Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Blick ins Buch
Das Haus des vergessenen GlücksDas Haus des vergessenen Glücks

Das Haus des vergessenen Glücks

Roman

Taschenbuch
€ 9,99
E-Book
€ 8,99
€ 9,99 inkl. MwSt.
Lieferzeit 2-3 Werktage
Jetzt kaufen Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 8,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
Jetzt kaufen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Das Haus des vergessenen Glücks — Inhalt

Ausgerechnet, als die New Yorkerin Olivia ihren Mann bei einem unverzeihlichen Verrat ertappt, erreicht sie die Mail eines Berliner Verlages mit einer Einladung nach Deutschland: Sie soll eine Biografie über ihre Großmutter, den deutschstämmigen Broadway- Star Scarlett Dearing, schreiben. Sie zögert, doch als ihr Mann einen tödlichen Unfall hat, den ihre Tochter Vivien traumatisiert überlebt, sagt sie zu. Sie reist mit Vivien nach Berlin, wo die beiden nicht nur auf ein unfassbares Familiengeheimnis stoßen, sondern auch zwei mysteriösen Männern begegnen.

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 19.01.2015
512 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30648-5
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 19.01.2015
512 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96730-3

Leseprobe zu »Das Haus des vergessenen Glücks«

Berlin-Zehlendorf, August 1932

Es war immer noch warm in dem Segelboot, das am Ende des Stegs vor sich hin dümpelte. Es hatte sich im Lauf des Tages aufgeheizt. Aber selbst wenn es im Inneren nass und kalt gewesen wäre, hätte es die Liebenden nicht davon abgehalten, sich ihrer Leidenschaft hinzugeben. Sie hatten weder Augen für den hellen Mond, der sie anleuchtete, noch Ohren für die herannahenden Schritte.
Es gab nur eins für sie: die drängende Lust, sich zu vereinen. Die Frau bog sich ihm entgegen, als er in sie eindrang, und schrie laut auf, nichts [...]

weiterlesen

Berlin-Zehlendorf, August 1932

Es war immer noch warm in dem Segelboot, das am Ende des Stegs vor sich hin dümpelte. Es hatte sich im Lauf des Tages aufgeheizt. Aber selbst wenn es im Inneren nass und kalt gewesen wäre, hätte es die Liebenden nicht davon abgehalten, sich ihrer Leidenschaft hinzugeben. Sie hatten weder Augen für den hellen Mond, der sie anleuchtete, noch Ohren für die herannahenden Schritte.
Es gab nur eins für sie: die drängende Lust, sich zu vereinen. Die Frau bog sich ihm entgegen, als er in sie eindrang, und schrie laut auf, nichts ahnend, dass ihr Schrei nicht nur die Stille der Nacht zerriss, sondern auch ein liebendes Herz. Der Mann stöhnte ihren Namen heraus, als könnte er nicht glauben, dass sie die Frau war, der er so nahe kam, wie er es nicht mehr zu hoffen gewagt hatte.
In den Ohren der anderen Frau war dies eine grausame Tortur. Damit erstarb der letzte Funken Hoffnung, dass sie sich täuschte. Sie blieb stehen, am ganzen Körper zitternd. Auf dem See glitzerten tausend Sterne, die sie lockten wie einst die Sirenen Odysseus mit dem einen Ziel, ihn zu töten. Sie musste nur springen und den Sternen entgegenschwimmen, bis die Kräfte sie verließen. Vorsichtig setzte sie sich auf die Kante des Stegs und ließ die Füße ins Wasser baumeln, fest entschlossen, sich langsam, ganz langsam in das kühle Nass gleiten zu lassen.
Da drang seine Stimme erneut an ihr gequältes Ohr. »Ich liebe dich, ich liebe dich!« Sie presste sich mit aller Kraft ihre Hände auf die Ohren, aber es nützte nichts. Es klang in ihr nach wie ein Echo. »Ich liebe dich, ich liebe dich!« Das war der Augenblick, in dem sich ihre Verzweiflung in etwas anderes verwandelte, etwas, das stärker war als der Drang, sich selbst zu opfern. Etwas Machtvolles ergriff von ihr Besitz, ließ sie hochschnellen und trieb sie zum Ende des Stegs. Die tanzenden Sterne würdigte sie keines Blickes mehr. Sie sah nur noch das Boot. Nun war ihr, als wäre sie von Erinnyen besessen, als würde Megaira, die zornige Neiderin, ihr klare Anordnungen erteilen. Der Alkohol tat sein Übriges. Sie fasste in die Tasche ihrer Kostümjacke und fühlte das kalte Eisen in ihrer Hand. Du Idiot, dachte sie, warum hast du sie achtlos liegen gelassen? Ja, er allein trug die Schuld für das, was nun geschehen würde. Die auf der ganzen Veranda verstreuten Kleidungsstücke hatten sie doch erst auf die richtige Spur gebracht und zum See geführt. Die Pistole musste ihm dabei wohl aus der Jackentasche gefallen sein. Er hatte ihr einmal im Garten vorgeführt, wie sie funktionierte, und sie meinte einen gewissen Glanz in seinen Augen erkannt zu haben, als er ihr anvertraut hatte, dass er sie im Krieg einem Offizier gestohlen hatte.
»Das ist eine Parabellum-Pistole, auch Luger genannt«, hatte er ihr erklärt.
»Parabellum?«, hatte sie gefragt, um ein wenig Interesse zu heucheln.
»Die Zyniker der Deutsche Waffen- und Munitionsfabriken AG benutzen es als Wahrzeichen, abgeleitet von dem lateinischen Spruch: Si vis pacem, para bellum.«
Wirklich sehr zynisch, hatte sie damals gedacht. Wenn du Frieden willst, bereite dich auf den Krieg vor. Sie hasste Waffen und hatte sich zunächst geweigert, die Luger in die Hand zu nehmen, aber ihm zu Gefallen hatte sie sich überwunden. Von seinem Lob, wie mutig sie sei, angestachelt, hatte sie sich schließlich als gelehrige Schülerin erwiesen.
»Halt das Magazin in der linken Hand und schieb den Knopf am Zubringer mit dem Daumen nach unten, bis sich eine Patrone, Boden zuerst, unter die Magazinlippen einschieben lässt. Den Vorgang musst du wiederholen, bis das Magazin mit maximal acht Patronen geladen ist«, hörte sie seine raue Stimme sagen. Dieselbe Stimme, die in diesem Augenblick wieder jenen Namen stöhnte, der nicht der ihre war.
Doch sie war nicht länger dazu verdammt, ausgeschlossen zu sein. Sie übernahm die Hauptrolle im letzten Akt des falschen Liebesspiels, als sie leichtfüßig in das Boot kletterte, auf das vereinte Knäuel Mensch in der Kajüte zielte und abdrückte.

New York, Juni 2014
Die Wohnung in der St. Marks Place lag im dritten Stock eines Rotklinkerbaus.
Missbilligend warf Olivia einen flüchtigen Blick aus dem Fenster. Unten auf der gegenüberliegenden Straßenseite tobte das Leben zwischen rumpeligen Läden und Pizzabuden. An diesem Sommertag brannte die Sonne, wie so oft schon im Juni, erbarmungslos auf den Asphalt hinunter, sodass er langsam zu kochen begann. Was für ein Kontrast zu der Kühle, die durch die Klimaanlage im Raum herrschte, dachte Olivia, bevor sie die Vorhänge mit einem energischen Ruck zuzog. Nun lag auch das Schlafzimmer der großen Wohnung im Dunklen; durch die blickdichten Stores drang kein Lichtstrahl mehr ins Innere. Obwohl Olivia eine Lampe anschalten musste, war ihr so wesentlich wohler. Dieses vom Rest der Welt abgeschottete Höhlenfeeling war genau das, was ihrem momentanen Seelenzustand entsprach.
Sie legte sich auf ihr Bett und stellte den Fernseher an. Die Wiederholung einer alten CSI-Folge flackerte über den Bildschirm, aber sie schaute nicht wirklich hin. Ihr waren nur die Stimmen wichtig, die im Hintergrund murmelten. Auf diese Weise fühlte sie sich wenigstens nicht ganz so allein. Sie ließ ihren Blick zur anderen Seite des Bettes schweifen. Dort, wo bis vor Kurzem noch Ethan geschlafen hatte, lagen diverse Chipstüten, angeknabberte Sandwichs und zwei leere Flaschen Wein. Sie empfand nicht einmal Ekel. Die Verzweiflung darüber, dass sie nie wieder das Bett mit ihrem Mann teilen würde, hatte sich in eine Art von Lethargie verwandelt. Dank der Tabletten war ihr alles ziemlich gleichgültig. Die Packung hatte ihr Meg, eine befreundete Ärztin, unter der Hand gegeben, an dem Tag, als sich bei ihr zum ersten Mal der Verdacht eingeschlichen hatte, Ethan könnte sie womöglich betrügen. Dass er als gefragter Anwalt viel Arbeit hatte, hatte Olivia nie bezweifelt, aber nach der dritten Nacht in Folge, in der Ethan in der Kanzlei geschlafen hatte, war ihr sein Verhalten doch seltsam vorgekommen. Meg hatte ihr geraten, das Ganze zunächst aufmerksam zu beobachten, bevor sie sich womöglich mit falschen Anschuldigungen lächerlich machte.
»Und was mache ich gegen meine innere Unruhe? Ich kann keinen Artikel zu Ende schreiben, ohne dass ich alle paar Minuten aufspringe und durch mein Arbeitszimmer tigere«, hatte sie der Freundin gestanden. Meg hatte ihr im Vertrauen darauf, dass Olivia nur einem Rauschmittel, nämlich eisgekühltem Weißwein, zugetan war, eine Packung Ativan gegeben. Olivia hatte sie dann gar nicht angerührt, weil sie große Angst vor dem unkalkulierbaren Risiko von Psychopharmaka hatte. Bis zu jenem Tag, an dem sie von einer Recherchereise nach Boston einen Tag zu früh nach Hause gekommen war …
Olivia griff nach der Chipstüte und stopfte sich eine Handvoll in den Mund. Dabei landeten einige Krümel auf der Bettdecke. Sie wollte unbedingt vermeiden, dass das, was sie damals in ihrem Schlafzimmer erwartet hatte, wieder in allen Einzelheiten vor ihrem inneren Auge auftauchte, aber es half alles nichts. Es war jetzt genau zwei Wochen her, und jede Sekunde hatte sich brutal in ihr Gedächtnis eingebrannt.
Das Klingeln ihres Telefons erlöste sie davon, dass sich der Film erneut abspulte, ohne dass sie ihn ausschalten konnte.
Olivia versuchte, möglichst normal zu klingen und nicht wie jemand, der seit Tagen in einem rosafarbenen Nachthemd mit Mickey-Mouse-Aufdruck, das einmal ihrer Tochter Vivien gehört hatte, mit ungewaschenem Haar an einem ganz normalen Vormittag apathisch in einem ungemachten Bett herumlümmelte.
Es war Lucy, die Reaktionssekretärin der New York Times, die fragte, ob sie die weitergeleitete Mail bekommen habe.
»Ja, danke«, erwiderte Olivia, obwohl sie seit Tagen keine Eingänge mehr gecheckt hatte.
»Wollen wir mal wieder lunchen?«, fragte Lucy.
»Gern«, schwindelte Olivia, denn sie konnte sich schwer vorstellen, ihre Höhle in absehbarer Zeit zu verlassen. Hier drinnen fühlte sie sich sicher und beschützt, aber dort draußen würden die Menschen sofort merken, dass mit ihr etwas nicht stimmte, und sie hatte nicht das Bedürfnis, den Verrat öffentlich zu machen. Ihr Ziel war es, die Sache zu verarbeiten und dann wie Phönix aus der Asche zu steigen. So, wie sie ihre Probleme immer gelöst hatte. Schon als Kind. Ganz allein und ohne zu klagen. Solange sie sich in diesem Zustand befand, ließ sie nicht einmal ihre Freundinnen in die Wohnung und wimmelte sogar die Besuche ihrer Tochter ab.
»Du musst es Vivien selber sagen! Ich werde das nicht tun!«, hatte sie Ethan eiskalt erklärt, bevor sie ihn mitsamt seiner Geliebten aus der Wohnung geworfen und das Schloss hatte auswechseln lassen. Seine persönlichen Sachen hatte sie ihm vor die Tür gestellt. Sie wollte ihn nie wiedersehen – außer zur Scheidung, aber um diese einzureichen, fehlte ihr momentan noch die Kraft.
»Du klingst so komisch. Ist was?«, fragte Lucy.
»Es ist einfach zu heiß in der Stadt«, versuchte Olivia sich herauszureden.
»Ich wundere mich nur, dass du dich gar nicht mehr blicken lässt. Wir wollten doch schon die ganze Zeit mit dir auf den Erfolg deines Artikels anstoßen«, fügte Lucy hinzu. »Und außerdem hast du dich immer noch nicht zum Angebot des Chefs geäußert, die freie Stelle im Berliner Büro der Times anzunehmen. Ich meine, noch ist Zeit, die ist erst zum 1. September frei. Aber ich finde, du solltest es dir zumindest überlegen. Ich kenne keinen Kollegen, der so gut Deutsch spricht wie du.«
»Ich melde mich. Es klingelt gerade an der Haustür«, log Olivia und legte einfach auf. Das war ihr viel zu viel. Sie konnte derzeit keine vernünftigen Entscheidungen über ihre Zukunft fassen. Und schon gar keine darüber, ob sie für längere Zeit nach Deutschland gehen wollte. In guten Zeiten hätte sie so ein Angebot sicher gereizt, aber in dieser Lage? Sie war doch völlig aus Zeit und Raum gefallen und vegetierte mehr oder minder vor sich hin. Plötzlich überfiel sie wieder diese quälende innere Unruhe, die ihr Blut in den Adern kochen ließ und aus ihrem Kopf ein Karussell machte, das sich schnell und immer schneller drehte.
Olivia griff in die Nachttischschublade. Eigentlich wollte sie heute mit den Tabletten aufhören, zumal sich nur noch zwei in der Schachtel befanden, die sie für akute Notfälle aufheben wollte. Sie zögerte; dann nahm sie erst einmal ihren Laptop zur Hand. Von welcher Mail hatte Lucy eben gesprochen?
Träge öffnete sie das Postfach und entdeckte die weitergeleitete Nachricht inmitten diverser Eingänge. Die meisten waren von Ethan. Sie überflog seine Mails flüchtig, bevor sie seine Botschaften löschte. Sie hatten alle den gleichen Inhalt: Er brauchte Sachen aus der Wohnung, wollte mit ihr reden, und es tat ihm leid, dass sie es auf diese Weise hatte erfahren müssen. Bla, bla, bla, dachte Olivia, bevor sie die Einstellung an ihrem Rechner so änderte, dass seine Nachrichten in Zukunft im Spamordner landen würden.
Erst danach öffnete sie die Nachricht aus Deutschland. Sie war von einem Berliner Verlag und auf Englisch geschrieben. Wie sollen die auch ahnen, dass ich perfekt Deutsch spreche, dachte sie. Olivia war die Erste in der Familie, die sich für die Muttersprache ihrer Großmutter interessierte. Scarlett, die im Jahr 1932 von Deutschland nach New York ausgewandert war, hatte weder mit ihrer Tochter noch mit ihrer Enkelin und auch nicht mit ihrer Urenkelin je ein deutsches Wort gesprochen. Dabei war es ihrem harten Akzent bis zum Schluss anzuhören gewesen, wo ihre Wurzeln zu finden waren. Olivias Mutter hatte die deutsche Sprache deshalb gar nicht erst gelernt, während Olivia sich geradezu magisch angezogen fühlte von dieser Anhäufung gutturaler Laute. Sie hatte die Sprache schon in der Schule gelernt und war sogar in der Lage, ganze Artikel auf Deutsch zu verfassen. Wie den über den einst gefeierten Broadway-Star Scarlett Dearing, ihre Großmutter, anlässlich deren zehnten Todestages, den eine deutsche Zeitschrift nach der englischen Veröffentlichung in der Times abgedruckt hatte. Olivia hatte alle wichtigen beruflichen Stationen des bewegten Lebens ihrer Großmutter beschrieben, allerdings nur spärliche Einblicke in ihr Privatleben gewährt. Dabei war eben das ständig in der Presse ausgebreitet worden. Skandale waren im Haus Dearing keine Seltenheit gewesen. Drei Mal war die Diva verheiratet gewesen. Und drei Mal mit Männern, die nicht wirklich gesellschaftsfähig gewesen waren. Drogen, Gewalt und Betrug. Diese hässlichen Geschichten hatte Olivia natürlich nicht ausgeführt, sondern war mehr an der Oberfläche geblieben, obgleich sie viel mehr wusste, als ihr recht war.
Scarlett hatte liebend gern auf die drei Kerle geschimpft und manches Mal vergessen, dass einer davon Olivias Großvater gewesen war. Herald, der Trinker. Immerhin nicht der Schläger. Doch schon als sie sechzig gewesen war, war Scarletts dritte und letzte Ehe geschieden worden, und sie hatte keinem ihrer dann noch folgenden zahlreichen Verehrer erlaubt, unter ihrem Dach zu leben. Aber immer, wenn Scarlett ein bisschen zu tief ins Glas geschaut hatte, war sie ins Schwärmen über die Attraktivität dieser ansonsten unnützen Kerle geraten. Sie hatten wirklich alle drei außerordentlich gut ausgesehen, und die Herren waren einander vom Typ her ziemlich ähnlich gewesen. Groß, durchtrainiert, markante Gesichter und alle von unwiderstehlicher Virilität. Kurz vor ihrem Tod hatte Scarlett Olivia befohlen, die Fotos aller drei Männer auf ihrem Nachttisch aufzustellen. Einen Tag bevor sie gestorben war, hatte sie das verloren, was sie reich und erfolgreich gemacht hatte, ihre sagenhafte Stimme. Olivia würde nie den panischen Ausdruck in ihren Augen vergessen. Offenbar hatte sie ihr noch etwas mitteilen wollen, aber sie war nicht einmal mehr in der Lage gewesen, etwas aufzuschreiben. Trotz dieses dramatischen letzten Tages im Leben der Scarlett Dearing war Olivia dankbar dafür, was für ein langes, erfülltes Leben ihrer Großmutter vergönnt gewesen war. Und auch für die Liebe, die ihr diese Frau nach dem Tod ihrer Eltern gegeben hatte. Diese persönliche Verbundenheit zwischen Großmutter und Enkelin war die Würze des viel beachteten Artikels gewesen. Scarlett war über neunzig gewesen, als sie in ihrer feinen Seniorenresidenz in der Upper East Side eingeschlafen war. Sie hatte ihrer Enkelin ihre persönlichen Sachen und ein kleines Vermögen vererbt. Von dem Geld hatten Ethan und sie sich die schöne Wohnung in dem quirligen Viertel an der 8th Street leisten können, aus der Vivien schon mit achtzehn in eine Wohngemeinschaft nach Brooklyn gezogen war. Zusammen mit ihrer Freundin Kim …
Olivia lief allein beim Gedanken an Kim ein kalter Schauer über den Rücken, denn niemals würde sie den Anblick ihres nackten Hinterns und der wild schwingenden roten Mähne vergessen können und wie sie auf ihrem Mann wahre akrobatische Kunststücke vollführt hatte. Ihr wurde sofort schlecht, und sie griff, ohne weiter zu überlegen, nach der Tablette. Sie atmete ein paarmal tief durch, bevor sie die Mail aus Deutschland las.
Sehr geehrte Ms Baldwin,
wir haben mit großer Begeisterung den Artikel über das aufregende Leben Ihrer Großmutter gelesen. Wie Sie sicher wissen, erschien er auch in deutscher Übersetzung in einer unserer Zeitschriften. Unser Verlag arbeitet gerade an einer Sonderausgabe über Künstler, die in den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts in die USA emigriert sind und dort Fuß fassen und nachhaltige Erfolge feiern konnten. Was, wie hinreichend bekannt ist, bei vielen anderen nicht der Fall war. Mein Name ist Paul Wagner, und ich bin der zuständige Redakteur. Eine Biografie über Scarlett Dearing würde eine ungeheure Bereicherung des Programms darstellen. Deshalb würden wir Sie gern zu einem persönlichen Gespräch nach Berlin einladen, wenn Sie an einer gemeinsamen Arbeit Interesse hätten, was wir sehr begrüßen würden. Die Flug- und Hotelkosten würden wir seitens des Verlags übernehmen. Ich bitte um einen Rückruf unter meiner Büronummer 030 / 227.389–183.
Mit freundlichen Grüßen
Paul Wagner
Olivia ließ den Rechner seufzend auf die Bettdecke gleiten. Ein derartiges Angebot, wenigstens einen Kurztrip nach Berlin zu unternehmen, wäre ihr noch vor ein paar Wochen verlockend erschienen, aber unter diesen Umständen würde sie keinen Gedanken darauf verschwenden. Wenn dieser Paul Wagner mich jetzt sehen könnte, dachte Olivia fast ein wenig belustigt – ein sicheres Zeichen, dass die Wirkung der »Scheiß-egal-Tabletten« einsetzte.
Trotzdem schrieb sie noch keine Absage, sondern verschob das auf den nächsten Tag. Ihr fehlte die Kraft, um eine höfliche, gut formulierte Mail zu verfassen, die nicht erkennen ließ, dass sie völlig neben der Spur war.
Sie ließ sich erschöpft in die Kissen zurückfallen, und sofort schaltete sich der schreckliche Film wieder ein. Sie konnte nichts dagegen tun, aber dank der Tablette rauschte die Erinnerung wie durch eine Nebelwand an ihr vorbei:
Gestresst vom Flug, steigt sie aus dem Taxi, schleppt sich drei Stockwerke die Treppen hinauf, denn der Fahrstuhl ist mal wieder außer Betrieb. Müde steckt sie den Schlüssel ins Schloss, es ist still in der Wohnung, sie vermutet, Ethan sei noch in der Kanzlei, dann hört sie ein Stöhnen, es kommt ihr bekannt vor, das sind die typischen Geräusche, wenn sie mit Ethan schläft. Sie bleibt regungslos im Flur stehen. Es dauert einen Augenblick, bis die Wahrheit zu ihr durchdringt. Ihr Mann hat Sex. Wahrscheinlich mit sich allein, redet sie sich ein und schleicht in Richtung Schlafzimmer. Sie ist zwar schlapp, aber der Gedanke, ihren Mann in einer solchen Lage zu überraschen und zu verführen, macht sie wacher. Sie lächelt in sich hinein, als sie leise die Tür öffnet, und erstarrt: Eine Frau sitzt rittlings auf ihrem Mann und beugt sich weit zurück. Sie braucht ein paar Sekunden, bis sie begreift, wem diese schwingende knallrote Mähne gehört. Sie kennt nur eine, die so glattes, langes rotes Haar hat. Kim, Viviens Sandkastenfreundin. Die Übelkeit überfällt sie so plötzlich, dass sie nichts mehr tun kann. In hohem Bogen kotzt sie auf den weiß gekälkten Eichenboden. Offenbar nicht still und leise, denn als sie wieder aufsieht, steht die Rothaarige zitternd in der Ecke und verdeckt den schlanken, mädchenhaften Körper mit der Bettdecke. Ethan sitzt senkrecht im Bett und hat seine neue Brille aufgesetzt, die ihm ein intellektuelles Aussehen verleihen soll. Mit dieser Brille sieht er aus, als verfasste er philosophische Werke. Seine Miene ist allerdings ziemlich dümmlich, seine gestammelten Worte auch. »Es ist nicht so, wie du denkst!«
Nein, schon klar, denkt sie fassungslos und nähert sich ihm bedrohlich. »Und wie ist es dann?« Sie ignoriert die immer noch hinter der dicken Decke zitternde Kim.
»Wir lieben uns«, gibt der Mann mit der zerzausten Miene zögerlich zu.
»Was heißt das?« Ihr ist übel. Sie glaubt, sie müsse sich gleich noch einmal übergeben.
»Ich wollte nicht, dass du es auf diese Weise erfährst. Das musst du mir glauben, aber Kim und ich, das ist etwas ganz Besonderes!«
Sie erbricht sich nicht, sondern befiehlt eiskalt: »Raus hier! Alle beide!«
Kim versteht sie sofort, lässt die Decke fallen und sucht hektisch ihre im ganzen Schlafzimmer verstreute Kleidung zusammen. Er bekommt seinen überheblichen Anwaltsblick. »Lass uns bitte vernünftig reden.«
»Raus!« Ihre Stimme klingt hysterisch und überschlägt sich beinahe.
»Bitte, wir sind doch erwachsen und …«
»Raus!«, wiederholt sie.
Er steht provozierend langsam auf, klaubt seine Kleidung zusammen, mustert sie wie eine Mandantin, die sich gerade aus der Verantwortung für einen Mord stehlen will. Das kann er gut. Einem das Gefühl geben, man habe die Schuld, wenn er gerade etwas verzapft hat.
»Unsere Ehe war doch nicht mehr …«
»Raus!«, schreit sie und schubst ihn in Richtung Tür, zu der Kim schon freiwillig vorausgegangen ist.
Sie öffnet demonstrativ die Tür. »Raus!«
»Ich hätte gedacht, dass wir das wie zwei Erwachsene …«
»Raus hier!«
Endlich folgt er ihren Anordnungen, doch dann dreht er sich noch einmal um. »Bitte, bring es Vivien schonend bei!«
»Sag es Vivien selber! Ich werde es nicht tun«, erwidert sie eiskalt und wirft die Tür hinter den beiden mit einem lauten Knall zu. Sekunden vorher hat Kim sie angesehen wie ein verschrecktes Reh.
Reh war Kims Spitzname in der Schule gewesen, erinnerte sich Olivia in diesem Moment, weil sie so schüchtern war. Vivien und Kim, ein ungleiches Freundinnenpaar. Vivien, die quirlige Draufgängerin, und das zarte Reh. Dank der Tabletten konnte Olivia diese Gedanken zulassen, ohne im selben Augenblick darüber nachzudenken, ob sie Ethan lieber erschießen oder vergiften sollte. Auf Kim war sie nicht böse, die tat ihr eher leid, aber auf Ethan dafür umso mehr. Wie konnte er mit einem Mädchen schlafen, dem er einst die Pampers gewechselt hatte? Schon als Einjährige hatte Kim oft bei ihnen übernachtet. Ihre Eltern lebten damals gerade in Scheidung, weil ihr Vater kurz nach ihrer Geburt seine Homosexualität entdeckt hatte. Kim war wie ein zweites Kind in ihrem Haus, und Ethan und sie waren ihre Ersatzeltern gewesen. Olivia konnte sich nicht helfen, aber sie sah in dieser vermeintlichen Liebe einen Übergriff seitens Ethans. Olivia war wirklich nicht prüde, aber das da war etwas Verbotenes, etwas, das er nicht hätte tun dürfen.
Dabei war sie diejenige gewesen, die während der Ehe eine Affäre gehabt hatte. Mit Frank, einem Autor, den sie interviewt hatte. Das war vor sieben Jahren gewesen, und sie hatte es Ethan schließlich gestanden, weil sie sehr verliebt in den anderen Mann gewesen war. So verliebt, dass sie mit dem Gedanken gespielt hatte, Ethan zu verlassen. Er war damals mit seiner Arbeit verheiratet gewesen und hatte kaum mehr Zeit für sie gehabt, während Frank vehement um sie geworben hatte, sodass sie sich endlich wieder begehrt und geliebt gefühlt hatte. Ethan war damals aus allen Wolken gefallen und hatte angefangen, um sie zu kämpfen. Schließlich waren sie zu einem Paartherapeuten gegangen mit dem Ergebnis, dass sie wieder zusammengekommen waren und ein paar richtig gute Ehejahre gehabt hatten. Doch seit fast einem Jahr war Ethan ihr gegenüber sehr abweisend geworden, und sie hatten nicht mehr miteinander geschlafen, bis auf uninspirierte Pflichtübungen, die Olivia nur noch unzufriedener gemacht hatten. Ethan hatte diese Unlust auf die Arbeit geschoben. Olivia hatte es ihm nur allzu bereitwillig geglaubt, bis ihr Mann fast jede zweite Nacht im Büro übernachtet und selbst die kleinsten zärtlichen Gesten zwischen ihnen vermieden hatte … Natürlich war ihr dann irgendwann eingefallen, wie distanziert sie sich damals während der Sache mit Frank ihm gegenüber verhalten hatte.
Und auch jetzt noch marterte sie sich mit der Gewissensfrage, ob sie überhaupt mit zweierlei Maß messen durfte. Ich muss, dachte sie grimmig, schließlich hatte ich keine Affäre mit Viviens Sandkastenfreund Sean, den ich als Kleinkind zusammen mit meiner Tochter in die Badewanne gesetzt und abgeschrubbt habe. Nein, ich war mit einem erwachsenen Mann zusammen, der in keinerlei Abhängigkeit zu mir stand, mein Mann hingegen hat einem Mädchen den Kopf verdreht, für das er viele Jahre wie ein Vater war …
Das Telefonklingeln riss Olivia aus ihren quälerischen Gedanken. Sie überlegte, ob sie das Gespräch überhaupt annehmen sollte, aber auf dem Display erkannte sie, dass es Vivien war, und daraufhin versuchte sie, sich mit fester Stimme zu melden.
»Mom, kann ich nachher mal vorbeikommen?«, fragte ihre Tochter statt einer Begrüßung.
Olivia stieß einen tiefen Seufzer aus. Das würde bedeuten, dass sie sich in einen akzeptablen Zustand bringen musste. Andererseits hatte Vivien lange nicht mehr so bedürftig geklungen. Trotzdem, Olivia fühlte sich viel zu schwach, um der klugen jungen Frau Normalität vorzugaukeln.
»Ach, das passt mir leider gar nicht, meine Süße, ich habe so viel zu tun.«
»Ich würde dich nicht darum bitten, wenn es nicht dringend wäre«, erwiderte Vivien trotzig.
Das stimmt allerdings, dachte Olivia, wann hatte Vivien sie das letzte Mal um etwas gebeten? »Ist denn was Besonderes passiert?«, erkundigte sie sich und überlegte, ob Ethan ihr wohl inzwischen die Wahrheit gesagt hatte und Vivien deshalb so aufgewühlt war.
»Nein, es geht um Kim. Die verhält sich mir gegenüber so merkwürdig. Schon seit Wochen weicht sie mir aus. Ich befürchte, das hat etwas mit ihrem neuen Lover zu tun …«
»Ihrem neuen Lover?«, wiederholte Olivia mit belegter Stimme.
»Ja, aus dem macht sie ein ganz großes Geheimnis. Ich habe sonst früher oder später alle ihre Kerle kennengelernt, aber den will sie mir partout nicht vorstellen. Und das geht bestimmt schon fast ein Jahr mit den beiden. Sie schläft keine Nacht mehr in unserer Wohnung, und wenn sie mal zum Wäschewechseln kommt, ist sie schrecklich hektisch und vertröstet mich immer. Das kenne ich gar nicht von ihr, komisch, oder?« Vivien hatte sich regelrecht in Rage geredet.
Trotz der Tabletten klopfte Olivias Herz bis zum Hals. Er hatte es ihr also noch nicht gesagt. Sie verspürte das dringende Bedürfnis, der Geheimniskrämerei ein rasches Ende zu bereiten, aber nicht am Telefon.
»Wenn du willst, treffen wir uns zum Lunch im Hummus«, bot sie ihrer Tochter an.
»Zum Mittagessen bin ich schon mit Dad verabredet. Er will mit mir nach Coney Island rausfahren. Ich würde dann danach bei dir vorbeikommen.«
Coney Island, mitten in der Woche, durchfuhr es Olivia eiskalt. Er hat vor, es ihr zu sagen! Dessen war sie sich sicher. Und im selben Augenblick kam eine Nachricht auf ihrem Handy an, die sie sofort las. Werde es heute unserer Tochter sagen. Bitte kümmere Dich um sie. Es wird sie schockieren, aber ich kann es nicht verhindern. Und sei bitte vernünftig und gib mir meine Sachen endlich heraus. Ich will doch nicht rechtlich gegen Dich vorgehen müssen. Ethan
»Gut, mach das! Komm her, meine Kleine«, stöhnte Olivia mit einem Seitenblick auf Ethans zugemüllte Bettseite. Ein passender Anlass, um langsam wieder ins normale Leben zurückzukehren, dachte sie entschlossen, nachdem sie sich hastig von ihrer Tochter verabschiedet hatte. Denn sie war sich sicher, dass Vivien nach Ethans Geständnis ein paar Tage bei ihr übernachten würde. Sie benötigte jetzt eine Mutter, die in der Lage war, ihr Trost zu spenden! Olivia ballte die Fäuste. Wie konnte Ethan nur so rücksichtslos und kaltherzig sein? Einmal abgesehen von den Konflikten, in die er Kim stürzte, und dem, was er ihr antat, er würde seiner Tochter das Herz brechen, denn sie hatte ihre beste Freundin an ihren eigenen Vater verloren. Vor Wut fegte Olivia die Weinflaschen, die Chipstüten und alles, was sie sonst noch auf Ethans verwaister Bettseite abgelegt hatte, mit voller Wucht auf den weiß gekälkten Eichenboden. Scherben bringen Glück, dachte sie bitter, als sie das Geräusch von splitterndem Glas vernahm.

New York, Juni 2014
Vivien warf einen flüchtigen Blick durch die geöffnete Zimmertür ihrer Freundin und Mitbewohnerin. Das Bett war seit Monaten unbenutzt, und Vivien fragte sich, was für einen merkwürdigen Typen Kim da aufgegabelt hatte, dass sie so ein Geheimnis um diesen Mann machte. Mit dem Kerl musste doch etwas nicht stimmen. Selbst wenn er ein Prominenter sein sollte, warum weihte Kim sie nicht ein? Die Freundin wusste doch, dass sie kein Wort nach außen geben würde. Vivien kannte die Vorliebe ihrer Freundin für erfolgreiche ältere Herren, die meistens noch verheiratet waren und es in der Regel auch blieben. Wenn sie Kim das offenbarten, sobald für die Kerle der Reiz des Neuen vorüber war, weinte ihre Freundin jedes Mal bittere Tränen und trennte sich von den Männern. Kim suchte nämlich keine unverbindlichen Vergnügungen, sondern nach einem Partner, mit dem sie eine Familie gründen konnte. Vivien machte sich immer ein wenig lustig über Kims schlechtes Händchen. Sie schlug ihr vor, es zur Abwechslung mit einem Mann um die dreißig zu versuchen, der noch keine eigene Familie hatte, wenngleich sie diese Familienplanung mit fünfundzwanzig sowieso für ein wenig verfrüht hielt. Aber Kim hat wenigstens Sex, ging es Vivien bekümmert durch den Kopf.
Seit ihre große Liebe Luca wieder zurück nach Australien gegangen war und sich kurz darauf neu verliebt hatte, hatte Vivien keinen Freund mehr gehabt, und das war nun bald ein Jahr her. Dabei interessierten sich einige junge Männer für sie, aber Vivien war entsetzlich altmodisch, was die Liebe anging. Entweder verknallte sie sich mit Haut und Haaren oder gar nicht. Etwas Halbherziges würde auch nicht zu ihr passen, denn Vivien war eine leidenschaftliche junge Frau, die alles, was sie anpackte, mit Begeisterung tat. So, wie sie nach drei Semestern Jura an die Filmakademie gewechselt hatte, weil sie für die Schauspielerei brannte. Ihr Vater war komplett dagegen gewesen, aber ihre Mutter hatte sie unterstützt. Vivien komme eben ganz nach ihrer Urgroßmutter, was das Showtalent angehe, hatte sie gemeint.
Ob Kim und ich uns voneinander entfremdet haben, weil ich Jura geschmissen habe, fragte sich Vivien nachdenklich. Es machte sie wirklich unglücklich, dass der Kontakt zu ihrer einst besten Freundin so derart abrupt abgerissen war. Wenn sie sich zufällig in der Wohnung begegneten, wurde Kim jedes Mal furchtbar hektisch und gab vor, in Eile zu sein. Bei der letzten Begegnung dieser Art hatte Vivien das nicht einfach hingenommen. »Ich muss dringend mit dir reden. Du musst mir nicht den Namen deines Lovers nennen, aber mir bitte erklären, warum du mich meidest wie der Teufel das Weihwasser?« Kim hatte ihr hoch und heilig versprochen, sich zeitnah telefonisch zu melden, damit sie einen Termin ausmachen konnten. Seitdem war sie spurlos verschwunden. Und das war inzwischen über drei Wochen her.
Das Geräusch der Türglocke riss Vivien aus ihren Gedanken. Ihr Vater teilte ihr über die Gegensprechanlage mit, dass er unten im Wagen auf sie warten werde. Im Grunde genommen wunderte sich Vivien über den Vorschlag ihres Vaters, mitten in der Woche mit ihr nach Coney Island zu fahren. Eigentlich trafen sie sich, wenn überhaupt, höchstens einmal im Monat auf einen hektischen Hamburger in der Stadt zwischen zwei Mandanten. Ihr Vater war immer in Eile. Sie kannte ihn gar nicht anders.
Vivien warf noch einen flüchtigen Blick in den Spiegel und strich sich eine Strähne ihrer dunklen Locken aus dem Gesicht. »Es ist ein Wahnsinn, wie dunkel du geworden bist«, pflegte ihre Mutter immer wieder erstaunt zu bemerken. Als Kleinkind war Vivien weizenblond gewesen, und dann war ihr Haar von Jahr zu Jahr immer dunkler geworden.
Vivien schloss die Tür hinter sich und stieg in den Fahrstuhl. Sie wohnte im achten Stock eines nicht besonders schönen Hochhauses und spielte mit dem Gedanken auszuziehen, jetzt, wo Kim sich ohnehin immer weiter von ihr entfernte. Unter diesen Umständen wäre es wohl besser, wenn sie sich nun auch räumlich trennten.
Ethan parkte mit seinem offenen Sportwagen direkt vor der Tür. Vivien begrüßte ihn mit einem Kuss auf die Wange und setzte sich auf den Beifahrersitz.
»Na, Kleines, alles gut?«, fragte er.
»Ja, Dad, alles okay … außer dass meine Mitbewohnerin sich in Luft aufgelöst hat«, seufzte sie.
»Kim?«
»Ja, Dad, ich habe nur die eine Mitbewohnerin«, erwiderte sie lachend.
»Was heißt das? Sie hat sich in Luft aufgelöst?«
»Das heißt, dass Kim ein Geheimnis vor mir hat. Wahrscheinlich wieder so einen Kerl, der schwer verheiratet ist und nicht möchte, dass ihre sittenstrenge Mitbewohnerin das mitbekommt.«
Mit einem Seitenblick stellte Vivien fest, dass sich die Miene ihres Vaters verdüstert hatte. Außerdem zögerte er loszufahren.
»So schlimm ist es nun auch wieder nicht«, beeilte sich Vivien zu sagen. »Aber ich überlege allen Ernstes, ob ich nicht ausziehen soll. In einer WG von Mitstudenten wird ein Zimmer frei.«
Seine Antwort war ein schwerer Seufzer.
»Mir tut das auch sehr leid, Dad. Sie ist meine beste Freundin, aber wenn sie nie da ist? Wenn sie sich mir entzieht und gar nicht mehr mit mir spricht? Was soll ich denn tun?«
»Vielleicht wartest du ab, wie sich das alles entwickelt«, entgegnete Ethan, während sie durch Brooklyn in Richtung des Kings Highway fuhren.
»Nein, ich habe keine Lust auf die Nummer, dass irgendein Kerl zwischen uns steht«, entgegnete sie mit Nachdruck. »Kommst du mit Mom eigentlich zu meiner Vorstellung nächste Woche? Es wird bestimmt lustig. Ich spiele die Honey in Wer hat Angst vor Virginia Woolf und drehe zum Schluss richtig ab.«
Ethan nickte schwach.
»Begeisterung klingt anders«, lachte Vivien. »Du nimmst mir doch nicht etwa immer noch übel, dass ich das Jurastudium an den Nagel gehängt habe, oder? Du kannst dich doch mit Kim, deiner Ersatztochter, trösten. Die wird mal in deiner Kanzlei anfangen, so ehrgeizig wie meine liebe Freundin ist. Ich meine, wenn sie nicht doch noch Ehefrau und Mutter für einen alten Sack wird.« Vivien lachte laut und herzlich.
»Alles gut. Ich habe mich damit abgefunden, dass du nicht in die Kanzlei mit einsteigst«, erwiderte ihr Vater trocken.
»Dann solltest du Kim vielleicht diesen ominösen Kerl ausreden und für ihre Karriere als Anwältin plädieren«, scherzte Vivien, aber dann verging ihr das Lachen, denn die Miene ihres Vaters war noch finsterer geworden, wie sie mit einem kritischen Seitenblick feststellen musste.
»Sag mal, ist was mit dir? Oder mit euch? Mom ist in den letzten Tagen auch so merkwürdig. Habt ihr Streit?«
»Nein, nein, alles in Ordnung«, log er und zermarterte sich den Kopf, wie er es seiner Tochter beibringen konnte, ohne dass sie ihn gleich in Grund und Boden verdammte. Wenn sie wütend wurde, war sie schwer zu zähmen. Und trotzdem durfte er es nicht länger hinauszögern. Nicht auszudenken, seine Tochter würde über Dritte davon erfahren. Er wunderte sich ohnehin, dass Olivia es ihr noch nicht gesagt hatte, so verletzt wie sie war.
Ethan Baldwin war normalerweise ein Mann der klaren, schonungslos offenen Worte, gefürchtet für seine messerscharfen Analysen und überzeugenden Plädoyers, doch in eigener Sache tat er sich an diesem Tag äußerst schwer. Er liebte seine Tochter über alles und fürchtete nichts mehr, als ihren Respekt zu verlieren. Und ihm schwante, dass Vivien schier ausrasten würde, wenn sie die Wahrheit erfuhr, was er sogar verstehen würde. Aber es gab kein Zurück mehr. Er hatte Kim gegenüber eine gewisse Verantwortung, denn sie war schwach und labil. Für sie würde eine Welt zusammenbrechen, wenn er sich für seine Familie entscheiden würde. Vivien und Olivia hingegen waren starke Frauen, die nicht am Leben verzweifeln würden, auch wenn er sich für eine Zukunft mit Kim entschied.
Sie waren jetzt auf der Ocean Avenue angekommen. Ich sollte es ihr lieber im Restaurant sagen, dachte er, während er ihren prüfenden Blick aus dem Augenwinkel wahrnahm.
»Du hast doch was auf dem Herzen, Dad. Ich meine, ganz ehrlich, es kam mir schon seltsam vor, dass du mich an einem ganz normalen Werktag nach Coney Island entführst.«
Ethan atmete ein paarmal tief durch. Lange würde er das nicht mehr aushalten. Dabei hatte er sich seine Worte so schön zurechtgelegt, aber nun kamen sie ihm hohl und hölzern vor.
»Vivien, Mom und ich lassen uns scheiden«, hörte er sich da bereits sagen.
»Was?« Sie schrie das förmlich heraus. »Warum? Hast du eine andere? Oder hat Mom wieder einen neuen Freund?«
»Ich liebe eine andere«, gab er schließlich zögernd zu und versuchte, sich auf die Straße zu konzentrieren.
»Oh Scheiße, und ich dachte schon, mir würde erspart bleiben, dass meine Eltern sich scheiden lassen. Deshalb ist Mom so komisch. Sie will keine Scheidung, oder?«
»Doch, Vivien, sie will es auch«, stöhnte Ethan.
»Und was ist das für eine Frau? Sag bloß, diese neue Junganwältin? Die himmelt dich doch dermaßen an. Aber die ist kaum ein paar Jahre älter als ich. Das könnte deine Tochter sein!«, rief Vivien empört aus und fixierte ihren Vater vorwurfsvoll von der Seite. Sie stellte fest, dass er ziemlich grau im Gesicht geworden war. Offenbar hatte sie den Nagel auf den Kopf getroffen.
»Warum kannst du nicht einfach eine Affäre mit ihr haben? So was geht vorüber. Da müsst ihr euch nicht gleich scheiden lassen, verdammt!«
»Meine Freundin ist schwanger«, erwiderte Ethan leise.
»Oh nein, bitte nicht! Sag nicht, dass du jetzt auch noch so ein alternder Dad wirst, der sich mittels eines Babys die ewige Jugend erkaufen will. Solche Typen kann ich gar nicht leiden. Das ist echt peinlich!«
»Vivien, ich liebe diese Frau. Ich kann nicht mehr ohne sie leben. Und sie braucht mich mehr als ihr. Wenn ich sie jetzt sitzen lasse und sie damit nicht zurechtkommt, werde ich mir ewig Vorwürfe machen.«
»Dad! Ich kenne sie ja nicht weiter, aber sie ist nicht mehr als eine hübsche Blondine, die sich mit Sicherheit einen Karrieresprung davon verspricht, wenn sie mit dem Chef vögelt. Du bildest dir doch nicht etwa ein, dass sie dich wirklich liebt? Die will ihr Kind versorgt wissen! Liebe?« Vivien stieß einen verächtlichen Zischlaut aus.
»Vivien, bitte, mach es mir nicht so schwer. Ich habe mich entschieden, diese Frau nach der Scheidung von deiner Mutter zu heiraten. Ich trage eine gewisse Verantwortung.«
»Toll, wirklich toll. Aber an Mom denkst du dabei gar nicht, oder? Was meinst du, wie sie sich fühlt, durch diese – Linda oder Lorena – ersetzt zu werden?«
»Vivien, bitte, ich werde dir gleich alles erklären, wenn wir im Restaurant sitzen. Das ist gar nicht so einfach.«
»Nein, du wirst mich jetzt nicht auf die Folter spannen. Da gibt es nichts zu erklären. Es ist so peinlich, dass mein eigener Vater zu dieser Spezies alternder Kerle gehört, die sich an jungen Mädchen vergreifen.«
»Sie ist kein Mädchen mehr. Ja, ich gebe es zu, sie ist so alt wie du! Aber das ist doch kein Grund, mich zu verteufeln!«
Vivien zischte verächtlich durch die Zähne. Noch nie zuvor war ihr Vater so peinlich gewesen, bis auf … Plötzlich war es ihr, als würde ein Vorhang zerreißen, und das Bild, das sich dahinter verbarg, ließ sie am ganzen Körper erzittern: Sie sind fünfzehn Jahre alt. Kim ist zu Besuch. Sie sitzen gemeinsam in der Badewanne. Die Tür öffnet sich, und ihr Vater kommt herein. Statt rückwärts wieder hinauszugehen, bleibt er stehen und starrt ihrer Freundin sekundenlang auf die Brüste. »Raus hier, Dad!«, schreit sie ihn an. Er wird knallrot, dreht sich um und flüchtet.
Vivien hatte niemals auch nur ein Wort darüber verloren, sondern diesen geiernden Blick ihres Vaters verdrängt. Bis heute. Bis gerade eben.
»Du stehst auf kleine Mädchen. Das hast du immer schon getan!«, brüllte sie wie von Sinnen.
»Verdammt, nein, Kim ist eine Frau!«, schrie er zurück.
»Kim?« Vivien brauchte einige Sekunden, bis sie begriff, was ihr Vater da gerade gesagt hatte.
Plötzlich drehte sich alles: die Straße, die Häuser, wie in einem rasenden Karussell. Erst langsam und dann immer schneller. Ihr wurde abwechselnd heiß und kalt. Bitte nicht, betete sie, bitte nicht! Dann hörte sie einen mörderischen Schrei. »Du Arschloch!« Sie begriff zu spät, dass das aus ihrem Mund kam, und sie hatte keine Kontrolle mehr über ihre Faust, die ihren Vater mit voller Wucht in die Seite traf.

New York, Juni 2014
»Wissen Sie, wie Sie heißen?«, hörte Vivien eine Stimme wie von ferne fragen. Sie schlug die Augen auf, wusste im ersten Augenblick nicht, wo sie sich befand, aber es musste draußen sein, denn über ihr erstrahlte der Himmel in seinem schönsten Blau. Außerdem klangen von allen Seiten Straßengeräusche an ihr Ohr und Stimmengemurmel.
»Mein Name ist Vivien Baldwin«, flüsterte sie dem Mann mit der gelben Jacke zu, bevor sie versuchte, sich aufzurichten, doch der Fremde hinderte sie daran. Sie lag auf einer Trage, eingewickelt in eine Decke, während die Sonne erbarmungslos vom Himmel brannte.
»Bitte bewegen Sie sich nicht. Wir wissen noch nicht, was für Verletzungen Sie sich beim Unfall zugezogen haben.«
Unfall? Was für ein Unfall? Vivien versuchte sich zu erinnern, aber sie wusste beim besten Willen nicht, wie sie hierhergekommen war.
»Was ist geschehen?«, fragte sie verängstigt.
»Ganz ruhig«, befahl der Arzt, der soeben anordnete, dass man sie in den Wagen schob. Sie wollte am liebsten aufstehen und weglaufen, denn sie verspürte keinerlei Schmerzen außer einem leichten Kopfdruck. Aber der Arzt würde das niemals zulassen. In seinen Augen konnte sie etwas Beunruhigendes lesen. Vivien hatte ein Gespür für Emotionen, die sich in menschlichen Gesichtern spiegelten. Es musste etwas Grausames passiert sein, aber was?
»Was ist geschehen? Ich habe solche Angst! Bitte, bitte, was ist los? Ich will nach Hause. Bringen Sie mich zu meiner Mutter, ich will sofort weg, und fassen Sie mich nicht an, nein …«
Vivien wollte schreien, aber sie besaß keine Kraft. Stattdessen wurde plötzlich alles um sie herum dunkel, und dann hörte und sah sie nichts mehr.
Als sie aufwachte, lag sie in einem Bett unter einer blütenweißen Decke in einem abgedunkelten Zimmer. Zwei besorgte Gesichter blickten im Schein einer gedämpften Beleuchtung auf sie herunter. Ein Mann und eine Frau in weißen Kitteln.
»Wo bin ich?«, wollte sie fragen, aber ihr Mund war so trocken, dass sie nicht mehr als ein paar unartikulierte Geräusche herausbrachte.
»Im Kings County Hospital. Sie haben Glück gehabt: keine inneren Verletzungen, keine Knochenbrüche, nur eine Gehirnerschütterung«, erklärte der Mann, der offenbar ein Arzt war.
Vivien sah ihn schweigend an. Wovon redete er? Sie verlangte nach einem Stift und einem Stück Papier, schaffte es, die Nummer ihrer Mutter zu notieren. Die Frau, auf deren Namensschild »Heather« stand, nickte ihr freundlich zu und verließ mit dem Zettel in der Hand das Zimmer.
»An was können Sie sich denn noch erinnern?«, fragte der Arzt nun vorsichtig, als hätte er Angst, sie mit seiner Neugier zu belästigen.
Vivien stöhnte auf. Dass sie ihre Wohnung verlassen hatte, daran konnte sie sich entsinnen, aber sie wusste nicht mehr, wohin sie gegangen war. Sie sagte es dem Arzt, der daraufhin ankündigte, einen Kollegen zu Hilfe zu holen.
Vivien blieb allein in dem Krankenzimmer zurück. Ihre Gedanken kreisten unaufhörlich um die Frage, warum sie hier lag. Als die Schwester zurückkam, lief Vivien vor lauter Anstrengung der Schweiß in Strömen übers Gesicht. Sie war trotz aller Bemühungen kein Stück weiter in ihrer Erinnerung vorgedrungen.
»Ich weiß nicht, was geschehen ist. Bitte, sagen Sie es mir«, bat sie Schwester Heather.
»Der Neurologe kommt gleich und wird mit Ihnen reden«, erwiderte sie ausweichend.
Wenn doch bloß endlich Olivia käme, hoffte Vivien, doch als die Tür aufging, betrat ein weiterer Arzt das Krankenzimmer. Er stellte sich Vivien als Neurologe Doctor Harper vor und erklärte ihr ganz ruhig, dass sie einen Unfall gehabt habe und an einer Gedächtniszerstörung leide.
Vivien musterte ihn erschrocken. Das hörte sich nicht gut an. »Was für einen Unfall, verdammt?«, wollte sie aufgeregt wissen.
»Sie sind mit dem Auto verunglückt«, entgegnete er knapp.
»Mit welchem Auto?«, gab sie zurück.
»Ich würde vorschlagen, Sie ruhen sich erst einmal aus. Es wäre viel zu anstrengend für Sie, wenn wir jetzt über das sprechen würden, was diese Amnesie verursacht hat. Meistens kommt die Erinnerung von allein zurück. Wir behalten Sie ein paar Tage hier, bis die Commotio ausgeheilt ist, und jede Wette, wenn Sie das Krankenhaus verlassen, haben Sie Ihr Gedächtnis zurück.«
Vivien musterte ihn kritisch.
»Sie wissen doch mehr, oder?«
»Wie ich schon sagte, Sie müssen sich erst einmal ein wenig stabilisieren, denn … also, ich meine, so ein Unfall kann durchaus ein traumatisches Erlebnis sein …«
Vivien suchte seinen Blick, starrte ihn unverwandt an. Er hielt dem nicht stand und drehte nervös den Kopf zur Seite.
»Nun aber heraus damit! Ich weiß, dass etwas Schreckliches geschehen ist, aber nicht, was. Sie müssen mir die Wahrheit sagen!«
»Ja, natürlich, gern, aber wie ich von der Schwester hörte, ist Ihre Mutter auf dem Weg ins Krankenhaus, und ich würde sehr gern erst einmal ein paar Worte mit ihr …«
»Ich bin fünfundzwanzig und kein Baby mehr!«, unterbrach sie den Arzt schroff. »Ich habe ein Recht darauf, zu erfahren, warum Sie so schrecklich herumdrucksen. Was für einen Unfall hatte ich?«
Der Neurologe tat sich schwer, aber dann gab er ihrem Drängen nach. »Also, Sie sind mit dem Auto verunglückt.«
»Das erwähnten Sie bereits. Aber mit welchem Auto? Ich besitze zurzeit gar keins.«
»Der Wagen gehörte Ihrem Vater.«
Nun war es Doctor Harper, der sie wie ein Luchs beobachtete und offenbar in ihrem Gesicht zu lesen versuchte.
»Dad verleiht sein Auto nicht. An niemanden«, erwiderte Vivien skeptisch.
»Ihr Vater saß am Steuer.«
Vivien runzelte die Stirn. »Ich erinnere mich dunkel. Dad hatte mich zu einem Ausflug nach Coney Island eingeladen, aber ich habe keinen Schimmer, wie ich in seinem Wagen gelandet bin. Meine Erinnerung hört in dem Augenblick auf, als ich mich in meinem neuen Kleid vor dem Spiegel betrachte. Ich trage selten Kleider, müssen Sie wissen, aber Dad mag mich so gern im Kleid. Und da habe ich ihm zuliebe ein Kleid angezogen. Es hat ein Blumenmuster und ist aus den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Aus dem Secondhandladen. Der Rock schwingt wie ein Teller …« Sie deutete auf den Schrank. »Können Sie mal schauen, ob es im Schrank hängt?«
Der Arzt zögerte.
»Bitte, das würde mich beruhigen.«
Er stand auf, ging zu dem Schrank und reichte ihr einen Plastiksack.
»Ich denke, die Schwester hat Ihre Kleidung verwahrt.«
Vivien griff in den Sack und holte mit spitzen Fingern ihr Kleid hervor – oder vielmehr das, was davon übrig geblieben war. Der helle Stoff starrte an einigen Stellen vor Dreck, und ein Riss klaffte im Stoff.
»Sie sind aus dem Wagen geschleudert worden und über den Asphalt geflogen. Daher auch die Schürfwunden.«
Vivien holte ihren Arm unter der Bettdecke hervor, streifte den Ärmel ihres Krankenhaushemdes nach oben und betrachtete voller Entsetzen die zahlreichen Hämatome und Hautabschürfungen, die sich über ihren ganzen Arm erstreckten. Jetzt verspürte sie auch plötzlich den Schmerz, den ihr diese Blessuren verursachten.
Nachdem sie das beschädigte Kleid in die Tüte zurückgestopft und Doctor Harper in die Hand gedrückt hatte, fixierte sie den Arzt erneut durchdringend.
»Und was ist mit meinem Vater?«
»Er hatte nicht so viel Glück wie Sie. Er ist mit ungebremster Geschwindigkeit auf die Gegenseite und dort unter einen Truck geraten.«
»Wollen Sie damit sagen, dass mein Vater schwerer verletzt ist als ich?«, fragte sie erschrocken. »Kann ich zu ihm?«
Doch Doctor Harper brauchte nichts mehr zu sagen, denn sein Blick verriet alles, bevor er es ausgesprochen hatte.
Ihr Vater war tot!

 

Mia Löw

Über Mia Löw

Biografie

Mia Löw hat Jura und Germanistik studiert und als Anwältin und Regieassistentin am Theater gearbeitet. Heute schreibt sie (unter anderem unter Pseudonym) erfolgreiche Neuseelandsagas, Familiengeheimnis- und Liebesromane. Sie lebt mit ihrer Familie und Hund in Hamburg.

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden