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Das Labyrinth der Engel

Das Labyrinth der Engel

Roman

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Das Labyrinth der Engel — Inhalt

Paris 1609: ein obskurer Diebstahl, verbotene Geschäfte in dunklen Gewölben und eine Serie von grausamen Morden sorgen im Hôtel-Dieu, dem klösterlichen Hospital auf der Île de la Cité, für Angst und Schrecken. Auch das Leben der Oberhebamme Estiennette Rimbault gerät dabei in größte Gefahr. Verzweifelt bittet sie ihre Freundin, die königliche Leibhebamme Louise Bourgeois, um Hilfe. Schon bald kommen die beiden Frauen einem düsteren Geheimnis auf die Spur …

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 08.12.2014
320 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98185-9

Leseprobe zu »Das Labyrinth der Engel«

DAS ALTE HÔTEL-DIEU VON PARIS

 

Berühmtes Hospital (Gottes Haus) und Kloster der Augustinerinnen in unmittelbarer Nähe der Kathedrale von Notre-Dame gelegen. Gegründet ca. 700 n. Chr. von Bischof Landry. Seit Generationen hauptsächlich von Augustinerschwestern geführt und geleitet

 

PERSONAL

 

LOUISE BOURGEOIS

Leibhebamme der französischen Königin Marie de Médicis

 

JEANNE LA PAGE

Priorin der Augustinerschwestern (Gesamtleitung des Klosters und des Hospitals)

 

JACQUELINE DE CLERMONT

Oberin der Augustinerinnen (interne Leitung des Hôtel-Dieu)

 

BRUDER [...]

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DAS ALTE HÔTEL-DIEU VON PARIS

 

Berühmtes Hospital (Gottes Haus) und Kloster der Augustinerinnen in unmittelbarer Nähe der Kathedrale von Notre-Dame gelegen. Gegründet ca. 700 n. Chr. von Bischof Landry. Seit Generationen hauptsächlich von Augustinerschwestern geführt und geleitet

 

PERSONAL

 

LOUISE BOURGEOIS

Leibhebamme der französischen Königin Marie de Médicis

 

JEANNE LA PAGE

Priorin der Augustinerschwestern (Gesamtleitung des Klosters und des Hospitals)

 

JACQUELINE DE CLERMONT

Oberin der Augustinerinnen (interne Leitung des Hôtel-Dieu)

 

BRUDER EGIDIUS

Wirtschafter (Cellerar) des Hospitals sowie des Klosters

 

ESTIENNETTE RIMBAULT

Oberhebamme (Leiterin der Geburtsstation des Hôtel-Dieu)

 

SCHWESTER KATHERINE

Oberschwester (Leiterin einer der großen Krankensäle des Hospitals )

 

ROLAND PETIT

Erster Chirurg des Hospitals

 

BRUDER KONSTANTIN

Augustinerbruder (einer der Beichtväter im Hospital)

 

BRUDER AUGUSTINUS

Apotheker des Hôtel-Dieu

 

PAULINE, ANNE, FABIENNE

Novizinnen (Anwärterinnen) im Hôtel-Dieu

 

FERNAND CAVALLIER

Bader im Hôtel-Dieu

 

ANTOINE LAPIN

Kopist in der Verwaltung von Notre-Dame sowie des Hôtel-Dieu

 

DER ALTE JACQUES

Faktotum des Hôtel-Dieu

 

MATTHIEU LECLERC, VICTOR NERVAL

Zwei der acht weltlichen Vorsteher des Hôtel-Dieu

 

ALIX DE GRANDEVILLE

Altpriorin des Hôtel-Dieu

 

 

 

PROLOG

 

Wieder war es Nacht geworden in Paris. An den Grundmauern des Hôtel-Dieu und den schwarzen Höhlungen der Cagnards unten am Fluss warf der Mond graue Schatten. Eine menschliche Gestalt, ein kräftiger Mann, war in dem fahlen Licht zu erkennen. Er hangelte sich an den feuchten Mauern entlang, und obwohl er das Gelände kannte, glitten seine Füße immer wieder ab. Die Knöchel seiner Hände traten weiß hervor, so fest krallte er sich an die Mauervorsprünge.
Endlich, er atmete auf, denn er war beinahe am Ziel. Hier, im Cagnard Saint Charles, musste es sein. In diesem Labyrinth der Fundamente des Hospitals kannte er sich aus wie kein Zweiter. Aufatmend schob er sich vorwärts. Da vernahm er ein leises Wimmern. Er tastete sich langsam voran. Das Wimmern wurde lauter. Mit seinen großen Händen fuhr er vorsichtig über den Boden. Plötzlich fühlte er die grobe Rinde eines Korbes. Darin spürte er die Wärme und die Bewegungen eines ganz kleinen Kindes. Bei der Berührung hörte es auf zu wimmern. Er flüsterte ein paar beruhigende Worte und tastete sich vorwärts. Noch zwei weitere Neugeborene lagen auf dem blanken Stein, nur notdürftig mit einem Tuch bedeckt. Sie regten sich kaum, als er sie berührte. Er legte sie ebenfalls in den Korb, richtete sich auf und zog ein Netz unter seinem weiten Hemd hervor. Behutsam stellte er den Korb dort hinein und ließ ihn über seine Schultern gleiten. Dann machte er sich auf den Rückweg. Er war erleichtert, denn er war gerade noch rechtzeitig gekommen.
Im Schatten von Notre-Dame blinzelte er hinüber zur Eingangspforte des Hôtel-Dieu. Dort war die Pförtnerin im Gespräch mit einem Neuankömmling. Er wartete, bis alles ruhig war. Dann stellte er den Korb direkt an der Pförtnerinnenloge ab, zog an der Glocke und verschwand im Dunkel.


TEIL 1

PARIS, 3. MÄRZ 1609

 

Alles begann an einem Frühlingstag im Jahr 1609 in Paris. Während der Nachmittagsstunden waren schwere Regenwolken aufgezogen. Am Abend fegten Wind und Regen durch die grauen, schmalen Gassen der Stadt. In der Rue Saint-André des Arts im Viertel Saint-Germain, unweit der Seine und des Petit Pont, waren nur noch wenige Fenster in den eng stehenden Fachwerkhäusern erleuchtet.
Nun klatschte ein Schauer gegen die kleinen Fensterscheiben des stattlichen Anwesens der Louise Bourgeois. Sie stand in der Küche und fröstelte, obwohl das Feuer im Herd loderte. Mit einer energischen Bewegung zog sie die aufgeschlagenen Ärmel ihres Kleides aus festem, glänzend schwarzem Stoffherunter und zupfte ihre Samthaube zurecht. Sie sah sich im mattsilbernen Spiegel eines Kerzenhalters: eine schlanke, nicht mehr ganz junge Frau mit einem ausdrucksvollen Gesicht, dessen klarer, rosiger Teint ihr das Flair jugendlicher Frische verlieh. Besonders auffallend waren ihre großen hellbraunen Augen, die oft ein wenig belustigt dreinsahen und die Lebhaftigkeit ihres Wesens unterstrichen. Die Haube, die die Königin von Frankreich, Marie de Médicis, ihr als Zeichen ihrer besonderen Gunst geschenkt hatte, legte Louise nur zum Schlafen ab.
Ja, sie war eine königliche Leibhebamme und bislang sehr erfolgreich in ihrem Metier. Im Jahr 1601 hatte sie dem von König Henri IV. lang erwarteten Thronfolger auf die Welt verholfen. Ganz Paris, nein, ganz Frankreich wusste das. Seitdem war sie die Wehemutter von vier weiteren königlichen Prinzessinnen und Prinzen gewesen. Sie lächelte sich aufmunternd zu. Heute würde wohl keine ihrer Kundinnen mehr nach ihr rufen, das hoffte sie zumindest.
Doch plötzlich waren Pferdegetrappel und das Räderknarren einer Kutsche zu hören. Bald darauf ertönten ein paar dumpfe Schläge am Haustor. Sie vernahm, wie der Hausknecht das Tor öffnete und mit dem Besucher ein paar Worte wechselte. Dann polterten die schweren Schritte des Knechts auf der Treppe. Er klopfte an, öffnete die Tür und blieb auf der Schwelle stehen. Der gebückte, grauhaarige Mann war schon bei ihren Eltern in Diensten gewesen. Bei der Belagerung von Paris durch den jetzigen König Henri IV. hatte er ihr zur Seite gestanden, denn ihr Mann, Martin Boursier, war zu der Zeit als Chirurg im Feld. Damals im Jahre 1589, beim Sturm des jetzigen Königs auf Paris, erreichte sie mit ihren drei Kindern und ihrer Mutter die Tore der Stadt, kurz bevor sie geschlossen wurden. So war sie nur knapp dem Tod entkommen. Bei dieser Belagerung von Paris galt Henri de Bourbon et de Navarre zwar als legitimer Nachfolger des ermordeten Königs Henri III. de Valois, aber es gab auch andere vermeintliche Thronanwärter, die ihm die Königswürde streitig machten. Daher musste sich Henri de Bourbon den Thron von Frankreich mühsam erkämpfen. Nach seinem Übertritt zum Katholizismus und seiner Thronbesteigung als König Henri IV. hatte er mit dem Toleranzedikt von Nantes die Religionskriege zwischen den Katholiken und den Protestanten geschlichtet. In Frankreich war nach langen Jahren des Blutvergießens endlich wieder Frieden eingekehrt.
»Madame, dort ist ein Bediensteter des ersten Kammerdieners seiner Majestät, des Monsieur de Pensier. Seine Hausfrau wünscht Euren Besuch, denn sie befindet sich sehr unwohl.« Louise seufzte. »Gut, sage, dass ich komme.« Sie legte einen weiten Umhang um und nahm ihre Tasche mit, die wie immer fertig gepackt in der kleinen Eingangshalle auf einer schwarzen Truhe stand. Dann bestieg sie die nach feuchtem Leder riechende Kutsche und holperte eine ganze Zeit lang auf dem harten Sitz dahin. Sie rief sich zur Ruhe, obwohl sie spürte, dass so etwas wie Gefahr in der Luft lag. Die Frau des Kammerdieners war nicht zum ersten Mal ihre Patientin, aber diesmal begleiteten Schmerzen und Komplikationen die Entwicklung der Schwangerschaft. Gott sei Dank war die Frau beharrlichen Sinnes und ließ sich weder von ihren Verwandten noch von den wohlmeinenden Nachbarinnen beirren oder Angst einjagen. Im Stillen befand sie, dass die Frau nach der letzten Geburt zu schnell wieder schwanger geworden war. Das war nicht gut für ihre ohnehin anfällige Gesundheit. Aber dies zu äußern war nicht ungefährlich, und da sie ein pragmatischer Mensch war, hatte sie geschwiegen. Sie wusste nur zu gut, was einer Hebamme drohte, die in den Verdacht geriet, den natürlichen Lauf der Dinge zu verhindern, und eine Unterstellung konnte schnell geäußert werden. Erst vor zwei Jahren war eine ihrer Schülerinnen, die geschickte Anne Laval, zum Tod durch den Strang verurteilt worden. Sie hatte sich durch das Elend einer schwangeren Witwe erweichen lassen und ihr ein Mittel beschafft, das ihr von der Schwangerschaft abhelfen sollte. Natürlich wäre die unglückliche Witwe im Fall einer unehelichen Niederkunft das Gespött aller Verwandten und Nachbarn geworden, und vielleicht hätte man sie sogar wegen ihres ehrlosen Verhaltens aus der Stadt vertrieben. Aber Louise wusste, dass sie als kundige Frau vorsichtig sein musste und sich keine Blöße geben durfte. König Henri IV. selbst hatte in letzter Minute einer Begnadigung der jungen und bis dahin unbescholtenen Anne zugestimmt. So war sie vor dem Tode bewahrt, aber aus der Stadt verjagt worden.
Endlich erreichte die Kutsche die hell erleuchtete Stadtwohnung des ersten Kammerdieners seiner Majestät. Louise mochte die diskrete und entschiedene Art des Monsieur de Pensier, die Weise, mit der er die Dinge regelte, alles sah, aber rücksichtsvoll schwieg. Er öffnete ihr selbst die Kutsche. Sein Haar und seine Kleidung waren durchnässt, aber das schien ihn nicht zu kümmern. In seinem Gesicht mit den vollen Wangen und der markanten Nase zeigte sich große Sorge. »Kommt schnell, Madame Bourgeois, meiner Frau Marie geht es sehr schlecht. Sie erwartet dringend Euren Rat und Eure Hilfe.« Eine Dienerin nahm ihr den Umhang ab, dann folgte Louise dem Hausherrn die Treppe zum Schlafgemach hinauf.
Erschrocken hielt sie inne, als sie im Schein einiger Öllichter seine hochschwangere Frau ganz bleich, mit eingesunkenen Wangen, tiefen Rändern unter den Augen und pfeifendem Atem im Bett liegen sah.
»Gut, dass Ihr da seid«, sprach Marie mit brüchiger Stimme. Auf die Frage, was denn geschehen sei, berichtete sie: »Seit dem Nachtmahl befinde ich mich übel auf und mache mir Sorgen um meine Frucht, da die Anzeichen sehr unrichtig sind.« Mühsam stützte sie sich auf und hustete. »Mein Hausherr hat mir aus dem Schloss zwei von der königlichen Tafel übrig gebliebene Täublein mitgebracht. Die habe ich zum Mittagsmahl verspeist.« Erschöpft hielt sie inne. »Danach verspürte ich ein starkes Drängen und Schmerzen im Leib. Mir brach der Schweiß aus, sodass ich das Hemd mehrmals wechseln musste, und es ist seither nicht besser geworden. Sagt, ist es etwas Schlimmes, werde ich meine Frucht verlieren?« Louise sprach ihr beruhigend zu: »Aber nein, Marie, Ihr habt alles gut und recht gemacht. Es wird nur eine kleine Sache sein und bald ist wieder alles in Ordnung. Nun lasst mich Euch ansehen und fühlen, ob alles so ist, wie es sein sollte.« Sie griffnach ihrer Tasche, entnahm ihr eine kleine Flasche mit Lilienöl, schlug dann das mächtige Oberbett zurück und schob das Hemd der Frau nach oben. Sie tastete den gewölbten Leib ab. Dann verteilte sie geschickt das duftende Öl über ihre Hände und befühlte Marie. »Es zeigt sich alles fest beschlossen, so wie es sein soll. Weder Euch noch Eurem Kind droht unmittelbare Gefahr, Gott sei Dank.« Sie ordnete an, der Kranken etwas angewärmtes Öl zuzubereiten, das sie ihr einflößte. Die Frau schluckte es mit dem Ausdruck des Widerwillens hinunter. Kurze Zeit später gab sie alles wieder von sich. Dann befahl Louise, ihr einen Trunk warme Milch mit einem Eigelb zuzubereiten. Den behielt sie bei sich.
Louise beobachtete die Kranke genau und sah mit Befriedigung, wie sie sich allmählich entspannte. Ihre Schultern sanken herab, und die steilen Falten auf ihrer Stirn glätteten sich. Auch ihr Atem ging ruhiger, und die Blässe verschwand. Louise war erleichtert. So schlimm, wie es den Anschein gehabt hatte, stand es also nicht. Die Frau hatte so ausgesehen, als habe ihr letztes Stündlein geschlagen. Louise kannte sich damit aus, denn dieser Anblick war ihr vertraut. Ihr selbst waren nur wenige Frauen unter der Geburt oder im Kindbett verstorben. Und auch dann war es oft nicht ihr Fehler gewesen, sondern sie war einfach zu spät gerufen worden oder die Frauen hatten sich starrsinnig geweigert, sich nach ihren Ratschlägen zu richten. Dieser Fall hier gab ihr jedoch Rätsel auf. Louise runzelte die Stirn und dachte nach, konnte sich aber an kein vergleichbares Ereignis erinnern. Da die Frau so hinfällig war, beschloss sie, ihr vorerst kein Mittel zur Erweichung des Leibes zu geben. Stattdessen ordnete sie an, in der Küche eine frische Hühnersuppe anzurichten und ihr später etwas davon zu reichen. Damit sollte die Kranke erst einmal wieder zu Kräften kommen.
Der Kammerdiener des Königs hatte an der Tür gewartet. Nun trat er auf sie zu und sah sie beunruhigt an. »Was sagt Ihr, Madame Bourgeois, wie steht es um meine Frau, ist es etwas Ernstes?« Als sie ihm berichtete, dass, soweit sie sehen könne, nichts wirklich Gefährliches mehr vorliege und seine Frau nun vor allem Ruhe brauche, sah er sie dankbar an. »Madame, ich werde Seiner Majestät berichten, was für ein Glück es ist, Euch in dieser Stadt Paris zu haben.«
»Rede Er ja nicht so laut. Er weiß genau, dass Seiner Majestät Leibarzt, Monsieur Dulaurens, so etwas nicht hören will«, antwortete sie und lächelte. Was für ein Mann, wie fürsorglich er war. Louise dachte an ihren eigenen Ehemann, Martin Boursier, und seufzte. Zwei Jahrzehnte war er Badergeselle bei dem hochberühmten Chirurgen Ambroise Paré gewesen und dann, nach seiner Heirat mit ihr, in den Dienst des königlichen Heeres eingetreten. Er war oft für lange Zeit im Feld. Auch diesmal hatte er den Auftrag, überall im Land in den verschiedenen königlichen Garnisonen Kranke und Verwundete zu behandeln. Er würde ihr noch länger fehlen. Sie musste sich damit abfinden, ob es ihr nun gefiel oder nicht. Louise saß eine ganze Weile am Bett der Frau. Die war in einen unruhigen Schlummer verfallen. Beruhigend strich sie ihr ab und zu über die Stirn. Manchmal schlug Marie die Augen auf und blickte sie dankbar an. »Gut, dass Ihr da seid, Madame Bourgeois«, flüsterte sie. Wie fast alle nannte sie die Hebamme bei ihrem Mädchennamen, obwohl sie schon lange verheiratet war, so war es üblich. »Ihr könnt beruhigt schlafen, ich bleibe noch eine Weile hier und gebe auf Euch acht«, sagte Louise. Sie nahm wahr, wie Marie mit einem tiefen Atemzug in ihre Kissen zurücksank.
Eine junge Dienerin betrat den Raum. »Der gnädige Herr lässt fragen, ob Ihr noch etwas benötigt?« Louise bat um einen Trunk Wein mit Wasser und bekam ihn auf einem Silbertablett mit einem geschliffenen Glas und in einer gläsernen Karaffe gereicht. Dann nahm die Dienerin einen Leuchter von einer Truhe und zündete die Kerzen an. Der warme Schein der Lichter spiegelte sich im polierten dunklen Holz eines mächtigen Schrankes wider. Louise kannte die Räumlichkeiten bereits, trotzdem ließ sie ihre Blicke bewundernd über die kostbare Einrichtung gleiten. Sie betrachtete den kleinen Tisch mit seinen verspielten Intarsien, Amor und Psyche darstellend, und eine Truhe aus dunklem Holz mit Eisenbeschlägen, auf der ein kleiner Teppich in feinen Farben lag. Dazu passten die an der Wand stehenden Sessel mit Armlehnen, bestickten Polstern und hohen Lehnen.
Sie dachte an die vielen schäbigen Behausungen, die sie im Laufe ihres Berufs schon gesehen hatte, und an die armen, von Not und Arbeit ausgemergelten Frauen, die oft zu den vielen schon vorhandenen Kindern noch weitere dazu bekamen. Häufig waren diese hinfälligen, schwachen Kinder gar nicht lebensfähig und verstarben bald.
Louise schauderte und legte sich ihren Schulterumhang um. Wie gut sie es da hatte: Sie war eine der wenigen Frauen, die einen angesehenen und auskömmlichen Beruf ausübte. Sie bewohnte ein schönes Haus in der Rue Saint-André des Arts, nicht weit von der Kirche entfernt, in der sie und Martin Boursier vor vielen Jahren getraut worden waren. Das war an einem Wintertag um fünf Uhr morgens gewesen. Die Nebel hatten über der Seine und den Bäumen gelegen, und sie war mit Freude und auch ein wenig Bangigkeit in dieses neue Leben getreten. Der große Ambroise Paré, der Meisterchirurg und Lehrherr ihres Mannes, hatte es sich nicht nehmen lassen, seinem langjährigen ersten Gesellen persönlich zu gratulieren. Sie war errötet, als er Martin zu seiner guten Wahl beglückwünschte und sie dabei freundlich anlächelte. Wenn sie damals geahnt hätte, wie alles kommen würde.
Von Martin, ihrem Mann, hatte sie lange nichts mehr gehört. Das war nicht verwunderlich bei den Entfernungen, die die Kuriere mit der Post oft zurücklegen mussten. Vor Jahren einmal, als sie ihn nach einer Schlacht im Kriegslager besuchte, war sie entsetzt über das Leid und Elend der Verwundeten. Gleichzeitig stieg Bewunderung in ihr auf, als sie sah, mit welcher Geschicklichkeit und Unerschrockenheit Martin Gliedmaßen amputierte und Wunden versorgte. Von ihm hatte sie Parés Buch über die Anatomie des Menschen bekommen, und er hatte ihr alles dazu gesagt, was er von seinem Meister wusste.
Louises Augen leuchteten auf bei dem Gedanken an Paré. Er war ihr heimliches Vorbild. So wie er wollte auch sie ihre ganze Energie der Erforschung der Heilkunde und ihrer Geheimnisse widmen. Es gab viel Neues zu entdecken, dessen war sie gewiss. Es machte ihr Freude, die Geheimnisse der Natur zu erkennen und sie für die Frauen nutzbar zu machen. Dabei hing viel von genauer Beobachtung und klarer Überlegung ab. Es hatte wenig zu tun mit den vielen abergläubischen Vorstellungen und Bräuchen, denen sie gerade bei der Behandlung der schwangeren Frauen immer wieder begegnete. Hatte nicht neulich wieder einmal eine gebärende Schwangere darauf bestanden, während der Entbindung die Hose ihres Mannes auf dem Kopf zu tragen, weil das angeblich die Geburt erleichtere? Ganz zu schweigen von den unter der Achsel zum gleichen Zweck zu tragenden Adlersteinen oder den gelösten Gürteln und was es da sonst noch alles gab. Louise schüttelte den Kopf. Solche Dinge halfen nur denjenigen, die sie verkauften und dafür ordentlich Geld einstrichen.
Viele Monate führte sie jetzt schon ihr Haus in alleiniger Zuständigkeit. Sie betrieb ihre Geschäfte als Hebamme und sorgte außerdem für Haus und Hof, für ihre jüngste Tochter Françoise und das Gesinde. Sie war es gewohnt und Jammern half auch nichts. Ihr fiel die Marketenderin ein, die ihrem Martin mit schönen Augen und lockeren Gesten eindeutige Avancen gemacht hatte. Sicher, er war ein ansehnlicher Mann von hochgewachsener Statur, mit dichtem schwarzem Haar, sehr blauen Augen und einem charmanten Lächeln, bei dem zu dem Grübchen im Kinn noch zwei in den Wangen dazukamen. Und Martin war geschmeichelt gewesen und hatte sich wie ein Gockel aufgeführt. Louise bemerkte, wie bei dem Gedanken immer noch Gefühle von Ärger und Enttäuschung in ihr aufstiegen.
Die Dienstbotin schreckte sie aus ihren Gedanken auf. »Madame Bourgeois«, sprach das junge Mädchen sie an, »der Herr lässt fragen, ob Ihr noch einen Wunsch habt und ob er etwas für Euch tun kann?« »Ich komme gleich«, antwortete Louise und wandte sich zu der Frau im Bett. »Meine Tochter, ma fille, ich werde nun gehen. Ihr könnt beruhigt schlafen, denn es ist alles wieder in der richtigen Ordnung.« Marie schlug die Augen auf und streckte die Hand nach ihr aus. »Ich danke Euch, Madame Bourgeois, ich fühle mich schon weit besser, Adieu.«

 

Der Morgen graute schon, als Louise vor ihrem Haus ankam. Sie war sehr müde und hatte keinen Blick für das Schild, das deutlich sichtbar über ihrem Haustor angebracht war. Es zeigte einen Knaben mit einer Lilie in der Hand. Dies war das Wahrzeichen ihres Standes. Den Frauen, die sie aufsuchen wollten, um sich mit ihr zu besprechen und ihren Rat einzuholen, wurde so im Gewirr der Häuser der Weg gewiesen. Ihre junge Gehilfin Martine, ein gerade sechzehnjähriges Mädchen mit wachen, dunklen Augen und glänzend schwarzen, um den Kopf festgesteckten Zöpfen, kam ihr schon im Haustor entgegen. »Madame, die Oberhebamme Estiennette Rimbault wünscht Euch dringend zu sprechen. Sie bittet Euch, ihr baldmöglichst einen Besuch abzustatten.« Estiennette Rimbault leitete die Geburtsstation des Hôtel-Dieu von Paris, des ältesten und berühmtesten Krankenhauses von Frankreich. Es lag in unmittelbarer Nähe der Kathedrale von Notre-Dame. Louise war seit langen Jahren gut mit der Oberhebamme befreundet. Ihre Freundschaft beruhte auf persönlicher Sympathie und gleichen Interessen. Weit über Paris hinaus genoss Estiennette Rimbault einen Ruf als Kapazität in der Geburtshilfe.
Louise fragte Martine, ob Estiennette gesagt habe, worum es sich handele, aber das Mädchen verneinte. Also sagte sie ihrer Gehilfin, dass sie jetzt erst einmal ein wenig Schlaf brauche und später dann die Oberhebamme aufsuchen wolle. »Wecke mich nur, wenn es unbedingt nötig ist, liebes Kind, es war wieder einmal eine lange Nacht, aber nun ist gottlob alles wieder auf dem rechten Weg.« Die Schülerin strahlte. Wenn jemand sich auskannte und in schwierigen Fällen Rat wusste, dann war es ihre Lehrmeisterin. Martine hatte sich schon als Kind gewünscht, den Beruf der Hebamme zu erlernen, und so lange auf ihren Vater eingeredet, bis er ihr endlich ihren Willen ließ. Wie oft war sie in die Kirche gelaufen und hatte Kerzen angezündet, damit ihr Wunsch erhört würde. Die Gottesmutter hatte geholfen.
Louise schlief bis in den Vormittag hinein. Dann wurde sie langsam von den Geräuschen der Straße und des Hauses geweckt. Da war das Rasseln der vorbeifahrenden Kutschen, das Rufen der Kutscher, das laute Hin und Her der Stimmen ihrer Nachbarinnen. Aus den unteren Räumen des Hauses klangen das Klappern von Töpfen, die Stimmen der beiden Bediensteten und der Köchin sowie die dunkle Stimme des Hausknechts. Rasch stand sie auf, denn ihr fiel wieder ein, dass Estiennette Rimbault nach ihr hatte rufen lassen. Martine half ihr bei der Toilette, beim Frisieren, beim Schnüren der engen Jacke mit dem üppig gefältelten Schößchen, beim Richten des hohen weißen Kragens mit der Spitzenborte und beim Ordnen ihres Gewandes. Dann aß Louise in der Küche eine Kleinigkeit und besprach dabei den Speiseplan für das Mittag- und Abendessen sowie für die Speisen des nächsten Tages mit der Köchin Marianne. Diese war ihrer Hausherrin sehr ergeben. Marianne war bereits als junges Mädchen im Haus der Eltern von Louise angestellt gewesen und die Hebamme vertraute ihr völlig. Louise wusste, dass sie sich auf Marianne, die im Laufe der Jahre die Aufgaben einer Haushälterin übernommen hatte, verlassen konnte, wenn sie ihrer Geschäfte wegen wieder einmal unterwegs war.

Hannah Brebeck

Über Hannah Brebeck

Biografie

Hannah Brebeck wuchs im Rheinland und in Südamerika auf und lebt nun in Düsseldorf. Nach dem Pädagogikstudium war sie als Lehrerin tätig, bevor sie sich entschloss, Psychologie zu studieren. Sie war Lehrbeauftragte an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität und arbeitet heute als...

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