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Das Lächeln der FrauenDas Lächeln der FrauenDas Lächeln der Frauen

Das Lächeln der Frauen

Roman

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Das Lächeln der Frauen — Inhalt

Die junge Restaurantbesitzerin Aurélie hat Liebeskummer: Von einem Tag auf den anderen wurde sie von ihrem Freund verlassen. Unglücklich streift sie durch Paris und stößt in einer kleinen Buchhandlung auf einen Roman, der gleich in den ersten Sätzen nicht nur ihr Lokal, sondern auch sie selbst beschreibt. Begeistert von der Lektüre, möchte Aurélie den Autor des Buchs kennenlernen, doch der ist leider sehr menschenscheu, erfährt sie vom Lektor des französischen Verlags. Aber Aurélie gibt nicht auf …

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 19.03.2018
Übersetzt von: Sophie Scherrer
336 Seiten, Ganzleinenband
EAN 978-3-492-31241-7
€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 01.04.2012
Übersetzt von: Sophie Scherrer
336 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-27285-8
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 16.07.2012
Übersetzt von: Sophie Scherrer
336 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95998-8

Leseprobe zu »Das Lächeln der Frauen«

1


Letztes Jahr im November hat ein Buch mein Leben gerettet. Ich weiß, das klingt jetzt sehr unwahrscheinlich. Manche mögen es gar für überspannt halten, wenn ich so etwas sage, oder melodramatisch.Und doch war es genau so.
Dabei hatte nicht einmal jemand auf mein Herz gezielt und die Kugel wäre wundersamerweise in den Seiten einer dicken, in Leder gebundenen Ausgabe von Baudelaires Gedichten steckengeblieben, wie man es manchmal in Filmen sehen kann. So ein aufregendes Leben führe ich nicht.
Nein, mein dummes Herz war bereits vorher verwundet worden. An [...]

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1


Letztes Jahr im November hat ein Buch mein Leben gerettet. Ich weiß, das klingt jetzt sehr unwahrscheinlich. Manche mögen es gar für überspannt halten, wenn ich so etwas sage, oder melodramatisch.Und doch war es genau so.
Dabei hatte nicht einmal jemand auf mein Herz gezielt und die Kugel wäre wundersamerweise in den Seiten einer dicken, in Leder gebundenen Ausgabe von Baudelaires Gedichten steckengeblieben, wie man es manchmal in Filmen sehen kann. So ein aufregendes Leben führe ich nicht.
Nein, mein dummes Herz war bereits vorher verwundet worden. An einem Tag, der wie jeder andere zu sein schien.
Ich erinnere mich noch genau. Die letzten Gäste im Restaurant – eine Gruppe von ziemlich lauten Amerikanern, ein diskretes japanisches Paar und ein paar diskutierwütige Franzosen – waren wie immer lange sitzengeblieben, und die Amerikaner hatten sich nach dem Gâteau au chocolat mit
vielen »Aaahs« und »Ooohs« die Lippen geleckt.
Suzette hatte, nachdem der Nachtisch serviert war, wie immer gefragt, ob ich sie wirklich noch brauche, und war dann glücklich davongeeilt. Und Jacquie war wie immer schlecht gelaunt gewesen. Dieses Mal hatte er sich über die Eßgewohnheiten der Touristen ereifert und die Augen verdreht, während er die leergefegten Teller scheppernd in die Spülmaschine warf.
»Ah, les Américains! Verstehen nichts von französischer Cuisine, rien du tout! Essen immer die Dekoration mit – warum muß ich für Barbaren kochen, ich hätte gute Lust, alles hinzuschmeißen, es macht mir schlechte Laune!«
Er hatte sich die Schürze losgebunden und mir beim Hinausgehen sein bonne nuit entgegengebrummt, bevor er sich auf sein altes Fahrrad schwang und in der kalten Nacht verschwand. Jacquie ist ein großartiger Koch und ich mag ihn sehr, auch wenn er seine Griesgrämigkeit vor sich herträgt wie einen Topf Bouillabaisse. Er war schon Koch im Temps des Cerises, als das kleine Restaurant mit den rot-weiß gewürfelten Tisch­decken, das etwas abseits vom belebten Boulevard Saint-Germain in der Rue Princesse liegt, noch meinem
Vater gehörte. Mein Vater liebte das Chanson von der »Zeit der Kirschen«, die so schön ist und so schnell vorbei, dieses zugleich lebensbejahende und etwas wehmütige Lied über Liebende, die sich finden und wieder verlieren. Und obwohl sich die französische Linke dieses alte Lied später zur inoffiziellen Hymne erkoren hat, als ein Bild für Aufbruch und Fortschritt, glaube ich, daß der wahre Grund, weshalb Papa sein Restaurant so nannte, weniger dem Gedenken an die Pariser Kommune geschuldet war, sondern ganz persönlichen Erinnerungen.
Dies ist der Ort, an dem ich aufgewachsen bin, und wenn ich nach der Schule mit meinen Heften in der Küche saß, umgeben vom Geklapper der Töpfe und Pfannen und von tausend verheißungsvollen Gerüchen, konnte ich sicher sein, daß Jacquie immer eine kleine Leckerei für mich hatte.
Jacquie, der eigentlich Jacques Auguste Berton heißt, kommt aus der Normandie, wo man bis zum Horizont sehen kann, wo die Luft nach Salz schmeckt und das endlose Meer, über dem Wind und Wolken ihr rastloses Spiel treiben, dem Auge nicht den Blick verstellt. Mehr als einmal am Tag versichert er mir, daß er es liebt, weit zu gucken, weit! Manchmal wird ihm Paris zu eng und zu laut, und dann sehnt er sich an die Küste zurück.
»Wer einmal den Geruch der Côte Fleurie in der Nase hat, wie kann der sich in den Pariser Abgasen wohlfühlen, sag mir das!?«
Er wedelt mit dem Fleischmesser und schaut mich vorwurfsvoll mit seinen großen braunen Augen an, bevor er sich mit einer ungeduldigen Bewegung die dunklen Haare aus der Stirn wischt, die mehr und mehr – ich sehe es mit einer gewissen Rührung – von silbrigen Fäden durchzogen sind.
Es ist doch erst ein paar Jahre her, daß dieser stämmige Mann mit den großen Händen einem vierzehnjährigen Mädchen mit langen dunkelblonden Zöpfen gezeigt hat, wie man die vollkommene Crème brûlée zubereitet. Es war das erste Gericht, mit dem ich meine Freundinnen beeindruckte.
Jacquie ist natürlich nicht irgendein Koch. Als junger Mann hat er in der berühmten Ferme Saint-Siméon gearbeitet, in Honfleur, der kleinen Stadt am Atlantik mit diesem ganz besonderen Licht – Fluchtpunkt der Maler und Künstler. »Das hatte schon etwas mehr Stil, meine liebe Aurélie.«
Doch so viel Jacquie auch schimpft – ich lächle still, weil ich weiß, daß er mich nie im Stich lassen würde. Und so war es auch in jenem letzten November, in dem der Himmel über Paris weiß wie Milch war und die Menschen mit dicken Wollschals durch die Straßen hasteten. Ein November, der so viel kälter war als alle anderen, die ich in Paris erlebt hatte. Oder kam mir das nur so vor?
Wenige Wochen zuvor war mein Vater gestorben. Einfach so, ohne Vorwarnung, hatte sein Herz eines Tages beschlossen, nicht mehr zu schlagen. Jacquie fand ihn, als er nachmittags das Restaurant aufschloß.
Papa lag friedlich auf dem Fußboden – umgeben von frischen Gemüsen, Lammkeulen, Jakobsmuscheln und Kräutern, die er morgens auf dem Markt gekauft hatte.
Er hinterließ mir sein Restaurant, das Rezept für sein berühmtes Menu d’amour mit dem er angeblich vor vielen Jahren die Liebe meiner Mutter gewonnen hatte (sie starb, als ich noch sehr klein war, deswegen werde ich nie wissen, ob er nicht doch geschwindelt hat), und einige kluge Sätze über das Leben. Er war achtundsechzig Jahre alt, und ich fand das viel zu früh. Aber Menschen, die man liebt, sterben immer zu früh, nicht wahr, egal, wie alt sie werden.
»Die Jahre bedeuten nichts. Nur was in ihnen geschieht«, hatte mein Vater einmal gesagt, als er Rosen auf das Grab meiner Mutter legte.
Und als ich im Herbst etwas verzagt, aber doch entschlossen in seine Fußstapfen trat, traf mich die Erkenntnis, daß ich nun ziemlich allein auf der Welt war, mit voller Wucht.
Gott sei Dank hatte ich Claude. Er arbeitete als Bühnenbildner am Theater, und der riesige Schreibtisch, der in seiner kleinen Atelierwohnung im Bastilleviertel unter dem Fenster stand, quoll stets über von Zeichnungen und kleinen Modellen aus Karton. Wenn er einen größeren Auftrag hatte, tauchte er manchmal für ein paar Tage ab. »Ich bin nächste Woche nicht vorhanden«, sagte er dann, und ich mußte mich erst daran gewöhnen, daß er tatsächlich weder ans Telefon ging noch die Tür öffnete, obwohl ich Sturm klingelte. Kurze Zeit später war er wieder da, als wäre nichts gewesen. Er schien am Himmel auf wie ein Regenbogen, nicht zu fassen und wunderschön, küßte mich übermütig auf den Mund, nannte mich »meine Kleine«, und die Sonne spielte in seinen goldblonden Locken Versteck.
Dann nahm er mich an der Hand, zog mich mit sich fort und präsentierte mir mit flackerndem Blick seine Entwürfe.
Sagen durfte man nichts.
Als ich Claude erst einige Monate kannte, hatte ich einmal den Fehler begangen, meine Meinung unbefangen zu äußern, und mit schiefgelegtem Kopf laut überlegt, was man noch verbessern könnte. Claude hatte mich fassungslos angestarrt, seine wasserblauen Augen schienen fast überzulaufen, und mit einer einzigen heftigen Handbewegung hatte er seinen Schreibtisch leergefegt. Farben, Stifte, Blätter, Gläser, Pinsel und kleine Kartonstücke wirbelten durch die Luft wie Konfetti, und das filigrane, in sorgsamer Arbeit gefertigte Bühnenmodell für Shakespeares Sommernachtstraum zerbrach in tausend Stücke.
Seither hielt ich mich mit kritischen Bemerkungen zurück.
Claude war sehr impulsiv, sehr wechselhaft in seinen Stimmungen, sehr zärtlich und sehr besonders. Alles an ihm war »sehr«, ein wohltemperiertes Mittelmaß schien es nicht zu geben.
Wir waren damals ungefähr zwei Jahre zusammen, und es wäre mir nie in den Sinn gekommen, die Beziehung zu diesem komplizierten und höchst eigenwilligen Menschen infrage zu stellen. Wenn man genau hinsieht, hat doch jeder von uns seine Kompliziertheiten, seine Empfindlichkeiten und Spleens. Es gibt Dinge, die wir tun, oder Dinge, die wir niemals tun würden, oder nur unter ganz bestimmten Umständen. Dinge, über die andere lachen, den Kopf schütteln, sich wundern.
Merkwürdige Dinge, die nur zu uns gehören.
Ich zum Beispiel sammle Gedanken. In meinem Schlafzimmer gibt es eine Wand mit bunten Zetteln voller Gedanken, die ich festgehalten habe, damit sie mir in ihrer Flüchtigkeit nicht verlorengehen. Gedanken über belauschte Gespräche im Café, über Rituale und warum sie so wichtig sind, Gedanken über Küsse im Park bei Nacht, über das Herz und über Hotelzimmer, über Hände, Gartenbänke, Photos, über Geheimnisse und wann man sie preisgibt, über das Licht in den Bäumen, und über die Zeit, wenn sie stillsteht.
Meine kleinen Notizen haften an der hellen Tapete wie tropische Schmetterlinge, eingefangene Momente, die keinem Zweck dienen außer dem, in meiner Nähe zu bleiben, und wenn ich die Balkontür öffne und ein leichter Luftzug durch das Zimmer streicht, zittern sie ein wenig, so als wollten sie davonfliegen.
»Was ist das?!« Claude hatte ungläubig die Augenbrauen hochgezogen, als er meine Schmetterlingssammlung zum erstenmal sah. Er war vor der Wand stehengeblieben und hatte interessiert einige Notizen gelesen. »Willst du ein Buch schreiben?«
Ich wurde rot und schüttelte den Kopf.
»Um Gottes willen, nein! Ich mache das …«, ich mußte selbst einen Moment überlegen, fand aber keine wirklich überzeugende Erklärung, »weißt du, ich mache das einfach so. Kein Grund. So wie andere Leute Photos machen.«
»Kann es sein, daß du ein kleines bißchen versponnen bist, ma petite?« hatte Claude gefragt, und dann hatte er die Hand unter meinen Rock geschoben. »Aber das macht nichts, gar nichts, ich bin ja auch ein bißchen verrückt …«, er strich mit den Lippen über meinen Hals und mir wurde ganz heiß, »… nach dir.«
Wenige Minuten später lagen wir auf dem Bett, meine Haare gerieten in ein wundervolles Durcheinander, die Sonne schien durch die halb zugezogenen Gardinen und malte kleine zitternde Kreise auf den Holzfußboden, und anschließend hätte ich einen weiteren Zettel an die Wand heften können Über die Liebe am Nachmittag. Ich tat es nicht.
Claude hatte Hunger, und ich machte Omelettes für uns, und er sagte, ein Mädchen, das solche Omelettes machen könne, dürfe sich jeden Spleen erlauben. Also hier noch etwas:
Immer wenn ich unglücklich oder unruhig bin, gehe ich los und kaufe Blumen. Natürlich mag ich Blumen auch, wenn ich glücklich bin, aber an diesen Tagen, wenn alles schiefläuft, sind Blumen für mich wie der Beginn einer neuen Ordnung, etwas, das immer vollkommen ist, egal, was passiert.
Ich stelle ein paar blaue Glockenblumen in die Vase, und es geht mir besser. Ich pflanze Blumen auf meinem alten Steinbalkon, der zum Hof hinausgeht, und habe sofort das befriedigende Gefühl, etwas ganz Sinnvolles zu tun. Ich verliere mich darin, die Pflanzen aus dem Zeitungspapier zu wickeln, sie behutsam aus den Plastikbehältern zu lösen und in die Töpfe zu setzen. Wenn ich mit den Fingern in die feuchte Erde greife und darin herumwühle, wird alles ganz einfach, und ich setze meinem Kummer wahre Kaskaden aus Rosen, Hortensien und Glyzinien entgegen.
Ich mag keine Veränderungen in meinem Leben. Ich nehme immer dieselben Wege, wenn ich zur Arbeit gehe, ich habe eine ganz bestimmte Bank in den Tuilerien, die ich heimlich als meine Bank betrachte.
Und ich würde mich niemals im Dunkeln auf einer Treppe umdrehen, weil ich das unbestimmte Gefühl hätte, daß hinter mir etwas lauert, das nach mir greift, wenn ich nur zurückschaue.
Das mit der Treppe habe ich übrigens niemandem erzählt, nicht einmal Claude. Ich glaube, er hat mir damals auch nicht alles erzählt.
Tagsüber gingen wir beide unserer Wege. Was Claude abends machte, wenn ich im Restaurant arbeitete, wußte ich nicht immer so genau. Vielleicht wollte ich es auch nicht wissen. Aber nachts, wenn die Einsamkeit sich über Paris senkte, wenn die letzten Bars schlossen und ein paar Nachtschwärmer fröstelnd auf die Straße traten, lag ich in seinen Armen und fühlte mich sicher.
Als ich an jenem Abend die Lichter im Restaurant löschte und mich mit einer Schachtel voller Himbeer-Macarons auf den Weg nach Hause machte, ahnte ich noch nicht, daß meine Wohnung genauso leer sein würde wie mein Restaurant. Es war, wie gesagt, ein Tag wie jeder andere.
Nur daß Claude sich mit drei Sätzen aus meinem Leben verabschiedet hatte.
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, wußte ich, daß etwas nicht in Ordnung war. Leider gehöre ich nicht zu den Menschen, die mit einem Schlag hellwach sind, und so war es zunächst auch mehr ein merkwürdiges unbestimmtes Unwohlsein als dieser eine konkrete Gedanke, der sich allmählich in mein Bewußtsein schob. Ich lag in den weichen, nach Lavendel duftenden Kissen, von draußen drangen gedämpft die Geräusche des Hofes hinein. Ein weinendes Kind, die beschwichtigende Stimme einer Mutter, schwere Schritte, die sich langsam entfernten, das Hoftor, das quietschend ins Schloß fiel. Ich blinzelte und drehte mich zur Seite. Halb im Schlaf noch streckte ich meine Hand aus und tastete nach etwas, das nicht mehr da war.
»Claude?« murmelte ich.
Und dann war der Gedanke angekommen. Claude hatte mich verlassen!
Was gestern nacht noch seltsam unwirklich erschienen war und nach mehreren Gläsern Rotwein so unwirklich wurde, daß ich es auch hätte geträumt haben können, wurde mit Anbruch dieses grauen Novembermorgens unwiderruflich. Reglos lag ich da und lauschte, aber die Wohnung blieb still. Aus der Küche kam kein Geräusch. Keiner, der mit den großen dunkelblauen Tassen herumklapperte und leise fluchte, weil die Milch übergekocht war. Kein Duft nach Kaffee, der die Müdigkeit vertrieb. Kein leises Surren eines elektrischen Rasierers. Kein Wort.
Ich wandte den Kopf und sah zur Balkontür hinüber, die leichten, weißen Vorhänge waren nicht zugezogen und ein kalter Morgen drückte sich gegen die Scheiben. Ich zog die Decke fester um mich und dachte daran, wie ich gestern mit meinen Macarons nichtsahnend in die leere, dunkle Wohnung getreten war.
Nur das Licht in der Küche brannte, und ich hatte einen Moment verständnislos auf das einsame Stilleben gestarrt, das sich im Schein der schwarzmetallenen Hängelampe meinem Blick darbot.
Ein handgeschriebener Brief, der offen auf dem alten Küchentisch lag, darauf das Glas Aprikosenmarmelade, mit der Claude sich am Morgen sein Croissant bestrichen hatte. Eine Schale mit Obst. Eine Kerze, zur Hälfe abgebrannt. Zwei Stoffservietten, die nachlässig zusammengerollt waren und in silbernen Serviettenringen steckten.
Claude schrieb mir nie, nicht einmal einen Zettel. Er hatte eine manische Beziehung zu seinem Mobiltelefon, und wenn sich seine Pläne änderten, rief er mich an oder hinterließ eine Nachricht auf meiner Mailbox.
»Claude?« rief ich und hoffte noch irgendwie auf eine Antwort, aber da griff schon die kalte Hand der Angst nach mir. Ich ließ die Arme sinken, die Macarons rutschten aus der Schachtel und fielen in Zeitlupe auf den Boden. Mir wurde ein bißchen schwindlig. Ich setzte mich auf einen der vier Holzstühle und zog das Blatt unglaublich vorsichtig zu mir heran, als ob das etwas hätte ändern können.
Wieder und wieder hatte ich die wenigen Worte gelesen, die Claude in seiner großen, steilen Schrift zu Papier gebracht hatte, und am Ende meinte ich seine rauhe Stimme zu hören, ganz nah an meinem Ohr, wie ein Flüstern in der Nacht:
Aurélie,
ich habe die Frau meines Lebens kennengelernt. Es tut mir leid, daß es gerade jetzt passiert ist, aber irgendwann wäre es sowieso geschehen.
Paß gut auf Dich auf,
Claude

Erst war ich reglos sitzengeblieben. Nur mein Herz klopfte wie verrückt. So also fühlte es sich an, wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Am Vormittag hatte Claude sich noch mit einem Kuß im Flur von mir verabschiedet, der mir besonders zärtlich schien. Ich wußte nicht, daß es ein Kuß war, der mich verriet. Eine Lüge! Wie erbärmlich, sich auf diese Weise davonzustehlen!
In einer Aufwallung von ohnmächtiger Wut zerknüllte ich das Papier und warf es in eine Ecke. Sekunden später hockte ich laut aufschluchzend davor und strich den Bogen wieder glatt. Ich trank ein Glas Rotwein und dann noch eines. Ich zog mein Telefon aus der Tasche und rief Claude immer wieder an. Ich hinterließ verzweifelte Bitten und wilde Beschimpfungen. Ich ging in der Wohnung auf und ab, nahm wieder einen Schluck, um mir Mut zu machen, und schrie in den Hörer, er solle mich auf der Stelle zurückrufen. Ich glaube, ich habe es ungefähr fünfundzwanzigmal probiert, bevor ich mit der dumpfen Klarsichtigkeit, die der Alkohol einem bisweilen beschert, zu der Erkenntnis kam, daß meine Versuche vergeblich bleiben würden. Claude war bereits Lichtjahre entfernt, und meine Worte konnten ihn nicht mehr erreichen.
Mein Kopf schmerzte. Ich stand auf und tappte in meinem kurzen Nachthemd – eigentlich war es das viel zu große blau-weiß gestreifte Oberteil von Claudes Pyjama, das ich mir in der Nacht noch irgendwie übergezogen hatte – durch die Wohnung wie eine Somnambule.
Die Tür zum Badezimmer stand auf. Ich ließ meinen Blick schweifen, um mich zu vergewissern. Der Rasierapparat war verschwunden, ebenso wie die Zahnbürste und das Aramis-Parfum.
Im Wohnzimmer fehlte die weinrote Kaschmirdecke, die ich Claude zum Geburtstag geschenkt hatte, und über dem Stuhl hing nicht wie sonst achtlos hingeworfen sein dunkler Pullover. Der Regenmantel an der Garderobe links neben der Eingangstür war fort. Ich riß den Kleiderschrank auf, der im Flur stand. Ein paar leere Kleiderbügel schlugen mit leisem Klirren gegeneinander. Ich holte tief Luft. Alles ausgeräumt. Selbst an die Socken in der untersten Schublade hatte Claude gedacht. Er mußte seinen Abgang sehr sorgfältig geplant haben, und ich fragte mich, wie es sein konnte, daß ich nichts gemerkt hatte, nichts. Davon, daß er vorhatte zu gehen. Davon, daß er sich verliebt hatte. Davon, daß er bereits eine andere Frau küßte, während er mich küßte.
In dem hohen goldgerahmten Spiegel, der im Flur über der Kommode hing, spiegelte sich mein blasses verweintes Gesicht wie ein bleicher Mond, der von zitternden, dunkelblonden Wellen umgeben war. Meine langen, in der Mitte gescheitelten Haare waren zerzaust wie nach einer wilden Liebesnacht, nur daß es keine heftigen Umarmungen und geflüsterten Schwüre gegeben hatte. »Du hast Haare wie eine Märchenprinzessin«, hatte Claude gesagt. »Du bist meine Titania.«
Ich lachte bitter auf, trat ganz nah an den Spiegel heran und musterte mich mit dem unerbittlichen Blick der Verzweifelten. In meiner Verfassung und mit den tiefen Schatten unter meinen Augen erinnerte ich eher an die Irre von Chaillot, fand ich. Rechts über mir steckte im Rahmen des Spiegels das Photo von Claude und mir, das ich so sehr mochte. Es war an einem lauen Sommerabend entstanden, als wir über den Pont des Arts schlenderten. Ein beleibter Afrikaner, der auf der Brücke seine Taschen zum Verkauf ausgebreitet hatte, hatte es von uns gemacht. Ich erinnere mich noch, daß er unglaublich große Hände hatte – zwischen seinen Fingern wirkte meine kleine Kamera wie ein Puppenspielzeug – und daß es eine Weile dauerte, bis er endlich auf den Aus­löser drückte.
Wir lachen beide auf diesem Photo, unsere Köpfe eng aneinandergeschmiegt, vor einem tiefblauen Himmel, der die Silhouette von Paris zärtlich einhüllt.
Lügen Photos oder sagen sie die Wahrheit? Im Schmerz wird man philosophisch.
Ich nahm das Bild herunter, legte es auf das dunkle Holz und stützte mich mit beiden Händen auf die Kommode. »Que ça dure!« hatte der schwarze Mann aus Afrika uns mit tiefer Stimme und rollendem »r« lachend nachgerufen. »Que ça dure!« Möge es so bleiben!
Ich merkte, wie sich meine Augen erneut mit Tränen füllten. Sie liefen mir die Wangen hinunter und platschten wie dicke Regentropfen auf Claude und mich und unser Lächeln und diesen ganzen Paris-für-Verliebte-Quatsch, bis alles zur Unkenntlichkeit verschwamm.
Ich zog die Schublade auf und stopfte das Photo zwischen die Schals und Handschuhe. »So«, sagte ich. Und dann noch einmal: »So.«
Dann drückte ich die Schublade zu und dachte darüber nach, wie einfach es doch war, aus dem Leben eines anderen zu verschwinden. Für Claude hatten ein paar Stunden gereicht. Und wie es aussah, war das gestreifte Hemd eines Herrenpyjamas, das wohl eher absichtslos unter meinem Kopfkissen vergessen worden war, das einzige, was mir von ihm blieb.

Nicolas Barreau

Über Nicolas Barreau

Biografie

Nicolas Barreau, geboren 1980 in Paris, hat Romanistik und Geschichte an der Sorbonne studiert und lebt heute als freier Autor in Paris. Schon mit seinen Erfolgen »Die Frau meines Lebens« und »Du findest mich am Ende der Welt« hat er sich in die Herzen seiner Leserinnen geschrieben, ehe »Das...

Pressestimmen

Hessische/Niedersächsische Allgemeine (HNA)

»Nicht nur die Liebesgeschichte fasziniert. Der junge Autor Nicolas Barreau entpuppt sich auch als kundiger Reiseführer.«

Bild

»Eine Liebesgeschichte, die Flügel verleiht«

Frau von Heute

»Für Romantiker, Paris-Fans - und für Tage, an denen man was für die Seele braucht.«

Prima Woche

»Komisch, warmherzig und romantisch.«

Wochenblatt

»Nicolas Barreau hat (...) einen Roman zum Genießen geschrieben. (...) Ein zauberhaftes und kluges Buch.«

Freie Presse

»Witzig und romantisch zugleich.«

Neue Westfälische

»(…) Lektüre für die Sonnenliege!«

Frau im Leben/plus Magazin

»Dies ist eine Perle für laue Sommerabende!«

news.at

»Eine äußerst unterhaltsame, intelligente und überaus charmante Lektüre«

Brigitte

Wünschen Sie sich keine Blumen zum Valentinstag. Lassen Sie sich ›Das Lächeln der Frauen‹ schenken, einen Roman, der sich liest wie eine gelungene Mischung aus ›Cyrano de Bergerac‹, ›Chocolat‹ und ›Gut gegen Nordwind‹.

Christine Westermann, Westdeutscher Rundfunk

Die Geschichte von Aurélie ist wie ein Souffle. Raffiniert zubereitet, zart und locker, aber man weiß, wie heimtückisch Souffles sein können. Sie fallen auch schon mal ganz gern ohne Vorwarnung in sich zusammen. Aber das passiert zum Glück nicht, und genau das macht das Buch zu einer großen Freude.

Fragen und Antworten zu Nicolas Barreau
Sie haben Fragen zum Autor? Wir haben das Wichtigste für Sie zusammengefasst.
Wie heißt das aktuelle Buch von Nicolas Barreau?
Das neue Buch von Nicolas Barreau ist »Das Café der kleinen Wunder« und ist 2016 erschienen.
Die Biographie von Nicolas Barreau:
Nach seinem Studium in Rive Gauche, Frankreich schrieb Nicolas Barreau noch parallel zum Verfassen seiner ersten Werke erfolgreich seine Dissertation und arbeitete in einer Buchhandlung am Rive Gauche in Paris. Noch heute lebt er in seiner Geburtsstadt, ist aber inzwischen Vollzeit als freier Autor tätig.
Welche Bücher von Nicolas Barreau wurden verfilmt?
Die Verfilmungen sind: - Das Lächeln der Frauen
Hat Nicolas Barreau eine eigene Homepage?
Nein, aber auf: https://www.piper.de/autoren/nicolas-barreau-2166 findet man einige Informationen zum Autor.

Kommentare zum Buch

Margareta am 10.07.2017

Das Lächeln der Frauen macht süchtig. Es ist ein Muss, nach mehr!!!

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