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Das Liebesleben des Nathaniel P.

Das Liebesleben des Nathaniel P.

Roman

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Das Liebesleben des Nathaniel P. — Inhalt

Der Stadtneurotiker von heute trägt Sneakers, ernährt sich biologisch und hat immer das passende Marx-Zitat parat – nur das mit den Frauen ist nach wie vor schwierig. Scharfsinnig und mit viel Witz erzählt Adelle Waldman vom Suchen, Finden und Verlieren der Liebe. Ihr Debütroman ist eine brillante Sittenkomödie, die in Amerika zum viel diskutierten Bestseller wurde.

 

 

Erschienen am 01.09.2016
Übersetzer: Klaus Timmermann, Ulrike Wasel
304 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30936-3

Leseprobe zu »Das Liebesleben des Nathaniel P.«

1

Es war zu spät, um so zu tun, als hätte er sie nicht gesehen. Juliet blinzelte, sie hatte ihn erkannt. Im ersten Moment schien sie sich zu freuen, auf der belebten Straße ein vertrautes Gesicht zu sehen. Dann begriff sie, wer er war.
»Nate.«
»Juliet! Hi! Wie geht’s dir?«
Beim Klang seiner Stimme glitt eine verkniffene kleine Grimasse über Juliets Mund und ihre Augen. Nate lächelte unsicher.
»Du siehst toll aus«, sagte er. »Was macht das Journal?« Juliet schloss kurz die Augen. »Dem geht’s gut, Nate. Mir geht’s gut, dem Journal geht’s gut. Alles ist [...]

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1

Es war zu spät, um so zu tun, als hätte er sie nicht gesehen. Juliet blinzelte, sie hatte ihn erkannt. Im ersten Moment schien sie sich zu freuen, auf der belebten Straße ein vertrautes Gesicht zu sehen. Dann begriff sie, wer er war.
»Nate.«
»Juliet! Hi! Wie geht’s dir?«
Beim Klang seiner Stimme glitt eine verkniffene kleine Grimasse über Juliets Mund und ihre Augen. Nate lächelte unsicher.
»Du siehst toll aus«, sagte er. »Was macht das Journal?« Juliet schloss kurz die Augen. »Dem geht’s gut, Nate. Mir geht’s gut, dem Journal geht’s gut. Alles ist gut.«
Sie verschränkte die Arme und starrte nachdenklich auf einen Punkt knapp oberhalb und links von seiner Stirn. Ihr dunkles Haar war offen, und sie trug ein blaues Kleid mit Gürtel unter einem schwarzen Blazer, dessen Ärmel bis zu den Ellbogen hochgeschoben waren. Nate schielte von Juliet zu einer Gruppe Passanten hinüber, dann wieder zurück zu Juliet.
»Bist du auf dem Weg zur U-Bahn?«, fragte er und reckte das Kinn in Richtung U-Bahn-Eingang an der Ecke.
»Ist das dein Ernst?« Juliets Stimme wurde rau und angespannt. »Ist das dein Ernst, Nate? Mehr hast du mir nicht zu sagen?«
»Herrgott, Juliet!« Nate wich einen kleinen Schritt zurück. »Ich hab bloß gedacht, du wärst vielleicht in Eile.«
Tatsächlich saß ihm selbst die Zeit im Nacken. Er war schon zu spät dran für Elisas Dinnerparty. Er strich sich mit einer Hand übers Haar – das beruhigte ihn immer ein bisschen, sein dichtes, volles Haar.
»Komm schon, Juliet«, sagte er. »Wir müssen doch nicht so miteinander umgehen.«
»Ach nein?« Juliets Körperhaltung versteifte sich. »Wie denn dann, Nate?«
»Juliet …«, setzte er an. Sie fiel ihm ins Wort.
»Du hättest wenigstens mal …« Sie schüttelte den Kopf. »Ach, egal. Bringt eh nichts.«
Er hätte wenigstens mal was?, wollte Nate wissen. Aber er stellte sich Elisas gekränkten, vernichtenden Blick vor, wenn er so spät kam, dass alle anderen Gäste mit dem Essen auf ihn hatten warten müssen, hörte, wie ihre leicht nasale Stimme seine Entschuldigung mit einem »Was soll’s« abtat, als hätte sie schon längst aufgehört, sich über irgendeine neue Verfehlung von ihm aufzuregen.
»Ehrlich, Juliet, war schön, dich mal wiederzusehen. Und du siehst toll aus. Aber ich hab jetzt wirklich keine Zeit.«
Juliets Kopf schnellte nach hinten. Sie schien fast zusammenzuzucken. Nate sah sie an – es war offensichtlich, dass sie seine Bemerkung als Zurückweisung empfand. Sofort tat es ihm leid. Auf einmal sah er sie nicht mehr als Widersacherin, sondern als eine verletzliche, unglückliche junge – zumindest einigermaßen junge – Frau. Er wollte irgendwas für sie tun, etwas Aufrichtiges und Wahres und Nettes sagen.
»Du bist ein Arschloch«, sagte sie, ehe er dazu kam.
Sie fixierte ihn noch einmal ganz kurz, dann wandte sie sich ab und ging entschlossen Richtung Flusspromenade mit all den Restaurants und Bars. Nate hätte fast hinter ihr hergerufen. Er wollte wenigstens versuchen, sich versöhnlich zu verabschieden. Aber was sollte er sagen? Und er hatte keine Zeit.
Juliet entfernte sich mit großen energischen Schritten, aber ihr Gang war hölzern, wie bei jemandem, der sich nicht anmerken lassen will, dass ihn die Schuhe schmerzhaft drücken. Widerstrebend setzte Nate seinen Weg in die entgegengesetzte Richtung fort. In der zunehmenden Dämmerung sah die belebte Straße nicht mehr fröhlich aus, sondern schäbig und schrill, geschmacklos. Er geriet hinter ein Trio von drei jungen Frauen, die ihre Sonnenbrillen hoch auf den Kopf geschoben hatten und deren wippende Handtaschen gegen ihre Hüften schlugen. Als er sich an ihnen vorbeischob, legte sich die, die ihm am nächsten war, das wellige blonde Haar um den Hals und sagte in einem gequetschten Comic-Tonfall irgendwas zu ihren Begleiterinnen. Ihre Augen huschten kurz in seine Richtung. Nate wusste nicht, ob er sich die Verachtung in ihren Blicken bloß einbildete. Er fühlte sich auffällig, so als hätte Juliets Beleidigung ihn gebrandmarkt.
Ein paar Häuserblocks weiter waren die Bürgersteige nicht mehr so überfüllt. Nate kam schneller voran. Und er merkte, dass er von sich selbst genervt war, weil er sich so verunsichert fühlte. Juliet mochte ihn also nicht. Na und? Schließlich urteilte sie nicht gerade fair über ihn.
Er hätte wenigstens mal was? Er war bloß drei oder vier Mal mit ihr aus gewesen, als es passierte. Es war niemandes Schuld gewesen. Sobald er gemerkt hatte, dass das Kondom geplatzt war, hatte er ihn rausgezogen. Einen Tick zu spät, wie sich herausstellte. Er wusste das, weil er nicht der Typ Mann war, der einfach verschwand, nachdem er mit einer Frau geschlafen hatte – und erst recht nicht nach einem geplatzten Kondom. Ganz im Gegenteil: Nathaniel Piven war ein Produkt des Postfeminismus, Kindheit in den 1980ern, politisch korrekt erzogen, Studium in den 1990ern. Er wusste alles über männliche Privi- legien. Außerdem besaß er ein funktionsfähiges und ziemlich lautstarkes Gewissen.
Man musste doch auch mal bedenken, wie er sich dabei gefühlt hatte. (Während Nate jetzt im Eiltempo voranschritt, stellte er sich vor, wie er sich vor Publikum verteidigte.) Die gängige Meinung – so erklärte er seinen Zuhörern – war die, dass Juliet als Frau am stärksten betroffen war. Und das war sie natürlich auch. Aber für ihn war es auch kein Ponyhof gewesen. Er war dreißig Jahre alt, seine Karriere endlich im Aufschwung – ein Erfolg, der noch wenige Jahre zuvor alles andere als sicher oder auch nur einigermaßen wahrscheinlich schien –, und auf einmal stand die Frage im Raum, ob er Vater werden würde, was offensichtlich alles geändert hätte. Dennoch lag die Entscheidung nicht bei ihm. Sie lag bei einem Menschen, den er kaum kannte, einer Frau, mit der er geschlafen hatte, das ja, die aber keineswegs seine Lebensgefährtin war. Er fühlte sich, als wäre er unversehens in einem von diesen Fernsehfilmen für Jugendliche aufgewacht, die er als Teenager immer donnerstags nach der Schule geguckt hatte und die die mahnende Botschaft verkündeten, nicht mit einem Mädchen zu schlafen, wenn man nicht auch bereit war, ein Kind mit ihm großzuziehen. Er hatte das immer für Schwachsinn gehalten. Welches halbwegs selbstbewusste Mittelschichtsmädchen im Teenageralter – baldige Collegestudentin, zukünftig gut verdienende Akademikerin, der alle Wege offenstanden (einen multinationalen Konzern führen, den Nobelpreis gewinnen, als erste Frau ins Weiße Haus gewählt werden) –, welche junge Frau mit derartigen Möglichkeiten also würde sich dafür entscheiden, ein Baby zu bekommen und somit, um es mit den Worten der staatlichen Werbespots jener Zeit auszudrücken, »ein Sozialfall« zu werden?
Als Juliet ihm die Neuigkeit offenbarte, wurde Nate klar, wie viel in den Jahren, seit er sich diese Frage gestellt hatte, anders geworden war. Eine bereits gut verdienende vierunddreißigjährige Frau wie Juliet mochte ihre Situation anders beurteilen als eine Jugendliche, die nur eine Zukunft voller Möglichkeiten vor sich sah. Vielleicht betrachtete sie das, was das Schicksal für sie bereithielt, nicht mehr so optimistisch. (Erste Präsidentin zu werden, zum Beispiel, hielt sie vermutlich für unwahrscheinlich.) Vielleicht war ihre Haltung zu Männern und Dating auch etwas pessimistischer geworden. Sie schätzte das möglicherweise als ihre letzte Chance ein, Mutter zu werden.
Nates Zukunft hing von Juliets Entscheidung ab. Und nicht genug damit, dass er sie nicht fällen konnte; er durfte noch nicht mal den Eindruck erwecken, Juliet übermäßig beeinflussen zu wollen. Wenn er mit Juliet sprach, mit einer Tasse Tee – Tee! – in der Hand auf ihrem blauweiß gestreiften Wohnzimmersofa saß und mit ihr die »Situation« erörterte, schien es, als wäre er ein Ungeheuer, falls er auch nur angedeutet hätte, dass es ihm lieber wäre, das Baby oder den Fötus oder wie auch immer man es nennen wollte abzutreiben. (Nate war hundertprozentig für das Entscheidungsrecht der Frau und den ganzen Jargon, der dazugehörte.) Er saß also da und sagte die richtigen Dinge – dass es ihre Entscheidung war, dass er sie auf jeden Fall unterstützen würde und so weiter und so weiter. Aber wer konnte es ihm verübeln, dass er pure Erleichterung empfand, als sie in ihrem »Ich bin eine superschlaue Zeitungsreporterin, die keinen Schwachsinn duldet«-Ton sagte, dass Abtreibung fraglos die richtige Lösung sei? Selbst in dem Moment erlaubte er sich nicht, irgendwelche Emotionen zu zeigen. Er sprach bedächtig und wohlüberlegt. Er sagte, dass sie sich das genau überlegen sollte. Wer konnte ihm da irgendetwas vorwerfen?
Tja, sie konnte. Und offensichtlich tat sie es.
Ein schwarzes Taxi fuhr im Schritttempo vorbei, und der Fahrer beäugte ihn, um zu sehen, ob er ein möglicher Fahrgast war. Nate winkte den Wagen weiter.
Als er eine verlassene Straße überquerte, überkam ihn mehr und mehr die Gewissheit, dass Juliet ihm seine Reaktion, so anständig sie auch gewesen sein mochte, im Grunde deshalb verübelte, weil ihr dadurch überdeutlich klar geworden war, dass er nicht mit ihr zusammen und schon gar nicht der Vater ihres Kindes sein wollte. Das Ganze war so persönlich. Du musstest entscheiden, ob du diesen potenziellen Menschen, im wahrsten Sinne des Wortes eine Vermischung von zwei Individuen, bejahen oder jede Spur seiner Existenz tilgen wolltest. Natürlich brachte einen das dazu, darüber nachzudenken, wie anders alles wäre, wenn die Umstände anders wären – vor allem, so vermutete er, wenn man eine Frau mit vagem Kinderwunsch war. Als Nate in Juliets Wohnzimmer gesessen hatte, war er erstaunt gewesen, wie grauenhaft er sich fühlte, wie traurig, wie angewidert von der armseligen, geilen Lüsternheit (so erschien es ihm in dem Moment), die ihn in diese unbehagliche, verlogene Lage gebracht hatte.
Aber machte ihn irgendetwas davon zum Arschloch? Er hatte ihr nie irgendwelche Versprechungen gemacht. Er hatte sie auf einer Party kennengelernt, sie attraktiv gefunden, sympathisch genug, um sie besser kennenlernen zu wollen. Er hatte darauf geachtet, nicht mehr als das zu vermitteln. Er hatte ihr gesagt, dass er nicht auf der Suche nach etwas Dauerhaftem war, dass er ganz auf seine Karriere konzentriert war. Sie hatte genickt, war einverstanden gewesen. Trotzdem war er sicher, dass sich das Ganze anders abgespielt hätte, wenn er ihr hätte sagen können: Hör mal, Juliet, dieses Baby kommt zu früh, aber vielleicht später mal, irgendwann … Doch auch wenn er Juliets glattes, sachliches Auftreten bewunderte, diese resolute, selbstbewusste Art, so bewunderte er sie doch nur mit leidenschaftsloser Faszination, als erlesenes Beispiel eines bestimmten Typs, und nicht mit echter Warmherzigkeit. In Wahrheit fand er sie ein bisschen fade.
Dennoch hatte er alles getan, was von ihm erwartet werden konnte. Obwohl er weniger Geld verdiente als sie, bezahlte er die Abtreibung. Er fuhr mit ihr zur Praxis und saß während des Eingriffs im Wartezimmer, auf einer schmutzabweisenden Couch im Jugendherbergsstil, um ihn herum Teenagermädchen in unterschiedlicher Besetzung, die fieberhaft auf den winzigen Tastaturen ihrer Handys herumtippten. Als es vorbei war, brachte er sie im Taxi nach Hause. Sie verbrachten einen angenehmen, seltsam kameradschaftlichen Tag zusammen in ihrer Wohnung, schauten sich Filme an und tranken Wein. Er ging nur einmal weg, um ihr Medikament abzuholen und ein paar Lebensmittel für sie einzukaufen. Als er schließlich gegen neun aufstand, um nach Hause zu gehen, folgte sie ihm zur Tür.
Sie sah ihn eindringlich an. »Heute war … na ja, es war nicht so schlimm, wie es hätte sein können.«
Auch ihm war in diesem Moment besonders zärtlich zumute. Er strich ihr mit dem Daumen eine Haarsträhne von der Wange und ließ ihn eine Weile dort ruhen. »Es tut mir ehrlich leid, dass du das durchmachen musstest«, sagte er.
Ein paar Tage später rief er sie an und erkundigte sich, wie es ihr ging.
»Ich hab leichte Schmerzen, aber ansonsten geht’s«, sagte sie.
Er entgegnete, er sei froh, das zu hören. Dann entstand eine lange Pause. Nate wusste, dass er irgendwas Heiteres und Amüsantes sagen sollte. Er öffnete schon den Mund. Doch dann überkam ihn eine albtraumhafte Vorahnung: Dieses Telefonat würde zu einer endlosen Abfolge von weiteren Telefonaten führen, der Tag in Juliets Wohnung zu einem Ritual des gemeinsamen Filmeguckens, das Ganze mit einem Beigeschmack von Pflichtgefühl und eines fast schon unheimlichen Halb-Flirts.
»Ich muss los«, sagte er. »Ich bin froh, dass du dich besser fühlst.«
»Oh.« Juliet atmete tief ein. »Okay … also, bis dann.« Wahrscheinlich hätte er sich danach wieder melden sollen. Als er in Elisas Straße einbog, gestand Nate sich ein, dass er sie ein paar Wochen später hätte anrufen oder ihr mailen sollen. Aber zum damaligen Zeitpunkt wusste er nicht, ob ein Anruf von ihm willkommen gewesen wäre. Es hätte auch eine schmerzliche Erinnerung an etwas sein können, das sie lieber vergessen wollte. Und er wusste auch nicht, was er hätte sagen sollen. Außerdem war er abgelenkt gewesen, mit anderen Dingen beschäftigt – mit seinem Leben. Sie hätte ihn ja auch anrufen können.
Er hatte mehr getan, als die meisten Männer getan hätten. War es seine Schuld, dass er einfach nicht mehr für sie empfand?
Er hätte wenigstens mal was?
Die Tür von Elisas Wohnhaus wurde von einem großen Stein offen gehalten. Das Licht aus der Eingangshalle warf einen gelben Bogen auf die Betonstufen. Nate blieb kurz stehen, bevor er eintrat, holte tief Luft und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Auf dem Weg nach oben bogen sich die Treppenstufen unter seinen Füßen ächzend durch. Auf Elisas Flur roch es nach gedünsteten Zwiebeln. Nach einem Moment flog die Wohnungstür auf.
»Natty!«, rief sie und schlang die Arme um ihn.

 

Er und Elisa hatten sich zwar schon vor über einem Jahr getrennt, aber ihre Wohnung im obersten Stock eines Reihenhauses im immer edler werdenden Greenpoint fühlte sich für Nate fast noch ebenso vertraut an wie seine eigene.
Vor Elisas Einzug waren die Wände verputzt und mit Blümchentapeten bedeckt, die breiten, ungleichmäßigen Holzdielen unter Teppichboden versteckt gewesen. Ihr Vermieter Joe jun. hatte Nate und Elisa mal Fotos gezeigt. Nach über zwanzig Jahren war der betagte polnische Mieter ausgezogen, um bei seiner Tochter in New Jersey zu leben. Joe jun. hatte den Teppichboden rausgerissen und den Putz von einigen Wänden geschlagen. Sein Vater, der das Haus in den 1940ern gekauft hatte und mittlerweile nach Florida gezogen war, hielt das für verrückt. Joe sen. fand, es wäre eine bessere Investition gewesen, eine Spülmaschine einzubauen oder die alte Badewanne auszutauschen. »Aber ich hab ihm gesagt, dass uns das keine betuchten Mieter bringt«, erklärte Joe jun. Nate und Elisa eines Nachmittags, während er ein paar Fliesen im Bad ausbesserte. »Ich hab ihm gesagt, dass Leute, die richtig was im Portemonnaie haben, total auf Retrobadewannen mit Löwentatzen stehen. Ist Geschmackssache, hab ich ihm gesagt.« Joe jun. drehte sich zu ihnen um, einen Topf Spachtelmasse zwischen den dicklichen Fingern. »Und hatte ich recht oder hatte ich recht?«, fragte er launig mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Nate und Elisa nickten unsicher, Hand in Hand. Sie wussten nicht recht, wie sie darauf reagieren sollten, dass er sie so offensichtlich – und zutreffend – einem bestimmten Typ von Blasiertheit zuordnete.
Nate hatte Elisa geholfen, die beiden noch verputzten Wände in einem Beigeton zu streichen, der mit den dunklen freigelegten Ziegeln und dem cremefarbenen Teppich unter der Couch kontrastierte. Den Esstisch hatten sie gemeinsam bei ikea gekauft, aber die Stühle und die Anrichte neben der Tür hatten früher mal ihren Großeltern gehört. (Oder den Urgroßeltern?) Die Bücherregale reichten fast bis zur Decke.
Die Vertrautheit der Wohnung empfand er jetzt fast als Vorwurf. Elisa hatte auf seiner Anwesenheit bei ihrer Dinnerparty bestanden. »Wenn wir wirklich Freunde sind, dann kannst du doch wohl auch zu einem Essen mit ein paar Leuten kommen«, hatte sie gesagt. Was hätte er dagegen einwenden sollen?
Auf der Couch, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, rekelte sich hoheitsvoll Jason, ein Freund von Nate und Herausgeber einer Zeitschrift, der schon länger mit Elisa ins Bett wollte, was Nate mal ärgerte, mal amüsierte. Jasons Knie waren absurd weit gespreizt, als versuchte er, den größtmöglichen Eindruck von sich selbst auf Elisas Möbeln zu hinterlassen. Neben Jason saß Aurit, ebenfalls eine gute Freundin von Nate, die gerade erst von einem Forschungsaufenthalt in Europa zurückgekehrt war. Aurit unterhielt sich mit einer Frau namens Hannah, die Nate hier und da schon mal gesehen hatte – eine schlanke, keckbrüstige Schriftstellerin, die trotz ihrer recht kantigen Gesichtszüge irgendwie attraktiv wirkte. Fast alle hielten sie für nett und klug oder klug und nett. Auf dem Zweiersessel saß eine Frau, die Elisa noch vom College her kannte. Nate konnte sich nicht erinnern, wie sie hieß, aber er war ihr schon zu oft begegnet, um noch nach ihrem Namen fragen zu können. Er wusste, dass sie Anwältin war. Der Anzugträger mit dem fliehenden Kinn, der einen Arm um ihre Schultern gelegt hatte, war vermutlich der Banker, den sie unbedingt heiraten wollte.
»Wir haben uns schon gefragt, wann du uns mit deiner Anwesenheit beehren würdest«, sagte Jason, sobald Nate ganz durch die Tür war.
»Die G?«, fragte Aurit mitfühlend. Es erhob sich einstimmiges Gemurmel darüber, dass die G von allen New Yorker U-Bahnlinien die mit Abstand unzuverlässigste war.
Nate setzte sich auf den einzig freien Platz neben Elisas Collegefreundin. »Schön, dich zu sehen«, sagte er mit aller Herzlichkeit, die er aufbringen konnte. »Ist lange her.«
Sie sah ihn kühl an. »Da warst du noch mit Elisa zusammen.«
Nate meinte, einen Vorwurf in ihrer Stimme zu hören – à la: »Das war, bevor du ihr Selbstwertgefühl ruiniert und ihr Glück zerstört hast.«
Er zwang sich, weiter zu lächeln. »Auf jeden Fall ist es zu lange her.«
Nate stellte sich ihrem Banker-Freund vor und versuchte, den Mann zum Reden zu bringen. Wenn er nur einmal ihren Namen gesagt hätte, wäre Nate wenigstens ein Problem los gewesen. Aber der arrogante Kerl ließ sie die meiste Zeit für ihn antworten (Aktienanalyst, Bank of America, vorher Merrill Lynch, Wechsel stressig). Seine bevorzugten Kommunikationsmittel waren anscheinend nonverbal: starres Lächeln und gütiges, väterliches Nicken.
Bald – aber nicht unbedingt rechtzeitig genug – bat Elisa sie an den Tisch, der sich unter Servierplatten und Schüsseln bog.
»Das sieht ja alles köstlich aus«, sagte jemand, während sie den Tisch umkreisten und mit seligem Lächeln die Speisen und einander betrachteten. Elisa kam mit einer Butterdose von der anderen Seite des Raumes. Stirnrunzelnd ließ sie noch ein letztes Mal den Blick schweifen. Dann sank sie mit einem zufriedenen Seufzer anmutig auf ihren Stuhl, wobei der gelbe Stoff ihres Rocks in der Abwärtsbewegung flatterte.
»Na los, greift zu«, sagte sie, ohne selbst Anstalten zu machen zuzugreifen. »Das Hühnchen wird sonst kalt.«
Während Nate sein Chicken cacciatore aß – das erstaunlicherweise richtig gut war –, studierte er Elisas herzförmiges Gesicht: die großen, klaren Augen und dramatischen Wangenknochen, die schönen, geschwungenen Lippen und ebenmäßigen weißen Zähne. Jedes Mal, wenn Nate sie sah, überwältigte ihn Elisas Schönheit aufs Neue, als wäre seit ihrer letzten Begegnung die Erinnerung daran, wie sie tatsächlich aussah, von den gequälten Emotionen verzerrt worden, die sie seit ihrer Trennung bei ihm auslöste: In seinem Kopf nahm sie dann die Gestalt einer jämmerlichen Kreatur an. Was für ein Schock, als sie die Tür öffnete und geradezu strotzte vor lebensfroher, fast schon aggressiver Gesundheit. Nate war irgendwann zu dem Schluss gekommen, dass die Macht ihrer Schönheit in der Fähigkeit lag, sich unablässig neu zu gestalten. Wenn er dachte, er hätte Elisa eingeordnet, ihr Aussehen als schlichte Tatsache abgehakt – als das einer schönen Frau –, wandte Elisa plötzlich den Kopf oder nagte an ihrer Lippe, und wie bei einem Kinderspielzeug, das man schütteln muss, um es wieder auf Anfang zu stellen, veränderte ihre Schönheit die Form, verschob ihre Koordinaten: Mal strahlte sie aus den eleganten Konturen ihrer leicht fliehenden Stirn und den ausgeprägten Wangenknochen, mal aus ihren zaghaft lächelnden Lippen. »Elisa, die Schöne«, hatte Nate spontan gesagt, als sie ihn an der Tür umarmte. Sie hatte gestrahlt und über seine Verspätung gut gelaunt hinweggesehen.
Doch schon kurz darauf hatte er sich wieder akklimatisiert. Hannah äußerte sich lobend über Elisas Wohnung.
»Ich finde sie schrecklich«, antwortete Elisa. »Zu klein und schlecht geschnitten. Die Einbauteile sind wahnsinnig billig.« Dann ein rasches Lächeln: »Danke trotzdem.«
Die vertraute Andeutung von Wein in Elisas Stimme löste bei Nate einen gleichermaßen vertrauten Gefühlscocktail aus: Schuldgefühle, Mitleid und Grauen. Plus pure Gereiztheit – wegen ihrer oft verzogenen, übellaunigen Art. Ihre Schönheit war ein Ärgernis, eine Calypso-artige Verlockung, um ihn zu verführen, erneut.
Und während Nate mit der Gabel in seinem Essen herumstocherte, bemerkte er außerdem die Poren auf Elisas Nase und eine leichte Akne ganz oben auf der Stirn, direkt am Haaransatz, so kleine Makel, dass es bei den meisten Frauen unangemessen gewesen wäre, sie überhaupt zu registrieren. Aber bei Elisa, deren Attraktivität irgendwie verlangte, dass man bei ihr eine Art olympischen Maßstab vollkommener Schönheit anlegte, wirkten diese Mängel absurderweise wie Willensschwächen oder Fehlleistungen ihrerseits.
»Woran arbeitest du gerade?«, fragte sie ihn, als die Schüssel mit den Kartoffeln zum zweiten Mal herumgereicht wurde.
Nate tupfte sich mit einer Serviette den Mund ab. »An einem kleinen Essay.«
Elisas runde Augen und ihr geneigter Kopf baten ihn, ausführlicher zu werden.
»Es geht darum, dass eines der Privilegien unseres elitären Lebens darin besteht, den Akt der Ausbeutung outzusourcen«, sagte er und sah kurz zu Jason hinüber, der ihm schräg gegenübersaß.
Die Grundidee für diesen Essay war ein bisschen diffus, und Nate fürchtete, naiv zu klingen, wie der Mensch, der er mit Anfang zwanzig gewesen war, bevor er begriffen hatte, dass ambitioniertes Schreiben über große oder ernste Themen ein Privileg war, das Zeitschriften nur Leuten gewährten, die bereits arriviert waren. Er hatte gerade mal ein Buch geschrieben. Aber er hatte einen beträchtlichen Vorschuss dafür bekommen, und obgleich es bis zur Veröffentlichung noch etliche Monate hin war, hatte das Buch bereits einige Aufmerksamkeit erregt. Wenn er noch nicht arriviert war, so war er doch auf einem gu- ten Weg dahin.
»Wir lassen andere Leute die Dinge tun, für die wir selbst moralisch zu dünnhäutig sind«, sagte er mit wachsender Überzeugung. »Ein Gewissen zu haben ist der ultimative Luxus.«
»Du meinst, es sind fast ausschließlich Leute aus der Arbeiterklasse, die zur Armee gehen und so weiter?«, sagte Jason laut genug, um alle anderen Gespräche verstummen zu lassen. Er nahm sich ein Stück Baguette vom Hackblock. »Gibst du mir mal die Butter?«, bat er Hannah, ehe er sich wieder erwartungsvoll Nate zuwandte.
Jasons Locken waren mit einem glänzenden Haarwachs gebändigt worden. Er sah aus wie ein diabolischer Cherub.
»Das hab ich eigentlich nicht gemeint«, sagte Nate, »sondern …«
»Ich finde, du hast vollkommen recht, Nate«, schaltete Aurit sich ein und schwenkte ihr Messer wie einen Zeigestock. »Ich denke, die Amerikaner sind im Allgemeinen zu weit entfernt von all den Abscheulichkeiten, mit denen das sogenannte normale Leben gesichert wird.«
»Das ist natürlich die israelische Perspektive …«, setzte Jason an.
»Das ist beleidigend, Jason«, sagte Aurit. »Es ist nicht bloß zu kurz gegriffen, sondern auch rassialistisch …«
»Es ist wirklich beleidigend«, stimmte Nate zu. »Aber mir geht’s eigentlich weniger um Sicherheitsfragen als um den Lebensalltag, um die Vermeidungsstrategien, die wir anwenden, um uns nicht als Komplizen der wirtschaftlichen Ausbeutung fühlen zu müssen, die überall um uns herum stattfindet. Nehmt zum Beispiel Whole Foods. Die Hälfte von dem, was man da bezahlt, ist für das Vorrecht, sich ethisch unangreifbar zu fühlen.« Er stellte das Weinglas auf den Tisch und fing an, mit den Armen zu gestikulieren. »Oder denkt mal an den Mexikaner, den der Vermieter dafür bezahlt, dass er zweimal die Woche unseren Müll auf die Straße stellt. Wir selbst würden ihn nicht ausbeuten, aber im Grunde wissen wir doch, dass der Mann ein illegaler Immigrant ist, der nicht mal den Mindestlohn verdient.«
»Joe jun. bringt den Müll selbst raus«, sagte Elisa. »Aber er ist auch echt geizig.«
»Gibt es einen Unterschied zwischen ›rassialistisch‹ und ›rassistisch‹?«, fragte Elisas Collegefreundin.
»Oder nehmt die Typen, die unsere Pizza liefern und unsere Sandwiches machen«, sprach Nate weiter. Er wusste, dass er eine unausgesprochene Regel der Dinnerparty-Etikette brach. Die Konversation sollte ornamental sein, leicht und unterhaltsam. Niemandem sollte der Inhalt dessen, was er sagte, wirklich am Herzen liegen, es ging bloß um den Ton. Aber im Augenblick war ihm das egal. »Wir beuten sie nicht selbst aus«, sagte er. »Nein, wir beauftragen jemanden damit, einen Mittelsmann, meistens einen Kleinunternehmer, um kein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Aber dennoch nutzen wir ihre billige Arbeitskraft aus, während wir gleichzeitig von unserem eigenen Liberalismus schwärmen – wie toll der New Deal war, der Achtstundentag, der Mindestlohn. Und wir bedauern – zumindest theoretisch –, dass er nicht weit genug ging.«
»Entschuldige, Nate.« Aurit hielt eine leere Weinflasche hoch. »Sollen wir noch eine aufmachen?«
»Joe lässt Renovierungsarbeiten immer von Mexikanern machen«, sagte Elisa mit beschwipst-nachdenklicher Stimme, während sie zur Anrichte neben der Tür ging. Darauf standen etliche Weinflaschen, deren Hälse aus bunten Plastiktüten ragten. Sie waren natürlich von den anderen Gästen mitgebracht worden. Nate erkannte die limonengrüne Verpackung von Tangled Vine, dem Weinladen ganz bei ihm in der Nähe. Das machte sein Versagen irgendwie noch deutlicher. Er hatte wirklich vorgehabt, auf dem Weg hierher eine Flasche zu kaufen.
Elisa entschied sich für einen Rotwein und kehrte zu ihrem Platz zurück. »Kann den mal einer aufmachen?«, fragte sie, bevor sie sich an Nate wandte. »Sorry, Nate. Sprich weiter.«
Nate hatte den Faden verloren.
Hannah nahm Elisa die Flasche aus der Hand. »Du hast gesagt, wir profitieren von der Ausbeutung, tun aber so, als würden wir uns nicht die Hände schmutzig machen«, half sie ihm auf die Sprünge, während Elisa ihr einen angelaufenen Kupferkorkenzieher gab, der so alt aussah, als hätte er schon Lewis und Clark auf ihrer Expedition nach Westen begleitet. Bestimmt eines von Elisas »Erbstücken«. »Ich denke …«, setzte Hannah an.
»Genau«, sagte Nate. »Genau!«
Auf einmal war ihm seine Argumentation wieder eingefallen. »Kennt ihr das, wenn ihr einen Dickens-Roman lest, in dem achtjährige Jungs in Fabriken schuften oder auf der Straße betteln, und ihr euch dann fragt, wieso das bloß allen scheißegal war? Tja, wir sind nicht viel anders. Wir haben nur gelernt, es besser zu verstecken – vor allem vor uns selbst. Die Leute damals haben ihr Verhalten wenigstens dadurch gerechtfertigt, dass sie ihre Verachtung für die Armen offen eingestanden.«
Jason wandte sich an den Banker. »Falls du es noch nicht gemerkt haben solltest, der kleine Nate hier leidet unter einem akuten Fall von liberalen Schuldgefühlen.«
Jason arbeitete derzeit an einem Artikel über die Adipositas-Epidemie. Geplanter Titel: Brot statt Kuchen.
Ehe Nate etwas erwidern konnte, sprach Hannah ihn an. Sie hatte sich die Weinflasche unter einen Arm geklemmt und drehte geschickt den lächerlichen Korkenzieher. »Wenn Leute bei Whole Foods freiwillig mehr bezahlen, versuchen sie dann nicht deiner Logik nach, sich verantwortungsvoll zu verhalten?«, fragte sie. »Sie bezahlen doch mehr, um billige Arbeitskräfte nicht auszubeuten, oder?«
»Völlig richtig«, sagte Nate anerkennend. (Wenigstens eine Person schien ihm tatsächlich zuzuhören.) »Aber wem außer den Aktionären von Whole Foods nützen diese überhöhten Preise denn wirklich? Die müssen bloß ein Bild von einem seriösen lesbischen Paar auf eine Müslipackung drucken, und schon glauben wir, sie ist in einem Arbeiterparadies der freien Liebe produziert worden. Es liegt in unserem eigenen Interesse, das zu glauben, weil wir uns so ein gutes Gewissen kaufen können, genau wie wir auch alles andere kaufen.« Er stockte kurz, ehe er zum Schluss kam. »Im Grunde ist es ein marxistisches Argument zur Unvermeidlichkeit von Ausbeutung im Kapitalismus.«
Aurit runzelte die Stirn. »Für wen ist der Essay, Nate?«
»Weiß ich noch nicht«, sagte er. »Ich will ihn erst schreiben, ehe ich anfange, mir darüber Gedanken zu machen, ob er meiner Karriere nützen wird.« Aurit musterte ihn, wie ein Arzt eine Schwellung mustert, die er für bösartig hält. »Außerdem kaufen die Leute doch wohl auch bei Whole Foods ein, weil die Nahrungsmittel dort gesünder sind.«
Die Weinflasche ploppte, als Hannah den Korken herauszog.
»Ich finde, dein Ansatz klingt interessant«, sagte Elisa.
Elisa war ausgesprochen nett zu ihm, geradezu untypisch, dachte Nate. Vielleicht waren sie ja wirklich, wie sie gesagt hatte, über den Berg.
»Ich finde auch, dass er interessant klingt«, sagte der männliche Teil des Paares – Kevin oder Devon, auch das hatte Nate schon wieder vergessen –, der, wie Nate bemerkt hatte, redseliger geworden war, je mehr Wein floss. »Ich hab schon ewig nicht mehr gehört, dass irgendwer eine Idee marxistisch genannt hat und das positiv meinte«, sagte er, während Elisa sein Glas auffüllte. »Schon seit dem College nicht mehr.«
Nate schob sein eigenes Glas in Elisas Gesichtsfeld.
Während sie ihm einschenkte, schabten Stuhlbeine über Dielen, knackten Eiswürfel zwischen Backenzähnen und klim perte Besteck gegen Teller. Nate überflog die Bücher in Elisas Regal. Ihre Sammlung war beeindruckend, ließ gedankliche Tiefe und guten Geschmack vermuten. Die seichte Literatur und die Frauenzeitschriften bunkerte sie in ihrem Schlafzimmer.
»Also, was ist denn nun der Unterschied zwischen Rassialismus und Rassismus?«, fragte Kevins/ Devons Freundin schließlich.
»Rassialismus«, legte Aurit los, »bedeutet nicht unbedingt eine ablehnende Haltung oder Vorurteile gegenüber einer Gruppe, sondern die …«
»He, Leute, ratet mal, wer vierhunderttausend Dollar Vorschuss auf einen Buchvertrag kassiert hat?«, fiel Jason ihr ins Wort. Aus Höflichkeit Aurit gegenüber reagierte niemand.
»… Erklärung persönlicher Eigenschaften oder …«, Aurit warf Jason einen stechenden Blick zu – »Überzeugungen eines Menschen mit dessen Zugehörigkeit zu …«
»Greer Cohen«, verkündete Jason.
»… einer bestimmten rassischen Gruppe.« Aurits Worte waren verwaist. Sie verzog das Gesicht, als sie Greers Namen hörte. Selbst Hannah, die Nate an diesem Abend nett und klug zugleich vorgekommen war, zog die Augenbrauen hoch.
»Schön für Greer«, sagte Elisa wie eine Stepford-Gastgeberin, deren gute Manieren sogar gegenüber denjenigen gelten, die nicht anwesend sind.
»Wer ist Greer Cohen?«
»Eine Schriftstellerin. Sozusagen«, sagte Aurit zu Kevin/De von und seiner Freundin, der Anwältin.
Dann begannen Nates Freunde, unterschiedliche, meist herzlose Kommentare zu Greers Talent zum Besten zu geben und Spekulationen darüber anzustellen, mit wem sie geschlafen und mit wem sie bloß geflirtet hatte.
»Ich halte sie wirklich für eine gute Schriftstellerin«, räumte Hannah ein.
»Mich stört weniger ihre Arbeit«, sagte Aurit, »als ihre Bereitschaft, aus ihrer Sexualität Profit zu schlagen und das Feminismus zu nennen.«
Nate lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und streckte die Beine unter dem Tisch aus. Ihm war nicht danach, mitzureden. Auch er hatte vor Kurzem einen beträchtlichen Vorschuss bekommen (obwohl nicht annähernd vierhunderttausend Dollar). Er konnte es sich leisten, großmütig zu sein.
Sein Glas war schon wieder leer. Die offene Weinflasche stand hinter einer übergroßen, rustikal aussehenden hölzernen Salatschüssel. Er reckte sich vor, um nach der Flasche zu greifen, und als er sich dabei leicht verdrehte, versperrte sein Oberkörper Elisa für einen Moment die Sicht auf alle anderen außer auf ihn. Sie sah ihm in die Augen und warf ihm einen ihrer sinnlichen Blicke zu, den Kopf mit einem kleinen, schiefen, seltsam anzüglichen Lächeln nach unten geneigt, der schüchterne, aber kokette Gesichtsausdruck, den eine Frau haben mochte, die gerade eine leicht schräge sexuelle Fantasie gestanden hat.
Nates Körper verspannte sich. Er wurde nervös und hyperwachsam. Er stellte sich vor, dass es so einem Soldaten ergehen musste, der sich auf seinem Posten pudelwohl gefühlt hatte, bis er das näher kommende Knattern von Gewehrfeuer hörte. Frühere Berichte über verbesserte Positionen erwiesen sich als falsch. In Wahrheit war die Situation an der Front schlecht, sehr schlecht.
Der Wein machte ein gluckerndes Geräusch, als er aus der Flasche strömte und gegen die Goldfischglaswände seines Glases platschte.
»Sachte, Kumpel«, sagte Jason und lachte. Nate ignorierte ihn. Er musste sich für später stärken, denn er war sich nun sicher, dass Elisa ihn mit der Bemerkung, sie müssten »miteinander reden«, noch dabehalten würde, wenn die anderen sich verabschiedeten. Unbedachte Avancen würden zu einem Wiederaufleben alter Vorwürfe führen. Die Nacht würde so enden, wie ihre Nächte oft geendet hatten, in Tränen.
Er atmete laut aus. Eine Exfreundin – nicht Elisa – hatte ihm mal gesagt, er würde theatralisch atmen.
Als er zur Anrichte neben der Tür hinüberschaute, um sich zu vergewissern, dass da noch eine Flasche Wein in Reserve war, meinte er zu spüren, dass etwas sein Bein streifte, nahe der Kniescheibe. Er beging den Fehler, sich herunterzubeugen, um nachzusehen.
Elisa nahm sittsam die Fingerspitzen weg.
Nate schoss von seinem Stuhl hoch und ging hastig zum Bücherregal, als hätte ihn der jähe und manische Wunsch befallen, dessen Inhalt genauer zu studieren. Borges, Boswell, Bulgakow. Er strich mit einem Finger über die Rücken, die größtenteils mit gelben »Gebraucht«-Aufklebern aus der Buchhandlung Brown versehen waren.
Als er sich traute, wieder aufzublicken, wobei er geflissentlich den Teil des Raums mied, in dem Elisa sich aufhielt, sah er Hannahs Silhouette im Eingang zur Küche. Sie trug ein blaues Top und einen engen Rock. Sie hatte wirklich eine gute, schla ke Figur. Sie hielt einen Stapel Teller mit beiden Händen und hatte sich ein wenig umgedreht, um auf irgendetwas zu antworten, das jemand gesagt hatte. Sie lachte, ein echtes Lachen, herzlich und mit offenem Mund.
Als es erstarb, sah Hannah ihn an. Sie lächelte. Es war ein freundliches Lächeln, ein normales Lächeln, vielleicht das letzte dieser Art, das er heute sehen würde. Er fragte sich, ob sie mit jemandem zusammen war.

Adelle Waldman

Über Adelle Waldman

Biografie

Adelle Waldman, 1977 geboren in Baltimore und dort aufgewachsen, studierte Journalismus in New York und schrieb anschließend für das »Wall Street Journal«, »The Village Voice« und andere Publikationen. Ihr Debütroman »Das Liebesleben des Nathaniel P.« erschien 2013 und zählte für viele Kritiker zu...

Pressestimmen

Freundin

»Witzig.«

Neue Zuger Zeitung (CH)

»Dieses Buch zählt zu den besten Romanen des Jahres.«

Augsburger Allgemeine Zeitung

»Waldman gelingt eine erfrischende Beziehungs-und Psychostudie.«

Watson.ch

»Ein grandioser, lustiger Roman über das Dating-Leben eines ekelhaften bzw. ganz normalen jungen Mannes in Brooklyn.«

HÖRZU

»Der humorvolle Roman entlarvt den Antihelden Nate als emotional verarmt und war in den USA ein Sensationserfolg.«

RBB Radio Fritz

»Dieses Buch ist ein echter Gewinn, für Männer und Frauen.«

Welt am Sonntag kompakt

»Viel Klischee, viel Wahrheit. Ideal für junge Großstädter.«

WDR 5 »Bücher«

»Die Gedankenwelt eines Mannes aus der Feder einer Frau. Schlau, treffsicher und komisch. Ein grandioses Debüt über die Psychologie des Begehrens in der New Yorker Literatur-Bohème.«

Süddeutsche Zeitung

»Man staunt über dieses Romandebüt: Wie kann es sein, dass die New Yorkerin Adelle Waldman so viel über Männer weiß?«

Berliner Morgenpost

»Das It-Buch des Sommers.«

Freundin

»Adelle Waldman beleuchtet Beziehungen, Zweifel und die Frage, warum wir unserem Glück viel zu oft selbst im Weg stehen.«

Stern

»Ein schlauer, bissiger Sommerroman.«

Die Welt kompakt

»So tickt der moderne Mann. Ein wunderbarer Bestseller.«

Zeit Magazin

»Ein herrliches Buch über die Missverständnisse zwischen Männern und Frauen«

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

»Dieser Roman hat gnadenlose Stellen, das macht ihn gut und wahr, er verrät jedoch niemals seine Figuren, ist nicht zynisch und auch nicht unromantisch.«

Die Welt

»Waldman hat den Sittenroman einer sittenlosen Welt geschrieben.«

Spiegel Online

»Mit stellenweise frappierender Unerbittlichkeit erzählt Waldman von einer Erziehung des Herzens made in Brooklyn (...) Selten hat man das Scheitern von Liebesangelegenheiten so konzentriert gelesen wie hier.«

Focus

»US-Autorin Adelle Waldman erzählt in einem Bestseller vom Liebesleben eines umtriebigen Singles. Und plötzlich diskutiert halb Amerika über den Freiheitsdrang ihres Romanhelden Nathaniel P.«

Zeit online

»Die Schriftstellerin Adelle Waldman schrieb einen entlarvenden Roman über Sexismus in intellektuellen Kreisen. Nun ist sie einer der Stars der New Yorker Literaturszene«

Myself

»Ein brillant-böser Beziehungsguide, der höllisch Spaß macht.«

Wienerin

»Dieser Debütroman mit seinen kunstvoll gezeichneten Charakteren und intelligenten, lustigen Dialogen ist ziemlich großartig. Selten war das Wachsen und Scheitern der Liebe schöner!«

Kultur Spiegel

»Die Jane Austen der Gegenwart: Adelle Waldman hat eine verdammt gut getroffene Sittenkomödie geschrieben. Ihr Buch ist so geistreich wie gegenwartsnah.«

Vogue

»Adelle Waldman schildert Höhen, Tiefen und Frauenprobleme im Leben eines New Yorker Hipsters sehr unterhaltsam – aus männlicher Sicht.«

GQ

»Wie lieben eigentlich Hipster? Und warum kriegen die das mit dem Beziehungsdings nicht so richtig hin? Waldman weiß es, Sie nach der Lektüre auch.«

FRIZZ

»Adelle Waldman schlüpft gekonnt in die Psyche des „modernen Mannes“ und zeichnet das Bild einer Generation, die alles hinterfragt.«

Glamour

»Ein sensationell unromantischer und gnadenlos gut beobachteter Beziehungsroman.«

Donna

»Waldman beschreibt scharfsinnig die Probleme eines Stadtneurotikers.«

Cosmopolitan

»Den Protagonisten Nathaniel, der in Brooklyn die Liebe sucht, hasst und liebt man gleichzeitig. Die Autorin Adelle Waldman kann man dafür nur verehren. Man sagt, sie sei die Jane Austen unserer Zeit. Stimmt!«

NEON

»Das Lieblingsbuch von Lena Dunham.«

Playboy

»Adelle Waldman porträtiert Nate und seine hippen Brooklyner Intellektuellenfreunde mit Scharfsinn und Ironie. Eine erfrischende Beziehungs- und Psychostudie, die ein Mann nicht besser hätte schreiben können.«

Rolling Stone

»Waldman legt mit geradezu tomografischer Genauigkeit Schicht für Schicht einer erotischen Gefühls- und Gedankenwelt frei.«

Kommentare zum Buch

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