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Das Jade-MedaillonDas Jade-Medaillon

Das Jade-Medaillon

Roman

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Das Jade-Medaillon — Inhalt

Kiautschou, 1914: Die Auswanderin Helene hat ein gebrochenes Herz: Zwar hat sie mit Erich den Mann ihrer Träume geheiratet, doch Erich nahm sie nur zur Frau, weil er ihre Schwester Amelie, die er über alles liebte, nicht bekommen konnte. Fernab von Erich findet Helene nun beim Chinesischen Roten Kreuz einen neuen Lebenssinn – wozu der attraktive Chinese Kang, den sie verletzt vor dem Krankenhaus aufliest, einiges beiträgt. Doch dann taucht Erich auf, und Helene muss sich entscheiden, welchen Weg sie einschlägt …

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 14.07.2014
480 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30475-7
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 14.07.2014
480 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96490-6

Leseprobe zu »Das Jade-Medaillon«

Prolog

Qingdao, im September 2012

 

»Christa, hallo, geht es Ihnen gut?«

Durch Christas Körper ging ein Ruck, und sie schlug die Augen auf. Für ein paar Sekunden hatte sie die Orientierung verloren und blickte sich verwirrt um.

Sie saß an einem Tisch bei Kaffee und Kuchen, und ihr Gegenüber war eine hübsche Chinesin, deren Alter sie auf fünfundzwanzig bis achtundzwanzig schätzte. Yan-Tao, das war ihr Name, fiel es Christa wieder ein. Sie saßen im offenen Dachgarten eines Hochhauses und hatten einen guten Blick auf die Stadt am Gelben Meer: Qingdao.

»Geh [...]

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Prolog

Qingdao, im September 2012

 

»Christa, hallo, geht es Ihnen gut?«

Durch Christas Körper ging ein Ruck, und sie schlug die Augen auf. Für ein paar Sekunden hatte sie die Orientierung verloren und blickte sich verwirrt um.

Sie saß an einem Tisch bei Kaffee und Kuchen, und ihr Gegenüber war eine hübsche Chinesin, deren Alter sie auf fünfundzwanzig bis achtundzwanzig schätzte. Yan-Tao, das war ihr Name, fiel es Christa wieder ein. Sie saßen im offenen Dachgarten eines Hochhauses und hatten einen guten Blick auf die Stadt am Gelben Meer: Qingdao.

»Geht es Ihnen gut, Christa?«, wiederholte Yan-Tao ihre Frage. »Sind Sie von der langen Reise erschöpft?«

»Ja, das wird es sein. Mein Lufthansa-Flug hatte ja einige Verspätung.« Christa lächelte der Frau zu, die sie erst seit wenigen Stunden persönlich kannte. »Umso dankbarer bin ich Ihnen, dass Sie mich vom Flughafen abgeholt haben.«

Sie griff nach ihrer Tasse und fragte sich, ob es wirklich nur die Ermüdung nach der langen Reise war. Vor zwei Tagen war sie von Berlin nach Frankfurt geflogen und hatte dort eine Nacht im Hotel verbracht. Gestern Abend hatte sie dann den Airbus bestiegen, der fast elf Stunden bis zur chinesischen Industriemetropole Shenyang gebraucht hatte. Dort hatte sich der eigentlich recht kurze Weiterflug nach Qingdao verzögert. Sie war wirklich hundemüde, obwohl sie endlich hier war – in Qingdao!

Aber vielleicht lag es nicht nur an der anstrengenden Reise. Vielleicht, dachte Christa, lag es auch an ihren Medikamenten. Oder an der Krankheit, die sie zwang, diese Medikamente einzunehmen. Aber das blieb sich letztlich gleich.

Hatte sie sich zu viel vorgenommen, als sie beschloss, im fernen Tsingtau, wo ihre Großeltern sich vor mehr als hundert Jahren kennengelernt hatten, auf Spurensuche zu gehen?

Würde sie hier fündig werden?

Es war so ganz anders als die Stadt, von der ihre Großeltern erzählt hatten.

Sie blickte abermals hinunter auf die pulsierende Großstadt. Ein Häusermeer mit mehr als acht Millionen Einwohnern. Wolkenkratzer reckten ihre Spitzen in den smogbleichen Himmel.

Nein, das war nicht mehr das bei aller Geschäftigkeit beschauliche Tsingtau, in dem Amelie und Tian sich kennengelernt hatten. Dies war eine pulsierende Industrie- und Hafenstadt, wie es viele gab im ständig wachsenden modernen China.

»Natürlich habe ich mich vorher über das heutige Qingdao informiert«, seufzte sie, nachdem sie ihren Kaffee ausgetrunken hatte. »Aber ich habe es mir doch ein wenig anders vorgestellt.«

»So wie aus den Erzählungen Ihrer Großmutter Amelie?«, fragte Yan-Tao.

Die Chinesin sprach ein perfektes Englisch, viel besser als Christa. Aber immerhin, Christas Englisch genügte, um sich fließend mit ihr zu unterhalten.

»Ein wenig schon, ja. Wenn meine Großmutter die Stadt beschrieb, sprach sie von einem süßen, honiggleichen Duft und von Hügeln in der Stadt und ringsum. Hier sehe ich kaum welche, und auch von dem alten Straßenbild ist nur wenig zu erkennen.«

»Viele Hügel wurden eingeebnet, um Platz für neue Wohngebiete zu schaffen. Früher war die Kolonialzeit kein beliebtes Thema in China, und viele der alten Gebäude wurden abgerissen. Was noch da ist, zeige ich Ihnen gern in den kommenden Tagen. Heute stehen wir der damaligen Zeit viel unbekümmerter gegenüber und bauen ganze Wohnsiedlungen ›in deutscher Art‹, wie wir es nennen.«

Christa horchte auf.

»In deutscher Art?«

»Keine Hochhäuser, sondern kleinere Gebäude, die sich in die Landschaft einfügen und eben deutsch aussehen.« Yan-Tao musste lachen. »Na ja, jedenfalls unserer Ansicht nach.«

»Das würde ich mir gern einmal ansehen«, sagte Christa.

»Schön, es ist die richtige Jahreszeit für Ausflüge. Der September ist vom Klima her ein guter Monat in Qingdao. Mildes Wetter, sehr angenehm.«

Christa nickte. »Auch Amelie und Helene sind im September hergekommen, im September 1908.«

Ihr Gegenüber strahlte plötzlich über das ganze Gesicht.

»Ich finde es einfach toll, dass Sie hier sind, Christa! Als ich Ihre Anfrage im Forum las, konnte ich es kaum glauben: ›Nachfahrin von Liu Tian und Amelie Liu, geborene Kindler, sucht Informationen über Erich Schweiger und Helene Schweiger, geborene Kindler.‹ Ich wollte schon so lange mehr über das Schicksal von Amelie und Liu Tian erfahren! Deshalb habe ich mich auch in dem Internetforum über das historische Tsingtau angemeldet. Aber dass ich Sie dort finde, unglaublich!«

»Denken Sie, so alte Leute wie ich benutzen kein Internet?«

Yan-Tao maß sie mit einem kurzen Blick.

»Wieso, Sie sind doch allenfalls Anfang fünfzig.«

»Danke für die Blumen«, lachte Christa. »Ich habe ja schon gehört, dass die Chinesen sehr höflich sein sollen.«

»Älter hätte ich Sie wirklich nicht geschätzt.«

»Schön für mich, aber Sie können da noch mal satte zehn Jahre draufschlagen.«

Die Chinesin aß ein Stück von der Kirschtorte nach Schwarzwälder Art, die hier im Deutschen Kaffeehaus als Spezialität angeboten wurde, und sagte: »Auch wenn es Ihr Bild von den höflichen Chinesen zerstört, darf ich Sie zuerst bitten, mir über Amelie und Liu Tian zu erzählen? Ich bin schon so gespannt. Soviel ich weiß, haben die beiden Tsingtau im Frühjahr 1919 mit dem Schiff in Richtung Europa verlassen. Sind sie jemals wieder zurückgekehrt?«

»Nie wieder«, sagte Christa und bestellte bei einem vorbeieilenden Kellner noch einen Kaffee. »Sie haben sich mit ihrem kleinen Sohn Erich Cheng, meinem Vater, in der Nähe von Berlin niedergelassen. Dort hatten sie später, als ich ein Kind war, ein kleines Haus mit einem schönen Garten. Ich bin immer gern bei ihnen gewesen und habe mir die Geschichten von China angehört.«

Christa erzählte von ihren Großeltern, von deren Erlebnissen in Tsingtau und ihrem späteren Leben in Deutschland, bis es dunkel wurde und sie immer öfter gähnen musste.

»Jetzt habe ich Sie derart lange aufgehalten, obwohl die Reise Sie so sehr ermüdet hat«, sagte Yan-Tao. »Ich bringe Sie jetzt zu Ihrem Hotel, und dort schlafen Sie sich richtig aus. Ich habe morgen Frühdienst. Aber am Nachmittag hole ich Sie ab und zeige Ihnen etwas von Qingdao und auch vom alten Tsingtau, wenn Sie möchten.«

»Liebend gern, Yan-Tao, aber vielleicht können wir das an einem der nächsten Tage machen. Vorher würde ich gern hören, was Sie zu erzählen haben. Über damals, meine ich. Ich bin nämlich auch schon so gespannt.«

»Oh, natürlich. Dann fahren wir einfach zu mir, und ich koche etwas für uns. Da sind wir ganz ungestört.«

Als sie am nächsten Tag mit dem Taxi vom Hotel zu Yan-Tao fuhren, war Christa überrascht. Die Chinesin wohnte in einer der »deutschen Siedlungen«, von denen sie gestern erzählt hatte.

Die Häuser waren dicht an ein Stück Wald gebaut. Auf den ersten Blick konnte man wirklich glauben, sich in einem Vorort irgendwo in Deutschland zu befinden.

Yan-Tao führte Christa in ihre stilvoll eingerichtete Zweizimmerwohnung im ersten Stock und fragte: »Möchten Sie deutschen Kaffee oder chinesischen Tee?«

»Ich versuche es mit dem Tee«, sagte Christa und ließ sich auf dem hellblauen Sofa nieder.

Die Zeit, die ihre Gastgeberin in der Küche verbrachte, gab ihr Gelegenheit, eine ihrer Pillen zu nehmen.

Die Chinesin kam mit einem großen Holztablett zurück und setzte sich in den Sessel zu Christas Rechten.

»Chrysanthementee. Ich hoffe, er schmeckt Ihnen.« Sie sah Christa an. »Ich habe ja noch viele Fragen zu Ihrer gestrigen Erzählung über Amelie und Tian, aber heute bin ich wohl erst einmal mit dem Erzählen an der Reihe.«

»Das wäre schön«, sagte Christa und probierte eins von den kleinen Gebäckstücken. »Sie sagten, Sie seien in gewisser Weise eine Nachfahrin meiner Großtante Helene. Das hat mich natürlich neugierig gemacht. Offiziell galt Helene ja als tot. Zum vermuteten Zeitpunkt ihres Todes hatte sie keine Kinder gehabt.«

Yan-Tao nickte.

»Man hielt sie für tot. weil sie auf dieser Insel über die Klippen gestürzt ist, ich weiß.«

»Großmutter Amelie erzählte mir, später sei Helenes Jade-Medaillon mit dem Abbild eines Hundes wiederaufgetaucht, und daraufhin habe ihr Mann Erich sich auf die Suche nach ihr begeben.«

»Mit dem Flugzeug, das er zusammen mit seinem Freund Jakob gebaut hatte«, ergänzte Yan-Tao.

»Ja, das stimmt. Er ist nachts gestartet, weil die Japaner Tsingtau besetzt hatten. Amelie, Tian und ein paar Freunde haben ihn zum Flugplatz begleitet, um ihm beim Start zu helfen. Das war im November 1914. Erich ist mit seinem Flugzeug, dem Adler von Tsingtau, im Nachthimmel verschwunden. Das ist das Letzte, was meine Großeltern von Erich gesehen oder gehört haben. Auch von ihrer Schwester Helene hat Amelie nie wieder etwas gehört. Wir haben uns immer gefragt, ob Helene wirklich noch am Leben war – und ob Erich sie gefunden hat.«

»Wenn Sie möchten«, sagte Yan-Tao gedehnt, »kann ich Ihnen das verraten.«

Christa legte beide Hände zusammen wie ein kleines Kind, das artig »Bitte, bitte« machte.

»Ich bitte sehr darum, Yan-Tao, deshalb bin ich ja hier.«

Die Chinesin lächelte.

»Meine Geschichte beginnt da, wo Ihre aufhört. Es war im November 1914 …«

 

Erster Teil:

Im Tal der Lotosblumen

 

1

Es war November, und in der alten Heimat, in Deutschland, mochte bereits Schnee liegen, mochte die Luft schon vor Frostkälte klirren. Davon war hier nichts zu spüren. Die Provinz Schantung an der chinesischen Ostküste hatte im Winter ein mildes Klima, was die deutsche Handelsniederlassung Tsingtau zu einem beliebten Kur- und Erholungsort hatte werden lassen. Deutsche und andere Europäer, die rund um das Gelbe Meer lebten, waren in den Wintermonaten gern nach Tsingtau gereist, und man hatte die geschäftige Stadt wegen der internationalen Prägung das »chinesische Monte Carlo« oder das »Neapel am Gelben Meer« genannt.

Vor Helenes innerem Auge tauchten die Bilder der Vergangenheit auf: Tsingtau mit seinen teils deutsch geprägten, teils chinesischen Straßenzügen. Rikschaläufer, die eilfertig deutsche Geschäftsleute durch die Straßen zogen. Geschäftsleute wie ihren Vater Heinrich Kindler und ihren Bruder Fritz. Sie sah das Villenviertel der wohlhabenden Europäer, die Handwerkergassen der Chinesen, die Strandpromenade und den Badestrand mit den vielen Badehütten und dem dreistöckigen Strandhotel.

Vor die Straßen und Gebäude schoben sich Gesichter: ihre Eltern, ihr Bruder und ihre Schwester Amelie, an der sie sehr gehangen hatte und von der sie doch so enttäuscht worden war.

Ein weiteres Gesicht verdrängte, wie so oft in ihren Erinnerungen an das verlorene Leben, alle anderen. Das Gesicht eines Mannes, gut geschnitten, bartlos, mit graublauen Augen. Ein kräftiger roter Haarschopf verlieh der Erscheinung eine besondere Prägung.

Sie hatte sich sofort in diesen Mann verliebt, als seine Familie sie, ihre Eltern, ihren Bruder und ihre Schwester zum Essen eingeladen hatte. Liebe auf den ersten Blick, so nannte man das wohl in den Romanen von Hedwig Courths-Mahler, von E. Marlitt oder von Wilhelmine Heimburg. In all den Büchern von großer, scheinbar unerfüllbarer Liebe einfacher Frauen zu Männern, denen sie ganz und gar verfallen waren.

Zu Männern wie jenem, dem Helene ganz und gar verfallen war.

»Erich!«

Ohne es zu wollen, hatte sie den Namen laut ausgesprochen. Sie ärgerte sich darüber, dass ihr das noch immer passierte, hatte sie ihn doch seit mehr als zwei Jahren nicht mehr gesehen. Wenn es nach ihr ging, würde sie ihn auch nie mehr wiedersehen.

Er hatte sich für eine andere entschieden und hatte es nicht einmal fertiggebracht, es ihr offen zu sagen. Aber nur zu gut erinnerte sie sich an die eindeutige Szene auf der Insel Schui ling schan und auch an den Namen, den Erich oft voller Verlangen geflüstert hatte.

Nicht ihren Namen, sondern den ihrer drei Jahre älteren Schwester: Amelie.

Amelie, die nicht nur an Jahren reifer war als sie. Amelies ganzes Wesen war erfahrener, erwachsener. Sie konnte aus sich herausgehen und zeigen, wenn ihr etwas gefiel. Oder jemand.

Jemand wie Erich. Auch Amelie hatte sich an jenem Abend in den großen, rothaarigen Kaufmann verguckt, dessen Leidenschaft der Fliegerei galt. Das war ein Schock für Helene gewesen, hatte sie doch gewusst, dass sie gegen ihre Schwester niemals eine Chance haben würde.

Nicht äußerlich, da waren sich die beiden Töchter des Kaufmanns Heinrich Kindler sogar sehr ähnlich. Beide waren hübsch und hatten das gleiche dunkelblonde, lockige Haar. Nein, nicht mit ihrem Aussehen war Amelie der Schwester überlegen, sondern mit ihrem offenen, einnehmenden Wesen.

Und natürlich war es Amelie gewesen, die Erich an jenem Abend darum gebeten hatte, ihn zu einem Rundflug über Tsingtau zu begleiten, nicht Helene. Wobei Helene, wenn sie ehrlich zu sich war, nicht wusste, ob sie denselben Mut wie Amelie hätte aufbringen können und zugesagt hätte. Das war eben der Unterschied zwischen ihr und Amelie.

Dass schließlich Helene und nicht Amelie Erichs Frau geworden war, hatte sie damals als eine Fügung des Schicksals aufgefasst. Eine glückliche Fügung, hatte sie gedacht, aber wie sehr hatte sie sich da getäuscht!

Amelie hatte sich in den Chinesen Liu Tian verliebt und ihn gegen alle Widerstände geheiratet, obwohl sie mit Erich bereits verlobt gewesen war. Als Erich daraufhin Helene einen Antrag gemacht hatte, hatte sie gedacht, das Schicksal oder der liebe Gott meine es gut mit beiden Schwestern.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sie noch nicht gewusst, dass Erich nur Amelie in ihr gesehen und gesucht hatte. Dass er sie lediglich deshalb geheiratet hatte, weil sie ihn so sehr an ihre Schwester erinnerte.

Wenn sie aufrichtig mit sich war, dann musste sie sich eingestehen: Vielleicht hatte sie es geahnt. Aber diese schwache Ahnung, den Hauch einer Vermutung, hatte sie schnell und konsequent verdrängt. Ganz so, wie man ein lästiges Insekt mit einer Handbewegung verscheuchte. Sie würde Erich eine gute, treue Frau sein, und er würde sie dann um ihrer selbst willen lieben und nicht, weil er in ihr eine zweite Amelie sah.

So oder ähnlich musste sie damals gedacht haben, sie wusste es nicht mehr genau. Für sie hatte nur gezählt, dass Erich, der Unerreichbare, um sie geworben und sie gebeten hatte, seine Frau zu werden. Ohne zu überlegen, hatte sie Ja gesagt und war mit ihm zurück nach China gegangen, zurück in die deutsche Handelsniederlassung Tsingtau.

»Vorbei, für immer vorbei!«, sagte sie halblaut zu sich selbst und schüttelte sich heftig, als könne sie die Bilder aus ihrem früheren Leben auf diese Weise loswerden.

Da hörte sie ein Räuspern hinter sich und eine männliche Stimme: »Ist Ihnen kalt, Helene? Soll ich Ihren Mantel holen?«

Helene drehte sich um und sah Dr. Ehrmann in der Tür stehen, die sie nicht hinter sich geschlossen hatte. Sie war unter das Vordach getreten, um die noch frische Morgenluft zu genießen, bevor die Arbeit begann.

Rudolf Ehrmann war ein kleiner, drahtiger Mittfünfziger mit kurz geschorenem eisgrauen Haar und einem ebenfalls grauen Bart um Mund und Kinn. Er war der Leiter dieses Hospitals, zugleich seine gute Seele – die Kraft, die alles zusammenhielt. In dem schmalen Körper steckte eine enorme Energie, und einiges davon schien auf Helene übergegangen zu sein, seitdem sie mit ihm zusammenarbeitete.

Sie hatte sich verändert, zu ihrem Vorteil, wie sie selbst fand, und das verdankte sie zu einem nicht geringen Anteil Dr. Ehrmann.

Helene lächelte leicht und sagte: »Ich friere nicht, vielen Dank, Herr Doktor.«

»Ich dachte, Sie hätten gezittert.«

»Das habe ich, aber nicht wegen der Temperatur. Es war etwas anderes.«

Für einen Augenblick las sie Zweifel und Besorgnis im Blick seiner graubraunen Augen, dann bemühte auch Dr. Ehrmann sich um ein Lächeln.

»Seien Sie nicht zu leichtsinnig. Die Sonne, die sich da über die Hügel schiebt, kann einen leicht täuschen. Wir haben November. Und noch etwas: Vergessen Sie nicht zu frühstücken, bevor Sie zum Dienst erscheinen!«

»Ich habe gar keinen Hunger.«

»Spielt keine Rolle, Sie frühstücken!«, sagte er zwar streng, aber doch mit einem Schmunzeln um die Mundwinkel.

»Ist das eine ärztliche Anordnung, Herr Doktor, oder gar ein dienstlicher Befehl?«

»Ein wohlgemeinter Rat, und ein egoistischer noch dazu.«

»Wieso das?«

»Na, wer soll Ihre Arbeit übernehmen, wenn Sie mir zusammenklappen, Schwester Helene?«

Nach diesen Worten verschwand er im Halbdunkel des Hauses, und Helene stand wieder allein auf der großen Veranda des Lián-Hospitals.

Der Name hätte nicht passender gewählt sein können. »Lián« war das chinesische Wort für den Lotos, und Lotosblumen wuchsen tatsächlich zahlreich in dem kleinen See unweit des Hospitals. Der Lotos war mit seiner Fähigkeit, Wasser und damit auch Schmutz von sich abperlen zu lassen, ein Symbol für Reinheit und Treue. Für ein Krankenhaus war das alles andere als ein schlechtes Aushängeschild.

Helene betrachtete den See, in dem im Sommer die rosafarbene Lotospracht erblühte, lauschte dem Quaken eines unsichtbaren Frosches und lächelte dabei leicht. Es war ein Lächeln der Zufriedenheit. Hier im Lián-Hospital schien alles andere so weit weg, weit genug, um sie nicht einzuholen. Vor allem die Stadt Tsingtau mit Amelie und Erich und all den bösen Erinnerungen.

War sie ein Feigling, dass sie davor geflohen war? Dass sie sich einfach davongestohlen und die anderen, ihren Mann und ihre Familie, über ihr Schicksal im Unklaren gelassen hatte?

Sie beantwortete sich diese Fragen nach inzwischen reiflichem Nachdenken mit einem deutlichen Nein.

Warum hätte sie sich selbst weiter quälen sollen? Was hätte ihr oder den anderen das genutzt?

Was ihr auf der Insel Schui ling schan zugestoßen war, war vielleicht vom Schicksal so beabsichtigt gewesen. Helene wollte nicht zurück in ihr altes Leben, auf keinen Fall.

Deshalb war es vielleicht am besten, dass alle anderen sie für tot hielten. Oder wie Dr. Ehrmann zu sagen pflegte: »Ein klarer Schnitt ist oft die beste Lösung.«

Und doch quälte sie sich selbst in dieser Zeit der Unruhe und des Krieges mit der Frage, ob sie richtig handelte. Wie oft war sie in den letzten Wochen von einem schlechten Gewissen gepackt worden, wenn sie an die blutigen Kämpfe dachte, die Tsingtau auszustehen hatte.

Drüben in Europa waren alle verrückt geworden und hatten sich gegenseitig den Krieg erklärt, nachdem der österreichisch-ungarische Thronfolger und seine Gemahlin bei einem Besuch in Sarajevo einem Attentat zum Opfer gefallen waren. Deutschland und Österreich-Ungarn kämpften gegen Serben und Russen, gegen Engländer und Franzosen und jetzt auch gegen die Japaner, die doch eigentlich so weit weg waren von Europa.

Letztere wollten sich die deutsche Handelsniederlassung Tsingtau einverleiben und hatten einen immer dichter werdenden Belagerungsring um die Stadt gezogen. In der alten Missionsstation in den Bergen hatten sie den Geschützdonner gehört, und sie hatten Verwundete gepflegt, manche schrecklich zugerichtet und einige mit tödlichen Wunden.

Hätte Helene nach Tsingtau zurückkehren müssen, um ihrer Familie beizustehen – und Erich?

Sie hatte oft darüber nachgedacht, aber dann hatte sie es doch verworfen. Dieses alte Leben war vorbei, und in ihrem neuen als Schwester Helene tat sie ihre Pflicht, häufig mehr als das, wenn sie sich bis zum Rande der Erschöpfung um Kriegsverletzte kümmerte.

Auch das lag jetzt zum Glück hinter ihr. Die Missionsstation in den Bergen war von ihrer Betreiberin, einer kleinen evangelisch-lutherischen Gemeinschaft, unter dem zunehmenden Druck der Kampfhandlungen aufgegeben worden.

Aber Dr. Ehrmann wollte sich weiterhin um die Einheimischen kümmern, gerade in dieser schweren Zeit, und hatte ein Angebot des Chinesischen Roten Kreuzes angenommen, das weiter im Hinterland der Provinz Schantung gelegene Lián-Hospital zu leiten. Helene war überglücklich gewesen, als Ehrmann sie mitgenommen hatte, hierhin, an diesen idyllischen Ort, wo Hass und Krieg und Gewalt so weit weg waren. Kurze Zeit war sie erst hier, und doch fühlte sie sich schon heimisch und wollte gar nicht mehr fort.

Ihr Blick glitt hinüber zu den Hügeln, die das lang gestreckte Tal von der kriegerischen Welt abschirmten. Durch den kleinen Fluss, der das Tal in der Mitte durchschnitt und in den See am Hospital mündete, war dies eine sehr fruchtbare Gegend, und wie die Perlen an einer Schnur reihte sich ein kleines Bauerndorf an das nächste.

Dort arbeiteten einfache Menschen, pflanzten Hirse und Mais an und waren doch zufrieden mit dem wenigen, das sie hatten. Im Gegensatz zu vielen Europäern, deren Bekanntschaft Helene in ihrem früheren Leben gemacht hatte und die umso gieriger wurden, je mehr sie besaßen.

Dies war jetzt ihre Welt, und sie war zufrieden hier, zufriedener als jemals zuvor in ihrem Leben.

Sie verließ den hölzernen Vorbau, um sich mit einem kleinen Spaziergang am See den nötigen Frühstückshunger zu holen. Das Quaken des einsamen Frosches verstummte, als fühle er sich durch sie gestört. Dafür hörte sie etwas anderes.

Waren es Stimmen?

Leises Getuschel?

Am Seeufer blieb sie stehen und lauschte. Nein, sie musste sich getäuscht haben. Da war nichts sonst, nur das leichte Rascheln des Schilfgrases in der Morgenbrise.

Sie wollte gerade weitergehen, als sie erneut Stimmen zu hören glaubte.

Zu ihrer Linken, keine hundert Meter entfernt, bewegte sich das Schilfgras. Es sah aus, als liefen darin große Tiere, die vor ihr Reißaus nahmen.

Ihr Herz schlug schneller, und ein Anflug von Furcht erfasste sie. Ihre Nackenhaare sträubten sich bei dem Gedanken an wilde, gefährliche Tiere, die sich nicht weit von ihr herumtreiben mochten. Aber dann sagte sie sich, dass es in dieser Gegend überhaupt keine wilden Tiere gab, jedenfalls keine von gefährlicher Größe.

Das Schilfgras war wieder still, beugte sich nur leicht im Wind, und auch die an Stimmen erinnernden Geräusche waren nicht mehr zu hören.

Hatte Dr. Ehrmann recht, fehlte ihr einfach ein gutes Frühstück?

Sie dachte an seinen »wohlgemeinten Rat« und wollte schon zurück ins Haus gehen, um sich an den Frühstückstisch zu setzen, aber ihre Neugier hielt sie davon ab. Da war bestimmt etwas gewesen, und sie wollte herausfinden, was hier vor sich ging.

Zögernd setzte sie einen Fuß vor den anderen und näherte sich der Stelle, an der sie die Bewegungen im Schilfgras erstmals wahrgenommen hatte.

Sie sah etwas Großes, Dunkles, das am Rand des Schilfes lag, ganz still, wie ein riesiger Stein oder ein totes Tier.

Aber als sie näher trat, erkannte sie die Wahrheit: Es war ein Mensch, ein Mann, und er war offenbar verletzt.

Über Victoria Lundt

Biografie

Victoria Lundt wurde in Schanghai als Tochter eines dänischen Diplomaten und einer deutschen Cellistin geboren. Von ihrem Vater erbte sie das Interesse für ferne Länder, von ihrer Mutter die künstlerische Ader. Erst mit ihren Eltern und später in ihrem Beruf als Journalistin und...

Pressestimmen

TOP Magazin Dortmund

»Zauberhaft, unbedingt lesenswert!«

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