiß mit weißem Zuckerguss. Lassen Sie ihn sich schmecken. Bitte.“ Danach war sie aufgestanden. „Ich liebe ihn“, hatte sie gesagt. „Aber das reicht nicht.“

„Ich bin hier, um die Dose abzuholen“, sagte Myrna jetzt. „Er hat mich um Vergebung gebeten. Mir gesagt, dass er es jetzt versteht. Wir fangen noch einmal neu an.“

Vermutlich war Myrnas Mann zu einem neuen Verständnis gelangt, weil die wunderschöne, strahlende Ku-
chendose, die im Museum stand, seiner Frau ein kleines bisschen Ruhm und viele Aufträge eingebracht hatte. Laure war keine Zynikerin – nun ja, höchstens ein bisschen –, dennoch nahm sie diese siegreiche Verbindung von Liebe, Vergebung und … Geld höchst erfreut zur Kenntnis.

„Ich freue mich sehr“, sagte sie zu Myrna und meinte es auch so.

„Würden Sie ihn gern kennenlernen? Er schleicht draußen herum.“ Myrna warf Laure einen komplizenhaften Blick zu. „Hatte nicht die Eier, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Das war ein Tag im Leben des Museums der unerfüllten Versprechen.

Elizabeth Buchan

Über Elizabeth Buchan

Biografie

Elizabeth Buchan lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in London. Sie arbeitete mehrere Jahre in der Verlagsbranche und schrieb eine Beatrix-Potter-Biographie für Kinder sowie bislang neun Romane für Erwachsene. Auf deutsch erschienen zuletzt „Im Zwiespalt des Lebens“, „Ein gewisses Alter“ und...

Kommentare zum Buch
Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden