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Das Haus der SchmetterlingeDas Haus der Schmetterlinge

Das Haus der Schmetterlinge

Roman

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Das Haus der Schmetterlinge — Inhalt

Die Personen, die wir geliebt haben, kehren immer zu uns zurück. Manchmal haben sie die Flügel eines Schmetterlings.
Als die Biologin Anita von Köln zurück an den Comer See zieht, sucht sie nach Ruhe und einem Rückzugsort von der Welt. Im „Haus der Schmetterlinge“, der Familienvilla ihrer Großmutter Lucrezia, möchte sie nach einem traumatischen Erlebnis wieder zu sich selbst finden. Dort stößt sie auf ein altes Foto von Lucrezia mit einem kleinen Mädchen. Anitas Mutter Margherita scheint zu wissen, um wen es sich handelt, doch sie schweigt. Das Mädchen kommt Anita seltsam bekannt vor, und so beginnt sie, Nachforschungen anzustellen. Als sie schließlich das Tagebuch ihrer Großmutter liest, erfährt sie von einem dunklen Familiengeheimnis, das bis in die Gegenwart reicht.  

„Das Haus der Schmetterlinge“ ist ein gefühlvoller Familiengeheimnisroman, der von drei Frauen, drei Generationen und drei Schicksalen erzählt. Silvia Montemurro entfaltet in ihrem Roman eine berührende Geschichte von der Zerbrechlichkeit der Liebe und garniert sie mit kurzen Beschreibungen verschiedener Schmetterlingsarten vor jedem Kapitel.  

Silvia Montemurro wurde 1987 in Chiavenna geboren. Sie unterrichtet Theater und kreatives Schreiben und verfasst regelmäßig Kurzgeschichten für die Zeitschrift „Confidenze“. Silvia Montemuro hat bereits mehrere Jugendbücher verfasst, „Das Haus der Schmetterlinge“ ist ihr erster Roman für Erwachsene.

€ 20,00 [D], € 20,60 [A]
Erschienen am 05.08.2019
Übersetzt von: Karin Diemerling
416 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-86612-476-9
€ 16,99 [D], € 16,99 [A]
Erschienen am 05.08.2019
Übersetzt von: Karin Diemerling
416 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99423-1

Leseprobe zu „Das Haus der Schmetterlinge“

Japan, vor langer Zeit …

Ein bekanntes japanisches Sprichwort lautet: Eine einmalige Liebe reicht bis zum Himmel.

Vor vielen Monden lebte in Japan ein Mann namens Takahama. Er wohnte in einem kleinen Haus direkt hinter dem Friedhof. Aufgrund seines hohen Alters wurde er von seinen Nachbarn sehr geachtet, doch etwas gab den Leuten Anlass zum Klatsch: Takahama war nie in Gesellschaft einer Frau gesehen worden.

Soweit man wusste, war er nie verheiratet gewesen und hatte nie ein Interesse in dieser Hinsicht gezeigt, weshalb er als Sonderling galt. Da er [...]

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Japan, vor langer Zeit …

Ein bekanntes japanisches Sprichwort lautet: Eine einmalige Liebe reicht bis zum Himmel.

Vor vielen Monden lebte in Japan ein Mann namens Takahama. Er wohnte in einem kleinen Haus direkt hinter dem Friedhof. Aufgrund seines hohen Alters wurde er von seinen Nachbarn sehr geachtet, doch etwas gab den Leuten Anlass zum Klatsch: Takahama war nie in Gesellschaft einer Frau gesehen worden.

Soweit man wusste, war er nie verheiratet gewesen und hatte nie ein Interesse in dieser Hinsicht gezeigt, weshalb er als Sonderling galt. Da er auch nicht viele Freunde hatte, rief er, als er schwer krank wurde und sein Ende nahen fühlte, seine Schwester und seinen Neffen zu sich, damit sie ihm beistanden. Er wusste, dass der Tod noch tagelang auf sich warten lassen konnte, selbst wenn er sich längst angekündigt hatte.

Tatsächlich musste er noch eine ganze Weile leiden, wobei sich heftige Schmerzattacken mit Phasen unruhigen Schlafes abwechselten. Da es Sommer und sehr warm war, stand das Fenster seines Zimmer immer offen. Und so kam eines Nachmittags ein weißer Schmetterling hereingeflogen. Die Schwester des Alten, die gerade in einem Buch las, erhob sich und wollte den Falter verscheuchen, aber der flatterte auf das Kopfkissen des Kranken und setzte sich direkt neben seine Wange.

Takahama lächelte im Schlaf.

Am nächsten Tag bemerkte der Neffe ebenfalls den weißen Schmetterling, der erneut durchs Fenster hereingeflattert kam und sich in der Nähe seines Onkels niederließ. In diesen Momenten stellte sich ein merkwürdiger Friede im Zimmer ein.

Als Takahamin, so hieß der Neffe, den kleinen Schmetterling zum Fenster hinausfliegen sah, beschloss er, ihm zu folgen. Wie ein Verrückter – oder wie ein Kind – rannte er ihm hinterher. Der Falter erreichte den Friedhof, flatterte dort ein wenig um ein Grab herum und verschwand dann. Der Junge ging hin und las den Namen auf dem Grabstein: Akiko, gestorben mit achtzehn Jahren.

Am Abend erzählte er seiner Mutter davon, die bestürzt und betroffen die Hand vor den Mund schlug.

„Hör zu, Takahamin“, erklärte sie, „als dein Onkel jung war, lernte er ein Mädchen kennen, in das er sich unsterblich verliebte. Sie hieß Akiko. Die beiden wollten heiraten, doch kurz vor der Hochzeit wurde Akiko sehr krank und starb. Takahama schwor damals, nie eine andere Frau zu lieben und sich bis zu seinem Tod um Akikos Grab zu kümmern. Und da der Onkel in den letzten Tagen nicht mehr zu ihr auf den Friedhof gehen konnte, ist Akiko in Gestalt eines weißen Schmetterlings zu ihm gekommen.“

Anita

Man kehrt stets dorthin zurück,
wo die liebsten Erinnerungen dem Flug
Tausender weißer Schmetterlinge gleichen.

Zitronenfalter

Ein Schmetterling von mittlerer Größe, dessen Flügel bei den Männchen leuchtend gelb und bei den Weibchen grünlich weiß gefärbt sind. Die Flügelform ist leicht gewölbt wie bei einem eleganten, stolzen Feenwesen. Er ist ein Leckermaul und mag nektarreiche Blüten. Seine Puppe hat eine sonderbare Gestalt und scheint mit dem Kopf nach oben zu schweben. Der Zitronenfalter flattert um dich herum, wenn er spürt, dass du niedergeschlagen bist. Er fordert dich auf, dich nicht zu ernst zu nehmen, egal, was sich in deinem Leben gerade ereignet. Lass dich von seinem munteren, übermütigen Flug anstecken und tanze einfach mit ihm. Du wirst dich dann weniger allein fühlen.


1. Kapitel

Ossuccio, Januar 2014

Sie hörte es nicht gleich. Es dauerte eine Weile, bis das Lied an ihre Ohren drang, vielleicht, weil sie mehr auf den leichten Wellenschlag am Seeufer achtete, ein Geräusch, das sie lange nicht gehört hatte. Als ihr bewusst wurde, dass eine Melodie ihre Schritte begleitete, blieb sie stehen, um herauszufinden, woher sie kam.

Es war keine Menschenseele unterwegs. Nicht weiter ungewöhnlich, da es schon nach neun Uhr abends und eiskalt war. Dennoch spazierte sie in einem für diese Temperaturen eindeutig ungeeigneten kurzen Wollmantel herum, ohne Schal, auf dem Kopf eine alte Mütze, die sie bei ihrer Mutter im Schrank gefunden hatte. Ihre Hände waren bereits steif gefroren, und die Zehen begannen langsam, vor Kälte zu schmerzen, aber sie wollte nicht umkehren, bevor sie nicht wusste, woher der Gesang kam.

Es war eine weibliche Stimme, so viel stand fest. Sie sang ein Klagelied, das ihr irgendwie bekannt vorkam. Oder bildete sie sich das möglicherweise nur ein?

Sie ging ein paar Schritte weiter und verfluchte dabei die spärliche Beleuchtung auf dem schmalen Weg, der von der Kirche Santa Maria Maddalena zum Strand von Ossuccio hinunterführte. Um ein Haar wäre sie gestürzt.

Das Ufer war hier, ganz ungewöhnlich für den Comer See, kein normaler Kiesstrand, sondern ein Wiesenstreifen. Er lag ein wenig erhöht über dem See und wurde durch ein Eisengeländer begrenzt, auf dem sie als Kind gerne herumgeturnt war.

Nie würde sie die herrlichen Sommerferien vergessen, die sie hier verbracht hatte, mit Freundinnen aus dem Ort, alle immer in Badesachen, im Schatten der Olivenbäume lümmelnd oder unbemerkt vom Bootssteg ins Wasser tauchend. Dabei war der See selbst an den heißesten Tagen kalt, und deshalb hatte sie es meist vorgezogen, erst auf einem Steinmäuerchen zu sitzen, die Füße hineinzustecken und sich an die Kälte zu gewöhnen, bevor sie sich langsam weiter ins Wasser gleiten ließ.

Ihre Freundinnen hingegen waren stets gleich ins Tiefe gesprungen und hatten wegen des Kälteschocks gekreischt – aber dafür nie die kleinen Fische gesehen, die einem um die Beine flitzten, wenn man erst abwartete und lediglich die Füße im Wasser baumeln ließ und sich zur Abkühlung mit den Händen Wasser über Bauch und Schultern goss.

„Anita ist ein Angsthase“, hatten die anderen sie geneckt, ohne dass es sie je gekümmert hätte.

Nach dem Bad im See war sie sofort zu ihrem Handtuch gerannt, um sich in der Sonne liegend aufzuwärmen. Damals war sie fast den ganzen Sommer barfuß herumgelaufen und unbekümmert über die spitzen Steine gesprungen. Jetzt war sie nicht mehr daran gewöhnt. Sie musste sich unbedingt ein Paar flache Schuhe zulegen, die für Spaziergänge über steinige Wege taugten, und aufhören, sich wie eine Städterin zu benehmen, schließlich war sie nicht mehr in Köln.

Der Gesang brach ab und damit der Strom ihrer Erinnerungen. Anita blieb seufzend stehen. Obwohl sie irgendwie beinahe erleichtert war, ohne zu verstehen, warum, hätte es sie zugleich gereizt, die Sängerin zu entdecken.

Versonnen blickte sie auf den See hinaus, diese schwarze Wassermasse, die in der Dunkelheit kaum von der Umgebung zu unterscheiden war, und verweilte bei dem einzigen Licht, das zu ihr herüberdrang. Es kam von der Isola Comacina, wo sich einst eine Zitadelle erhoben hatte, eine der letzten Festungen des Weströmischen Reiches, auf dessen Resten später die Kirche San Pietro in Castello errichtet worden war. 1169 wurden alle Kirchen und Befestigungsanlagen auf der Insel im Verlauf der Feldzüge von Kaiser Friedrich Barbarossa gegen den oberitalienischen Städtebund dem Erdboden gleichgemacht. Danach hatte jahrhundertelang niemand mehr ein Gebäude auf der Insel errichtet. Inzwischen gab es dort ein angesagtes Restaurant.

Anita hörte sich immer wieder gern die alten Geschichten an. Comacina war für sie ein magischer Ort, ein uraltes Juwel, vom Festland isoliert. Ein Ausflugsboot brachte im Sommer alle halbe Stunde Touristen hinüber, die ein wenig herumspazierten und die Überreste der Basilika Sant’ Eufemia bewunderten. Sie konnte es kaum erwarten, selbst einmal wieder einen Ausflug nach Comacina zu machen. Doch erst einmal musste sie sich einleben, auf lästige Fragen harmlose Erklärungen geben und sich in das Dunkel der Nacht flüchten, um ein wenig Frieden zu atmen.

Sie zündete sich eine Zigarette an und merkte, dass ihre Finger ihr nicht richtig gehorchten. Es wurde wirklich Zeit umzukehren.

 

Um zur Villa delle Farfalle, dem Haus ihrer Mutter, zu gelangen, konnte sie den gleichen Weg zurückgehen, den sie gekommen war. Kürzer, dafür abenteuerlicher war der Weg am Seeufer entlang über den Strand. Während sie die beiden Möglichkeiten gegeneinander abwog, dabei den Zustand ihrer Füße bedachte, fing die Stimme wieder an zu singen.

Es klang näher, als sie zunächst geglaubt hatte.

Als umweltbewusste Deutsche entsorgte sie den Zigarettenstummel in ihrem Taschenaschenbecher und machte sich auf den Weg zum Strand.

Das melancholische Lied hielt an. Sie war wie hypnotisiert davon, und dann endlich sah sie die Sängerin. Es war ein Mädchen im Grundschulalter, wobei ihre zierliche Gestalt eine genaue Einschätzung erschwerte.

Nicht sonderlich verblüffend, sie hatte schon vermutet, dass es eine kindliche Stimme sein musste. Was sie allerdings wunderte, war, wie sehr ihr der Gesang zu Herzen ging, und sie blieb erneut stehen, um die Kleine aus der Ferne zu beobachten. Sie kehrte ihr den Rücken zu und blickte auf den See hinaus, genauso wie sie selbst noch vor wenigen Minuten. Ans Geländer gelehnt, stand sie da, während der frische Wind ihre pechschwarzen Haare durcheinanderwirbelte. Sie war in eine blauviolette Wollstola gehüllt, die ihr graues Kleid, das mindestens zwei Nummern zu groß war, höchst unzureichend bedeckte. Es sah aus, als hätte sie die Sachen einer erwachsenen Frau, vielleicht ihrer Mutter, entwendet.

Anita kniff die Augen zusammen. Wieso stand ein so kleines Mädchen um diese Uhrzeit allein am Seeufer, ohne dass jemand auf sie aufpasste, und sang zudem ein so trauriges Lied?

Denn das war es, wenngleich sie den Text nicht verstand. Entweder handelte es sich um eine erfundene Sprache, oder die Kleine war Ausländerin. Anita lauschte fasziniert, ohne sich zu rühren. Trotz ihrer Besorgnis um dieses seltsame Wesen, das von dort leicht ins Wasser fallen konnte, wollte sie den Gesang nicht unterbrechen.

Er erinnerte sie an ihre Kindheit und an das, was sie wieder in diesen kleinen Ort am Comer See verschlagen hatte. Als wäre alles, was sie sich später aufgebaut hatte, von einer Riesenwelle fortgerissen und sie schließlich hier angespült worden – hier, wo alles begonnen hatte.

In Ossuccio, in der Villa delle Farfalle, der Schmetterlingsvilla.

Anita machte einen Schritt vorwärts, um die kleine Gestalt mit der bezaubernden Stimme besser betrachten zu können. Dabei blieb sie mit dem Absatz an einem Pflasterstein hängen, und das dabei entstehende Geräusch brach den Bann.

„Scheiße“, entfuhr es ihr auf Deutsch.

Das Mädchen drehte sich zu ihr um, und Anita hielt die Luft an. Regungslos stand sie da, während die kindliche Sängerin, die asiatische Gesichtszüge hatte, sie aus schwarzen Augen erschrocken anstarrte.

Sie merkte, dass ihr Absatz sich gelockert hatte, und bückte sich kurz, um den Schaden zu untersuchen.

Als sie wieder aufsah, war das Mädchen verschwunden.

Suchend blickte sie sich um, war sicher, dass das kleine Wollbündel auf eines der Häuser in der Nähe zugelaufen war. Aber da war nichts mehr als der Nachhall dieses Gesangs und der kalte Wind, der noch unwirtlicher geworden zu sein schien.

 

Anita fröstelte, was nicht allein an der Kälte lag. Etwas an diesem Mädchen hatte sie verstört. Sie glaubte gewiss nicht an Geister, doch die kleine Sängerin schien sich in Luft aufgelöst zu haben. Prompt kamen ihr die Gruselgeschichten ihrer Großmutter in den Sinn, von den Geistern der im See Ertrunkenen, die in eisigen Winternächten manchmal erschienen, um über ihre Lieben zu wachen.

„Ich gehe jetzt mal besser nach Hause“, murmelte sie, wie um sich mit dem Klang ihrer eigenen Stimme zu beruhigen.

„Du bist ja halb erfroren“, rief Margherita ihr gedämpft entgegen, sobald sie zur Tür hereinkam.

Anita zwang sich, ihr Schlottern zu verbergen. Auf einmal fühlte sie sich wie damals als Kind, wenn sie mit Schnee in den Haaren und bloß einem Handschuh nach Hause gekommen war.

„Darf man erfahren, was dir eingefallen ist, bei dieser Kälte rauszugehen?“, erkundigte sich ihre Mutter, während Anita ihre Schuhe auszog und sich die Hände rieb.

„Warum sprichst du so leise?“

„Tante Maria ist drüben.“

Mutter und Tochter verdrehten die Augen. Maria war keine Verwandte, sondern eine alte Freundin von Lucrezia, Anitas verstorbener Großmutter. Inzwischen über neunzig, war sie immer noch rüstig und klar im Kopf. Sie hatte sehr an Lucrezia gehangen und vielleicht noch mehr an der Schmetterlingsvilla.

All die Jahre, die Margherita in Deutschland gewesen war, hatte sie sich um beide gekümmert, um die Großmutter und das Haus, und war an Lucrezias Seite geblieben, bis Margherita nach dem Tod ihres Mannes zurück nach Ossuccio gekommen war. Von daher betrachtete Maria sich als Familienmitglied und fand es ganz selbstverständlich, nach wie vor zu jeder Tages- und Nachtzeit im Haus oder in dem großen Garten aufkreuzen zu dürfen.

„Anita“, zwitscherte sie sogleich und breitete die Arme aus, um sie an ihre Brust zu drücken, ohne sich aus dem grünen Sessel zu erheben, der früher Lucrezias Stammplatz gewesen war.

Die junge Frau erinnerte sich gut an ihre Großmutter und ihre besondere Beziehung zu diesem Sessel. Er habe Zauberkräfte, hatte sie immer behauptet, er entspanne einen und nehme einem alle Sorgen und trüben Gedanken. Deshalb war er der „Sorgenfreisessel“ getauft worden, und Anita hatte sich als Kind oft hineingesetzt, um zu sehen, ob gewisse Grübeleien wirklich Flügel bekamen und davonflogen.

Sie beugte sich hinunter, um die Tante zu umarmen und auf die faltige Wange zu küssen. Der Geruch nach Mottenkugeln und Pfefferminz, der genauso zu Maria gehörte wie ihre weißen, schimmernden Locken und die klaren, lebhaften Augen, überwältigte sie fast.

„Dich haben wir ja lange nicht mehr zu Gesicht bekommen“, sagte Maria und musterte sie eindringlich. „Ich hätte nicht gedacht, dass du dich vor dem Sommer blicken lassen würdest.“

„Und siehe da, Überraschung!“, kam Margherita ihrer Tochter zu Hilfe.

„Erzähl, Kind, läuft alles gut an der Universität?“, fragte Maria und griff nach der Tasse Kräutertee, die Margherita ihr gemacht hatte.

„Ehrlich gesagt, habe ich gekündigt“, erklärte Anita, die es besser fand, gleich damit herauszurücken, bevor Maria Lunte roch, was unweigerlich früher oder später geschehen würde.

Die alte Dame machte ein betroffenes Gesicht und setzte ihre Tasse ab. „Ach, Liebes, wieso das denn? Hattest du Heimweh nach Italien?“

Anita zuckte die Achseln. Sie verspürte keine Lust, darüber zu reden.

Erneut mischte sich Margherita ein. „Ich bin jedenfalls froh, sie hier zu haben. Das Haus ist sonst so groß und leer.“

Maria nickte und blickte auf die gelblichen Wände des Salons. „Auch Lucrezia hätte sich darüber gefreut, weißt du“, murmelte sie wehmütig und fuhr lebhafter fort: „Die Villa ist eigentlich sowieso zu groß für euch beide. Wann macht ihr endlich was hübsches Kleines, du und dein Hans?“

Anita zog eine Grimasse. Das wurde ja immer schlimmer.

„Ihr habt euch hoffentlich nicht getrennt, oder?“, hakte die Tante nach.

Marias Taktgefühl schien mit dem Alter nicht gerade besser zu werden, dachte Anita. Überhaupt war ihr des Öfteren aufgefallen, dass alte Leute dazu neigten, über einschneidende Ereignisse zu reden wie übers Wetter. Eben noch jammerten sie über tragische Todesfälle, um plötzlich mit erschreckender Unbekümmertheit zu anderen Themen überzugehen.

Unwillkürlich fragte sie sich, ob ihre Großmutter genauso geworden wäre. Vielleicht hätte Lucrezia ebenfalls so leichthin über den Tod geredet, wenn sie lange genug gelebt hätte. Doch das waren müßige Gedanken, sie würde ihre Nonna immer mit den bewundernden Augen eines kleinen Mädchens sehen.

„Sagen wir, wir haben uns eine Auszeit genommen“, antwortete sie knapp.

Sie hatte das Vorgefallene selbst noch nicht verarbeitet und fühlte sich absolut nicht in der Lage, jemand anderem davon zu erzählen.

„Gibt es noch ein bisschen Kräutertee für mich?“, fragte sie zur Ablenkung.

Margherita nickte und ging in die Küche, um ihr eine Tasse zu holen.

Derweil blickte Maria nachdenklich vor sich hin. Dann sah sie auf und lächelte breit.

„Da ist der Bruder von dem Kioskbesitzer an der Ecke. Er hat sich gerade getrennt.“

Ihre Adoptivnichte sah sie fragend an. „Und?“

„Unter uns, er sieht ziemlich gut aus“, raunte Maria ihr zu und schielte zur Küche, als sollte Margherita sie nicht hören. „Deiner Mutter habe ich das auch schon gesagt, aber für sie ist er vielleicht zu jung.“

Anita musste lachen.

„Lach nur, mein Mädchen. Ihr solltet euch ranhalten, denke ich. Leider bin ich schon über neunzig, sonst würde ich es mir selbst überlegen.“

Margherita kam mit einer dampfenden Tasse zurück, die sie ihrer Tochter reichte.

„Wann bist du eigentlich angekommen, Liebes?“, erkundigte Maria sich.

„Gestern Abend, Tante. Ich bin noch ein bisschen müde von der Reise.“

„Nun, du hast wirklich keine gesunde Gesichtsfarbe.“

Den Seitenhieb kommentarlos hinnehmend, trank Anita einen Schluck Tee und zwinkerte ihrer Mutter unauffällig zu.

„Ich glaube, ich nehme erst mal eine heiße Dusche“, entschuldigte sie sich anschließend und erhob sich. „Den Tee trinke ich lieber hinterher in aller Ruhe.“

„Geh nur, Liebes“, erwiderte Maria ein wenig pikiert. »Die jungen Leute und ihre Manie mit dem heißen Wasser. Zu meiner Zeit wurde sich einmal die Woche am Waschbecken gewaschen, und um nicht unnötig Wasser zu verschwenden, beeilte man sich dabei. Aber heutzutage mit all diesen Bequemlichkeiten …«

Anita stahl sich schnell aus dem Wohnzimmer, solange die Tante noch ihren Erinnerungen nachhing.

 

Sie ging durch den langen Flur mit zahllosen geschlossenen Türen, hinter denen Zimmer lagen, die nicht mehr genutzt wurden, und stieg die Treppe in den ersten Stock hinauf. Die Villa war in der Tat riesig für zwei Personen. Sie war gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts errichtet und im Laufe der Jahre mehrfach umgebaut worden, was ihrer herrschaftlichen Pracht und Eleganz aber keinen Abbruch getan hatte.

Es gab drei Stockwerke. Im Erdgeschoss mit dem großen Salon und der Bibliothek voller kostbarer Raritäten war der Glanz der Belle Époque nahezu unverändert erhalten. Beide Räume hatten Zugang zu einer großen Veranda mit Blick auf den weitläufigen Garten und den See.

Im ersten Stock befanden sich die Schlafzimmer, von denen jedes anders gestaltet war und den Namen einer Schmetterlingsart trug, der auf einem Türschild stand. Das Zitronenfalterzimmer hatte von jeher Anita gehört, wenn sie mit ihrer Mutter zu Besuch gekommen war. Obwohl das kleinste im ganzen Haus, liebte sie es, weil es einen traumhaften Ausblick bot und die Decke mit verspieltem Stuck verziert war. Lucrezia hatte die Wände gelb und hellgrün streichen lassen und bunte Schmetterlinge an den Kronleuchter gehängt.

Der zweite Stock, in dem einst die Dienstboten gewohnt hatten, war ganz und gar den Schmetterlingen gewidmet. Man könnte sagen, dass ihre Großmutter ihnen hier gewissermaßen einen Tempel errichtet hatte.

Anita war gespannt, ob ihre Mutter seit ihrem letzten Besuch etwas verändert hatte.

Irgendwann würde sie sich dazu durchringen müssen, das eine oder andere Zimmer zu vermieten, doch dazu müsste sie einige Renovierungen vornehmen, und die kosteten Geld. Die Alternative wäre, die Villa zu verkaufen, was aber für Margherita nicht infrage kam, das würde sie niemals zulassen. Hier hatte sie ihre Kindheit verbracht, und selbst wenn sie später der Liebe wegen nach Köln gezogen war, hatte das Haus immer eine magische Anziehungskraft für sie gehabt. Sämtliche Sommerferien und Feiertage waren sie an den Comer See gefahren, und nachdem Anitas Vater vor fünf Jahren an einem Herzinfarkt gestorben war, hatte Margherita sich entschlossen, nach Ossuccio zurückzukehren.

Es hatte nicht mehr viel gegeben, was sie mit Deutschland verband.

Bei Anita war das anders. Sie war in der Stadt am Rhein geboren worden und aufgewachsen, hatte dort studiert und schließlich eine Stelle an der Universität erhalten.

Und jetzt hatte sie das alles weggeworfen, schoss es ihr durch den Kopf, während sie darauf wartete, dass das Wasser in der Dusche wenigstens lauwarm wurde.

Sie hätte sonst was dafür gegeben, dass Lucrezias Sorgenfreisessel funktionierte. Nur waren ihre Gedanken leider zu schwer, um einfach davonzufliegen.

Als sie sich mit Duschgel einseifte, merkte sie, dass heiße Tränen sich mit dem mittlerweile heißen Wasser mischten.

Unter dem Wasserstrahl stehend, versuchte sie, tief in den Bauch zu atmen, wie sie es im Yogakurs gelernt hatte. Vielleicht war es ja falsch gewesen, Köln fluchtartig zu verlassen, doch sie hatte darin die einzige Rettung gesehen.

Anita drehte das Wasser ab und hüllte sich in einen Bademantel. Sie war todmüde. In Köln hatte sie kilometerweit joggen können und sich trotzdem fit gefühlt. Hier genügte ein Spaziergang am Seeufer, und sie war völlig erschöpft.

Was vermutlich nicht am See lag.

Margherita klopfte an. „Alles in Ordnung, Schatz?“

„Komm ruhig rein“, forderte Anita sie auf.

„Sie ist endlich gegangen, nach zehn Uhr abends! Woher nimmt sie nur all diese Energie?“

„Das frage ich mich auch. Bei aller Liebe, manchmal kann ich sie schwer ertragen.“

Margherita seufzte und nickte verständnisvoll.

„Mama, ich habe etwas Seltsames erlebt unten am See.“

Ihre Mutter runzelte schweigend die Stirn.

Anita nahm ihre Haarbürste und begann, die Knoten aus ihren stets wirren, kastanienbraunen Haaren zu kämmen.

„Ich habe ein Mädchen am Strand gesehen, so kam es mir jedenfalls vor. Sie hat aufs Wasser hinausgeblickt und dabei gesungen. Sie sah asiatisch aus, vielleicht japanisch. Oder meinst du, das sind die ersten Anzeichen von Wahnsinn bei mir?“

Die Reaktion war merkwürdig. Margheritas Blick schweifte unstet herum, als suchte er nach etwas zum Festhalten. Also schien es dieses Mädchen wirklich zu geben.

„Mama, was ist?“, fragte Anita besorgt.

„Du bist müde, Schätzchen“, sagte ihre Mutter, ohne auf ihre Frage einzugehen. „Ich rate dir, dich bald schlafen zu legen und nicht mehr draußen herumzulaufen bei dieser Kälte. Sonst kriegst du noch Frostbeulen.“

„Du übertreibst, wie immer. Was ist mit dem Mädchen?“

„Keine Ahnung, es gibt viele Kinder in Ossuccio“, antwortete Margherita ausweichend, die weder gut lügen noch etwas verheimlichen konnte. „Ich werde unten noch ein, zwei Dinge erledigen und dann auch schlafen gehen“, verabschiedete sie sich lächelnd und schloss die Tür hinter sich.

„Gute Nacht, Mama“, murmelte Anita.

Sobald sie im Bett lag, wurde ihr klar, dass der Schlaf auf sich warten lassen würde.

Vor dem Geschehenen zu fliehen, hatte nicht bewirkt, dass sie es hinter sich lassen konnte. Obwohl sie damit nicht gerechnet hatte, war sie doch voller Hoffnung gewesen, dass durch die Distanz alles etwas leichter würde.

Sie sah auf ihr Handy und lehnte den zigsten Anruf von Hans ab. Es war alles gesagt, was es zu sagen gab. Warum musste er sie so bedrängen? Sie stellte ihn sich in ihrer gemeinsamen Wohnung vor, wie er blicklos auf den Fernseher starrte.

Auf einmal fror sie noch mehr als zuvor.

 

Margherita ging in ihr Schlafzimmer und kroch unter die Decke. Ihre Tochter war so anders als sonst, irgendwie komisch. Früher war sie gemeinsam mit Hans gekommen, verliebt, lebenssprühend, von tausend Dingen erzählend.

Als sie sie diesmal in Empfang genommen hatte, war sie erschrocken. Anita hatte stark abgenommen, war hohlwangig, blass und schien ihr kaum in die Augen sehen zu können. Sie hatte sich ihr in die Arme geworfen, um sich gleich darauf dafür zu schämen und unnötigerweise zu entschuldigen.

„Was ist passiert? Ich habe nicht mit dir gerechnet und nichts vorbereitet“, hatte Margherita gesagt. „Und was ist mit Hans und mit deiner Arbeit?“

Anita hatte sich auf die Lippen gebissen. Eine typische Reaktion. Das hatte sie schon als Kind getan, wenn sie ihren Kummer für sich behalten wollte. Margherita war deshalb sogar stolz auf sie gewesen – sie hatte es als Zeichen genommen, dass sie nicht war wie die anderen Kinder, die wegen jeder Kleinigkeit heulten.

Als sie jedoch so vor ihr gestanden hatte, mit verkniffenem Mund und völlig kraftlos, wäre es ihr lieber gewesen, sie hätte geweint und ihre Gefühle herausgelassen.

„Wir sprechen darüber, wenn ich so weit bin“, hatte sie kurz angebunden geantwortet, woraufhin Margherita beschlossen hatte, sie nicht weiter zu drängen.

Jetzt hingegen, in der Dunkelheit ihres Schlafzimmers, überlegte sie, ob das richtig gewesen war. Was mochte ihrer kämpferischen Tochter bloß zugestoßen sein, um sie in einen derart erbarmungswürdigen Zustand zu versetzen?

„Bist du geflogen?“, hatte sie gefragt.

„Nein, Mama, ich bin mit dem Zug gefahren. Wie du weißt, hasse ich Fliegen.“

„Ja, aber es ist viel bequemer“, hatte sie törichterweise insistiert.

Dabei wusste sie genau, dass Anita seit einiger Zeit kein Flugzeug mehr bestieg. Sie litt neuerdings an Höhenangst und Schwindel und brachte es nicht einmal mehr fertig, auf eine Leiter zu steigen.

Margherita fragte sich, woher diese Empfindlichkeit nach einer ungetrübten Kindheit und einer alles in allem unproblematischen Jugend plötzlich gekommen war. Anita wurde ihrer Großmutter mit jedem Tag ähnlicher, dachte sie verdrossen.

Dann fiel ihr etwas ein, das ihr zu denken gab: Hatte die Schmetterlingsvilla nicht nur sie, sondern auch Anita zurückgerufen? In diesem Moment beschloss Margherita, unter keinen Umständen zuzulassen, dass das Unglück sich erneut in diesen Mauern breitmachte.

Diesmal nicht. Nicht bei ihrer Tochter.

Sie redete sich gut zu, Anita war stark, machte bloß eine schwierige Phase durch. Ja, so war es bestimmt. Sie würde in Ruhe mit ihr sprechen, sobald sie sich bereit dazu fühlte. Gemeinsam würden sie alles bewältigen.

Ein dumpfes Gefühl jedoch ließ sie trotz aller guten Vorsätze erschauern. Ihre Tochter war noch in anderer Weise Lucrezias Ebenbild: Sie hütete eifersüchtig ihre Geheimnisse.

Silvia Montemurro

Über Silvia Montemurro

Biografie

Silvia Montemurro wurde 1987 in Chiavenna geboren. Sie unterrichtet Theater und kreatives Schreiben und verfasst regelmäßig Kurzgeschichten für die Zeitschrift Confidenze. Privat engagiert sie sich für den Erhalt und die Förderung der italienischen Kultur in Italienischbünden in der...

Kommentare zum Buch
Familiengeheimnisse
leseratte1310 am 19.08.2019

Anita hat etwas erlebt, das sie total verunsichert hat. Daher hat sie Köln und ihren Freund hinter sich gelassen und sich in die „Schmetterlingsvilla“ am Comer See zurückgezogen. Das Haus gehörte ihrer Großmutter Lucrezia und wird derzeit von ihrer Mutter Margherita bewohnt. Anita hat ein schwieriges Verhältnis zu ihrer Mutter. Als Anita dem Mädchen Yoko begegnet, will ihre Mutter, dass Anita sich von Yoko und ihrem Vater fernhält. Auf ihre Nachfragen nach dem Grund, gibt es aber keine Antwort. Erst als Anita die Tagebücher ihrer Großmutter liest, erfährt sie von dem was, früher geschehen ist und über das bisher niemand geredet hat. Das Buch ist sehr schön gestaltet. Vor jedem Kapitel gibt es die Beschreibung eines Schmetterlings sowie einen Ratschlag (grafisch auf einem Zettel). Die Familiengeschichte wird aus unterschiedlichen Perspektiven und spielt in verschiedenen Zeitebenen. Die Kapitel sind mit dem entsprechenden Datum überschrieben. Das Verhältnis zwischen Anita und Margherita ist schwierig. Die beiden sehen sich kaum und begegnen sich auf einer sachlich kühlen Ebene. Anita wirft ihrer Mutter vor, dass sie über die Vergangenheit nicht redet, aber das liegt wohl in der Familie. Lucretia hat sich genauso verhalten und auch Anita erklärt nicht, was sie aus Köln vertrieben hat. Daher ist es schwierig mit den Charakteren warm zu werden. Erst als die Mutter einen winzigen Schritt macht, kommt so nach und nach heraus, was geschehen ist. Endlich begreift man, warum es dieses Schweigen gibt. Die Vergangenheit ist sehr interessant. Mir hat dieser Handlungsstrang am besten gefallen. Mir hat das Buch gefallen. Es zeigt, wie die Vergangenheit immer auch einen Einfluss auf die Gegenwart hat, und dass das Schweigen zu Missverständnissen und problematischen Lebensbedingungen führt. Eine lesenswerte Familiengeschichte.

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