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Das Imago-ProjektDas Imago-Projekt

Das Imago-Projekt

Roman

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Das Imago-Projekt — Inhalt

Für die letzten freien Menschen, die in einem Schwarm aus 28 Großraumschiffen durch die Galaxis ziehen, ist die zerstörte Erde nur noch eine ferne Erinnerung. Verfolgt von gnadenlosen Feinden stoßen sie auf eine Intelligenz, die fremder nicht sein könnte: Eine gigantische Sphäre umhüllt einen Stern. Wer immer dort lebt – er beweist schon beim Erstkontakt, dass er der Menschheit weit überlegen ist. Aber die Kommunikation mit der Sphäre gestaltet sich schwierig und Hinweise auf ein sogenanntes Imago-Projekt deuten auf eine verstörende Wahrheit hin. Das Militär rüstet zum Kampf gegen die Sphäre, doch Kara Jeskon glaubt fest an ihren Traum, dass es jenseits der Konflikte auch die Chance auf Frieden gibt. Kann sie den Kontakt zur geheimnisvollen Sphäre nutzen, um der Menschheit eine Zukunft zu eröffnen, die sie mit sich selbst und dem Universum versöhnt?

€ 16,00 [D], € 16,50 [A]
Erschienen am 03.04.2018
496 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-70482-3
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 03.04.2018
496 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99077-6

Leseprobe zu »Das Imago-Projekt«

1 Reise

 

Durch das Nordfenster sah Kara Jeskon einen Himmel aus Chrom, in dem sich das Licht der tief im Westen stehenden Sonne wie ein Fluss aus Lava spiegelte. Fünfzig Meter über der Kanzel, in der die Delegationen um den angemessenen Tauschwert von genetisch optimiertem Saatgut, Nahrungsmitteln und Informationen feilschten, hing die MARLIN in den Dockklammern der Atmosphärenstation und begrenzte Karas Sichtfeld nach oben hin. Die Triebwerksstrahlen der Stützdrohnen verwischten mit der Entfernung, das gedrosselte Haupttriebwerk leuchtete kalt und [...]

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1 Reise

 

Durch das Nordfenster sah Kara Jeskon einen Himmel aus Chrom, in dem sich das Licht der tief im Westen stehenden Sonne wie ein Fluss aus Lava spiegelte. Fünfzig Meter über der Kanzel, in der die Delegationen um den angemessenen Tauschwert von genetisch optimiertem Saatgut, Nahrungsmitteln und Informationen feilschten, hing die MARLIN in den Dockklammern der Atmosphärenstation und begrenzte Karas Sichtfeld nach oben hin. Die Triebwerksstrahlen der Stützdrohnen verwischten mit der Entfernung, das gedrosselte Haupttriebwerk leuchtete kalt und fahl wie ein Neutronenstern, der hinter einem Schleier toter Materie pulsierte.
Nach unten wurden die gelben Nebel des Gasriesen Baliol dichter, Schwaden aus Ocker und Orange erschienen fest wie Holz. Es sah aus, als nagten die Gasfetzen an den mit Positionslampen besetzten Auslegern und den angedockten Fähren, Frachtern und Tendern. Als wollte sich der titanische Planet an den Besuchern nähren.
»Ich habe noch nie so viele Schiffe in einem System gesehen«, flüsterte Kara.
»›Gesehen‹ haben wir ohnehin nur einen Bruchteil«, belehrte Erok Drohm sie mit einem spöttischen Lächeln.
Hier, in der Schwerkraft, standen sie auf einem ebenen Fußboden. Dadurch wurden die Größenverhältnisse viel deutlicher, als wenn man an Bord eines Raumschiffs auf Augenhöhe voreinander schwebte.
Erok war ein paar Zentimeter kleiner als Kara. Erschien ihr sein herablassender Blick deswegen so unangebracht? Es sah lächerlich aus, wie er den Kopf in den Nacken legte, um sie entlang seiner spitzen Nase zu mustern. Die Gravitation nahm seinem rotbraunen Haar die Fülle, die es in der Schwerelosigkeit besaß. Die Strähnen wirkten wie Gewürm, das versuchte, sich von seinem Kopf davonzustehlen.
»Die Scanner melden über zweitausend größere Einheiten in diesem System.« Sichtlich genoss Erok seine Besserwisserei. »Die paar Dutzend, die man mit bloßen Augen erkennt, sind kaum der Rede wert.«
»Wie du meinst.« Zu Beginn ihrer Beziehung hatte sich Kara von seinem Stolz herausgefordert gefühlt. Inzwischen hatte sie den ewigen Streit, die Sticheleien und das Imponiergehabe einfach nur satt. Sie sah wieder hinauf zum spiegelnden Rumpf der MARLIN. Drohnen der Bugani dampften frisches Chrom auf, wo die Gefechtsschäden schwarze Flecken hinterlassen hatten. Andere Reparaturen wären schwerer durchzuführen. Die Hülle war an den meisten Stellen abgedichtet, nur wenige Sektionen waren noch für die Besatzung gesperrt. Aber Dellen von solcher Größe, dass man eine Fähre darin hätte verbergen können, waren häufig. Gäbe es für die fünfundzwanzigtausend Überlebenden der MARLIN eine Alternative, hätte man das Raumfahrzeug wohl aufgegeben.
Aber Großraumschiffe waren eine Seltenheit, und selbst wenn die Bugani welche angeboten hätten, wäre die Menschheit wohl zu arm gewesen, um einen annähernd realistischen Kaufpreis zu entrichten. Zum Wertvollsten, das sie zu bieten hatte, gehörte das genetisch optimierte Saatgut, das in den verschiedensten Habitaten keimte. Viele dieser Pflanzen wuchsen binnen einer Woche zur Erntereife heran. Schnelle Keim- und Wachstumszeiten waren überlebenswichtig für die knapp eine Million Menschen, die noch in Freiheit lebten. Eine mittlerweile nur noch aus achtundzwanzig Großraumschiffen bestehende Flotte, die sie den Schwarm nannten, war ihre Heimat. Gnadenlose Verfolger – vor allem die Giats, die vor Jahrtausenden die Erde vernichtet hatten – hetzten sie durch die Galaxis. Um sich mit Nahrung zu versorgen, mussten sie agrarisch taugliche Himmelskörper abernten, bevor die Feinde sie einholten.
Aber was für Menschen nahrhaft war, mochte für Bugani unverdaulich sein. Deswegen waren Kara und Erok Teil der Handelsdelegation der MARLIN, auf Anfrage prüften sie Kompatibilitäten.
Das Kommando führte Herla Deron, die Chefdiplomatin ihres Schiffes. Anders als Erok hatte sie sich Gedanken darüber gemacht, wie ihre Erscheinung in einer Umgebung mit Schwerkraft wirkte. Kara wusste nicht, ob die Dame Drähte oder ein Gel benutzte, aber ihr brünettes Haar bildete einen halbkreisförmigen Schild an ihrem Hinterkopf. Weiße Perlen setzten darin Akzente. Wie alle sechs Unterhändler von der MARLIN trug Herla einen leichten Schutzanzug, der sie auch vor Baliols Gasatmosphäre schützen konnte. Allerdings hätte das Schließen des Helms die aufwendige Frisur zerstört.
Auf dem Weg durch die Gänge und Aufzüge der Station hatte eine Atemmaske mit integrierter Schutzbrille ausgereicht. Im Verhandlungsraum, den die Bugani für ihre Gäste hergerichtet hatten, hing diese Vorrichtung in einer Halterung vor der Brust. Kara fand das Arrangement geschmackvoll, die Maske passte sich in die unebene Oberfläche ein, in der weiße und hellblaue Wülste verschnörkelte Muster bildeten. Manche davon erfüllten technische Funktionen, wie etwa der Translatorwürfel vor der Kehle. Die Sprachdaten gehörten zum Ersten, was man mit einer fortgeschrittenen Zivilisation austauschte.
»Beendet dritte Verhandlungsrunde mit Übereinkommen / Verständigung/Profit wir feststellen«, schnarrte die Translatorstimme. Sowohl die Artikulation als auch die Qualität der Übersetzung bewegten sich auf niedrigem, aber ausreichendem Niveau. Je länger sich der Schwarm hier aufhielt, desto weiter würden sich die selbstlernenden Algorithmen optimieren.
Herla nahm einen Speicherkristall entgegen und schob ihn in ihr Handlesegerät.
Die Bugani erinnerten Kara an Rochen, flache Fische, die sie aus Vidaufzeichnungen von den Ozeanen der zerstörten Erde kannte. Im Gegensatz zu den Menschen konnten ihre beiden Gastgeber die Stickstoff-Sauerstoff-Atmosphäre im Besprechungsraum nicht atmen. Ihre drei Meter durchmessenden Körper steckten in einer Metallfolie, die knackte, wenn sie sich bewegten. Dabei liefen Wellen durch die Randbereiche. Welcher Teil davon den steril weißen Plastboden berührte, schien unerheblich zu sein. Sie hatten keine Beine, die Körpermitte hielten sie vom Boden fern, was ihnen eine Kuppelform gab. Bei den mehrfach segmentierten Gliedmaßen fragte sich Kara, ob es sich um künstliche Organe handelte oder ob der kupferfarbene Überzug biologische Extremitäten umhüllte. Jede von ihnen endete in einem Aufsatz aus rotierbaren Fingern, deren Anzahl, Länge und Ausformung aber variierte. Bei den optischen Geräten war sich Kara dagegen sicher, dass es sich um Kameras handelte. Diese Spezies ließ sich wohl für gewöhnlich in den Winden der tieferen Atmosphärenschichten des Gasplaneten treiben, sodass die Sinnesorgane nach unten gerichtet waren. In der Umgebung der Atmosphärenstation, mit einem Luftdruck von einem Bar, war das jedoch unpraktisch. Da sie hier nicht schweben konnten, würde ein Bugani nur den von seinem eigenen Körper bedeckten Boden sehen. Daher verlängerten Kabel und Kameras die Augen, was ihnen auch zusätzliche Wellenspektren erschließen mochte. Zu einem Vorne und Hinten führte das jedoch nicht, die Kameras tauchten an verschiedenen Stellen unter dem Rand des Körpers auf, wo sich Lücken zum Boden ergaben, ebenso wie die Gliedmaßen.
»Das ist sehr interessant.« Die hellblauen und grünen Holos über Herlas Lesegerät wechselten schnell. »Wir bedanken uns für das Geschäft und begrüßen die nächste Runde der Verhandlungen.«
Bestimmt sprach sie so seltsam, um sicherzustellen, dass die Translatoren den Gehalt ihrer Aussagen korrekt übermittelten.
Sie reichte ihr Lesegerät an ihren Assistenten weiter, einen schlanken Mann mit einem hüftlangen Umhang, der in gefälligen Falten fiel. Kara schätzte, dass er etwa in ihrem Alter war, zwanzig Jahre. Herla dagegen hatte mit ihren dreiundsechzig das erste Drittel ihres Lebens sicher schon überschritten. Dennoch war sie jung, gemessen an dem Umstand, dass sie im Kompetenzsystem der MARLIN im Feld Diplomatie den höchsten Wert unter den Bewohnern des Schiffes innehatte.
»Dabei sollte es um die bereits erwähnten Magnetschleudern gehen!«, meldete sich Rassan zu Wort. »Im nächsten Raumgefecht sollten wir die Möglichkeit haben, Feindjäger einzufangen und zu entern. Im Gegenzug wären wir bereit, Schwefelsporen für Luftkeimlinge zur Verfügung zu stellen.«
Kara bewunderte Herla dafür, dass ihr keinerlei Verärgerung anzusehen war.
Rassan gehörte zur Abordnung der PAYARA, die gemeinsam mit der MARLIN die Verhandlungen führte. Ob die Bugani den Aufzug dieser Leute wohl als ebenso abschreckend empfanden wie Kara? Die sechs Delegierten der PAYARA trugen Kampfrüstungen, jeder Schritt knallte auf dem Hartplastboden. Metallplatten verstärkten die Anzüge und schufen harte Kanten. Bestimmt beinhalteten die Monturen auch Kraftverstärker. Mit solcher Unterstützung hätten Kara sicher auch die fünf Stunden, die sie sich nun im Schwerkraftsog befand, wenig ausgemacht.
Wenn die Rüstungen auf die Körper ihrer Träger Rückschlüsse erlaubten, mussten diese sehr muskulös sein. Selbst bei den Frauen waren die Arme so dick wie Karas Schenkel, und die Schultern kamen im Vergleich zu ihren auf die doppelte Breite. Die Panzer bedeckten auch die untere Hälfte des Gesichts, erst ab der Nase war es zu erkennen. Darunter wölbte sich eine schalenförmige Halskrause, durch die ihre Worte hallten. Diese martialische Kleidung diente aber nicht dazu, sie unkenntlich zu machen, denn eine Vielzahl bunter Plaketten individualisierte die Bruststücke.
Ihr wuchtiges Auftreten stand im Gegensatz zu den kümmerlichen Erfolgen, die die PAYARA bei diesem Treffen bislang vorweisen konnte. Die Bugani zeigten keinerlei Interesse an den Maschinen zur Metallverarbeitung, die man ihnen anbot. Auch nicht, nachdem einer der Gesandten mit einer schwarzen Klinge einen Eisenblock durchschlagen hatte. Das Saatgut, das sie nun offerierten, stammte aus den Beständen der MARLIN. Obwohl MARLIN und PAYARA gemeinsam den Schwarm repräsentierten, war jedem Menschen klar, dass man nicht ohne Rücksprache die Ressourcen des anderen Schiffes anbieten durfte. Zudem fand Kara es äußerst ungeschickt, direkt eines der wertvollsten Güter zu präsentieren und damit zu erkennen zu geben, wie hoch man die Ware des anderen bewertete. Und dann ausgerechnet Militärtechnologie!
»Mich interessiert viel mehr, wie man in diesem System die friedliche Begegnung so vieler Spezies organisiert«, murmelte sie.
Kara hatte ihre Worte nicht überdacht. Sie biss sich auf die Lippen. Sie wusste nicht, ob die Translatoren sie aufgefangen hatten, aber bestimmt gab es Aufzeichnungsgeräte, die alles zur späteren Auswertung archivierten. Immerhin hielt sich Erok an ihre Vereinbarung, nicht mehr über ihre koexistenzialistischen Ideale zu sprechen, und beließ es bei einem spöttischen Seitenblick.
»Die Baupläne der Magnetschleudern allein werden euch keinen Nutzen bringen«, erklärte der linke der beiden Bugani. Anders als bei seinem Kameraden war die Folie, die seinen gewölbten Körper einhüllte, nicht vollständig silbern, sondern wies einen kupferfarbenen Schimmer auf. »Wegen des Integrationsgrades – Anpassungen bleiben empfehlenswert/nötig/klug. Eine Vergütung ist selbstverständlich / unverzichtbar. Saatgut allein ist zu wenig/kümmerlich / minderwertig.« Die eigentliche Sprache der Bugani war ein Säuseln am oberen Ende des Spektrums dessen, was ein menschliches Ohr wahrnahm. Sobald der Translator einsetzte, war es praktisch nicht mehr zu hören.
»Ich bin sicher«, meinte Rassan, »dass die Vorteile unserer Stahlverarbeitung bei eingehender Betrachtung …«
Er unterbrach sich, weil ein im Westen herabtauchender Schatten den Raum verdunkelte. Bremstriebwerke loderten unter einem schwarzen Keil, der sich vor die rötliche Sonne schob. Die Entfernung war wegen des fehlenden Vergleichs schwierig zu schätzen, das Schiff wurde größer und größer. Die Verwirbelungen an seinem Rumpf ließen die gelblichen Gasschwaden gegen die Transplastkuppel wallen.
»Ein Giat-Schiff«, brachte Erok mit belegter Stimme heraus.
»Ihr seid keine Freunde/Verbündete/Handelspartner, nicht wahr?«, erkundigte sich der kupferne Bugani.
»Wir können die Verhandlung fortsetzen/zum Erfolg führen«, ergänzte sein Gefährte. »Baliol garantiert eine Handelszone/Neutralität/Frieden für alle Besucher. Es gibt keinen Anlass für Panik/Furcht/Misstrauen.«
Trotz der Versicherung spürte Kara Angst in sich aufsteigen. Der Anblick der Macht und des Vernichtungspotenzials dieses Großraumschiffs erschütterte die Zuversicht, die Voraussetzung für Karas Koexistenzialismus war. Der erste Kontakt mit den Giats lag Jahrtausende zurück. Beginnend mit diesem waren alle Anstrengungen für eine Verständigung gescheitert. Die Giats wollten von den Menschen kein Territorium, keine Rohstoffe, keine Dienste. Sie wollten sie versklaven oder bei dem Versuch vernichten. Ihre Freiheit empfanden sie als Beleidigung.
Kara ermahnte sich selbst. Dieses Wissen hatte sie nur aus den Datenbanken des Schwarms, und die wurden von denen zusammengestellt, die heute die Macht hatten. Möglich, dass es irgendwo Hinweise auf vielversprechende Ansätze zur Verständigung gab, und dass man sie verbarg, um die Kampfmoral in diesem endlosen Krieg hochzuhalten.
Aber das war nur eine theoretische Überlegung, die ihre Angst nicht zu mindern vermochte. Dieses Schiff … dieses gewaltige Schiff …
Der spitze Bug des Keilraumers stach dichter als fünfzig Meter unter ihnen an der Station vorbei, aber das Heck war noch nicht zu sehen. Weiter als zweihundert Meter entfernt verwischte der bewegte Nebel die Formen.
Kara hielt den Atem an. Ob es ebenso groß war wie die MARLIN? Zwei Kilometer? Oder länger?
Die MARLIN hatte sich in einem Stunden dauernden Andockmanöver dem Haltegerüst genähert. Die Piloten des Giat-Schiffs schienen es in Minuten hinter sich bringen zu wollen. Kara konnte nur hoffen, dass es ihnen gelang. Wenn sie die Station rammten, würde sie nicht nur Schaden nehmen, sondern auseinanderbrechen. Unwillkürlich legte Kara den Daumen über den Notschalter, der den Schutzanzug blitzartig schließen würde.
Sicherer fühlte sie sich deswegen dennoch nicht. Der Anzug könnte sie vor dem sofortigen Tod bewahren, aber wenn sie aus der Station stürzte, wäre sie einem noch schlimmeren Schicksal ausgeliefert. Falls sie sich nicht sämtliche Knochen bräche, weil sie auf eines der angedockten Schiffe prallte – die meisten waren Fähren, höchstens einhundert Meter lang –, sondern an ihnen vorbeifiele, wäre der Absturz endlos.
Baliol besaß keinen felsigen Kern, der Planet bestand allein aus Gasen. Militärisch war das ein enormer Vorteil. Der Aufprall eines nahezu lichtschnellen Geschosses von Asteroidengröße konnte jeden Felsplaneten vernichten, aber auf einer Gaswelt rief er nur titanische Stürme hervor. Diese mochten einige Jahrhunderte um den Planeten toben, aber Stationen wie jene, auf der sie sich gerade befanden, konnten ihnen ausweichen. Es gäbe Milliarden Tote, doch das Leben insgesamt ginge weiter.
Für einen abstürzenden Menschen bedeutete ein Gasplanet einen langen Fall. An die Stelle des Aufschlags mit einem brutalen, aber schnellen Ende trat ein sich ständig erhöhender Druck. Man wurde zerquetscht wie eine Luftqualle in einer Faust. Es musste sich schrecklich anfühlen, wenn die Rippen brachen und man am Blut im Brustkorb ertrank.
»Die bringen uns um.« Da außer ihm niemand im Raum sprach, war Eroks Flüstern deutlich zu verstehen.
Der Bug des Keilraumers war schon nicht mehr zu sehen, das Heck wuchs weiter an. Kara fragte sich, ob die Gefahr bestand, dass der Giat-Raumer die MARLIN rammte, aber er fiel in derselben Geschwindigkeit, mit der sein Rumpf aufwuchs, in die Tiefe ab. Meisterliche Piloten steuerten dieses Raumfahrzeug.
»Schade, dass du meinst, die Schiffe, die man hier zu sehen bekommt, wären nicht der Rede wert.« Ihr Spott half Kara, das Zittern zu unterdrücken.
Anders als bei der MARLIN handelte es sich bei den Unebenheiten in der rauen Oberfläche des Keilraumers nicht um Gefechtsschäden. Sensorantennen stachen hervor, Schleusentore formten runde Vertiefungen. Jagdmaschinen hingen an der Außenhülle in Bereitschaft. Torpedoluken und Laserspulen drohten. Das Chrom auf der Hülle spiegelte makellos. Dieses Schlachtschiff hatte keine Überholung nötig.
Unvermittelt erstarrte der Großraumer, als sei die Zeit eingefroren. Aber das konnte nicht sein, der gelbe Nebel wallte noch immer in Wolken und Strudeln, und Karas Herz hämmerte.
Die Piloten mussten die Bewegung mit einem exakt kontrollierten Manöver jener der Station, die mit etwa dreißigtausend Stundenkilometern ihrer Bahn folgte, angeglichen haben. Ein eindrucksvoller Beweis dafür, wie hoch entwickelt die Technologie der Erzfeinde der Menschheit war.
Während unter ihnen Halteklammern und Transferbrücken ausfuhren, wischte sich Erok den Schweiß von der Stirn.
Man musste Rassan lassen, dass er seine Gedanken als Erster wieder auf den Grund ihres Hierseins richten konnte. »Ich bin sicher, dass wir weiteres Saatmaterial zur Verfügung stellen können, um den Wert der Magnetschleudern zu erreichen.«
Kara staunte darüber, wie ungeschickt er verhandelte.
Erok dagegen beließ es nicht beim Staunen. »Zunächst einmal wollen wir klarstellen, dass wir noch nicht entschieden haben, wie viel Saatgut wir für diese Transaktionen zur Verfügung stellen werden.«
Beschwichtigend hob Herla die Hände, aber Rassan beachtete sie nicht.
»Wollt ihr etwa die Klappe aufreißen, nachdem ihr gegen die da«, er zeigte hinunter auf den Keilraumer, »beinahe krepiert wäret? Wegen euch müssen wir jetzt der Konfrontation ausweichen und fliehen, als besäßen wir keine Ehre! Also tut wenigstens etwas, um anderweitig euren Beitrag zu leisten!«
Erok ballte die Hände zu Fäusten. »Es war nicht die PAYARA, die uns zu Hilfe kam!«
»Weil wir nicht damit gerechnet haben, dass die MARLIN wehrlos wie ein Säugling im Nichts treibt, während wir uns Meriten gegen den Feind verdienen.«
»Unser Schiff ist nicht annähernd so stark gepanzert wie eures«, gab Erok mühsam beherrscht zu bedenken.
Rassan winkte mit seiner klobigen Hand ab. »Ihr vermeidet jede Vorbereitung auf den Kampf, damit ihr eine Ausrede habt, um ihm auszuweichen. Das ist seit jeher die Taktik der Feiglinge.«
Mit einem Aufschrei stürzte sich Erok auf ihn. Kara sah ihm an, dass er die Schwerkraft ebenso wenig gewohnt war wie sie. In einem Raumschiff hätte die Wucht, mit der er sich abstieß, gereicht, um ihn zu seinem Gegner zu tragen. Hier löste er sich kaum vom Boden, sein Schlag touchierte die Panzerung nur leicht.
Rassans Knie ruckte hoch und traf den taumelnden Erok im Gesicht. Panzerplatten krachten gegen die Knochen.
Ächzend ging Erok zu Boden.
Kara wandte sich an die Bugani. »Tut etwas! Unterbindet es!«
»Dies ist ein Verhandlungsraum«, entgegnete der Kupferne. »Es ist statthaft/erlaubt/angemessen, Dispute entsprechend kultureller Normen/Regeln/Sitten zu entscheiden.«
Rassan trat dem am Boden Liegenden in die Seite.
Erok rollte auf die Bugani zu, die mit Wellenschlägen ihrer kuppelförmigen Körper auf Abstand gingen.
Erok wehrte sich nicht ernsthaft, es wirkte instinktiv, wie er die Arme zwischen sich und den Angreifer brachte.
Dennoch riss Rassan das Bein hoch und stampfte auf Eroks Bauch.
Erok würgte.
Die anderen Gesandten der PAYARA bildeten einen Kreis und beobachteten das Geschehen, während sich die Delegation der MARLIN hinter Herla sammelte.
»Ihr könnt doch nicht …«, setzte Kara erneut an. »Wir sind eure Gäste! Es kann nicht in eurem Interesse sein, dass wir zu Schaden kommen.«
»Wir respektieren/achten/schätzen fremde Gebräuche«, antwortete der Kupferne.
Kara sah ihren Begleitern an, dass sie sich trotz der Überlegenheit der Gegner auf die Leute von der PAYARA stürzen würden, wenn Herla den Anfang machte.
Doch das tat sie nicht. »Es ist feige und ohne Ehre, jemanden zu verletzen, der sich nicht wehrt.« Sie trat einen Schritt vor. »Nur Schwächlinge fühlen sich stark, wenn sie Schwache angreifen.« Sie breitete die Arme aus und hielt den Blick auf Rassan gerichtet. »Willst du auch mich zusammenschlagen? Oder traust du dich erst, wenn ich meinen Schutzanzug ablege?«
Rassan sah von Erok auf. »Er hat angegriffen, nicht ich!«
»Sein Angriff ist vorüber«, sagte sie. »Du hast dich behauptet, es ist entschieden. Von nun an bist du der Aggressor, wenn du nicht einhältst.«
Er starrte sie an, bevor sein Blick über den Kreis seiner Kameraden tastete.
»Ein kluger Soldat behält stets das Ziel der Mission im Fokus«, mahnte Herla. »Sonst rettet er seinen Stolz, verliert aber die Schlacht.«
»Der Sieg ist dein«, sagte eine der Frauen von der PAYARA.
Rassans Schultern strafften sich. Er trat zurück.
Kara löste die Sprühflasche mit dem Medogel von ihrem Oberschenkel und kniete sich neben Erok.
Sein linkes Auge schwoll bereits zu, die Wange darunter verdunkelte sich, und Blut klebte in seinem Bart.
Sie bettete seinen Kopf auf ihr linkes Bein. »Halt still.« Sie löste die Sicherung der Flasche und trug das eisblaue Gel auf der verletzten Seite des Gesichts auf, während Herla die Verhandlungen wieder aufnahm. Kara achtete darauf, das Auge aus dem Verband auszusparen.
Stöhnend stützte sich Erok auf.
»Versuche, nicht zu angeschlagen zu wirken«, flüsterte sie ihm zu. »Das schwächt unsere Position.«
Ungläubig blickte er sie aus dem nicht zugeschwollenen Auge an.
»Hast du dir etwas gebrochen?«, fragte sie.
»Ich glaube nicht.«
»Gut.« Sie verstaute die Sprühflasche wieder an ihrem Anzug und griff ihm unter die Achsel. »Dann steh jetzt auf.«
Sie fand erstaunlich, wie schwer ein menschlicher Körper war. Dabei herrschte auf der Station weniger Anziehungskraft, als das auf der Erde der Fall gewesen war. Auf der SQUID, dem einzigen Schiff des Schwarms mit Gravitation, hätte Erok also noch mehr gewogen als hier.
»… die Möglichkeiten evaluieren«, sagte Herla gerade. »Dazu ist eine kurze Beratung notwendig.«
»Das ist statthaft/angemessen/akzeptabel.«
Die Chefdiplomatin der MARLIN warf der Delegation der PAYARA einen warnenden Blick zu.
Rassan stand inmitten seiner Leute. Er strahlte Stolz aus, machte aber keine Anstalten, wieder in die Verhandlungen einzugreifen.
Herla kam zu Kara und Erok.
»Es geht ihm gut«, sagte Kara.
Beiläufig nickte Herla.
»Du wirkst besorgt«, fügte Kara an.
Herla lächelte freudlos. »Als Diplomatin habe ich mich schon einmal besser geschlagen.«
»Wir haben viel erreicht«, meinte Kara. »Und wir werden noch mehr erreichen.«
»Sicher.« Abwesend blickte sie nach unten, auf den chromglänzenden Keilraumer.
»Ist es wegen der Giats?«
Kaum merklich schüttelte Herla den Kopf. »Nicht hier. Später.«
Natürlich, die Aufzeichnungen. Während der Auswertung würde den Bugani nichts entgehen, und wenn sie wollten, konnten sie ihre Erkenntnisse den Giats verkaufen. Kara musste aufpassen, was sie sagte – oder wonach sie fragte.
»Was ist mit diesen Luftsamen, die Rassan erwähnt hat?«
»Es gibt mehrere Stammlinien.« Kara versicherte sich, dass es Erok schaffte, allein zu stehen, und tippte auf ihren Armbandkommunikator. Die Datenbankanzeige baute sich als Hologramm auf. »Ich habe damit gerechnet, dass diese Sorten ins Gespräch kommen würden. Aber …«, sie schielte zu den beiden Bugani, »… unsere Gastgeber können sie nicht ohne Weiteres verwenden.«
»Also wären Anpassungen nötig.« Herla zwinkerte mit dem linken Auge. Auf dieser Seite hatten sich die Gesandten der PAYARA versammelt.
Kara verstand. »Ja, darin stellt sich eine ähnliche Aufgabe, wie unsere Gastgeber sie für die Magnetschleudern erläutert haben.«
»Ich könnte mir sogar vorstellen, dass die Optimierung eines Genoms aufwendiger ist als Änderungen an einem makroskopischen Aggregat.«
»Zweifellos. Wir müssen mit Enzymen operieren und Versuchsreihen durchführen.«
Der Silberfarbene näherte sich. »Die Kopplung mit menschlichen Zielerfassungssystemen wird sich sehr schwierig gestalten«, behauptete er.
»Wie lange würde das denn dauern?« Herla wandte sich ihm zu. »Nachdem unsere Feinde solche Präsenz zeigen«, sie deutete auf den Keilraumer, »ist es für uns klug, die Reise rasch fortzusetzen.«
Erok warf Kara immer wieder vor, mit unangebrachter Verbissenheit an ihrem Traum einer Koexistenz aller intelligenten Spezies in der Galaxis festzuhalten. Selbst ihr lief jedoch ein Schaudern über den Rücken, wenn sie sich vorstellte, dass die Giats die laufenden Reparaturen an der angedockten MARLIN sabotieren könnten.
Trotzdem glaubte sie, dass Herla vor allem Druck auf die Geschäftspartner ausüben wollte. Sie versuchte, die Chefdiplomatin zu unterstützen. »Wir haben ein sehr vielversprechendes Basis-Genom für ozeanische Habitate.« Bei seinem letzten längeren Stopp, im Cochadasystem, hatte der Schwarm tatsächlich eine biodiverse Schatzkammer vorgefunden.
»Auf Basis von Wasser/H2O?«, erkundigte sich der Silberne. »Dann können wir es nicht verwenden.«
»Das ist bedauerlich«, meinte Kara. »Wo die Bugani doch sicher viele Saatplaneten besitzen. Ich bin erstaunt, dass sich darunter keine Himmelskörper mit Flüssigwasservorkommen finden.«
»Kaum/vernachlässigbar/selten.«
Vermutlich entging den Bugani die Theatralik, mit der Kara Herla ansah, aber um die Lippen der Diplomatin zuckte ein belustigtes Lächeln.
»Wenn das so ist, sollten wir uns rasch an die Pequala wenden«, schlug Kara vor. »Ich habe die Datenbanken der Station konsultiert und glaube, sie sind diejenige aquatische Zivilisation, mit der wir die besten Ergebnisse erzielen können.«
»Wer sind die Pequala?«, fragte Rassan verwirrt.
Kara wusste über sie nur, dass ihre Schuppen rot schillerten und sie ein ganzes Dutzend Hilfsvölker nutzten, um verschiedene Aufgaben in ihrem Imperium zu versehen.
»Die Pequala, ja.« Herla tat, als wöge sie Für und Wider ab. »Sehr aussichtsreich, das denke ich auch.«
»Es wäre unklug/leichtsinnig/voreilig«, warf der Kupferne ein, »die Verhandlungen nun/jetzt/augenblicklich zu beenden, da wir schon gute Zwischenergebnisse erzielt haben. Sicher können wir euch technische Pläne/Schemata/Aufstellungen überlassen, sodass ihr den Großteil der Anpassungen für die Magnetschleudern selbst vornehmen könnt.«
»Das würde die Zeit, die wir hier verweilen müssen, verkürzen.« Herla war nun wieder ganz in ihrem Element. »Und vielleicht habt ihr dennoch Verwendung für das Saatgut, das auf Wasser optimiert ist: Es wäre eine gute Handelsware, die ihr an die Pequala weitergeben könnt.«
»Ein kluger/profitabler/richtiger Gedanke. Wir sind am Wassergenom und an den Luftsamen interessiert.«
»Aber wir können doch nicht so leicht unsere Schätze herausgeben!«, gab sich Kara entrüstet. In Wirklichkeit fand sie, dass es der Menschheit nicht geschadet hätte, ihre kompletten Biodatenbanken für die Bugani zu kopieren. Der Schwarm befand sich auf der Flucht durch die Milchstraße. In spätestens einer Woche würde er das System des Gasriesen verlassen, kurz darauf den Bereich der Galaxis, den die Bugani beherrschten. Wahrscheinlich würden sie dieser Zivilisation danach nie wieder begegnen, sodass sie kein weiteres Handelsgut bräuchten, das sie mit ihnen austauschen könnten.
»Ich teile deine Bedenken«, behauptete Herla dennoch. »Wir bestehen auf einer adäquaten Gegenleistung.«
»Die Magnetschleudern …«, setzte Rassan an.
»… und die Reparatur der MARLIN!«, fiel Herla ihm ins Wort. »So weit sie in der verbleibenden Zeit zu leisten ist.«
»Dieser Vorschlag ist zu ungenau/vage/nebulös. Wir müssen die Verpflichtungen exakt vereinbaren/dokumentieren/definieren.«
»Wir werden einen Reparaturplan aufstellen«, schlug Herla vor, »und unsere Xenofarmer sofort beauftragen, die aussichtsreichsten Genome auf eure Bedürfnisse anzupassen. So nutzen wir die Zeit optimal. Ich schlage vor, wir treffen uns in vier Stunden erneut, um unsere Verhandlungen fortzusetzen.«
Sie zogen sich in den Lift zurück. Als er sich in Bewegung setzte, hatte Kara das Gefühl, gestaucht zu werden. Offensichtlich benutzten die Bugani keine Andruckabsorber.
»Ich gönne denen von der PAYARA zwar nicht, dass sie ihre Spielzeuge bekommen«, wegen des Sprühverbands, der die Hälfte von Eroks Gesicht einhüllte, klang seine Stimme dumpf, »aber ich gebe zu, dass du dich gut geschlagen hast.«
»Du nicht!«
Verblüfft sah er sie an. »Wie meinst du das?«
»Ich mag keine Typen, die kopflos drauflosprügeln«, stellte sie klar. »Wenn wir auf der MARLIN sind, treffe ich mich mit Freunden im Lichtwald-Café. Du hast zwei Stunden, um deine Sachen aus meinem Quartier zu räumen.«
»Du meinst … du willst dich von mir trennen?«
»Zwei Stunden«, wiederholte sie.

Robert Corvus

Über Robert Corvus

Biografie

Robert Corvus, 1972 geboren, lebt in Köln. Der Diplom-Wirtschaftsinformatiker war in verschiedenen internationalen Konzernen als Strategieberater und Projektleiter tätig. Corvus ist Metalhead, Kinofan und Tänzer. Er veröffentlichte zahlreiche Romane in den Reihen »Das schwarze Auge« und...

Pressestimmen

scifinews.de

»Eine einfallsreiche Geschichte, mit vielen Schauplätzen und einer willkommenen frischen Idee.«

Kommentare zum Buch

Viel Spannung und frische Ideen für uns Sophonten!
Janesway am 08.05.2018

Verloren. Wir sind nun eine gefährdete Spezies. Auf Großraumschiffen sind wir auf der Flucht und gleichzeitig auf der Suche nach letzten Kolonien der Menschen. Was wir diesmal finden sollten, sollte alles bisher Dagewesene übertreffen: Eine überlegene Intelligenz jenseits des Vorstellbaren. Wie wird sie auf uns reagieren und wie werden wir ihr begegnen?   Wer „Feuer der Leere“, den Vorgänger-Roman zum „Imago-Projekt“ gelesen hat, dem ist die Hauptperson Kara Jeskon bereits bekannt. Auch etliche andere Charaktere haben erneut ihren Auftritt, was Grund zur Wiedersehensfreude ist, aber kein Zwang, das vorige Buch gelesen zu haben. Für Eingeweihte: Besonders die ESOX und die SQUID stehen in diesem Band im Vordergrund.   Als Koexistentialistin hält Protagonistin Kara allen Widerständen zum Trotz am Frieden zwischen allen Rassen und Völkern fest. Erschwert werden ihre Bemühungen durch die Differenzen der Menschen untereinander, die auf ihren Raumschiffen sehr unterschiedliche soziale und politische Systeme ausgebildet haben. Auch körperliche Veränderungen gehören dazu…   Genetische Optimierung, Cyberimplantate, Schnittstellen…wo hört das Mensch-Sein auf und wo die Menschlichkeit? Was wird eines Tages möglich sein? In welchen Formen wird der Mensch weiterbestehen können? Robert Corvus hat seinem Roman reichlich philosophische Tiefe verliehen, die nachhallt. Immer noch.   Die Einführung in das erzählte Universum, mit seinen technischen und physikalischen Strukturen und Gesetzen geschieht fließend nebenbei, so dass das vorhandene Glossar nicht unbedingt zu Rate gezogen werden muss. Wie für den Autor typisch, gilt es um lieb gewonnene Romanfiguren zu bangen und der Ausgang lässt sich schwer vorauszusagen. Schön in diesem Teil ist die entstehende Verbindung zwischen Karas Geschichte und den sogenannten „Speicherbildern“, mit denen die Kapitel jeweils abschließen. Optimal für kleine Lesepausen ist übrigens die Kapitel-Länge. Obwohl die Übergänge der Kapitel manchmal nicht zum Ausruhen einladen!

Philosophischer habe ich Science Fiction noch nicht erlebt
Heide Föllner am 04.05.2018

KANN SPOILER ZU „FEUER DER LEERE“ ENTHALTEN 5 Jahre sind vergangen seit der Schlacht um Cochada. Der Schwarm streift weiter durch den Raum auf der Suche nach Ressourcen und vielleicht auch noch bewohnten Kolonien. Auf der ESOX wächst der Widerstand gegen die Abschaltung des Zentralcomputers und einige wenige schrecken auch vor Gewalt gegen die Okkupanten nicht zurück. Es gibt Tote auf beiden Seiten, Gewalt bewirkt Gegengewalt und die Stimmung heizt sich immer mehr auf. Eine große Herausforderung für die Koexistenzialistin Kara Jeskon, die mit diplomatischen Mitteln zu schlichten versucht. Und in der mehr als aufgeheizten Stimmung kommt ein Kontakt zu Stande. Ein Kontakt zu einer unglaublichen künstlichen Intelligenz, die die Neuankömmlinge mit Fragen traktiert, um herauszufinden, ob es sich um vernunftbegabte Wesen handelt. Was nun folgt, führt die Menschen im Schwarm ebenso an die Grenze des Vorstellbaren wie den Leser. Corvus erschafft hier eine Spezies jenseits dessen, was es bisher in der Science Fiction gab. Werden die Menschen den Test bestehen? Und was geschieht, wenn sie nicht als Sophonten eingestuft werden?   Meine Meinung: Es ist eine unvorstellbare Reise, auf die der Autor uns hier mitnimmt. War schon der Raumschiff-Schwarm der letzten Menschen in „Feuer der Leere“ unglaublich, so folgt in diesem Roman eine ursprünglich von Menschen geschaffene künstliche Intelligenz, die alles in den Schatten stellt, was wir bisher aus Literatur und Film kennen. Kernfrage des Buches ist: Was macht den Menschen zum Menschen? Wann hört er auf, ein Mensch zu sein oder bleibt er das für immer? Und auf „Nebenschauplätzen“ muss Diplomatie dafür sorgen, dass die Menschen in ihrer Gemeinschaft – so verschieden die Kulturen auf den einzelnen Schiffen auch sein mögen – weiter existieren kann. Keiner der Charaktere ist schwarz oder weiß. Alle haben ihre Stärken und Schwächen, die man mögen kann oder auch nicht. Sie machen Fehler oder werden zu Helden, sind innerlich zerrissen und müssen Entscheidungen treffen, die sie innerlich verändern. Waren die verschiedenen Kulturen auf den einzelnen Schiffen des Schwarms in Teil 1 ein interessanter Fakt, prallen sie in diesem Roman auf heftigste Weise aufeinander. Es ist überhaupt kein Raum für Langeweile in der gesamten Handlung. Überlegt man während der gesamten Zeit noch, wie dieses Abenteuer enden könnte, welche Allianzen und Beziehungen sich bilden und behaupten können, wirft der Autor uns im vorletzten Kapitel in eine Welt, die ich mir beim besten Willen nicht hätte selbst ausmalen können. Er lässt die Protagonisten tief in ihre Sehnsüchte und Hoffnungen eintauchen, weckt beim Leser Verständnis für ihre Ängste und wirft immer wieder zutiefst philosophische Fragen auf. Ich weiß gar nicht so recht, wie ich das alles in Worte fassen soll – ihr müsst euch selbst auf diese Reise begeben. Auf jeden Fall solltet ihr aber „Feuer der Leere“ vorher lesen. Zum einen ist auch das ein großartiger Science Fiction Roman, aber vor allem versteht man den ein oder anderen Zusammenhang einfach besser, wenn man die Vorgeschichte der einzelnen Charaktere kennt. Von mir gibt es 5 Sterne, obwohl mir auch in diesem Buch das Ende ein klein wenig überhastet erschien. Aber das kann man verschmerzen, weil es viele Dinge gibt, die einen über’s Lesen hinaus beschäftigt. Jeder, der Science Fiction mag, darf hier ohne Bedenken zugreifen.   Fazit: Was macht uns zum Menschen und wann hören wir auf, Mensch zu sein? In den unendlichen Weiten des Universums muss sich die Menschheit mit sich selbst auseinander setzen und Grenzen überschreiten, um weiter existieren zu können. Philosophischer habe ich Science Fiction noch nicht erlebt.

Was definiert das Menschsein?
Karin Wenz-Langhans am 03.05.2018

Die letzten freien Menschen, die sich in einem Schwarm von 28 Großraumschiffen zusammengetan haben, müssen vor ihren Feinden in den Rotraum fliehen. Dabei geraten sie in den Fokus einer fremdartigen Intelligenz, die sie Sphäre nennen. Diese gigantische Sphäre umhüllt einen Stern, jedoch nimmt sie Kontakt zu den Menschen auf, vor allem zu den sogenannten Befreiern der ESOX. Diese Gruppe will sich aus dem Überwachungsgriff der anderen Schiffe gewaltsam befreien und wieder ihrem Zentralcomputer zu alter Macht verhelfen. Mithilfe der Sphäre hoffen sie ihr Ziel zu erreichen, auch wenn das die Abspaltung vom Schwarm bedeuten würde.   Nach „Feuer der Leere“ entführt der Autor die Leser wiederum in die Welt der letzten Menschen und ihres Schwarms. Die Handlung baut jedoch nicht auf dem ersten Band auf, sondern bildet eine eigene Geschichte. Aber dennoch begegnen wir einigen Charaktere aus dem ersten Band. So auch Kara Jeskon, eine Koexistenzialistin, die daran glaubt, dass es neben dem Weg der Gewalt eine Chance auf ein friedliches Zusammenleben der Spezies gibt. Während Kara im ersten Buch noch etwas unreif erschienen ist, muss sie diesmal beweisen, wie ernst es ihr mit ihren Idealen ist und was sie bereit ist zu tun, um diese umzusetzen.   Bei dem Raumschiffen stehen diesmal die ESOX und auch die SQUID im Vordergrund, welche nicht unterschiedlicher sein können. Die Mitglieder der ESOX setzten bis vor fünf Jahren auf Implantate und eine enge Verbindung und Abhängigkeit von ihrem Zentralcomputer, der ihnen eine technisch hohe Effizienz und persönliche Leistungssteigerung ermöglichte. Die Menschen der anderen Raumschiffe sahen hierbei eine Gefahr für das Menschsein und besetzten damals die ESOX und kappten mit Waffengewalt den Einfluss des Zentralrechners. Die SQUID dagegen ist das einzige Schiff des Schwarms, welches selbst ein lebender Organismus darstellt. Das als Gütige Mutter bezeichnete Schiff ist ein Kind des Rotraums. Ihre Bewohner zeichnen sich dadurch aus, dass sie keine technischen, sondern ausgeprägte biologische Mutationen aufweisen.   Ein Teil der ESOX, darunter Aneste, streben den früheren Zustand auf der ESOX an, und zwar mit Waffengewalt und Guerillamethoden. Anfangs konnte ich Anestes Beweggründe noch nachvollziehen, aber dann wurde sie mir aufgrund ihres brennenden Hasses auf die Besatzer immer unsympathischer. Umso gespannter war ich natürlich, ob es zu einem Zusammentreffen von Aneste und Kara kommen wird und wie dieses dann verlaufen wird.   Um ihr Ziel zu erreichen,ist Aneste bereit, sich mit der fremden Intelligenz zu verbünden, die ihr ihre Hilfe anbietet. Aber da schnell klar wird, dass die Sphäre den Menschen haushoch überlegen ist, habe ich mich gefragt, welches Ziel sie dabei wirklich verfolgt.   Das was dann die Protagonisten erleben und erfahren, ist eine spannende Reise zu den Fragen der Menschheit und was die Menschen ausmacht – und ob und wie menschlich Superintelligenzen sein können. Diese Reise bringt nicht nur die SQUID und die ESOX an ihre Grenzen, sondern könnte zu einer Gefahr für den ganzen Schwarm werden.   Gelungen fand ich auch, dass wir diesmal mit der PAYARA ein bisher unbekanntes Schiff des Schwarms näher kennenlernen. Für dessen Bewohner ist es das höchste Ziel, sich in Kämpfen Meriten zu erwerben, mit denen sie sich brüsten können. Ich muss gestehen, ich hatte ein wenig Schwierigkeiten mit dieser Zielsetzung. Vor allem war es aber ein spannender Kontrast zu Karas Bestrebungen, auf Diplomatie statt auf Waffen zu setzen.   Dank der vielschichtigen Darstellung seiner Figuren und den tiefschürfenden Fragen, die viel Raum für eigene Überlegungen und Reflexionen bieten, schaffte es Robert Corvus wieder, einen für mich äußerst spannenden und unterhaltsamen Roman zu schreiben. Mir hat „Feuer der Leere“ schon sehr gut gefallen, aber „Das Imago-Projekt“ konnte noch etwas draufsetzen. Daher hoffe ich sehr, dass wir noch weitere Geschichten rund um den Schwarm lesen werden, denn Potenzial gibt es in jedem Fall noch genug.

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