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Das Lächeln des SchwertfischsDas Lächeln des Schwertfischs

Das Lächeln des Schwertfischs

Roman

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Das Lächeln des Schwertfischs — Inhalt

Charlie ist Fischfachverkäufer in einem großen Kaufhaus. Er arbeitet gerne dort, schließlich ist es der einzige Ort, an dem es das ganze Jahr über Eis und Schnee gibt. Tagein, tagaus schrubbt Charlie Fische, zerlegt sie, nimmt sie aus. Die Abfälle wandern in die »nullte« Etage zu Émile und seinem Müllschlucker. Doch dieser Émile ist ein sonderbarer Kauz – nicht nur, dass er Bücher vor der Vernichtung rettet, er liest sie auch noch! Nach und nach entsteht zwischen den beiden unterschiedlichen Außenseitern eine enge Freundschaft. Aber noch ahnt Charlie nicht, dass Émile nicht der ist, für den er sich ausgibt ...

Erschienen am 01.03.2017
Übersetzer: Monika Buchgeister
176 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-86612-414-1
Erschienen am 01.03.2017
Übersetzer: Monika Buchgeister
176 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96587-3

Leseprobe zu »Das Lächeln des Schwertfischs«

Monsieur Giordino sagt, dass Fisch nicht stinkt, außer wenn er nicht frisch ist. Monsieur Giordino, das ist der Chef meiner Abteilung im Kaufhaus. Einmal habe ich zu Monsieur Giordino gesagt, dass ich gerne hier arbeite, weil es der einzige Ort ist, an dem es das ganze Jahr über Schnee gibt. Wenn ich so etwas sage, also zu Monsieur Giordino, lächelt er mit den Augen. Er hat einen ganz kleinen Kopf, der auf einem massigen Körper sitzt, und er hat keine Haare. Ich habe mich nie getraut, ihn zu fragen, warum er keine Haare hat, sicher hat er Haarausfall [...]

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Monsieur Giordino sagt, dass Fisch nicht stinkt, außer wenn er nicht frisch ist. Monsieur Giordino, das ist der Chef meiner Abteilung im Kaufhaus. Einmal habe ich zu Monsieur Giordino gesagt, dass ich gerne hier arbeite, weil es der einzige Ort ist, an dem es das ganze Jahr über Schnee gibt. Wenn ich so etwas sage, also zu Monsieur Giordino, lächelt er mit den Augen. Er hat einen ganz kleinen Kopf, der auf einem massigen Körper sitzt, und er hat keine Haare. Ich habe mich nie getraut, ihn zu fragen, warum er keine Haare hat, sicher hat er Haarausfall und rasiert sich deshalb lieber gleich den Kopf. Morgens hat er dunkle Ringe unter den Augen, und sein Blick ist sehr intensiv, wenn er müde ist. Seine Augen sind hell, blau und strahlend, dazu ein bisschen blutunterlaufen wie die Augen eines Kuckucks-Knurrhahns. Ich könnte nicht genau sagen, wie alt Monsieur Giordino ist. Ich glaube, er ist irgendwas zwischen ein bisschen alt und noch nicht richtig alt. Seit der Eröffnung des Kaufhauses läuft die Fischabteilung wie geschmiert, und ich weiß, dass Monsieur Giordino darauf stolz ist, auch wenn er sich gerne einmal etwas ausruhen würde. Aber Monsieur Werner, der Chef der Lebensmittelabteilung, will keine weiteren Beschäftigten einstellen, weil der oberste Chef des Kaufhauses, der der Chef des Chefs von Monsieur Giordino ist, seine Gründe hat. Kostengründe. Also arbeitet Monsieur Giordino viel, und das jeden Tag. Ich arbeite achtzig Prozent, an fünf Tagen in der Woche: am Montag, Dienstag, Mittwochvormittag, Freitagvormittag und am Samstag.

Am Morgen hole ich die Fische für den jeweiligen Tag aus dem Kühlraum. Der Raum für den Fisch befindet sich ganz am Ende der Kühlräume des Kaufhauses, hinter den Kulissen. Monsieur Giordino bezeichnet das gern als »Kulissen«, er fühlt sich dann wohl wie ein Schauspieler. Während ich das Eis für die Thekenauslage vorbereite und anschließend die Filets für die Kunden hübsch in Reih und Glied lege, bereitet Monsieur Giordino die »hausgemachten« Fischsalate zu, die man an der Selbstbedienungstheke erstehen kann. Ich erinnere mich noch, wie ich ihm zum ersten Mal dabei zusah und es mir ganz komisch vorkam, als er drei Kanister mit jeweils zwei Litern Öl leerte, um dann einen riesigen Tintenfischsalat zuzubereiten. Im Kaufhaus muss man sich daran gewöhnen, alles im großen Maßstab zu sehen.

Am späteren Vormittag kommen dann die ersten Kunden, und bei mir ist es so, dass mich der erste Kunde immer ein wenig stresst. Ich verheddere mich bei der Maschine, mit der ich den Fisch luftdicht in Aluminiumfolie verschließe, damit er länger frisch bleibt. Monsieur Giordino predigt mir immer wieder sein italienisches Sprichwort: »Chi va piano va sano e va lontano.« Ich tue so, als würde ich alles verstehen, dabei spreche ich kein Wort Italienisch.

Jedenfalls ist Stress nicht hilfreich, wenn es darum geht, keine Dummheiten zu machen. Und Dummheiten mache ich ganz schön viele. Wenn ich mit Kunden zu tun habe, werde ich immer ganz rot und bin ein bisschen chaotisch. Wenn ich Angela bei der Arbeit zusehe, fühle ich mich echt ungeschickt. Ich wäre auch gern so zupackend wie sie. Angela ist die Assistentin, die rechte Hand von Monsieur Giordino, sie hat goldblonde Haare und ein hübsches Lächeln. Ich glaube, dass sie eine gute Mama abgeben würde. Angela war auch diejenige, die mir gezeigt hat, wie man einen Fisch ausnimmt.

Zuerst müssen die Schuppen entfernt werden, indem man den Fisch mit dem herzförmigen Kratzer kräftig abschabt, und zwar mehrmals. Das ist gar nicht so einfach, weil man oft abrutscht. Manchmal reicht aber auch ein Messer, zum Beispiel bei zarteren Fischen wie dem Seehecht. Es gibt auch Fische, die gar keine Schuppen haben, zum Beispiel die Makrele. Danach müssen die Flossen abgeschnitten werden. Monsieur Giordino sagt, dass sie einen Friseurtermin bei uns haben. Und schließlich muss man den Fischen eine Schere in den After stoßen und bis zum Hals hochziehen. Dann müssen die Fische geöffnet werden, und man muss mit der Hand hineingreifen, um die Eingeweide herauszuziehen. Manchmal piekst man sich, weil ja Gräten da drinnen sind, also muss man ganz schön aufpassen dabei. Dann werden die Kiemen und die gesamte Halspartie entfernt. Jetzt müssen die Handschuhe weggeworfen werden, weil sie ganz rot sind. Anschließend müssen die Innenseiten der Fische unter einem kräftigen Wasserstrahl gründlich abgespült werden, damit der Kunde glaubt, ein toter Fisch wäre innen tatsächlich hübsch anzusehen. Das ist manchmal gar nicht so einfach, weil die Innereien glitschig sind und man hier und da einen kleinen Fetzen vergisst. Und so etwas mag der Kunde ganz und gar nicht. Ich erinnere mich noch an meinen ersten Fisch, eine Königsdorade. Angela hat mir zugeschaut, und sie hat mir auch ein wenig geholfen. Ich erinnere mich an ihr Lächeln, sie hat mich gelobt. An diesem Tag bin ich stolz auf mich gewesen.

Wenn die ersten Kunden kommen, tue ich immer so, als hätte ich etwas anderes zu tun. Sie sollen auf keinen Fall denken, dass ich darauf warte, sie zu bedienen. So lauten die Anweisungen der Vorgesetzten: Es muss so aussehen, als wäre man sehr beschäftigt, damit der Kunde das Gefühl hat, man arbeite unentwegt. Also spüle ich ein Messer, wische eine Arbeitsplatte ab oder hole Nachschub für den Papierhandtuchspender. Oder Handschuhe. Wir verbrauchen viele Plastikhandschuhe. Denn die Hygieneleute sollen zufrieden sein, wenn sie kommen. Man soll auch nie mit verschränkten Armen dastehen oder mit den Händen in den Hosentaschen, sonst bekommt man Ärger, weil man ja ein gutes Bild abgeben soll. Und natürlich soll man die Kunden anlächeln, das ist ganz wichtig, selbst diejenigen, die nicht lächeln und die nicht Guten Tag sagen. Angela besitzt eine echte Begabung dafür. Sie hat eine kräftige Stimme und ruft immer sehr laut: »Guten Tag«, damit die Kunden sich verpflichtet fühlen, etwas zu kaufen. Aber ich, ich bin schüchtern, und deshalb begrüße ich sie nur ganz zaghaft. Oft antworten sie dann gar nicht.

Angela erklärt mir immer wieder, dass das Verkaufen ein regelrechtes Spiel der Verführung ist. Es ist daher auch kein Zufall, dass die Männer immer mehr bei ihr kaufen als Frauen. Sie predigt mir immer, dass es bei mir genauso sein wird, wenn ich es gut anstelle. Aber ich besitze überhaupt keine Begabung für die Verführung, so ist es nun einmal. Und so lautet der Lieblingssatz der Kunden mir gegenüber: »Danke, ich schaue nur.« Aber sie können ruhig wissen, dass mir das ganz egal ist. Von mir aus können sie schauen, solange sie wollen. Außerdem begrüße ich die Kunden auch nur, weil ich dazu verpflichtet bin, genauso wie die Kassiererinnen sie automatisch fragen, ob sie eine Kundenkarte besitzen. Das ist Vorschrift.

Im Allgemeinen vermeide ich es zu reden, solange ich nicht dazu verpflichtet bin. Denn wenn ich gestresst bin, habe ich einen sogenannten Sprachfehler. Zwar bin ich als kleines Kind zu einer Logopädin gegangen, aber sie hat bei mir nichts logopädiert, überhaupt gar nichts. Ist doch nur ein kleiner Fehler, fällt gar nicht auf, tröstet man mich manchmal. Von wegen! Es ist so, als wollten die Worte nicht aus meinem Mund heraus und trieben stattdessen ihr Spiel mit meiner Zunge. Sie kitzeln sie und machen sich dabei über mich lustig, sie klammern sich fest, und so bleibt alles im Halse stecken, zusammen mit der Scham darüber. Und wenn schließlich alles auf einmal herauspurzelt, ist es auch nicht besser. Am schlimmsten ist es, wenn man mich bittet zu wiederholen, was ich gerade gesagt habe. Ich könnte all diejenigen umbringen, die mich darum bitten. Trotzdem bin ich nicht gewalttätig, nicht einmal einer Fliege habe ich jemals etwas zuleide getan.

Später am Tag mache ich eine Kaffeepause, und manchmal, da habe ich den Eindruck, dass die Angestellten des Kaufhauses nur auf ihre Kaffeepause hinarbeiten. Oder besser gesagt, auf ihre Glimmstängel-Pause, sodass man beinahe glauben könnte, sie machen sich süchtig, einfach nur, damit sie etwas Schönes haben, auf das sie sich freuen können. Ich rauche blöderweise nicht, und Kaffee trinke ich eigentlich auch nur, weil man es eben tut. Aber trotzdem gehe ich in meiner Pause hoch in die Kantine. Ich muss mit dem Aufzug bis ganz nach oben fahren und in der obersten Etage an den Büros der Direktion vorbeigehen. Manchmal begegne ich ihnen auch, den Direktoren und Abteilungsleitern. Sie grüßen mich, aber ich sehe genau, wie verächtlich sie mich mustern, weil ich ein weißes Polohemd und eine Schürze trage – das ist meine Uniform als Fischlehrling –, während sie selbst in schicken Anzügen herumlaufen, wie es Führungskräfte eben tun. Monsieur Giordino sagt, dass man die Vorgesetzten stets anlächeln soll. Ich grüße sie alle betont herzlich. Manche von ihnen halten mich, das glaube ich zumindest, irgendwie für einen Idioten, aber das ist mir gerade recht, denn so lassen sie mich wenigstens in Ruhe. Außerdem lache ich mir im Sommer schön ins Fäustchen, wenn sie wie dicke Schweine in ihren zu engen Anzügen schwitzen.

In der Kantine läuft Musik aus dem Radio. Es gibt eine Kaffeekapselmaschine, an der der Becher einen Franken kostet. Von der Kantine kann man aufs Dach des Kaufhauses hinausgehen, wo sich eine Terrasse für die Angestellten befindet. Die Kantine selbst ist zweigeteilt. Es gibt einen Bereich für Raucher und einen für Nichtraucher. Getrennt sind sie durch eine Schiebetür. Ich bleibe immer im Raucherbereich, da stinkt es zwar, aber alle sind dort. Wenn man schon Kaffee trinkt, der nicht gut schmeckt, dann braucht man ihn hier wenigstens nicht allein zu trinken.

Wenn ich in die Kantine komme, sind dort oft schon Mike aus der Backwarenabteilung oder Natascha vom Käse, die etwas trinken oder ihre übliche Zigarette rauchen. Sie begrüßen mich mit »Hi, Charlie!«, ich nicke ihnen zu und setze mich dann zu ihnen. Wenn Natascha da ist, werde ich ziemlich rot, weil sie so unglaublich hübsch ist. Zu hübsch für einen Kerl wie mich, der mit vierundzwanzig Jahren noch kein einziges Liebesabenteuer hatte, aber das, das sage ich niemandem. Sie erzählt mir immer ihre Männergeschichten, und ich höre ihr gern zu, wenn sie sich über ihren Freund beschwert, der jedes Mal einen anderen Namen hat, aber stets die gleichen Fehler macht. Anschließend beteuert sie immer: »Charlie, du bist echt in Ordnung« oder »Du kannst wenigstens zuhören«. Und sie versichert mir auch: »Eines Tages wirst du ein Mädchen sehr glücklich machen.«

Ich weiß nicht, ob ich gut zuhören kann, aber das haben schon viele gesagt. Wenn es wirklich so ist, dann vielleicht deshalb, weil ich nicht gut reden kann. Vielleicht sind Mängel wirklich zu etwas nutze. Monsieur Giordino sagt das jedenfalls immer. Er sagt, dass niemand vollkommen ist und dass das auch gut so ist, weil die Welt sonst ganz schön eintönig wäre. Mike von den Backwaren geht mir manchmal echt auf die Nerven, weil er sich über alles und jeden lustig macht. Er nennt mich einen »Autisten« und haut mir dabei auf den Rücken. Das ist nicht gerade sehr einfühlsam von ihm, aber ich weiß, dass es seine Art ist, freundlich zu sein. Er kann seine Gefühle nicht gut zeigen, also kümmere ich mich nicht weiter darum. Außerdem hat man mir immer eingetrichtert, dass jemand von meinem Kaliber besser keinen Streit sucht. Wie damals auf dem Hof des Waisenhauses. Das hätte mir eine Lehre sein sollen. Das haben sie zumindest gesagt. Ich weiß nur immer noch nicht, welche.

Claudine, die Frau von den Fleisch- und Wurstwaren, mag ich gern. Einmal war ich gerade dabei, fünfzig Portionen Räucherlachs unter Zellophan zu versiegeln, wobei man gut aufpassen muss, dass man sich nicht verbrennt. Claudine war derweil damit beschäftigt, an der anderen Maschine Stopfleber unter Vakuum zu verpacken. Das ist die Maschine, die so viel Lärm macht und beinahe so wirkt, als würde sie atmen. Sie holt erst tief Luft, und wenn sie damit fertig ist, stößt sie einen lauten Seufzer aus, und ta-da! Schon ist alles dicht. Man braucht nur noch den Deckel hochzuheben. Und während Claudine eingezwängt zwischen den beiden Maschinen ihre Arbeit tat, sagte sie zu mir: »Ich schwöre dir, mein lieber Charlie, dass mich diese ganze Stopfleber anekelt. Wenn es nach mir ginge, dann würde ich nicht mehr hier arbeiten, aber was soll man machen? Man muss schließlich von irgendetwas leben, nicht wahr? Und an die Kinder denken.« Und dann fügte sie noch hinzu: »Aber es ist doch schon verrückt, wenn man bedenkt, dass meine Kinder zu essen haben, weil man all diesen Enten ihre Leber herausreißt, damit alte Zimtzicken ihren Salat fürs Weihnachtsessen damit verfeinern.«

Da wusste ich nicht recht, was ich antworten sollte. Es stimmt schon, dass alles nicht so leicht zu verstehen ist. Wenn die ganzen nicht verkauften Lebensmittel in den Müll wandern, darf man trotzdem nichts mitnehmen, das ist verboten. Weil der Chef von Monsieur Giordino sagt, dass das Diebstahl ist. So steht es auch in den Betriebsregeln, in Artikel sieben, das habe ich überprüft: »Diebstahl von Abfall«. Man riskiert ein deftiges Bußgeld oder sogar noch Schlimmeres. Also wandert alles in den Abfall, und manchmal muss auch ich in die »Nullte« hinunterfahren. So nennen wir die Abfallabteilung des Kaufhauses, weil sie sich in der nullten Etage befindet. Man sagt »Ich gehe in die Nullte«, und das bedeutet dann, dass man Abfall wegbringt. Ich gehe nicht gern in die Nullte hinunter, vor allem nicht, wenn ich mit Fischabfällen dorthin muss. Der Speiserestekühlraum, der sich gleich links vom Aufzug befindet, ist ungefähr so groß wie mein Zimmer. Ich muss die Edelstahlwanne auf den Boden stellen, die große Tür öffnen, und dann schwappt einem der Geruch auch schon entgegen. Ganz hinten in dem Speiserestekühlraum steht ein riesiger Container mit Blut und Eingeweiden darin. Dort kippe ich die Fischstücke hinein, und sie landen auf gefüllten Wachteln und marinierten Steaks. Dann verlasse ich den Raum so schnell wie möglich und schließe die Tür hinter mir gut zu. Manchmal stelle ich mir vor, dass der Container wie ein riesiges Tier ist, das alles verschlingt. Der Container hat immer Hunger.

Monsieur Giordino gibt mir immer etwas zu tun, weil man, wie er sagt, nicht dafür da ist, um Löcher in die Luft zu starren. Außerdem sind wir sowieso häufig überlastet. Man könnte beinahe glauben, dass die Kunden sich heimlich absprechen. Eine halbe Stunde lang ist niemand in der Abteilung zu sehen, man fängt beinahe schon an sich zu langweilen, und dann plötzlich kommen sie alle auf einmal, und man weiß nicht mehr, wo einem der Kopf steht. Monsieur Giordino sagt, dass das der Schmetterlingseffekt ist, dann habe ich ihm geantwortet: »Eher der Kabeljaueffekt«, und darüber musste er lachen – dabei stimmt es in gewisser Weise sogar, denn den Kabeljau gibt es oft zum halben Preis.

Ich bringe Monsieur Giordino gern zum Lachen.

An manchen Tagen ist auch Juju in unserer Abteilung, der ist Lehrling hier, ich meine, Lehrling in dem Kaufhaus. Er wechselt die Abteilungen in regelmäßigen Abständen. Er ist ungefähr doppelt so groß wie ich, aber trotzdem nett. Er arbeitet schon länger hier als ich, und als er anfing, war er noch gar nicht erwachsen. Deshalb sprechen ihn alle mit diesem Kosenamen an. Ich weiß nicht einmal genau, ob sein wirklicher Vorname Jules oder doch vielleicht Julien ist. Auf jeden Fall macht Juju immer auf superschlau, weil er angeblich alles besser kann als ich. Angela behauptet allerdings, dass er ein bisschen ungeschickt ist, sie nennt ihn einen Tollpatsch. Mein Lieblingstag ist der Samstag, denn mit ihm ist die Woche zu Ende. Wie sagt Juju immer so schön auf meine Frage, wie es ihm gehe: »Heute Abend geht es besser.« Außerdem mag ich den Samstag, weil an diesem Tag auch Natascha arbeitet. Und im Kaufhaus sind die Abteilungen Fisch und Käse direkt nebeneinander, so kann ich die ganze Zeit zu ihr hinüberschauen. Wenn sie Käse schneidet, wirkt sie dabei immer ganz ruhig und auch ein wenig traurig, selbst wenn sie lächelt. Sie ist bei allem sehr geschickt. Ich schaue gern zu, wie ihre Hände über die Käserinden gleiten und dreieckige Käsestücke sorgfältig in beschichtete Papiere wickeln. Manchmal wirft sie mir ein Lächeln zu, dann wende ich rasch meinen Blick ab und werde rot, weil, nun ja, sie soll natürlich nicht denken, dass …

Monsieur Giordino hat es bemerkt, glaube ich. Manchmal macht er sich über mich lustig. Er ist nicht böse, Monsieur Giordino, auch er würde keiner Fliege etwas zuleide tun – trotz seiner Statur, die so bullig ist wie die eines Rausschmeißers. Das Einzige, was er rausschmeißt, sind die Kisten mit den nicht verkauften Fischen, wenn das Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist.

Monsieur Giordino sagt, dass wir keine Kollegen, sondern ein Team sind. Ich glaube, das kommt daher, dass er total fußballbegeistert ist. Er verfolgt alle Spiele, und ich staune immer Bauklötze, wie genau er Bescheid weiß. Am Tag nach einem wichtigen Spiel fragt er mich: »Hast du das gesehen? Drei zu eins, einfach verrückt.« Er hat alle Ergebnisse im Kopf und alle Spielernamen auch. Im Vergleich zu ihm habe ich das Gedächtnis eines Goldfisches.

Manchmal, wenn ich mich langweile, schaue ich die Kunden an, die vorübergehen, und stelle mir vor, welches Tier sie abgeben würden. Wie jener Herr mit dem Walrossschädel oder aber die Dame mit dem Kopf einer Langustine. Das Lustigste war, dass sie gar keine Krustentiere verlangt hat. Die Krustentiere sind mir beim Aufräumen abends am liebsten, weil man sie einfach in Plastiktüten packt. Man nimmt, so viele man kann, auf einmal mit den Händen und steckt sie hinein. Am lustigsten sind allerdings die Sepien, Kalmare oder Kraken. Einmal hatten wir einen riesigen Kraken: Er war sehr schwer, und sein Kopf war doppelt so groß wie meine Faust. Ich habe mich immer gefragt, warum man so etwas »Meeresfrüchte« nennt, denn, ganz ehrlich, was haben eine Aprikose und ein Tintenfisch gemeinsam?

Am Ende des Arbeitstages sage ich zu Monsieur Giordino, dass das häufigste Lebewesen zwischen der Fischabteilung, den Fleischwaren und dem sonstigen Getier, das in allen anderen Abteilungen verpackt herumliegt, der Kunde ist.

Arthur Brügger

Über Arthur Brügger

Biographie

Arthur Brügger wurde 1991 in Genf geboren und studierte am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Mit seiner Kurzgeschichte »Trompe-l’œil« gehörte er zu den Preisträgern des Prix du Jeune Ecrivain 2012. Heute lebt Arthur Brügger in Lausanne und teilt seine Zeit zwischen der Schriftstellerei,...

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sda (CH)

»Ein stimmiges Buch, das kluge, präzise Einblicke in die Welt eines Verkäufers gibt.«

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