Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Blick ins Buch
Das Haus zur besonderen Verwendung

Das Haus zur besonderen Verwendung

Roman

Taschenbuch
€ 12,00
€ 12,00 inkl. MwSt.
Lieferzeit 2-3 Werktage
Jetzt kaufen Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Das Haus zur besonderen Verwendung — Inhalt

Russland, 1915: In einem kleinen Dorf verhindert der Bauernsohn Georgi ein Attentat. Zum Dank ruft Zar Nikolaus II. den tapferen Jungen nach Sankt Petersburg, wo er ihn zum Leibwächter seines einzigen Sohnes ernennt. In den prunkvollen Sälen des Winterpalais begegnet Georgi auch der schönen Zarentochter Anastasia. Sie verlieben sich, wohl wissend, dass diese Liebe nicht sein darf. Doch Georgi ist entschlossen, für Anastasia bis zum Äußersten zu gehen …

Erschienen am 01.11.2011
Übersetzer: Fritz Schneider
560 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-27265-0

Leseprobe zu »Das Haus zur besonderen Verwendung«

1981

 

Meine Mutter und mein Vater führten keine glückliche Ehe.
Seit ich ihre Gesellschaft zum letzten Mal ertragen musste, sind Jahre verstrichen, Jahrzehnte, doch es gibt kaum einen Tag, an dem ich nicht an sie denke, allerdings nie länger als ein oder zwei Augenblicke. Ein kurzes Wispern der Erinnerung, so leicht wie Sojas Atem an meinem Hals, wenn sie nachts neben mir schläft. So sanft wie ihre Lippen auf meiner Wange, wenn sie mich im ersten Morgenlicht küsst. Ich kann nicht sagen, wann genau meine Eltern gestorben sind. Ich weiß nichts über ihr [...]

weiterlesen

1981

 

Meine Mutter und mein Vater führten keine glückliche Ehe.
Seit ich ihre Gesellschaft zum letzten Mal ertragen musste, sind Jahre verstrichen, Jahrzehnte, doch es gibt kaum einen Tag, an dem ich nicht an sie denke, allerdings nie länger als ein oder zwei Augenblicke. Ein kurzes Wispern der Erinnerung, so leicht wie Sojas Atem an meinem Hals, wenn sie nachts neben mir schläft. So sanft wie ihre Lippen auf meiner Wange, wenn sie mich im ersten Morgenlicht küsst. Ich kann nicht sagen, wann genau meine Eltern gestorben sind. Ich weiß nichts über ihr Ableben, einmal abgesehen von der Gewissheit, dass sie nicht mehr unter uns weilen. Doch ich denke an sie. Ich denke noch immer an sie.
Ich habe mir stets vorgestellt, dass mein Vater, Daniil Wladjewitsch, als Erster der beiden gestorben ist. Zur Zeit meiner Geburt war er bereits in seinen frühen Dreißigern, und soweit ich mich erinnern kann, war er nie bei guter Gesundheit. Ich weiß noch, wie ich mir als Kind in unserer bescheidenen Holz-Isba im Dorf Kaschin die winzigen Ohren zuhielt, um die grässlichen Geräusche seines Siechtums abzuwehren – wenn er würgte und keuchte und seinen blutigen Auswurf in das Feuer spuckte, das in unserem kleinen Herd vor sich hin loderte. Heute vermute ich, dass er irgendein Problem mit den Lungen hatte. Ein Emphysem vielleicht. Doch das ist schwer zu sagen. Es gab keine Ärzte, die sich um ihn hätten kümmern können. Es gab keine Arznei. Und seine vielen Gebrechen ertrug er nicht mit Fassung oder Würde. Nein, wenn er litt, so mussten wir ebenfalls leiden.
Seine Stirn ragte auf eine groteske Weise hervor, daran erinnere ich mich auch noch. Ein gewaltiger Höcker von missgebildeten Deckknochen mit kleineren Ausdehnungen zu beiden Seiten, die Haut straff gespannt vom Haaransatz bis zum Nasenrücken, was seine Augenbrauen nach oben zerrte und seinem Gesicht einen ständig beunruhigten Ausdruck verlieh.
Meine ältere Schwester, Liska, erzählte mir einmal, das Ganze gehe auf ein Missgeschick bei der Geburt zurück, auf einen inkompetenten Arzt, der das Kind am Schädel statt an den Schultern gepackt habe, als es aus dem Mutterleib auftauchte, und dabei zu kräftig auf den weichen, noch nicht gefestigten Knochen gedrückt habe. Vielleicht war es aber auch die Schuld einer faulen Hebamme, die unachtsam mit dem Kind einer anderen Frau umgegangen war. Seine Mutter erlebte das Wesen nicht mehr, das sie zur Welt gebracht hatte, das verunstaltete Baby mit seinem missgebildeten Schädel. Der Vorgang, meinem Vater das Leben zu geben, hatte meine Großmutter das ihrige gekostet. Das war damals nichts Ungewöhnliches und nur selten ein Anlass zur Trauer; man betrachtete es fatalistisch als eine Art Ausgleich der Natur. Selbstverständlich nahm sich mein Großvater wenig später eine neue Frau, die sein Kind aufziehen sollte.
Als ich ein Junge war, erschraken die anderen Kinder in unserem Dorf, wenn sie meinen Vater auf der Straße in ihre Richtung kommen sahen – wenn er von der Landarbeit nach Hause zurückkehrte, mit unstet umherhuschendem Blick, oder wenn er die Faust schüttelnd aus der Hütte eines Nachbarn kam, nach einem weiteren Streit über Geldschulden oder vermeintliche Beleidigungen. Die Kinder gaben ihm Spottnamen, und sie genossen den Nervenkitzel, ihm diese lauthals nachzurufen – sie nannten ihn Zerberus, nach dem dreiköpfigen Wachhund der Unterwelt, und sie verhöhnten ihn, indem sie sich die Kolpaks vom Kopf zogen und die Hände an die Stirn pressten, um dann wie verrückt damit zu wedeln und ein schrilles Kriegsgeschrei anzustimmen. Sie hatten keine Hemmungen, sich vor mir, seinem einzigen Sohn, derartig aufzuführen. Ich war damals klein und schwach. Sie hatten keine Angst vor mir. Sie schnitten Grimassen hinter seinem Rücken und äfften ihn nach, indem sie wie er auf den Boden spuckten, und wenn er sich nach ihnen umdrehte und laut schrie wie ein verletztes Tier, so stoben sie auseinander wie auf einen Acker geschleuderte Samenkörner, um ebenso schnell zu verschwinden. Sie lachten ihn aus; sie fanden ihn zugleich gruselig, monströs und abscheulich.
Im Unterschied zu ihnen hatte ich Angst vor meinem Vater, denn er war sehr freigebig mit seinen Fausthieben, und seine Gewaltausbrüche taten ihm hinterher nicht einmal leid.
Ich habe keinen Grund, es mir so vorzustellen, aber ich male mir aus, wie er, kurz nachdem ich an jenem kalten Morgen im März aus dem Eisenbahnwaggon in Pskow geflohen war, eines Abends nach Hause zurückkehrte und von Bolschewiki überfallen wurde, als Vergeltung für das, was ich getan hatte. Ich sehe mich selbst, wie ich in Todesangst über die Bahngleise haste und im Wald dahinter verschwinde, während er auf seinem Heimweg die Straße entlangschlurft, keuchend und stoßweise hustend, ohne zu ahnen, dass er in Lebensgefahr schwebt. In meiner Eitelkeit stelle ich mir vor, dass mein Verschwinden große Schande über meine Familie und unser kleines Dorf gebracht hatte, eine Schmach, die nach Vergeltung schrie. Ich stelle mir eine Gruppe von jungen Männern aus unserem Dorf vor – in meinen Träumen sind es stets vier Männer, große, hässliche, brutale Typen –, die mit Knüppeln über ihn herfallen und ihn von der Straße in die Dunkelheit einer schmalen Gasse zerren, um ihn dort ohne Zeugen totschlagen zu können. Ich höre ihn nicht um Gnade flehen, denn das wäre nicht seine Art gewesen. Ich sehe das Blut auf den Steinen, wo er liegt. Ich erhasche einen flüchtigen Blick auf eine Hand, die sich langsam bewegt, eine zitternde Hand mit sich verkrampfenden Fingern. Eine Hand, die schließlich erstarrt.
Denke ich an meine Mutter, Julia Wladimirowna, so stelle ich mir vor, dass Gott sie ein paar Jahre später zu sich rief, als sie in ihrem Bett lag, hungrig, entkräftet, mit meinen wehklagenden Schwestern an ihrer Seite. Ich kann mir nicht vorstellen, welches Elend sie nach dem Tod meines Vaters zu erdulden hatte, und ich will es auch nicht wissen, denn obwohl sie eine herzlose Frau war, die mich zu jedem Zeitpunkt meiner Kindheit spüren ließ, wie wenig sie mich mochte, war sie doch meine Mutter, und ein solcher Mensch ist heilig. Ich male mir aus, wie meine älteste Schwester Asja ihr ein kleines Porträtfoto von mir zwischen die Hände steckt, als Mutter diese zum letzten Mal zum Gebet faltet, um sich in stiller Bußfertigkeit darauf vorzubereiten, ihrem Schöpfer gegenüberzutreten. Der Schleier ist an ihrem dünnen Hals zusammengerafft, ihr Gesicht ist weiß, ihre Lippen sind bleich mit einem Stich ins Bläulichgrüne. Asja mochte mich, aber sie beneidete mich um mein Entkommen aus unserer dörflichen Enge. Auch daran erinnere ich mich. Einmal begab sie sich auf die Suche nach mir, doch als sie mich gefunden hatte, zeigte ich ihr die kalte Schulter – etwas, wofür ich mich heute noch schäme.
Natürlich muss es nicht so gewesen sein. Das Leben meiner Mutter, meines Vaters und meiner Schwestern kann auch völlig anders geendet haben: glücklich, tragisch, gemeinsam, voneinander getrennt, friedlich, gewaltsam, doch ich habe keine Möglichkeit, dies in Erfahrung zu bringen. Es gab nie einen Moment, wo ich hätte zurückkehren können, nie eine Gelegenheit, Asja oder Liska zu schreiben oder sogar Tajla, die sich womöglich nicht mehr an ihren großen Bruder Georgi erinnerte, den Helden und die Schande ihrer Familie. Zu ihnen zurückzukehren, hätte sie alle in Gefahr gebracht, es hätte mich in Gefahr gebracht, es hätte Soja in Gefahr gebracht.
Doch egal, wie viele Jahre verstrichen sind, ich denke noch immer an sie. Es gibt große Abschnitte meines Lebens, die mich ratlos machen, Jahrzehnte der Arbeit und des Familienlebens, des Sichabrackerns, des Treuebruchs, des Verlustes und der Enttäuschung,Dinge,die sich heillos vermischt haben und fast unmöglich voneinander zu trennen sind, doch viele Momente aus jenen Jahren, aus jenen frühen Jahren, sind mir im Gedächtnis haften geblieben und hallen noch immer nach. Und wenn sie als Schatten durch die dunklen Korridore meines alternden Geistes streichen, so sind sie umso lebendiger und bemerkenswerter angesichts der Tatsache, dass sie niemals vergessen sein werden. Selbst wenn ich es in Kürze sein werde.

 

Es ist mehr als sechzig Jahre her, dass ich jemanden aus meiner Familie gesehen habe. Es ist fast unglaublich, dass ich dieses Alter erreicht habe, zweiundachtzig, und nur einen so kurzen Abschnitt der mir gewährten Zeit unter meinen engsten Angehörigen verbracht habe. Ich habe meine Pflichten ihnen gegenüber vernachlässigt, auch wenn ich dies damals nicht so empfunden habe. Denn ich hätte mein Schicksal genauso wenig ändern können wie meine Augenfarbe. Die Umstände führten mich von einem Moment zum nächsten, und dann zum nächsten, und dann wieder zum nächsten, so wie es bei allen Menschen der Fall ist, und ich machte jeden dieser Schritte, ohne mir groß den Kopf darüber zu zerbrechen.
Und eines Tages hielt ich dann inne. Und ich war alt. Und sie waren alle gegangen.
Ich frage mich, ob sich ihre Körper noch immer im Stadium der Verwesung befinden oder ob sie sich bereits aufgelöst haben und eins geworden sind mit dem Staub. Erstreckt sich der Vorgang der Zersetzung über mehrere Generationen, bis er endgültig abgeschlossen ist, oder kann er schneller voranschreiten, abhängig vom Alter des Körpers oder der Art der Bestattung? Und hängt das Tempo des körperlichen Verfalls von der Qualität des Holzes ab, aus dem der Sarg gefertigt wurde? Vom Appetit des Erdreichs? Vom Klima? In der Vergangenheit wäre dies genau die Sorte von Fragen gewesen, über die ich nachgegrübelt hätte, wenn ich mich nicht mehr auf meine Nachtlektüre konzentrieren konnte. Normalerweise machte ich mir dann eine Notiz und ging derlei Fragen so lange nach, bis ich eine befriedigende Antwort gefunden hatte, doch meine Angewohnheiten haben sich in diesem Jahr allesamt verflüchtigt, und nun kommen mir solche Recherchen banal vor. Tatsächlich bin ich schon seit Monaten nicht mehr in der Bibliothek gewesen, nicht mehr, seit Soja krank wurde. Vielleicht werde ich nie wieder dort hingehen.
Den Großteil meines Lebens – zumindest den Großteil meines Lebens als Erwachsener – habe ich innerhalb der stillen Mauern des British Museum verbracht. Ich fand dort im Frühherbst 1923 eine feste Anstellung, kurz nachdem Soja und ich in London eingetroffen waren: frierend, verängstigt und davon überzeugt, dass sie uns noch immer aufspüren konnten. Ich war damals vierundzwanzig und wusste nicht, dass eine berufliche Tätigkeit dermaßen friedlich sein konnte. Es war fünf Jahre her, dass ich mich ein für alle Mal von den Symbolen meines früheren Lebens – Uniformen, Gewehre, Bomben, Explosionen – verabschiedet hatte, auch wenn sie unauslöschlich in mein Gedächtnis eingeprägt waren. Nun fand ich mich in einer Welt der Gelehrsamkeit wieder, eine willkommene Abwechslung.
Und vor London war da natürlich Paris gewesen, wo ich jenes Interesse für Bücher und Literatur fortentwickelte, das sich bei mir erstmals in der Blauen Bibliothek geregt hatte, eine Wissbegier, die ich in London weiter zu sättigen hoffte. Zu meinem schier unglaublichen Glück entdeckte ich in der Times eine Stellenausschreibung für einen Hilfsbibliothekar im British Museum. Noch am selben Tag bewarb ich mich dort persönlich um diesen Posten, den Hut in der Hand, und wurde sofort vorgelassen zu Mr Arthur Trevors, meinem potenziellen neuen Arbeitgeber.
Ich kann mich noch genau an das Datum erinnern. Es war der 12. August. Ich war gerade von der russisch-orthodoxen Cathedral of the Dormition and All Saints gekommen, wo ich für einen alten Freund eine Kerze angezündet hatte, eine alljährliche Geste des Respekts anlässlich seines Geburtstags. Solange ich lebe, hatte ich ihm seinerzeit versprochen. Es schien mir irgendwie passend, dass mein neues Leben am gleichen Tag beginnen sollte wie einst sein kurzes Leben.
»Wissen Sie, seit wann es die British Library gibt, Mr Jatschmenew?«, fragte er mich, wobei er mich über die halbmondförmigen Gläser seiner Brille fixierte, die einigermaßen nutzlos oben an seiner Nasenwurzel saß. Er verhaspelte sich kein bisschen bei meinem Namen, was mich beeindruckte, da so viele Engländer eine Tugend daraus zu machen schienen, ihn nicht aussprechen zu können. »Seit 1753«, beantwortete er sofort seine eigene Frage, ohne mir die leiseste Gelegenheit zu geben, eine Vermutung zu riskieren. »Als Sir Hans Sloane seine Sammlung von Büchern und Kuriositäten der Nation vermachte und somit den Grundstock für unser Museum stiftete. Wie finden Sie das?«
Darauf fiel mir nichts anderes ein, als Sir Hans ob seiner Philanthropie und seines gesunden Menschenverstandes zu preisen, eine Antwort, die bei Mr Trevors auf enthusiastische Zustimmung stieß.
»Da haben Sie vollkommen recht, Mr Jatschmenew«, sagte er, wobei er heftig mit dem Kopf nickte. »Das war ein ganz famoser Bursche, dieser Sloane. Mein Urgroßvater traf sich regelmäßig mit ihm zum Bridge. Inzwischen haben wir natürlich ein Problem mit dem Raum. Er geht uns allmählich aus, verstehen Sie? Heute werden zu viele Bücher herausgebracht, das ist das Problem. Die meisten davon stammen von Halbidioten, Atheisten oder warmen Brüdern, aber, Gott steh mir bei, wir sind nun mal verpflichtet, sie hier alle bei uns unterzustellen. Mit dieser Sorte von Tintenklecksern haben Sie doch nichts zu tun, Mr Jatschmenew, oder?«
Ich schüttelte unverzüglich den Kopf. »Nein, Sir«, erwiderte ich.
»Schön, das zu hören. Eines Tages werden wir die Bibliothek hoffentlich in ihren eigenen Räumlichkeiten unterbringen können, und das dürfte unser Problem auf einen Schlag lösen. Doch das hängt natürlich vom Parlament ab. Die kontrollieren unser gesamtes Budget, verstehen Sie? Und Sie wissen ja, was diese Typen sind: verdorben bis ins Mark, alle, wie sie da sitzen! Dieser alter Knabe Baldwin, nun ja, der ist schrecklich gut, aber alle übrigen …« Er schüttelte den Kopf und zog ein Gesicht, als wäre ihm übel.
In der sich daran anschließenden Stille fiel mir nicht anderes ein, um mich für die ausgeschriebene Stelle zu empfehlen, als meiner Bewunderung für das Museum Ausdruck zu geben – wo ich vor dem Bewerbungsgespräch lediglich eine halbe Stunde verbracht hatte – und die erstaunliche Ansammlung von Schätzen zu loben, die es innerhalb seiner Mauern beherbergte.
»Also, Sie haben schon mal in einem Museum gearbeitet, Mr Jatschmenew?«, fragte er mich, woraufhin ich den Kopf schüttelte. Diese Reaktion schien ihn zu überraschen, und er nahm seine Brille ab, als er meine Befragung fortsetzte. »Ich dachte, Sie seien vielleicht in der Eremitage angestellt gewesen? In St. Petersburg?«
Er hätte den Namen des Museums auch ohne die Erwähnung seines Standorts nennen können, denn ich kannte es recht gut. Einen Augenblick lang bedauerte ich, dass ich ihm nicht einfach etwas vorgeflunkert hatte, denn es war ziemlich unwahrscheinlich, dass er einen Nachweis für meine dortige Anstellung suchen würde, und jeder Versuch, irgendwelche Referenzen einzuholen, würde, wenn überhaupt, erst nach Jahren zu einem Ergebnis führen.
»Nein, dort habe ich nie gearbeitet, Sir«, erwiderte ich. »Aber ich kenne die Eremitage wie meine Westentasche. Ich habe dort so manche glückliche Stunde verbracht. Die Kollektion byzantinischer Kunst ist besonders beeindruckend. Und die Münzsammlung ist auch nicht zu unterschätzen.«
Er dachte eine Weile darüber nach, wobei er mit den Fingerkuppen gegen die Seite seines Schreibtischs trommelte, und gelangte schließlich zu dem Ergebnis, dass ihn meine Antwort zufriedenstellte. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, kniff die Augen zusammen und atmete schwer durch die Nase, während er mich eindringlich musterte. »Also, Mr Jatschmenew«, sagte er, wobei er die Wörter in die Länge zog, als bereite ihm deren Artikulation Schmerzen, »seit wann sind Sie in England?«
»Erst seit Kurzem«, erwiderte ich wahrheitsgemäß. »Seit ein paar Wochen.«
»Sie sind direkt aus Russland gekommen?«
»Nein, Sir. Meine Frau und ich haben einige Jahre in Frankreich verbracht, bevor …«
»Ihre Frau? Sie sind also verheiratet?«, fragte er, offenbar erfreut angesichts dieser Enthüllung.
»Ja, Sir.«
»Ihr Name?«
»Soja«, erklärte ich ihm. »Ein russischer Name, natürlich. Er bedeutet Leben.«
»Ach, tatsächlich?«, brummelte er, wobei er mich anstarrte, als wäre meine Bemerkung durch und durch impertinent gewesen. »Wie reizend. Und auf welche Weise haben Sie in Frankreich Ihren Lebensunterhalt verdient?«
»Ich habe in Paris in einem Buchladen gearbeitet«, erwiderte ich. »Von durchschnittlicher Größe, aber mit einem treuen Kundenstamm. Ich hatte immer alle Hände voll zu tun.«
»Und hat Ihnen die Arbeit Spaß gemacht?«
»Ja, sehr.«
»Warum?«
»Weil es dort so schön friedlich war«, erwiderte ich. »Selbst wenn es vor Kunden wimmelte, herrschte dort immer eine stille Atmosphäre, die ich überaus genoss.«
»Nun, so mögen wir es hier auch«, sagte er vergnügt. »Nett und still, aber jede Menge Arbeit. Und vor Frankreich sind Sie kreuz und quer durch Europa gereist, nehme ich an.«
»Eigentlich nicht, Sir«, bekannte ich. »Vor Frankreich hat es nur Russland gegeben.«
»Sie sind vor der Revolution geflohen, nicht wahr?«
»Wir haben Russland erst 1918 verlassen. Ein Jahr nach der Revolution.«
»Das neue Regime behagte Ihnen nicht, nehme ich an.«
»Ja, Sir.«
»Das kann ich gut verstehen«, bemerkte er und schürzte vor Abscheu die Lippen. »Verdammte Bolschewiken! Der Zar war ein Vetter von unserem King George. Haben Sie das gewusst?«
»Ja, das ist mir bekannt, Sir«, erwiderte ich.
»Und seine Frau, Mrs Zar, war eine Enkelin von Queen Victoria.«
»Die Zarin«, korrigierte ich vorsichtig seine Respektlosigkeit.
»Ja, wenn Sie das glücklich macht. Diese Bolschewiken haben vielleicht Nerven! Man sollte etwas gegen die unternehmen, bevor sie sich noch ganz Europa unter den Nagel reißen. Haben Sie gewusst, dass dieser Lenin unsere Bibliothek in Anspruch genommen hat?«
»Nein, das ist mir neu«, sagte ich und zog erstaunt eine Augenbraue hoch.
»Aber es ist wahr, das versichere ich Ihnen«, sagte er, als er meine Skepsis spürte. »Ich glaube, das war so um 1901 oder 1902 herum. Lange vor meiner Zeit. Aber mein Vorgänger hat mir davon erzählt. Er sagte, Lenin sei hier jeden Morgen gegen neun Uhr aufgetaucht und bis zur Mittagszeit geblieben. Dann sei seine Frau gekommen und habe ihn abgeholt, um mit ihm an dem revolutionären Käseblatt zu arbeiten, das sie hier herausgaben. Die ganze Zeit über versuchte er, Thermosflaschen mit Kaffee reinzuschmuggeln, aber wir haben ihn immer erwischt. Er hätte deswegen beinahe Hausverbot gekriegt. Schon allein daran lässt sich ermessen, was für ein Mensch das gewesen ist. Sie sind kein Bolschewik, Mr Jatschmenew, oder?«, sagte er, wobei er nach vorn ruckte und mich anfunkelte.
»Nein, Sir«, erwiderte ich mit einem Kopfschütteln, und dann starrte ich auf den Fußboden, weil ich seinem bohrenden Blick nicht standhalten konnte. Die erlesenen Marmorfliesen zu meinen Füßen überraschten mich. Ich dachte, ich hätte solchen Prunk hinter mir gelassen. »Nein, ich bin garantiert kein Bolschewik.«
»Was sind Sie dann? Ein Leninist? Ein Trotzkist? Ein Zarist?«
»Nichts von alldem, Sir«, entgegnete ich, wobei ich wieder zu ihm aufblickte, mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck. »Ich bin überhaupt nichts. Oder nichts weiter als ein Mensch, der kürzlich in Ihrem großartigen Land eingetroffen ist und eine ehrliche Arbeit sucht. Ich habe keine politischen Bindungen, und ich suche auch keine. Ich möchte nichts weiter als ein ruhiges Leben und eine Möglichkeit, anständig für meine Familie sorgen zu können.«
Er ließ sich diese Äußerung eine Zeit lang durch den Kopf gehen, und ich fragte mich, ob ich mich ihm gegenüber vielleicht zu unterwürfig verhielt, doch ich hatte mir diese Worte auf meinem Weg nach Bloomsbury zurechtgelegt, da ich die Stelle unbedingt haben wollte, und ich fand, sie klangen gerade demütig genug, um einen potenziellen Arbeitgeber zufriedenzustellen. Es war mir egal, wenn sie mich wie einen Dienstboten erscheinen ließen. Ich brauchte Arbeit.
»Also gut, Mr Jatschmenew«, sagte er schließlich mit einem Kopfnicken. »Ich denke, wir werden es mit Ihnen versuchen. Zunächst eine Probezeit, sagen wir sechs Wochen, und wenn Sie und ich miteinander zufrieden sind, werden wir anschließend ein weiteres Schwätzchen halten und sehen, ob wir Ihnen eine Festanstellung geben können. Na, wie klingt das?«
»Ich bin Ihnen sehr dankbar, Sir«, sagte ich, wobei ich lächelte und ihm, als eine Geste der Freundschaft und Wertschätzung, meine Hand entgegenstreckte. Er zögerte einen Augenblick, so als hätte ich mir eine unerhörte Freiheit erlaubt, und dann dirigierte er mich in ein benachbartes Büro, wo man meine Personalien aufnahm und mir meine neuen Pflichten erläuterte.
Ich blieb bis zum Ende meines Arbeitslebens in der Bibliothek des British Museum angestellt, und nach meiner Pensionierung suchte ich sie weiterhin fast jeden Tag auf, um dort zu lesen oder um irgendetwas nachzuschlagen, um mich weiterzubilden, an den Tischen, die ich früher abzuräumen hatte. Ich fühlte mich dort sicher. Es gibt keinen Ort auf der Welt, wo ich mich so sicher gefühlt habe wie innerhalb jener Mauern. Mein Leben lang habe ich darauf gewartet, dass sie mich finden, dass sie uns beide finden, doch offenbar sind wir verschont worden. Nur Gott wird uns jetzt noch trennen können.

 

Es stimmt, dass ich nie das gewesen bin, was man als modern bezeichnen könnte. Mein Leben mit Soja, unsere lange Ehe, verlief eher traditionell. Obwohl wir beide berufstätig waren und etwa zur gleichen Zeit von der Arbeit nach Hause kamen, war sie es, die unser Essen zubereitete und auch die übrige Hausarbeit erledigte, Waschen, Putzen und dergleichen. Die Vorstellung, ich könnte ihr dabei zur Hand gehen, war bei uns nie ein Thema. Während sie kochte, saß ich am Kaminfeuer und las. Ich mochte lange Romane, vorzugsweise historische Epen, und hatte für die zeitgenössische Literatur nur wenig übrig. Ich versuchte, D.H. Lawrence zu lesen, als dies noch gewagt schien, doch ich kam nicht klar mit dem sonderbaren Dialekt, den Walter Morel oder Oliver Mellors sprachen. E.M. Forster gefiel mir da schon besser – diese ernsten, wohlmeinenden Schlegel-Schwestern, der freigeistige Mr Emerson, die ungestüme Lilia Herriton. Gelegentlich überkam mich das Bedürfnis, eine besonders ergreifende Passage laut vorzulesen, und dann kehrte Soja ihrer Arbeit den Rücken, dem Braten, den sie gerade schmorte, oder den Schweinekoteletts, die sie briet, strich sich erschöpft mit dem Handrücken über die Stirn und sagte Ja, Georgi? Was möchtest du mir erzählen?, so als hätte sie zwischenzeitlich völlig vergessen, dass ich mich im gleichen Raum aufhielt wie sie. Es scheint verkehrt, dass ich mich nicht mehr um den Haushalt kümmerte, aber so war das in jener Zeit nun einmal. Trotzdem bedauere ich es heute.
Ich hatte mir nicht immer vorgestellt, dass mein Leben in so konservativen Bahnen verlaufen würde. Es gab sogar Momente, flüchtige Augenblicke in über sechzig gemeinsam verbrachten Jahren, wo ich es hasste, dass wir nicht aus dem Schatten unserer Eltern heraustreten und unseren eigenen, individuell geprägten Lebensstil verfolgen konnten. Doch Soja trachtete danach, einen Haushalt zu führen, der sich nicht im Geringsten von dem unserer Nachbarn und Freunde unterschied – ein Wunsch, der womöglich auf ihre eigene Kindheit und ihre Erziehung zurückzuführen war.
Sie wollte ihren Frieden haben, verstehen Sie?
Sie wollte sich einfügen.
»Können wir nicht einfach in Ruhe leben?«, fragte sie mich einmal. »Ruhig und zufrieden? So wie alle anderen auch? Dann wird keiner jemals von uns Notiz nehmen.«
Wir ließen uns in Holborn nieder, nicht weit entfernt von der Doughty Street, wo der Schriftsteller Charles Dickens eine Zeit lang gewohnt hatte. Ich kam zweimal täglich an seinem Haus vorbei, auf meinem Hinweg zum British Museum und dann noch einmal auf dem Rückweg, und als ich mit seinen Romanen vertrauter wurde, da versuchte ich mir vorzustellen, wie er in seinem Arbeitszimmer im oberen Stockwerk saß und die eigentümlichen Sätze von Oliver Twist zu Papier brachte. Eine ältere Nachbarin erzählte mir einmal, ihre Mutter habe zwei Jahre lang täglich bei Mr Dickens sauber gemacht und von ihm ein Exemplar jenes Romans geschenkt bekommen, mit einer persönlichen Widmung – ein wertvolles Erinnerungsstück, das sie in ihrem Wohnzimmer auf einem Regalbrett aufbewahrte.
»Ein extrem reinlicher Mann«, erzählte sie mir, wobei sie die Lippen schürzte und zustimmend nickte. »Das pflegte meine Mutter immer über ihn zu sagen. Penibel, bei allem, was er machte.«
Mein Tag begann immer nach dem gleichen Schema. Um halb sieben klingelte der Wecker, und nachdem ich mich gewaschen und angekleidet hatte, nahm ich um sieben Uhr am Küchentisch Platz, wo mich bereits das von Soja zubereitete Frühstück erwartete: Tee und Toast sowie zwei perfekt pochierte Eier. Sie hatte eine erstaunliche Technik, was die Zubereitung der Eier betraf, bei der diese auch ohne Schale ihre ovale Form behielten, ein Kunststück, das sie auf einen Wirbelwindeffekt zurückführte, den sie mit einem Quirl in dem kochenden Wasser erzeugte, bevor sie Eiweiß und Eigelb hineinplumpsen ließ. Während ich aß, wechselten wir kaum ein Wort, doch sie saß neben mir am Tisch, um mir gegebenenfalls Tee nachzuschenken. Und sobald ich das Frühstück beendet hatte, schnappte sie sich meinen Teller, um ihn unter dem Wasserhahn abzuspülen.
Ich zog es vor, zu Fuß zum Museum zu gehen, bei Wind und Wetter, denn ich wollte körperlich fit bleiben. Als junger Mann war ich stolz auf meinen athletischen Körper gewesen, und ich gab mir große Mühe, in Form zu bleiben, selbst als ich das mittlere Lebensalter erreichte und von meinem Spiegelbild weniger angetan war. Ich ging mit einer Aktentasche zur Arbeit, und Soja legte mir dort jeden Morgen zwei Sandwiches und ein Stück Obst hinein, direkt neben den Roman, den ich gerade las. Sie kümmerte sich vorbildlich um mich, doch die tagtägliche, wie selbstverständlich wirkende Wiederholung dieser Dinge führte dazu, dass ich nur selten daran dachte, ihrer Liebenswürdigkeit Achtung zu zollen oder mich bei ihr zu bedanken.
Dies lässt mich womöglich wie einen altmodischen Menschen erscheinen, wie einen Haustyrannen, der unmögliche Ansprüche an seine Frau stellt.
Doch nichts könnte von der Wahrheit weiter entfernt sein.
Als wir im Herbst 1919 in Paris heirateten, da war es für mich schlechterdings unvorstellbar, dass Soja sich mir jemals auf irgendeine Weise unterordnen würde.
»Aber ich bediene dich doch nicht«, beharrte sie. »Ich kümmere mich um dich, Georgi, und ich tue das gern. Merkst du das nicht? Ich hätte mir nie träumen lassen, einmal solche Freiheiten zu haben, Wäsche zu waschen, Essen zu kochen, einen Haushalt zu führen wie andere Frauen auch. Bitte verweigere mir nichts, was für andere selbstverständlich ist!«
»Worüber sich andere beklagen«, entgegnete ich mit einem Lächeln.
»Bitte, Georgi«, wiederholte sie, und was hätte ich tun können, außer auf ihren Wunsch einzugehen? Trotzdem bereitete mir dies noch jahrelang Unbehagen, doch im Laufe der Zeit und als uns ein Kind beschert wurde, gingen wir dermaßen in unseren jeweiligen Alltagspflichten auf, dass ich meine ursprünglichen Bedenken vergaß. Es war eine Aufgabenverteilung, die uns beiden gefiel, und das ist alles, was ich dazu sagen kann.
Zu meiner Schande hat Soja während unseres gemeinsamen Lebens jedoch dermaßen gut für mich gesorgt, dass ich nun, wo ich allein zu Haus bin, selbst die einfachsten Hausarbeiten nicht zu meistern vermag. Vom Kochen habe ich keine Ahnung, und so esse ich zum Frühstück jeden Tag Zerealien: Haferflocken, Kleie, steinharte Rosinen, die ich mit Milch aufweiche. Mein Mittagessen nehme ich um ein Uhr in der Kantine des Krankenhauses ein, wenn ich dort zu meinem täglichen Besuch erscheine. Ich esse allein, an einem Plastiktisch mit Blick auf den ungepflegten Garten des Hospitals, wo die Ärzte und Krankenschwestern in ihren hellblauen, fast schon unanständigen OP-Anzügen herumstehen und rauchen. Das Essen ist fade, ohne jegliche Raffinesse, doch es füllt meinen Magen, und mehr verlange ich nicht von ihm. Es ist elementares englisches Essen: Fleisch mit Kartoffeln, Hähnchen mit Kartoffeln, Fisch mit Kartoffeln – vielleicht werden sie auf der Speisekarte eines Tages auch noch Kartoffeln mit Kartoffeln anbieten. Wahrlich nichts Besonderes.
Natürlich erkenne ich inzwischen einige der anderen Besucher wieder, die Witwen und Witwer im Wartestand, wie sie in verzweifelter Einsamkeit über die Flure wandern, zum ersten Mal seit Jahrzehnten des Menschen beraubt, der ihnen am nächsten steht. Manche von uns kennen sich mittlerweile flüchtig, und es sind auch etliche darunter, die ihre Geschichten von Hoffnung und Enttäuschung an den Mann bringen wollen, doch ich lasse mich ungern in ein Gespräch verwickeln. Ich bin nicht hier, um irgendwelche Bekanntschaften zu machen. Ich bin allein wegen meiner Frau hier, wegen meiner geliebten Soja, um an ihrem Bett zu sitzen, um ihre Hand zu halten, um ihr Dinge ins Ohr zu flüstern, um sicherzugehen, dass sie weiß, sie ist nicht allein.
Ich bleibe bis sechs Uhr bei ihr, und dann küsse ich sie auf die Wange, lasse meine Hand für einen Moment auf ihrer Schulter ruhen und bete im Stillen darum, sie möge noch am Leben sein, wenn ich am nächsten Tag wiederkomme.

John Boyne

Über John Boyne

Biografie

John Boyne, geboren 1971 in Dublin, ist einer der renommiertesten zeitgenössischen Autoren Irlands. Seine Bücher wurden in mehr als vierzig Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit seinem Roman »Der Junge im gestreiften Pyjama«, der...

Pressestimmen

Freundin

Sagenhaft. Manchmal wird Geschichte zum Mythos ... ›Das Haus zur besonderen Verwendung‹ erzählt herzzerreißend vom Bauernsohn Georgi und seiner Liebe zur Zarentochter Anastasia.

The Times

Ein aufwühlendes, atemberaubendes Epos über das Schicksal des letzten russischen Zaren und seiner Familie.

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden